House sitzt im Dunkeln.
Die Glastür zum Konferenzraum ist geschlossen, und ich frage mich, ob er meditiert oder einfach nur stoned ist von zu viel Vicodin.
Die Schmerzen scheinen heute höllisch gewesen zu sein, denn er reibt permanent seinen Oberschenkel, und seine Stimme klingt gepresster als sonst.
Ich sammle meine Unterlagen zusammen und greife nach meinem Jackett, unsicher, ob ich gehen oder nachschauen soll, ob er okay ist.
Ich muss an meine Mutter denken, die halb besinnungslos im Bett liegt, betäubt und weggetreten vom Wodka.
Die Kaffeemaschine ist noch eingeschaltet. Ich nehme die rote Tasse (keine Milch, viel Zucker) und schleiche mich damit in sein Büro.
Er reagiert nicht, als ich die Tasse vor ihm abstelle.
Einen irrwitzigen Moment lang frage ich mich, ob ich auf Atemgeräusche achten sollte oder seinen Puls überprüfen, nur um zu wissen, dass er noch da ist.
Bevor ich mich davonstehlen kann, höre ich seine Stimme hinter mir.
„Ich bin nicht Ihre Mom."
„Sie müssen nicht meine Mutter sein, damit ich Ihnen einen Kaffee bringe."
Er schnaubt amüsiert, ohne sich zu regen. „Das ist Mamas Junge."
Vorsichtig setze ich mich auf den Rand des Schreibtischs.
Er sieht schlecht aus.
Es klingt blasphemisch, aber es erinnert mich an den schmerzerfüllten Ausdruck im Gesicht des gekreuzigten Christus in der Kirche zuhause in Melbourne.
„Kann ich etwas tun?" frage ich zögernd.
„Sie könnten mir einen blasen", knirscht er zwischen zusammengebissenen Zähnen und hält die Augen geschlossen. „Wenn nicht, verschwinden Sie."
Er ist nicht stoned.
Das Zittern und der kalte Schweiß auf seiner Stirn sprechen für das Gegenteil.
„Sie sind auf Entzug", stelle ich in meinem besten professionellen Tonfall fest.
„Meine Entscheidung", erwidert er. „Besser, ich bleibe in der Nähe von Ärzten. Gehen Sie nach hause, Chase."
Ich kann nicht begreifen, warum er es tut.
Es ist nicht so, dass er das Vicodin nicht braucht.
Es gibt einen guten Grund dafür, und wenn er darauf verzichtet, muss er glauben, dass er ohne die Medikamente funktionieren kann.
Mit einem Loch im Oberschenkel ist das geradezu absurd.
Ich erinnere mich an die Gespräche zwischen ihm und Cuddy oder Wilson. Sein angebliches Suchtverhalten ist fast immer ein Thema, und ich frage mich oft, ob sie tatsächlich glauben, dass er sich den Schmerz einbildet und größtenteils psychisch bedingt ist.
Nach allem, was ich selbst als Außenstehender über die Sache weiß, kommt mir das zu einfach vor.
„Sie sollten nicht kalt entziehen. Es gibt Möglichkeiten…"
„Oh, sicher. Warme Sitzbäder und Gebete. Danke, Sie sind eine große Hilfe."
Ich kann ihn nicht so allein lassen. Irgendwie denke ich, dass jemand da sein sollte.
Ich denke auch, dass derjenige nicht ich sein sollte.
Trotzdem bleibe ich.
Wir sitzen minutenlang schweigend da. Sein Atem ist alles, was zu hören ist.
Ich verschränke die Finger in meinem Schoß und möchte mich gern in Luft auflösen.
„Ich kann Ihnen ein Rezept ausschreiben", schlage ich schließlich vor.
„So, wie Sie Mom ihren Whisky gebracht haben", sagt er. „Ein feiner Priester wären Sie geworden. Leid verhindern um jeden Preis. Versinken Sie jetzt in Mitleid mit mir, wie Sie das bei ihr gemacht haben?"
Ich war viel zu jung und naiv, um ihr mit etwas anderem helfen zu können.
Und ich habe an mich selbst gedacht.
Wenn sie trinken konnte, war ich sicher. Wenn nicht, wurde sie zu einer Furie.
Es war nicht der Rausch, in dem sie unberechenbar gewesen ist.
Es war der Entzug von Alkohol, während dem sie zu einer anderen geworden ist.
Der House, der vor mir sitzt, ist keine Bedrohung. Er wird mich weder schlagen, noch wird er mit Gegenständen nach mir werfen (zumindest nehme ich das optimistisch an).
„Sie haben Schmerzen", sage ich. „Keiner sollte das aushalten müssen."
„Manchmal liegen Schmerz und Vergnügen nahe beieinander", zitiert er einen Titel der Gruppe Queen. „Bringen Sie mich auf andere Gedanken, wenn Sie mir unbedingt beim Kotzen zuschauen wollen. Erzählen Sie mir von Ihrem Schmerz. Das wird mich aufmuntern."
„Ich werde nicht gehen, solange Sie Schmerzen haben."
„Es geht Ihnen wirklich nahe. Warum? Ich behandle Sie schlecht und bin ein unverbesserlicher Misanthrop. Sie leiden darunter. Entweder Sie sind besonders dumm, oder Sie mögen es. Was von beiden ist es?"
Das trifft es ziemlich genau. Es sollte mich nicht überraschen, wie gut er Motive analysieren kann, aber es macht mich dennoch verlegen. „Wahrscheinlich mag ich es."
„Was mögen Sie sonst noch?"
Wenn es ihn ablenkt, soll er seine Antwort haben.
Ich zähle auf, was mir auf die Schnelle einfällt. „Schnee. Chopin. Das Sergeant Pepper Album von den Beatles. Den Geruch von frisch gemähtem Gras. Katzen. Ein Glas Rotwein und alberne alte Serien im Fernsehen. Pfefferminze. Hemingway. Stille. Die Nacht. Und den Mond, natürlich."
Er lächelt sardonisch und reibt seinen Oberschenkel. „Sie haben nicht schnelle Autos oder Kylie Minogue erwähnt. Das gefällt mir."
„Sie sind dran", sage ich.
„Mexikanische Küche. Salma Hayek. Cole Porter. Wilsons Kreditkarte. Rita Hayworth. Der dritte Mann. Dr. Cuddys Rückseite. Macht. Der Geruch nach verbrannten Streichhölzern. Wenn jemand sich zum Idioten macht, unfreiwillig oder nicht. Schnelligkeit. Und ein romantischer Sonnenuntergang auf der Dachterrasse der Klinik."
Reden hilft. Manchmal. Nicht allein zu sein.
Ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich tue, irgendwie von Nutzen ist, aber ich bin froh, als ich feststelle, dass er ruhiger wirkt.
Seine Hand liegt auf seinem Bein, und sein Blick ist wachsam in meinen gerichtet.
„Woher haben Sie die Narbe in Ihrem ansonsten makellosen Gesicht?"
„Skateboardunfall mit elf. Und Sie?" frage ich und deute die Stelle an meinem eigenen Nasenrücken an.
„Molotowcocktail mit neunzehn."
„Sie haben irgendwo noch Vicodin, oder?"
„Wollen Sie mein hehres Vorhaben zunichte machen?"
„Jeder versteckt Vorräte", sage ich betont gleichmütig. „Meine Mutter hat Wodka in der Waschmaschine und einem ausrangierten Reisekoffer aufbewahrt."
„Das ist traurig", sagt er.
Seine Stimme klingt nicht danach, als würde er es ernst meinen.
Eher so, als ob ein Alkoholiker zum Lachen wäre.
Ich verspüre kein Mitleid mit ihm, und ich bin weit entfernt, ihn wegen seiner Abhängigkeit zu verurteilen.
Vielleicht sehe ich doch mehr von meiner Mutter in ihm, als ich wahrhaben will, und er hat recht.
Vielleicht habe ich ein Muster entwickelt im Umgang mit Süchten, und vielleicht reflektiere ich es auf ihn.
Seine heisere Stimme reisst mich aus meinen Überlegungen.
„Was haben Sie mit Ihrer Mutter gemacht, wenn sie angefangen hat, Käfer über ihre Tapete laufen zu sehen? Haben Sie ihr Whisky ans Bett gebracht?"
Ich weiß, dass ich mir widersprechen werde, und sage trotzdem das Offensichtliche. „Das ist keine Lösung."
„Nicht, seit Sie erwachsen und vernünftig geworden sind. Wann haben Sie aufgegeben? Wann haben Sie es nicht mehr ausgehalten? Sie waren ein Kind, kein Mann. Heute wissen Sie, dass Sie mir nur eine Pille zur Glückseligkeit verabreichen müssen. Heute würden Sie nicht mehr warten, bis sie aufhört, zu zittern und zu toben und Sie dabei mit Worten beschimpft, die Sie noch nie aus ihrem hübschen Mund gehört haben. Sie würden ihr eine Ladung Haloperidol spritzen und Sie in eine Klinik einweisen, solange sie nicht fähig ist, Ihnen Widerstand zu leisten. Weil Sie Mediziner sind und kein verängstigter dummer Junge, der glaubt, seine Mom beschützen zu müssen."
Sie war selber wie ein Kind.
Noch dümmer und verängstigter als ich, wenn sie nicht haben darf, was sie braucht.
Alles, was ich getan habe, hat ihr nicht geholfen. Im Gegenteil.
Es ist unfair, dass er immer recht hat.
Dass er so gnadenlos ausspricht, was mich wie ein schwarzer Schatten verfolgt, seit sie tot ist.
Ich habe ihm nichts erzählt, und doch weiß er das alles, als hätte ich ihm erlaubt, mein Tagebuch zu lesen.
Seine Stimme dringt zu mir durch, obwohl das Blut in meinen Ohren rauscht und mich beinahe taub macht.
„Eltern neigen dazu, ihre Kinder zu Verbündeten zu machen. Es ist Ihnen passiert, und es passiert millionenfach in scheinbar viel intakteren Familien, als es Ihre gewesen ist."
Das ist kein Trost.
Ich kann ihn nicht ansehen, weil ich weiß, dass er es genießt, mich zu einer Reaktion zu zwingen, und die Genugtuung werde ich ihm nicht geben.
Auch nicht, wenn es ihn von seinen Entzugsschmerzen ablenkt.
Ich frage mich, was er damit bezweckt. Ob er mich zum Weinen bringen will, und falls ja, was er sich davon verspricht.
Ich kann mir vorstellen, wie unangenehm die Situation für uns beide wäre.
Lieber Gott, denke ich, lass mich jetzt bloß nicht heulen.
„Schuldgefühle bringen Sie nicht weiter", höre ich ihn sagen. „Laden Sie sie auf Daddy ab. Er kann es vertragen."
Wenn er wüsste, wie gern und oft ich das tue.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, als ich schließlich aufstehe und ihn in seinem dunklen Büro zurücklasse.
Den Kaffee hat er nicht angerührt.
oOo
Es ist nicht sein erster Entzug, und es wird nicht sein letzter gewesen sein.
Immerhin ist er klug genug, um zu wissen, dass das Opiat seinen Körper zerstören wird, doch ich kann mir nicht vorstellen, wie das Problem zu umgehen ist, wenn man einen Teil seines Oberschenkels entfernt hat.
Am nächsten Morgen fängt mich Dr. Wilson in der Eingangshalle ab.
Er sieht besorgt aus, aber eigentlich tut er das immer.
„House hat die Nacht im Büro verbracht. Wenn Sie den Eindruck haben, dass er nicht arbeiten kann, lassen Sie es Dr. Cuddy wissen."
„In Ordnung."
Er hält mich am Arm zurück. „Sie begreifen doch, dass das ernst ist. Wenn er Schmerzen hat, ist er unberechenbar. Er wird das zum Teil an Ihnen auslassen."
Als ob ich es nicht gewohnt wäre.
„Warum tut er das?" frage ich Wilson geradeheraus. „Es ist Wahnsinn."
Wilson seufzt ein wenig und bohrt die Hände in seine Kitteltaschen. „Vielleicht, weil er etwas beweisen will."
„Dass ein amputierter Muskel Schmerz verursacht? Wer in aller Welt hätte das gedacht."
Ich höre selbst, wie schnippisch das klingt. House' Sarkasmus kann tatsächlich ansteckend sein.
„Sie sollten sein Verhalten nicht verteidigen. Das Vicodin ist-… Es macht ihn krank."
„Vielleicht ist ihm das lieber als die Alternative."
„Dr. Chase." Er greift noch einmal nach mir, ehe ich in den Fahrstuhl entkommen kann. „Was House tut, ist mehr, als den Schmerz zu unterdrücken. Mit der Zeit stellt sich gegenüber einem Opiat zwangsläufig eine psychische Abhängigkeit ein, ganz egal, wie gerechtfertigt Ihnen sein sorgloser Umgang mit Vicodin erscheinen mag. Wenn er erst davon herunter kommt, sollte ihm klar werden, wie viel seiner Schmerzen real und wie viel davon psychischer Natur ist. Ich kenne ihn länger als Sie. Glauben Sie mir, Sie tun ihm nichts Gutes, wenn Sie sich auf seine Seite stellen. Und sie werden nicht viel davon haben. House wird Sie nicht belohnen, nur weil Sie ihn verstehen wollen."
Wilson hält mich also für einen Opportunisten.
Einer, der nach House' Pfeife tanzt, weil er sich Vorteile davon verspricht.
Es gibt ein dämliches, aber ziemlich wahres indianisches Sprichwort, das ich einmal gehört habe.
Beurteile niemanden, nachdem du nicht eine Meile in seinen Schuhen gewandert bist.
Ich frage mich, wie weit Dr. Wilson mit einem zerstörten Bein kommen würde.
„Ich bin spät dran", sage ich. „Entschuldigen Sie mich."
Sein trauriger Blick verfolgt mich, und ich bin froh, als sich die Türen mit einem hydraulischen Zischen schließen.
