Kapitel 6 – Nachtgedanken
Nachdem Remus ohne ein weiteres Wort gegangen war, stand sie allein in ihrem Zimmer und war hin und her gerissen zwischen Wut und Verzweiflung, Angst und Trauer, Reue und Schmerz.
Ein Gefühlschaos der Extraklasse hatte sich angebahnt und Jayden konnte dem Ganzen mit Nichts entgegentreten.
Sie hatte sich so daran gewöhnt, dass er sie – wenn auch unbewusst – die ganzen letzten Tage und Nächte immer aufgefangen hatte.
Einfach nur, indem er da gewesen war.
Und ihr war nichts besseres eingefallen, als ihn anzuschreien und wegzuschicken. Aber in diesem Moment hatte sie nicht mehr gewusst, was sie machen sollte.
Ihre Vergangenheit lastete noch immer so schwer auf ihrer Seele und die Schuld schien von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr immer schwerer zu wiegen.
Langsam, fast schon schleichend bewegte sich Jayden auf ihr Fenster zu und stützte sich daran ab.
Ihre Stirn lehnte sie dabei an die kühle Fensterscheibe und versuchte irgendwie wieder die Fassung zu gewinnen. Zuerst dieser Traum und dann ihr Ausrasten...
Sie fühlte sich vollkommen ausgelaugt aber gleichzeitig so überdreht, dass an Schlaf gar nicht mehr zu denken war.
Ihre Gedanken wanderten wieder zu Remus, wie er sie angesehen hatte, als sie einfach los gebrüllt hatte.
Er wirkte vollkommen überrumpelt und schien auch nicht zu verstehen, woher ihre rasende Wut auf einmal gekommen war.
Aber das konnte sie sich ja selbst nur bedingt erklären.
Ja, er hatte sie etwas gefragt, worüber sie nicht reden wollte. Aber irgendwie war das doch kein Grund ihn gleich so bösartig anzubrüllen, oder?
Andererseits hatte er aber auch nicht das Recht dazu sie so etwas persönliches zu fragen.
Aber er wusste ja nicht, wer Emma ist... war.
Frustriert von der ganzen Situation seufzte sie laut auf. Das war mal wieder so eine verfahrene Situation, wie es für ihr Leben üblich war.
Einerseits sah sie sich vollkommen im Recht, dass sie ihn hinausgeworfen hatte.
Aber andererseits wusste sie genau, dass er es nur gut gemeint hatte.
Aber sich bei jemandem zu entschuldigen war noch nie ihre Stärke gewesen. Stattdessen hatte sie immer alles ausgesessen, bis es sich von selbst erledigt hatte.
Hier gab es allerdings ziemlich wenig auszusitzen.
Es war nicht so, als ob sie ihm wirklich hätte aus dem Weg gehen können, schließlich wohnte er hier bei ihr im Haus.
Und selbst wenn es wirklich groß war, es war unmöglich sich nicht über den Weg zu laufen.
Und eigentlich wollte sie ihm ja auch nicht ausweichen. Nur vielleicht einer Konfrontation mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten.
Ihr Blick wanderte nach draußen, hinauf in den Himmel. Es schien fast so, als ob heute Nacht Milliarden von Sternen glitzern und funkeln würden.
Jayden genoss den friedvollen Anblick, den die Natur ihr in dieser Nacht bot. Sie liebte die Nacht schon von jeher.
Die Stille und die Ruhe gaben einem immer die Möglichkeit sich selbst zu finden.
Und keine einzige Wolke war zu erkennen, die diesen wunderschönen Anblick hätte trüben können.
Remus war gegangen, als sie es von ihm verlangt hatte. Er würde sich ihr sicherlich nicht aufdrängen.
Schließlich war er sowieso schon eine Belastung für sie und ihr Leben. Wer hatte denn schon gerne einen Werwolf im Haus?
Zudem auch noch einen, der sie einfach so verletzt hatte.
Und egal wie oft er sich für die blauen Flecken entschuldigt hatte, sie hatte ihn immer nur angelächelt, hatte abgewunken, als ob es nichts wäre.
Dabei war es eine ganze Menge. Es zeigte nur, dass er den Wolf einfach nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Dass er immer machtloser gegenüber der Kreatur wurde, die in ihm schlummerte. Oder zumindest schlummern sollte.
Er hatte die letzten Tage das Gefühl, als wäre er stets präsent, darauf lauernd durchzubrechen und Verwüstung anzurichten.
Und er hatte sehr wohl gemerkt, wie sich der Wolf verändert hatte, nachdem ihm bewusst geworden war, dass James und Lily...
Noch immer konnte er nicht einmal daran denken, was mit seinen Freunden passiert war.
Irgendwo hoffte er noch immer, dass sie einfach zur Tür herein kommen würden und sagen würden, dass alles nur ein dummer Scherz war.
Remus wäre ihnen keine Sekunde böse deswegen...
Stumm schüttelte er den Kopf während er langsam die Stufen nach oben stieg.
Er hatte sich kein Licht angemacht, schließlich konnte er in der Dunkelheit auch so gut genug sehen.
Das leise Knarren holte ihn dann langsam in die Gegenwart zurück, als er dann vor der Tür zu 'seinem' Zimmer angekommen war.
Er trat ein und schloss die Tür hinter sich wieder, nur um sich dann an eben diese anzulehnen.
Was hatte er denn nur falsch gemacht? In seinem ganzen Leben schienen sich sämtliche Konstanten einfach aufzulösen, fast so, als hätten sie niemals existiert.
Als hätte es nie diese 7 glücklichen Jahre auf Hogwarts gegeben.
Als hätte es niemals diese Menschen gegeben, die für ihn wie eine Familie gewesen waren. James und Lily, Peter... und sogar Sirius.
Als hätte es niemals diese letzten 5 Tage gegeben, in denen er die Hoffnung geschöpft hatte, dass er vielleicht doch nicht ganz allein auf dieser Welt war.
Jayden war wie sein rettender Anker gewesen. Sie war einfach da, sie musste ja nicht einmal etwas sagen.
Es reichte, wenn sie ihn ansah, und er durch sie merken konnte, dass er noch irgendwie am Leben war.
Aber so, wie sie vorhin reagiert hatte, schien sie es leid zu sein ihn ertragen zu müssen.
Er hatte geglaubt, dass sie ihn irgendwie mochte. Sie wollte doch, dass er bei ihr blieb.
Aber anscheinend war er einfach zu weit gegangen mit seiner Neugierde.
Und dann hatte sie ihn ja nicht einmal mehr erklären lassen, dass es ihm leid tat.
Vorsichtig stieß er sich von der Tür ab und lenkte seine Schritte zum Fenster hinüber. Es war eine sternenklare Nacht, doch dafür hatte er keine Augen.
Die Schönheit der Nacht erreichte ihn schon lange nicht mehr. Stattdessen starrte er nur den zunehmenden Mond an, der schon zur Hälfte voll war.
Er starrte ihn einfach nur an, spürte die alten Gefühle wieder hochkommen.
Die Wut auf den Wolf, der Hass auf die Gesellschaft, die Ablehnung sich selbst gegenüber.
Und keine einzige Wolke war zu erkennen, die diesen, für ihn furchtbaren Anblick hätte verdecken können.
