Sandra Fraser war eine stille und sehr wissbegierige Schülerin. In Rawenclaw sehr gut aufgehoben, hatte sie da jedoch nur wenige Freunde, mit denen sie ihre Zeit teilte. Meist war Sandra in der Bibliothek anzutreffen, wo sie stundenlang über verschiedenen Büchern brüten konnte. Es gab nur wenig, was sie mehr reizte, als ein altes Buch in die Hand zu nehmen, sanft mit den Fingern über raues Pergament zu fahren und den Geruch von Druckerschwärze und Tinte in sich aufzunehmen. Sandra konnte man gewiss nicht als klassische Schönheit bezeichnen, doch auch damit hatte sie kaum ein nennenswertes Problem. Hatte sie doch in Hogwarts noch keinen Jungen gefunden, der sie so fasziniert hätte, wie die Bücher in Madame Pince Bibliothek es vermochten. In ihrem letzten Schuljahr in Hogwarts lernte sie zielstrebig für ihren UTZ Abschluss, der ihr einen Posten im Ministerium verschaffen sollte. Doch bis dahin war noch gut ein dreiviertel Jahr hin.
An jenem Sonntag saß sie wie immer in der Bibliothek und blätterte in einer alten Landkarte von Mittelengland als sie plötzlich spürte, dass jemand neben ihren Stuhl getreten war. Überrascht aufsehend, erkannte sie im nächsten Augenblick Kate Swan, die Schulsprecherin, die sie mit einem leichten Lächeln begrüßte.
„Hallo Kate", meinte Sandra leise.
„Hi Sandra, darf ich mich einen Augenblick neben dich setzen?" erkundigte sich die Schulsprecherin und deutete auf den leeren Stuhl neben der Rawenclaw.
Sandra nickte. „Ich weiß nicht, was dagegen sprechen sollte", zwinkerte sie und klappte das Buch zu. „Was gibt es?"
Kate setzte sich erst mal und warf einen raschen Blick auf das Buch, was Sandra auf den Tisch legte.
„Mittelengland", lächelte sie. „Das passt gut."
„Wie, das passt gut?" wunderte sich Sandra und sah Kate noch immer fragend an.
„Professor Dumbledore plant eine Exkursion nach Northumberland", begann Kate und erläuterte im folgenden die Idee, dass die Siebtklässler eine Exkursion machen könnten.
„Ja und jetzt sind wir auf der Suche nach begeisterungsfähigen jungen Leuten", schloss Kate ihre Ausführungen.
Sandras Augen begannen bei Kates Worten immer mehr zu strahlen. „Wow", war das erste, was sie über die Lippen brachte. „Er nimmt uns tatsächlich mit? Ich meine, uns alle?" fragte sie erstaunt.
Kate nickte, noch immer lächelnd. „Ja, zumindest ist Professor Dumbledore gewillt, uns alle mitzunehmen." Ihr Lächeln wurde eine Spur dunkler, als sie fort fuhr. „Leider sieht es so aus, dass kaum jemand unserer Mitschüler Interesse daran hat."
Sandra runzelte die Stirn. „Wie bescheuert ist das denn? Da passiert endlich mal etwas spannendes und keiner will mit?" Unwillkürlich richtete sie sich etwas auf und sah Kate fragend an.
Kate nickte bedauernd. „Ich habe keine Ahnung, wie viele Schüler Sahan bis jetzt überreden konnte, aber ich bin bisher nur auf Ablehnung gestoßen."
„Also ich bin auf jeden Fall dabei", erwiderte Sandra und sah Kate an.
Kates Lächeln vertiefte sich sofort wieder. „Das freut mich zu hören, Sandra."
„So was kann man sich doch nicht entgehen lassen", strahlte Sandra und zog das Buch wieder zu sich heran.
„Weißt du, wo genau diese Ausgrabung stattgefunden hat?"
„Lindisfarne", antwortete Kate und sah neugierig zu, wie Sandra in dem Buch zu blättern begann, bis sie auf eine alte Zeichnung der Insel Lindisfarne stieß.
„Hier sieh mal, hier ist sogar das Kloster eingezeichnet", freute sich Sandra und drehte das Buch so, dass Kate es lesen konnte, die begeistert nickte.
„Wenn nur nicht bis Samstag so lange hin wäre", meinte Kate bedauernd.
Sandra erwiderte Kates Entzücken mit einem etwas scheuen Lächeln. Zwar wusste sie sehr wohl, dass Kate Geschichte der Magie nicht belegt hatte, weil ein gewisser Slytherin in diesem Kurs saß, sondern weil sie in diesem Fach durchaus was drauf hatte, doch hatte sie auch noch nie wirklich viel mit der Hufflepuff zu tun gehabt.
Im Slytherinkerker bemühte sich zur gleichen Zeit ein Fünftklässler damit ab, einen Brief zu schreiben, während ein blonder Junge nervös neben seinem Tisch auf und abging.
„Oh Malfoy, kannst du nicht mal still stehen bleiben?" motzte Crabbe rum und sah von seinem Brief auf, den er gerade begonnen hatte. „Wie soll man sich denn da konzentrieren?"
Draco Malfoy schnaubte abfällig und sparte sich einen Blick über Crabbes Schulter. Vielleicht hätte doch besser er seinem Vater schreiben sollen? Aber wenn das, was Crabbe da aufgeschnappt hatte, nur Unsinn war, würde er und nicht Draco Malfoy sich jämmerlich blamieren. Also hatte Draco Vincent Crabbe dazu angehalten, seinem Vater eine Nachricht zukommen zu lassen.
„Hauptsache, du hast alles Wichtige reingeschrieben", erwiderte Draco auf seine gewohnt blasierte Art, die der seines Vater so sehr ähnelte.
„Ja, ich denke schon", erwiderte Vincent, was ihm einen spöttisch-amüsierten Blick von Draco einbrachte.
„Du denkst, Crabbe?" fragte dieser mit deutlichem Sarkasmus in der Stimme.
Vincent reckte sein Kinn hoch und starrte Malfoy für einen Moment feindselig an, ehe sein Blick wieder gleichgültig wurde.
„Wenn du damit fertig bist, schaffst du den Brief hoch in die Eulerei und schickst ihn fort", erklärte Draco und seine finstere Miene hellte sich einen Moment lang auf, als Pansy Parkinson den Raum betrat.
„Wir sehen uns später", meinte er noch kurz angebunden, ehe er zu Pansy rüber ging.
„Aber sicher doch", murmelte Crabbe gerade so laut, dass es Malfoy nicht mehr hören konnte.
Während im Laufe der nächsten Tage in Hogwarts die Vorbereitungen für einen Ausflug der besonderen Art auf Hochtouren anliefen, sorgte in Südengland ein kurzer, hastig hin gekritzelter Brief für Aufregung. Lucius Malfoy hatte gerade bei einer Tasse Tee und der Lektüre des Nachtpropheten am Kamin gesessen, als ihm einer seiner Hauselfen Liam Crabbe ankündigte, der ihn in dringender Angelegenheit zu sprechen wünschte. Lucius fluchte leise vor sich hin. Crabbe kam nicht ohne einen guten Grund nach Malfoy Manor.
„Bring ihn her!" raunzte er den Hauselfen an und stand selber auf, um den Gast zu begrüßen, der wenig später die Bibliothek betrat.
„Lucius, guten Abend", erwiderte Crabbe senior den Gruß des Hausherrn.
Lucius nickte leicht. „Setz dich doch, Liam. Was führt dich so spät am Abend noch hier her?" erkundigte er sich und deutete auf eine Sitzecke am Kamin. „Darf ich dir etwas zu trinken anbieten?"
Liam
setzte sich auf den angebotenen Platz und nickte. „Ein Tee wäre
nicht schlecht", meinte er und zog etwas aus seiner Tasche.
Mit
einer knappen Kopfbewegung wies Lucius den Hauselfen an, ein zweites
Teegedeck zu bringen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Liam
zu.
„Also, was führt dich hier her?" fragte er knapp aber nicht unfreundlich.
„Ich habe da einen interessanten Brief von meinem Sohn bekommen", begann Liam und reichte Lucius das Pergament, was er in den Händen gehalten hatte. „Lies selbst, Dumbledore hatte mal wieder eine seiner Ideen oder sind es bei ihm schon Anfälle? So genau weiß ich das gar nicht."
Lucius streckte die Hand aus und begann zu lesen, wobei ihm beim Lesen nicht so ganz klar war, ob jetzt Dumbledore oder Liams Sohn Anfälle hatte.
„Halo
Dady , ich schribe dir heute ma, weil hier
was ganss komisches pasirt is und wie Dracko sacht, seltsame Dinge
vorsich gehen. Ich hab die zwa nich gehn sehn, abber dem
Schulsprecher zugehörrt, wie der mit seiner kleinen Hafflepuf
gekwatscht had. Dambbletorre hat was vor, und zwar willer was von
Grifindorr suchen gehn in einer Ruiene, und die Siebdklessler dürfen
fasd alle mid, wie ich dass verstanndn habb. Irgend wo bei
Northumrborländ. und mir denkn, dass der jetz, nach der Sachee
mitdem Duellklub, der uns los werdn will und unser haus zumaachd.
Bidde machd da was dageggen! Der alde Uhu lässt
die schlammblüter ehe schon so gudd gehen, da musser nich noch
unsser haus wegmachn. vile grüse
Vincent"
Deutlich um Fassung bemüht, sah Lucius Liam fragend an. Dieser erwiderte den Blick des älteren Todessers peinlich berührt. Liam wusste, dass sein Sohn in der Schule alles andere als eine Leuchte war.
„Und was hältst du davon?" fragte er schließlich und nippte an seinem Tee.
„Schenk Vincent einen Hunderter Pack Rechtschreibfedern", schlug Lucius vor und verzog leicht die Lippen.
„Mal abgesehen davon", erwiderte Liam, dem sein Sohn gerade einfach nur noch peinlich war.
„Du meinst, Vincent meint das ernst?" erkundigte sich Lucius vorsichtshalber noch einmal.
„Ich weiß, er ist nun mal keine Leuchte was die Rechtschreibung im Allgemeinen und Schule im Besonderen angeht", schüttelte Liam den Kopf und seufzte betrübt. „Aber ich denke, was er da schreibt, meint er ernst. Ich kenne meinen Jungen, der schreibt nicht, wenn es nicht sein muss."
Lucius nickte leicht. Diesen Eindruck hatte er auch.
„Nehmen wir mal an, Vincent hat sich nicht verhört, was dann?" Lucius schüttelte leicht den Kopf und griff nach seiner Teetasse, um einen Schluck zu trinken. „Könnte Dumbledore tatsächlich... ich meine, könnte es etwas geben, mit dem man die Existenz vom Haus Slytherin löschen könnte?" Fragend sah er Liam Crabbe an.
Dieser trank erst einmal einen Schluck Tee. „Ich hab mich das auch schon gefragt. Zuerst dachte ich eben, dass er sich verhört haben muss. Aber wenn es etwas gibt, was vielleicht doch so ein Grund sein könnte. Oder eben nur Zweifel daran auslösen könnte, dass das Haus Slytherin eine Existenzberechtigung hat, glaubst du, die würden genauer nachforschen? Der alte Knochen bringt es fertig und schließt vielleicht wirklich das Haus. Dann hätte er doch genau was er wollte, unsere Kinder bunt mit den Schlammblütern gemischt", erzählte er Lucius von seinen Befürchtungen.
„Das dürfen wir auf gar keinen Fall soweit kommen lassen!" Lucius verzog angewidert das Gesicht. „Soweit kommt es noch, dass das einzige Haus in Hogwarts, in dem noch Wert auf reines Blut gelegt wird, geschlossen wird."
Liam nickte zustimmend. „Genau so sehe ich das auch, deshalb hat mich der Brief auch so beunruhigt", gab er zu. „Ich meine, ich weiß natürlich nicht, was genau Dumbledore sucht. Aber ich traue ihm zu, dass er Slytherin loswerden will. Das Haus dürfte ihm ein Dorn im Auge sein."
Lucius schüttelte unwillig den Kopf. Seinen zeitigen Feierabend konnte er sich damit an den Hut stecken.
„Wir müssen etwas unternehmen, Liam!" antwortete er eindringlich. „Natürlich kann es nur", Lucius sah Liam entschuldigend an, „das Hirngespinst eines 15jährigen sein, der sich einfach wichtig machen will, aber so schätze ich Vincent nicht ein. Und wenn Dumbledore wirklich etwas plant, dann sollten wir den Dunklen Lord informieren, der wird das mit Sicherheit wissen wollen."
Liam betrachtete lange seine Teetasse, ehe er den Blick hob und Lucius wieder ansah. „Es ist natürlich auch möglich. Und sicher ist Vince kein Engel aber er ist zu faul, um sich wichtig zu machen. Zumal er wirklich nur schreibt wenn er muss." Er sah nachdenklich aus. Schließlich war es immer ein großer Schritt, den Lord zu benachrichtigen und wollte wohlbedacht sein. „Ich denke auch, dass wir ihn informieren sollten. Wenn wirklich was dran ist, wird er es sicher wissen wollen."
Lucius nickte und trank seinen Tee aus, ehe er aufstand und Vincents Brief Liam zurück reichte. „Dann lass uns besser gleich los gehen", meinte Lucius und rief den Hauselfen, der ihnen wenig später die Umhänge reichte. Zusammen verließen die beiden Männer das malfoysche Anwesen und apparierten zur Residenz des Dunklen Lords.
Finsternis herrschte über der Lichtung, auf der die zwei Todesser in dieser mondlosen Nacht mit einem leisen Plopp erschienen. Waren ihre Schritte zuerst noch zielstrebig und rasch, so wurden sie, je näher sie dem stattlichen Herrenhaus näher kommen, immer langsamer. An der Tür angekommen, sah Lucius Malfoy zu Liam Crabbe hinüber und nur wer Malfoy kannte, konnte für einen Moment etwas unsicheres in dessen Blick erkennen. Lucius wusste, dass wenn der Dunkle Lord ihre Geschichte doch nicht als ungeheuer wichtig einstufen würde, die Konsequenzen nicht gerade von der angenehmen Sorte wären. Man störte nicht einfach die Nachtruhe des Dunklen Lords, seine Anhänger wussten das alle. Ein Seitenblick zu Liam Crabbe verriet ihm, dass diesem ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen mochten.
„Wenn Vince sich das ausgedacht hat, dann bin ich am ersten Tag der nächsten Ferien kein Vater mehr!" knurrte Crabbe sen.
„Wenn du dann überhaupt noch in der Lage bist, die nächsten Ferien zu erleben", erwiderte Lucius mit spöttischem Unterton, ehe er tief durch atmete, Liam zunickte und energisch an die Tür klopfte.
tbc.
