Wie schon Dr. Thomas zuvor, hatte auch Cameron nicht rausfinden können, was genau Brian's Bauchschmerzen verursachte. Was sie jedoch sagen konnte war, dass es nichts ernstes war. Jedenfalls nichts, was nicht auch bis morgen warten konnte. Heute Nacht würden ja sowieso keine weiteren Untersuchungen gemacht werden können, was für eine vernünftige Diagnose allerdings von Nöten war.

„Und wie gesagt, wir arbeiten noch eine Weile", meinte Cameron gerade zu Schwester Emily, während sie wieder auf den Flur traten. „Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen, wenn da unten wer rumläuft oder so was."

Emily lachte. „Glauben sie wir fürchten uns hier im Krankenhaus?"

Cameron war wohl von sich ausgegangen. „N...Nein ich...", stotterte sie. „Ich wollte nur, dass sie bescheid wissen."

„Emily nickte. „Lieb von ihnen. Gut, dann wissen wir bescheid und lassen sie da unten in ruhe."

Nachdem sich die junge Ärztin von Schwester Emily verabschiedet hatte, begab sie sich auf den Weg zurück ins Labor. Wieder ging es, mit der Akte in der Hand und einem mulmigen Gefühl im Bauch, durch das Halbdunkel in den Fahrstuhl, hinunter in die nächste Etage, den Gang entlang am Besprechungsraum und an House's Büro vorbei. Und wieder galt es die Balustrade, und somit die Eingangshalle, zu passieren. Chase und Foreman machten sich sicher inzwischen sorgen und fragten sich, wo ihre Kollegin so lange blieb. Auch dieses Mal verkniff sich Dr. Cameron einen Blick hinunter über die Balustrade, ging stattdessen im Laufschritt daran vorbei. Und somit sah sie auch nicht wie im selben Moment, da sie die Balustrade passierte, unten in der Eingangshalle die Fahrstuhltür auf ging und ein großer Mann mit blauer Kapuzenjacke heraustrat.

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Es störte ihn schon ziemlich, dass er so sehr auf Frankie angewiesen war. Eigentlich konnte er Frankie nicht ausstehen. Der Typ war immer so vorlaut. Immer mit dem Kopf durch die Wand, das war wohl das Motto nach dem der New Yorker lebte. Seit bestimmt fünf Jahren lebte Frankie nun schon hier und hatte sich noch kein bisschen geändert. Erst schießen, dann reden. So machte er es noch immer. Aber das war nun mal das, was er früher zu Hause in der Bronx gelernt hatte. Dem Großen ging das allerdings bisweilen ganz schön gegen den Strich, besonders wenn es gar nicht nötig war irgendwelche Leute in Gefahr zu bringen. Die Meisten wollten doch nur ihre Ruhe und bloß keinen Ärger. Das hatte er bisher bei annähernd jedem Raubüberfall oder Autoklau festgestellt. Dieser Typ, der da gerade im Labor an den Tisch gefesselt war, der Kaputte, nicht das Muttersöhnchen, der war allerdings von einem ganz anderen Schlag. Dem Großen gefiel das irgendwie, das musste er schon zugeben. Mal was anderes. Ob es wohl durch die starken Schmerzen kam, die der Kerl ganz offensichtlich tatsächlich hatte? Der Große schüttelte den Kopf, als könne er damit jeglichen Anflug von Mitgefühl verdrängen. Ach was, der Kerl sollte sich mal nicht so anstellen. Schließlich gab es Leute die nicht besser, oder sogar schlimmer dran waren als er. Oh ja, die gab es. Wer konnte das besser wissen als er selbst? Er seufzte und bemühte sich jetzt nicht daran zu denken. Der Mann sah nach vorn zur Fahrstuhltür, welche sich nur wenige Sekunden später öffnete und ihm die große, verdreckte Eingangshalle präsentierte. Mit einem erneuten Seufzer stieg er aus und steuerte auf den Haupteingang zu. In jeder Tasche hatte er eine Waffe, wovon er eine wahrscheinlich gleich an Frankie abtreten musste. Das tat er zwar nur sehr ungern, aber musste wahrscheinlich sein, um sich die Hilfe des Anderen zu sichern. Denn dieser liebte Waffen einfach. Und noch lieber richtete er sie zur Einschüchterung auf irgendwelche Leute.

Draußen goss es noch immer, als würde es keinen Morgen geben und der Große zog seine Kapuze enger, während er auf die Tür zutrat, welche sich sofort auf schob. Da er wusste, dass sie nicht wieder rein kommen würden, wenn die Tür einmal zu ging, blieb er in der Tür stehen, so dass diese zwar immer wieder versuchte sich zu schließen, aber sofort wieder aufglitt sobald ihre Sensoren feststellten, dass jemand dazwischen stand. Um ihn herum kämpfte die Kälte die von draußen versuchte hineinzuströmen, mit der warmen Luft von drinnen. Er fröstelte. Glücklicherweise musste der Mann nicht lange warten. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Frankie ankam. Bei ihm war ein etwas zerzaust wirkender Typ, der dem Großen in etwa bis zur Schulter reichte und den er auf höchstens 19 schätzte.

„Hi!", grüßten ihn die beiden knapp.

„Äh, wer ist das?" entgegnete der Große argwöhnisch und deutete auf den Jüngeren.

Frankie, der einen Rucksack mit sich rumtrug, grinste stolz und legte den freien Arm um seinen Begleiter. „Darf ich vorstellen, das ist mein kleiner Bruder Charly. Wir nennen ihn alle nur Bob."

Der Große sah den blonden Frankie an, als wolle er ihn gleich einweisen. „Ich sehe du bist wenigstens vorbereitet", bemerkte er und deutete auf den Rucksack.

Frankie nickte. „Können wir dann jetzt reingehen, oder sollen wir hier draußen erfrieren?" Frankie klang patzig und drängelte sich, zusammen mit seinem Bruder, an dem Anderen vorbei. Dieser folgte den beiden zurück in die gemütliche Wärme der Klinik.

„Da lang", erklärte er mit einer Geste in Richtung Aufzug und ging dann trotzdem vorweg. Direkt vor dem Aufzug, lag noch immer der Stock dieses Lebensmüden. Nachdenklich blieb der Große davor stehen und betrachtete ihn einen Moment, während die anderen beiden sich schon mal in den Fahrstuhl begaben. Ebenso nachdenklich bückte er sich nach der Gehhilfe und nahm sie mit.

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Für kurze Zeit herrschte völlige Stille in der Eingangshalle. Nur der Regen unterstrich die ohnehin schon unheimliche Atmosphäre mit seinem entfernten Prasseln. Dann ging die Tür des allzu beschäftigten Lifts erneut auf und spuckte Foreman und Chase aus, die die Halle jetzt mit ihrem gutgelaunten Gespräch erfüllten. Gerade ging es darum, wer wohl mehr Bier vertrug, was Chase mit der Begründung er sei immerhin Australier und könne daher auf jeden Fall mehr ab, alsbald als eindeutig erledigt abtat. Foreman bedachte seinen Kollegen daraufhin nur mit einem halbherzigen Lächeln.

„Keiner da", bemerkte Chase, der dies schon von Weitem beurteilen konnte, in Bezug auf den Anmeldetresen.

„Vielleicht ist er eingeschlafen und liegt mit dem Kopf auf der Arbeitsfläche", schlug der Andere vor.

Chase legte sofort einen Schritt zu und spähte am Ziel angekommen, über den Tresen. „Nein, hier ist er wirklich nicht. Da liegt nur eine aufgeschlagene Zeitung."

Seine Stimme klang allmählich etwas besorgt.

„Dann ist er gerade auf Toilette oder noch unterwegs oder sonst wo."

„Ganz genau. Sonst wo. Und das gefällt mir gar nicht."

Foreman lachte auf, was von den hohen Wänden wiederhallte und seinem Lachen etwas kaltes verlieh. „Du hast also doch Angst", hänselte er den Australier wieder. „Du magst vielleicht Bier vertragen, aber halbdunkle Krankenhäuser machen dir Angst."

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Gleich nachdem sie an der Balustrade vorbei war, rief sie sich den Fahrstuhl und stieg ein. Etwas bedrückendes hatten diese Dinger doch an sich. Das Teil musste nur mal stecken bleiben jetzt und sie würde den Rest der Nacht auf gut 2 mal 2 Quadratmetern verbringen. Doch jetzt wollte Cameron keine Treppen mehr laufen, sondern nur noch recht bald zu ihren Kollegen zurück, bevor die wegen ihr noch den Notstand ausriefen. Der Gedanke daran, dass sie sich wirklich sorgen um sie machen könnten, zauberte ein leises Lächeln auf Cameron's Gesicht. Es gefiel ihr, wenn sich Leute um sie sorgten, zeigte es doch, dass diese sie mochten. Cameron war sich fast sicher, dass sich auch House damals, als alle glaubten sie hätte sich den HI-Virus eingefangen, zumindest ein bisschen Sorgen um die junge Frau gemacht hatte. Oder vielleicht wollte sie das auch nur glauben.

Endlich hielt der Aufzug im richtigen Stockwerk und gab sie frei. Es war alles gut gegangen. Sie sagte sich, dass dieses Gefühl in ihrem Bauch, dass ihr sagte, dass etwas ungutes passieren würde, nur Einbildung war. Sie machte sich viel zu viele Gedanken. Musste wohl daran liegen, dass sie so übermüdet und ausgepowert war. Und dann noch dieses fürchterliche Wetter – da musste man ja anfällig werden. In Gedanken versunken schlenderte Cameron um die Ecke und auf das Labor zu, in dem sie zur Zeit arbeiteten. Doch sie fand weder Foreman noch Chase vor. Was sie stattdessen sah, ließ sie vor Schreck den Atem anhalten.