Lee benötigte viel Zeit, um Aarons letztes Geständnis verarbeiten zu können.
Zuerst war ihr alles wie ein einziger, zutiefst grausamer Albtraum vorgekommen. Die geistige Stärke, welche Lee einst über den Verlust ihres Freundes Gérard hinweg geholfen hatte, verließ sie nun.
Am Nachmittag nach Aarons Beerdigung legte sich Lee, unter der schlimmen Lungenentzündung leidend, ins Bett und starrte mit ausdruckloser Miene zur Decke. Eigentlich hätten sie viele Gedanken, Ängste und unbeantwortet gebliebene Fragen quälen müssen, doch ihr Kopf fühlte sich vollkommen leer an.
Lee lag einfach nur da, ohne an etwas zu denken, ohne etwas zu fühlen.
So verging Tag um Tag, Nacht um Nacht. Und schließlich war ein ganzer Monat vergangen, ohne dass Lee, die kaum noch etwas aß, für länger als einige wenige Minuten das Bett verlassen hatte.
Da war sie von ihrer Lungenentzündung - dank eines Trankes, den Lee fast zwei Jahre zuvor einmal während der Sommerferien gebraut hatte - längst geheilt.
Irgendwann jedoch holten sie Lee dann doch ein. Sie, die Erinnerungen an die Vergangenheit. Ihre gesamte Kindheit zog an Lee vorbei, während sie auf diesem Bett lag und vor sich hin starrte.
Lee wusste, dass Aaron sie tatsächlich wie eine eigene Tochter geliebt hatte. Anders ließ sich sein absolut selbstloses Verhalten ihr gegenüber nicht erklären. Sie dachte daran, wie aufopferungsvoll er sich um sie gekümmert hatte, und ihre anfänglich große Fassungslosigkeit wurde kleiner. Lee begriff, dass ihr Vater – denn als diesen bezeichnete sie ihn nach wie vor – sie nur hatte schützen wollen.
Aaron hatte seinen Namen geändert und sich für ein Leben in der Fremde entschieden. Er war geflohen, um die kleine Rachel zu behüten, die Aaron später nach seiner Mutter Madeleine benennen sollte.
Dad, dachte Lee, muss meine Mutter wirklich sehr geliebt haben.
Die Fassungslosigkeit verringerte sich weiter, doch sie verschwand nie ganz aus Lees Gedanken. Ihre Liebe zu ihrem Ziehvater jedoch blieb bestehen und veränderte sich nicht, auch wenn Lee vieles, was früher geschehen war, nun in einem ganz anderen Licht sah.
Etwa drei Monate nach Aarons Tod begann Lee damit, sich intensiv um einen neuen Job zu bemühen.
Sie war 17, als Aaron starb und 19, als sie den Weg in ihr Geburtsland England antrat.
Noch immer litt Lee unter den Folgen jenes verhängnisvollen Nachmittags. Aarons Geständnis verfolgte sie in ihren Träumen. Die Frage nach dem Verbleib ihres leiblichen Vaters hatte Lee dagegen erfolgreich aus ihren Gedanken verbannt.
Anders verhielt es sich mit Severus Snape, der vor kurzem vom Vorwurf, Albus Dumbledore heimtückisch ermordet zu haben, freigesprochen worden war. Lee wusste nicht so recht, wie sie über diesen Freispruch denken sollte.
Der Beweis dafür, dass Snape im Einvernehmen mit dem Schulleiter Hogwarts gehandelt hatte, war erbracht worden. Lee hatte ausführliche Zeitungsartikel darüber gelesen.
Aber war jener Beweis, jene Erinnerung an ein höchst vertrauliches Gespräch zwischen Dumbledore und Snape - mit erschütterndem Inhalt - denn auch wirklich echt?
Tief in ihrem Inneren spürte Lee, dass dem wohl so war, doch sie versuchte standhaft, an das Gegenteil zu glauben, was der jungen Frau mal mehr, mal weniger gut gelingen sollte.
Lee hatte unzählige Stunden damit verbracht, sich mit Snape zu beschäftigen. Sie wollte wissen, wer dieser Mann war, der ihre Mutter umgebracht hatte.
Angeblich umgebracht hatte.
Hatte er es getan? Oder trug doch ein anderer die Schuld an Dianes gewaltsamen Tod?
Keine Frage peinigte Lee mehr oder raubte ihr öfter den Schlaf.
Lee erfuhr, dass es sich bei Snape nicht nur um einen höchst begabten Tränkebrauer, sondern auch um einen ehemaligen Todesser und Spion handelte, der sich als Lehrer in Hogwarts bei seinen Schülern durch ein auffallend unfaires Verhalten stark unbeliebt gemacht hatte.
So zumindest hieß es in mehren Artikeln, die Lee sich ständig durchlas, während sie gleichzeitig ihre Fingernägel abknabberte. Eine Eigenschaft, die Lee erst nach dem Tod ihres Vaters angenommen hatte.
Sie kam nach England, weil sie die Wahrheit wissen wollte. Lee sah nur eine Möglichkeit:
Sie musste Snape aufsuchen und ihn mit seiner – angeblichen? – Tat konfrontieren. Doch wie sollte Lee, die alsbald als Journalistin für den Klitterer arbeiten würde, dies gelingen? Wie sollte sie Snape finden?
Aber wie der Zufall es wollte, sollte Lee bei ihrer Einreise Charlotte begegnen. Die damalige Miss Doyle mochte die eher verschlossenen wirkende Lee auf Anhieb und stellte ihr mehr Fragen, als es ihre Pflicht gewesen wäre.
Lee verhielt sich zunächst zurückhaltend, begann dann aber langsam ihrerseits damit, Charlotte nach ihrer Person auszufragen. Ob sie denn schon lange im Ministerium arbeiten würde, wie ihr das Leben in England gefiele und ob sie wüsste, in wiefern sich ein Dasein in England und in den USA von einander unterschied.
Es war letztendlich Charlottes Idee gewesen, noch am gleichen Abend zusammen in ein kleines Restaurant zu gehen. Lee gefiel der Vorschlag und so sagte sie zu.
Ihre Freundschaft entwickelte sich anfangs langsam, wurde aber mit der Zeit immer intensiver.
Dann, nach mehr als zwei Jahren nach ihrer ersten Begegnung, erfuhr Lee eines Abends von Charlotte, dass diese zusammen mit Eric und einigen wenigen anderen Mitarbeitern des Ministeriums auch ehemaligen Todessern neue Identitäten verschaffte.
In diesem Augenblick wurden Lee zweierlei Dinge bewusst; Charlotte vertraute ihr nicht nur tief, sie war auch der Schlüssel, nach dem Lee so lange gesucht hatte.
Der Schlüssel zu Snapes neuem Leben, welches dem Rest der Zaubererwelt bisher verschlossen geblieben war.
Snapes Hände verkrampften sich ineinander und seine Lippen bebten.
„Was dir Aaron erzählt hat, war gelogen", stieß er hervor.
„Ach? Dann hat meine Mutter mich also nicht zu Aaron gebracht, weil sie nicht wollte, dass ich unter Todessern aufwachse?", fragte Lee kalt.
Täuschte sie sich, oder lag da ein Ausdruck der Furcht in Snapes Augen?
„Doch", sagte Snape, „aber-"
„Und", unterbrach Lee ihn, „ist sie nicht noch einmal losgegangen, um sich von dir zu verabschieden?"
„Ja, aber du verstehst nicht, ich-"
„Snape", sagte Lee, „ich will es nicht hören."
Er starrte sie an.
„Warum bist du gekommen?", fragte er. „Willst du mich töten?"
„Nein", entgegnete Lee.
Stille trat ein. Eine gefährlich lang anhaltende Stille.
Snapes Augen huschten über Lees Gesicht, huschten über die Spitze des Zauberstabs, die ihn bedrohte.
„Ich habe deine Mutter nicht getötet", sagte er. „Du musst mir glauben."
Aber Lee schüttelte den Kopf.
„Die Zeit, in der ich Zweifel hatte, ist längst vorbei, Snape", entgegnete sie, aber ihre Stimme verbarg nicht ihre Unsicherheit.
„Bist du dir sicher?", fragte Snape.
„Ja", sagte Lee nach einer Weile und rief dann plötzlich laut: „INCARCERUS!"
Weiße, lange Fäden schossen aus der Spitze von Lees Zauberstab und schnürten Snape ein. Die Fäden fesselten seine Hände aneinander, ebenso seine Füße. Sie umschnürten das gesamte Sofa und verhinderten so, dass Snape sich hätte erheben können.
Nun war er wehrlos, war Dianes Tochter, welche ihn für einen eiskalten Mörder hielt, komplett ausgeliefert.
Dianes Tochter…
Ihm war klar, was dies bedeutete, es drückte ihm die Kehle zu und nahm Snape die Luft zum Atmen.
Was, fragte er sich, hat Aaron ihr noch erzählt? Welche Lügen?
Sein Herzschlag beschleunigte sich, wenn er daran dachte, was er ihr wohl verschwiegen haben mochte. Hatte Aaron seiner Ziehtochter erzählt, dass er nicht ihr leiblicher Vater war?
Snape musste es herausfinden.
„Was hat dir Aaron über sich und deine Mutter erzählt?", fragte Snape.
Sie spürte, worauf er hinaus wollte.
„Aaron war mein Vater, Snape. Und er bleibt es und wird es für mich immer bleiben. Aber dennoch, wenn du weißt, wer mein biologischer Dad ist, dann tu dir keinen Zwang an und erzähle es mir."
„Warum bist du gekommen? Rachel?"
Es war auffällig, wie Snape die Frage nach ihrem Vater ignorierte.
„Was weißt du über meinen Vater?", fragte Lee, die beim Klang ihres richtigen Namens beinahe zusammen gezuckt wäre. „Wer war er? Meine Mutter meinte, er sei kein wahrer Todesser gewesen."
Snape starrte sie an.
„Das soll Diane gesagt haben?"
Seine Stimme war nun ein Tick leiser als zuvor.
Aber anstatt seine neu aufgekommene Frage zu beantworten, sagte Lee:
„Ich bin gekommen, weil ich Gerechtigkeit will. Ich weiß, dass du unter dem Schutz des Ministeriums stehst. Aber das schützt dich nicht unbedingt davor, für eine frühere Tat verurteilt zu werden."
Snapes Gesichtszüge verhärteten sich.
„Du hast Dumbledore getötet und wurdest freigesprochen. Und du hast eine junge Frau namens Diane Baxter getötet. Aber dafür wirst du nicht davonkommen. Das verspreche ich dir."
„Und was hast du jetzt vor?", fragte Snape.
Lees Hand senkte sich, erhob sich wieder, zielte auf Snapes Herz, zielte auf seinen Kopf.
„Ich werde dafür sorgen, dass du endlich zu dem stehst, was du getan hast."
Lee glaubte nicht, dass Snape bereitwillig gestehen würden. Aber sie war bereit, ihn zu bedrohen und wenn es wirklich erforderlich sein sollte, dann würde sie auch vor brutaler Gewalt nicht zurückschrecken.
„Ich habe Diane nicht getötet", sagte Snape.
„Du lügst", entgegnete Lee kalt, „du sitzt hier vor ihrer Tochter und lügst ihr einfach ins Gesicht. Du bist so unglaublich verabscheuungswürdig."
Snape erkannte, dass sie nur ein Schuldeingeständnis akzeptieren würde und er wusste, dass er jetzt keine andere Wahl hatte, als…
„Ich weiß nicht, wie das ist, Snape."
„Was?"
„Jemandem Gewalt anzutun. Ich weiß nicht, wo die Schmerzensgrenze liegt. Von daher wäre es durchaus möglich, dass ich sie irgendwann unwissentlich weit überschreite."
Sie klang weder besonders ruhig noch aufgeregt. Aber ihre Drohung meinte sie eindeutig ernst.
„Glaubst du wirklich, das Ministerium würde ein unter Folter erzwungenes Geständnis akzeptieren?"
Lee zuckte nur die Schultern.
„Lässt du mir denn eine andere Wahl, Snape?"
Sie beugte sich leicht vor und streckte die Hand aus, welche den Zauberstab hielt. Lee wirkte konzentriert. So, als überlege sie sich, welchen boshaften Fluch sie als erstes auf Snape hetzen sollte…
„Ich zähle gleich bis zehn, Snape, und wenn du mir bis dahin nicht-"
„Ich kann meine Unschuld beweisen."
Die Worte waren einfach aus ihm heraus gebrochen. Snape war über sich selbst erschrocken. Alles, wirklich alles in ihm wehrte sich dagegen, Lee den Beweis anzuvertrauen.
Den Beweis für seine Unschuld.
War es ein Trick? Versuchte Snape etwa, sie hereinzulegen?
Lee spielte mit dem Gedanken aufzustehen, vor Snape zu treten, ihm die Spitze des Zauberstabs gegen die Schläfe zu pressen und mit Hilfe eines harmlosen, aber recht unangenehmen Fluchs einen Schrecken einzujagen.
Vielleicht ließe sich dadurch der Wahrheitsgehalt seiner letzten Äußerung besser herausfinden…
Ja, vielleicht sollte sie wirklich…
„Der Beweis befindet sich in der oberen Etage. Dort sind drei Türen. Zwei-"
Lee stand auf und schritt auf Snape zu.
Er sah die Spitze auf sich zukommen, spürte sie gleich darauf auf seiner nassgeschwitzten Stirn. Lee schwieg.
„Tu, was du nicht lassen kannst", sagte Snape, der Lees Fluch erwartete. „Aber wenn du fertig bist, dann geh nach oben und schau nach. Ich bin unschuldig, Madeleine. Rachel."
Aber Lee gab keine Antwort.
Sie überlegte lange, ob sie Snape Schmerzen zufügen sollte oder nicht. Doch schließlich kam ihr dies doch nur sinnlos vor.
Zumindest eben in diesem Augenblick.
Lee ließ den Zauberstab sinken, während sich ihre und Snapes Blicke trafen.
„Gut", sagte Lee, „dann werde ich jetzt nach oben gehen und mir deinen Beweis ansehen. Danach werde ich mich entscheiden, wie ich mit dir weiter verfahren werde."
„Es wäre besser, wenn du meine Fesseln lösen und mich mitnehmen würdest", sagte Snape.
Diese Bemerkung verunsicherte Lee, und der Gedanke, dass Snape nur versuchte, sie auszutricksen, drängte sich ihr erneut auf. Aber wenn er dies tatsächlich tat, dann bedeutete es, dass er sie für äußerst gutgläubig und naiv halten musste.
Nein, sie würde Snape nicht von den vielen weißen Fäden befreien, die ihn hier an das Sofa fesselten. Stattdessen würde Lee ihn im Wohnzimmer zurücklassen und alleine den Weg ins obere Stockwerk antreten.
Aber was würde sie dort erwarten?
„Welche Tür?", fragte Lee kalt.
„Sobald du vor meinem Beweis stehst, wirst meine Hilfe benötigen, um die richtige-"
Lee unterbrach Snape.
„Welche Tür?", wiederholte sie ungehalten.
Eine Weile schwieg Snape. Dann sagte er:
„Die Linke."
Lee hob den Zauberstab und ließ ihn über Snapes Gesicht fahren.
„Ich warne dich", sagte sie und noch immer klang ihre Stimme weder nervös noch aufgeregt, noch wirklich ruhig oder beherrscht.
So wie Lee sich gab, war es für Snape unmöglich, ihre weiteren Handlungen einzuschätzen.
Vielleicht würde sie es sich plötzlich anders überlegen und ihn mit einem grausamen Fluch peinigen. Vielleicht aber würde Lee auch einfach ohne ein weiteres Wort zu verlieren die Treppe nach oben wählen.
Nur eines war ihm klar:
Was auch immer er versuchen sollte, Lee würde den Gang zur Treppe und schließlich hinauf nur alleine gehen, doch niemals mit ihm, Severus Snape.
Er sah Lee nach, sah sie die Treppen hinaufgehen, sah sie schließlich verschwinden.
Snape dachte an den Raum, in den die junge Frau gleich eintreten würde, dachte daran, was sie dort vorfinden würde.
Ja, er hatte Angst.
Angst, sie würde einen Einblick in Erinnerungen erhalten, die er für immer hatte vergessen wollen.
Snape schloss die Augen und unwillkürlich tauchten Bilder von Diane vor seinem inneren Auge auf.
Diane mit ihrem blonden Haar und blauen Augen. Lachend und unbekümmert.
Diane, wie sie ihre Augen entsetzt aufreißt und flüstert: „Nein, nicht. Denk an Rachel."
Diane, wie sie der grüne Strahl trifft und ihr lebloser Körper zu Boden fällt.
Diane…
Bevor Lee die Tür öffnete, welche sich ganz links befand, schaute sie nach, was sich hinter den anderen befand. So entdeckte sie sowohl Snapes Schlafzimmer als auch das Bad, das den Eindruck machte, als wäre es erst kürzlich geputzt worden.
Lee legte die Hand auf die Türklinke. Sie zögerte kurz, drückte die Klinke nach einiger Zeit hinunter und trat in das dritte Zimmer ein.
Was sie vorfand, war ein bizarres Gemisch und Ordnung und Chaos. Auf dem Boden lagen zertretene Pflanzen aller Arten, sowie Glasscherben und zwei zerrissene Bücher. In den Regalen jedoch befanden sich neben unzähligen, offensichtlich nach einem bestimmten System sortierten Flaschen mit den verschiedensten Inhalten, auch sorgsam aufgereihte Bücher.
Und in der rechten Ecke des Zimmers…
Langsam trat Lee vor, ging Schritt um Schritt. Bis sie direkt davor stand.
Auf einem Regal stand eine kleine, flache Schale. Sie war dunkelrot und ihr Rand war mit einem Runenmuster verziert. Silbriges Licht trat aus dem Inneren der Schale, in der eine mysteriöse Substanz ruhte, deren Oberfläche sich stetig kräuselte.
Lee wusste, was dies hier war.
„Er hat ein Denkarium", flüsterte sie, obwohl sich niemand sonst noch im Zimmer befand.
Das war sie, die Antwort auf all ihre Fragen. Alles, was sie nun tun musste, war sich auf die Reise in die Vergangenheit – Snapes Vergangenheit – einzulassen.
Lee streckte die Hand nach der Schale aus und versuchte sich einzureden, sie empfände jetzt keine Furcht.
Aber ihr Herz raste.
