06: [Home Sweet Home]

In this long dream, can you find me
Want you to you call my name
In this hazard, chance of survival
I need to be with you

You are beating all the visions
Is it angels is it devils whispering in my ears
Is it emotion is it illusions
I need to be with you

Makiko Noda, 'The world ends with you (Long Dream)'

"...Es ist wirklich in Ordnung, dass sie getrennt leben?"
"Es sollte damit keine Probleme geben. Für Commander Ikari und seinen Sohn ist völlig normal, voneinander getrennt zu sein."
"...Und zusammenzuleben käme ihnen also seltsam vor?"

"Was... ganz alleine?"
"Genau. Sein Zimmer ist hier in Block Sechs. Unsere Kollegen vom Sicherheitsdienst dürften gleich hier sein, um ihn dorthin zu eskortieren. Irgendwelche Einwände?"
"Nein."
Wieder kam keine Beschwerde, wo eine hätte kommen sollten.
"Bist du dir da wirklich sicher, Shinji-kun?"
Der Vierzehnjährige stand einfach nur da und blickte sie mit einem gebrochenen Lächeln und sprach mit fast schon unheimlicher Gleichgültigkeit:
"Ist schon in Ordnung. Mir macht es nichts aus, allein zu sein. Früher war ich ja auch immer allein."
Das reichte. Das konnte und wollte sie einfach nicht hinnehmen.

Misato hatte gehofft, den Commander in seinem Büro zu treffen; Tatsächlich musste sie erst ein paar Minuten in dem gigantischen Raum auf dessen Besitzer warten.
Die Malereien auf Decken und Fußboden waren genug, um ihre Augen für eine Weile zu beschäftigen, aber dennoch kam Misato zu dem Ergebnis, das hier irgendwer keine Ahnung von Innenarchitektur haben musste.
Der Schreibtisch stand praktisch in der Mitte einer großen Leere; Ein paar Topfpflanzen hätten hier sicher kaum geschadet.
Doch was sie mit dem Commander, der dann irgendwann von wo auch immer er gerade gewesen war, zurückkehrte, zu besprechen hatte, ging über schlechten Einrichtungsgeschmack hinaus.
Ui, Ui, jetzt bloß nicht unprofessionell klingen.

"...Captain Katsuragi?" fragte ihr Chef, kaum, dass er er durch die Tür gekommen war. "...Man hat mir mitgeteilt, dass Sie ein Gespräch mit mir wünschen. Nun, was ist so wichtig, dass Sie keinen Termin abwarten konnten?"
"Nun, ich habe da ein... Anliegen. Es betrifft unseren einzigen zur ZeiteEinsatzfähigen Piloten. Wie ich gehört habe, soll das Third Child vollkommen alleine untergebracht werden."
"...Das ist korrekt."
"Nun, als Leiterin der Einsatzabteilung liegt es in meinem Bestreben, die Effizienz der EVAs zu maximieren, und dazu gehört auch die Einsatzbereitschaft der Piloten. Und diese bereitet mir speziell bei dem Third Child gewisse Sorgen... Schon, um ihn dazu zu bringen, überhaupt mit uns zu kooperieren, war sehr viel Überzeugungsarbeit Mir ist natürlich bekannt, dass die Piloten ohnehin unter ständiger Beobachtung stehen werden, aber um ihn noch besser überwachen und seine Motivation sicherzustellen, würde ich vorschlagen, ihm eine Aufsichtsperson zuzuweisen. Um kein Sicherheitsrisiko einzugehen, wäre ich zudem bereit, diese Aufgabe persönlich zu übernehmen.
Ich möchte daher anfragen, ob ich für die Dauer der Bedrohung durch die Engel die Vormundschaft für das Third Child mit allen dazugehörigen Pflichten und Zuständigkeiten übernehmen dürfte."
Sich nicht länger als eine Sekunde zum Nachdenken Zeit lassend antwortete Ikari, ohne auch nur seinen Gesichtsausdruck zu ändern.
"...Ihr Vorschlag klingt durchaus sinnvoll. Ich genehmige es. Wegtreten."
Misato tat sich schwer, ihre Verwunderung zu verstecken.
Er... hatte einfach zugestimmt...?
Einach so...?
Ja, sie war hergekommen, damit er ihr zustimmte, aber wer gab schon einfach so die Vormundschaft für sein eigenes Kind ab, noch dazu an eine Person, die man nur flüchtig von der Arbeit kannte?

Natürlich wusste sie nichts von den Worten 'Tun Sie, was ich nicht tun kann', die an den Lippen ihres Vorgesetzten kleben geblieben waren.

"Was?"
"Nein, nein, das hast du schon richtig verstanden. Shinji-kun wird bei mir mit einziehen. Meine Wohnung ist groß genug uns sein Vater hat auch schon zugestimmt. - Na, jetzt mach dir mal keine Sorgen, ich habe nicht vor, ihm seine Jungfräulichkeit zu nehmen."
Die Reaktion auf diese Bemerkung produzierte derart scheußliche Geräusche, dass Misato den Hörer zum Schutz ihres Trommelfells so weit von ihrem Ohr weghielt, wie die Länge ihres Armes es ermöglichte.
"...Manche Leute haben echt keinen Sinn für Humor." kommentierte sie nur.

Wenig später befand sich Misato mit ihrem ramponierten blauen Auto auf den Weg durch den Tunnel, der zur Oberfläche führte.
Shinji, der sich soweit kommentarlos hatte mittschleppen lassenn, hockte neben ihr auf dem Beifahrersitzt, mit einem dicken Umschlag voll mit genaueren Daten zu ihm auf seinem Schoß.
Er sah immer noch ein bisschen verloren aus.
"Na, heute Abend werden wir zwei mal so richtig feiern, was?"
"Was den feiern...?" fragte er, als hätte er irgendwie vergessen, die Vokabeln für einen Test zu lernen.
"Na, wenn jemand zu dir zieht, gehört es sich, eine Willkommensparty zu geben."

Zu den Vorbereitungen für diese angeblich unentbehrliche Party gehörte auch ein kurzer Zwischenstopp bei einem örtlichen Supermarkt.
Enthusiastisch griff sich Misato einiges an Fertiggerichten, Tütensuppen, Getränkedosen, Knabberkram und, vielleicht das Sahnehäubschen... waren das Einwegstäbchen?
Shinji lief einfach nur brav mit ihr mit und tat, was sie verlangte, wann immer er etwas holen sollte.
Das hier war nur ein kleiner Supermarkt, der seine Haupteinnahmen wohl aus Anwohnern machte, mit eng anneinander stehenden Regalen, und trotzdem fand er hier eine große Produktvielfalt vor, die er in seinem kleinen Dörfchen in den Läden nahe dem Haus seines Lehrers nie gesehen hatte.
Ob diese 'Dorritos' wohl importiert waren...?
In diesem Fall trugen sie wie viele kleine Details, wie auch das kühle Licht der Supermarkt-Leuchtröhren, dazu bei, dass er sich hier nicht sonderlich weniger fehl am Platz haben.
Er war mit dieser Frau mitgekommen, weil er niemandem Ärger machen wollte und auch keinen Grund sah, ihr nicht zu folgen, doch eigentlich wusste er gar nicht, was es bei ihr wirklich zu suchen hatte...
Tat sie das wirklich... wegen ihm, oder doch eher... damit er bereitwillig wieder in dieses stählerne Monstrum steigen würde...?
Früher oder später führte ihr Weg sie zur Kasse, die nicht all zu Weit vom Ausgang entfernt war.
Da der Laden, wie bereits erwähnt, sehr klein war, konnte er genau mitbekommen, was die beiden mit Einkaufstüten bepackten (Haus?)Frauen, die in diesem Moment das Etablissement verließen, miteinander plauderten.
"Ihr wollt also auch umziehen...?"
"Ja, so schnell wie möglich. Wer hätte gedacht, dass diese Stadt mal zum Schlachtfeld werden könnte?"
"Mein Mann meint, das zumindest die Kinder und ich sicherheitshalber wegziehen sollten."
"Ich hab gehört, dass allein heute über Hundert Leute die Stadt verlassen haben sollen..."
"Das überrascht mich gar nicht. Diese Stadt mag eine Festung sein, aber auf die Leute von NERV ist einfach kein Verlass..."
"...Wem sagst du das."
Shinji versuchte sein Bestes, um die beiden nicht anzusehen, als sie an ihm vorbeiliefen.
Ja, warum war er denn hier...? Bis her hatte er versucht sich einzureden, dass auch wenn wohl kaum jemand ihn als Person haben wollen würde, die meisten Leute ihn zumindest als Kämpfer hier haben wollten. Aber nichtmal dass schien zu stimmen. Warum war er denn hier, wenn er hier nicht mal erwünscht war?
Wenn ihm niemand etwas zutraute?
Doch auch Misato hatte die Unterhaltung nicht überhört.
Sie wusste, dass man den Menschen das Tratschen trotz allem nie verbieten können würde, und sie konnte den Standpunkt der zwei nachvollziehen, aber es wäre ihr trotzdem wesentlich lieber, wenn sie einfach die Klappe halten würden.
Es war einfach nicht gut, wenn Shinji nach allem, was ihm passiert war, so etwas zu hören bekam. Sie hatte ja selbst gesehen, wie der Junge mit sich selbst gerungen hatte, und dass er jetzt so was hören musste, war einfach... unsahbar undankbar. Sie musste etwas tun.

Schon bald fuhr Misatos Auto über die Anfänge der Berge, die die Stadt zu umgeben schienen, irgendwo am Randbereich von Neo-Tokyo-3.
Es gab zwar einen direkteren Weg zu ihrem Haus, aber es gab da noch etwas, dass sie unbedingt tun musste. Sie schuldete es dem Jungen.
Sie hatte bis jetzt nicht so richtig darüber nachgedacht, weil es zu ihrem Beruf gehörte und sie dabei immer das große, ganze vor sich sah, aber er hatte auch ihr ganz eigenes Leben gerettet, als er den Engel bezwungen hatte - und er hatte sich dafür noch gar nicht erkenntlich gezeigt.
"...Ich hoffe du hast nichts dagegen, wenn wir unterwegs noch einen kleinen Zwischenstopp einlegen." eröffnete sie ihrem neuen Schützling, auf dessen Schoß sie die Einkäufe soeben 'abgestellt' hatte.
"Kommt darauf an, wo..." antwortete er zaghaft.
Misato lächelte ihn warm an. "Ich denke, es wird dir gefallen."

Gesagt, getan. Schon bald darauf parkte der malträtierte Zweisitzer an einer Aussichtsplattform, die mit einem Geländer und einem kleingeldbetriebenem Fernrohr-Dingens ausgestattet war.
Vor ihnen erstreckten sich die in der untergehenden Sonne glänzenden Komplexe on Neo Tokyo 3, die hohen Gebäude, die Straßen, alles. Es war wirklich eine gigantische Stadt, die das Tal, in dem sie erbaut war, komplett ausfüllte.
Aber dafür, dass es so eine große Stadt war, schien recht wenig Betrieb zu sein.
Selbst die Zikaden waren deutlicher zu hören als irgendwelcher Lärm von dort unten, wenn dort denn überhaupt welcher produziert wurde.
Auch die großen, scheinbar leeren, flachen Plattformen irritierten Shinji ziemlich.
"...Irgenwie Öde. Die Stadt sieht total verlassen aus..."
Doch Misato wirkte von der Kritik des von ihr ausgesuchten Ausflugsziels wenig beunruhigt und blickte nur zuversichtlich auf ihre Armbanduhr.
"...Es ist soweit."

Und tatsächlich, kaum, dass sie zuende gesprochen hatte, hallte der Ton einer Sirene durch die Stadt, so laut, dass man sie selbst hier oben noch entfernt hören konnte.
Doch was als nächstes geschah versetzte Shinji in großes Staunen.
All die auffälligen Leerstellen, all die großen Ebenen öffneten sich wie riesige Türen oder Klappen, und aus ihnen hinaus schossen sie in die Höhe wie Pilze: Wolkenkratzer! Riesige Wolkenkratzer, mitsamt der dazugehörigen Verkabelung viel riesisiger als die, die er auf dem Weg hierher gesehen hatte, und selbst die waren alles andere als klein...
Es sah alles so... gigantisch aus, so überwältigend...
Unmöglich... und doch, da standen die Gebäude und glänzten in der Sonne.
"Wahnsinn... Die Häuser wachsen einfach aus dem Boden!"
Misato lächelte ihn einfach nur in ihren typischen, freundlichen Art an.
"Jetzt weißt du, warum diese Stadt eine Festung genannt wird. Vor dir liegt Neo-Tokyo-3. Das ist unsere Stadt. Die Stadt... die du gerettet hast."
Shinji erlaubte es sich zwar nicht besonders lange, sich zu zu fühlen, aber für die Dauer einer halben Sekunde fühlte er sich zum ersten mal in seinem Leben irgendwo gut aufgehoben.
Bei den meisten Menschen wäre dies ein Anlass für ein Lächeln, ein zeichen für eine Besserung gewesen, aber Shinji war ein Mensch, der das Glück, wenn es sich ihm bot, nicht festzuhalten wusste.
Ähnlich, wie er auf seinem Kassetenrekorder stets zwischen den Liedern auf Track 25 und 26 hin und her spulen würde, traute er sich nie, nachdem er einen Schritt vorwärts gemacht oder sich einen Weg nach vorne eröffnet hatte, den nächsten Schritt zu gehen, selbst in Aktion zu treten.
Er wagte es einfach nicht, zu glauben, dass dieser Moment irgendwie real gewesen war.

Das Ziel, das als nächstes und letztes auf dem Programm stand, war im Vergleich zu dem Ausblick auf die Festungstadt eher unspektakulär: Eine Wohnung in den oberen Etagen eines Apartmentkomplexes am Stadtrand.
Und doch vermochte es bei Shinji fast eine ebensogroße Reaktion hervorzurufen, nur, dass es sich hierbei keinesfalls um Staunen sondern mehr um eine Art Beklemmtheit handelte.
Das hier war... die Privatresidenz von Misato Katsuragi.
Sie hatte ihn... mit nachhause genommen.
Dabei hatte er sie erst gestern kennen gelernt...
Ohne wirklich zu wissen, wie er mit alle dem umgehen sollte, was in den letzten Tagen so auf ihn eingeströmt war, folgte er ihr durch den dunklen, ungewissen Korridor.
Schließlich öffnete sie die Tür mit ihrer Schlüsselkarte und entließ einen Strahl goldenen Lichts in die Finsternis.
Shinji wollte nur zu gerne raus aus dieser Finsternis, hinein in einen Ort, in dem auch wirklich... gelebt wurde, in den ersten, wirklichen Ort, den er am heutigen Tage zu sehen bekam...
Aber...
Auch hier war er fremd.
"Hey! Ich glaub' deine Sachen sind bereits hergebracht worden!" bemerkte sie, ebenso strahlend wie das Licht, in dass sie nun ohne weiteres hineinschritt.
Ja, natürlich lief sie hier einfach so rein, die Wohnung gehörte ihr schließlich.
"Ja, sieht ganz so aus. Ich bin übrigens selbst gerade erst hier eingezogen."
Er hatte den Stapel Kartons selbst noch nicht so richtig bemerkt, sah aber, wie das Licht aus dem inneren der Wohnung auch sie anstrahlte.
"Los, komm rein." forderte sie ihn lächelnd auf.
Shinji klammerte sich verlegen an die Einkäufe, die er immernoch bei sich trug.
"A-Aber nur, wenn ich... nicht störe..."
"Shinji-kun, du wohnst jetzt hier!" verkündete sie fast schon tadelnd. "Also spar dir ab jetzt den Höflichkeitsquatsch."
Sie... schien es ernst zu meinen.
Zögerlich setzte Shinji seine Füße über die metallische Türschwelle der automatischen Schiebetür und lächelte seine Gastgeberin, nein, Mitbewohnerin, unbeholfen an. "D-Da bin ich."
"Willkommen daheim!"
Und hinter ihm schloss sich die Tür, die Finsternis der Nacht aussperrend.

"Na ja, ich geb' zu, es ist ein bisschen unordentlich bei mir, aber ich hoffe es macht dir nichts aus!"
Ein bisschen unordentlich? Ein bisschen unordentlich?
Also, so hatte sich Shinji die Privatwohnung der coolen, professionellen Captain Katsuragi, die, riesiges Monster oder nicht, ungebremmst und sämtliche Verkehrsregeln brechend über die Straßen fegte, weil sie einen Auftrag hatte, die ihn mit klugen Ratschlägen eindeckte und freiwillig ein Kind wie ihn bei sich aufnahm, ganz sicher nicht vorgestellt.
Gut, vielleicht hatte er sich etwas zusammenphantasiert, als er erwartet hatte, dass hier alles glänzend und tip-top aufgeräumt sein würde, aber es war nicht einfach so, dass seine Erwartungen nicht erfüllt worden waren... Das genaue Gegenteil war eingetreten!
Wohin er auch blickte, leere Kaffeedosen, Bierdosen, Spirituosen!
Und zwar massenweise! Das waren Berge!
Der Tisch, übersäht mit leeren Verpackungen und Schüsseln und sogar einem Pizzakarton, halbausgepackte Umzugskartons zwischen Müllsäcken, Papierchen und Kleidungsstücken, hie und da mal etwas von nützlichem Wert wie Akten oder Klebeband, dass sich aber kaum vom umgebenen Chaos unterscheiden ließ.
Nicht mal vor dem Boden machten die Drecklawinen halt; Der war teilweise genau so vollgestellt wie alles andere.
"...Das nennt sie... ein bisschen unordentlich?"
"Och entschuldige." tönte es aus dem Nebenzimmer, in dass sich die Ursache dieses Tohubawohus zurückgezogen hatte, um sich umzuziehen.
"Stell die Einkäufe einfach in den Kühlschrank!"
"G-Gut, mach ich..."

Immernoch etwas perplex beschloss Shinji, ihrer Bitte am Besten erstmal nachzukommen. Das Haus war für eine Person eigentlich viel zu groß; Es gab einen Wohn-, Koch- und Essbereich mit einem europäischen Tisch und einem netten Kalender an der Wand (und, wie bereits erwähnt, viel Dreck), ein geräumiges Bad und ein Zimmer für Misato - und dann noch zwei andere, völlig unbenutzte Räume, von denen er jetzt wohl eines beziehen würde. Insgesamt gab es hier sehr viel Platz, was wiederum die Frage aufwarf, wie um alles in der Welt es diese Frau geschafft hatte, das alles hier komplett zu vermüllen.
Doch jetzt sollte er erst einmal den Kühlschrank finden - und das tat er dann auch. Es war ein recht großer Kühlschrank - die von NERV zahlten wohl nicht gerade wenig - doch kaum, dass er ihn geöffnet hatte, kam er nicht umhin, den Inhalt ungläubig zu beäugen.
"...Eis?"
"...Knabberkram?"
"...Bier in rauhen Mengen..."
"Sie kann doch unmöglich nur davon Leben..." kommentierte er, während er deutlich verunsichert bis leicht traumatisiert durch ein Loch in der soliden Biermauer spähte.
Ein paar Minuten später, nachdem er seine Kisten reingetragen und sie sich etwas an der Mirowelle betätigt hatte, erfuhr er jedoch aus erster Hand, dass sie sehr wohl nur davon lebte.
Der mittelgroße Holztisch von Misatos Wohnung war gedeckt - und zwar mit einer quietschbunten Zusammenstellung aller möglichen und unmöglichen Fertiggerichte, jede erdenkliche Abart oder Mutation von Dosenfutter.
Und ihm gegenüber saß die Schöpferin jenes grotesken Werkes, fröhlich den Inhalt einer Bierdose herunterschlürfend.
Irgendwie hatte er sie sich doch etwas... cooler vorgestellt.
Sie war so... direkt, damit konnte er... nicht so richtig umgehen.
Nach dem sie die Dose in einem Zug geleert hatte, stieß sie einen hohen Laut der Bewunderung aus, begleitet mit einem verdrehten Grinsen und vielleicht sogar ein paar Freudentränchen.
"Aaaah, schon allein dafür lohnt es sich am Leben zu sein!" schwärmte Misato, nach dem sie sich wieder ein bisschen gefasst hatte.

Und er hatte gedacht, gestern verrückte Dinge gesehen zu haben.

"Has du keinen Hunger? Du hast dein Essen ja noch gar nicht angetatscht. Ich weiß, es sind nur fertiggerichte, aber die sind echt gut!"
"Es... es ist nur, dass ich einfach nicht daran gewöhnt bin, so zu essen..."
Es war nicht dass essen an sich, aber der stetige Redefluss, die Fröhlichkeit, und überhaupt ihre Art... das schüchterte ihn in bisschen ein. Nicht, dass er etwas gegen sie hatte, er hatte ja kein Recht, sich darüber zu beklagen, was sie in ihrem eigenen Haus treibt...
Wenn sie nur nicht mit allem was sie tat so... direkt in seinem Gesicht wäre.
Gut, das war eine blöde Metapher, aber er wusste wirklich nicht -
Als habe sie seine Gedanken gelesen, stellte Misato ihre Bierdose mit einem Knall ab und beugte sich direkt über den Tisch zu ihm vor.
"Verstehe! Es ist dir also nicht gut genug, hm?"
Shinji musste zurückweichen , um ihrem Kopf mitsamt herabhängender Haarsträhnen auszuweichen.
Es war nicht nur ihr lauter, ärgerlicher Tonfall gewesen, der ihn zur flucht bewegt hatte. Sie kniete jetzt eher auf ihrem Stuhl, als dass sie saß und kam ihm so näher... als das überhaupt je jemannd getan hatte, und noch dazu waren ihre Indoor-Klamotten, bestehend aus einem Top und abgerissenen Jeans-Hotpants äußerst... aufreizend.
Sie konnte die röte auf seinem Gesicht vermutlich genau so gut erkennen, wie er ihre in dieser Pose etwas herabhängenden, wohldefinierten Brüste unter ihrem Top erkennen konnte. Darüber, ob ihre Pobacken am unteren Ende dieser Hosen etwas hervorguckten, oder nicht, konnte er nur Vermutungen anstellen, aber das machte es vermutlich noch schlimmer.
Nah, ihr gruseliger Tonfall war wahrscheinlich der Hauptgrund.
Shinji wagte es nicht, auch die klitzekleine Gegenreaktion hervorzubringen, stammelte nur vorsichtig so etwas wie 'Das hab ich nicht gemeint' vor sich hin, doch schließlich erübrigten sich jegliche Verteidigungsmaßnahmen, als das doch etwas beunruhigend nahe Gesicht Misatos auf einmal ein breites Lächeln zeigte.
"Ich glaub ich weiß schon. Du musst dich noch daran gewöhnen, in Gesellschaft zu essen, richtig?"
Man oh man, die Frau war wirklich gut ausgestattet...
"J-Jah..."

Nachdem Shinji nach einer Weile wieder unter dem Tisch hervorgekommen war, erklärte sie ihm noch putzmunter Bierdosen aufstapelnd einige Formalitäten, die er, sich irgendwo im hinteren Abschnitt seines Schädels seinen Teil dazu denkend hinnahm und teilte nach ein paar Runden Shing-Shang-Shong, bei denen Shinji's Glücksfee irgendetwas falsch verstanden zu haben schien, die häuslichen Pflichten 'vollkommen fair' auf.
"Also vergiss nicht Shinji, du wohnst jetzt hier, also steht alles zu deiner freien Verfügung." fasste sie noch einmal alles zusammen.
"Außer mir selbst natürlich. Wir verstehn uns?"
Irgendwie fand Shinji das jetzt etwas weniger witzig, da konnte sie so viel mit ihrem Zeigefinger herumfuchteln, wie sie wollte.
"Ähm... jaja..." antwortete er, um sie irgendwie zufrieden zu stellen.
Nur leider hatte dies irgendwie den gegenteiligen Effekt.
"Maan, immer nur 'ja, ja, ja', fällt dir nicht mal was anderen ein? Du willst doch ein Mann sein und kein langweiliger Jasager!"
Yup, sie kletterte wieder auf den Tisch.
Und spürte offenbar das brennende Verlangen, Shinjis Frisur zu ruinieren.
Oder vielleicht wollte sie ihm auch das Genick brechen oder den Schädel eindrücken, zuzutrauen wär's ihr.
Nun vollends ahnungslos darüber, was sie eigentlich wollte, antwortete Shinji zögerlich mit "Jah", löste sich aber erst aus seiner präkeren Pose, als sie ihn seufzend los ließ.
"Ich glaub', ich geb's auf. Ich weiß, was dir gut tun würde... Ein Baaaad!"
Sie vollführte im Sitzen einen halben Freudensprung als hätte sie gerade die Kerzen auf der Torte anlässlich ihres fünften Geburtstags ausgeblasen.
Wieder zückte sie den gefürchteten Happy-Happy-Go-Lucky-Zeigefinger.
"Baden reinigt Körper und Seele!"

Na ja, wirklich rein kam sich seine Seele nicht so vor, als ihr Eigentümer verlegen zu Misatos fein säuberlich aufgehängter Unterwäsche hochschielte.
Richtige Reizwäsche war das, mit Rüschen und Spitze, halbdurchsichtigen Elementen und allerlei 'leckeren' Farben wie tiefes Blau, geheimnisvolles Schwarz und sattes Dunkelrot.
Damenwäsche hatte er bis jetzt nur in Fernsehwerbung und Kleidergeschäften gesehen, und er kam sich davon wie auch von Misatos 'lockerem' häuslichen Outfit und ihrer ganzen Art doch etwas... überladen vor.
Der EVA-Kampf war nicht das einzige gewesen, dass seinen Nerven mehr Reize zugemutet hatte, als sein armseliges kleines Gehirn zu verarbeiten mochte...
Um dem für seine Wenigkeit doch eher peinlichen Anblick zu entgehen beschloss er, sich einfach mal in das Badezimmer begeben... Wenn er nur geahnt hätte, was ihn dort bereits erwartete...

„AAAHH! AAAAH! M-Mi-mi-mi-Misato-san!" rief er panisch, den Vorhang zum Wohnzimmer panisch zur Seite reißend.
Die Eigentümerin der Wohnung, die es sich mittlerweile im Schneidersitz auf einem Stuhl gemütlich gemacht und sich mit einer weiteren Bierdose beschäftigt hatte (Sie schien sehr trinkfest zu sein) blickte ihn nur verwundert mit ihren großen, braunen Augen an.
„...Was ist?"
„Im Badezimmer da ist ein-ein-ein... ein Tier..." brachte er schließlich hervor, als das entsprechende Viech, eine Art großen, schwarz-weißen Vogel mit einer Art komischen Rucksack und roten Federn auf dem Kopf.
„Aaach, ihn meinst du nur." antwortete Misato völlig gelassen, als sei es das normalste von der Welt, das irgendwelche komischen Vögel durch die Wohnungen lediger Frauen watschelten und per Knopfdruck die Kühlschränke öffneten (dazu war das Ding also gut.)
Um die ganze Situation noch irrer zu machen hatte das Geflügel in diesem Kühlschrank eine richtige kleine Wohnung inklusive einem Fernseher und einer Schirmlampe.
Nachdem es Shinji einen 'Mach-nicht-so-ein-Theater'-Blick zugeworfen hatte, verschwand das eigenartige Tier in seinem Habitat.
Shinji, der nicht gedacht hatte, dass ihn nach diesen zwei Tagen noch irgendetwas einen Schock versetzen könnte, blickte der Kreatur noch eine Weile beinahe traumatisiert hinterher.
„So... So 'nen komischen Vogel hab ich noch nie gesehen!"
„Vor fünfzehn Jahren waren sie noch sehr verbreitet." erklärte Misato völlig gelassen.
„Er ist ein Pinguin, genauer gesagt einer von diesen mutierten Warmwasser-Pinguinen. Ich habe ihn bei mir aufgenommen, er wohnt also ebenfalls hier."
Hätte Shinji gewusst, das sein fracktragender Mitbewohner zur Zeit gemütlich eine Zeitung las, wäre er wohl entgültig durchgedreht, doch auch so war er zu dem Schluss gekommen dass diese Anekdote über die Haustiere, die ihren Besitzern immer sehr ähnlich waren, definitiv stimmten.
So viel zum Thema schräge Vögel.
Misato hatte sich indes wieder ihren Alkohol gegriffen.
„Sag mal... willst du dich nicht... Ein bisschen bedecken?"
Erst hatte Shinji wenig Ahnung davon, was sie meinte, doch dann realisierte er, dass er in seiner Panik splitterfasernackt aus dem Bad gestürmt hatte und Misato schon eine knappe Minute lang die volle frontale Ansicht präsentierte.
Gut, viel zu präsentieren gab es nicht; Der jüngste Spross der Ikari-Familie wies noch einen recht knabenhaften, eher zierlichen Körperbau auf, die Menge an Muskelmasse war bestenfalls kümmerlich.
Sich eilig seine Hände vor das beste Stück haltend und von der Gesichtsfarbe her an eine reife Tomate erinnernd tat er sein bestes daran, sich schnellstmöglich zu trollen.

„Übertreib's nicht mit der aufgesetzten Fröhlichkeit..." dachte Misato zu sich selbst, ihre Augen abwendend und ihre bisherihe Hyperaktivität als verzweifelten Versucht entlarvend, irgendwie an den stillen, unnahbaren Jüngling heran zu kommen.
„...Sonst ist es am Ende er, der dich durchschaut."

Shinji hatte sich mittlerweile dorthin begeben, wo nackte Menschen in den häufigsten Fällen hingehörten: Ins Badezimmer.
Dort ging er wieder seinem angestammten Hobby nach: Die Decke anstarren und nachdenken, dieses mal in einer großen Wanne voll mit von einem rötlichen Badezusatz getöntem Wasser.
Das Bad hatte eine schlichte, runde Lampe ohne wirklich Details.
Hier war er also... in der Badewanne des Hauses seiner ...neuen Vorgesetzten.
Es war, als habe die Welt gestern begonnen, sich in eine andere Richtung zu drehen.
Die ewig gleichen Bahnen, die vertrauten Räume in denen er sich bis jetzt bewegt hatte, schienen unendlich weit weg.
Das einzige, was in den letzten Tagen so etwas wie ein Zentrum, irgendeine Art von Halt gewesen war, war diese völlig fremde Frau...
„...Misato Katsuragi..." murmelte er nachdenklich vor sich hin.
„Sie scheint schon... ganz in Ordnung zu sein..."
Ja, nett war sie irgendwie schon, aber... ihre Art war auch teilweise sehr viel für ihn.
Es wäre eigentlich einfacher gewesen, die Dinge aufzuzählen, die ihn an diesem Ort hier nicht völlig überforderten.
Er hatte sich eigentlich nur die ganze Zeit mit zerren lassen, hatte gemacht, was man ihm gesagt hatte... nun, so gab es wohl seltener Ärger, so würden weniger Leute auf ihn wütend sein, aber eigentlich... eigentlich hatte diese ganze Geschichte nicht wirklich etwas mit ihm selbst zu tun.
Er hatte eigentlich nie wirklich hierher gewollt...
Diese Misato hatte zwar gesagt, dass Baden 'Körper und Seele reinigen' sollte, aber er hatte nur das Gefühl, dass die Stille des Badezimmers seinen trüben Gedanken eine Menge Zeit gab, nach Herzenslust in seinem Bewusstsein herum zu schwappen...
Zum Beispiel die die Gedanken an diesen scheußlichen Kampf, an die Ablehnung seine Vaters... oder dieses verletzte Mädchen, um dass seine Gedankenketten stets zu kreisen schienen.
Irgendetwas an ihr ließ ihn einfach nicht los, irgendeine Sache, die im praktisch ins Gesicht spuckte, ständig da war wie eine Art leichte Überlagerung... und die er trotzdem nicht beim Namen zu nennen wusste.

„Sag schon, wie geht es Rei? Du hast sie doch heute im Krankenhaus besucht... oder nicht?"
Mit einem Klemmbrett und etlichen Akten in der Hand stand Dr. Ritsuko Akagi wenige Schritte hinter Commander Ikari in den Ruinen eines verwüsteten Kontrollraumes, hinter dessen zersprungenen Glasscheiben sich die spärlich beleuchtete Silhouette eines gigantischen Kolosses. Wie Gulliver in der Gefangenschaft der Lilliputaner war die hühnenhafte, einäugige Gestalt mehrfach gefesselt; Zu klassischen Handschellen kam noch eine Art Maulkorb und das lange, kreuzartige Konstrukt, dass aus dem Rücken des bizarr verrenkten Titanen ragten.
„Unwichtig." entgegnete Gendo auf die Frage seiner Kollegin, die Hände in den Hosentaschen verstaut und den Blick fest auf den orangenen Riesen in der Halle gerichtet.
„Das einzige, was zählt, ist das Einheit Null schnellstmöglich reaktiviert wird. Ich werde unverzüglich eine Erlaubnis vom Komitee einholen."
„Was ist mit deinem Sohn? Er macht auf mich psychisch einen etwas labilen Eindruck..."merkte Akagi nun doch etwas besorgt an.
„Kümmere dich nicht darum. Sein Zustand gibt uns einen Vorwand, Einheit Null wieder einzusetzen."
„Gut, vielleicht erreicht Captain Katsuragi bei ihm ja etwas."

„Ach, Ikari, da bist du ja." komentierte Futsuki, der von den Akten auf seinem sonst ordentlichen Schreibtisch eher wenig beeindruckt schien.
„...Haben Sie mit Dr. Akagi schon alles wichtige beredet?"
„Jah. Es wird alles wie geplant weitergehen."
„Ich würde die Tatsache, dass uns dort draußen wohl möglich noch ein entflohenes Versuchsobjekt herumläuft wohl kaum als etwas einstufen, dass 'wie geplant' läuft. Diese Berichte über einen möglichen Serienmord beunruhigen mich... denken sie?"
Ikari zeigte keine besondere Änderung seines Gesichtsausdrucks.
„Die Mordmethode könnte passen, aber das Verhaltensmuster nicht. Der defekte klon hat fast alle Menschen getötet, mit denen es in Kontakt kommt. Der Serienmörder tötet seine Opfer heimlich in ihren Häusern... In einer Gesellschaft, die gerade ert über einen Kollaps hinweg ist, von dem sie sich nie ganz erholt hat, ist es nicht verwunderlich, dass solche Delinquenten existieren.
Die Menschen suchen oft nach Sündenböcken oder vermeidbaren Gründen, um solche Subjekte zu 'erklären', doch in Wahrheit fürchten sie sich nur, zuzugeben, dass ein solches Verhalten im Grunde jedem möglich ist. Sie versuchen, die Zerbrechlichkeit ihrer eigenen Existenz zu ignorieren, sich einen Schutz zu suchen... Menschen sind und bleiben traurige Geschöpfe."
„Aber theoretisch wäre es möglich, dass das unser defekter Klon war, nicht? Das Szenario hat bereits begonnen... wir können jetzt keine weiteren Zwischenfälle riskieren, Ikari."
„Die wird es nicht geben. In dem es einfach ein wenig Amok läuft, wird es unsere Pläne kaum beeinträchtigen. Wir werden es ohnehin bald in Gewahrsam haben."
„Bist du dir da auch sicher, Ikari...?
Nun denn, ich habe mir die Versetzungsanträge angesehen. Da diese Anlage nun unsere Hauptfront ist, ist es unabdingbar, dass viel Personal her transferiert wird, aber diese Vier Akten hier sind alles relevante... Wenn man diese beiden hier relevant nennen kann, eigentlich sind sie ja doch nur unnötige Formalitäten. Es sind die offiziellen Gesuche für die Versetzungen von Inspektor Kaji Ryoji und dem Second Child."
„...Sie sind selbstvertändlich genehmigt. Was ist mit den anderen?"
„Wir haben hier erst einmal einen Mitsurugi Minoru, der sich aus der Bethania-Basis hierher versetzten lassen will."
„...Mitsurugi? Der, der auch beim Entwurf des Cocytus-Systems dabei war? Sollte er nicht in Archeron bleiben? Sie haben Einheit Fünf, aber laut den Daten, die ich erhalten habe..."
„...Ist EVA noch eine halbe Baustelle, ich weiß... Mitsurugi gibt als Begründung für seine Versetzung schlicht 'persönliche Gründe' an. Er war mit seiner Arbeit im wesentlichen fertig, Japan ist sein Heimatland und die Arktis ist nicht gerade ein optimaler Wohnort..."
„Die Menschen sind sich eben doch selbst am nächsten... Lassen wir ihn herkommen. Seine Abwesenheit wird unseren Plänen dienlich sein, und seine Fähigkeiten werden uns hier nützlich sein. Von wem ist die vierte Akte?"
„Von einer Asahina Najiko aus der Sicherheitsabteilung, die zur Zeit in den Staaten arbeitet."
„...Und in wie fern ist diese Person relevant?"
„...Ich denke in diesem Fall sagt ein Bild mehr als tausend Worte..."

Mehrere Hundert Meter oberhalb des Büros seines Vaters, jenseits einer provisorisch mithilfe eines Zettels und etwas Klebeband mit 'Zimmer von Shin-chan' (Inklusive eines Herzchens) beschrifteten Tür lag der jüngere Ikari in dem, was ab jetzt wohl sein Bett sein sollte.
Mit seinem treuen Walkman in der Hand, den er aus den zahlreichen Kartons hervor gewühlt hatte, die nun das jetzt etwas chaotisch und vor allem unfertig wirkende Zimmer füllten, steckte er unter dieser fremden Decke, die seine Körperwärme zwar am entweichen hinderte, aber an der eigenen Oberfläche noch keine wirklich mollige Temperaturen angenommen hatte.
Er hatte sich die Hörer in die Ohren gestopft und die Augen geschlossen, um diese verrückte, fremde Welt, die ihn heute wirklich nach allen Regeln der Kunst überlastet hatte, zumindest für eine kurze Zeit auszublenden.
Die Augen konnte man einfach zumachen, ja, aber Geräuschen war der Mensch ohne technische Hilfe ständig ausgesetzt, andauern musste er Lärm ertragen und Gemecker und das Gerede seiner Mitmenschen. Vermutlich diente es zu Überlebenszwecken, damit man aufwachte, wenn irgendetwas gefährliches Lärm verursachte, aber er wollte im Moment einfach nur seine Ruhe, und das funktionierte wohl nur, wenn er seinen Gehörsinn mit etwas anderem beschäftigte als seiner Umgebung.
Und so lag er da, immer das selbe Lied hörend, manchmal auch das nächste, aber nie das Übernächste. Spätestens nach Track 26 spulte er stets zurück.
Doch da es nach einer Weile doch etwas schwierig wurde, die Augen künstlich geschlossen zu halten, wenn man nicht wirklich müde war und zu fest daran dachte (und wie könnte er müde sein, wenn er doch vor wenigen Stunden erst im Krankenhaus erwacht war?) spähte er mit einem halb-geöffneten blauen Auge zu dem kleinen Ranzen rüber, den er hierher mitgebracht und bei seiner Ankunft neben der Pforte dieses Zimmers abgestellt hatte.
Die Musik lief und lief und lief, und er starrte und starrte und starrte.

„Ja, er hatte ein ziemlich traumatisches Erlebnis. Ich frage mich, ob er überhaupt wieder da rein steigt."
„Aber du weißt schon, das es Teil deiner Aufgabe ist, seine Einsatzbereitschaft sicherzustellen, nicht?"
„Ja, aber ich fürchte, ich komm' nicht so richtig an ihn ran..."
„Du murrst schon? Nachdem du heute erst dramatisch verkündet hast, dass du ihn bei dir aufnehmen würdest?"
„Ach halt doch die Klappe!" verkündete Misato beleidigt, ihr Telefongespräch mit einem Tastendruck beendend und den Apparat in sicherer Entfernung von der Badewanne, in der sie nun kurioserweise immer noch mit Zopf drin saß.
Der nicht wirklich echte Ärger wich sehr schnell einem nachdenklichen Gesichtsausdruck.
„Ich habe Shinji-kun wohl zuerst auch nur als ein Werkzeug gesehen, dass ich benutzen kann... Ich werde langsam wie Ritsuko...
Aber trotzdem, das passt irgendwie alles viel zu perfekt zusammen... Erst wird aus heiterem Himmel das Third Child gefunden, ohne dass es in irgendeinem Bericht erwähnt wird, und dann taucht wie als Antwort darauf der vierte Engel auf... Mal abgesehen davon, dass Commander Ikaris eigener Sohn den Evangelion steuern soll... Das riecht alles irgendwie nach Verschwörung...
Und noch etwas ist seltsam..." kommentierte die NERV-Angestellte in Gedanken, ihren Blick auf die Decke richtend als ob ihr junger Schützling bereits auf sie abgefärbt hätte.
„Ich habe mein Leben dem Kampf gegen die Engel gewidmet... und wir haben doch gewonnen... warum kann ich mich über unseren Sieg... Überhaupt nicht freuen?"

Ähnlich wie die seines neuen Vormunds wurde die Aufmerksamkeit des Third Childs, welches sich mittlerweile auf den Rücken gedreht, sonst aber nicht besonders viel gemacht hatte vor allem von der Decke über seinem Kopf beansprucht.
Es war eine recht simple, schlichte, rechteckige Decke mit einer kleinen, herabhängenden Lampe in der Mitte.
Es war eine simple, rechteckige Decke die sich wieder radikal von denen in der Residenz seines Lehrers unterschied.
„Noch eine unbekannte Zimmerdecke." murmelte er nachdenklich zu sich selbst, die Gedanken in Worte fassend, die ihn schon diese ganzen zwei Tage verfolgt hatten, die ihm in ihrer ganzen Dauer wie ein langer, bizarrer Traum vorgekommen waren.
„Klar... in dieser ganzen Stadt gibt es keinen einzigen Ort, der mir vertraut ist..."
Wie sollte er auch in einer völlig fremden Stadt eine vertraute Decke finden? In dieser großen Stadt lebten Millionen von Menschen und er war nur einer von ihnen, völlig allein an diesem seltsamen, fremden Ort, an den er eigentlich nicht wirklich gehörte.
Misato hatte gesagt, dass das hier jetzt sein zuhause sei, aber irgendwie fühlte er sich hier genau so fehl am Platz wie überall sonst auch.
„...Warum bin ich hier?"

Seine Sorgen und Gedanken, die bereits durch das warme Wasser wie die Ionen in einem Salz aus dem Ort, an dem sie festgesteckt hatten, herausgelöst und in Bewegung versetzt worden waren, ließen sich in der stillen Dunkelheit des Zimmers nicht mehr länger unterdrücken oder zur Seite drängen, und nur ein Bild von EVA 01, dass durch seine Gedankenketten raste, als er über den Grund seines Hier Seins sinnierte, war genug, um den inneren Wall zu durchbrechen, die er um seine Erinnerungen des gestrigen Tages errichtet hatte.
Nicht die an seine Ankunft, die eiskalte Begrüßung seines Vater und Ayanami Rei, die immer wieder durch seine Gedanken tanzte, die sah er klar vor sich.
Es waren andere, spezielle Erinnerungen...
Furchtbare Erinnerungen, die alles andere, was ihm bis her geschehen war, noch bei weitem in den Schatten stellten.
Es waren Erinnerungen an einen Kampf... an hämmernde, laute Geräusche, pochende Schmerzen und rhythmische Schüsse, die seinen Schädel zu zerschmettern drohten...

Er hörte ihr Echo immer noch deutlich in sich widerhallen, fast als seien sie im hier und jetzt.
PENG. PENG. PENG.

PENG. PENG. PENG.
Aus nächster Nähe. Immer wieder. Mitten ins Gesicht. Shinji hielt sich verzweifelt beide Hände vor sein Auge und den Teil seines Schädels, den er praktisch zerbrechen hören konnte... Oder war es der von Einheit Eins?
Darüber konnte er gar nicht mehr nachdenken, da war nur noch Schmerz, und Qual und Pein, die ihn zu zerfetzten drohte, Fremdkörper in teilen seines Kopfes, die eigentlich noch abgeschlossen waren... oder weit offen lagen und vom Engel weiter bombardiert worden?
Er konnte nichts tun, hing mit den Füßen über den Boden, die Arme scheinbar gleichzeitig an seinen Schädel gepresst und nutzlos herabhängend.
Die Qualen waren unerträglich, ließen Shinji nicht einmal mehr Zeit zum denken - wenn ihm doch nur... jemand helfen würde. Wenn ihn doch nur jemand in den Arm nehmen würde und ihm sagen würde, dass alles in Ordnung sein würde.
Aber es war niemand da, er saß allein in diesem Ding, und niemand würde kommen.
Umbarmherzig setzte der Engel seine Angriffe fort, und seine Mühen wurden belohnt: Nach langen, erfolgreichen Versuchen gelang es ihm schließlich, den Schädel von EVA 01 zu durchstoßen und den violetten Giganten gegen ein Gebäude zustoßen.
Widerstandslos sackte der EVA zusammen. Die einzige Bewegung, die noch festzustellen war, war das spritzen der Blutfontänen, die aus beiden klaffenden Löchern im Schädel der biologischen Maschine spritzten.
Doch selbst das nahm bald ein Ende, und alles, was die Messgeräte im Kontrollzentrum von Einheit Eins empfingen, war vollkommene Stille.
Stille herrschte auch in Shinjis Bewusstsein, wenn man sie als Funkstille, fehlen von Informationsübermittlung definierte. Seine Gedanken bildeten sich nicht mehr zu Worten, alles, was seinen Schädel erfüllte, war ein absoluter geistiger Aufschrei, der die schwärze des Entryplugs zwar nicht durch den Mund des Piloten, aber sehr wohl durch das Gedankeninterface des Evangelions verließ.
Der Schmerz, der durch die Verbindung zu Shinji hindurch drang, wurde als Schmerzensschrei gespiegelt an die Kreatur zurückgegeben, nachdem die Pein jede Faser des vierzehnjährigen Piloten durchdrungen hatte.
Der reißende Strom des Leids war so mächtig, dass er viele der Barrieren durchschlug, die den Fluss an Gedanken, Empfindungen und Emotionen zwischen Mensch und der vermeintlichen Maschine bis jetzt behindert hatten.
Der Drang, von jemandem gehört zu werden, von diesen entsetzlichen Qualen befreit zu werden, war so groß, dass Shinji sich gar nicht darum scherte, ob er dabei die sonst sehr dicht geschlossenen Grenzen seiner selbst niederriss und sein Innerstes der fremden, monströsen menschlichen Schöpfung völlig preisgab.
So verzweifelt war er, so sehr hatte er sich gewünscht, dass sein Hilfeschrei wahrgenommen wurde.
Und seine Gebete wurden erhört.
Er bekam eine Antwort.
Irgendwo in den Tiefen der großen Leere im inneren des Evangelions, de Shinji mit seinen Wünschen und Ängsten angefüllt hatte, gab es eine Regung, eine Präsenz, die lange zerstreut in sich herrumgeschwappt war und nun etwas erkannte, dass die Fünkchen ihres Daseins anreizte, sich wieder zusammenzufügen, zu erwachen, die Arme zu entfalten und auszustrecken, und einem entfernten Herzschlag gleichend, wie ihn vermutlich ein Kind im Mutterleib wahrnehmen könnte, seinen Namen zu rufen.

Und dann ging alles ganz schnell, ein unfassbarer Schwall von etwas, das er nur als 'Reiz' einstufen konnte, da er nicht unterscheiden konnte, ob es sich um Druck, Wärme, Kälte, Schmerz, oder Erregung handelte, vor allem, weil es alles auf einmal zu sein schien.
Erst überkam es ihn wie eine Umarmung von hinten, hörte dann aber nicht auf, stetig in ihn hinein zu stürzen wie ein Wasserfall.
Mit weit aufgerissenen Augen fühlte er, wie sein Inneres von diesem fernen Herzschlag ausgespült wurde, der seinem eigenen zu Folgen schien wie ein Echo.
Herz und Herz, Seele und Seele in perfektem Einklang.
Eine vollkommene Dreieinigkeit aus einem Jungen, der gerettet werden wollte, einer Bestie, die sich selbst erhalten wollte, und diesem strahlenden Schwall aus wohliger Wärme, diese Arme, die ihn vorbehaltslos willkommen hießen, ein harmonischer Dreiklang, der zu einem einzigen Willen verschmolzen war, dem sich nichts entgegen stellen konnte.
Ab jetzt hätte er nicht mehr sagen können, was von ihm selbst, was Einheit Eins und was von ihr kam.
Er konnte einfach nicht mehr unterscheiden.

In den Augen der violetten Bestie flammte das Licht wieder auf.
Nun von sämtlichen Beschränkungen befreit, die ihr ihre inkomplette Existenz aufgebürdet hatte, entledigte sich die vereinigte Entität nun auch der jämmerlichen Sperren, die ihre Kiefer aneinander geheftet hatte, und entfesselte einen unmenschlichen, markerschütternden Schrei, der teils etwas von einem Tier, teils aber auch etwas von einem anlaufenden Motor hatte.
Und das war erst der Anfang.
Die fließende, organische Bewegung, mit denen sich die Kreatur sich selbst etwa fünfzig Meter durch die Luft schleuderte, hatte wenig mit den ungelenken Gehversuchen des jungen Ikari gemein.
Angetrieben von den urtümlichsten Überlebens- beziehungsweise Beschützerinstinkten, die sich doch irgendwo im Erhalten des eigenen selbst vereinigten, von dem die eigenen Kinder ja die Hälfte in sich trugen, ging die Entität mit brachialer Gewalt vor:
Den Feind mit der schieren Wucht ihrer Landung brutal zu Boden werfend, ging das brüllende Biest einem Raubtier gleich sofort zum Angriff über, schlug und zerrte an dem maskenhaften Gesicht des überwältigten Engel, der es scheinbar von einer Art Schock ergriffen erst nach einigen Sekunden, die der Entität reichten, um sein Gesicht gehörig zu verunstalten und teile davon abzubrechen, den Angreifer mit seinen kräftigen Armen fortzuschleudern.
Doch diese landete einer gerissenen Katze ähnlich auf den Füßen und drehte sich frei von Wesenszügen, die ihr das Zögern ermöglicht hätten, augenblicklich zu ihrem Opfer zurück und stürmte wie ein Beserker ungezügelt darauf los.

„Wir haben gewonnen." kommentierte Fuyutsuki derweil im Kommandozentrum.

Und tatsächlich, der violette Koloss schien dem überwältigten Engel nicht einmal die Chance zu lassen, seinen wuchtigen, grünen Oberkörper wieder aufzuerichten.
Doch so leicht ließ sich der Sohn Adams nicht bezwingen. Einen vogelhaften Anstrengungslaut hervorbringend schaffte er es, sich wieder nach vorne zu biegen.
Obgleich er sich dazu erst einmal auf den Armen abstützen musste, waren seine Anstrengungen genug; Genug, um den Wall seiner selbst unmittelbar zwischen sich und seinem Feind aufzuspannen und diesen abzuwehren.
Die vereinigte Entität lief buchstäblich gegen eine Wand.
Mit etwas, das definitiv als eine Art von Entschlossenheit einzustufen war, blickten die rot leuchtenden Augen des himmlischen Botschafters durch seinen Wall hindurch auf das Menschenwerk herab.
Doch besiegt war der gehörnte Hüne noch lange nicht.
Wie ein muskulöser Seemann der sich für eine Prügelei die Ärmel hochkrempelte um seine Tattoos zur schau zu stellen, entschied das vereinte Wesen schlicht und einfach, dass es wohl beide Hände benötigen würde, um mit diesem Feind fertig zu werden.
Mit fast schon abstoßender Leichtigkeit regenerierte das Wesen seinen Arm und grunzte demonstrativ in das Gesicht des Engels hinein.
Dieser musste nun geschockt feststellen, dass diese Perversion, welche die Lillim aus dem entweihten Leib ihrer eigenen Urmutter gedreht und zusätzlich geschändet hatten, in dem sie sie in diese erbärmliche Form gezwängt hatten, die sowohl mit ihrer eigenen mickrigen Gestalt als auch dem eigenen, hochverehrtem Vater der Engel Gemeinsamkeiten aufwies (was die Erschaffung dieser Gestalt in den Augen des Engels spätestens jetzt absolut falsch und blasphemisch machte) doch allen erstes dazu fähig war, den Wall seiner selbst tatsächlich zu projizieren, wie ein Engel!
Natürlich erst, nachdem ein-, oder zwei Lillim für das hohle Ungetüm eine Seele bereitgestellt hatten, verstand sich.
Und diese lebende Sünde, diese verdrehte Verspottung aller Schöpfung schaffte es doch tatsächlich, Sachiels Wall zu greifen und einfach zu zerfetzen.
Es würde kommen. Es setzte zu einem weiteren animalischen Brüllen an, einem weiteren wilden, animalischen Kampfschrei.
Sachiel verschwendete keine Zeit und sendete dem Feind einen Präventivschlag in Form eines Laserstrahls aus seinen Augen entgegen, eine mächtige, vernichtende Entladung, deren kreuzförmiges Feuer die ganzen bizarren Lillimschöpfungen in der Umgebung niederriss.
Gebäude und andere Ergebnisse der Frucht der Erkenntnis waren nicht etwas, dem er wirklich eine Bedeutung oder einen Zweck zuordnen konnte, die Vorstellung eines Zufluchtsortes war eine Kreatur, der durch die Frucht des Lebens unbegrenzte Energie zur Verfügung stand, etwas komplett fremdes und abstraktes, mit dem sich Sachiel, der lediglich als Angreifer und als Suchender agiert hatte, nicht wirklich beschäftigt hatte.
Sein Ziel war es, Adam zu finden und die Perversion zu vernichten...
Doch es war alles vergebens.
Der Energiestrahl hatte den gigantischen Cyborg nicht einmal gekratzt.
Unbeeindruckt griff es sich nacheinander die Hände des Engels, als sammle es irgendwelche Reste ein, und zerbrach sie wie Holzstäbchen.
Das Blut des Engels spritze aus dem ramponierten Armen geradezu heraus, vielleicht als Rache für den zerknacksten linken Arm des Evangelions.
EVA 01 ließ seinem Feind keine Verschnaufpause; Direkt danach gab es einen vernichtenden Tritt, der den Botschafter am Boden der Stadt entlang schrammen ließ, bis eine Kollision mit einem größeren Wolkenkratzer ihn zum Halten brachte.
Doch Shogoki kannte keine Gnade: Das biomechanische Konstrukt raste einem wahnsinnigen Axtmörder ähnelnd auf den Feind der Welt zu und schickte es mitsamt dem Gebäude dahinter ein paar Blocks auf Wanderschaft, in dem es sich einfach mit etwas Anlauf unter Einsatz des ganzen Körpers auf ihn stürzte.
Doch noch was das Martyrium des hilflosen, ramponierten Engels noch nicht vorüber; Unerschütterlich richtete sich EVA Shogoki auf.
Da es selbst eine Art himmlisches Wesen war oder zu den solchen zumindest eine Verwandtschaft bestand, erkannte es instinktiv die Bedeutung des roten Energiekerns im Zentrum des Engels;
Es war eine teilweise durchscheinende, von innen heraus ungewiss glühende kristalline Struktur, die vergleichbar mit und doch sehr verschieden von einem menschlichen Gehirn al Gefäß der Seele fungierte.
Mit anderen Worten, es war das Teil des Körpers, dessen Integrität man verletzen musste, wenn man das Leben des Engels beenden wollte,
Nun starb so ein Mensch auch, wenn man einfach die Sauerstoffversorgung des Gehirnes unterbrach, doch dank der Frucht des Lebens operierte so ein Engel unabhänging von Dingen wie Nahrung oder Sauerstoff – also halfen nur 'direkte' Maßnahmen a.k.a. rohe Gewalt.
Zwei unbarmherzige Schläge trafen das Herzstück des Engels und bewegten es innerhalb des bereits beschädigten Körpers des Engels, bis der Evangelion anscheinend beschloss, dass es so nichts brachte und sich entschied, die gerade praktischerweise in der Nähe befindlichen hervorstehenden Rippen Sachiels einfach mal zweckzuentfremden.
Der EVA nahm in beide Hände jeweils eine Hälfte des Brustkorbes und riss daran herum, die blutrote Sphäre noch zusätzlich aus dem gummiartigen, grünen Fleisch der Kreatur lösend.
Weiteres Blutvergießen auslösend gelang es ihm, eine der Rippen herauszureißen und stieß damit einem fast schon wahnsinnigen Schrei immer wieder auf den Kern ein, den diese Knochenformation eigentlich hätte beschützen sollen.
Schon beim ersten Stoß bildeten sich Sprünge, und Einheit Eins ließ nicht nach.
In seiner Verzweiflung brachte Sachiel noch die Kraft auf, seinen zerbröckelten Kopf wieder aufzurichten, doch es war bereits zu spät.
Die menschliche Schöpfung hatte bereits die Oberhand und von dieser Verletzung an seinem Energiekern würde er sich nie mehr erholen...
Doch wenn er seinen Vater nicht mehr erreichen würde, so konnte er ihm doch noch dienen, in dem er diese entsetzliche Perversion vom Gesicht des Planeten blies.
Der Engel schlang seine Glieder um den Feind und stülpte sich selbst nach innen, eine feste, dunkle Kugel um den Oberkörper des Evangelions bilden.
Die Stimme des Engels, die eher so etwas war wie eine Verlängerung seiner immer noch überwältigenden, fremdartigen Präsenz war, die zur Resonanz einlud, klang immer noch so stählern wie zu beginn, vielleicht eine Geste des Stolzes.
…...DU...KOMMST...MIT...MIR...

Und dann konnte er die Grenzen seiner selbst nicht mehr aufrecht erhalten und schwoll an, bis er zu einem blutigen Feuerwerk zerplatzte, dass die endgültige Vernichtung seines Kerns mit einer gigantischen, kreuzförmigen Lichtsäule, die weite Teile der Stadt hinwegfegte und noch hoch in der Atmosphäre unter dem siebenfarbigen Symbol des Bundes, dem Regenbogen der entstand, als das verbliebene Licht der Sterne sich in der verflüssigten Leiche des Engels brach, die bereits begann, auf die verheerten Flächen des entstandenen Kraters herabzufallen. Dicke, zähflüssige, Tropfen, fast wie ein Regen aus Blut.
Und doch war alles für nichts gewesen; Nachdem sich der Qualm etwas gelichtet hatte, konnte man erkennen, wie der Evangelion vollkommen unversehrt durch den blutigen Regen hindurch stampfte, wobei die grünen, im Dunkeln leuchtenden Elemente fast schon wie eine Kriegsbemalung wirkten.
Evangelion Einheit 01 hatte triumphiert.

Der Gigant blieb erst stehen, als er in den sich abkühlenden, noch stehenden Bereichen der Stadt angelangt war, immer noch mit nur einem strahlenden Auge.
Erst ab diesem Moment hätte man wieder sagen können, dass es so etwas wie ein abgetrenntes, für sich selbst handelndes Wesen mit der Bezeichnung 'Shinji Ikari' gab, dass der Körper im inneren des Entry Plugs wieder eine Grenze bildete; dass er wieder durch seine eigenen Augen das Interface des Plugs von seinem Sitz aus sah.
Er saß immer noch mit weit offenen Augen da, spürte immer noch, wie die fremden Emotionen in seinem Inneren zu 'hängen' schienen und sich weiterhin mit den seinen mischten, sich schwer von ihnen unterscheiden ließen, wie er immer noch tief mit dem System verbunden war.
Verbunden war er inzwischen auch wieder mit dem Hauptquartier, zumindest laut den Berichten, die er nun wieder wahrnahm.
Allerdings war er von diesem irren Erlebnis noch sehr mitgenommen, die Teile von ihm die Informationen verarbeiteten klar überstrapaziert, sodass die Worte der Techniker ihn nicht wirklich erreichten.
Die Information darüber, was geschehen war, 'hing' immer noch in seinem Bewusstsein, wie es sich für eine außergewöhnliche Sache gehörte, die man gerade erlebt hatte, er hätte es aber nicht in gedankliche Worte fassen können.
Die Informationen waren verfasst in der Sprache von schlichten Empfindungen, einem 'Dateiformat' das dem logisch denkenden Bewusstsein nur schwer zugänglich war wie eine frühkindliche Erinnerung.
Und doch vermochten diese Informationen, ihn irgendwie zu 'beschäftigen', seine Gedanken zu blockieren.
Die nächste Wahrnehmung, die wirklich zu ihm durchdrang, und ihm aus seinem traumhaften Zwischenzustand riss, war das laute herunter krachen einer Panzerplatte.
Auch, wenn er halb benommen, halb verlegen herunter spähte, so tat er das mehr aus einer Art Gewohnheit; Er brauchte nicht nach zu sehen, um zu erfahren, dass das eben die Hälfte von EVA 01s Kopfpanzerung war, die der inzwischen verschiedene Engel eben noch großzügig demoliert hatte; Er hatte es so mitgefühlt, als sei das Metall von seiner eigenen Wange heruntergerutscht.
Aber... wenn dieses Metall sich angefühlt hatte wie... eine Art Helm, der heruntergerutscht war, von was war er dann heruntergerutscht?
Neben ihm befand sich ein Gebäude mit einer spiegelnden Glasfassade, und obwohl es tiefste Nacht war, stellte ihm das nachleuchten der Explosion genügend Licht zur Verfügung, um vernünftig sehen zu können... er könnte also einen Blick wagen.
Aber irgendwas war ihm daran nicht so ganz geheuer... Er hatte irgendwie das Gefühl, als dürfe er nicht blicken... Aber... es würde ihm als Jungen doch vergönnt sein, mal einen Blick auf die technischen Innereien seines eigenen Kampfroboters zu werfen, nicht...?
Also drehte er seinen Kopf zur Seite, um sich seinen Roboter einmal näher anzusehen...
Nur... es war kein Roboter.
Was er da vor sich sah, ähnelte eher von allerlei kybernetischen dies und das in eine Form gepresstem FLEISCH, einem grotesk verformten Gesicht mit Nasenlöchern und einem hässlichen Loch, wo eigentlich das Auge hingehörte.
Zunächst sprachlos, dann einen leisen Schreckenslaut von sich gebend starrte er das bräunliche, malträtierte Fleisch von Evangelion Shogoki an... bis es begann, sich zu regen.
Es war das Auge.
Das AUGE.
OH GOTT, DAS AUGE.
Aus dem schwarzen Loch blubberte frisches Fleisch hervor, dass sich rasch glättete, sich dann aber aufspaltete, frisches, rosa Fleisch preisgebend, aus dem ein grüner, unzureichend von Haut bedeckter Augapfel quoll und sich scheinbar in seine Richtung drehte.
Shinji starrte.
Einheit Eins starrte zurück.
Er sah Einheit Eins durch deren eigene Augen, und deren Augen drehten sich so, das sie in dem Spiegelbild aussehen würden, als sähen sie ihn an... und aller physikalischen Gesetzte, Barrieren und Panzerplatten zum trotz... sahen sie ihn auch.
Und er sah das.
Er sah sich selbst durch die Augen dieser Bestie, durch ihre Gedanken, ihre Wahrnehmungen...
Und die Summe von alledem war einfach nur so grotesk, dass er nicht anders konnte, als aus voller Kehle zu schreien.

Extrem verstört starrte Shinji mit weit aufgerissenen Augen auf die Decke, unfähig, die schlagartig zurückgekehrten Erinnerungen zu verarbeiten.
Tief geschockt rollte er sich auf die Seite und kauerte sich zusammen, jetzt statt der Decke die Wand anstarrend.
In der folgenden halben Stunde bewegte er sich nur ein einziges Mal, um sich seine Decke überzuziehen.
Selbst, als es an die Tür klopfte, blieb er gleich einem eingefrorenem Computer ohne Reaktion.
„Shinji-kun...? Darf ich reinkommen?" fragte Misato, ihre Stimme schwer und ernst, gereinigt von der fast hyperaktiven Fröhlichkeit, die sie den Rest des Tages zur schau gestellt hatte.
Das sie, als keine Antwort kam, auf eigene Faust eintrat, merkte er nur daran, dass hinter ihm das Licht aus dem Flur in den Raum fiel.
„Ich hab... vergessen dir was zu sagen..." begann sie offen und ehrlich.
Er war im Moment nicht in der Lage, sich umzudrehen und sie anzusehen, doch der Ton, den sie als nächstes anschlug, trug das warme Lächeln praktisch mit sich.
Er hätte nicht gedacht, dass sie so klingen konnte... So einen klang hatte er weder der 'coolen' Einsatzleiterin doch der schlampigen Bierliebhaberin zugetraut.
Sie klang... ehrlich und... fürsorglich und warm.
Sie... berührte etwas in ihm, gab ihm mit ihren Worten etwas, das er schon lange vergessen hatte, obwohl es ihm die ganze Zeit schrecklich gefehlt hatte.
Vielleicht war es Zuneigung oder Zuwendung, etwas Mütterliches oder einfach nur simple Liebe, Shinji selbst hatte es jedenfalls so lange nicht mehr empfangen, dass er es selbst nicht mehr benennen konnte. So konnte er nichts anderes tun als einfach nur Misatos melodischen Sätzen zu lauschen:
„Du hast heute etwas sehr großes getan.
Du warst sehr tapfer... und alle werden dir dankbar sein.
Du kannst wirklich stolz auf dich sein...
Gute Nacht, Shinji-kun."
Ja, er glaubte, dass er so etwas schon einmal gefühlt hatte, vor langer, langer Zeit...
Vielleicht... vielleicht sollte er es mit diesem Ort hier ja... einmal probieren, vielleicht würde sich ja... etwas ändern... vielleicht sollte er... allem mal... eine Chance geben...
„Halt weiter durch."
Ja. Vielleicht.
Der Schreck über all die scheußlichen Ereignisse von Gestern saß ihm noch tief in den Gliedern, und all diese schrecklichen Erfahrungen hätten eigentlich Grund genug sein sollen, um diesen furchtbaren Ort, der ihm immer noch fremd und verwirrend vorkam so schnell wie möglich zu verlassen, von diesen vielen neuen Menschen wegzukommen, die ihn so sehr verunsicherten.
Aber als Misato das eben gesagt hatte, hatte er sich irgendwie... gestützt gefühlt.
Sie war immer noch eine völlig Fremde, aber sie... sie schien zu wissen, wo es lang ging...
Er... er wusste nicht, was er von ihr hielt.
Vielleicht bildete er sich nur etwas ein... vielleicht versuchte sie ihm nur, wegen ihrer Arbeit etwas einzureden...
Vielleicht hatte er so eine Stütze ja immer gebraucht...
Waren es echte Gefühle oder wieder nur dumme Einbildungen oder überhöhte Hoffnungen, die ihn mit diesem Gefühl der Ambivalenz zurückließen...?
Die ihm das Gefühl gaben, selbst nicht zu wissen, ob er nun von hier weg wollte, oder nicht?
Die ihn dieser ziehenden Leere, dieser Hin- und Hergerissenheit aussetzten?
Jetzt... war er erst einmal hier, und an diesem fremden, unwirklichen Ort...
...war Misato wohl die Person, an die er sich am ehesten halten konnte, der einzige richtige Mensch hier in dieser Stadt, die einzige, die wenigstens ein kleines Fünkchen Wärme besessen hatte...
Er würde erst einmal hier bleiben... und später weitersehen.

In diesem Augenblick konnte Ikari Shinji noch nicht wissen, dass er nicht der einzige war, der sich in dieser Nacht häuslich eingerichtet hat.
Auch wenn eine Wohnung total zu verwüsten, die Polstermöbel umzuwerfen, die Gardinen zu zerreißen, den Kühlschrank wie ein Tier zu plündern, alle möglichen Lebensmittel mit großen Bissspuren darin darum verstreut liegen zu lassen, die Tür offen zu lassen und die vorherigen Besitzer blutverschmiert in einer Ecke liegen zu lassen wohl nicht jedermanns Idealvorstellung davon war, wie man ein Haus zu beziehen hatten.
Der Corpus Delicti, ein großes Küchenmesser, steckte immer noch in der Leiche einer Frau, als die Täterin völlig Nackt aus der Dusche zurückkehrte.
Ihre langen, blauen Haare klebten teilweise an ihrem unmöglichen Körper.
Zuerst hätte man meinen können, dass sie in eines der fremden Schlafzimmer unterwegs war, doch als sie an den Leichen der Vorbesitzer vorbeikam, blieb sie abrupt davor stehen und drehte sich zu den zerstückelten Menschen hin.
Einen prüfenden Blick auf diese werfend streckte das entkommene Testsubjekt einen Arm aus.
Wie als Antwort darauf schien eine Bewegung durch die Leichen zu gehen, ein Ruck, als ob sie irgendwie aktiviert worden wären.
Die zerteilten Leiber zuckten ein wenig und explodierten dann regelrecht, den Boden, den sie bereits mit ihren Blut befleckt hatten, zusätzlich noch mit der rotorangenen Pampe verzierend, zu der sie die Macht ihrer Mörderin reduziert hatte.
Doch die Wesenheit verengte skeptisch ihre Augen; Nur die Torsos und Köpfe waren so halbwegs explodiert, und von ersteren blieb auch eine Art Schale, Extremitäten blieben fast unberührt.
«Das muss noch... sehr viel besser werden»

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(1) Wenn euch das gefallen hat, schaut doch auch mal beim nächsten Kapitel rein: 07: [Durch die Wand]