Ich wache mit einem stechenden Kopfschmerz und mindestens ebenso stechenden Blicken auf mir auf. Bevor ich mich diesen Blicken ausliefere sehe ich fast schon besorgt zu Emily's Bett herüber, doch es, wie nicht anders zu erwarten, war leer. Es war mir von Anfang an klar, dass ich meine gestrigen taten bereuen würde aber nicht in dem Ausmaß. Ich stelle mich den Blicken von Effy. Sie sieht überraschend gut aus heute Morgen, nicht wirklich Gesund, aber wesentlich besser als die letzten Tage. Nach und nach formt sich wieder dieses Grinsen auf ihren Lippen. Gerade wollte ich etwas sagen aber sie kommt mir zuvor "Machs dir nicht schwerer als es ist".
"Was meinst du?" Sie könnte so viel damit meinen. Es gibt so viele verschiedene Varianten, dass es mir noch stärkere Kopfschmerzen bereitet. Worin hab ich mich da nur verstrikt?
Effy antwortet nicht sofort, sie starrt mich nur weiter an, nimmt mit ihrer zittrigen Hand das Glas Wasser, das vermutlich Cook oder Emily ihr heute Morgen hingestellt hat. Sie sieht so schwächlich aus. Langsam führt sie das Glas zu ihrem Mund, sie trinkt, das erste Mal, dass ich sie ohne fremde Hilfe trinken sehe. Von ihrem Mundwinkel fliest ein wenig der Flüssigkeit wieder aus ihrem Mund aber das lässt sie nicht weniger furchteregend wirken. "Ich sehe dich, Naomi Campbell" Sie stellt das Glas an seinen ursprünglischen Platz und fällt zurück ins Bett.
Ich sehe dich... was sie wohl damit schon wieder meinte? Diese Frau steckt voller Geheimnisse. Ich stehe auf, wahrscheinlich zu schnell, denn alles dreht sich. Jetzt muss ich mich zwei Dingen stellen... Emily und meinem Kollegen James Cook. Der Plan sollte langsam erstellt werden, damit wir bereit sind, wenn die Woche vorbei ist. Wenige Schritte später steh ich vor Effy's Bett, sie ist vollkommen weggetreten. Mit meiner rechten Hand prüfe ich ihr Fieber, sie fühlt sich immer noch verdammt heiß an, ich kann nicht genau sagen ob es besser geworden ist, ich kanns nur hoffen. Ich will die Beiden nicht zurückzulassen, ich will das nicht tun müssen.
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In der Küche treffe ich auf Cook, er steht vor dem Kühlschrank, mit einer Hand am Griff der geöffneten Kühlschranktür und mit der anderen unter seinem Shirt. Er wirft seinen Kopf zurück und lacht laut auf, er dreht sich zu mir um und begrüßt mich lautstark "HEY HO! Naomio"
Ich antworte mich einem lauten schnaufen "Zu laut Cook, Kater"
"Verstanden Captain" Er salutiert, verlässt den Raum aber nicht ohne die Kühlschranktür zufallen zu lassen. Es dauert nicht lange, da kommt er mit zwei kleinen Pillen zurück, er drückt sie mir in die Hand als er an mir vorbei und zur Küchentheke läuft, dort schenkt er mir Wasser in ein Glas ein und überreicht es mir stolz "Mission erfolgreich abgeschlossen".
Er grinst über beide Ohren, ich nicke "Danke Cook".
Wir gehen beide ins Esszimmer. Emily sitzt schon am Tisch und isst etwas, das für mich aussieht wie Babybrei, sie schaut mich kurz an und ich habe das Gefühl, dass da etwas zwischen uns ist, eine Botschaft, die einfach nicht ankommen will. Cook setzt sich ihr gegenüber und ich entscheide mich spontan für den Platz neben ihm. "Gut geschlafen?" Meine eigenen Worte hören sich fremd an.
Sie lächelt, sie sieht zwar nach unten aber ich erkenne dass sie lächelt. "Ganz gut ja"
Ich nicke. Cook sieht uns abwechselnd an und hebt nur seine linke Augenbraue, ich weiß, dass er das tut, denn das tut er immer wenn er etwas absolut nicht verstehen kann aber in diesem Fall ist er nicht alleine. "Gut, Effy scheints besser zu gehen?"
Meine kläglichen Versuche ein Gespräch zu führen scheinen zu scheitern. "Heute Morgen hat sie mit mir geredet" Es erstaunt mich, dass Cook sich einklingt, noch mehr erstaunt mich, dass er sich mit Effy unterhält und ich es nicht merke. Ich muss vorsichtiger sein, ich darf nicht so fest schlafen.
Cooks Worte scheint Emily's Interesse geweckt zu haben "tatsächlich? Was hat sie gesagt?"
Er zuckt mit den Achseln "Nicht viel, aber das Mädchen hats nicht leicht. Ich glaube sie spricht oft im Fieberwahn aber dann, ganz plötzlich ist sie völlig klar, es ist als ob sie langsam zu sich findet"
"Das hoffe ich sehr" Emily sieht mich wieder an, nur flüchtig aber immerhin.
Um dieser komischen atmosphäre wenigstens für einen Augenbick zu entkommen nehm ich die zwei Pillen die Cook mir gegeben hat in den Mund und spüle sie mit einem großen Schluck Wasser herunter. Ich will es nicht sagen aber ich muss "Wir sollten uns überlegen wie wir hier unbeschadet raus kommen, zu Sektor A7"
Cook nickt, Emily wendet sich voll und ganz ihrem Brei zu und tut grad so als hätte sie mich nicht gehört. Sie ist sicher verwirrt und sauer und... ich meine ich kann es ihr nicht verübeln, vor wenigen Stunden noch hab ich sie in meine Arme geschlossen und jetzt... deute ich an, sie eventuell hier zu lassen. Ich wünschte ich könnte ihr sagen, dass ich das nicht will, dass ich nichts lieber wollen würde als Effy und sie mitzunehmen. Alles worauf ich hoffen kann ist ein Wunder, ein kleines Wunder in einer aussichtslosen Situation.
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"Emily"
"Was? Was Naomi?"
Sie ist rasend vor Wut "könntest du mir sagen, was genau los is?"
"Was genau los ist?" Sie wirft ihre Arme in die Luft "was hier los ist? Ich dachte das könntest du mir sagen, du musst damit aufhören und zwar schnell"
"Womit aufhören?" ich bin eine ahnungslose Seele.
"Du, du bist... ich meine... was war das gestern?"
"Ich war nett, eine nette Geste?" ich zucke mit den Achseln.
Sie verdreht ihre Augen "du bist eiskalt, dann denke ich, du würdest ein bisschen menschlicher werden, vielleicht sogar... ich weiß nicht" ich will sie nicht unterbrechen also tu ichs nicht, sie braucht eine Sekunde, dann redet sie weiter "vielleicht sogar eine Freundin für mich sein und dann... willst du mich und Effy wieder los werden"
Ich zucke unbeholfen mit den Achseln und antworte ihr auch wenn ichs nicht will "ich muss professionell sein" eine Freundin sein? Effy und sie los werden? Ich würde nichts lieber tun als sie zu behalten. Emily zu behalten.
Meine Aussage lässt sie jedoch noch mehr in eine Raserei verfallen. Sie sieht so unheimlich wütend aus, wie ein Vulkan kurz vor seinem Ausbruch bebt sie "Deine Professionalität kannst du dir sonst wo hin stecken!" sie stöst mir ihren Zeigefinger so dermaßen in meine Schulter, dass es mich kurz zurückwirft.
Das ist es, was nun auch meine Wut entfesselt, niemand fässt mich an, ich packe ihr Handgelenk und zieh sie näher an mich, ich sehe mit meinen glühenden Augen in ihre, wir sind uns so Nahe, dass ich ihren Atem spüre. Ich muss sicher sein, dass meine Worte, meine Aktionen sie verbrennen so lange ich die Oberhand habe "Pass auf Emily, ich sags dir nur einmal, also hör mir genau zu" Sie wirkt immer kleiner, ihr Ausdruck verändert sich zunehmend in einen beinahe schon... ängstlichen? Ich darf jetzt nicht schwach werden "ich..." ich werde doch schwach? Nein. "Ich will, ich will euch mitnehmen, doch wenn es nicht anders geht, bleibt mir auch keine andere Wahl. Ich würde alles daran setzen um euch heil hier raus zu bringen. Ich mag zwar kalt und abweisend wirken, mein Herz mag sich zwar schon vor langer Zeit in einen Stein verwandelt haben aber... du lässt es wieder schlagen, aufleben. Aufgeben liegt mir nicht im Sinn" Das war nicht das was ich sagen wollte.
Jetzt bin ich es die verunsichert wird. Plötzlich ist die Nähe zu Emily in den Vordergrund gerückt. Sie sieht mir immer noch tief in die Augen, ihre Wut scheint in den Hintergrund gefallen zu sein, denn nun ist da was anderes, etwas das ich nicht zu beschreiben vermag. Ich will mich losreißen, will meinen Griff um ihr Handgelenk lösen und verschwinden aber irgendwas hält mich fest. Sie lehnt sich weiter zu mir, etwas huscht über ihr Gesicht, ein Ausdruck der Bedauerung und dann wird alles Still. Die Zeit scheint in Zeitlupe voranzugehn, sie kommt mir immer näher und mit einem Mal, hält die Zeit an, sie bleibt stehen, Emilys Lippen berühren meine. Sanft, leicht, ein schauer durchfährt mich. Ich sehe wie sich ihre Augen langsam schließen, mit ihren Lippen auf meinen, sie sind warm und weich. Ich rühre mich nicht, versuche nur dieses Gefühl festzuhalten. Die Zeit hat einen eigenartigen Rhythmus, sie nimmt wieder ihre übliche Geschwindigkeit an, Emily löst sich von mir, ihre Lippen verlassen meine und es dauert nicht lange, da Atmet sie laut ein, öffnet ihre Augen, sieht mich mit einem erschrockenem Blick an und im Nu ist sie weg und ich stehe da, mit meinen Fingerkuppen an meinen Lippen und starre ins Nichts. Was soll ich jetzt bitte tun? Was war das? Meine Lage wird immer verzwickter.
