Sherlock stocherte in seinem Essen herum. John betrachtete ihn nachdenklich.

„Kein Hunger mehr?" fragte er.

Sherlock schaute auf in Johns Augen, schüttelte den Kopf, legte die Gabel weg. Es war spät. Sie waren den ganzen Abend im Klub und beim Yard gewesen. John hatte Martin reanimiert, als das Herz angefangen hatte zu stottern. Der Notarzt hatte ihn abgelöst. Martin war noch nicht über dem Berg. Aber er lebte. Das Gegengift schien – zumindest partiell – zu wirken. Martin lag auf der Intensivstation des West Suffolk Hospitals. John hatte dafür gesorgt, dass er nicht ins St Annas kam. Das war zu gefährlich.

Sherlock hatte den Tatort und die Spuren inspiziert, noch bevor der Yard eingetroffen war. Grossaufgebot. Spurensicherung. Mordkommission. Obschon es rechtlich gesehen noch kein Mord war. Martin lebte. Noch lebte er. War er das fehlende Opfer im Kreis der Archetypen? Die Bar stand im Osten, im Zeichen des Liebhabers. War der Kreis damit geschlossen? Martin hatte Wasser getrunken, aber die Wasserflasche war ok. Auch das Glas wies keine Spuren von Gift auf. Hatte Martin noch irgendetwas anderes zu sich genommen? Ein Kräuterbonbon? Sherlock war sich sicher, dass Martin nach Kräuterbonbon gerochen hatte. Aber es gab weit und breit keine Kräuterbonbons und auch kein weggeworfenes Verpackungsmaterial, das darauf hätte schliessen lassen. Es gab keine Kräutertinkturen oder Medikamente oder irgendetwas mit Kräutergeruch ausser einem Kräuterschnaps, aber der war ok. Niemand hatte etwas gesehen. Und es hatten sich, als Martin zusammengebrochen war, bereits mehrere Männer im Klub aufgehalten. Zwei davon waren mit Martin an der Bar gestanden. Sie hatten ihn auf den Boden gesetzt, als er schwankte, hatten Callum geholt, nach einem Arzt gerufen. Aber es war kein Mediziner im Klub anwesend gewesen zu jenem Zeitpunkt. Ausser John.

Er und Sherlock hatten sich aus der Spurensicherung herausgehalten, hatten nur beobachtet. Die Kolleginnen und Kollegen vom Yard hatten sie als Zeugen und Verdächtige behandelt. Noch galt die Tarnung. Sie waren zum Verhör mitgenommen worden ins Revier und hatten dort mit Lindas Team die ersten Ermittlungsresultate zusammengetragen. Phil war tatsächlich an einem Kongress in den USA, stand zumindest auf der Teilnehmerliste und auf den entsprechenden Passagierlisten für die Flüge. Sein Alibi war Gegenstand von Abklärungen. Die medizinischen Untersuchungsresultate von Martin standen noch aus. Nur eines war klar: der Mörder würde zu verhindern suchen, dass Martin aussagen konnte. Denn Martin wusste, was er zu sich genommen und wem er vor dem Zusammenbruch begegnet war. Martin wurde rund um die Uhr bewacht.

Sherlock hatte sich den Kopf zerbrochen, den ganzen Abend den Kopf zerbrochen und das Puzzle nicht zusammengekriegt, die Zusammenhänge nicht durchdringen können. Er hatte gehadert, dass er warten musste auf Ermittlungsergebnisse und darauf, dass Martin ansprechbar war. Er hatte sich verflucht, dass er Martin nicht gefragt hatte, woher er seine Identität kannte, dass er ihn nicht ausgefragt, nicht mit ihm geredet hatte, sich von diesem Ritual hatte absorbieren lassen. Sherlock war dünnhäutig und angeschlagen, nervös und verärgert. Unausstehlich.

„Lass uns noch etwas essen gehen", hatte John gesagt, als sie den Yard verlassen hatten. Es war bereits nach 21 Uhr.

„Kein Hunger."

Sherlock war nicht darauf eingegangen, hatte John nicht eimnal angeschaut, hatte das Taxi gestoppt, war eingestiegen. John war draussen stehen geblieben.

„Ich gehe etwas essen und ein paar Schritte zu Fuss. Wir sehen uns in der Wohnung", hatte John gesagt. „Du hast den Schlüssel."

Das Taxi war weggefahren. John war in die herbstlich kühle und regnerische Nacht hinausgegangen, Samstagabend in Bury St Edmunds, Menschen auf den Strassen, die Pubs voll. John hatte sich in ein Restaurant gesetzt, freier Zweiertisch an der Wand, hatte Omelett und Salat bestellt, dazu ein Ale. Er war hungrig und müde. Er brauchte eine Pause von all diesen intensiven Momenten. Dem Ritual, dem Klub, Martin, Sherlock. Es tat gut, einfach zu sitzen, zu essen und zu schweigen, alleine zu sein, nachzudenken über die Ereignisse der vergangenen Stunden und Tage.

Eine Viertelstunde später war Sherlock vor seinem Tisch gestanden. Feuchter Mantel, das Haar kraus vom Regenwetter, unruhig eisblaue Augen, die Stimme unsicher:

"Darf ich mich zu dir setzen?"

Langer prüfender Blick. Sherlock hatte sich nach kurzem Zögern hingesetzt ohne die Antwort abzuwarten. John hatte für einen Moment die Augen geschlossen. Wärme. Im Hintergrund der Lärm essender und plaudernder Menschen. Seine eigene Ruhe. Er hatte die Augen geöffnet und etwas sagen wollen und es dann doch nicht gesagt, schweigend in das Eisblau geschaut. Der Kellner war gekommen und Sherlock hatte ein Omelett bestellt. Er hatte einen Teil davon gegessen, wortlos, ein paar Gabeln voll, dann nur noch darin herumgestochert, die Gabel schliesslich weggelegt.

John ass in Ruhe fertig, trank sein Ale. Es sagte nichts. Sherlock schwieg ebenfalls. Er hatte beim Yard den ganzen Abend geredet, seine hektischen, manchmal unverständlichen Schlüsse und Folgerungen dargelegt, Spekulationen und Vermutungen unterbreitet, Zusammenhänge konstruiert und wieder fallen gelassen, angespannt, fieberhaft. Erfolglos. Er wirkte niedergeschlagen.

„Gehen wir ein Stück zu Fuss?" fragte John.

Sie gingen gemächlich durch die nächtliche Stadt. Es regnete nicht mehr. Nassglänzende Strassen, die den Widerschein der Lichter spiegelten. Das helle Rauschen der Autos auf nassem Asphalt. Schwatzende, lachende Jugendliche vor einem Kino. Kühle feuchte Luft. Geruch von Regen und Essen und Menschen. Sie gingen eng zusammen. Es gab noch immer nichts zu sagen zwischen ihnen. John spürte Sherlocks Finger an seiner Hand, verwob die seinen damit. Sie hielten sich nicht fest, ihre Handflächen berührten sich nicht. Ihre Finger hingen nur ganz locker ineinander, als sei es nichts weiter als ein flüchtiger Zufall, ein zärtlich unschuldiges Geheimnis, das mit dem nächsten Windhauch entschwinden konnte.

Sie gingen nicht nur ein Stück, sie gingen den ganzen Weg zu Fuss. Fast eine Stunde. Die meiste Zeit schweigend, die Finger ineinander, die Hände. John genoss dieses wortlose Miteinander, das sie verband und doch jedem von ihnen Raum liess für eigene Gedanken.


In der Wohnung stellte sich Sherlock unter die Dusche, danach John. Der Tag hing schwer an ihnen beiden. Sie wuschen ihn sich vom Leib, das Ritual, der Anschlag auf Martin, die Ungewissheit, die Unauffindbarkeit eines schlüssigen Motivs, die Unlösbarkeit des Falls. Die Müdigkeit. Sherlock lag im Bett, als John aus der Dusche kam, betrachtete den Freund, wie er die Wäsche über den Stuhl hängte.

„Das Bett ist breit genug für uns beide, John", sagte Sherlock, als John sich daran machte, sein Lager auf dem Boden herzurichten. „140 cm, das ist doublesized."

„Die Breite ist nicht das Problem, Sherlock."

„Das ist mir bewusst", hielt Sherlock dagegen. „Komm trotzdem."

John schaute in die hellen Augen. Die flackernde Unruhe darin war verschwunden. Er zögerte. Er war müde. Sherlock auch. Aber vielleicht, vielleicht war das gut so. Vielleicht war es gut, wenn sie zu müde waren um zu denken. John setzte sich zu Sherlock aufs Bett, sah ihn an. Sherlock hatte sich Johns Kissen unter den Kopf geschoben. Schwarze wirre Locken. Weicher Blick aus wasserhellen Augen.

„Bist du dir sicher?" Johns Stimme klang zaghaft.

„Ja, ich bin mir sicher, John."

Sherlock streckte die Hand aus nach John, strich über Johns Arm, suchend, kühle Fingerspitzen glitten auf Johns Hand, streiften über den Handrücken, tasteten sich in die Gruben zwischen Johns Finger. In einer derart zärtlich fragenden und gleichzeitig provozierend intimen Weise, dass es John den Atem nahm. Er betrachtete Sherlocks schmale Hand, die die seine liebkoste, sie erforschte, in sie eindrang, sie einnahm, weich und sorgsam. Fordernd. Er liess es geschehen, fühlte Sherlocks Erregung und seine eigene. Herzklopfen. Schneller Atem. Er wusste für lange Momente nicht, ob das die Wirklichkeit war. Sherlock, der auf ihn zuging, ihn suchte, ihn berührte. Mit klarer Absicht berührte. Ihre Blicke trafen sich, blieben lange ineinander. Sherlocks Lippen waren geöffnet. Er war bereit. Er war offen. Wartete auf John.

John legte sich zu ihm, kroch unter die Decke, die Sherlock für ihn anhob. Er legte sich in die Wärme und wurde umgehend in eine Umarmung gezogen. Eine sanfte, vielleicht etwas unsichere Umarmung. John legte die Arme um Sherlock, zog ihn enger zu sich. Sherlocks Atem, das feuchte Haar, Wärme, Seufzen, der Duft seiner Haut. Sherlocks Hände. Die schmalen kühlen Hände, die in Johns Haare griffen. Sherlocks harter, heisser Körper durch das T-Shirt. John fuhr mit seiner Hand unter den Baumwollstoff, strich nackte Haut entlang. Schulterblätter. Rippen. Hitze. Verlangen. Sherlock stöhnte auf. Beine, die sich ineinander verschlangen. Durch den dünnen Stoff von Pyjamahose und Shorts berührten sich ihre harten Geschlechter, drängten sich zueinander. Sherlocks Keuchen an Johns Ohr. Sie blieben für lange Augenblicke so, in ihrer gegenseitigen Hitze fest ineinander verschlungen. Rasender Puls. John atmete Sherlocks Duft, seine Feuchtigkeit und Wärme. Ihm schwindelte, als ihm bewusst wurde, was sie taten. Ohnmächtig vor Verlangen und unkontrolliert leckte er die salzig heisse Haut an Sherlocks Hals, saugte sich fest. Ein Schwall von Erregung überflutete ihn. Sherlock bäumte sich auf in seinen Armen.

Dann löste sich John aus der Umarmung, zog Sherlock das T-Shirt über den Kopf, zog sein eigenes aus, schlüpfte aus den Shorts, streifte die feine Pyjamahose von der Hüfte des Freundes, mit bebenden Händen aber ohne Zögern. Sherlocks Blick in seinen Augen. Tief verschleiert wasserhelles Blau. John strich über Sherlocks Schläfe, griff in das dunkle Haar. Liebevoll. Fiebrig vor Lust berührte er mit seinen Lippen Sherlocks Lippen, schob sie zaghaft dazwischen. Sherlocks Atem zitterte. John hielt Sherlocks Unterlippe fest, saugte zärtlich daran, ganz leicht nur. Geschmack nach Zahnpasta und nach Sherlock. Vertraut. Fremd. Erregend. Sherlock erwiderte den Kuss. Sinnlicher Rausch voller Begehren. Zärtlich. Tiefer. Enger. Sie stöhnten beide auf, als ihre Zungenspitzen sich berührten und ein Strom von Hitze in beide Körper schoss. Sherlock reagierte heftig darauf, vergrub beide Hände in Johns Haar, drängte seinen nackten Körper an John, rollte sich auf ihn, rieb sich an ihm, sehnsüchtig, gierig. John schrie leise auf, als er Sherlocks hartes Geschlecht das seine in dieser langsamen, innigen, lustvollen Weise reiben und reizen fühlte. Er legte seine Hände an Sherlocks Hintern, presste ihre Unterleiber noch enger zusammen, erwiderte Sherlocks Hüftbewegung, ging ihm entgegen, ergab sich dem besinnungslosen Taumel, in den Sherlock ihn mitnahm.

Sie standen beide kurz vor dem Höhepunkt als Sherlock innehielt. Sie schauten sich in die Augen. John versank in der Schönheit von Sherlocks weit offenem, tief in Lust verträumtem Blau. Ihre gegenseitige Aufmerksamkeit ineinander. In diesem intimen Augenblick. Sherlocks Blick in ihm. In dieser unsagbar vertraulichen Tiefe. Sherlock. Zärtlichkeit und Liebe überfluteten John, eine heisse Welle. Sie füllte ihn ganz, trieb ihn an den Rand des Beherrschbaren. Sherlocks Zungenspitze strich seine Lippen entlang, kaum eine Berührung, elektrischer Schlag durch den Körper. Sherlocks langsame, lüsterne Reibung. Ohnmächtig machtloses unausweichliches Stöhnen. Sherlock krallte sich in ihn, wand sich keuchend. Sherlocks heftiger Orgasmus, die heisse Flut, die kräftige Kontraktion zwischen ihnen, an Johns schmerzendem Geschlecht. Ein kurzer Stoss in die feuchte enge Hitze erlöste John einen Herzschlag später.


John schenkte sich Kaffee ein und setzte sich mit der Tasse an den winzigen Tisch in der Küche. Er hatte ihn gedeckt für ein Frühstück, Eier, Toast, Marmelade. Er hatte sich bereits geduscht. Sherlock schlief noch. John trank vom heissen Kaffee. Nachdenklich. Sherlock. Sie hatten sich ein zweites Mal geliebt in dieser ersten Nacht. Irgendwann hatte Sherlock ihn umarmt im Halbschlaf, ihre Körper hatten sich gefunden, sich aneinander geschmiegt. Sie hatten die Erregung einfach zugelassen, die neue Lust, hatten geschehen lassen, was geschah. Sich geliebt ohne jede Scheu. Langsam, zärtlich, entspannt. Wie ein altes, vertrautes Paar. John lächelte. Es war kaum mehr verständlich, wie lange sie für diesen Schritt gebraucht hatten. So viel Angst, so viele Bedenken.

Sherlock sah verschlafen aus. Er hatte sich Pyjamahose und T-Shirt übergezogen. Er sagte nichts, als er die Küche betrat. Er nahm sich schweigend einen Kaffee und setzte sich John gegenüber an das Tischchen. Leuchtend wasserhelle Augen. Zerzaustes Haar. Ein Lächeln. John lächelte zurück.

„Alles ok bei dir?" fragte er.

Sherlock antwortete nicht sofort. Er trank von seinem Kaffee. Dann sah er in Johns Augen. Im Eisblau diese sanfte stille Klarheit, Schönheit tief empfundenen Glücks.

„Danke, John", sagte Sherlock leise, die Stimme dunkler weicher Samt. Und nach einem nachdenklichen Moment des Schweigens fügte er an: „Ich wusste bisher nicht, was es bedeutet, glücklich zu sein."

John schaute stumm in Sherlocks Augen, berührt von diesem Geständnis, voll von Liebe für diesen ungewöhnlichen Mann. Sherlock, seit langem geahnt und ersehnt. Nächtlich. Zärtlich. Zerzaust. Lächelnd. Ernst. Tief.