Author's Note: Sodelle. Hier kommt jetzt das letzte Update für ca. die nächsten drei Wochen. Ich muss noch einiges organisieren und dann lass ich mich erst mal aufschneiden. Je nachdem, wie schnell ich mich fit fühle, geht es dann wieder weiter. Deshalb hab ich mich jetzt auch für ein längeres Kapitel entschieden und ich verspreche, dass die Story danach direkt am Ende dieses Kapitels ansetzt. (Song: 100 Monkeys - Keep awake)

valerie: Merci beaucoup...as always :-) Freu mich wirklich jedes Mal, über deine ausführlichen Reviews.

HolyMoly: I will really think about it over my break. But right now I'm pretty convinced that I will give it a try. I'm thinking about working some of the chapters over and getting the shorter ones together into only one. I will tell you when I'm ready and I'm pretty sure that I will accept your nice offer to help me out. Thank you :-)

Hope you like it!

(7) Kopfkino

Ich bin einfach nur noch müde. Am liebsten würde ich mich jetzt irgendwo zusammen rollen und einfach schlafen. Wie ich die Heimfahrt überstehen soll, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hätte ich noch einen Kaffee trinken sollen, bevor ich mich jetzt hinter das Steuer setze. Ich vertrage ihn aber nicht wirklich gut. Er hat eine lustige Wirkung auf mich. Egal wann am Tag ich ihn trinke, ich kann nachts dann nicht schlafen und fühle mich die ganze Zeit aufgeputscht. Wie eines dieser rosa Duracell Häschen. Wenn ich noch Trommeln in meinen Händen hätte, würde ich während einem Kaffee-Anfall wohl auch genauso aussehen. Geistesgestört durch die Gegend hüpfend.

Wer sagt denn eigentlich, man braucht Drogen um sich so zu fühlen? Kaffee reicht vollkommen. Vielleicht sollte ich mal einen Allergietest machen. Kann ja gut sein, dass ich auf irgendeinen Stoff in dem Getränk reagiere und ich mich deshalb jedes Mal so High fühle. Obwohl ich gar nicht weiß, wie sich High anfühlt. Wenn es ein noch stärkeres Gefühl ist, dann sollte ich es auch erst gar nicht ausprobieren. Zum eigenen und zum Schutze meiner Mitmenschen.

Da man unter Drogen nicht Auto fahren soll, ist es wohl eh keine gute Idee über einen Kaffee vor der Heimfahrt nachzudenken. Wenn mich die Polizei anhält, könnte das wirklich übel enden. Ob man wegen Kaffee hinterm Steuer auch bestraft werden kann? Mal davon abgesehen, dass sie mir sicherlich nicht glauben würden, ich hätte nur etwas eigentlich so harmloses zu mir genommen.

Ich lehne mich seufzend mit dem Rücken gegen mein Auto und gähne kurz. Ich weiß wirklich nicht, wie ich jetzt noch nach Hause kommen soll. Am besten warte ich einfach noch einen Moment und mache meine Augen kurz zu. Ich habe eh schon lange genug getrödelt, damit ich als Letzte gehen konnte. Auf ein paar Minuten mehr kommt es jetzt auch nicht mehr an.

Irgendwie habe ich es tatsächlich geschafft, den restlichen Tag hinter mich zu bekommen, ohne den Anderen großartig in die Arme zu laufen. Ich hatte wirklich keine Lust mich wieder diesen Blicken und möglichen Fragen auszusetzen. Es hat schon gereicht und mir einen Stich versetzt, dass ein paar der Besucher immer wieder kichern mussten, wenn ich auch nur in ihre Nähe kam.

Obwohl meine heutigen Tanzstunden überraschenderweise dann trotzdem ein Erfolg waren, kann ich mich nicht darüber freuen. Irgendwie war der restliche Tag eine einzige Katastrophe. Wenn man mal von der netten kleinen Privatstunde mit Santana absieht.

Immer wieder muss ich darüber nachdenken, was wohl passiert wäre, wenn Mercedes nicht dazwischen gefunkt hätte. Ich hätte sie geküsst und so wie es aussah, hätte sie mich wohl zurück geküsst. Immer wieder kommt all das hoch, was ich in diesem Moment mit Santana gefühlt habe. All diese Emotionen, diese Anziehung und Vertrautheit. Immer wieder macht es mir beinahe ein wenig Angst. Wie kann so etwas nach so kurzer Zeit denn schon sein?

Vor allem der Gedanke, sie könnte ähnlich empfinden, lässt mich seit diesem Moment nicht mehr los. Anscheinend fühlt sie sich auch zu mir hingezogen. Man küsst schließlich niemanden einfach so, wenn man ihn nicht irgendwie mag. Höchstens vielleicht mal ein kleiner Schmatzer zur Begrüßung oder zum Abschied bei einer guten Freundin. Aber auf einen kleinen Schmatzer wäre das Ganze wohl nicht hinaus gelaufen. Jedenfalls hatte ich mit diesen vollen, wunderbaren Lippen definitiv anderes vor.

Vielleicht steht sie aber einfach auch nur aufs Küssen. Es ist schließlich eine super Sache und wenn es nach mir ginge, könnte ich es auch den ganzen Tag lang tun. Wenn man es so sieht, muss es also gar nichts mit mir zu tun gehabt haben. Obwohl es bei mir wirklich sehr viel mit ihr zu tun hatte.

Wenn ich danach nicht allen aus dem Weg gegangen wäre, hätte ich sie vielleicht auch noch einmal gesehen. Dann hätte ich sie darauf ansprechen und fragen können. Oder vielleicht hätte sich dieser Moment ja noch einmal ergeben und niemand hätte uns gestört. Aber ich musste mich ja verkriechen und habe nicht einmal darüber nachgedacht, dass sie früher Feierabend hat, als ich. Eigentlich hätte sie sich ja wenigstens bei mir verabschieden können. So richtig gesucht hat sie mich den weiteren Tag auch nicht. Ob sie mir auch wieder aus dem Weg gegangen ist? Aber wieso?

Ich öffne die Augen und schlage mir kurz mit beiden Händen gegen die Wangen um mich wach zu bekommen. Wenn ich Zuhause bin, kann ich über all das wieder nachdenken. Jetzt ist keine Zeit für Träumereien und Gedankenspielchen. So romantisch oder aufbauend ist der nur schwach beleuchtete Parkplatz sowieso nicht.

Ein Geräusch hinter mir, lässt mich aufschrecken. Was war das? Es klang wie ein Knirschen, aber jetzt ist es auch schon wieder vorbei. Ich lasse meine Augen über den gesamten Parkplatz wandern, kann jedoch nichts erkennen. Stärkere Birnen in den Lampen würden wirklich helfen.

Obwohl ich es mir wahrscheinlich nur eingebildet habe, lässt mich das ungute Gefühl in meinem Bauch, schnell in den Wagen einsteigen. Meine Finger finden den Hebel und betätigen die Zentralverriegelung. Ein wenig übertrieben vielleicht, aber man kann ja nie wissen. So bin ich wenigstens eingeschlossen. Wenn aber hinter irgendeiner Ecke ein Maskenmörder mit einem Baseballschläger auf mich lauert, habe ich wohl wenig Chancen. Die Scheiben hätte er schnell eingeschlagen und mit mir wäre es vorbei.

„Mein Gott..." Wo kommen denn jetzt bitte diese Gedanken her? Nur ein kleines Geräusch und ich flippe total aus. Trotzdem kann ich mir nicht helfen und ich werfe einen Blick auf die Rückbank. So viel haben mir Horrorfilme mittlerweile schon beigebracht. Allerdings zeigen die einem auch immer auf, dass man im Dunkeln niemals irgendwo allein sein sollte, weil man dann meistens direkt umgebracht wird.

Ich schlucke und versuche hektisch den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken. Einige zittrige Anläufe später, schaffe ich es endlich. Immerhin bin ich durch den Adrenalinkick jetzt wieder einigermaßen wach. Hat also doch etwas Gutes. Mein Herzschlag setzt allerdings sofort wieder aus, als mein Auto bei den Zündversuchen nur ein erbärmliches Krächzen von sich gibt: „Was?"

Auch nach mehreren Versuchen will das Fahrzeug einfach nicht anspringen und ich lasse resigniert meine Stirn gegen das Lenkrad sinken: „Das kann doch nicht wahr sein..." murmele ich gegen das weiche Leder.

Läuft das in Horrorfilmen nicht auch immer so ab? Alles geht schief und am Ende rennt man vor dem Mörder davon, der einen dann aber doch einholt. Ich hebe den Kopf nur ganz leicht an, schaue noch einmal aus allen Scheiben auf den Parkplatz und überprüfe mit einem gezielten Handgriff, ob die Tür tatsächlich zu ist.

Ich komme mir fast ein wenig lächerlich vor. Hier ist außer mir niemand und ich weiß nicht, warum mein Kopf jetzt seinen eigenen kleinen Gruselschocker abspielen muss. Ich sollte wirklich aufhören mir Horrorfilme anzusehen, ich mag sie doch sowieso nicht. Allerdings lernt man ja genau durch solche Filme, wie man sich in diesen Situationen verhalten muss. Genauso bei einer Zombieapokalypse. Ohne die entsprechenden Filme, würde doch kein Mensch wissen, was man in dem Fall machen muss. Ich mag sie trotzdem nicht.

Wahrscheinlich bin ich aber einfach nur zu müde und emotional zu ausgelaugt. Wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass mich eine Woche hier zu arbeiten, ohne richtig zu arbeiten, so kaputt machen würde, hätte ich den Job wohl niemals angenommen. Anscheinend hängt über diesem Laden irgendein dunkler Fluch und versucht mich total zu zermürben. Er schafft es.

Wenn ich doch noch lebend nachhause komme, werde ich meiner Mutter sagen, was ich von ihrem tollen Jobvorschlag halte. In meinem ganzen Leben war ich noch nie in einer Woche in einem solchen Gefühlskarussell. Fröhlich, deprimiert, überglücklich, traurig, verängstigt und alles im ständigen Wechsel. Dazu noch diese verwirrenden Gefühle für Santana und ich weiß überhaupt nicht mehr, was meine Emotionen so den ganzen Tag treiben. Sie haben ein Eigenleben entwickelt und sind definitiv auf Drogen. Oder Kaffee.

Wenn mich der Maskenmann heute Nacht nicht kriegt, sollte ich diesen Job wirklich kündigen, damit ich nicht in der Irrenanstalt lande. Allerdings stehe ich wohl schon mit einem Fuß genau dort drin, sonst würde ich mir in meinem Kopf nicht dauernd vorstellen, dass mich gleich der böse schwarze Mann holt.

Ich beiße mir auf die Lippen und drehe erneut den Schlüssel um. Wieder nur dieses unschöne Geräusch. Vorher ist mir allerdings nicht aufgefallen, dass der Strom anscheinend noch da ist. Ein Song durchbricht die Stille im Wagen und ich wippe im Takt die Finger auf dem Lenkrad. Die Melodie klingt fröhlich und es beruhigt mich ein wenig. Ich fühle mich nicht mehr ganz so alleine und verloren, wie gerade eben noch.

I will kill you in your sleep, so you better try try and keep awake..."

Als ich die ersten Zeilen des Liedes richtig erfasse, sitze ich ruckartig sofort wieder aufrecht in meinem Sitz und stoße mir dabei recht schmerzhaft das Knie am Lenkrad an. Fast brutal hämmere ich meine Hand auf den Knopf und schalte das Radio aus. Jetzt tut mir nicht mehr nur das Knie, sondern auch die Hand weh. Alles ein wenig gedämpft von dem rapide pochenden Puls, der meinen Kopf benebelt. Als dann auch noch die Parkplatzbeleuchtung aus geht und mich nur mit dem leichten Schimmer der Armaturenbeleuchtung zurück lässt, ist es komplett vorbei. Ich weiß nicht genau, ob ich tatsächlich schreie, aber es kommt mir jedenfalls so vor, als würde ich einen kurzen spitzen Schrei von mir geben.

Zittrig und so gut es mit dem wenigen Platz geht, ziehe ich meine Knie bis an mein Kinn und verziehe kurz das Gesicht. Mein Knie schmerzt wirklich ordentlich, was jetzt aber nicht mein Hauptproblem sein sollte. Wie komme ich hier weg und das am Besten auf der Stelle? Warum hat noch keiner eine Möglichkeit erfunden sich mit einem Fingerschnipsen direkt von einem Ort zu einem anderen zu bewegen? Vielleicht sollte ich mich irgendwann einmal darum kümmern.

Langsam sehe ich mich im Innenraum um und mein Blick landet auf meinem Mobiltelefon. Wie lange liegt es schon in der Mittelkonsole und macht nicht auf sich aufmerksam? Obwohl es das ja von selbst auch gar nicht kann. Warum bin ich eigentlich nicht vorher auf die Idee gekommen?

Ich nehme es in die Hand und entsperre das Display. Direkt strahlt mir der bekannte Name entgegen:

Hab dich leider nicht mehr gesehen und weil ich es dir nicht persönlich sagen konnte: Gute Nacht.

Für einen Moment muss ich lächeln. Sie hat mich also nicht schon wieder absichtlich gemieden, wie ich es mir bereits einreden wollte. Wahrscheinlich hat sie mich einfach nicht gefunden, weil ich mich ja unbedingt unsichtbar machen musste. Meine eigene Schuld mal wieder.

Was ich als nächstes mache, überrascht mich schon fast nicht mehr. Jeder normale Mensch, mit einem halbwegs guten Verhältnis zu seinen Eltern, würde wohl nach 11 Uhr abends bei ihnen anrufen, wenn er mit einer Autopanne irgendwo festsitzen würde. Ich, trotz sehr gutem Verhältnis, offensichtlich nicht. Mein Finger berührt sofort das Display und ich ziehe das Telefon an mein Ohr. Es läutet lange. Zu lange.

Geknickt will ich wieder auflegen, als sich doch noch die erhoffte Stimme am anderen Ende meldet: „Hey du..." Sie klingt ein wenig belegt, fast ein wenig müde. Ich kneife kurz die Augen zusammen, als ich meine Rückschlüsse daraus ziehe. Es ist spät und sie hat wahrscheinlich schon geschlafen. Jetzt habe ich sie geweckt und ich fühle mich schlecht deshalb. Ich kann doch nicht so spät noch bei ihr anrufen.

Brittany?" Es raschelt ein wenig am anderen Ende und ich bin mir fast sicher, dass sie sich im Bett gedreht hat.

„Santana...?" Ich weiß ehrlich nicht, warum ich jetzt auch noch flüstere. Meine Stimme klingt beinahe ein wenig gespenstig in die Stille hinein und lässt mir selbst einen Schauer über den Rücken laufen.

Ja?"

„Ähm...schläfst du?" Eine noch dümmere Frage kann man eigentlich nicht stellen. Sie kann ja schlecht ans Telefon gehen, wenn sie schläft. Ich schlage mir die flache Hand gegen die Stirn. Es beruhigt mich aber ein wenig, als sie am anderen Ende nur sachte lacht und es sich nicht nach einem Auslachen anhört. Es ist eher einfach amüsiert.

Sie gähnt kurz: „Nicht mehr, aber macht nichts." Einen Moment kehrt wieder Stille ein, die sie dann aber zum Glück durchbricht: „Ist alles okay? Warum flüsterst du eigentlich?"

„Ich habe Angst, dass er mich hört, wenn ich lauter spreche..." ist meine knappe, leise Antwort.

Wer?" Warum bin ich mir sicher, dass sie jetzt in ihrem Bett liegt und die Stirn irritiert in Falten gelegt hat? Wenn nicht andere Dinge wichtiger wären, würde ich sie tatsächlich fragen, ob es so ist und ich Recht habe.

Wenn mir nicht auch wieder auffallen würde, dass meine Gedanken total dämlich sind, würde ich ihr jetzt wohl auch vom Maskenmann und meiner Panik vor ihm erzählen. Aber es gibt überhaupt keinen und ich sollte mich langsam mal um das Wesentliche kümmern: „Nicht so wichtig...aber ich hab ein Problem. Mein Auto springt nicht an und ich sitze fest."

Wo bist du?"

„Noch vor dem Glee Club." antworte ich und sehe kurz in den Rückspiegel. Erkennen kann ich draußen jedoch nichts mehr: „Ich weiß nicht, was ich machen soll, es ist..."

Bang bang bang bang bang bang

Ich schreie. Mein Handy fliegt in hohem Bogen durch die Fahrerkabine, als links von mir etwas gegen die Seitenscheibe hämmert. Ich schlage die Hände über den Kopf und kneife die Augen zusammen. Jetzt ist es also gleich aus uns vorbei. Ich kann nur noch darauf warten, dass die Scheibe bricht und mich jemand packt und in mein Verderben zieht.

Aber es passiert nichts. Nur das stete Klopfen gegen das Glas erfüllt weiterhin meine Ohren und ich drehe schließlich verunsichert meinen Kopf in die Richtung. Ich brauche einen Moment, bis ich überhaupt etwas erkenne, aber schließlich zeichnen sich die Umrisse einer Person ab. Einen Baseballschläger oder ein Messer kann ich nicht erkennen, was aber nichts heißen mag. Trotzdem lege ich meine Finger an den Fensterheber und lasse es einen winzig kleinen Spalt herunter.

„Halloohoo hübsches Kind..." Die alkoholische Wolke trifft mich ein wenig unvorbereitet und aus einem ersten Impuls heraus, würde ich das Fenster gerne wieder schließen. Die Tatsache, dass er dazu noch lallt macht ihn noch weniger vertrauenswürdig: „Probleme mit dem Auto?"

Ich nicke nur leicht und versuche ein wenig mehr von ihm zu erkennen. Er hat verfilzte Haare und ist unrasiert. Als er lächelt, fallen mir sofort die schiefen und nur noch wenigen Zähne in seinem Mund auf. Sein ganzes Erscheinungsbild wirkt ungepflegt.

„Soll ich helfen?" Ich glaube kaum, dass er in seinem Zustand überhaupt noch in der Lage ist, mir bei überhaupt irgend etwas zu helfen und ich überprüfe sicherheitshalber lieber ein weiteres Mal, ob die Tür auch wirklich abgeschlossen ist.

„Danke, aber...es kommt gleich jemand..." Es ist zwar gelogen, aber in meinem derzeitigen Zustand wäre ich einfach nur froh, wenn er wieder gehen würde. Wahrscheinlich ist er ein netter Kerl, wenn man ihn nicht nachts und betrunken trifft, aber ich will es eigentlich nicht unbedingt heraus finden. Heute habe ich einfach kein Glück und er würde sich wohl doch nicht als nett heraus stellen.

Er schwankt kurz und hält sich dann mit einer Hand an meinem Autodach fest: „Hast du dann einen Dollar?"

Von mir aus kann er alles haben, was er will, wenn er nur geht. Ich greife mit zittrigen Fingern nach meinem Portemonnaie und ziehe mein letztes Geld heraus. Nur ein paar Dollar, aber immerhin. Ich greife das Bündel am äußersten Ende an und schiebe es langsam durch den Spalt.

Sofort schließt sich seine Hand darum und entreißt es mir: „Danke, hübsches Kind." lallt er ein weiteres Mal und schenkt mir wieder dieses zahnlose Lächeln. Als er sich umdreht, bin ich mir fast sicher, dass er gleich auf den Boden fällt. Dann müsste ich ihm helfen und allein der Gedanke lässt mich erschaudern. Deshalb bin ich wirklich froh, als er doch sein Gleichgewicht behält und davon torkelt.

Was fehlt denn an diesem Tag jetzt noch? Irgendwie kann doch nicht noch mehr passieren. Aber bei meinem Glück löst allein dieser Gedanke eine weitere Katastrophe aus.

Nachdem sich meine Atmung wieder etwas beruhigt hat, erinnere ich mich an etwas und schaue mich sofort suchend im Inneren des Autos um. Im Fußraum vor dem Beifahrersitz entdecke ich es schließlich, strecke mich danach und ziehe das Telefon zurück an mein Ohr: „Santana?"

Stille. Als ich es nach unten nehme und betrachte, weiß ich auch weshalb. Ein großer Riss teilt das Display entzwei und es zeigt keine Reaktion mehr auf jegliche Berührung. Frustriert werfe ich es auf den Beifahrersitz. Hätte ich bloß nicht daran gedacht, es könnte nicht mehr schlimmer kommen.

Meine Augen bohren sich finster durch die Dunkelheit in das große Gebäude. Den Ort allen Übels: „Es ist alles deine schuld!" Jetzt bin ich also schon soweit und möchte am liebsten ein Haus beschimpfen. Aber es hat es auch wirklich verdient.

Was mach ich denn jetzt? Wenn ich wenigstens eine Nummer aus meinem Handy auswendig kennen würde, könnte ich sicher nach einer Telefonzelle suchen. Oder in das böse Gebäude gehen und von dort jemanden anrufen. Aber dafür müsste ich wiederum den Code der Alarmanlage auswendig kennen, sonst würde ich nur noch mehr Chaos an diesem einen Tag veranstalten. Jedenfalls weiß ich jetzt, dass ich mir unbedingt ein Notizbuch mit all diesen Nummern zulegen muss. Eine Erkenntnis mehr, aber keinen Schritt näher an einer Lösung.

Fahren jetzt noch Busse? Aber selbst wenn, habe ich kein Geld mehr, um mir ein Ticket zu kaufen. Bei meinem Glück, würde ich dabei nur wieder erwischt werden. Laufen? Eindeutig zu weit und zu unheimlich. Im Auto schlafen? Wird langsam zu einer Option.

Gerade, als ich ein weiteres Mal über die möglichen Gefahren des Heimlaufens sinniere, schießen zwei Autoscheinwerfer aus der Dunkelheit auf den Parkplatz. Das Auto fährt viel zu schnell und nähert sich unaufhaltsam meinem eigenen. Ob mich der Fahrer nicht sieht? Es würde wirklich zu diesem Tag passen, wenn es mich jetzt gleich rammen würde. Am besten stelle ich mich schon einmal darauf ein.

Fast zu meiner Überraschung, kommt es aber genauso abrupt kurz vor meinem Auto zum Stehen. Geblendet durch das grelle Licht kann ich nicht viel sehen und schreie fast schon wieder los, als auf einmal die Silhouette einer weiteren Person an meiner Scheibe erscheint.

Dank der Scheinwerfer kann ich sie aber schnell zuordnen. Sie steht mit ernstem Gesichtsausdruck vor mir. Sie sieht beinahe ein wenig verängstigt und panisch aus, wie sie so auf mich hinunter blickt. Ihre Haare stehen an einigen Stellen ab, kein Make up auf ihrem Gesicht und sie trägt lediglich eine Jogginghose und ein weißes Tanktop. So sieht man wahrscheinlich aus, wenn man gerade aus dem Schlaf gerissen wurde.

Ich muss lächeln. Nicht nur, weil sie tatsächlich gekommen ist, sondern auch, weil sie in meinen Augen nie besser ausgesehen hat.

Als ich merke, wie sie versucht die Tür zu öffnen, entriegele ich die Zentralverriegelung und springe sofort aus dem Fahrzeug. Meine Arme schlingen sich um ihren Körper und ziehen sie eng an meinen eigenen: „Du bist da."

Sie zittert, bebt fast in meinen Armen und anstatt die Umarmung zu erwidern, stößt sie mich ein wenig unsanft von sich: „Mach das nie wieder!"

Was ist denn das jetzt? Verwirrt reibe ich mir über die Arme: „Was soll ich nie wieder machen?"

„Du kannst nicht einfach am Telefon los schreien und dann ist es tot und ich erreiche dich nicht mehr." Sie will wütend klingen, aber etwas an ihrer Stimme spiegelt diesen Zustand nicht wirklich wider. Als sie weiter spricht, wird mir auch klar, was es ist: „Ich hab gedacht, es wäre sonst was passiert. Ich bin hier her gerast wie eine Bekloppte und du sitzt fröhlich in deinem Auto."

Sie hat sich Sorgen gemacht. Ich muss schon wieder lächeln. Wenn man aber so darüber nachdenkt, hätte ich mir in ihrer Situation wohl auch tierische Sorgen gemacht. Deshalb kann ich es ihr fast nicht verübeln, dass sie nun so abweisend ist. Obwohl ich nichts dafür kann und ganz sicher nicht fröhlich in meinem Auto saß.

Ich senke den Blick nach unten und vertreibe das dämliche Lächeln von meinem Gesicht. Es ist wohl ein wenig unangebracht: „Tut mir leid...da kam dieser Typ. Ich hab mich erschreckt und das Handy fallen gelassen. Es ging dabei irgendwie kaputt. Ich wollte dich damit nicht verärgern..."

Sie seufzt: „Ich bin nicht sauer. Jedenfalls nicht wirklich..." ist ihre Antwort darauf und ich sehe aus dem Augenwinkel, wie sie kurz den Kopf schüttelt und die Augen zu kneift. Dann spricht sie weiter: „Was ist also mit deinem Auto? Die Batterie scheint ja nicht leer zu sein."

„Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung von Autos. Es will einfach nicht anspringen und gibt nur noch komische Geräusche von sich." Ich steige ein weiteres Mal ins Innere und führe ihr kurz einen Zündversuch vor. Wieder kein positives Ergebnis. Ich bin fast ein wenig froh darüber. Wenn es jetzt angesprungen wäre, hätte das wirklich nicht gut für mich ausgesehen und sie wäre sicherlich doch noch richtig sauer geworden.

„Hm..." Sie sieht einen Moment nachdenklich auf das Lenkrad, dann endlich wieder zu mir. Ganz so aufgebracht wirkt sie nicht mehr, obwohl sie auch nicht sonderlich entspannt aussieht: „Ich weiß, wie man sie kurzschließt, aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter."

Ich mache mir eine innere Notiz. Später muss ich sie unbedingt danach fragen, woher wie das kann, aber jetzt scheint nicht der richtige Augenblick dafür zu sein. Deshalb kaue ich nur wieder eine Weile auf meiner Lippe herum, bevor ich meine größte Angst ausspreche: „Muss ich also wirklich hier schlafen...?"

„Britt..." Ihre Lippen zucken und sie sieht kurz nach unten. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, aber ich bin sicher, dass sie lächelt. Als sie wieder zu mir sieht, haben ihre Augen wieder diesen sanften Ausdruck angenommen, den ich so sehr mag. Sie hält mir ihre Hand entgegen: „Komm, ich fahr dich heim."

Meine Laune hellt sich unweigerlich auf und es ist mir wohl auch am Gesicht abzulesen. Ihre Mundwinkel zucken nämlich erneut, als ich sie anstrahle, erst meine Habseligkeiten packe, dann ihre Hand ergreife und schnell aus dem Auto springe.

Langsam führt sie mich zu ihrem eigenen, viel zu großen Auto und als mir ein Gedanke kommt, muss ich die Frage einfach stellen: „Wie viel Uhr ist es denn?"

Sie sieht kurz zu mir und scheint zu überlegen, wo diese Frage auf einmal her kommt. Dann greift sie jedoch mit ihrer freien Hand in ihre Hosentasche und zieht ihr eigenes Handy hervor. Nach einem kurzen Blick darauf, antwortet sie: „23:32 Uhr. Wieso?"

„Ach, nur so..." nuschele ich und schiele wieder zu ihr. Vielleicht kann dieser Tag ja doch noch auf eine positive Art und Weise enden.

x x x

Aus dem Augenwinkel beobachte ich sie, während ich meine Hand nach einem der vielen Knöpfe im mittleren Armaturenbrett ausstrecke. Seitdem ich vor kurzem die Heizung eingeschaltet habe, ist sie allerdings auf der Hut und schiebt auch jetzt wieder sanft, aber bestimmt, meine Finger zurück. Genau wie ich, schmunzelt sie dabei und findet dieses Spielchen wohl genauso amüsant. Wenn nicht, hätte sie mir wohl auch schon längst gesagt, dass ich meine Finger bei mir behalten soll.

Immerhin hält sie meine Hand jedes Mal so lange fest, bis sie diese wieder sicher auf meinem eigenen Oberschenkel verstaut hat. Wenn ihr diese Berührung genauso viel Konzentration abfordert oder sie genauso ablenkt, wie es bei mir der Fall ist, dann könnte es wirklich sehr stark ihre Fahrfähigkeiten einschränken.

Aber mindestens so faszinierend wie dieses Spielchen, ist auch dieses Auto. Es ist innen genauso riesig wie von außen und ich finde es wirklich erstaunlich, dass sie überhaupt noch über das Lenkrad hinweg schauen kann. Ich habe zwar wirklich überhaupt keine Ahnung welche Marke es ist, aber es ist großartig. Vor allem diese vielen Knöpfe.

Trotzdem frage ich mich schon die ganze Zeit, wie sich Santana so ein Auto leisten kann. Es muss Unmengen gekostet haben. Sofern es ihr überhaupt gehört. Langsam drehe ich meinen Kopf zu ihr, kneife die Augen zusammen und bohre sie interessiert in ihr Profil. Nachdem, was sie mir vorhin erzählt hat, könnte es doch auch durchaus nicht ihres sein.

Sie scheint meinen Blick zu bemerken und sieht immer mal wieder kurz zu mir: „Was ist denn?"

„Es ist jetzt vielleicht eine dumme Frage, aber..." setze ich an und lege den Kopf ein wenig schief: „Hast du das Auto geklaut?" Ich weiß nicht, warum ich diese Frage tatsächlich stelle. Vielleicht, weil sie mich mit der Aussage über ihr spezielles Autokurzschließtalent wieder an ihre Vergangenheit erinnert hat. Es würde doch durchaus Sinn ergeben, wenn sie wegen Autodiebstahl verhaftet wurde. Immerhin scheint sie ja Autos stehlen zu können.

Trotzdem spricht ihr irritierter Blick bände und sie muss sich kurz wieder sammeln um zurück auf die Straße zu schauen: „Nein. Mein Dad hat es mir zu meinem 18. geschenkt."

„Hm..." Ich drehe mich in meinem Sitz zurück und lehne den Kopf seitlich an die Scheibe: „Fast ein wenig schade." Ich hätte mich ein wenig wie in einem wilden Verbrecherfilm gefühlt, wenn es so gewesen wäre. Bonnie und Clyde oder so etwas. Obwohl ich mich echt nicht entscheiden könnte, wer von uns beiden Clyde spielen sollte. Vielleicht doch einfach Bonnie und Claudette. Oder Claudia. Aber sterben am Ende nicht beide?

Das Auto kommt an einer Ampel zum Stehen und ich höre an den Geräuschen, dass sie sich zu mir wendet: „Wieso ist es denn schade?"

„Irgendwie wäre es doch aufregend." Ich sehe durch die Reflexion in der Seitenscheibe, wie sie mich aufmerksam betrachtet. Als ich lächele und sie das Lächeln sofort erwidert, weiß ich, dass sie mein Gesicht ebenfalls gespiegelt sehen kann: „Aber eigentlich dachte ich, ich hätte dein Geheimnis gelöst. Deine Vorstrafe."

„Beschäftigt es dich doch so sehr?" Fast ein wenig geknickt wendet sie sich wieder der Straße zu und das Auto setzt sich erneut in Bewegung. Ich weiß nicht so recht woher dieser Stimmungswechsel kommt. Allerdings hatte ich ihr ja gesagt, dass mich ihre Vergangenheit nicht interessiert und jetzt fange ich doch wieder damit an.

Kurz strecke ich meine Hand nach ihr aus und drücke meinen Zeigefinger leicht gegen ihre Schulter. Ihre Augen flackern einen kurzen Moment zu mir herüber: „Es beschäftigt mich nicht, ich musste nur gerade daran denken. Du kannst immerhin Autos kurzschließen. Das ist schon ziemlich cool."

Schmunzelnd schüttelt sie den Kopf: „Deshalb haben sie mich aber nicht verknackt." antwortet sie und erst nach einem weiteren Moment Stille fährt sie seufzend fort: „Irgendwann erzähl ich es dir. Nicht heute Nacht."

An ihren versteiften Gesichtszügen kann ich erkennen, wie sehr sie dieses Thema anscheinend selbst beschäftigt. Es muss wirklich etwas Schlimmeres sein, sonst würde sie das alles nicht so sehr mitnehmen und sie würde es mir einfach erzählen, anstatt mit sich herum zu tragen. Allerdings erzählt man einem Fremden ja nicht unbedingt immer sofort alles, sonst hätte ich ihr vielleicht auch von meinem Problem erzählt, bevor es heute sowieso jeder erfahren hat.

Wenn es aber wirklich etwas Schlimmes ist, könnte es auch eine andere Möglichkeit für ihr Schweigen geben. Nachdenklich betrachte ich sie wieder: „Kann es sein, dass du mich irgendwie schützen willst?" Wieder wandert ihr Blick interessiert von der Straße zu mir und ich muss selbst kurz sicher gehen, dass vor uns keine Hindernisse auftauchen, bevor ich wieder zu ihr sehe: „Wenn ich es weiß, bringst du mich in Gefahr. Bist du vielleicht in der Mafia oder so? Santana Lopez...das ist ein Mafianame, oder?"

„Oh mein Gott, Britt." Sie reißt ihre Augen auf und dann lacht sie. Sie lacht herzhaft los und umklammert mit ihren Händen fester das Lenkrad. Es dauert eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigt hat. Eine ganze Weile, in der ich sie mit einem dümmlichen Grinsen beobachte und mich erneut über diese ehrliche und herzliche Art zu Lachen freue. Wenn sie nur immer so Lachen würde.

Sie wischt sich kurz eine Träne aus dem Augenwinkel: „Die Mafia kommt aus Italien. Mein Name ist spanisch."

Ich verziehe das Gesicht und sehe auf die Straße. Das war also wohl eine dumme Aussage von mir. Es versetzt mir allerdings keinen Stich, wie ich es eigentlich erwartet hätte. Sie hat es nicht so ausgesprochen, als wollte sie mich zurechtweisen oder sich über mich lustig machen wollen. Sie hat es mir einfach nur erklärt und ich fühle mich trotz ihrem Lachen nicht lächerlich gemacht. Wahrscheinlich, weil sie mich nicht ausgelacht, sondern über mich gelacht hat. Das ist ein großer Unterschied.

„Ich bin nicht in der Mafia und ich will dich auch vor nichts beschützen." Obwohl sie eben noch gelacht hat, klingt sie jetzt plötzlich unnatürlich ernst und lenkt damit meine Aufmerksamkeit wieder auf sie zurück. Es wäre wohl einfacher, wenn ich mich überhaupt nicht mehr von ihr wegdrehen würde. Mein Kopf bekommt von diesem ganzen Hin und Her nur noch ein Schleudertrauma.

Ohne zu mir zu sehen, fügt sie leise hinzu: „Ich beschütze eher mich damit."

Das ergibt mal wieder absolut keinen Sinn in meinem Kopf. Was soll ich ihr denn bitte antun, wenn ich es weiß. Es ist ja nicht so, dass ich ein großes Drama daraus mache und was kann bitte so schlimm sein, um meine Meinung zu ändern? Genau diese Gedanken muss ich mit ihr teilen: „Glaubst du wirklich, ich könnte dir mit dem Wissen irgendwie schaden? Wahrscheinlich kann ich es mir eh nicht lange merken."

Ich habe es zwar nicht bemerkt, aber wir sind mittlerweile in meine Straße eingebogen. Sie macht mich darauf aufmerksam, als sie die Frage übergeht und nach draußen deutet: „Welches Haus ist es?"

Obwohl ich es nicht will, muss ich den Blick von ihr abwenden und mich kurz orientieren. Es ist wirklich nicht mehr weit und gleich muss ich aus ihrem Auto aussteigen. Dieser Gedanke erfüllt mich fast ein wenig mit Wehmut und ich seufze kaum hörbar: „Nummer 123."

Nachdem sie den Wagen sicher in unsere Einfahrt gelenkt hat, stellt sie den Motor ab und überrascht mich damit total. Ich war eigentlich der Meinung, sie würde mich nur schnell aussteigen lassen und dann sofort wieder fahren. Als ich den Kopf zum unzähligsten Male zu ihr drehe, treffen sich unsere Blicke. Ihre Augen erinnern mich an das Gefühl, das ich vor wenigen Sekunden selbst hatte. Sie wirken wehmütig, traurig: „Ich habe eher Angst davor, du könntest doch noch wie alle anderen davon rennen."

„Keine Chance." Ich lächele wieder. Dieses Mal ist es aber nicht wirklich ein fröhliches Lächeln. Es ist traurig, weil mich allein der Gedanke daran traurig macht, dass sie so etwas für möglich hält. Wenn sie wüsste, wie tief ich in dieser Sache schon drin stecke, würde sie so etwas überhaupt nicht denken.

Ihre Augen wandern beinahe suchend, abschätzend über mein Gesicht und ich würde zu gerne wissen, was sie gerade denkt, dann räuspert sie sich: „Kann ich dich jetzt auch mal etwas fragen?"

„Was du möchtest" gebe ich ehrlich zurück und betrachte sie weiterhin, während ihre Augen fast ein wenig rast und ruhelos durch den Innenraum des Wagens fliegen und einen Moment brauchen, um mich wieder direkt anzusehen.

„Wieso denkst du so schlecht von dir selbst?" Diese Frage trifft mich unvorbereitet. Eigentlich waren wir doch bei einem ganz anderen Thema und wieso sich das Gespräch so plötzlich in eine andere Richtung entwickeln soll, ist mir nicht bewusst. Was ich darauf antworten soll, ist mir mindestens genauso unklar. Liegt die Antwort nicht eigentlich auf der Hand?

„Also..." stammele ich los und breche meinen Vorsatz mich nicht mehr von ihr wegdrehen zu wollen. Einen kurzen Augenblick sehe ich nachdenklich aus der Frontscheibe, dann hinunter auf meine Hände, die unruhig über meine Oberschenkel fahren: „Ich bin nicht besonders schlau..." Selbst wenn ich das schon lange erkannt habe, ist es laut auszusprechen doch noch schwer genug. Es ist dann nicht mehr nur meine eigene Einsicht, ich teile sie so schließlich mit einem anderen Menschen: „Irgend etwas stimmt mit meinem Kopf nicht..."

Die Fingerspitzen ihrer Hand fahren meinen Arm entlang und ich betrachte sie fasziniert dabei, während sie sich ihren Weg zu meiner eigenen Hand bahnen. Auf jedem Fleck meiner nackten Haut hinterlassen sie auf dieser Reise eine Spur von angenehmer Gänsehaut. An ihrem Ziel angekommen, fahren sie zwischen meine eigenen Finger und verschränken sich mit ihnen: „Das ist eigentlich keine Antwort auf meine Frage."

„Na ja...es ist so..." Die unruhigen Bewegungen meiner Hände werden nun von einem nervösen Wippen mit den Beinen abgelöst: „Was soll halt aus mir werden? Ich kann nicht besonders gut schreiben...lesen ist auch so eine Sache. Wenn ich unter Druck stehe, ergeben Buchstaben überhaupt keinen Sinn mehr. Ich kann mich nur noch an einen Bruchteil von dem erinnern, was mir in der Schule beigebracht wurde. Das meiste habe ich sowieso nie verstanden. Ohne Hilfe hätte ich den Abschluss wohl nie geschafft. Ich bin mir fast sicher, dass mich einige Lehrer besser benotet haben, weil sie mich einfach los werden wollten..." Ihr Daumen streicht behutsam über meine Fingerknöchel, durchbricht meinen Wortwasserfall und ich verliere dadurch den Faden: „Außerdem werde ich viel zu schnell abgelenkt. Das hier lenkt mich jetzt auch total ab..."

„Was? Das hier?" Sie nickt kurz zu unseren verschlungenen Fingern und da sie sich anscheinend nicht sicher ist, ob ich die Bewegung mit meinem abgewendeten Gesicht überhaupt sehe, schüttelt sie die beiden Hände ganz leicht.

Ich nicke nur und das Nächste, was sie macht, ist meine Hand an ihre Lippen zu ziehen. Lange drückt sie ihren warmen Mund an meinen Handrücken. Als ich meinen Kopf daraufhin doch zu ihr drehe, sieht sie mir über die Finger hinweg in die Augen und lässt sie schließlich nur ganz leicht sinken. Meine Hand an ihr Kinn gedrückt, spricht sie weiter: „Ich denke, dein Kopf ist vollkommen in Ordnung. Nicht jeder Mensch muss gut in der Schule sein, um etwas aus sich zu machen. Es zählt, was du dir vornimmst und ob du es umsetzt. Du musst einfach mehr an dich glauben, dann klappt es von ganz alleine."

Gerade als ich den Mund öffne um etwas zu erwidern, unterbricht sie mich noch einmal mit einem weiteren kribbelnden Kuss auf meine Hand: „Du bist zwar echt süß, wenn du so unsicher bist, aber du solltest einfach selbst mal erkennen, wie besonders du wirklich bist."

Die Schmetterlinge in meinem Bauch beginnen ein Volksfest. Sie rennen und springen herum. Wahrscheinlich betrinken sie sich sogar, sonst würden sie sicher nicht so durchdrehen. Noch nie in meinem Leben, wollte ich einen Menschen so sehr küssen, wie ich es jetzt gerade mit Santana tun möchte. Alles in mir stößt einen Jubelschrei aus, als sie tatsächlich kurz auf meine Lippen sieht und sich dann langsam über die Mittelkonsole zu mir hinüber lehnt. Immer näher kommt sie meinem Mund und ich brenne darauf von ihr zu kosten.

Wäre mein Kopf nicht, könnte mein eigener Liebesfilm auch tatsächlich wahr werden. Er zieht jedoch wie aus dem Nichts eine innere Barriere hoch. Sie hat mich fast erreicht, ihre Augen bereits geschlossen, als die Alarmanlage in meinem Hirn anspringt und unaufhörlich ein S.O.S Signal sendet.

Vielleicht ist es, weil wir direkt vor meinem Elternhaus stehen. Zwischen Häusern. Es könnte ja irgendwo jemand an seinem Fenster stehen oder vorbei laufen und uns sehen. Vielleicht ist es, weil ich überhaupt nicht weiß, was ich machen soll und ob es überhaupt groß anders ist eine Frau zu küssen. Vielleicht ist es, weil mich trotz ihrer Worte wieder die Selbstzweifel packen und ich nicht weiß, ob ich ihren Ansprüchen genüge. Vielleicht ist es, weil ich Angst davor habe, was danach passiert, wenn wir diese Grenze tatsächlich überschreiten. Vielleicht ist es, weil ich nicht weiß, ob sie selbst so tief in dieser Sache drin steckt, wie ich es bereits tue.

„Sie wird dir nur weh tun." Mercedes Worte hallen durch meinen Kopf. Monoton und langanhaltend. Immer und immer wieder. Sie vertreiben all die Sehnsüchte und bringen die aufkommende Panikattacke zur Explosion.

Viel zu ruckartig und viel zu harsch stoße ich sie von mir. Als nächstes bin ich soweit von ihr weggerutscht, dass mein Rücken schmerzhaft gegen die Beifahrertür kracht. Mein Schädel brummt und mein gesamter Körper fühlt sich an, als würde er unkontrolliert zittern.

Wenn ich mich nicht gerne selbst direkt für diese völlig übertriebene Reaktion schlagen wollen würde, wäre ihr Gesichtsausdruck der absolute Schlag ins Gesicht. Mit offenem Mund sieht sie mich an. Eine dunkle Wolke zieht über ihre Gesichtszüge und für einen kurzen Augenblick habe ich das Gefühl, sie wird jede Sekunde anfangen zu weinen. Am liebsten würde ich gerne direkt wieder näher rücken, mich entschuldigen und mich erklären. Obwohl ich selbst keine Erklärung dafür habe, warum ich ein weiteres Mal in meinem Leben genau das Falsche tun musste. Das Gegenteil von dem, was ich wirklich möchte.

Aber dann kehrt ein anderer Ausdruck in sie und hält mich davon ab. Einer, den ich schon kennen lernen durfte. Es ist diese Mauer, die sie um sich herum aufstellt, wenn sie ihre eigenen Emotionen zu verdrängen versucht. Ihre Stimme ist hart. Nur anfänglich schwingt ein leichtes Zittern darin mit: „Was soll das? Was ist das hier für ein Spiel?"

„Santana..."

Mit einer wütenden Handbewegung bringt sie mich zum Schweigen und fährt sich dann durch die Haare, bevor sie mich wieder finster ansieht: „Warum machst du das? Warum spielst du mir etwas vor und lässt mich dann so auflaufen?"

Ihre Stimme ist nur noch ein dunkles Zischen. Wenn sie mich wenigstens auch mal wieder zu Wort kommen lassen würde, dann könnte ich mich erklären. Könnte ihr sagen, dass ich sofort als ich es getan habe, schon wusste, dass ich einen Fehler gemacht habe. Aber sie tut mir den Gefallen nicht: „Ich war mir sicher, du willst es auch. Du hättest mich heute Mittag verdammt noch mal geküsst!"

„Ich..."

Und wieder komme ich nicht weiter. Sie lässt mir bei ihrem Ausbruch überhaupt keine Chance und ich weiß nicht, ob ich langsam verängstigt oder einfach nur noch darüber frustriert sein soll: „Du hast jedes Mal darauf reagiert. Ich hab deine Reaktionen doch bemerkt. Ich hab echt geglaubt, du willst es genauso wie ich. War das alles nur gespielt?"

Jetzt müsste es doch endlich mal meine Zeit sein um etwas sagen. Um auf ihre Fragen zu antworten und ihr zu sagen, dass ich ihr nichts vorgespielt, nichts vorgetäuscht habe. Das mich jede ihrer Berührungen um den Verstand bringt und ich den ganzen Tag an nichts anderes denken konnte, als sie zu küssen. Es ist an der Zeit ihr zu sagen, dass ich nicht weiß, warum ich eben so falsch reagiert habe. Warum ich es nicht passieren lassen konnte. Aber die Zeit kommt nicht.

„Ich hab echt gedacht, du wärst wie ich." sagt sie leise und die Trauer in ihren Worten ist nicht zu überhören und ihrem Gesicht kurzzeitig auch anzusehen. Sofort nimmt ihre Stimme aber wieder an Härte zu, sie knurrt beinahe und dreht ihren Kopf nun komplett von mir weg: „Raus aus meinem Auto."

Ich sitze nur da und rühre mich nicht. Ich möchte wirklich meinen Mund öffnen und dieses Drama doch noch in ein Happy End verwandeln, aber ich bin wie versteinert. Es ist alles einfach zu viel und es hilft auch nicht, dass plötzlich ein Blitz am Horizont aufflackert und mich zusammen zucken lässt.

Es hilft auch nicht, dass ihm kurz darauf ein lautes Donner grollen folgt. Es ist aber nicht der Donner, der mich letztendlich aus dem Auto befördert. Ich habe wirklich wahnsinnige Angst vor Gewittern, aber jetzt ist es nicht der Grund. Es ist ihre Stimme, die mich in diesem Moment mehr verängstigt, als sie ihre wütenden, feucht schimmernden Augen doch noch einmal zu mir dreht. Sie sieht so verloren aus, als sie das Wort beinahe brüllt: „Raus!"

Als nächstes setzen sich meine Füße auf den Asphalt und fast dröhnend reißt sie von innen die Tür hinter mir sofort zurück in ihre Angeln. Ein kurzes Klicken ertönt und ich bin mir ziemlich sicher, dass es von der Zentralverriegelung stammt. Völlig perplex starre ich auf das Fahrzeug. Ich kann mich keinen Zentimeter von der Stelle bewegen. Wie konnte das alles nur so schief gehen?

Ich will es doch wirklich. Ich möchte das mit Santana. Wieso muss sich mein Kopf gerade dann einmal einschalten, wenn er es nicht tun sollte? Er bleibt sonst doch auch oft genug stumm. Warum musste er all das in Frage stellen, was mir mein Herz seit Tagen schon sagt?

Erst als ich die Motorengeräusche wahr nehme, werde ich aus meiner Schockstarre gerissen. Der Wagen setzt sich rückwärts in Bewegung und die Scheinwerfer blenden mich ein weiteres Mal. Es ist der Moment in dem mir klar wird, dass ich etwas tun muss. Ich muss etwas tun, sonst lasse ich mir diese Sache, diese eine Person, durch die Finger gleiten und kann es wahrscheinlich nie wieder gut machen.

„Santana!" Es ist mir egal, wie spät es ist und wie laut ich schreie. Ich muss sie irgendwie aufhalten. Ich muss etwas tun. Mein Puls rast erneut. Er rast vor lauter Angst, es nicht wieder hin biegen zu können.

Endlich kommt wieder Leben in meine Glieder und ich renne ihrem Auto nach. Der Schmerz in meinen Knie macht sich erneut bemerkbar. Aber er ist mir egal. Ich renne, als würde alles davon abhängen. Schließlich erreiche ich die Seite des Fahrzeugs, als sie gerade aus der Einfahrt auf die Straße eingebogen ist und hämmere meine Hände gegen die Beifahrertür: „Halt an!"

Wieder einmal will sie mir diesen Gefallen nicht tun. Ich kann es sogar verstehen. Aber es wäre so wichtig, wenn sie mir diese eine Gelegenheit geben würde. Wenn sie nur wüsste, wie wichtig es mir wirklich ist. Ich taumele ein wenig zurück, als sich das Fahrzeug wieder in Bewegung setzt. Mein Kopf ist so benebelt, dass ich überhaupt nicht mehr klar denken kann. Deshalb denke ich auch nicht weiter darüber, als ich mein Handy aus der Hosentasche ziehe und es ihr mit einer solchen Wucht hinterher werfe.

Ich weiß nicht, ob der Aufprall auf ihrem Heck tatsächlich so laut ist, wie er mir vor kommt. Es ist mir aber auch egal. Als sie mir quietschenden Reifen abrupt wieder zum Stehen kommt, habe ich mein Ziel erreicht. Alles andere ist unwichtig, als ich sofort wieder auf das Auto zu renne.

Sie kommt mir entgegen. Wir treffen uns an ihrem Heck und ihre Wut scheint einen neuen Höhepunkt erreicht zu haben. Wenn nicht ihre geröteten Augen und der leichte feuchte Film auf ihrem Gesicht wären, würde es mich vielleicht sogar beunruhigen. Jetzt bin ich mir aber einfach nur sicher, dass sie zwar wütend, aber vor allem einfach nur verletzt ist. Verletzt durch mich. Und dagegen werde ich etwas tun. Ich wollte sie nicht verletzen und ich werde es wieder gut machen.

„Spinnst du jetzt total?" feuert sie mir entgegen und ihre Augen fallen kurz auf das nun komplett zerstörte Handy am Boden und die Delle in ihrem Lack: „Du bist total bescheuert!"

„Wie viel Uhr ist es?" Diese ruhige Frage kommt ziemlich unpassend und überraschend aus meinem Mund. Warum es mir in diesem Moment noch so wichtig ist, ist mir auch nicht klar. Aber ich muss es wissen. Ich will es wissen.

„Das ist nicht dein ernst." Entnervt schüttelt sie nur den Kopf und will bereits wieder zu ihrer Tür gehen. Soweit lasse ich es aber nicht kommen. Ich packe sie an ihrem Handgelenk, ringe kurz mit ihrer Gegenwehr und drücke ihren gesamten Körper schließlich mit meinem eigenen flach gegen die Seite ihres Autos.

Ich merke, wie sich ihre Atmung erst beschleunigt und sie dann einen Moment sogar komplett ins Stocken gerät. Wie sie ihre Augen aufreißt, die ich die ganze Zeit mit meinen fixiere, während meine Finger in ihre Hosentasche gleiten. Nur kurz sehe ich nach unten um eine Antwort auf meine Frage zu erhalten. Es ist 23:58 Uhr. Es ist nicht zu spät, um diesen schrecklichen Tag doch noch in einen guten zu verwandeln.

Langsam löse ich den Griff um ihr Handgelenk und lasse die Finger durch ihre zerzausten Haare streichen. Es bricht mir beinahe das Herz, wie sie mich dabei ansieht. Verängstigt und hoffnungsvoll zugleich. Ihre Unterlippe bebt und der Tränenfluss aus ihren Augen setzt wieder zu. Sie sieht mich an, als hätte ich sie in diesem Moment komplett in meiner Hand und als hätte sie Angst davor, was ich mit dieser Macht anstelle. Ich werde sie nicht missbrauchen.

Es ist der Moment, in dem ich mich entschuldigen kann. In dem ich ihr zeigen kann, dass sie keinen Grund hat zu weinen oder Angst zu haben. Dass ich einen Fehler gemacht habe und ihn bereue. Weil ich eigentlich nichts anderes will, als genau das hier. Deshalb dauert es auch nicht lange und ich presse meine Lippen auf ihre. Fest. Fast zu fest und als würde mein Leben davon abhängen. Dieser Kontakt lässt ihrer Kehle einen erstickten Laut entgleiten. Bei mir löst er wieder dieses Kribbeln aus, dass ich sogar bis in meine Fußspitzen spüre.

Ich bin davon überwältigt, wie gut sie sich anfühlt. Wie perfekt sich diese Berührung anfühlt und wie sehr sie mein Herz wieder zum Rasen bringt. Ich bin auch darüber überrascht, dass ich die ersten Regentropfen, die auf mein Gesicht fallen, zwar wahr nehme, sie mir aber egal sind. Sogar die Blitze und der Donner sind mir egal. Ich höre sie kaum noch. Jetzt in diesem Augenblick ist es nur noch sie, die ich höre, schmecke und fühle. Es ist dieser Moment, in dem ich vor nichts anderem mehr Angst habe, weil ich sie an meinem Körper spüre und sie sich auch endlich entspannt und ihre Arme um meinen Rücken schlingt. Es ist der Moment, in dem ich endlich einmal das Richtige tue und nicht mehr darüber nachdenke, dass wir mitten auf einer Straße stehen oder was der nächste Morgen wohl bringen wird. Das Hier und Jetzt ist das einzig Wichtige.

Ich streife vorsichtig und nur kurz mit meiner Zunge über ihre Unterlippe. Alles weitere passiert von ganz allein. Mein Kopf hat sich komplett verabschiedet, ich fühle und handele nur noch. Mein Körper macht endlich das, wovon ich seit Stunden bereits träume. Meine Lippen öffnen sanft ihren Mund. Ich will nur noch sie. Ich will nur noch das. Sie im strömenden Sommergewitter küssen. Am besten Tag meines Lebens.