Kapitel 2
Leidvolle erste Begegnung
Aragorn und seine Freunde verabschiedeten sich von Gandalf und begaben sich auf den Weg nach Edoras. Ihr Weg hätte sie durch das Dunland und die „Geheimnisvollen Berge" nach Rohan führen können und dann quer durch das Land nach Edoras, aber dies war ein Umweg, und da sie keine Zeit verlieren wollten, hatten sie sich entschieden durch das Königreich „Galen" zu reiten.
Das flache Grasland von Galen erstreckte sich vom Ausläufer des Nebelgebirges zum Dunland bis zu den Grenzen von Isengard. Es war ein blühendes Land gewesen, dessen freundliche Bewohner sich überwiegend vom Ackerbau, aber auch vom Fischfang ernährt hatten, da das Land sich bis zum Meer hinzog. Die Ebenen Galens war so weit, daß man an schönen Tagen glaubte, es vom Meer bis zu den Bergen überblicken zu können. Oft wurde es deshalb von Sängern und Dichtern als das Land, das den Horizont berührt, bezeichnet. Es war so gänzlich anders als das unübersichtliche Land der Rohirrim. Beide Völker teilten eine große Leidenschaft: Pferde. Während aber die Rohirrim in überwiegendem Maße ein Reitervolk waren, nutzten die Galaner das Pferd nur in geringem Maße. Ihr Stolz lag in den wilden Pferdeherden, die frei ihr Land durchstreifen konnten. Diese Pferde waren kleiner und gedrungener gebaut als jene aus Rohan, aber sie standen den hochbeinigen Tieren dort in nichts nach, was Ausdauer und Schnelligkeit anging. Aber vor vierzehn Jahren war der Schrecken über dieses Land gekommen aus einer Richtung, aus der ihn keiner erwartet hatte. Von Isengard aus war das reiche Land von Uruks überrannt worden.
Inzwischen war Mordor besiegt worden und die Völker erholten sich langsam, aber die Bewohner von Galen waren nicht mehr das frohe und allen gegenüber freundliche Volk. Die Grenzen des Landes waren verschlossen wie auch seine Königin. Die Herrscherin, einzige Überlebende des Massakers an der königlichen Familie von damals, war zu einer starken und kampferprobten jungen Frau herangewachsen. Als ihre Familie ausgelöscht worden war, war sie ein Kind von acht Jahren gewesen und Gandalf hatte sie zu Thranduil, dem König der Waldelben gebracht und um Hilfe für das Kind gebeten. Aber dieser hatte seine Hilfe verweigert. Das Kind von damals konnte nicht begreifen, warum der Elbenkönig sie seines Landes und seines Schutzes verwies, aber es konnte den Schmerz der Zurückweisung spüren, den tiefen Schmerz über den Verlust ihrer Eltern, der ungetröstet blieb, die Angst vor den Uruks und die Ungewißheit, was aus ihr werden sollte. Sie lebte all die Jahre mit diesem Schmerz, vergrub ihn tief in ihrem Herzen. Allmählich wurde aus dem Schmerz eine blinde Wut auf den Elbenkönig und mit der Zeit verwandelte diese sich in Haß auf die Elben des Düsterwaldes. Die junge Königin der Galaner konnte den nicht vergessen, der ihr als Kind seine Hilfe verweigerte. Und dieser Haß beherrschte das ganze Volk. Elben des Düsterwaldes wurden in Galen gejagt.
Aus diesem Grund war die Entscheidung diesen Weg zu nehmen für Legolas, den Waldelben, gefährlich. Die direkte Feindschaft mit dem Reich Thranduils hatte zur Folge, daß beiden Seiten das Betreten des anderen Gebietes untersagt war und so konnten die drei Reisenden nur hoffen, daß sie unbemerkt passieren könnten. Aragorn brachte sein Pferd zum Stehen und wandte sich an seinen Freund:
„Legolas, hier beginnt Galen. Mir ist nicht wohl zumute, wenn du mit uns kommst. Die Orkspuren, die wir vorhin gekreuzt haben sind aber in die Richtung gezogen, die du nehmen müßtest, um durch die Berge nach Rohan zu gelangen", stellte er indirekt die Frage nach seiner Entscheidung, welchen Weg er nehmen würde.
Der Elbenprinz lenkte sein Pferd an Aragorns Seite und sprach:
„Es gibt keinen anderen Weg, auf dem wir nicht zu viel Zeit verlieren, um nach Edoras zu gelangen."
Gimli, der zwar davon gehört hatte, daß Galen ein sehr verschlossenes Land war, wußte dennoch nicht, wo das Problem lag und fragte deshalb:
„Aragorn, worüber machst du dir so viele Sorgen? Selbst wenn wir aufgehalten werden, werden sie doch den König von Gondor und seine Begleiter nicht behelligen."
Der ehemalige Waldläufer blickte an Legolas, der die Ebenen mit seinen scharfen Augen absuchte, vorbei zu Gimli und erwiderte:
„Meine Sorge ist durchaus berechtigt und der Grund mehr als ernst. Elben erwartet die Todesstrafe, wenn sie dieses Land betreten und aufgegriffen werden. Ich fürchte, daß da auch vor Begleitern eines Königs nicht halt gemacht werden würde."
Aragorn blickte Legolas, der scheinbar völlig unberührt von dieser Gefahr, ganz ruhig auf seinem Pferd saß, fragend an. Gimli unterdessen wetterte leise vor sich hin. Und die Sorge, die er sich um seinen Freund machte, war trotz des dichten Bartes, der nicht viel von seinem Gesicht frei ließ, erkennbar. Nach einer Weile äußerte Legolas, die stumme Frage von Aragorn beantwortend:
„Ich werde mitkommen, Aragorn. In Galen könnt ihr ebenfalls auf Orks treffen, auch wenn ich im Augenblick, soweit meine Augen reichen, kein weiteres Lebewesen außer einer Pferdeherde entdecken kann."
In wirklich friedlichen Zeiten hätte Aragorn darauf bestanden, daß Legolas ihn nicht begleitete. Legolas hätte einen beliebigen Weg nehmen können, um nicht sein Leben unnötig zu gefährden, aber angesichts dessen, daß noch immer versprengte, marodierende Horden unterwegs waren, wäre im Augenblick ein solcher Vorschlag auch nicht unbedingt eine sichere Lösung gewesen. Er hoffte, daß Gimli Recht behielt und die Tatsache, daß Legolas der Begleiter eines Königs war, ihn zu einem gewissen Grad schützte. Die Möglichkeit, gemeinsam den langen Weg zu nehmen, kam für sie alle nicht in Frage, denn Éomer war ihr Freund und bedurfte schnellstmöglich ihrer Hilfe und so nahmen sie trotz der Gefahr für Legolas den einzig direkten Weg durch Galen zur Pforte von Rohan.
Einen halben Tag waren sie schon unterwegs, hatten die Grenze Galens bereits weit hinter sich gelassen und waren bisher keinem Soldaten begegnet. So verloren sie auch keine Zeit damit, sich vor ihnen verbergen zu müssen. Sie kamen gut voran, als plötzlich Legolas' Pferd zu lahmen begann. Der Prinz konnte nicht mehr weiterreiten, ohne dem Pferd Leid zuzufügen, was einem Elben gänzlich unmöglich war.
Die drei Freunde gingen zu Fuß weiter und führten ihre Pferde bis in eine Senke mit Wasser. Um weiter rasch voranzukommen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als das Tier hier zurückzulassen. Gimlis Pferd würde ab jetzt beide tragen müssen und Gimli würde hinter Legolas sitzen, wie sie es im Ringkrieg häufig getan hatten, als Gimli noch nicht so sicher auf einem Pferderücken gewesen war. In der Senke tränkten sie zunächst die Tiere und Legolas bemühte sich um den Huf seines Pferdes, als sie plötzlich wie aus dem Nichts angegriffen wurden.
Die Überraschung währte nur einen kurzen Moment, dann hatte Aragorn bereits sein Schwert gezogen und wehrte sich mit der Geschicklichkeit eines erfahrenen Kämpfers gegen die Überzahl an Angreifern. Dennoch versuchte Aragorn, die Männer nicht mit tödlichen Hieben abzuwehren, war er doch mit Gimli und Legolas der Eindringling in diesem Gebiet und hoffte auf eine Einigung. Aus den Augenwinkeln heraus sah der König von Gondor, daß auch Gimli nicht wie sonst seine Streitaxt als eine todbringende Waffe benutzte. Gimli und Legolas standen Rükken an Rücken und Legolas wehrte sich behende und in fließenden Bewegungen mit seinen Kurzschwertern gegen eine Vielzahl von gleichzeitigen Schwertattacken. Dennoch wurde ihre kleine Abwehrstellung aufgebrochen und rasch waren alle drei, jeder für sich, von den galanischen Soldaten umzingelt. Der Kampf war kurz gewesen. Die Übermacht war zu groß und der Kreis der Angreifer, in dem sich die drei Freunde gefangen sahen, zog sich immer mehr zu und nahm ihnen die Bewegungsmöglichkeit. Aragorn und Gimli streckten schließlich die Waffen. Die fremden Soldaten sprachen kein Wort. Ihr Vorgehen und ihre wortloses Handeln zeigten, daß dieser Trupp schon oft so eingespielt agiert hatte. Aragorn und Gimli wurden kommentarlos die Hände gebunden. Legolas dagegen mußte sich einer Klinge, die ihm von hinten an die Kehle gehalten wurde, ergeben. Er wurde von einem anderen Krieger durch einen Schlag in seine Magengrube mit dessen Schwertknauf in die Knie gezwungen. Das Messer an seiner Kehle ritzte durch diese Abwärtsbewegung leicht die Haut und ließ ein feines Rinnsal Blut seinen Hals hinunterlaufen.
Aragorn schrie auf und zerrte an seinen Fesseln:
„Haltet ein! Wir sind friedliche Reisende!"
Er befürchtete schon, daß das Gesetz von Galen hier ohne viel Federlesens ausgeführt werden würde und Gimli und er mitansehen mußten, wie Legolas durch einen Schwertstreich der Kopf abgetrennt wurde.
Legolas hustete etwas, denn der Schlag war nicht gerade schwach gewesen und einen Moment lang hatte sich alles um ihn gedreht. Er hatte noch immer das Messer am Hals, nahm dabei aber einen feinen Duft von Kräutern und Blumen wahr. Die Hand, die das Messer hielt, war nicht behandschuht und er hatte im Kampf einen kurzen Blick auf die feingliedrigen Finger werfen können. Ihn hatte diese Ablenkung zwar letztlich seine Freiheit gekostet, aber bei der Übermacht war sie ohnehin unweigerlich verloren gewesen. Er schalt sich nur einen Narren, weil er mit seinen empfindsamen Augen und Ohren vorher keine Annäherung wahrgenommen und seinen Freunden so einen schlechten Dienst erwiesen hatte. Legolas schloß aus seinem Wissen von Galen, dem feinen Duft, der ihm aufgefallen war und seiner Beobachtung der feingliedrigen Hand auf die Person, die noch immer das Messer schmerzhaft an seine Kehle hielt. Er war sich sicher, daß er sich in den Händen der Königin des Reiches selbst befand, was sein Schicksal wohl besiegelte.
Aragorn unterdessen versuchte die Aufmerksamkeit der Person, die Legolas das Messer an die Kehle hielt, zu erlangen. Er hatte gemerkt, daß alle Soldaten auf den leisesten Wink dieses Mannes reagierten, der im Gegensatz zu allen anderen sehr schmal und feingliedrig gebaut war. Der ehemalige Waldläufer schloß aus diesem Verhalten, daß dieser somit der Anführer dieses Trupps sein mußte.
„Hört mich an! Wir kommen in Frieden und wollten nur Euer Reich durchqueren!", rief Aragorn dem jungen Mann zu, dessen Gesicht durch eine Helmmaske verdeckt war.
„Wir sind in Eile um einem Freund in Not zu helfen. Erlaubt uns, weiterzuziehen!" fuhr Aragorn mit fester Stimme fort.
Aber der junge Mann reagierte nicht. Er gab Legolas erst frei, als ein weiterer Soldat mit einem Seil an den Elben herangetreten war und begann dessen Arme zu binden.
Legolas wurden die Oberarme mit einem Seil schmerzhaft auf den Rücken gezogen und die Hände über Kreuz gefesselt. Sie wurden zudem an eine Schlinge gebunden, die um seinen Hals gelegt wurde, so daß jeder Versuch, die Hände zu lösen, Legolas die Luft abgeschnürt hätte.
Erst jetzt wandte sich der junge Anführer an Aragorn und sah ihn schweigend einen Moment an, bevor er erwiderte:
„Ihr seid in Begleitung eines Elben. Unser Gesetz ist wohl bekannt und eindeutig."
Und mit heller Stimme gab er den Befehl den Elben hochzuziehen und auch seine Beine an Oberschenkeln und Knöcheln zu fesseln. Während Gimli auf sein Pferd gesetzt wurde, versuchte es Aragorn erneut und appellierte an die Ehre der Galaner:
„Ich bin Elessar, König von Gondor und dies sind meine Freunde Gimli und Legolas. Auch sie haben im Ringkrieg für die Freiheit der Völker Mittelerdes gekämpft."
Die Soldaten griffen nun an seine Arme und wollten ihn auf das Pferd setzten, aber Aragorn schüttelte die Arme ab, trat einen Schritt vor und fuhr fort:
„Ich bitte Euch abermals, laßt uns ziehen. Edoras wurde von Orks angegriffen und der König der Rohirrim braucht meine Hilfe als Heiler."
Aber der junge Anführer zeigte sich unbeeindruckt und auf ein Zeichen von ihm wurde aufgesessen. Aragorn wurde auf sein Pferd gesetzt und der Elb, von dem er nun wußte, wessen Sohn er da vor sich hatte, wurde bäuchlings vor einen Reiter auf den Rücken eines Pferdes geworfen, so daß Legolas der Sattelknauf schmerzhaft in den Magen bohrte. Es schien fast so, als wolle man den Elben nun bewußt leiden lassen. Aragorn haderte mit sich, daß er Legolas' Identität preisgegeben hatte. Ihm und Gimli schwante nichts Gutes und ihre einzige Hoffnung war, daß Legolas nicht auf der Stelle getötet worden war. Aragorn war wütend auf sich selbst. Er hätte nicht zulassen dürfen, daß Legolas mit ihnen ging und ihn trotz aller gebotenen Eile nicht einer solchen Gefahr aussetzen und seinen Namen nicht nennen dürfen. Wenn seinem Freund nun noch mehr Leid als ohnehin schon widerfuhr, würde er sich dies nie vergeben.
Der Ritt nach Galaweit, der Hauptstadt von Galen, die an der Flußmündung des Isen lag, wurde für Legolas zur Tortur. Ihre Gefangennahme war in Höhe der Grenze Galens zu Dunland geschehen und der Isen lag einen Tagesritt entfernt, wenn man ohne Pause und bei hohem Tempo unterwegs war. Es wurde keine Rücksicht auf die Gefangenen und schon gar nicht auf den Elben genommen. Das Sattelhorn stieß bei jedem Galoppsprung und jedem Satz des Tieres über Hindernisse wie ein Boxschlag in Legolas' Magen und ihm war es schon lange zum Speien übel. Seine Bauchmuskeln krampften sich bei dieser Mißhandlung empfindlich zusammen, aber noch schwerer zu ertragen waren das Dröhnen in seinen Ohren und das Pochen in seinen Schläfen. Er hing kopfüber auf dem Tier und das Blut schoß ihm in den Kopf, und auch wenn er als Elb stärker war als die Menschen, so erreichte er doch irgendwann seine Grenzen des Erträglichen. Legolas verlor immer häufiger das Bewußtsein. Zwischendrin, wenn ein besonders harter Satz des Pferdes ihm erneut das Sattelhorn in den Magen rammte, erwachte er vor Schmerzen, stöhnte auf, um kurz darauf vom Pulsieren des Blutes in seinem Kopf wieder in eine abgründige Schwärze gespült zu werden.
Aragorn und Gimli, deren Pferde etwas versetzt hinter dem Reiter mit Legolas geführt wurden, bekamen die Leiden ihres Freundes mit und auch, daß Legolas immer häufiger bewußtlos war. Aragorn wußte, wenn sein Freund nicht bald aus dieser Lage befreit wurde, mußten die Galaner keine Hand mehr an ihn legen, um ihn zu richten. In Aragorn regte sich ob der Behandlung von Legolas maßloser Zorn und er rief den Reiter, der Legolas vor sich liegen hatte wütend an:
„Ist es Eure Absicht meinen Freund zu Tode zu foltern?"
Aber der Reiter gab keine Antwort, sondern trieb sein Tier zu einem noch höheren Tempo an. Aragorn wollte sich nicht mehr zurückhalten, da hier anscheinend keine Vernunft fruchtete. Er rief seinem Pferd auf Elbisch leise etwas zu und wiederholte es so oft, bis es reagierte:
" Noro nan goth! Han cerin an edraith ammen.Noro nan goth! Noro nan goth!"
Sindarin: Stürme zum Feind! Ich tue es, um uns zu retten. Stürme zum Feind! Stürme zum Feind, ausbrach und sich aus der Hand, die seine Zügel hielten, losriß. Aragorn nutzte die Verblüffung der Soldaten, lenkte durch Zuruf und mit seinen Schenkeln das Pferd neben dasjenige, auf dem Legolas verschnürt lag und rempelte es so heftig an, daß es zur Seite strauchelte und dabei Reiter und Fracht abwarf. Aragorn schwang sein Bein über das Sattelhorn und glitt an der Seite seines Pferdes herunter. Rasch lief er zu seinem Freund und kniete sich an der Seite von Legolas nieder. Er konnte ihn nicht wenden, da seine Hände auf dem Rücken gebunden waren, aber er schaffte es, seine Hand an dessen Stirn zu legen und zu fühlen, ob es schon zu spät war. Mittlerweile hatten alle Kämpfer ihre Pferde gezügelt und einen Kreis um Aragorn gebildet. Der junge Anführer des Trupps ritt näher an Aragorn heran. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, herrschte Aragorn ihn an:
„Wir kennen die Gesetze Galens und hätten sie auch nicht gebrochen, wenn an Zeit nicht Not wäre und wir dringend nach Edoras müßten. Euer Haß auf das Waldelbenvolk ist ungerecht und maßlos, denn was hat Euch dieser Elb hier getan, daß Ihr ihn derart mißhandelt? Ist Euch nicht bewußt, daß es nur noch wenig mehr bedurft hätte und Eurem Gesetz wäre bereits Genüge getan, bevor er noch vor einem Gericht gestanden hätte? Ein Mensch wäre bereits vor Stunden durch diese Tortur gestorben."
Aragorn erhielt nur ein unfreundliches Zischen und wurde dann auf einen Wink hin durch Soldaten von seinem Freund fortgezerrt und wieder auf sein Pferd gesetzt. Seine Beine wurden diesmal unter dem Leib des Tieres hindurch zusammengebunden. Aragorn dachte schon, er hätte nichts für seinen Freund erreicht, als ihm die Fesseln an den Händen durchschnitten und auch die Fesseln von Legolas' Beinen entfernt wurden. Dann setzte man den Freund vor ihm auf das Pferd, und der junge Anführer lenkte sein Tier an Aragorns Seite. Mit einem Blick auf den bewußtlosen Elben sprach er zu Aragorn:
„Du hast dich mutig für deinen Freund einsetzt. Nun halte ihn. Aber noch eine Unterbrechung unseres Rittes und er ist des Todes!"
Damit wandte sich der Reiter wieder an die Spitze des Trupps und gab Befehl zum Weiterritt. Aragorn legte die Arme um seinen geschundenen Freund und versuchte Legolas' Haupt an seine Schulter zu betten, während der Ritt in hohem Tempo über die Ebenen Galens ging.
Legolas erwachte nicht mehr. Seine Stirn fühlte sich heiß an, aber sein Gesicht war kühl und eigenartig feucht. Aragorn wußte, daß dies ein Zeichen war, daß Legolas innerliche Verletzungen haben mußte und seine Kräfte schwanden. Wenn Aragorn nicht bald mit Kräutern die Fähigkeit zur Selbstheilung des Elben unterstützen konnte, dann würde er Legolas, seinen besten Freund und Bruder, verlieren. Verlieren wegen eines unsinnigen Hasses, den ein Kind in seinem Herzen trug. Ausgelöst durch die starrsinnige Entscheidung eines alten Elbenherrschers war es nun Ironie des Schicksals, daß es ausgerechnet Legolas war, Sohn eben jenes Herrschers, der wegen dieses Hasses nun in seinen Armen sterben konnte.
Aragorn war bei den Elben aufgewachsen, hatte von dem größten Heiler unter ihnen, seinem Ziehvater Elrond, dem Herrn von Bruchtal, die Heilkunst erlernt und war bis zu einem gewissen Grad auch in der Lage, seine Gedanken so zu bündeln, daß er, wenn es ein Elb zuließ, mit ihm ohne Worte in Verbindung treten konnte. Aragorn versuchte, mit seinen Gedanken eine Verbindung zu Legolas herzustellen, ihn zu finden und ihm Kraft zu geben, aber er fühlte nichts, konnte ihn nicht erreichen. Bei den Elben gab es verschiedene Tiefen der Bewußtlosigkeit. War der Geist eines Elben erst einmal in die dunkle Leere gesunken, welche die Elben ‚den tiefen Schlaf' nannten, der dem Todesschlaf der Menschen ähnelte, gab es auch für ihn trotz ihrer hohen Heilkunst und der Selbstheilungskräfte des „Schönen Volkes" keine Rettung mehr. Wie bei den Menschen versagte dann, ohne die Führung des Geistes, langsam der Körper und so siechte dann auch ein Elb langsam dahin bis zum Ende seiner Tage, wenn die Erde sich gewandelt hat und alles Leben gegangen sein würde. Es war die furchtbarste Form des Todes, die Elben erleiden konnten, und sie brachte viel Leid über ihre Familien. Aragorn wußte von zwei Fällen, in denen die Familien den Bruder oder den Vater an einen Ort in den Wäldern Mittelerdes gebracht hatten, dort, verborgen für alle, für die Ewigkeit gebettet hatten und danach Mittelerde verließen. Das Leid, daß diese Art des Verlustes bei Elben hervorrief war mit nichts zu vergleichen. Sie spürten allzeit noch sein Leben, seine Nähe und doch zugleich auch den Verlust. Der Geist des Elben konnte weder zum geliebten Stern der Elben ‚Elbereth' zurückkehren noch in den unsterblichen Landen verweilen. Mandos Hallen blieben ihm auf immer verwehrt.
Aragorn war der Verzweiflung nahe. Er rieb Legolas' Brust, um sein Herz anzuregen und flüsterte immer wieder die Worte:
„Legolas, lasto beth nîn. Tolo dan nan galad!" Sindarin: Höre meine Stimme. Komm zurück zum Licht. in der Hoffnung, daß sie in seinen Geist vordringen und ihn zurück ans Licht holen konnten. Es war eine elbische Heilformel, die einen Zugang zum Dunkel schuf und so dem Geist ermöglichte, den Weg zurück ans Licht zu finden. Aber Legolas reagierte nicht darauf und Aragorn hielt seinen Freund fest in den Armen, als könnte er so seine Kraft auf ihn übertragen. Doch Legolas erwachte nicht mehr bis sie die Stadt erreichten.
Galawait war eine weithin leuchtende Stadt. Sie war aus Ziegeln erbaut, die aber durch den hellen Lehm und die Beimengung von Muschelkalk eine hellgelbe Farbe hatten. Die Sonne ließ die Gelbtöne in all ihren Schattierungen aufleuchten und so war diese Stadt auch ohne hohe und beeindruckende Bauten eine sehenswerte Stadt. Aragorn kannte sie und wußte, daß sie sich weit erstreckte und sich in ihrer längsten Ausdehnung an den Verlauf des Isen schmiegte. Galawait war, obwohl nicht direkt am Meer gelegen, eine Hafenstadt und früher auch ein gut besuchter Handelsort gewesen, aber mit der Gewalt der Uruk-hai hatte sich alles geändert.
Als sie vor dem Palast ankamen und absteigen mußten, wurde ihm der Elb aus den Armen genommen und fortgebracht. Wäre Aragorn in diesem Moment nicht von Schwertern umringt gewesen, nichts hätte ihn von seinem Freund trennen können. Gemeinsam mit Gimli wurden sie in den Palast geführt und vor den Thron gebracht, auf den nun der junge Anführer der Reiter stieg, sich setzte und erst dann seinen Helm abnahm. Nun sahen Aragorn und Gimli, was Legolas schon bei ihrer Gefangenschaft vermutet hatte: Der Anführer der Truppen war die junge Königin selbst.
Aragorn wußte, wollte er noch etwas für seinen Freund erreichen, mußte er nun diese Herrscherin überzeugen sie freizulassen. Er verbeugte sich und begann ohne Aufforderung zu sprechen:
„Ich bin Aragorn, Arathorns Sohn, Herr von Gondor, und dies ist Gimli, Gloins Sohn, aus dem Zwergenreich. Ich frage Euch, warum Ihr uns gefangengenommen habt. Wir haben nichts verbrochen, außer daß wir Euer Land auf dem schnellsten Wege durchqueren wollten um nach Edoras zu gelangen, wo ein Freund im Sterben liegt."
Der jungen Königin hatte Aragorns Worte wohl gehört und sie wußte durch ihn selbst bereits, wen sie da auf der Ebene aufgegriffen hatte, aber es war ihr gleichgültig. Dieser Mann und sein Freund, der Zwerg waren mit einem Elben unterwegs, das war nach ihrem Gesetz Schuld genug. Nefhithwen war aber keine verblendete, selbstherrliche Herrscherin und so hatte sie nicht vor, den König von Gondor, der wegen seiner Taten, aber auch wegen seiner Weisheit bei allen Völkern hoch angesehen war, mit aller Härte ihr Gesetz spüren zu lassen. Der Elb aber würde in Gefangenschaft bleiben. Er würde gemäß ihren Gesetzen seine Strafe erhalten und auch seine Freunde sollte zumindest noch eine Weile ihre Wut zu spüren bekommen. Die junge Königin erhob sich und sprach:
„Ihr behauptet der König von Gondor zu sein und seht doch aus wie ein dahergelaufener Landstreicher. Ich werde Eure Aussage prüfen lassen und bis dahin werdet Ihr das Los Eures Begleiters teilen."
Mit einer Handbewegung ließ sie die beiden abführen und in das Verlies bringen, in dem der Elb bereits lag.
Es überraschte Aragorn, daß ihnen Wasser hingestellt worden war und auch sein Beutel neben dem Krug lag. Dieser war zwar durchsucht worden, und die Kräuter, die vorher sorgfältig einzeln in Lederbeutelchen gesteckt hatten, waren nun wild durch-einandergeworfen, aber Aragorn hatte schnell aus dem Haufen an Grünzeug die Wurzeln und Blätter gefischt, die er benötigte, um dem Leben in Legolas noch eine Chance zu verschaffen. Da sie kein Feuer hatten, um das Wasser zu erwärmen und die Kräuter in einem Sud aufzuschließen, kaute Aragorn die Wurzel zu einem feinen Brei und löste diesen dann in etwas Wasser auf. Er bat Gimli, Legolas' Kopf zu stützen und fing an, ihm den Trank einzuflößen. Zunächst kam keine Regung von Legolas und das Gebräu lief ungenützt an den Mundwinkeln wieder hervor, aber dann begann Legolas zu husten und Aragorn nötigte Legolas ohne Rücksicht auf dessen Hustenreiz, den Sud zu trinken. Aragorn tat dies, weil er wußte, wie grauenvoll dieser Wurzelsud schmeckte und er sicherstellen wollte, daß sein Freund diesen geschluckt hatte, bevor der Geschmack in ihm einen Brechreiz verursachte und er dann alles erbrach statt zu trinken.
Legolas' Augen flatterten kurz und einen kleinen Moment gelang es ihm sie zu öffnen. Er blickte in das besorgte Gesicht von Aragorn, dann schlief er ein und Aragorn atmete tief durch. Daß Legolas eingeschlafen war und nicht wieder bewußtlos wurde, war zumindest ein gutes Zeichen dafür, daß er für den Moment noch der Finsternis trotzen konnte, aber es würde mehr bedürfen, ihn zu heilen und dann würde Legolas noch lange brauchen, bis er wieder zu seiner alten Kraft gefunden hatte, wenn sie überhaupt so viel Zeit hatten. Nicht nur Legolas, sondern auch Éomer lief die Zeit davon.
In Minas Tirith wandelte Gandalf unterdessen unruhig durch die Hallen und Gänge des Palastes. Er hatte Aragorn die Nachricht von Éomer überbracht und wußte, daß die Freunde so rasch wie möglich nach Rohan gelangen wollten, aber genau das ließ ihn sorgenvoll erneut in den Palantír blicken. Er hatte schon seit Tagen ein ungutes Gefühl und kam nicht zur Ruhe, weshalb er abermals mit Hilfe der Kugel nach den Freunden suchte. Gandalf konzentrierte sich auf den Ort, an dem er Aragorn, Gimli und Legolas gefunden hatte und besuchte dann mit seinem Geist die Wege nach Rohan und Edoras selbst. Aber die Freunde waren nicht dort und auch kein Zeichen war zu finden, daß sie unterwegs waren. Es dauerte lange, sehr lange, bis Gandalf in Erwägung zog, daß sie die Gefahr auf sich genommen haben könnten und durch Galen gezogen waren. Schließlich fand er sie an einem Ort, an dem er sie lieber nicht gesehen hätte. Und Gandalf wußte jetzt, was ihn beunruhigt hatte. Er hätte voraussehen müssen, daß die Freunde nach seiner Nachricht den kürzesten Weg nach Edoras eingeschlagen und Galen auf dem Weg zur Pforte Rohans passieren würden. Galen und die kleine Nefhithwen. Wie lange war er nicht mehr dort gewesen? Wie lange hatte er nicht mehr an sie gedacht. Der Ringkrieg hatte alles andere in den Hintergrund geschoben. Er war einst der Freund ihrer Eltern gewesen, die durch die Uruks Sarumans aus Isengard getötet worden waren. Sie mußte jetzt so an die zweiundzwanzig Jahre alt sein und Galen seit nunmehr sechs Jahren regieren. Er hätte sich eher wieder um sie kümmern sollen und ihr helfen müssen, diesen unsäglichen Haß auf die Waldelben zu vergessen. Das, weshalb es zu dieser, in seinen Augen, dummen und engstirnigen Entscheidung von Thranduil gekommen war, lag um so vieles weiter zurück als die Geburt von Nefhithwen und es war längstens Zeit, diesen alten Streit zu vergessen, der nun Legolas zum Verhängnis werden konnte. Gandalf machte sich auf den Weg zu Arwen, Königin von Gondor, und berichtete ihr. Dann rief er Männer der Leibwache des Königs und machte sich auf den Weg zum Königreich Galen. Er mußte die junge Königin dort zur Vernunft bringen. Die Zeit drängte.
Es waren bereits vier Tage vergangen, in denen Aragorn und Gimli untätig in dem Verlies festsaßen. Legolas' Zustand hatte sich nicht verbessert, aber zur Beruhigung von Aragorn auch nicht verschlechtert, was sich aber jederzeit ändern konnte. Sein Körper war rund um die Stelle, in die das Sattelhorn gestoßen hatte, tief blau und wenn Aragorn ihn abtastete, dann stöhnte Legolas schmerzvoll auf. Der ganze Bereich war hart und geschwollen und Legolas' Atmung litt darunter. Seine Atemstöße wurden immer unregelmäßiger, gepreßt und viel zu kurz. Auf Dauer würde das auch der Körper des Elben nicht durchhalten und Legolas' Geist würde für immer in die namenlosen Schatten seines Seins absinken, vor dem ihn Aragorn in diesen Tagen nur mit Mühe hatte bewahren können. Die Sorge um seinen Freund machte Aragorn fast verrückt und seine Wut konnte er nur mühsam zügeln. Würde er einen Weg hier aus dem Kerkern wissen, ihn würde nichts mehr zurückhalten können, der Königin dieses Landes seine Meinung zu sagen und sie zu zwingen, sie augenblicklich freizulassen. Auch Gimli befand sich in einer ähnlichen Stimmungslage und wich nicht von der Seite seines elbischen Freundes. Für ihn war sein Freund immer unverwundbar gewesen. Aus den härtesten Kämpfen war er immer fast ohne einen Kratzer hervorgegangen und nicht selten hatte er ihn ob seines adretten Aussehens, selbst in den fürchterlichsten Situationen, aufgezogen.
Plötzlich wurde unvermittelt die Türe ihrer Zelle aufgerissen und sie wurden von einem Soldaten Galens herausgewunken und ins Freie gebracht. Scharf bewacht erhielten sie ihre Waffen zurück und der Hauptmann der Truppen sagte zu ihnen:
„Ihr könnt gehen. Unsere Herrin gibt Euch Eure Freiheit wieder, aber der Elb bleibt."
Mit einem Wink öffnete sich ein Spalier durch seine Männer und sie wurden in Richtung Stadttor gewiesen, aber Aragorn dachte gar nicht daran, Legolas zurückzulassen. Er würde nicht das Leben des einen Freundes mit dem des anderen erkaufen und schon gar nicht seine eigene Freiheit. Er wollte bereits wütend verlangen, vor die Königin geführt zu werden, als am Stadttor das Horn für ankommende Reiter ertönte und durch das Tor Gandalf mit einem Trupp der gondorianischen königlichen Garde geritten kam. Nachdem er abgesessen war und der Hauptmann ihm entgegen getreten war, fegte Gandalf wie der Wirbelwind aus früheren Tagen über dessen Einwände hinweg und machte sich mit Aragorn und Gimli im Schlepptau auf den Weg zum Thronsaal. Er hatte Aragorn nur kurz zugezwinkert und ihm so zu verstehen gegeben, daß er sich der Sache annehmen wollte.
Als sie gemeinsam den Thronsaal betraten, lief die junge Königin, diesmal gekleidet in ein fließendes, lindgrünes Kleid, auf Gandalf zu, wie es so nur eine Nichte bei der Begrüßung eines lieben Onkels tat und Gandalf schloß das Mädchen in seine Arme und lachte herzlich. Dann hielt er die junge Frau etwas auf Abstand, betrachtete sie von oben bis unten und nickte anerkennend:
„Du bist herangewachsen und eine schöne Frau geworden, Nefhithwen", lachte Gandalf, wurde aber dann rasch wieder ernst.
„Ich bin allerdings nicht gekommen um deine Schönheit zu bewundern oder mit dir über deine gute Arbeit als Königin für dein Land zu sprechen, sondern über deinen Haß auf die Elben und den großen Fehler, den du gerade begehst, mein Kind", sprach er wie ein Vater zu seiner Tochter. Nefhithwen verzog ärgerlich ihr Gesicht und erblickte nun erst Aragorn und den Zwerg hinter Gandalf. Sie wollte schon etwas erwidern, als Gandalf ihr mit einem Wink zu verstehen gab, sie solle schweigen. Er wandte sich zu seinen Freunden und bat sie zu warten, während er mit Nefhithwen unter vier Augen sprechen wollte.
Er ging mit ihr aus dem Thronsaal und durch die Gänge des Palastes in einen Bereich, der schon lange nicht mehr betreten worden war. Gandalf steuerte den Raum an, in dem Nefhithwens Eltern von den Orks auf grausamste Weise getötet worden waren und in dem sie alles hatte mitansehen müssen
Das Mädchen hatte überlebt, weil ihr Vater sie im Kamin dieses Raumes versteckt hatte. Sie war so in Sicherheit, aber er hatte ihr damit nicht ersparen können, die ganze Grausamkeit der Orks mitansehen zu müssen, als diese ihre Familie töteten. Die Schritte von Nefhithwen wurden immer zögerlicher und Gandalf mußte die junge Frau schon fast mit sich zerren, aber er gab nicht nach. Schließlich blieb er vor der Türe zu diesem Zimmer stehen und blickte Nefhithwen milde an.
„Ich weiß, daß dir das Unbehangen bereitet, aber du solltest etwas über deine Familie erfahren und der Beweis, daß ich die Wahrheit sage und nicht nur eine Geschichte erfinde, damit du deinen Haß begräbst und endlich Frieden zwischen Galen und Düsterwald wachsen läßt, befindet sich in diesem Raum."
Gandalf berichtete Nefhithwen von der Geschichte ihrer Familie, die zum Freundschaftsbruch zwischen ihrem Vater und Thranduil führte, und daß ihr Haß das Andenken an ihren Vater, der selbst ein Waldelb gewesen war, befleckte. Er berichtete auch, daß ihr Vater der Lehrmeister von Legolas gewesen war und diesen fast wie einen eigenen Sohn geliebt hatte. Und er öffnete zum Beweis die Türe und zeigte auf das verstaubte Bild über dem Kamin. Nefhithwen schloß zunächst die Augen, sie konnte den Anblick dieses Raumes nicht ertragen, aber Gandalf barg ihren Geist in einer schützenden Wolke aus schönen Erinnerungen und zwang Nefhithwen sanft, ihre Augen zu öffnen und das Bild zu betrachten, auf das er zeigte. Sie nahm nichts außer dem Bild wahr und konnte sich so wieder leicht entspannen und das Bild, das Gandalf ihr unbedingt zeigen wollte, ansehen. Ihr war als Kind nie wirklich bewußt gewesen, wen dieses Bild darstellte, aber nun sah sie ihren Vater, sitzend mit einem Buch in der Hand, der stolz und liebevoll auf den jungen Elben blickte, der neben ihm stand. Der blonde Elb auf dem Bild war eindeutig Legolas und seine Hand ruhte sanft auf der Schulter des Älteren. Es schien, als gehörten sie wie Vater und Sohn zusammen. Gandalf schloß wieder die Türe und ließ die schützende Wolke um das Gemüt Nefhithwens verschwinden. Die junge Königin hatte Tränen in den Augen und blickte Gandalf fragend an:
„Wie alt ist dieses Bild? Er sah so jung und so glücklich darauf aus", stellte sie dann auch die Frage, die schon vorher für Gandalf in ihren Augen zu lesen gewesen war. Er antwortete:
„Dein Vater hat deine Mutter im Alter von ungefähr fünfeinhalbtausend Jahren geheiratet und seine Unsterblichkeit für sie aufgegeben. Er hatte sich noch nicht gebunden und so keine eigenen Kinder. Legolas, der einzige Sohn Königs Thranduils, dem er Freund und Vertrauter war, lag ihm deshalb besonders am Herzen. Legolas war auf diesem Bild gerade um die tausend Jahre alt, der Krieg mit den Zwergen war geschlagen und es kehrte wieder Frieden in den Ländern ein. Dein Vater war überglücklich Legolas heil wiederzusehen, denn dieser hatte an der Seite von Elrond im Kampf gestanden."
Gandalf hob das Gesicht von Nefhithwen mit einem Finger an und blickte ihr tief in die Augen.
„Nefhithwen, kannst du deinen Haß und das Gesetz Galens mit diesem Wissen um die Liebe deines Vaters zum Sohn Thranduils aufrechterhalten? Kannst du nicht im Gedenken an deine Eltern deinen Haß begraben oder ihn wenigstens nur auf den richten, der ihn vielleicht verdient hat und nicht die leiden lassen, die nur durch ihre Geburt mit dieser Schuld verbunden sind?", fragte er sie eindringlich und beobachtete dabei, wie es ihn ihr arbeitete. Sie schluckte schwer und nickte. Und Gandalf sah, daß sie über ihren eigenen Schatten gesprungen war, weil sie ihren Vater noch immer von Herzen liebte und nicht das mit Füßen treten wollte, was ihrem Vater so nahe gestanden hatte. Sie ging mit Gandalf zurück in den Thronsaal und verkündete mit fester Stimme den Soldaten und Ratsleuten, die sich versammelt hatten:
„Das Gesetz Galens, jeden Elben, der dieses Land betritt, mit dem Tode zu bestrafen, wird aufgehoben, unabhängig davon, ob der Herr von Düsterwald gleiches Recht für sein Reich beibehalten will. Es ist an der Zeit, die Vergangenheit zu begraben und den Konflikt ruhen zu lassen. Dies ist, was ich erlasse und was von heute an in unseren Gesetzesbüchern vermerkt sein soll", sprach Nefhithwen, ganz Königin des Landes. Dann trat sie an den König von Gondor heran, blickte ihn und Gimli offen und direkt an und sprach:
„Ich bitte Euch um Vergebung. Schmerz, Trauer und Wut haben mir den Blick für die Wirklichkeit vernebelt und die Herkunft des Konfliktes aus den Augen verlieren lassen."
Sie wartete nicht auf eine Erwiderung, sondern wandte sich zu einem Soldaten und gab Anweisung, den Elben in ein Zimmer zu bringen und bestens zu versorgen.
Aragorn, der selbst wußte, wie schnell aus Leid und Not die falschen Schlüsse gezogen werden konnten, neigte den Kopf vor der jungen Königin und ihrer Stärke, ihren Fehler zu erkennen und zu berichtigen. Als er ihre Anweisungen den Elbenprinz betreffend vernahm, legte er seine Hand auf sein Herz und ein sanftes, warmes „Danke" fand den Weg über seine Lippen. Dann blickte Aragorn zu Gandalf, der leicht lächelte, und sprach mit spröder Stimme:
„Alter Freund, Legolas liegt im Sterben."
Das Lächeln auf dem Gesicht Gandalfs verschwand schlagartig. Er hatte nicht gedacht, daß Legolas verletzt sein könnte und es dabei so schlimm um ihn stand. Rasch trat er einen Schritt auf Aragorn zu und legte seine Hand auf dessen Arm, während Aragorn weitersprach:
„Meine Heilkunst ist vergebens, weil ich seinen Geist nicht mehr erreichen kann und er sich bereits in den dunklen Gefilden befindet. Du aber mit deiner Macht könntest ihm vielleicht noch einmal den Weg ans Licht weisen."
Seine Stimme war brüchig und Gandalf konnte den Schmerz über den möglichen Verlust des Freundes bei Aragorn fast körperlich spüren. Daher verneigte er sich kurz vor der Königin und ging dann mit dem König Gondors und Gimli, denn auch er hätte nicht davon zurückgehalten werden können, wieder an der Seite seines Freundes zu wachen.
Die Sorge um Legolas schnürte Gimli die Brust zusammen und während er dem Menschen und dem Zauberer folgte, wanderte er in seiner Erinnerung zurück zu den vergangenen Jahren, in denen er viel Zeit gemeinsam mit Legolas verbracht hatte. Die Elben lebten ewig oder gingen zu den grauen Anfurten. Legolas war schon um so viele hundert Jahre älter, als er und Aragorn zusammen jemals an Alter erreichen würden, aber nie war ihm auch nur der Gedanke gekommen, Legolas könnte vor ihnen diese Welt verlassen, es war für ihn einfach undenkbar und der Gedanke fast nicht zu ertragen, daß er vielleicht nie wieder mit dem „dummen Elb" seine Späße machen würde. Gimli dachte zurück an die Ratssitzung bei Elrond in Bruchtal vor dem Ringkrieg. Damals noch wäre es für einen Zwerg undenkbar gewesen, einem Elben zu vertrauen oder ihn gar einen Freund zu nennen. Und seine Erinnerungen gingen weiter zu dem Tag vor dem Schwarzen Tor, wo sie ihre Streitmacht gesammelt hatten, um sich Sauron in einem letzten Kampf zu stellen, damit das Auge abgelenkt wurde und Frodo nicht entdeckte, so daß er unbemerkt über die Ebene von Gorgoroth kam. Damals hatte er so vor sich hin gesagt:
„Ich hätte nie gedacht an der Seite eines Elben zu sterben", und Legolas hatte ihm mit seinen Worten „und wie wäre es an der Seite eines Freundes", im Angesicht einer Übermacht und des sicheren Todes seine Freundschaft angeboten, und bis heute hatte Gimli nicht einen Moment diese Freundschaft bereut. Er wischte sich verstohlen die Tränen, die sich in seinen Augen gesammelt hatten, fort und verscheuchte die dunklen Gedanken. Noch war Legolas am Leben und Gandalf und Aragorn würden ihr Bestes geben, daß es dabei auch blieb.
Die Freunde traten in dem Moment in das Zimmer, als Legolas gerade auf das Bett niedergelegt wurde. Sein Gesicht war eingefallen und seine Haut blaß und durchscheinend. Sein Zustand hatte sich, wie Aragorn es befürchtet hatte, in der kurzen Zeit, seitdem sie aus dem Verlies gebracht worden waren, rapid verschlechtert. Und nun wurde klar, daß es nur die von Aragorn immer wiederholt gesprochenen elbischen Worte der Heilung waren, die Legolas' Geist im Licht gehalten hatten. In der kurzen Zeit, die sie im Thronsaal verbracht hatten, war er in die dunklen Schatten gegangen und es gab keine Rettung mehr für ihn, wenn nicht Gandalfs Zauberkraft hier noch etwas bewirkte. Aragorn hatte einen Kloß im Hals und alles hatte sich an ihm verkrampft. Es durfte einfach nicht sein! In seinem Leben gab es zwei Wesen, deren Verlust, und dessen war sich Aragorn sicher, er nicht verkraften würde – Arwen und Legolas. Und er fühlte plötzlich sein Alter von nunmehr fast hundert Jahren, als wären sie Felsbrocken, die ihn niederdrückten. Die Hand von Gimli legte sich auf seinen Arm, er blickte ihn an und sah, daß es ihm gleichermaßen erging.
Aragorn riß sich zusammen, in Selbstmitleid zu verfallen würde seinem Freund nicht helfen, hier und heute mußte er für ihn stark sein, so, wie dieser es so oft in den letzten siebzig Jahren für ihn gewesen war. Aragorn gab den Dienern den Befehl, warmes Wasser und Tücher zu bringen. Er fragte nach Heilkundigen und ihren Kräutern, da seine nach den Tagen im Kerker aufgebraucht waren. Der König von Gondor bat zudem darum, daß ihm ein Heilkundiger zur Hand ging, einen frischen Kräutersud zu bereiten.
Derweilen war Gandalf an Legolas herangetreten. Er kannte diesen Elb bereits viele hundert Jahre und war zutiefst erschüttert, ihn so liegen zu sehen. Auch Legolas war in den verschiedenen Kämpfen schon verletzt worden, aber noch nie war er dem Tode so nahe gekommen. Gandalf kniete nieder und legte seine Hand auf Legolas' Stirn. Sie war so heiß, daß er beinahe seine Hand wie zum Selbstschutz zurückgezogen hätte. Der Zauberer konzentrierte sich und begab sich auf die Suche nach Legolas' Geist und Seele. Die Schwärze, die ihn umgab, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Noch nie war er so tief in das Bewußtsein eines Elben eingedrungen und selbst die besten Heiler unter den Elben wagten sich nicht so tief. Sie öffneten sinnbildlich eine Tür am Rande der Dunkelheit und ließen das Licht durch diese einfallen. Sie riefen nach dem verirrten Geist und zeigten ihm den Weg. Aber die Kraft, durch diese Pforte zurück ans Licht zu treten, mußte die Seele selbst aufbringen. Gandalf war aber kein Heiler, er war Zauberer und seine Wege waren andere als die der Elben. Er war nun ganz umgeben von Dunkelheit und begann das heilige Licht von Anor zu beschwören. Er wußte, daß er damit Legolas unendliche Qualen bringen würde, aber es war die einzige Möglichkeit für ihn, seine Seele in der Dunkelheit auszumachen, sie dann schützend zu umfangen und den Weg ans Licht mit ihr zurückzugehen.
Und während er dies tat, bäumte sich Legolas unter entsetzlichen Schmerzen auf. Während Aragorn versuchte den Elben, der sich in immer neuen Krämpfen wand, an den Schultern nieder zu halten, hatte Gimli die Fußknöchel seines Freundes in eisernem Griff gefaßt und drückte sie mit seinem ganzen Gewicht tief in das Lager. Immer wieder bog sich Legolas' Körper wie ein gespannter Bogen durch und versuchte, sich der Kräfte, die ihn zu bändigen suchten, zu entledigen. Sein Stöhnen war qualvoll und sein Körper schweißgebadet. Die Kleider klebten an seinem Körper und seine sonst so seidig glänzenden Haare lagen in Strähnen wirr auf dem Kissen. Gimli liefen Tränen über die Wangen, weil er es beinahe nicht mehr ertrug mitanzusehen, welchen Leiden sein Elbenfreund ausgesetzt war. Aragorns Lippen bebten und waren bereits blutig gebissen, denn die Heftigkeit der Reaktion des Elben auf Gandalfs Bemühen zerrte an seinen Nerven und machte ihm bewußt, wie tief Legolas bereits in die Dunkelheit gesunken war. Bei den Qualen seines Freundes kamen ihm Zweifel, ob es richtig war, ihn zurückholen zu wollen, aber er flehte die Valar an, daß es gelingen möge. Nach scheinbar unendlich langer Zeit erlahmte die Gegenwehr und Legolas' Körper sank in sich zusammen. Kein Leben war mehr in ihm erkennbar und aus Aragorns Kehle wollte sich schon ein Schmerzensschrei lösen, als er Gandalfs Hand auf seinem Arm fühlte und hörte wie dieser müde sagte:
„Ruhig, ruhig. Es ist alles gut. Ich habe ihn gefunden. Nun hilf du ihm, sich zu heilen."
Damit trat Gandalf vom Bett zurück und ließ Aragorn sein Werk beginnen. Aragorn hatte bereits in warmem Wasser einen Kräutersud vorbereiten lassen und hob nun mit Hilfe von Gimli den Kopf seines Freundes an, um ihm die Flüssigkeit einzuflößen. Leise, sanft und liebevoll sprach er dabei die heilenden Worte der Elben und rief immer wieder aufs Neue Legolas' Namen. Und dieser trank, wie es ihn die Worte hießen, ohne zu erwachen. Er merkte nicht, wie ihn seine Freunde vorsichtig entkleideten, wuschen und behutsam betteten. Aragorn wußte, daß er nun zu seinem Freund Éomer eilen sollte, aber er bat im Stillen um dessen Vergebung, daß er sich nicht von Legolas, seinem Bruder, lösen konnte, bis er seiner Genesung sicher sein konnte. Gimli und er hielten abwechselnd Wache bei Legolas und stündlich flößten sie ihm erneut Kräutersud aber auch Fleischbrühe zur Stärkung ein. Aragorn hatte aus den Kräutern, die ihm Heilkundige der Stadt zur Verfügung stellten, eine Salbe erstellt, mit der er wiederholt behutsam Legolas' Oberkörper einrieb. Die Schwellung mußte schwinden, damit Legolas wieder frei atmen konnte. Es schmerzte Aragorn dabei mehr als Legolas selbst, wenn dessen Körper unter der sanften Massage krampfhaft zusammenzuckte. Gimli wich nicht von Legolas' Seite und legte ihm immer wieder kühle, feuchte Tücher auf die Stirn um das Fieber, das ihn erfaßt hatte, zu mildern.
Es war Abend geworden und Legolas' Atem wurde allmählich stärker und gleichmäßiger, aber erwacht war er noch immer nicht. Gimli befahl Aragorn als Freund, sich niederzulegen und zu schlafen, denn er würde, sobald Legolas wieder erwachte, sicher nach Edoras zu Éomer aufbrechen und sich keine Ruhe bis dorthin gönnen. Die Sorge Aragorns um Legolas und seinen Freund in der fernen Stadt war an seiner Körperhaltung abzulesen.
Es war mitten in der Nacht und nur Kerzenlicht und das Flackern des Feuers im Kamin erhellten den Raum, als Gimli Aragorn wachrüttelte. Als dieser Gimlis lachendes Gesicht sah, fiel ein Stein von seiner Brust, denn es konnte nur bedeuten, daß Legolas wieder erwacht war. Schnell stand er auf, eilte zum Bett und sah in die unvergleichlich blauen Augen seines Freundes. Er sah noch müde und mitgenommen aus, aber um seine Lippen spielte ein sanftes, beruhigendes Lächeln und er streckte seine Hand nach Aragorn aus. Dieser setzte sich zu ihm, ergriff die ausgestreckte Hand und fuhr sanft über das flachsblonde Haar des Elben. Die Berührung war so zärtlich, daß Legolas für einen Moment die Augen schloß und sich ganz der Liebe und Fürsorge seines Freundes hingab, dann aber öffnete er entschlossen wieder seine Lider und sah Aragorn an:
„Gen hannon. Mellon nîn" Sindarin: Ich danke dir, mein Freund, sagte er mit leiser Stimme, aber Aragorn schüttelte den Kopf.
„Nichts in der Welt hätte mich anders handeln lassen", antwortete er. Legolas atmete tief ein und schloß die Augen. Er spürte den Schmerzen und den Verletzungen in seinem Körper nach und kehrte nach einer kurzen Weile wieder zu seinen Freunden zurück. Aragorn hatte ihn genau beobachtet und wartete nun darauf, was Legolas sagen würde. Dieser öffnete wieder die Augen und meinte leise:
„Du wirst ohne mich nach Edoras reiten müssen, Estel Sindarin: Hoffnung. Reite bald und schnell, aber reite ohne Sorge um mich. Ich werde genesen."
Er drückte noch einmal die Hand seines Freundes, schenkte auch Gimli, der vor Freude ganz feuchte Augen hatte, ein Lächeln und schlief ein.
Aragorn erhob sich vom Lager seines Freundes, streckte seine steifen Glieder und verspannten Muskeln. Ein Alp an Last war von ihm gefallen und einmal mehr war ihm bewußt geworden, wie nah im Herzen ihm Legolas stand, nach all den Jahren ihrer gemeinsamen Wanderungen und Kämpfe. Immer war es Legolas gewesen, der an seiner Seite war, auch wenn keiner den Weg mehr mit ihm gehen wollte, den er zu beschreiten vorhatte, selbst dann, wenn ihn eigene Zweifel plagten. Immer war es Legolas mit seinem Wesen, seinen Fähigkeiten und seinem Vertrauen, der ihm auch in schwierigen Situationen Ruhe und Kraft gegeben hatte.
Aragorn beugte sich nieder und gab dem schlafenden Elben einen Kuß auf die Stirn zum Abschied und zum Zeichen seiner Zuneigung, dann reichte er Gimli die Hand. Der Zwerg würde bleiben und sich um Legolas kümmern, während er sich beruhigt auf den Weg nach Edoras machte. Seine Sorge galt nun Éomer. Er hoffte, daß er nicht zu spät kam. Er hatte viele kostbare Tage verloren. Von Gandalf verabschiedete er sich nicht. Dieser konnte, wann immer er wollte, an seiner Seite auftauchen. Auch der Königin sagte er nicht Lebewohl, denn es war mitten in der Nacht und er wollte keine weitere Zeit mehr verlieren.
