Vergiß mein nicht, du treues Herz,
Bleib treu mir in der Ferne,
Ohn dich ist alle Freude Schmerz,
Ohn dich sind dunkel die Sterne.
(Clemens Brentano)
„Wir sind auf Seite eins." Anne schaute zwischen ihren Brüdern hin und her. So wie die sie ansahen, hatten sie sicher noch etwas dabei. „Los, was noch?" Jetzt war es ihr auch egal, jetzt da sie sowieso schon erfahren hatte, dass die ganze Welt über ihren Ausbruch Bescheid wusste.
„Die hier sind heute erschienen." Ace hielt ihr grinsend drei Steckbriefe vor die Nase, die sie auch gleich nahm, vor sich ausbreitete und betrachtete.
Feuerfaust Portgas D. Ace – 550.000.000 Berry
Schattenkämpfer Sabo – 340.000.000 Berry
Scharfrichterin Gol D. Anne – 480.000.000 Berry
„Alle so viel erhöht…" Anne schaute noch mal genauer hin. Bei ihr waren es ganze 110 Millionen mehr als vorher. „480 Millionen… Ich habe immer noch weniger als du… Das ist unfair", beschwerte sie sich. Sie wusste zwar, woran das lag, aber trotzdem fand sie es gemein, ein niedrigeres Kopfgeld zu haben als Ace. Schließlich war sie älter. Und hatte früher angefangen. Naja, ihres war ja nicht gerade wenig, aber man merkte schon, dass sie sehr nachgelassen hatte, seit sie nichtmehr in ihrem eigentlichen Beruf aktiv war. Man könnte schon fast sagen, sie sei brav geworden. Nun… Bis auf gewisse Nebentätigkeiten…
Ace grinste sie breit an.
„Na dann musst du sehen, dass du noch einiges anstellst, sonst renne ich dir noch weg, ich habe ja immer noch einen meilenweiten Vorsprung…" Na toll, da war er wieder. Wenigstens fiel ihr etwas auf, das ihre Laune ein bisschen hob: Sie hatten für ihr Fahndungsplakat kein neues Foto geschossen. Würde sie jetzt schlafend und völlig fertig überall aushängen, nähme sie doch niemand mehr ernst. Anne löste ihren Blick wieder von den Steckbriefen und fing an, den Artikel über ihre Befreiung zu lesen:
„Am Nachmittag des 20. Februar brachen zwei Männer in das Unterwassergefängnis Impel Down ein um die inhaftierte Gol D. Anne zu befreien. Der Versuch glückte und sie verschwanden mit ihr. Bei den Männern handelt es sich Informationen zufolge um den Meisterdieb und Auftragsmörder Sabo und um den Whitebeard-Piraten Feuerfaust Portgas D. Ace. Alle drei dieser Schwerkriminellen wurden schon vorher mit Kopfgeldern in Höhe von mehreren hundert Millionen Berry gesucht."
Sie schaute auf.
„Die meinen uns?" Ja, du Blitzmerker! Die meinen euch. Meine Güte, bist du heute langsam…
Die Tür öffnete sich und Claire kam mit einer kleinen Schüssel herein.
„Oh, guten Tag. Es ist schön, euch so glücklich zu sehen." Sie lächelte die beiden Männer freundlich an.
„Das ging aber schnell." Anne freute sich wie eine Schneekönigin, als sie die Schüssel und einen Löffel in der Hand hielt. Reissuppe.
„Vielen Dank." Mit diesen Worten tastete sie sich langsam an den Inhalt der Schüssel heran. Die Brühe konnte sie schon mal ohne Probleme schlucken. Das war ein gutes Zeichen. Nun der Reis. Sie zögerte einen Moment, entschied sie sich dann aber, es zu versuchen. Kein Problem. Sie hob ihren Blick und strahlte Claire an. „Es funktioniert tatsächlich."
„Gut, dann kann ich die Kanüle ja entfernen", meinte diese lächelnd und machte sich daran, vorsichtig den Schlauch aus Annes Arm zu ziehen. „Ich habe nämlich die Anweisung, das Ding zu entfernen, sobald du wieder stark genug bist, selbst zu essen. Du warst so unterernährt, wie ich es noch nie gesehen habe, als du hier her gekommen bist… Andererseits bin ich noch nicht lange in meinem Beruf tätig…"
Nun meldete sich auch Ace wieder zu Wort, nachdem er eine Weile so ausgesehen hatte, als hätte er überlegt. Er dachte? Da war Anne aber überrascht. Doch sie musste sich darüber bestimmt keine Sorgen machen. Das war bestimmt nichts Schlimmes. Vielleicht tat er das öfter, wenn sie nicht dabei war. Quatsch, sie wusste genau, dass er denken konnte. Schließlich war dieser Kindskopf ein schlaues Kerlchen. Jedenfalls – zurück zum Thema – meldete er sich wieder zu Wort.
„Na, Claire? Wie läuft es bei dir so? Alles gut?"
Anne schaute von Ace zu Claire, die leicht errötete. Nur wegen dieser Frage? Moment… 2+2=4… So war das also! Während sie sich weiter über ihre Suppe hermachte, sah sie weiter zwischen den beiden hin und her. Innerlich musste sie grinsen. Es war also wirklich so, wie sie gedacht hatte. Der Tonfall, in dem die junge Krankenschwester vorher Ace' Namen erwähnt hatte, war ihr eben schon verdächtig vorgekommen…
„Ähm… Ja… Gut… Alles… gut…" Wie niedlich! Sie drehte sich, knallrot wie sie war, von ihm weg und tat so, als räume sie noch ein paar Sachen weg. Während Ace weiter balzte und immer wieder Bemerkungen à la „Es ist so wunderbar, wie du dich um meine Schwester kümmerst" und so weiter und so fort fallen ließ… (Es war sehr amüsant) und Claire die Schüchterne mimte, wobei die Schränke immer interessanter wurden und ihr Gesicht immer roter, schaute die Zwanzigjährige ihren anderen Bruder an, der wohl das gleiche dachte wie sie selbst: Die hatten sie nicht mehr alle.
Sabo und Anne schauten sich noch eine Weile an und schüttelten den Kopf. Nein, diese zwei Exemplare hatten wirklich nicht mehr alle Latten am Zaun…
Es war wirklich interessant, diesem einzigartigen Phänomen zuzuschauen. Vor allem, weil keiner von beiden auf die Idee kam, den jeweils anderen um eine Verabredung zu bitten… Aber einmischen wollte sie sich nicht. Wie die Beiden sich anstellten war wirklich eine Mordsshow. Er versuchte ihr näher zu kommen, sie errötete und wich zurück. Er suchte Augenkontakt, sie schaute weg. Wenn man nicht selbst betroffen war, war das wirklich lustig. Anne und Sabo saßen da und schauten wie gebannt dem Schauspiel zu, das sich da vor ihren Augen ereignete. Die junge Frau fühlte sich, als sitze sie in der ersten Reihe im Theater. So etwas konnte es doch nicht wirklich geben… Dass sich zwei Menschen so bescheuert anstellten… Mann, frag doch endlich mal nach, du Hirni. Was hast du denn zu verlieren? Mehr als Nein sagen kann sie doch nicht… Meine Güte, ist der ein Stoffschädel.
Dieser Feigling. Dieser elende Feigling.
Als Anne fertig gegessen hatte, stellte sie die Schüssel auf das Schränkchen neben ihrem Bett wo Claire es direkt sah, nahm und nach draußen schaffte. Mit den Worten „Ich gehe besser wieder an die Arbeit", verabschiedete sie sich und ließ die drei im Zimmer zurück. Als sie schon eine Weile verschwunden war, drehte Ace sich zu seinen Geschwistern um, die ihn beide frech angrinsten.
„Weißt du, wie bescheuert du dich gerade angestellt hast?" Anne konnte nicht anders. Sie musste einfach sticheln. Ja, es war wundervoll, die Ältere zu sein und den kleinen Bruder zu ärgern. Gähnend vor Müdigkeit fuhr sie fort: „Du bist verknallt…" Sie grinste frech zu ihm rüber. „…in Claire." Himmlisch, wie er sie angiftete. Da fühlte man sich doch gleich wie neu geboren… Aber sie war wirklich müde.
„Wenn es euch nichts ausmacht, drehe ich mich nochmal um. Bleibt ihr hier?" Ihre Brüder nickten. Gut, dann war sie nicht ganz allein… Schlafen war das Einzige, was sie noch wollte. Vorsichtig drehte Anne sich um und schloss die Augen.
„Gute Nacht und wehe, ihr seid weg, wenn ich aufwache."
„Siehst du mich?" Diese Worte konnte sie gut verstehen, obwohl ihre Quelle weit entfernt war. Die Person, die da von weitem auf sie zu kam, konnte sie nicht erkennen, von der Stimme und den Umrissen her schien es sich jedoch um einen Mann zu handeln. Und dieses Lachen… Das kannte sie doch irgendwo her… So bedrohlich und trotzdem so vertraut… Und diese Umrisse, die sie immer besser erkennen konnte… Das war der Mann, der ihr auch letztens auf dem Archipel erschienen war. Das Lachen verstummte und die Gestalt blieb stehen.
„Anne, ich werde dich finden. Bald ist es soweit." Anne blieb ruhig stehen und rührte sich nicht vom Fleck. Sie stand dort mit stolz erhobenem Haupt und schaute in die Richtung, aus der sich bis eben noch diese Gestalt genähert hatte. In ihr keimte Sehnsucht auf. Sehnsucht nach einem Mann. Nach diesem Mann. Sie wusste nicht, wer er war, doch trotzdem hatte sie eine Schwäche für ihn. Sie wusste genau, sie würde ihn sofort vermissen wenn er nicht mehr da war. Sie vermisste ihn ständig. Wieder rief sie seinen Namen. „…" Wieder verklang ihr Ruf, von ihr ungehört. Er schien sie allerdings gehört zu haben. Seine Stimme wurde lauter, er ging weiter auf sie zu.
„Anne! Wir werden einander finden! Egal wo, egal wann! Wir werden uns finden und zusammen über die Meere segeln." Ja. Das würden sie. Irgendwann. Ihr Blick senkte sich und sie merkte, wie sie von einer unsichtbaren Macht nach hinten gezogen wurde. Sie konnte nicht zu ihm gehen. Nicht stehen bleiben und auf ihn warten. Irgendetwas wollte nicht, dass diese zwei Seelen zueinander fanden. Ihre Beine wurden weg gezogen und sie knallte mit dem Gesicht auf den gepflasterten Untergrund. Als sie versuchte, sich wieder auf zu richten, knickten ihre Arme immer wieder ein und sie knallte immer und immer wieder auf den Boden. Bei jedem Versuch. Ihre Arme waren kraftlos, ihre Beine taub. Immer weiter bewegte sie sich von dem Mann weg, nach dem sie sich so sehr sehnte.
„…!", rief sie nach ihm. Seine Stimme dröhnte in ihren Ohren. Anne rutschte über die Pflastersteine, schrie sich die Seele aus dem Leib, konnte sich jedoch selbst nicht hören…
„Anne!"
Als sie die Augen aufschlug, war das Erste, was sie sah, ein besorgter Ace, der neben ihrem Bett saß und sie wohl aufgeweckt hatte. Sie setzte sich auf und fühlte, wie sich eine Hand auf ihre Schulter legte.
„Hast du schlecht geträumt, Schwesterchen?" Sie schaute ihren Bruder an und nickte. Woher weiß er das?
„Konnte ich mir denken, du hast geschrien und um dich geschlagen." Ace stand von dem Stuhl vor ihrem Bett auf und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Ganz fest nahm er seine völlig überforderte Zwillingsschwester in Arm. Es war wieder so ein Traum gewesen. Die Gedanken ließen die Zwanzigjährige nicht mehr los. Warum wusste sie nicht mehr woher sie diese Stimme kannte?
„Wer ist Fire?"
Anne löste sich aus der Umarmung ihres Bruders und schaute ihn fragend an. „Was meinst du?"
„Du hast die ganze Zeit über ‚Fire' gerufen. ‚Fire, komm zurück'. Es war, als würdest du nach jemandem Rufen, den du verloren hast. So angsterfüllt, so verzweifelt." Anne schaute ihn noch ungläubiger an, als sie es sowieso schon getan hatte. Fire? War das wirklich möglich?
„Was ist? Habe ich etwas Falsches gesagt? Kennst du jemanden mit diesem Namen?" Ace schien verwirrt. Natürlich, sie hatte ihm noch nie von Fire erzählt. „Fire…", murmelte sie und hob ihr rechtes Handgelenk, auf dem eine Schrift zu sehen war. Sie wusste, dass Ace das Tattoo kannte, nur eben seine Bedeutung nicht. Sie sah ihrem Bruder tief in die Augen.
„Mein Gegenstück. Fire ist der Mann, auf den ich warte seit ich losgesegelt bin."
