Kapitel 6 - Spuren im Schnee

Der nächste Morgen kam viel zu schnell. Ich hatte von meiner Familie geträumt, von dem Leben, welches ich einige Tage zuvor noch geführt hatte. Wenn mir jemand vor einer Woche gesagt hätte, dass ich bald mitten in Tyria ein ganz neues Leben führen würde, ich hätte ihn für absolut verrückt gehalten.

Würde ich jemals wieder zurück kommen? Was tat meine Familie gerade? Suchten sie mich, stand die Zeit in der anderen Welt still, solange ich hier war, oder lebte ein Parallel-Ich mein altes Leben weiter? Hatte es solche Fälle schon einmal gegeben, und wenn ja, was war mit ihnen passiert?

Auch wenn ich nicht auf eine dieser Fragen eine Antwort hatte, wollte ich zurück. Diese Welt war einzigartig, grandios, fantastisch - aber sie war auch gefährlich. Tyria kämpfte gegen die Drachen, und ich war mittendrin. Dabei konnte ich nicht mal kämpfen! Wie konnte ich auch nur ansatzweise glauben, in dieser Welt länger als ein paar Tage überleben zu können? Und was geschah, wenn ich starb? Würde ich mein altes Leben wieder aufnehmen, oder wäre endgültig alles vorbei?

Ich will zurück. Ich will einfach nur nach Hause.

„Wohin zurück? Nach Rata Sum?" Hörte ich eine seltsame, aber doch irgendwie vertraute Stimme, während ohne Vorwarnung die Vorhänge aufgezogen wurden und meine Bettdecke mit einem plötzlichen Ruck verschwand. Meine Verfassung ähnelte der nach meiner ersten Nacht in dem Gasthaus, nur dass diesmal weniger mein Kopf schmerzte, und dafür mehr der ganze Rest meines Körpers.

Man hatte mir am Vorabend noch die Wunde am Arm gereinigt und eine übelriechende Salbe darauf geschmiert, welche die Schmerzen erträglich gemacht und die Wunde einigermaßen verschlossen hatte. Doch Authen hatte mich vorgewarnt, dass ich die Nachwirkungen des Giftes noch einige Tage lang spüren würde - und jetzt wusste ich, was er damit gemeint hatte. Auch mein rechter Arm hatte wieder angefangen zu schmerzen, über Nacht hatte die Wirkung der Salbe nachgelassen. Die linke Schulter, an der Zojja mich mit dem Feuerball gestreift hatte, glühte und zog wie ein starker Sonnenbrand, und durch meinen gesamten Körper schien Feuer zu fließen. Dazu kamen noch das grelle Licht und die plötzliche Kälte, nachdem die wunderbar warme Decke so plötzlich verschwunden war.

Ich stöhnte und barg den Kopf in meiner Ellenbeuge, doch als sich nach ein paar Sekunden nichts veränderte, wagte ich einen kurzen Blick. Vor mir stand mit verschränkten Armen Narru, bereits komplett in Ihrer Rüstung und einem Wanderrucksack auf dem Rücken. Das konnte nichts Gutes verheißen.

„Worauf wartet Ihr? Es ist längst hell, und wir haben einen sehr langen Weg vor uns und sehr wenig Zeit. Zieht Euch an und packt Eure Tasche, in einer halben Stunde will ich aufbrechen."

„Häh?" War alles, was ich als Antwort zustande brachte; für mehr war mein Hirn zu so früher Stunde noch nicht in der Lage. Vermutlich war es noch lange hin bis zum Mittag, und ich hatte Hunger, mir tat alles weh, und ich würde einiges geben für ein schönes warmes Bad.

Narru stöhnte entnervt auf und warf meinen Rucksack zu mir auf die Pritsche. „Meine Ohren, was seid Ihr? Asura oder Skritt? Ich sagte doch gestern, ich werde Euch trainieren. In den Zittergipfeln. Ab heute. Und die Zeit rennt uns davon. In einer halben Stunde hole ich Euch am Laboreingang ab."

Damit verschwand sie und schlug die Tür hinter sich zu. Mühsam setzte ich mich auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Meine linke Schulter schälte sich und sah furchtbar aus, und der rechte Arm war geschwollen und glühte. Ich brauchte definitiv noch etwas von der Salbe.

Wann habe ich dem Training eigentlich zugestimmt...?

Es war offensichtlich, dass ich nicht die Zeit zum Trödeln hatte, so sehr ich mich auch dagegen sträubte. Ich wusste zwar nicht, was Narru mit mir anstellen würde, sollte ich zu spät sein; aber ich wollte es auf gar keinen Fall herausfinden.


Ächzend griff ich nach meinen Klamotten, die ich in der letzten Nacht achtlos neben die Pritsche geschmissen hatte, und begann, mich anzuziehen. Die Sachen waren staubig und mein Hemd an den Ärmeln stellenweise aufgerissen und blutdurchtränkt. Auch rochen sie nicht gerade angenehm, aber ein schneller Blick in meinen Rucksack verriet mir, dass ich keine andere Wahl hatte.

Du hättest Wechselklamotten mitnehmen sollen.

Ich seufzte und kämmte mein zerzaustes Haar mit den Fingern durch, sodass es einigermaßen knotenfrei war, und band es zu einem flüchtigen Zopf zusammen. Da ich keinen Spiegel hatte, musste das genügen, aber in Anbetracht meiner sonstigen Erscheinung konnte ich mit der Frisur nicht mehr viel verschlimmern. Resigniert schulterte ich den Rucksack und befestigte den Hammer (wenigstens den hatte ich am Vorabend noch gesäubert) in seiner Halterung.

Ohne Uhr war es schwer zu sagen, wie lange ich gebraucht hatte, aber länger als ein paar Minuten sicher nicht. Langsam wurde mir der Komfort bewusst, den ich in meinem alten Leben gehabt hätte. Ich hätte einfach mein Smartphone schnappen und mir einen Wecker stellen können - oder gleich ein Taxi rufen, das mich nach Hause fährt. Ab jetzt würde ich wohl mit Sanduhren und Brieftauben vorlieb halten müssen.

Den Schmerz so gut es ging ignorierend, schlurfte ich aus der Kammer, die sich oberhalb von Narrus Arbeitszimmer befand, und stolperte mehr die Treppe hinunter, als das ich ging. Im Gemeinschaftsraum befanden sich nur wenige Asura, und die Stimmung war im allgemeinen sehr bedrückt. Einige trauerten den Opfern nach oder waren einfach nur geschockt von der ungewöhnlich harten Attacke. Mir war es recht, so entging ich auch jeglicher ungewollten Aufmerksamkeit.

Was allerdings meine Aufmerksamkeit erregte, war ein mit Essen gefüllter Tisch am Rand des Raumes. Die Auswahl war nicht besonders groß und konnte geschmacklich mit Bromms Kreationen vermutlich nicht mithalten, aber es reichte vollkommen, um meinen Hunger zu stillen. Belegte Brote, deren Aufstrich sehr süß roch und vermutlich aus Omnombeeren hergestellt war, dazu kleine Brötchen und größere Stücke Schinken. Daneben standen einige mit Wasser gefüllte Krüge und Tonbecher. Ich trank einen Schluck und schnappte mir dann ein Brötchen und ein Schinkenstück.

Dieses wäre mir beinahe aus der Hand gefallen, denn als ich mich umdrehte, stand plötzlich Zojja hinter mir. Tiefe Augenringe zeichneten ihr Gesicht und sie sah aus, als hätte sie seit Wochen nicht geschlafen.

„Ihr seht furchtbar aus!" War das erste, was ich mit vollem Mund sagen konnte, noch bevor mein Hirn in der Lage war, sich anzuschalten. Zojja schnaubte und nahm sich etwas von dem Brot. „Das selbe wollte ich gerade über Euch sagen. Wie geht es Eurer Verletzung?"

Ich zuckte mit den Schultern, bereute diese Bewegung aber sofort. Mit schmerzverzerrter Mine murmelte ich „tut weh."

Zojja kramte in ihrer Tasche und reichte mir eine kleine Dose, deren übelriechender Inhalt mir bekannt vorkam. „Hier ist noch etwas von der Salbe; geht sparsam damit um. Ihr werdet sie brauchen, wenn Narru Euch trainiert."

Dankbar nahm ich die Dose, nachdem ich mir das letzte Stück Schinken in den Mund gestopft hatte, trug etwas von der stinkenden Salbe auf die Stichwunde auf und verstaute den Rest in meinem Rucksack. „Narru will in ein paar Minuten aufbrechen. Ich weiß nicht so ganz, was mich erwartet, und ich glaube, dass es kein Zuckerschlecken wird..."

„Absolut nicht. Narru ist eine Kriegsmeisterin, sie wird wohl kaum Nachsicht mit Euch üben. Schon gar nicht nach Eurer Vorstellung gestern." Ich wollte protestieren, doch sie unterbrach mich mit einer Handbewegung. „Es ist nur zu Eurem Besten. Denkt daran, wenn meine Schwester Euch wieder mal Feuer unterm Hintern macht."

„Ich werd's versuchen. Und was habt Ihr jetzt vor?"

„Der Pakt ist bereit für den finalen Schlag gegen Zhaitan. Entweder wir gewinnen, oder Tyria ist dem Untergang geweiht. Ich habe einen Mega-Laser entwickelt, der die Feuerkraft hat, sogar einem Alt-Drachen Schade zuzufügen. Mit dieser Waffe ist eine Niederlage so gut wie unmöglich, immerhin stammt sie aus meiner Hand! Jetzt heißt es nur noch, die Glory of Tyria einsatzbereit zu machen. Und dafür brauchen sie mich."

„Ich bin mir sicher, dass Ihr siegreich sein werdet. Und ich freue mich darauf, Euch wiederzusehen, wenn Tyria eine Drachenplage weniger hat." Sofern der Pakt den Kampf wirklich gewinnt und Ihr überlebt...

Zojja verabschiedete sich mit einem kurzen Schlag auf meine halbwegs gesunde Schulter und ich trat nach draußen auf die Treppe zum Laboreingang, wo Narru schon ungeduldig auf mich wartete.

„Ihr seid zu spät", meinte sie mit einem böse funkelnden Blick und warf mir einen schweren Überwurf zu, der dem Material und dem Gewicht nach zu urteilen aus Wolle gefertigt war. „Hier, den werdet Ihr brauchen. Gehen wir."

Unbeholfen fing ich das Stoffbündel auf und versuchte, es in meinem Rucksack zu verstauen, während wir liefen. Narru schien nicht gerade gut gelaunt zu sein, daher wagte ich nicht, dafür stehen zu bleiben. Wo auch immer Narru mein Training beginnen wollte, es schien dort ziemlich kalt zu sein. Und ziemlich weit weg, in Anbetracht der Hitze, die hier im Dschungel herrschte.

Obwohl die Sonne kaum den Morgennebel fortgejagt hatte, wusste ich, dass mir ein sehr langer Tag bevorstand - und keiner, den ich mir gewünscht hätte. Narru legte ein Tempo vor, das mehr einem Rennen glich als einer Wanderung, und schon bald schmerzten meine Füße bei jedem Schritt. Hinzu kamen die Fliegen, die sich in dieser sumpfigen Gegend wunderbar wohl fühlten und uns für ein gefundenes Fressen hielten. Alle paar Sekunden war ich damit beschäftigt, eine weitere Fliege von mir fort zu scheuchen, und immer mehr rote juckende Bisse tauchten auf meiner Haut auf. Mehrmals warf ich verstohlene Blicke zu Narru, welche jedoch überhaupt nichts von der Mückenplage zu bemerken schien und grimmig nach vorne blickend in ihrem Laufschritt marschierte.

Die Stille war mir unangenehm, am liebsten hätte ich mich mit Narru unterhalten, um sie besser kennen zu lernen und ihr eine Chance zu geben, mehr über mich zu erfahren. Doch einerseits traute ich mich nicht recht, aus Angst vor ihrer eventuellen Reaktion, und andererseits fehlte mir ohnehin die Puste, um überhaupt etwas sagen zu können.

Auch wenn die Sonne noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte, schwitzte ich jetzt schon wie ein Pferd und hatte in der letzten Stunde mehrfach daran gedacht, mich einfach auf den Boden fallen zu lassen. Doch wollte ich einen guten Eindruck machen, und nicht wie das letzte Weichei erscheinen, für das sie mich ohnehin schon halten musste, also zwang ich mich, durchzuhalten. Zu meinem Glück legte Narru kurz vor Mittag eine Pause ein, wohl um etwas zu essen und zu rasten.

Noch bevor Narru den Mund aufgemacht hatte um etwas zu sagen, hatte ich mich bereits auf den harten Boden fallen lassen und erschöpft den Kopf auf die Knie gelegt. Narru murmelte etwas vor sich hin, und auch wenn ich ihr Gesicht nicht sah, konnte ich schwören, dass sie die Augen verdrehte.

Meine Knie waren immer noch wie Wackelpudding und mein Atem ging in schnellen Stößen, als ich den Kopf wieder hob und endlich mal die Umgebung betrachtete. Wir mussten schon ein gutes Stück gelaufen sein, dennoch hatte sich die Gegend nicht großartig geändert. Der sumpfige Gestank war fast gänzlich verschwunden, und an manchen Stellen wurde der grüne Grund von Felsen und steinigem Boden unterbrochen, aber sonst sah es hier nicht großartig anders aus. Um uns herum säumten kleinere Steinhügel den Weg, und in der Ferne konnte ich einen gewaltigen Berg erkennen, dessen Spitze ununterbrochen schwarzen Qualm ausspie.

„Wo sind wir hier?" Fragte ich, nachdem ich endlich meinen Atem wieder beruhigt hatte, und nahm dankbar ein Stück ziemlich hartes Brot, das Narru mir entgegenstreckte.

„Wir passieren den Mahlstromgipfel - den gigantischen Vulkan, den Ihr in der Ferne seht. Bald werden wir ein Sylvari-Lager passieren, von dort aus wird uns jemand auf unserer Reise begleiten. Von dort aus ist es nicht mehr weit bis zu den Baumgrenzen-Fällen. Bei Anbruch der Dunkelheit werden wir unser Ziel erreicht haben."

Huh, Zittergipfel-Gebirge. Daher also der dicke Mantel.

Ich sah Narru an, welche lustlos an ihrem Brot herumkaute und in die Ferne starrte, ohne jedoch irgendetwas davon wahrzunehmen. Jetzt traten die tiefen Ringe unter ihren Augen besonders deutlich hervor und die weiß hervortretenden Knöchel an ihren Händen verrieten große Anspannung.

„Narru... Stimmt etwas nicht?" wagte ich vorsichtig zu fragen, und nachdem Narru mich lange eingehend gemustert hatte, ohne etwas zu sagen, und dann wieder in die Ferne starrte, rechnete ich nicht mehr mit einer Antwort. Doch schließlich seufzte sie tief, verzehrte den letzten Bissen Brot und fuhr sich mit ihren klauenartigen Händen durchs Gesicht.

„Diese Asura, sie hätten nicht sterben müssen. Ihre Opfer waren sinnlos, ihr Tod so unnötig. Wenn Ihr nur erfahrener im Kampf gewesen wärt..."

Ich stutzte. Hatte ich da gerade richtig gehört?

„Moment mal. Gebt Ihr mir etwa die Schuld, für das, was passiert ist?" Wut stieg in mir auf, auch wenn ich wusste, dass Narru gewissermaßen recht hatte. Sie sah mich immer noch nicht an.

„Ja, das tue ich. Wenn Ihr Euch hättet wehren können, wenn wir alle uns besser zu verteidigen gewusst hätten... Dann wären sie jetzt noch am Leben. Wir hätten vorbereitet sein müssen! Bei Oolas Geist, so viele Krait-Angriffe, die wir alle unbeschadet überstanden haben. Es war eine Warnung, eine so offensichtliche noch dazu! Warum waren wir zu blind, zu überheblich, um das zu sehen? Wenn wir vorbereitet gewesen wären... Wenn wir Verstärkung eingefordert hätten! Natürlich würden die Krait sich sammeln und einen Großangriff starten. Wie konnten wir..." sie schüttelte ungläubig den Kopf. Wut zeichnete sich in ihrem Gesicht ab, und Trauer. Endlich sah sie mir in die Augen, und in den ihren standen Tränen des Zorns und der Verzweiflung.

„Diese Asura waren meine Freunde, Szallejh! Diese Kru hat meinem Trupp und mir Quartier gewährt, nachdem die Wachsamen uns in dem Sumpf stationiert haben. Und ich konnte sie nicht mal beschützen... Was bin ich für eine Kriegsmeisterin, die nicht in der Lage ist, ihre eigenen Verbündeten am Leben zu erhalten? Sie werden das Labor versetzen, dafür werde ich sorgen. Diese Gegend ist nicht sicher für eine Kru. Und nachdem wir Tequatl vernichtend geschlagen haben, werden auch die Wachsamen den Sumpf verlassen. Ich bin nicht bereit, noch weitere Leben aufs Spiel zu setzen - für nichts."

Angestrengt starrte ich auf den Boden zu meinen Füßen. Natürlich hatte auch mich der Tod der Asura getroffen, aber ich hatte nicht daran gedacht, welche Bindung Narru zu ihnen haben könnte, und was ihr Tod für sie bedeutete. Ich hätte so gerne etwas beruhigendes gesagt, etwas, das Narru einen Teil ihrer Anspannung nehmen könnte, aber ich wusste, dass jedes meiner Worte alles nur noch verschlimmern würde. Daher hielt ich die Klappe und wartete, bis Narrus Ausbruch vorüber war, während ich mir selbst auf die Lippe beißen musste, um nicht auch in Tränen auszubrechen.

Endlich sprang Narru auf, schulterte ihren Rucksack und bedeutete mir, ebenfalls aufzustehen. „Kommt jetzt. Wir gehen weiter."

Zwar hatte ich während unserer kurzen Rast ein wenig zu Atem kommen können, aber jetzt, da wir wieder in Narrus schnellem Tempo liefen, fühlte ich mich nur noch ausgelaugter. Jedoch war es eine gute Ablenkung, mich auf meine Beine zu konzentrieren, und recht schnell erreichten wir eine kleine Senke, in der sich eine Sylvari-Siedlung befand. Von der Ferne hatte sie sich nicht von ihrer Umgebung unterschieden, da die Dächer der Zelte und Hütten aus übergroßen Blättern bestanden, die sich perfekt dem Wald anpassten. Doch nun, da wir direkt davor standen, konnte ich die feinen Konstrukte erkennen, wobei ich mir nicht sicher war, was davon erbaut und was selbst so gewachsen war. Mehrere Sylvari standen, saßen und lagen unter den Blättern, manche unterhielten sich leise, doch niemand schenkte uns sonderlich viel Beachtung. Fremde auf der Durchreise waren hier wohl öfter anzutreffen.

Nur eine Sylvari erhob sich sofort, als sie uns erblickte, uns kam freudestrahlend auf uns zu. Bei ihrem Anblick hellte sich auch Narrus Gesicht ein wenig auf, und die beiden wechselten einen freundlichen Gruß, dann nickte die Fremde auch mir kurz zu. Ihre Haut schimmerte lila und erinnerte mit ihrer starken Faserung sehr an Baumrinde, und auch ihre Frisur, die aus dunklen, zu einer Seite hin wachsenden Blättern bestand, bestätigte den Eindruck, dass Sylvari reine Pflanzenwesen waren, auch wenn ihre Statur denen der Menschen nachempfunden war. Ihre Kleidung war ein meisterhaftes Farbenspiel aus roten und blauen Mustern, übersät mit Schleifen und Spitze. Bei jedem anderen hätte dieses Outfit vermutlich lächerlich gewirkt, aber ihr stand es hervorragend. Sie trug einen Zepter aus Holz, dessen Spitze unheimlich leuchtete, und ihre Hände schienen in eine Schicht aus klarem, blauen Wasser getaucht zu sein.

„Nahraija! Schön, Euch zu sehen." Kurz stellte sie mich vor und erläuterte dann Sinn und Ziel unserer Reise.

„Ich habe Euch schon erwartet, Narru. Dieser Wald hat überall Augen und Ohren, wisst Ihr? Sicher habt Ihr nichts dagegen, wenn ich Euch begleite."

Narru lachte. „Im Gegenteil, Eure Anwesenheit ist mir sehr willkommen. Ich hatte sehr darauf gehofft, dass Ihr uns begleiten würdet."

Nahraija schnappte sich eine kleine, unscheinbare Tasche zu ihren Füßen und lief ein paar Schritte voraus, sodass wir unweigerlich unsere Reise fortsetzen mussten. Verwirrt folgte ich den beiden, ich hatte das Gefühl, etwas wichtiges nicht mitbekommen zu haben. Woher wusste die Sylvari, dass und vor allem wann wir kommen? Und wieso hatte sie angenommen, uns zu begleiten?

Ungelenk winkte ich den Sylvari, die uns hinterher blickten, zum Abschied, doch niemand von ihnen schien auch nur ansatzweise überrascht, dass einfach so zwei Fremde durch ihre Siedlung liefen und eine von ihnen mit sich schleppten. Möglicherweise hatte ich ja irgendwann die Möglichkeit, Narru darauf anzusprechen und ein paar Antworten auf die vielen Fragen zu erhalten, die gerade in meinem Kopf umherschwirrten.

Nun, da sich eine dritte Person zu uns gesellt hatte, war die Stimmung wesentlich angenehmer. Narru erzählte mir, dass Nahraija und sie sich bei den Wachsamen kennen gelernt hatten und viele Aufträge gemeinsam erledigt hatten, und auch wenn die Sylvari die Wachsamen verlassen hatte, blieben sie in Kontakt. Nahraija redete viel und gerne, und ihre unbeschwerte Natur machte es einfach, ihr zuzuhören und beim Laufen die Zeit zu vergessen. Umso überraschter war ich, als ich plötzlich der drastischen Veränderung meiner Umgebung gewahr wurde.

Die Luft war viel trockener als in den Sumpfgebieten, und die üppigen Wiesen waren tristem Grund gewichen, auf dem kaum etwas zu gedeihen vermochte. In der Ferne konnte ich schneebedeckte Gipfel sehen, und schon bald bedeckte der erste Schnee den Boden zu unseren Füßen. Die Temperatur war merklich gesunken, allerdings war ich so von Nahraijas Erzählungen abgelenkt und durch das lange und schnelle Laufen so erwärmt, dass es mir nicht aufgefallen war. Erst jetzt ließ eine kalte Brise mich frösteln und dankbar nahm ich nun den Mantel aus meinem Rucksack. Er kratzte überall, wo er auf nackte Haut traf, aber er hielt warm. Ich wusste, dass ich die nächsten Tage für diesen Mantel noch sehr, sehr dankbar sein würde.

Mittlerweile fiel feiner Schnee aus den grauen Wolken über uns, und unsere Schuhe knirschten auf dem schneebedeckten Fels. Ohne die Signalfeuer, die in regelmäßigen Abständen brannten, wäre ich nicht in der Lage gewesen, zwischen den Felsen, die um uns herum hochragten, einen Weg zu erkennen. Narru aber ging zielsicher von Feuer zu Feuer, auch sie hatte mittlerweile ihren Mantel umgelegt, um in der Kälte nicht zu frieren. Einzig die Sylvari schien, obwohl der meiste Teil ihres Körpers unbedeckt war, von den Temperaturen absolut unbeeindruckt.

Plötzlich blieb Narru stehen und bedeutete uns mit einer Handbewegung, uns nicht zu rühren. Völlig geräuschlos griff sie nach ihrem Bogen und spannte einen Pfeil, jederzeit bereit zum Angriff. Ich verstand nicht, was los war, war mir aber sehr wohl bewusst, dass wir uns in Gefahr befinden mussten. Erst, als Nahraija mich auf ein grünes Monster aufmerksam machte, welches von einem Wolfsrudel angegriffen wurde, begriff ich. Das Ork-ähnliche Wesen war nur in einen Lendenschurz gekleidet und sein Rücken war mit Stacheln übersät, aber das ungeheuerlichste an ihm waren zwei Köpfe, die auf seinem Hals saßen. Jetzt fiel mir auch die Bezeichnung dieser Wesen wieder ein, es war ein Ettin.

Zum Glück beachtete der Ettin uns nicht, dafür war er zu beschäftigt damit, die Wölfe wieder und wieder mit seiner Keule von sich zu schleudern. Doch kaum lag ein Wolf benommen im Schnee, sprang bereits der nächste auf den Ettin zu, um sich in seinem Fleisch festzubeißen. Grünes und rotes Blut mischten sich im Schnee, doch letztendlich ging der Ettin aufgrund zahlreicher Bisswunden zugrunde. Die Wölfe, die sein grünliches Fleisch wohl ungenießbar fanden, trotteten gemeinsam in die andere Richtung, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass der Feind keine Gefahr mehr in ihrem Revier darstellen würde.

Als Narru den Bogen sinken ließ stieß ich hörbar die Luft aus, jetzt erst merkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte. Ich zitterte und Schweiß stand mir auf der Stirn, gegen das Ding hatte ich nun wirklich nicht kämpfen wollen und war froh, dass die Wölfe diese Aufgabe erledigt hatten.

„Kommt jetzt, weiter. Es wird nicht lange dauern, bis die Ettins nach ihrem Kameraden suchen." Brummte Narru leise und marschierte weiter den unsichtbaren Weg zwischen den Signalfeuern entlang. Nahraija war verstummt, scheinbar war die Gegend hier zu gefährlich für unbeschwerliche Schwätzchen. Nicht, dass ich mich dadurch wesentlich besser gefühlt hätte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit verließ Narru den Weg und führte uns höher in die Berge. Das war zwar weit anstrengender, da ich mehrfach auf dem glatten Stein ausrutschte und Gefahr lief zu stürzen, wenn Nahraijas Hand mich nicht im letzten Moment ergriffen hätte, aber ich wurde mir schnell bewusst, warum Narru diesen Weg gewählt hatte. Von hier oben hatte man einen sehr guten Blick auf den Pfad, dem wir sonst gefolgt wären, und dieser war stellenweise belagert von Ettins, Schauflern, und anderen Wesen, die keinen besonders freundlichen Eindruck machten. Uns da durchzukämpfen hätte Ewigkeiten gedauert, wenn wir es denn überhaupt lebend geschafft hätten.

Die Sonne war mittlerweile komplett hinter den Bergen verschwunden und eisige Kälte machte sich breit. Trotz des dicken Mantels fror ich und in der zunehmenden Dunkelheit wurde es immer schwieriger, den Halt unter den Füßen nicht zu verlieren. Statt jedoch eine Fackel zu entzünden, hatte die Sylvari eine wesentlich faszinierendere Art, dieses Problem zu umgehen. Auf Nahraijas rindenähnlicher Haut zeichneten sich immer mehr weiße Adern ab, in denen es leuchtend pulsierte. Und je dunkler unsere Umgebung wurde, desto heller schien Nahraija von sich aus zu leuchten, wodurch in einem kleinen Umkreis auch der Boden unter uns in ihr pulsierendes Licht gehüllt wurde. Endlich sahen wir die Funken eines großen Lagerfeuers zum Himmel aufsteigen und hörten Stimmen, Lachen und das aufeinanderprallen von Bierkrügen. Nach einem anstrengenden und äußerst rutschigen Abstieg, den ich mehr auf meinem Hintern verbrachte als auf meinen Füßen, standen wir vor einer Gruppe schneebedeckter Zelte und einiger Norn, die es sich um das Lager herum gemütlich gemacht hatten.

Einer der Norn, der uns als erstes erblickte, kam mit erhobenem Bierkrug auf uns zu. Er hatte die Seiten seines Kopfes kahl rasiert und mittig einen dicken schwarzen Zopf geflochten, der ihm fast bis zur Hüfte reichte. Aufwendig tattowierte Muster zogen sich von seinem Stirnansatz bis hin über den kompletten nackten Oberkörper und sicherlich noch weiter, doch versperrte ab dem Nabel abwärts eine dicke Lederhose den Blick. „He, Fremde! Mein Name ist Aiden Baersson. Kann ich Euch behilflich sein?"

Narru stellte uns vor und bat darum, eine Nacht in diesem Lager verbringen zu dürfen.
„Aber sicher doch, bleibt, solange Ihr wollt! Bier und Fleisch sind reichlich vorhanden, nur zu, nehmt Euch!" Nahraija ließ sich das nicht zweimal sagen, ohne zu zögern nahm sie einen vollen Bierkrug an, den ein Norn ihr reichte, und nahm einen tiefen Schluck.

Narru zögerte noch, ihr Blick wanderte suchend durch das Lager. „Sagt, Aiden.. Ich suche eine Norn namens Halla Eldarsdottir. Eigentlich hatte ich sie hier erwartet. Wo finde ich sie?"

Die Augen des Norn blitzten auf, als er den Namen hörte. Grinsend kippte er den Rest seines Bierkrugs hinunter und rülpste beachtlich. „Halla, nun ja... Sie ist gestern abgezogen, um östlich von hier einen weißen Bären zu jagen, der dort angeblich gesichtet sein soll. Wird wahrscheinlich die nächsten Tage unterwegs sein, wie ich sie kenne. Aber Ihr könnt so lange bleiben, bis sie wieder kommt. Länger als fünf Tage wird sie wohl kaum unterwegs sein, dafür trinkt sie unser Bier zu gerne." Er lachte wieder und gab Narru einen freundlichen Klaps auf die Schulter. „Und jetzt kommt, trinkt mit uns!"

Narru warf erst einen Blick auf die Sylvari, die schon leicht angetrunken zwischen den Norn auf einem Holzstumpf saß und lautstark über etwas lachte, dann sah sie mich an. Die Augen noch auf mich gerichtet, wendete sie sich an Aiden: „Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft, und ich bin mir sicher, wir werden heute Abend noch Gebrauch davon machen. Aber erst müssen meine... Tochter und ich uns noch um etwas kümmern."

Verwirrt folgte ich Narru, als sie an Aiden und dem Norn-Lager vorüber ging, um dort ihr Gepäck abzulegen, was ich ihr gleich tat, und dann einen kleinen Bach überquerte, in den ich in der Dunkelheit fast hineingestürzt wäre, um schließlich auf einer kleinen von schneebedeckten Tannen gesäumten Anhöhe stehen zu bleiben.

„Was machen wir hier, Narru?" Fröstelnd wickelte ich mich noch fester in den Umhang und versuchte, im schwachen Schein des Feuers noch etwas zu erkennen.

„Euer Training, Habt Ihr schon vergessen? Wir haben nicht viel Zeit, daher sollten wir keine wertvollen Stunden mit Saufen verschwenden. Legt Euren Umhang ab."

„Was!?" Entgeistert starrte ich sie an, und konnte nicht recht glauben, was sie da gerade gesagt hatte. In dieser bitteren Kälte, hatte sie etwa den Verstand verloren?"

„Ihr sollt Euren Umhang ausziehen. Er wird Euch nur im Weg sein. Die Bewegung wird Euch ohnehin warm halten."

„Aber ich habe meine Waffe im Lager gelassen, und..." Narru unterbrach mich mit einer ungeduldigen Handbewegung. Während ich widerstrebend die Schnalle des Mantels öffnete und ihn von den Schultern zog, nur um mich dann mit zitternden Armen so gut es ging warm zu reiben, begann Narru mit ihrer ersten Lehrstunde.

„Um einen Kampf zu gewinnen, braucht Ihr mehr als nur eine Waffe. Bei schwachen Gegnern reicht es vielleicht, wild drauf los zu schlagen, aber damit werdet Ihr nicht weit kommen. Schon nach dem ersten Schlag seid Ihr tot."

Ich schluckte. Das ist aber auch verdammt kalt hier!

„Aber bevor Ihr lernt, Eure Waffe richtig zu benutzen, ist es wichtig, zu lernen, wie man einem gegnerischen Schlag ausweicht. Wann immer Ihr die Möglichkeit habt zu fliehen, solltet Ihr diese Chance nutzen, bevor Ihr auch nur daran denkt, zur Waffe zu greifen. Ein Kampf auf Leben und Tod sollte immer die letzte Option sein. Aber wenn Ihr keinen anderen Ausweg habt, müsst Ihr in erster Linie dem Gegner ausweichen können, um so lange am Leben zu bleiben, bis Ihr den finalen Schlag ausführen könnt. Und das werdet Ihr heute lernen."

Währenddessen hatte auch Narru sich ihres Mantels entledigt, doch obwohl sie genauso leicht bekleidet war wie ich, ließ sie sich von der Kälte nichts anmerken.

„Es ist vollkommen dunkel, ich seh nicht mal die Hand vor meinen Augen! Wie soll ich Euch da bitte ausweichen können?" Meine Stimmung war auf dem Tiefpunkt - zumindest dachte ich in diesem Augenblick, dass es nicht mehr schlimmer werden könnte. Mir taten alle Knochen weh vom langen Marsch, ich fror, und jetzt auch noch Training im Dunkeln.

„Genau das ist der Punkt. Im Kampf braucht Ihr mehr als nur Eure Augen. Verlasst Euch auf Eure Wahrnehmung, seht, fühlt, hört, riecht - alles zur selben Zeit. Und jetzt versucht, meinen Angriffen auszuweichen!"

Noch bevor ich ihre Worte vollständig realisiert hatte, landete bereits ein nicht gerade sanfter Schlag auf meinem Arm. Schmerzerfüllt schrie ich auf und rieb die pochende Stelle, doch schon landete der nächste Schlag, diesmal auf meiner Schulter.

„Steht nicht nur rum, weicht mir aus! Konzentriert Euch auf all Eure Sinne!"

Während ich verzweifelt versuchte, in der Dunkelheit mehr zu sehen als nur schwarze Schatten, landeten noch mehrere Schläge überall auf meinem Körper. Tränen flossen mir über die Wange, und erfroren, kaum dass sie den Boden zu meinen Füßen berührten. Wut stieg in mir auf, vermischte sich mit dem Schmerz und dem Unmut, der sich in mir breit gemacht hatte, und endlich begriff ich, was Narru mir die ganze Zeit zu sagen versuchte.

Ein leises Sirren in der Luft verriet, dass Narrus Faust erneut auf mich zugesaust kam, und diesmal duckte ich mich unter ihrem Schlag hinweg - mit Erfolg, wie ich feststellte. Ein warmes Triumphgefühl machte sich in mir breit.

„Gut, sehr gut. Weiter so!" Lobte Narru, doch ich konzentrierte mich nicht mehr auf ihre Worte, sondern das Geräusch ihrer Schuhe im Schnee. Ein Ast zerbrach zu meiner linken, ich machte einen schnellen Schritt in die entgegengesetzte Richtung, und entkam haarscharf Narrus Faust.

Immer besser gelang es mir, die Kälte und den Schmerz auszublenden und mich auf das Wichtigste zu konzentrieren: Der Schatten, hinter dem sich Narru verbarg, ihre Schritte im Schnee, das Geräusch ihres Atems, das mir verriet, wo sie sich befand. Mit der Zeit verfehlten mehr und mehr Schläge ihr Ziel, und auf unerklärliche Weise konnte ich manchmal sogar spüren, wo Narru als nächstes zuschlagen würde.

Narru schien zufrieden zu sein mit dem Fortschritt den ich machte, denn die Schläge, die ihr Ziel noch trafen, wurden jetzt härter und kamen in schnellerer Folge, und irgendwann hielt sie sich gar nicht mehr zurück, huschte von Stelle zu Stelle, schlug erst links zu, dann war sie plötzlich rechts. Ich spürte die Veränderung des Luftzuges, wenn sie die Seite wechselte, und reagierte darauf, indem ich ihrer Faust gezielt auswich und so hinter ihr zum Stehen kam. Doch Narru hatte damit gerechnet und sich noch im Schlag um sich selbst gedreht, sodass sie mir jetzt mit voller Wucht ihren Arm in den Bauch rammte, was mich wimmernd in die Knie gehen ließ.

„Ihr seid gar nicht so schlecht, wie ich angenommen hatte." Sagte sie anerkennend und hob zum finalen Schlag an. Während ich den Schatten sah, der auf meinen Kopf zuraste, erwachte in mir eine nie zuvor dagewesene Macht, die mir die Kraft zurück gab und mich zwang, jetzt nicht klein beizugeben. Narru stutzte, als ich mich im letzten Moment aufraffte und unter ihrem Schlag hinwegrollte, um ihre Unachtsamkeit auszunutzen und ihr noch in der Rolle einen harten Tritt in die Magengegend zu verpassen, der sie unsanft mit einem Uff! auf den Rücken schleuderte.

Ächzend erhob ich mich, klopfte mir den Schnee von den Schultern und reichte dann Narru meine Hand, um ihr aufzuhelfen. Von der Anstrengung war mein Körper schweißüberströmt, und Hitze hatte mich gepackt, doch nun kühlte der Wind den Schweißfilm auf meiner Haut schlagartig ab und ließ mich frösteln. Narru brauchte einen Moment, um ihre Stimme zu finden, doch dann lachte sie und schlug mir freundschaftlich auf die Schulter.

„Nicht übel. Zwar noch lange nicht gut, aber Ihr lernt schnell. Vielleicht seid Ihr ja doch kein hoffnungsloser Fall!" Wir sammelten unsere Umhänge ein und kehrten zum Norn-Lager zurück. Es musste schon längst nach Mitternacht sein, dennoch herrschte im Lager noch reges Treiben. Die Norn sangen und lachten, während sie Bierkrug um Bierkrug leerten, und Nahraija saß noch immer unter ihnen, schien allerdings mittlerweile wieder ein wenig ausgenüchtert zu sein. Zwischen all den muskelbepackten, tattowierten und halbnackten Norn bildete sie mit ihrer zierlichen, leuchtenden Gestalt einen ziemlich komischen Kontrast, und dennoch verstand sie sich mit den Norn, als wäre sie eine von ihnen.

Narru führte mich zu ihr und drückte mich mit den Worten „Kümmert Euch um Sie" auf den Baumstamm, dann ging sie zu Aiden, um zu klären, in welchem der Zelte wir nächtigen würden. Kaum hatte ich mich hingesetzt, da kehrte die Schwere und Erschöpfung des Tages zurück und vermischte sich mit dem Schmerz der vielen blauen Flecken und womöglich sogar einiger Prellungen, die ich vom Training erhalten hatte.

Nahraija reichte mir einen Krug, in dem sich jedoch kein Bier, sondern eine dampfende Flüssigkeit befand. „Trinkt das, es wird Eure Schmerzen ein wenig stillen." Sagte sie, noch bevor ich zu einer Frage hatte ansetzen können. Skeptisch nippte ich an dem heißen Getränk, doch es schmeckte nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Bitter zwar, aber eine süße Note überdeckte dies weitgehend. Das Bittere ist vermutlich Weidenrinde, fuhr es mir durch den Kopf. In dem Fall würde es mir tatsächlich etwas Linderung bringen.

„Ihr seid erschöpft, ruht Euch etwas aus." Die Sylvari nahm mir den Becher ab, sobald ich ihn geleert hatte, und deutete auf ein kleines Zelt, welches die Norn in der Zwischenzeit für uns frei gemacht hatten. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, müde wie ich war, fiel ich in die Zeltöffnung und krabbelte halbherzig auf eine der felligen Schlafmatten. Dankbar kuschelte ich mich in eine Decke aus Dolyak-Fell, der Größe nach zu urteilen, und war eingeschlafen, noch bevor ich einen Gedanken an die Geschehnisse des Tages verschwenden konnte.


Als ich aufwachte, wurde mir bewusst, dass ich mich am Morgen zuvor getäuscht hatte. Es konnte durchaus noch schlimmer kommen. Seit ich in Tyria war, wurde das Aufwachen von Morgen zu Morgen schlimmer, und es bereitete mir Sorgen, daran zu denken, wie sich das in den nächsten Wochen noch entwickeln würde. Allerdings war es diesen Morgen einfacher, da ich mich langsam daran gewöhnte, mit Schmerzen im ganzen Körper aufzuwachen.

Müde öffnete ich die Augen und sah Narru, die leise an meiner Schulter rüttelte und mir bedeutete, das Zelt zu verlassen. Schwerfällig schälte ich mich aus der warmen Decke, traurig darüber, jetzt wieder der kalten Nordluft ausgesetzt zu sein. Neben mir schnarchte Nahraija noch seelig vor sich hin, und ich musste grinsen bei dem Gedanken, ein so elegantes Wesen wie eine Sylvari schnarchen zu sehen. Sie hatte die Decke bis zum Kinn hochgezogen, aber in ihrem Gesicht leuchteten noch immer weiße Adern, es konnte also noch nicht sonderlich spät sein. Darauf bedacht, sie nicht zu wecken, folgte ich Narru nach draußen. Über Nacht war noch einiges an Neuschnee gefallen, welcher fast alle Spuren verwischt hatte, aber das Feuer brannte noch dank einiger Norn, die entweder sehr früh aufstanden oder die Nacht gar nicht erst geschlafen hatten.

Den Umhang fest um mich gezurrt nahm ich dankbar einen Krug entgegen, dessen Inhalt ziemlich sicher heißer Met war, und ließ mir zum Frühstück ein Stück Dolyakfleisch geben. Doch die Ruhe währte nicht lange, Narru drängte, dass wir mit dem Training beginnen müssten, solange der Tag noch frisch sei. Schnaubend warf ich einen Blick in den Himmel, dessen dunkles blau jetzt erst von den ersten Strahlen der Sonne erhellt wurde. Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis die Sonne selbst hinter den Bergen aufsteigen würde.

Wie kann man nur so früh aufstehen... Dachte ich müde, als ich den leeren Krug auf die Bank stellte und Narru zur Lichtung folgte, wobei ich im Vorbeigehen nach meinem Hammer griff. Ich war mir nicht sicher, wie ich diesen Tag überstehen sollte, denn mit dem Muskelkater, der mich plagte, war ich nicht mal in der Lage, den Hammer über meinen Kopf zu heben. Aber es gab keinen anderen Weg, das wusste ich, und je eher ich mich damit abfand, desto eher wäre das ganze hier vorbei.

Wieder stellte sich Narru vor mir auf und ich war ganz überrascht, dass ich diesmal scheinbar den Umhang anbehalten dürfte.

„Also, Ihr könnt vor Euren Feinden davon laufen und im Zweifelsfall auch Angriffen ausweichen, wenn Ihr Euch einigermaßen geschickt dabei anstellt. Aber es wird Situationen geben, da hilft Euch das allein nicht weiter."

Sie zückte einen langen Dolch, denn ihr Bogen war für ein Training dieser Art denkbar ungeeignet. „Am effektivsten ist ein Angriff auf die tödlichen Areale. Sei es ein Stoß ins Herz, ins Hirn oder in die Eingeweide. Kampferfahrene Gegner allerdings wissen diese Stellen gut zu schützen, was Ihr auch solltet. Am besten ist es, Ihr sucht nach der Schwäche Eures Gegners. Jeder hat eine Schwäche, man muss sie nur finden. Schwächt Euren Gegner, indem Ihr in verkrüppelt, zum Bluten bringt, versucht, ihn seiner Waffe zu entledigen oder den Kampfarm außer Gefecht zu setzen. Dann, wenn Euer Gegner - sei es auch nur für einen einzigen Augenblick - wehrlos ist, schlagt zu."

Mit ihren letzten Worten ließ Narru ihren Dolch auf meine Brust zuschnellen, doch reflexartig hob ich meinen Hammer, sodass die Klinge an meiner Waffe abprallte. Anerkennend nickte Narru.

„Ich werde Euch jetzt angreifen. Weicht aus, so gut es geht, und blockt meine Angriffe, wenn ein Ausweichen nicht mehr möglich ist. Und denkt daran: Gestern hatte ich nur meine Faust. Heute habe ich eine scharfe Klinge, und ich werde mich deswegen nicht zurückhalten."

Ich schluckte das ungute Gefühl herunter, das mich bei Narrus Worten beschlich, und hob meinen Hammer erneut als Zeichen, dass ich bereit war.

Es war bereits früher Nachmittag, als wir das erste Mal unser Training beendeten. Narru hatte mich nicht nur zahlreiche Angriffe blocken lassen, sondern mich auch gelehrt, wie ich meinen Gegner entwaffnen konnte. Als Narru nun das Zeichen gab, eine Pause einzulegen, ließ ich mich erschöpft in den kalten Schnee fallen, der nicht nur von dreckigen Fußspuren, sondern hier und da auch von Blut durchzogen war. Mehrere Schnittwunden zierten meinen Körper und hatten an manchen Stellen auch meine Kleidung ruiniert. Zu meinem Glück hatte ich selbst schon früh den Umhang in den Schnee geworfen, so blieb wenigstens der intakt, um mich nun ordentlich zu wärmen.

Auch Narru war nicht unversehrt geblieben, mein Hammer hatte einige Spuren hinterlassen, und auch sie atmete schwer, als sie sich zu mir in den Schnee gesellte.
„Ihr seid recht brauchbar, das muss ich zugeben. Gönnt Euch eine kurze Pause, ich bin sicher, Nahraija wird Euch ein wenig Linderung verschaffen." Ihr Blick fiel auf die Sylvari, die sich schon vor längerer Zeit zu uns gesellt und uns interessiert zugesehen hatte. Dann warf sie mir ihren Dolch vor die Füße. „Den werdet Ihr für den nächsten Schritt brauchen."

Die Sylvari erhob sich und gesellte sich zu uns in den Schnee, noch immer trug sie nichts, was sie auch nur ansatzweise warm gehalten hätte.

„Friert Ihr eigentlich jemals?" Fragte ich, während sie sich meine Wunden ansah und mit ihren Heilzaubern zumindest die Blutungen stoppte. Nahraija lächelte in sich hinein. „Ich habe eine starke Bindung zur Natur, und eine noch stärkere Bindung zu den Elementen, ganz besonders dem Wasser. Schnee und Eis machen mir nichts aus, sie sind nur eine andere Form des Elements, das mir am liebsten ist."

Das beantwortet aber nicht wirklich meine Frage, dachte ich, sprach es aber nicht aus, sondern ließ sie gewähren. Jedes Mal, wenn sie die Hände auf eine meiner Wunden legte, schien eine Woge des reinsten Wassers mich zu durchströmen, den Schmerz fort zu waschen und die Wunde zu verschließen. Es faszinierte mich, ihr dabei zuzusehen, wie sie in vollster Konzentration die Augen geschlossen hielt und unverständliche Worte vor sich hin murmelte. Jetzt wusste ich auch, weshalb Narru die Sylvari mitgenommen hatte: Als Heilerin hatte sie großen Nutzen für jemanden, der gerade das Kämpfen erlernte.


Es war schon längst dunkel, als Narru das Training für diesen Tag beendete, wenn auch nicht ganz so spät wie am Tag davor. Nahraija hatte wieder einiges zu tun, diesmal aber weniger bei mir und mehr bei meiner Lehrerin, die ich den ganzen Nachmittag über mit ihrem Langdolch attackiert hatte. Narru schien zufrieden mit mir; zwar sprach sie es nicht laut aus, aber ich sah die anerkennenden Blicke, die sie mir zuwarf, wenn ich es erneut geschafft hatte, ihre Abwehr zu durchbrechen. Und ich spürte, dass ich mich veränderte. Mein Körper war übersät mit Flecken, Schnitten und Beulen, aber der Schmerz war auszuhalten. Mir lag viel an diesem Training, ich wollte nicht erneut in einer Situation stecken, in der ich völlig hilflos auf andere angewiesen war und eventuell jemand dadurch sein Leben verlieren könnte.

Ich wurde stärker, meine Reflexe schneller, und auch wenn ich jeden Abend auf meine Lagerstatt fiel wie eine Leiche und am nächsten Morgen mit so starken Schmerzen aufwachte, dass ich mich kaum bewegen konnte, hielt ich durch. Die Sylvari half mir, wo sie konnte, und sie war auch für mich da, als ich mich am Abend des vierten Tages nicht mehr beherrschen konnte und wegen der ganzen Anspannung und den Gefühlen, die mich von Tag zu Tag begleiteten, in Tränen ausbrach. Nahraija hatte mich zu der Quelle des kleinen Bachs geführt, etwas abseits des Norn-Lagers, da ich das dringende Bedürfnis hatte, mich zu waschen. Dreck und Blut hingen an meinen Klamotten und auf meiner Haut, und meine Haare waren verfilzt und fettig, und sicher stank ich schlimmer als ein Untoter.

Daher standen wir nun vor einem kleinen Becken, von dem aus sich das frische Wasser in dem Bächlein den Weg durch die Zittergipfel suchte, und während Nahraija das Wasser mithilfe ihrer Magie erhitzte, schlüpfte ich aus den Klamotten, die ich dringend ersetzen musste, wenn ich zurück in Rata Sum war. Sobald der kalte Wind auf meine nackte Haut traf und mich fast erstarren ließ, sprang ich in das nun heiße Becken und wurde eingehüllt vom Qualm des aufsteigenden Wasserdampfs. Nahraija gesellte sich zu mir und fing an, mir mit der Bürste, die ich aus meinem Rucksack genommen hatte, die Knoten aus den Haaren zu kämmen.

Das wohltuende Bad weckte in mir plötzlich Bilder von meiner Vergangenheit, von dampfenden Badewannen, Filmabenden auf der Couch, wohlig eingewickelt in weiche Decken, Bilder von meiner Familie - das alles und der Schmerz in meinem Körper, sowie die Erinnerung an die letzten Tage hier in Tyria waren in dem Augenblick zu viel für mich. Tränen stiegen mir in die Augen, und plötzlich wurde ich von heftigen Schluchzern geschüttelt, die ich nicht zurückhalten konnte - und auch nicht wollte.

Nahraija fasste mich an den Schultern und zog mich in ihre Umarmung, hielt mich und summte beruhigende Melodien, bis ich mich etwas beruhigt hatte.

Meine Familie... Würde ich sie jemals wieder sehen? Würde ich jemals wieder mein altes Leben leben können, oder musste ich bis zu meinem Tod in dem Körper einer Asura stecken? Sicher, das war aufregend und Tyria eine unglaublich faszinierende Welt, aber es war nicht meine Welt. Ich wollte zurück nach Hause, in ein Leben, das nicht von Schmerz und Kampf gezeichnet war. Doch ein Gefühl tief in meinem Inneren sagte mir, dass das nicht möglich sein würde, dass es keinen Weg zurück mehr für mich gäbe. Ich musste mich mit dem abfinden, was ich hier hatte, doch war dies definitiv nicht einfach.

Mein Atem hatte sich einigermaßen beruhigt, aber meine Nase lief ohne Unterbrechung und hin und wieder entfuhr mir ein kleiner Schluchzer, den ich nicht zurück halten konnte. Nahraija, die merkte, dass ich mich langsam etwas beruhigte, ließ mich los und drehte sich im Wasser so, dass sie mir ins Gesicht schauen konnte. „Wollt Ihr drüber reden?"

Ich schüttelte den Kopf. Wie hätte ich irgendjemandem hier erzählen können, was passiert war? Bis auf Zojja würde mir niemand glauben, und Zojja war nicht hier. „Es ist einfach... zu viel für mich im Moment." Schluchzte ich, von einem plötzlichen Schluckauf gepackt. „Ich habe... zur Zeit einfach die Orientierung verloren, und... außerdem tut mir alles weh." Meine Versuche, mit Luft anhalten den Schluckauf zu besiegen, brachten die Sylvari zum Lachen. Sie machte sich wieder daran, meine Haare zu entwirren und dann mit etwas einzureiben, das dem Duft nach zu urteilen Seife sein musste. Ich wusch mir den Dreck vom Körper und bürstete dann den Schmutz von meinen Klamotten, die wir später zum Trocknen am Feuer aufhängen würden.

Als meine Haare wieder einigermaßen annehmbar waren und ich mich endlich wieder sauber fühlte, stiegen wir aus dem warmen Becken, und Nahraija reichte mir ein Stück Stoff, mit dem ich mich so gut es ging abtrocknete. Dann schlüpfte ich in die Schuhe und wickelte mir den Umhang um die Schultern, mittlerweile war es so dunkel geworden, dass ohnehin niemandem auffallen würde, dass sich darunter keine Klamotten befanden. Und selbst wenn, dachte ich. Es sind Norn, die sind eh alle zu betrunken, um sich morgen noch an das zu erinnern, was sie heute Abend sehen. Außerdem hatte ich ohnehin beschlossen, mich direkt schlafen zu legen, um für das morgige Training möglichst ausgeruht zu sein.


Der nächste Morgen überraschte mich damit, dass ich mal nicht von Narru aus dem Bett geschmissen wurde. Ich erwachte, als die ersten Sonnenstrahlen die Zeltplane über mir erhellten, und stellte fest, dass niemand außer mir mehr im Zelt war. Nahraijas Lager neben mir war ordentlich zusammengerollt und von draußen hörte ich sie mit einem der Norn lachen.

Die Norn würden am nächsten Tag ihr Lager abbrechen und zurück nach Hoelbrack kehren, sie hatten ursprünglich schon viel früher zurückziehen wollen, aber Aiden bestand darauf, auf diese Norn namens Halla zu warten, die schon einen Tag zuvor von ihrer Jagd hätte zurückkehren sollen. Er hatte uns beauftragt, auf unserem Rückweg einen Umweg Richtung Osten zu machen und nach ihr Ausschau zu halten, um sicherzugehen, dass ihr nichts zugestoßen sei.

Schnell schlüpfte ich in meine Sachen und schob die Zeltplane zur Seite, um in einen strahlend blauen Himmel zu blicken. Seit Tagen schon hatte es nicht mehr geschneit, und auch der eisige Wind wehte heute nicht ganz so stark, was ich als gutes Zeichen sah.

Narru saß zusammen mit Aiden am Lagerfeuer und winkte mich zu sich, als sie meiner gewahr wurde.

„Szallejh, ich habe für das heutige Training etwas ganz besonderes vor. Heute werde nicht ich gegen Euch kämpfen, sondern Aiden." Ihr Blick fiel vielsagend auf den Norn neben ihr, und in Anbetracht der Armmuskeln, die so dick waren wie mein Kopf, zog sich mein Magen zusammen. Aber durch die vielen Kämpfe mit Narru war auch ich wesentlich stärker geworden, und der Muskelkater war heute sogar kaum zu spüren. Ich wusste, dass Narru viel von meinen Fähigkeiten hielt, wenn sie mich gegen diesen Norn kämpfen ließ.

Nachdem wir gefrühstückt hatten, begaben wir uns zu unserer kleinen Übungsfläche, die aussah, als hätte dort eine Schlacht getobt. Da in den letzten Nächten kein Neuschnee gefallen war, war der Boden noch immer übersät mit Blut und Dreck und aufgewühltem Schnee. Diesmal folgte uns nicht nur die Sylvari, sondern auch der Norn, und nachdem wir den Bach überquert hatten, streifte ich meinen Umhang ab und ließ ihn auf einen halbwegs freien Stein fallen. Die Kälte war beißend auf meiner Haut, aber ich wusste, dass mir schnell warm genug werden würde.

„Heute ist der letzte Tag unseres Trainings, und ich muss sagen, Ihr habt mich nicht enttäuscht. Anfangs dachte ich, aus Euch könne nie ein Kämpfer werden, aber Ihr habt Potential. Und wenn Ihr am Ball bleibt und weiter übt, seid Ihr eines Tages vielleicht sogar gut in dem, was Ihr tut." Vielen Dank für diese aufbauenden Worte, Mutti.

„Und wegen eben diesem Potential denke ich, seid Ihr bereit für den nächsten Schritt. Gegen mich habt Ihr oft genug gekämpft, jetzt ist es an der Zeit, etwas Abwechslung zu bekommen. Aiden ist ein grandioser Kämpfer, und er wird sich nicht zurückhalten, da bin ich mir sicher. Viel Glück."

Narru nickte mir zu und machte dann Platz für Aiden, der mit einem breiten Grinsen vor mich trat und die Gelenke knacken ließ. Er war mindestens viermal so groß wie ich, sodass ich ziemlich den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

„Also, kleine Maus. Dann zeigt mal, was Ihr drauf habt!" Aiden lachte und warf dabei den Kopf nach hinten. Dann brüllte er ohrenbetäubend laut und verkrampfte seinen kompletten Körper. Der Anblick jagte mir Schauer über Schauer durch den Körper, und von dem Brüllen schmerzten meine Ohren, doch konnte ich meinen Augen nicht trauen, als Aiden sich vor meinen Augen langsam vom gewaltigen Norn in einen noch gewaltigeren Bären verwandelte. Verdutzt starrte ich das fellige Tier an, das nun aufrecht vor mir stand, mit gebleckten Zähnen und äußerst scharfen Krallen.

„Das ist seine Tier-Form! Jeder Norn hat eine, entsprechend seines Totems!" Rief Nahraija mir fröhlich zu, während sie gespannt auf den Kampf wartete.

Aiden - wenn man das Ding vor mir überhaupt Aiden konnte - brüllte noch einmal, diesmal allerdings war der letzte Rest Menschlichkeit aus seiner Stimme verschwunden, und dann ging er auf mich los. Blitzschnell ließ er sich nach vorne Fallen und die Krallen nieder sausen, sodass ich im ersten Moment keine andere Wahl hatte, als zurückzuweichen und schützend den Hammer vor mich zu halten. Immer weiter drängte der Bär mich zurück, bis ich plötzlich die kalte Steinwand hinter mir spürte. Kalte Panik durchzuckte mich. Die Schwachstelle. Finde seine Schwachstelle!

Mir fiel auf, dass der Bär breitbeinig vor mir stand und die Krallen erneut zum Hieb ansetzte - während zwischen seinen Beinen eine gewaltige Lücke war, durch die ich mich zwecks meiner Größe problemlos durchschieben konnte. Mit einem Aufschrei rollte ich mich nach vorne, zwischen den Hinterläufen des Bären durch, und schwang meinen Hammer gegen einen seiner gigantischen, bepelzten Oberschenkel. Schmerzerfüllt brüllte der Bär auf und drehte sich zu mir um, doch ich hatte mich schnell genug aufgerappelt und Abstand zwischen uns gebracht. Mein Atem ging schwer und das Blut pochte bis in die Ohren, als ich angestrengt nach einer Lösung suchte, wie Aiden zu besiegen war.

Seine Krallen sind zwar scharf, aber sein Rücken ist komplett ungeschützt! Das war es, ich musste ihn nur dazu bringen, mir den Rücken zuzukehren.

Eine Zeit lang tänzelte ich um ihn herum, wich seinen Attacken aus und versuchte, an seine Kehrseite zu kommen, doch war er zu schnell und ließ mich nie aus den Augen. Stattdessen hämmerte er ununterbrochen mit seinen gewaltigen Tatzen auf mich ein, und zeigte keinerlei Anzeichen der Ermüdung. Ein paar Mal erwischte er mich, nie wirklich feste, aber er hinterließ doch einige blutige Striemen. Endlich hatte ich ihn so weit, dass er zu einem massiven Schlag beider Arme ausholte, dabei ein gewaltiges Brüllen ausstieß, und viel zu spät bemerkte, dass ich mich erneut zwischen seinen Beinen durchzwängte und ihm den Hammer mit aller Kraft die ich hatte in den Rücken stieß. Der Bär fiel zu Boden, hatte jedoch noch bevor er den Grund berührte, die menschliche Gestalt wiedererlangt.

Doch ich hatte Aiden maßlos unterschätzt, denn für ihn war der Kampf noch längst nicht vorbei. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte er sich um und schleuderte mich mit seinem muskelbepackten Arm so fest gegen den Fels, dass mir kurzzeitig schwarz vor Augen wurde. Meine Waffe fiel mir aus der schlappen Hand, und keuchend und spuckend hob Aiden mich mit einer Hand hoch und presste mich so hart gegen den Fels, das ich keine Luft mehr bekam. Hilflos zappelnd hing ich da wie ein gestrandeter Fisch, versuchte verzweifelt, Luft in meine Lungen zu füllen, während sich mein Blickfeld nach und nach verdunkelte.

„Das reicht!" schallte Narrus Stimme, und augenblicklich lockerte sich der Griff und ich plumpste unsanft mit meinem Hinterteil auf den Boden. Keuchend rieb ich den schmerzenden Hals, froh um jeden Atemzug, den ich tätigen konnte.

Narru reichte mir die Hand und zog mich auf die Beine, und ich sah, dass sie lächelte.

„Das war sehr gut. Den Rücken des Bären als Schwachstelle zu erkennen... Ihr lernt schnell. Und jetzt wisst Ihr hoffentlich auch, dass man niemals übermütig werden sollte, nur weil ein Gegner am Boden liegt!" Sie klatschte in die Hände. „Es ist schon fast Mittag, ich denke, wir sind hier fertig. Wenn wir noch nach Halla suchen möchten, halte ich es für besser, wenn wir bereits heute aufbrechen, sonst kommen wir nicht pünktlich nach Rata Sum."

Aiden streckte sich und gab ein lautes Knurren von sich. „Ich hoffe, Ihr habt Erfolg bei Eurer Suche! Es passt nicht zu Halla, so lange fort zu bleiben, auch dann nicht, wenn es um einen weißen Bären geht. Wenn Ihr sie findet, sagt Ihr, sie soll so schnell es geht nach Hoelbrak zurückkehren. Ich werde sie dort mit dem besten Bier erwarten, das ich auftreiben kann!"

Wir packten unsere wenigen Habseligkeiten zusammen und nahmen noch eine letzte Mahlzeit gemeinsam mit den Norn ein, dann setzte sich unser kleiner Trupp in Bewegung. Ich war froh, mein Training einigermaßen heil überstanden zu haben, auch wenn ich mir neue Kleidung kaufen musste und einige Narben davontragen würde.

Diesmal schlugen wir nicht den Weg über die Gipfel ein, sondern hielten uns östlich des von Signalfeuern gesäumten Wegs, der hier und da von Wölfen und Ettins belagert wurde.

„Wer hält diese Feuer eigentlich intakt, wenn der Weg doch immer belagert ist?" Fragte ich Narru, als wir uns um eine Gruppe Ettins herumgeschlichen hatten, die gerade ein Reh auseinandernahmen.

„Wachsamen-Truppen beseitigen regelmäßig alles Ungeziefer, was die Straßen belagert, und entzünden die Feuer für die Wanderer, aber diese Biester kommen einfach immer wieder! Und die Wachsamen können nicht genug Leute entbehren, um ordentliche Patrouillen einzurichten."

Immer weiter entfernten wir uns von den Feuern, bis wir vor dem Eingang zu einer Schlucht standen, in der Halla Eldarsdottir das letzte Mal gesichtet worden war. Fußspuren zeugten noch davon, dass eine Gruppe Norn in diese Schlucht hineingelaufen war, aber es gab keine Spuren hinaus. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit, als wir die Schlucht betraten, Narru mit gespanntem Bogen und ich mit gezogenem Hammer, während Nahraija bereit stand uns jederzeit mit Heilzaubern zu unterstützen.

Immer tiefer folgten wir den Fußspuren, bis auf dem Boden plötzlich deutliche Kampfspuren zu erkennen waren. Inmitten des zertrampelten Schnees waren sowohl Spuren von rotem, als auch von grünem Blut. Hallas Jagdtrupp musste also auf Ettins gestoßen sein! Doch auch wenn hier definitiv ein Kampf stattgefunden hatte, waren keine Leichen zu sehen, nur grün durchzogene Schleifspuren und die Pfotenabdrücke eines großen Tieres, welches vermutlich ein gefundenes Fressen an den Ettins gefunden hatte. Seine Spuren verschwanden in einer Höhle zu unserer Seite, die so schwarz war, das ich nicht einmal den Eingang erkennen konnte. Ich wollte definitiv hier weg, aber ich wusste, solange keine Leichen zu sehen waren, gab es noch Hoffnung.

Wir folgten den Spuren tiefer in die Schlucht hinein, und das unwohle Gefühl in mir wurde stärker und stärker, andauernd musste ich mich umdrehen, da ich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Aber ich konnte in der zunehmenden Dunkelheit nichts erkennen, also stapfte ich weiter missmutig Narru und der Sylvari hinterher, bis diese plötzlich einen erstickten Schrei ausstieß. Im selben Augenblick sah auch ich die beiden Körper, die in ungesunder Haltung und völlig zerfetzt an der Steinwand lagen, das Blut in ihren Körpern schon längst gefroren. Dennoch konnte man noch deutlich erkennen, dass es sich hierbei um männliche Norn handelte, von Halla Eldersdottir keine Spur. Narru versteifte sich, sie brauchte nicht auszusprechen, was wir alle dachten. Das bedeutet nichts Gutes für Halla.

Jetzt im Laufschritt folgten wir der Spur weiter, doch waren es nur noch Hallas Fußspuren, und der Boden war mehr und mehr von Blut getränkt. Nie und nimmer konnte sie nach so viel Blutverlust noch am Leben sein! Und wer hatte ihnen das angetan, etwa der weiße Bär, den sie gejagt hatten?

Kurze Zeit später bekamen wir unsere Antwort. Am Ende der Schlucht angekommen, erwarteten uns zwei Norn, die jedoch absolut nichts mit den Norn gemein hatten, die ich bisher kennen gelernt hatte. Ihr Fleisch wurde ersetzt durch blau leuchtendes Eis, und ihre Augen waren einfach nur weiß. Es war kein Leben mehr in Ihnen, sie schienen nur noch durch eine fremde Macht gesteuert zu werden, wie Marionetten.

Und hinter ihnen stand Halla, oder besser gesagt das, was von ihr übrig war. Ihre Haut hing in Fetzen herab, und dort, wo eigentlich blutiges Gewebe hätte sein müssen, bildete sich bereits eine Schicht dieses blauen, leuchtenden Eises. Hallas Augen aber hatten bereits jedes Leben verloren, die Frau, welche den Körper einst besessen hatte, war schon längst gestorben. Bei ihrem Anblick musste ich würgen, und war froh darum, an diesem Tag nicht besonders viel gegessen zu haben. Am liebsten wäre ich schreiend weggerannt, fort von dieser Albtraumkreatur, und unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück.

„Was sind das für Wesen!?" schrie Nahraija entsetzt, und auch Narru schien solche Norn noch nie zuvor gesehen zu haben. Vollkommen entsetzt starrte sie auf die Norn, die wohl einst ihre Kameradin gewesen war, Wut und Unglaube auf ihrem Gesicht.

„Eisbrut... Das sind die Diener Jormags. Und sie haben Halla zu einer der ihren gemacht". Mein Griff um den Hammer verstärkte sich, als die Eisbrut-Norn sich uns zum Kampf gegenüberstellten.

„Jormags Einfluss so weit entfernt von den zentralen Zittergipfeln? Das kann nicht sein! Halla... Dafür werden sie büßen!" Rief Narru voller Wut und ließ einen Pfeil nach dem anderen in den Norn sausen, der ihr am nächsten stand, bis dieser sich nicht mehr rührte. Nahraijas Hände hatten währenddessen rot zu glühen begonnen und sie schleuderte mit ihrem Zepter Feuerbälle auf den anderen Norn, welcher vor Schmerzen aufschrie. Seine Stimme hatte etwas unmenschliches, sie klang, als würde Eis zerbrechen, doch das Feuer war offenbar noch nicht genug. Als er sich bereit machte, ein gigantisches, von Eis überzogenes Breitschwert zu schwingen, kam ich ihm dazwischen und verpasste ihm mit meinem Hammer einen gewaltigen Schlag auf die Hände, welche in etliche Eisscherben zerbrachen, sodass seine Waffe nutzlos zu Boden fiel. Ein weiterer Schlag gegen den Schädel brachte ihn endgültig zum Stillstand, sodass Nahraija sich nun darauf konzentrierte, die verdorbene Halla mit ihren Feuerbällen einzudecken. Narru war es, die der Norn einen Pfeil zwischen die Augen jagte, um ihr Marionetten-Dasein zu beenden. Sie kniete nieder und legte der Norn eine Hand auf die Brust. „Möge der Rabe Euch auf Eurem Wege begleiten und Eure Seele reinigen. Nahraija, verbrennt die Leichen." Dann stand sie auf, sammelte die noch intakten Pfeile ein und bedeutete uns, ihr aus der Schlucht zu folgen.

Am Ausgang konnte ich in der Dunkelheit etwas erkennen, was aussah wie ein weißer Bär, doch die Kreatur war zu abgeschreckt von Nahraijas Flammen, dass sie in der Höhle verschwand, bevor ich einen zweiten Blick darauf werfen konnte.

Als wir den Ausgang der Schlucht erreicht hatten, wandte Narru sich mit eiskalter Stimme an uns. „Ihr müsst alleine den Rückweg antreten. Ich werde nach Hoelbrak gehen und Aiden von Hallas Tod berichten. Sie müssen wissen, wie weit Jormags Klauen mittlerweile reichen, und dass Zhaitan nicht mehr die einzige große Bedrohung ist, vor der Tyria sich fürchten muss. Geht zum Labor der Vereinten Arkanisten und wartet dort auf mich." Nahraija nickte, dann sah Narru mir in die Augen und legte mir ihre Hand auf die Schulter. „Ihr habt es verdient, Euch meine Tochter zu nennen. Geht jetzt, und meidet die Feinde. Folgt dem Weg, die Signalfeuer werden Euch auch in der Nacht gut leiten. Macht nicht Halt, bevor Ihr am Labor angekommen seid. Ich werde bald zu Euch stoßen."

Narru drehte sich um und rannte in Richtung des Norn-Lagers. Auch die Sylvari und ich setzten uns wieder in Bewegung, doch keiner von uns sprach ein Wort. Zu grausam war das, was wir in der Schlucht hatten mit ansehen müssen, und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Der Weg war glücklicherweise sicher, und wie Narru uns befohlen hatte, machten wir keine Pausen. Der Schmerz in meinen Beinen war allgegenwärtig, und Müdigkeit machte sich mehr und mehr breit, doch der Gedanke an das Labor, in dem nicht nur feste Wände, sondern auch ein ordentliches Bett auf mich warteten, ließ mich weiter laufen.

Da ich den Weg nicht kannte, ließ ich mich von Nahraija führen. Nach der letzten Woche hatte ich großes Vertrauen zu ihr aufgebaut, und sie enttäuschte mich auch diesmal nicht. Der Mond war schon kurz davor, der Morgensonne des nächsten Tages zu weichen, als wir den dichten Wald verließen und ich den Gestank des Sumpfes deutlich in der Nase spürte. Und kurz darauf stolperten wir, völlig erschöpft und übermüdet, über den von Kratern gesäumten Strand zu dem Labor, mit dessen Kru ich vor einer Woche noch gegen eine Horde Krait gekämpft hatte.