7. As To Cast Myself Aside
(Slota Prow/Full Armour – Woven Hand)


Der Hund hörte die Menschen, bevor er sie riechen oder sehen konnte. Er wich dem Lichtkegel der nächsten Straßenlaterne aus und verharrte im Schatten einer Hauswand. Ein kräftiger Wind wehte durch die Straße, doch aus der falschen Richtung. Es war ihm unmöglich, ihre Witterung aufzunehmen. Er ließ seine Ohren spielen. Der Hund wusste, woher die tiefen, brummenden Menschenlaute kamen, aber noch immer konnte er niemanden sehen. Zwei verschiedene Stimmen waren da, aber sie bewegten sich nicht.

Auch die Menschen, zu denen die Stimmen gehörten, mussten sich im Schatten eines Hauseingangs verstecken. Oder sie benutzten Magie, um unentdeckt zu bleiben. Inzwischen hätte er sie längst sehen sollen. Auroren? Es hätte ihn nicht überrascht. Er versuchte, etwas von ihrem geflüsterten Gespräch zu erlauschen, obwohl es nie ganz leicht war, Menschenworte zu verstehen, aber sie waren zu weit weg. Und er war nicht nahe genug am Haus, um in Sicherheit zu sein. Es war zwar bereits in Sichtweite, aber er musste sich auch noch zurückverwandeln, bevor er auf die Magie des Hauses zurückgreifen konnte.

Sollte er es wagen, an ihnen vorbeizuschleichen? Darauf hoffen, dass sie sein Geheimnis nicht kannten und ihn für einen herumstreunenden Straßenköter hielten? Sollte er versuchen, von der anderen Seite heranzukommen? Wie viele Auroren mochten sie zur Überwachung abgestellt haben? Um alle Zugänge zum Grimmauldplatz unter Beobachtung zu halten, wäre ein Dutzend Auroren nötig gewesen.

Er beschloss, es erst über eine andere Straße zu versuchen. Wenn sie noch nichts von ihm wussten, war es bedeutend besser, sich auch jetzt nicht zu verraten, und falls sie sein Geheimnis kannten, war es zu gefährlich, sich offen zu zeigen.

Er kehrte um und tappte an der Hauswand entlang wieder zurück. Sobald er sicher war, außer Sichtweite zu sein, verfiel er in einen leichten Trab. Auf seinem Weg um den Block begegneten ihm nur eine Handvoll Menschen. In dieser heruntergekommenen Nebenstraße war vom Nachtleben Londons nicht viel zu spüren, auch wenn man nicht einmal hundert Schritte gehen musste, um mitten im Rotlichtbezirk von King's Cross zu stehen. In einer schmalen Seitengasse waren eine Hure und ihr Freier zugange. Er roch es und hörte das dumpfe Keuchen des Mannes. In einem der Hauseingänge saß ein Junkie, der ihn mit großen Augen anstarrte, als er vorüberstrich. Der Hund schenkte all dem keine Beachtung.

Endlich erreichte er die Straße, die auf die andere Seite des Grimmauldplatzes führte. Er verlangsamte seinen Trab, lauschte, nahm Witterung auf, aber konnte nichts Verdächtiges feststellen. Nun stand er gegen den Wind. Die Gerüche waren vielfältig. Menschlicher Müll, Duftmarken von einer nahen Straßenlaterne, der allgegenwärtige Odem der Autos, die Abgase, das Plastikaroma der Reifen. Er ging weiter, bis er auch die Spuren der zwei Menschen deutlich aus dem Luftstrom filtern konnte; ein Mann und eine Frau. Ihr Geruch sagte ihm nicht, ob es sich um Zauberer oder Muggel handelte, aber es war verdächtig, dass sie immer noch da waren.

Er wechselte rasch auf die gegenüberliegende Straßenseite. Er hoffte darauf, dass die beiden Menschen, falls es sich tatsächlich um Auroren handelte, durch ihr Gespräch zu abgelenkt waren, um ständig aufmerksam zu sein. Vermutlich waren sie gelangweilt, und wenn er Glück hatte, warfen sie nur gelegentlich einen Blick auf das Black-Haus. Er huschte von Hauseingang zu Hauseingang, immer darauf gefasst, gleich entdeckt zu werden und einen Ruf zu hören, der ihn aufforderte, stehenzubleiben, aber er gelangt unbehelligt bis zum Haus, das gegenüber Nummer 14 lag. Der Hund spürte die Bannzauber bis ins Mark seiner Knochen, und die Haare in seinem Nacken sträubten sich. Er war nahe genug.

Mit brennenden Augen starrte er aus dem Schatten des Hauseingangs hinüber zu Nummer 12. Woher der Hass kam, den er bei dem Anblick der abweisenden Backsteinfront des Hauses empfand, wusste er nicht. Doch als sich eine Sekunde später Sirius Black in den Schatten kauerte, zitterte er am ganzen Körper. Zu viele Erinnerungen hatte er an dieses Haus. Und seine Bewohner. Er war versucht, sich auf die Zunge zu beißen, um sich davon abzulenken, doch Schmerz würde ihn kaum auf andere Gedanken bringen. Schmerzen waren zu sehr Teil seiner Erinnerung an dieses Haus. Er atmete einige Male tief durch. Er durfte jetzt nichts falsch machen. Der Eingang zu Nummer 12 war höchstens fünfzehn Meter weit weg; seine Verbindung mit dem Haus der Blacks war seit über fünfzehn Jahren vergangen und nicht mehr erneuert worden. Beides war in diesem Augenblick jedoch viel zu nahe. Wenn seine Aufgabe nicht gewesen wäre …

Er riss sich vom Anblick der Hausfassade los und starrte zu Boden. Er durfte jetzt nicht versagen. Und er war nicht so weit gekommen, um sich auf den letzten Metern aufhalten zu lassen. Weder von seiner Angst noch von Auroren. Ein letztes Mal atmete er tief durch und konzentrierte sich auf die Schutzzauber des Hauses, deren Ausläufer er bereits spürte.

»Domo atra dominor«, flüsterte er. Er erschauerte, als er das kalte Tasten und Sondieren der Magie fühlte. Er war bisher nur formell Oberhaupt des Hauses, doch er hatte den Ruf gespürt, als seine Mutter gestorben war. Einer der wenigen Momente in Azkaban, bei denen ihm das Vergehen der Zeit außerhalb seiner Zelle bewusstgeworden war. Er hatte nie verstanden, warum sie ihn nicht enterbt hatten. Grund genug hatte er ihnen gegeben, und er hatte es mit Freuden getan. Wieder und wieder und wieder.

Endlich schienen die Schutzzauber zufrieden. Er fühlte, wie sie ihn akzeptierten und sich seinem Willen unterwarfen. Er verspürte keinen Triumph dabei, nur eine beinahe gleichgültige Genugtuung. Jetzt musste er nur noch unbemerkt ins Haus gelangen, aber das war machbar.

»Caligo noctu!«, befahl er leise den Bannzaubern. Er lehnte sich tiefer in den Schatten des Hauseingangs zurück und wartete. Es dauerte nur Sekunden, bis die ersten Nebelschwaden aufstiegen. Zuerst schien es wie gewöhnlicher Nebel. Nichts Ungewöhnliches. Doch bald lag der gesamte Grimmauldplatz unter einem dichten Schleier – ungeachtet des steten Windes, der weiterhin durch die Straßen fegte. Er duckte sich und machte sich bereit. Als die Schwaden höher stiegen und die Straßenlaternen erreichten, flackerten diese kurz auf und verloschen dann. Der Nebel wurde schlagartig schwarz.

Er war halb über die Straße, als ein Ruf vom anderen Ende des Platzes erschallte. Er drehte sich nicht um, sondern hastete im Schutz des schwarzen Nebels weiter auf den Eingang seines Elternhauses zu. Als er die Stufen hinaufstolperte, erklangen hinter ihm wieder Schreie, aber die Dunkelheit musste für Nicht-Blacks noch undurchdringlicher sein als für ihn. Es war nahezu ausgeschlossen, dass sie ihn sehen konnten. Er packte die Schlange des Türklopfers und befahl ihr: »Aperto!«. Es klickte mehrfach, rasselte dann, und schließlich öffnete sich die Tür knarrend. Er hatte diese Geräusche immer verabscheut. Aber er hatte keine Zeit, darüber länger nachzudenken. Rasch schlüpfte er durch den sich öffnenden Spalt und drückte die Tür hinter sich sofort wieder ins Schloss. Er hatte es geschafft. Nicht einmal eine Armee von Auroren würde die Schutzzauber des Hauses überwinden. Nicht schnell – und nicht, ohne Verluste hinnehmen zu müssen.

Der schwarze Nebel draußen verhinderte, dass das Licht der Straßenlaternen durch die Fenster fiel. Die Dunkelheit war undurchdringlich, und ein Teil von ihm war froh darüber, während ein anderer Teil vor Panik am liebsten geschrien und um sich geschlagen hätte. Die Luft roch modrig, und es war vollkommen still im Haus. Er stand gegen die Haustür gelehnt und wartete. Minute um Minute verstrich, während nichts geschah. Langsam senkte sich der Nebel vor den Fenstern wieder und ließ das schwache Schimmern der Straßenlaternen herein. Noch immer war nicht viel zu erkennen, aber die Umrisse der Eingangshalle waren nun zu erahnen.

Sirius tastete sich an der Wand entlang, bis seine Finger den Hebel fanden. Er öffnete die Zufuhr und hörte gleich darauf das vertraute Zischen des ausströmenden Gases. Die Wandlampen flammten nacheinander hörbar auf und verbreiteten ihr gedämpftes Licht in der Eingangshalle. Die Schlangenköpfe des Kronleuchters folgten kurz darauf, ohne dass es viel heller geworden wäre.

Das Haus war heruntergekommen. Die Tapeten schälten sich von den Wänden, Staub und Spinnweben beherrschten die Ecken, und der Kronleuchter war von ihnen vollständig eingehüllt. Etwas raschelte in den Vorhängen neben ihm, und er trat sicherheitshalber einen Schritt vom Fenster zurück. Alles war noch trostloser, als er es in Erinnerung hatte. War er so lange weg gewesen?

Im diffusen Schein des Gaslichts glaubte er, verwischte Spuren im Staub auf Boden und Teppich ausmachen zu können. Er ging ein Stück weiter in die Halle, um sich zu vergewissern, blieb aber abrupt stehen, als er das Gemälde sah. Ein Porträt seiner Mutter. Da stand sie: lebensgroß, schmucklos und in schwarzem Ornat, wie sie es zu Lebzeiten immer getragen hatte. Aufrecht, Schultern nach hinten, die Hände locker über dem Schoß gefaltet; das faltige, vergilbte Gesicht trotz der geschlossenen Augen eine perfekte Verkörperung strenger, ernster Gleichgültigkeit: Walburga Black.

Seine Hände waren zu Fäusten geworden. Der Hass, den er fühlte, brauchte einen Moment, bis er den Schrecken verdrängt hatte. Er zwang sich, die Augen zu schließen, aber als er sie wieder öffnete, war sie immer noch da – wie in einem seiner Alpträume. Nur ein Bild, versuchte er sich einzureden. Seine Mutter war tot, hatte endlich den letzten boshaften Atemzug getan und war nun die stinkende Leiche, die sie innerlich schon lange gewesen war. Doch seine Beine hatten einen eigenen Willen und trugen ihn Schritt für Schritt durch die Eingangshalle, bis er vor ihrem Porträt stand und ihr direkt in die hässliche gelbe Fratze starrte. Alles kam wieder zurück: die Erinnerung an seine Kindheit, Gleichgültigkeit, Enttäuschung, Verachtung und letztlich nur noch glühender Hass – das waren die einzigen Gefühle, die sie ihn jemals hatte spüren lassen. Wie ein Dementor hatte sie das Glück aus ihm herausgesaugt. Seine Mutter hatte den Wächtern von Azkaban in nichts nachgestanden. Im Gegenteil, ihre Lektionen waren nachdrücklicher und schmerzhafter gewesen.

»Du dreckige alte Hexe!«, würgte er zwischen den Zähnen hervor, und als sie plötzlich die Augen aufriss, zuckte seine Faust hoch und schlug ihr mit aller Kraft ins Gesicht. Der Schmerz brachte ihn fast augenblicklich wieder zu Verstand. Was tat er hier? Auf ein Stück Leinwand und die dahinterliegende Mauer einschlagen. Hatte er den Verstand verloren?

»D-Du?« Die Fassungslosigkeit in ihrer Miene war beinahe komisch, aber sie war nur von kurzer Dauer. »Du wagst es, Niederträchtiger? Du elender Verräter wagst es, das Haus deiner Vorfahren mit deiner Anwesenheit zu besudeln?«

Das Spiel kannte Sirius. »Hallo, liebe Mutter«, sagte er, verbeugte sich spöttisch und setzte das provozierende Grinsen auf, dass sie so gehasst hatte. »Wie gefällt es dir als Wurmfutter? Ich habe gehört, sie haben deinen Kadaver erst verscharrt, als die Krähen ihm bereits die Augen herausgepickt hatten. Eine Schande, nicht wahr?«

Er hatte in Wirklichkeit keine Ahnung, ob die alte Hexe ein traditionelles Black-Begräbnis bekommen hatte, aber vermutlich wusste ihr Porträt das genauso wenig. Seine Unterstellung wurde von einem schrillen Wutschrei belohnt, und das war alles, worauf er gehofft hatte.

»Abschaum!«, kreischte sie ihn an. »Schande meines Fleisches! Du bist unwürdig, den Namen Black zu tragen! Ehrloser Blutsverräter! Kreacher! Kreacher! Schaff dieses Ungeziefer aus meinem Haus! Kreacher!«

Sirius lachte sie aus. Die Freude, sie tot zu wissen, ließ das Gelächter sogar in seinen Ohren heiter und unbeschwert klingen. Doch das Lachen blieb ihm im Halse stecken, als tatsächlich der alte Hauself, nur mit einem schäbigen Lendenschurz bekleidet, die Treppe heruntergeschlurft kam. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich in diesem heruntergekommenen Gebäude noch ein Hauself aufhielt.

Kreacher schien ihn zuerst nicht zu sehen. »Jawohl, Mistress, Kreacher kommt«, murmelte er vor sich hin. »Kreacher ist schon unterwegs.«

Erst auf der letzten Stufe sah Kreacher auf und erkannte ihn. Der Hauself bleckte die Zähne, stieß ein fauchendes Bellen aus und funkelte ihn mit hasserfüllten Augen an.

»Der dreckige Blutsverräter ist zurückgekommen. Was will er hier? Warum verrottet er nicht in Azkaban? Was soll Kreacher nur tun?«

»Wirf ihn zurück in die Gosse, aus der er gekrochen ist!«, befahl das Porträt. »Hörst du, Kreacher? Entferne diesen Schandfleck aus meinem Haus!«

Kurz befürchtete Sirius, dass der Hauself ihr gehorchen würde, aber dann ließ Kreacher die bereits erhobenen Hände wieder sinken.

»Kreacher kann nicht«, murmelte er bedauernd, fast weinerlich. »Oh, meine arme Mistress. Kreacher kann das nicht. Er ist ein dreckiges Schwein, aber Kreacher darf nicht. Er ist nichts wert, aber arme Mistress, armer Master Regulus, alle tot. Er hätte an ihrer Stelle sterben sollen, ja, das wäre besser gewesen, aber …« Der Hauself unterbrach seine Klage und starrte ihn wieder misstrauisch an, während das Porträt weiterschimpfte. »Was will der abscheuliche Blutsverräter hier? Das Andenken seiner ehrwürdigen Vorfahren beschmutzen, nichts weiter. Was kann Abschaum wie er sonst im Haus meiner armen Mistress wollen?«

»Mein Erbe beanspruchen«, erwiderte Sirius leichthin. Für einen kurzen Moment verstummte das Gekeife seiner Mutter und Kreacher schnaubte ungläubig.

»Er ist es nicht wert«, grummelte der Hauself. »Nichts ist er wert. Meine arme Mistress hat geschworen, dass er nicht ihr Sohn ist. Ein räudiger Wechselbalg, kein Tropfen des edlen Blutes derer von Black in seinen Adern.«

Das Porträt nutzte die Gelegenheit, Kreachers Worte mit einer neuen Schimpfkanonade zu untermauern.

»Wir werden sehen«, meinte Sirius nur. »Aber die Geschichte mit dem Wechselbalg klingt zu schön, um wahr zu sein.«

»Er war schon als Kind ein freches Schwein!«, kläffte ihm Kreacher hinterher, aber Sirius hatte sich bereits abgewandt. Er vergeudete nur Zeit, wenn er sich weiter mit dem Hauselfen und dem Porträt der alten Hexe abgab. Je länger er es hinauszögerte, umso schwerer würde es ihm fallen, seine eigentliche Aufgabe in Angriff zu nehmen. Der kurze Kontakt mit dem Bild seiner Mutter hatte gereicht, seine Entschlossenheit ins Wanken zu bringen. Statt sein Erbe anzutreten, hätte er am liebsten das Haus mit allem darin bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Doch die Notwendigkeit trieb ihn vorwärts. Seine persönlichen Wünsche würden zurückstehen müssen. Er versuchte, die Gedanken an seine verdammte Mutter zu verdrängen, und im Bewusstsein dessen, was ihm in Kürze bevorstand, gelang es ihm sogar – zumindest zum Teil.

Die Gaslichter im Gang zur Küche flammten ebenso anstandslos auf wie in der Eingangshalle. Er stieg vorsichtig die steinernen Stufen der steilen Treppe hinunter. Die Spinnweben hingen hier noch dichter und zahlreicher von der Decke und den Wänden. Er wischte sie angeekelt weg, bevor sie ihm ins Gesicht geraten konnten. Das große Küchengewölbe war, wenn möglich, noch verwahrloster als die Eingangshalle. Die von der Decke herabhängenden Töpfe und Pfannen waren von einem dichten Gespinst staubiger Spinnweben bedeckt, einige Türen der Küchenschränke hingen schief in den Angeln, die Staubschicht auf dem großen Holztisch schien zentimeterdick. Auf dem Boden zog sich deutlich eine Spur zu einer der Seitenkammern. Sie musste wohl von Kreacher stammen.

Hinter ihm erklangen neuerlich gemurmelte Beleidigungen und das Klatschen nackter Fußsohlen auf den steinernen Stufen der Treppen. Kreacher kam ihm nach. Wahrscheinlich, um ihn im Auge zu behalten. Sirius kümmerte sich nicht darum. Er ging um den Tisch herum zu der kleinen Seitenkammer, die ihn weiter in die Tiefe bringen würde. Er riss die Tür auf und trat hinein, bevor ihn die Angst übermannen konnte. Als er sie wieder hinter sich schloss, sah er Kreachers ungläubiges Gesicht im Kücheneingang auftauchen.

Es war dunkel in der Kammer. Es war immer dunkel gewesen. Sie bot nur Platz für zwei Menschen, so klein war sie. Hier drinnen gab es kein Licht. Selbst ein Lumos verlöschte, sobald die Tür geschlossen war. Er hatte es versucht. Sechs Mal hatte ihn sein Vater mit hinunter genommen. Jedes Jahr, seit seinem elften Geburtstag. Wie hatte er es gehasst. Das Stolpern durch die Dunkelheit, die Gruft und alles, was damit zusammenhing. Den brennenden Schmerz. Er war gerade noch rechtzeitig geflohen.

Er versuchte, den Gedanken an die perverse Initiation, die ihm bevorstand, zu verdrängen, und flüsterte: »Descensu«. Von einer Bewegung der Kammer war nichts zu merken. Er hoffte fast, dass es nicht funktionieren würde, aber als er die Tür wieder öffnete, erblickte er nicht das Küchengewölbe, sondern starrte in das nahezu undurchdringliche Wallen des schwarzen Nebels. Wenn er ihn wieder nach oben schickte, würde das den Auroren nur bestätigen, dass in Nummer 12 etwas vorging, aber ihm blieb nichts anderes übrig. Es war fast, als wolle ihn das Schicksal in eine bestimmte Richtung zwingen. Er hasste es, keine Wahl zu haben, aber alle anderen Auswege waren ihm verbaut. In letzter Zeit war das zu einem Dauerzustand geworden. Spätestens als er das Haus betreten hatte, war die Entscheidung gefallen gewesen. Es gab jetzt kein Zurück mehr.

Er befahl den schwarzen Nebel wieder nach oben, hinauf zu den Auroren, die dieses Zeichen kaum würden übersehen können. Als sich der Nebel an die Oberfläche verzogen hatte, sah er einen kalten, schwachen Lichtschimmer an den Wänden des Ganges aufscheinen. Er machte einen großen Schritt über die erste Falle hinweg. Er hatte keine Angst, er könnte etwas vergessen haben. Jeder seiner sechs Besuche der Gruft hatte sich in seine Gedächtnis eingebrannt – grauenhaft lebendig war die Erinnerung, während er weiterging. Er presste seine Hand auf einen metallenen Dorn in der Wand und ließ ihn von seinem Blut kosten, was zwei Fallenzauber vor ihm deaktivierte. Der Schmerz war nur ein Vorgeschmack, nichts weiter.

Die vierte Falle löste er aus. Wer es nicht tat, würde beim Betreten des inneren Schreins sterben, hatte sein Vater gesagt, und Sirius hatte in diesem besonderen Fall keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Er hatte versucht, sich darauf vorzubereiten, aber als ihn der Fluch traf, stiegen ihm dennoch die Tränen in die Augen. An seinem gesamten Körper brannte die Haut wie Feuer. Es würde mit jeder Sekunde schlimmer werden. Er stolperte rasch weiter, bis er an die erste Kreuzung kam. Der Schmerz an seinen Fußsohlen machte das Gehen zur Qual. Der Gang öffnete sich zu einem Gewölbe, aus dem scheinbar drei Türen führten. Neben jeder der Türen war ein Hebel. Er beeilte sich, den mittleren zu ziehen. Die zugehörige Tür schwang auf, aber er beachtete sie nicht. Stattdessen lauschte er, und als er das erwartete Rumpeln in der Ferne hörte, lief er den Weg zurück, den er gerade gekommen war. Wieder an der ersten Kreuzung hastete er geradeaus weiter.

Dieser Seitengang machte einige Windungen, und noch ehe er den Schein des inneren Schreins erkennen konnte, kam der schwarze Nebel zurück. Der kalte Schimmer der Gangwände verschwand, und er stolperte durch völlige Dunkelheit auf sein Ziel zu. Es war, als würde er auf glühenden Kohlen laufen. Als seine tastende Hand die steinerne Wand streifte, schrie er unwillkürlich auf, so stark war der Schmerz. Er humpelte weiter. Es war nur Schmerz, und er war kein Kind mehr. Er würde es überleben, wenn er sich nicht zu viel Zeit ließ. Es konnte nicht mehr weit sein.

Und dann trat er unvermittelt aus völliger Dunkelheit in den inneren Schrein. Kaum über die Schwelle, krümmte er sich zusammen. Es war, als würde er in Flammen stehen. Er schluchzte krampfhaft und die Tränen, die ihm über die Wangen liefen, waren wie kochendes Wasser. »Schwächling!«, meinte er seinen Vater wieder verächtlich sagen zu hören, doch es kümmerte ihn nicht. Er sehnte nur noch einen der Schatten herbei, damit seine Qual endlich aufhörte. Etwas strich über sein Gesicht. Wie Eis war die Berührung der körperlosen Gestalt. Alles Feuer wurde mit einem Mal aus ihm herausgesogen, und er fror nun bis ins Mark. Er richtete sich zitternd wieder auf. Der Schatten war sofort wieder verschwunden, wofür er dankbar war.

Der innere Schrein wirkte vollkommen unverändert seit seinem letzten Besuch, aber er hatte nichts anderes erwartet. Ein einziges großes Felsengewölbe, umgeben von einem Säulengang. An der Decke leuchteten wie ferne Sterne einzelne Lichtpunkte, die sich im glatten Steinboden spiegelten. Ein grünliches, beinahe sanftes Leuchten kam von der fernen Mitte des Schreins, wo das Podest stand. Er hatte nun noch weniger eine Wahl als vorher, trotzdem ging er nur langsam darauf zu. Die Schatten huschten als grob menschenähnliche schwarze Fetzen aufgeregt durch den Säulengang, über die Decke des Gewölbes und gelegentlich durch das grüne Dämmerlicht um das Podest. Keiner berührte ihn, doch ihre bloße Anwesenheit jagte ihm Schauer über den Rücken. Sie waren keine Dementoren, doch als er sie mit elf Jahren das erste Mal erblickt hatte, da hatte er sie für das Schlimmste gehalten, was es auf Erden gab. Wie naiv er doch gewesen war. Ob der Schatten seines Vaters unter ihnen war? Und der seiner Mutter? Vielleicht sogar der schwarze Geist seines Bruders. Bestimmt hatte sein Vater nicht lange überlegen müssen, ob Regulus es »wert« war, in die Geheimnisse der Blacks eingeweiht zu werden. Anders als bei ihm. Sirius bezweifelte, dass er den inneren Schrein je gesehen hätte, wenn er nicht der Erstgeborene und sein Vater nicht so konservativ, verbohrt und fanatisch der Familientradition verpflichtet gewesen wäre.

Seine Wanderung durch das Gewölbe wurde von immer mehr Schatten beobachtet, die wirr durcheinandertanzten, als wären sie ein aufgeregter Bienenstock kurz vor dem Schwärmen. Er hatte sich geschworen, nie hier unten zu enden. Ein Geist war eine Sache, Geister hatten kaum mehr Leben als Porträts, aber diese Kreaturen trugen, wenn sein Vater nicht gelogen hatte, einen echten Splitter der Seele ihrer Erschaffer in sich. Eine kümmerliche Art der Unsterblichkeit – selbst wenn sein Vater ihm ausnahmsweise die Wahrheit gesagt hatte. Und falls er gewusst haben sollte, was diese Dinger wirklich waren, woran Sirius insgeheim immer gezweifelt hatte.

Er war nun nahe genug, dass er den Orb sah. Wie ein schwarzes, kugelrundes Nichts lag er in seiner Mulde auf dem steinernen Podest. Er schien völlig glatt, doch er reflektierte weder die Lichtpunkte an der Decke, noch warf er den geringsten Schimmer des grünen Dämmerlichts zurück. Er war wie ein Loch in der Welt, ein schwarzer Fleck ohne Tiefe, dessen Kugelform man eher erahnte als sah. Hunderte von Schattenfetzen umschwirrten inzwischen das Sphäroid wie flackernde schwarze Flammen. Er fragte sich kurz, ob er nicht endgültig wahnsinnig war, doch er sah keinen anderen Weg. Das Arsenal konnte nur vom Oberhaupt der Familie geöffnet werden, und solange er das Initiationsritual nicht hinter sich gebracht hatte, war er das lediglich vor dem Zauberergesetz. Dort, wo es zählte, nützte ihm das wenig. Magie ließ sich nicht auf legalistische Diskussionen ein.

Er rief sich noch einmal die einzelnen Schritte des Rituals ins Gedächtnis. Es musste schnell gehen, wenn er überleben wollte, das hatte ihm sein Vater Jahr um Jahr eingehämmert.

Er legte kurzentschlossen die Hände auf den Orb. Der erwartete Schmerz blieb aus. Er fühlt nichts, doch während sich die Kugel schwerelos aus dem Podest hob, stoben die Schatten zur Seite und bildeten einen weiten Kreis um ihn. Die Oberfläche des Orbs glitzerte plötzlich nass. Im grünen Dämmerschein war die Flüssigkeit schwarz, doch er wusste, dass es sein Blut war, das die Kugel nun einhüllte. Sein Herz schlug wild, als würde es merken, dass etwas nicht stimmte, obwohl er noch immer keinen Schmerz verspürte. Er musste sich beeilen.

»Olim gens atra ex luce in umbras meabat.« Seine Stimme hallte hohl von den Wänden wieder. Zum ersten Mal fragte er sich, wann dieses »Einst« wohl gewesen war. Seit wann gingen die Blacks in die Schatten? Das gesamte Gewölbe schien nun gedrängt voll von den körperlosen Fetzen aus Dunkelheit. Hunderte, genug für viele Generationen von Blacks.

»Aliquando ex umbris reveniemus«, flüsterten Stimmen von allen Seiten auf ihn ein. Er hoffte, dass dies niemals Wirklichkeit werden würde, egal wie die Wiederkehr dieser Schatten auch aussehen mochte.

Trotzdem fuhr er fort: »Ita erit. Tantisper vobiscum in umbram meabo. Ita esto.«

Seine Knie wurden weich, doch seine Hände waren wie an dem Orb festgefroren. Plötzlich fühlte er den Schmerz, den er schon lange erwartet hatte. Etwas schien an und in seinem Körper zu ziehen und zu reißen, sein Herz hämmerte verzweifelt, er spürte ein heißes Stechen hinter den Augen und schrie auf. Ein schwarzes Gespinst wölbte sich von der Kugel weg und löste sich langsam von ihr. Wie ein dünnes, sanft im Wind wehendes Tuch schwebte es auf ihn zu … und durch ihn hindurch. Er fühlte große Kälte, aber der körperliche Schmerz verebbte augenblicklich. Er versuchte, sich umzudrehen, konnte aber seine Hände noch immer nicht vom Orb lösen.

Erneut hob ein Murmeln von allen Seiten an: »In umbris ex umbris consalutamus: Ave, domine ac princeps domus atrae!«

Herr und Fürst des Schwarzen Hauses. Er hätte gelacht, aber er hatte Angst davor. Jetzt zu lachen, wäre ein sicheres Zeichen gewesen, dass er doch noch den Verstand verloren hatte, oder?

»Domui atrae obligor«, flüsterte er stattdessen. Die Worte schmeckten schal auf seiner Zunge. »Et in umbris et sub luce astrorum solisque praeclara fideliter serviam. Peractum est.«

Er verachtete sich selbst, während er es aussprach. Dem Haus der Black treu dienen! Er! Was für ein Hohn. Das Einzige, was er nie gewollt hatte: Dem verdammten Schwarzen Haus die Treue schwören.

»Merum sempiternum!«, raunte der Chor unzähliger Stimmen um ihn herum. Langsam sank der Orb wieder in seine Mulde auf dem Podest. Sirius schwitzte und atmete stoßweise, als hätte er eine große Anstrengung hinter sich. Er sehnte den Augenblick herbei, wenn er die Hände endlich wieder von diesem blutsaugenden Ding nehmen konnte. Hoffentlich würde es dann nicht zu spät sein.

Im selben Moment, als er seine Finger von der Kugel losriss, flatterten die Schattenfetzen auf. Er sank geschwächt auf die Knie und konnte nur hilflos zusehen, wie sie sich zu einem Wirbel vereinigten und ihn enger und enger umkreisten. Als ihn der Sturm der Schatten traf und durch ihn hindurchtoste, wurde ihm kalt wie noch nie zuvor in seinem Leben. Die frostige Aura der Dementoren war dagegen ein glühend heißer Wüstenwind. Die eisige Kälte der Schatten brannte sich durch seine Haut bis auf die Knochen. Sein ganzer Körper wurde taub und gefühllos. Sein Denken setzte aus. Er fühlte nur noch Eis und Agonie, die ihn auszubrennen schienen, bis nichts mehr von Sirius Black zurückblieb.

Und plötzlich war es vorbei. Er verspürte keine Kälte mehr, Schwäche und Taubheit verließen ihn, als wären sie nur ein Traum gewesen. Er öffnete die Augen wieder und blinzelte überrascht in das Gewölbe des inneren Schreins. Die Schattenarmee war verschwunden. Erneut sah er nur gelegentlich eine Bewegung hinter dem Säulengang oder an der Decke. Der Mutterstein lag friedlich auf seinem Podest. Eine seltsame Ruhe erfüllte ihn.

Merum sempiternum. Toujours pur. Rein. Er musste plötzlich grinsen. Wenn sein Vater gewusst hätte … aber musste er es nicht gewusst haben? Und woher kam sein eigenes Wissen? Sein Grinsen gefror, doch seltsamerweise fühlte er keinen Schrecken. Wer hatte das Haus der Blacks begründet? Die Antwort stieg aus seinem Gedächtnis, als wäre sie immer schon da gewesen. Ein römischer Legionär, der genug vom Dienst in der Legion gehabt hatte. Sohn einer Hure und eines unbekannten Vaters, Söldner, Besatzer und Deserteur. Sirius war nicht einmal überrascht, so selbstverständlich erschien ihm die Antwort. Ihm war, als hätte er es seit jeher gewusst. Was geschah mit ihm?

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass Auroren versuchten, in sein Haus einzubrechen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie es schaffen würden. Oder nicht? Er runzelte die Stirn. Ihre Anstrengungen waren nicht nur lebensgefährlich – für sie –, sondern auch nutzlos – oder würden es bald sein. Die Schutzzauber des Hauses reichten tiefer als bis in die Mauern. Die Blacks lebten hier, seit das zerstörte London zum ersten Mal wiederaufgebaut worden war. Die Grundfesten der Magie des Hauses waren doppelt so alt wie die der ältesten Schutzzauber von Hogwarts.

Er trat erneut an den Mutterstein und legte eine Hand auf ihn. Er hatte keine Angst, und der Stein erkannte ihn, wie er erwartet hatte. Er wusste, welche Worte er zu sprechen hatte, doch noch immer war es ihm ein Rätsel, woher dieses Wissen kam. Ein Rätsel, das warten konnte, bis er das Haus gesichert hatte.

»Pluteus aegidis! Praeside!«, befahl er mit fester Stimme. Der Mutterstein lag regungslos an seinem Platz, doch er fühlte die Magie, die aus ihm herausströmte und durch den Fels des Gewölbes und die Mauern des Hauses drang. Der Stammsitz ihrer Familie hatte durch die Jahrhunderte hindurch in seiner jeweiligen Form den Plünderungen der wilden germanischen Stämme, den Horden der Angeln und Sachsen und der Eroberung durch die Normannen standgehalten. Einige Dutzend Auroren, die das Zaubereiministerium womöglich aufbringen konnte, stellten keine echte Gefahr für diesen Ort dar.

Diese Sorge los, konzentrierte er sich wieder auf seine eigentliche Aufgabe. Ein Zauberstab. Er würde mehrere im Arsenal finden. Und neue Möglichkeiten kamen ihm in den Sinn. Er war sich beinahe sicher, dass er vorher nicht geahnt hatte, was im Arsenal auf ihn wartete. Nützliche Dinge, sehr nützlich Dinge. Doch er musste sein Gepäck leicht halten. Vielleicht der Reisemantel. Jedenfalls der Bannschneider. Die Schutzzauber von Hogwarts waren nicht zu unterschätzen. Der Katzenring. Er würde sich das Ohr durchstehen müssen, aber es war vernünftig, sich immer einen Fluchtweg offenzuhalten. Hogwarts war gegen Apparition geschützt, und wahrscheinlich würde er irgendwann wieder auf Dementoren treffen. Bei diesem Gedanken unterbreitete ihm sein Gedächtnis einen neuen Vorschlag.

Er lächelte, während er den inneren Schrein verließ und sich raschen Schrittes auf den Weg ins Arsenal der Blacks machte. Fast wünschte er sich jetzt ein Wiedersehen mit den Dementoren herbei. Das Kästchen der Stürme würde sie lehren, sich mit einem Black anzulegen. Eine kurze, aber umso schmerzhaftere Lektion, wie er sie auch dem Verräter angedeihen lassen würde. Eine ungekannte Zufriedenheit erfüllte ihn, während er sich an der Kreuzung nach rechts wandte, dem Arsenal seines Hauses entgegen.


Luna beobachtete, wie Harry einen weiteren Baumstamm herbeischleppte. Sie verzichtete darauf, ihm ihre Hilfe anzubieten. Er schien viel zu viel Spaß dabei zu haben, und außerdem war es nur von Vorteil, wenn er sich ein bisschen austobte. Zuerst hatte er sich ewig geziert, und jetzt war er begeistert bei der Sache. Wenn er sich beim Schach auch nur halb so sehr konzentriert hätte, wäre er ein ganz passabler Gegner gewesen.

Luna stand mitten im Fluss und musterte kritisch ihre bisherige Konstruktion. Ihr Dad hatte gemeint, dass Harry zu alt wäre, um Dämme zu bauen, aber ihr war nichts anderes mehr eingefallen. Der Junge war schwer zu beschäftigen. Das Einzige, was er anscheinend wirklich gern tat, war Fliegen. Mit Lesen war nicht viel, und Schach wurde ihm schnell langweilig, obwohl sie ihm immer einen Turm oder eine Leichtfigur seiner Wahl vorgab. Und Jungs bauten nun einmal Dämme, das war ein unumstößliches Faktum. Sie musste allerdings zugeben, dass sie nicht damit gerechnet hatte, dass sich Harry so hineinsteigern würde.

»Luna! Wie wär's mit ein bisschen Hilfe?«, rief er ihr schließlich vom Ufer aus zu.

Sie winkte ab. »Nein danke! Kein Problem! Ich komm schon klar!«

Er warf ihr einen bitterbösen Blick zu, und sie lächelte unschuldig zurück. Er machte sich schimpfend daran, seinen Kampf mit dem Baumstamm wieder aufzunehmen und ihn allein weiterzuzerren. Manchmal war er einfach zu drollig.

Sie begann wieder, die bereits fertiggestellten Teilstücke des Damms mit Steinen aus dem Flussbett zu verstärken. Natürlich wäre alles viel einfacher und schneller gegangen, wenn sie ihre Zauberstäbe benutzt hätten, aber es machte so mehr Spaß. Außerdem dachte Harry nur selten daran, dass er zaubern konnte. Sie hatte ihn sogar daran erinnern müssen, dass er ruhig seine Zaubersprüche üben konnte, solange er bei ihnen zu Gast war.

Mit einem Platschen sprang Harry in den Fluss und zog den Baumstamm über die Uferböschung hinter sich her.

»Mehr in die Mitte?«, schlug sie kichernd vor, als ihm der Stamm aus den Händen rutschte und er ihn am Rand des Damms fallen ließ.

»Ach nein!«, blaffte er sie an. »Was du nicht sagst! Wäre ich nie selber drauf gekommen!«

Er nahm diese Damm-Bau-Sache wirklich ziemlich ernst, stellte sie befriedigt fest. Schwitzend und ganz rot im Gesicht zerrte er den Stamm weiter in den Fluss hinein. Wenn er sich weiterhin so verausgabte, würde sie sich den leichten Schlaftrank sparen können, den sie ihm heute Abend ins Butterbier hatte mischen wollen. Sie hatte sich das letzte Mal beinahe ein schlechtes Gewissen deswegen bekommen, obwohl es ein völlig harmloser Trank war, der ihm bestimmt nicht geschadet hatte. Gesunder Schlaf war schließlich wichtig, wenn man noch im Wachstum war, oder?

Sie schaffte ein paar größere Brocken aus dem Flussgrund herbei und stabilisierte damit die neue Hauptverstrebung ihres Damms. Inzwischen staute sich tatsächlich ein bisschen Wasser oberhalb ihrer Konstruktion. Mit Ästen und Steinen würden sie den Damm natürlich niemals richtig abdichten können, aber das machte ja nichts.

»So kriegen wir das niemals dicht«, meinte Harry unvermittelt. »Wir bräuchten Lehm oder so. Zum Abdichten.«

Sie richtete sich auf und sah sich um. Lehm …? »Uferschlamm?« Sie bezweifelte, dass es viel bringen würde, aber ein Versuch konnte nicht schaden. »Oder Grasbüschel?« Das Gras wuchs fast meterhoch, und wenn man genug davon nahm, konnte es vielleicht seinen Zweck erfüllen, oder?

Harry wirkte skeptisch, aber begann dann doch, am Uferrand zu wühlen und Schlamm- und Erdbrocken herbeizuschaffen. Trübe Wolken breiteten sich im Wasser aus, aber einen gewissen Effekt hatten seine Bemühungen. Sie kletterte aus dem Fluss und riss große Grasbüschel und alles mögliche andere Grünzeug aus, dass sie verdrehte, zusammenknotete und dann Harry zuwarf. Das erste Mal verfehlte sie nur knapp, aber beim zweiten Mal musste sich Harry so strecken, dass er das Gleichgewicht verlor und sich rücklings in den Fluss setzte.

»Hey!«, beschwerte er sich wütend. »Das war Absicht!«

Eine vollkommen aus der Luft gegriffenen Unterstellung! Das konnte er gar nicht wissen. »Ich bin ein Mädchen!«, erinnerte sie ihn. »Mädchen können nicht werfen, also kann es überhaupt keine Absicht gewesen sein!« Zur Sicherheit, falls er logischen Argumenten nicht zugänglich war, fügt sie hinzu: »Außerdem hat mich die Sonne auf dem Wasser geblendet!«

Er schnaubte nur und rappelte sich auf. Sehr viel nasser konnte er eigentlich nicht geworden sein. Auch ihre Robe war fast bis zum Rücken durchnässt, aber immerhin war es ziemlich warm und sie würden schnell wieder trocknen. Bitzer würde sich zwar bestimmt beschweren, vor allem über die Gras- und Schlammflecken auf den Roben, doch das tat er eigentlich immer.

Sie machten weiter. Während sie Grasbüschel und Zweige von den Büschen am Ufer erntete, verstärkte Harry ihren Damm mit Steinen und Schlamm. Sie waren bestimmt eine halbe Stunde beschäftigt, aber danach war ihr Wehr einigermaßen fertig. Viel dichter würden sie es nicht hinbekommen. Harry stieg aus dem Wasser und setzte sich ans Ufer. Sie ging zu ihm und ließ sich neben ihm ins Gras sinken. Der Flüsschen staute sich recht ordentlich, und langsam senkten sich die Schlammwolken, und das Wasser wurde wieder klar. Natürlich schwappte es inzwischen über den Rand ihres Damms. Es konnte nicht lange dauern, bis ihr Werk sich wieder auflöste, aber damit war zu rechnen gewesen.

»Ziemlich nutzlos, oder?«, meinte Harry und starrte versonnen auf den Damm. »Das hält nie.«

»Hmm …«, machte sie unverbindlich.

»Und kindisch«, setzte er mit gerunzelter Stirn hinzu.

Dem konnte man schlecht widersprechen. Aber Harry schien es nicht so ernst gemeint zu haben, denn er lächelte gleich wieder stolz auf ihr Werk hinunter. Er zog sich die schlammverspritzte Brille von der Nase und putzte sie an seiner Robe ab. Es war schade, dass er Ginny gehörte und dass Ginny ihre Freundin war. Er war niedlich, wie er so dasaß und mit zusammengekniffenen Augen den glitzernden Fluss anzwinkerte. Vielleicht konnte sie in ihm eine Art kleiner Bruder sehen? Einen kleinen Bruder zu haben, wäre nett gewesen. Nun, er war ein Monat älter als sie, also war »kleiner Bruder« eigentlich Unsinn, aber sie konnte ihn sich als großen Bruder noch weniger vorstellen. Dazu war er einfach zu …

Plötzlich sah sie aus den Augenwinkeln ein schwarzes Ding am gegenüberliegenden Ufer durch die Büsche streifen. Im ersten Moment bekam sie einen Schrecken, aber dann erkannte sie, dass es nur ein Hund war. Ein großer Hund. Riesig geradezu. Seltsam … Wie kam ein Hund hierher? Und wo war sein Besitzer? Etwas stimmte nicht. Sie waren immer noch innerhalb des Schutzkreises des Schwarzen Turms, und nichts und niemand sollte ihnen hier gefährlich werden können, aber Luna war trotzdem beunruhigt. Der Hund am anderen Ufer saß einfach nur da und starrte zu ihnen herüber. Sie stieß Harry an und stand langsam auf.

»Was ist los?«, fragte Harry und schob sich wieder die Brille auf die Nase. Sie wich vorsichtig zurück und zog den Jungen mit sich.

»Luna? Was …?«, aber da sah auch er endlich den schwarzen Hund. »Oh.«

Sie entfernten sich rückwärts vom Fluss. Luna bückte sich nur kurz, um ihre Schuhe und Strümpfe aufzuheben, als sie an ihnen vorbeikamen. Plötzlich drehte sich der Hund um und verschwand mit einem Satz im dichten Ufergestrüpp. Auch Harry hatte inzwischen seine Schuhe aufgehoben, und gemeinsam warteten sie, ob und wo der Hund wieder erscheinen würde. Aber er tauchte nicht wieder auf.

»Ich glaube, er ist weg«, flüsterte Harry nach einer Weile. »Aber wo ist er hin? Er kann doch nicht einfach verschwunden sein.«

Luna biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, sagte aber nichts dazu. »Lass uns reingehen!«, meinte sie stattdessen. »Dad müsste noch da sein. Er will bestimmt die Schutzzauber überprüfen, wenn wir ihm von dem Hund erzählen.«

Harry nickte hastig, und gemeinsam rannten sie zum Schwarzen Turm zurück.


»Und dann?«, fragte Terry.

Luna zuckte mit den Schultern, sagte mit dramatischem Unterton: »Nichts«, und stopfte noch eine Handvoll Chips in sich hinein.

Terry starrte sie ungläubig und etwas konsterniert an. »Was meinst du mit ›nichts‹?«

»Nichts eben«, erwiderte sie mit vollem Mund. »Die Schutzzauber waren in Ordnung, und der Hund hat sich nicht mehr blickenlassen.« Sie schien das auch noch für den Höhepunkt ihrer Geschichte zu halten.

Er warf einen Blick auf das Spielbrett. Er würde sie ausrotten. Noch ein oder zwei Runden, dann war er so weit. Sein eigentliche Mission war sowieso hoffnungslos. Asien und Südamerika! Es war ein Witz. Er selbst hatte zwar Australien sicher und seinen Vorposten in Siam stark befestigt, aber Simon hielt eisern Afrika und hatte vernünftigerweise eine riesige Truppe im Mittleren Osten stationiert. Anthony saß in Südamerika, machte aber keine Anstalten, Simon zu ärgern, sondern versuchte, sich Stück für Stück auch noch Nordamerika unter den Nagel zu reißen. Terry sah keine Möglichkeit, seine Mission abzuschließen, bevor einer der anderen gewonnen hatte. Außerdem hatte Luna ihn im letzten Spiel ausgerottet. Gut, es war ihr Auftrag gewesen, er nahm es ihr jedoch trotzdem übel.

»Ich tausche«, verkündete Anthony mit unverhohlenem Triumph, als er an der Reihe war. »Dreißig Armeen. Und ich hab' Argentinien, Ontario und die Mongolei.«

Terry schwante Übles. Er betrachtete noch einmal das Spielfeld und zählte, aber da fragte Simon auch schon »Achtzehn Länder?«. Anthony grinste selbstzufrieden und nickte.

Ein Kinderspiel. Mit der Mission konnte jeder gewinnen. »Sparen wir uns das Würfeln«, meinte Terry frustriert. »Du hast gewonnen.«

Die anderen stimmten zu, auch wenn Anthony offensichtlich enttäuscht war, dass er ohne Gegenwehr siegen sollte. »Verdammt!«, rief er plötzlich, sprang auf und verließ das Zimmer.

Terry war es inzwischen beinahe egal, ob das Experiment diesmal klappte. Auch Luna und Simon wirkten nicht sonderlich aufgeregt. Nur Anthony hatte sich den letzten Fehlschlag richtig zu Herzen genommen. Er schien es geradezu für eine persönliche Beleidigung zu halten, dass sich das Silberrohr geweigert hatte, zu Gold zu werden. Dieses Mal hatte er einige Umstellungen am Versuchsaufbau vorgenommen, die Symbolik des alchemistischen Pentagramms noch einmal überarbeitet und außerdem beschlossen, dass der Stein diesmal die ganze Zeit über mit der Tinktur im Reaktionskessel verbleiben sollte – als Katalysator für die Transsubstantiation. Terry war fast stolz darauf, dass er wenigstens die Hälfte der Modifikationen im Ansatz nachvollziehen konnte. Trotzdem hatte es etwas Sinnloses. Wozu wollten sie eigentlich Gold herstellen?

Er nahm sich noch ein Butterbier, das Luna mitgebracht hatte. Die Treffen im Schwarzen Turm hatten mehr Spaß gemacht. Warum hatten die Lovegoods Harry Potter aufnehmen müssen? Es war lästig. Wenigstens war Simons Mutter heute Abend ausgegangen. Allerdings hatte sie zum Abschied ein paar Bemerkungen fallenlassen, die Terry lieber nicht mit angehört hätte. Entweder hatte sich Simon geoutet, oder sie war von selbst auf den richtigen Trichter gekommen, jedenfalls wusste sie offenbar über Simon Bescheid. Es störte ihn einfach. Womöglich kam sie auf falsche Gedanken, weil er hier übernachtete. Und wenn sie von sich aus nichts dazu sagte, konnte er die Sache auch nicht richtigstellen, oder? Beiläufig zu erwähnen, dass er »übrigens« normal war und auf Mädchen stand, wäre ziemlich daneben gewesen, so viel war auch ihm klar.

Anthony erschien wieder in der Wohnzimmertür, und sein Gesicht sagte alles. Er strahlte über beide Ohren und trug beinahe ehrfürchtig das ehemals silberne Rohrstück vor sich her. Terry stand auf, obwohl ihm gerade eben noch der Ausgang des Experiments ziemlich egal gewesen war. Simon und Luna erhoben sich ebenfalls, aber er bemerkte es kaum.

»Es … es hat geklappt!«, sagte Anthony leise und hielt ihnen über den Tisch die goldene Röhre entgegen. Terry streckte die Hand aus, aber Simon war schneller.

Terry sah zu, wie Simon den hohlen Zylinder in der Hand zu wiegen schien und ein bisschen daran herumkratzte, bevor er ihn weiterreichte. Er fühlte sich wirklich wesentlich schwerer an, als das Silberrohr vorher. Bedeutend schwerer sogar. Es glänzte nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Die Oberfläche war stumpf und wirkte seltsam aufgeraut, die Farbe war eher ockergelb als golden. Auch er versuchte, an dem Metall zu kratzen, und seine Fingernägel hinterließen kleine und schmale, aber glänzende Eindrücke in dem Rohr. Gold. Es war ein seltsames Gefühl, das schwere Ding in Händen zu halten. Irgendwie aufregend und enttäuschend zugleich.

Er reichte das Rohr an Luna weiter, die es aber nur kurz von allen Seiten betrachtete und dann wieder Anthony zurückgab.

»Und jetzt?«, fragte Terry. Alle Blicke richteten sich auf ihn. »Ich mein', toll, wir haben Gold gemacht, aber wie geht's weiter?«

Anthony sah ihn verwundert und etwas verständnislos an, Luna lächelte nichtssagend, und Simon zuckte mit den Schultern. Eine Antwort bekam er nicht.

»Wir können es nicht mal in richtiges Geld umtauschen, oder?«, fuhr er fort. »In Gringotts würden die Kobolde merken, dass es kein normales Gold ist, und wir können auch nicht einfach in eine normale Bank marschieren und denen einen Klumpen Gold hinlegen. Das wär' doch ein bisschen verdächtig, oder? Jedenfalls würden die Leute Fragen stellen.«

»Es geht doch nicht um die Galleonen!«, antwortete Anthony wegwerfend. »Es geht darum, dass es funktioniert! Wir können Gold machen!«

Dass es Anthony nicht um Geld ging, glaubte Terry sofort. Aber wozu war es dann gut, Gold machen zu können?

»Außerdem war das nur der erste Schritt«, fiel Simon ein. »Viel wichtiger ist das Elixier des Lebens!«

Sogar Anthony wiegte zweifelnd den Kopf. »Schwierig«, meinte er skeptisch. »Fürs Goldmachen konnten wir die Aufzeichnungen meines Großvaters als Leitfaden benutzen, aber wir haben keine Ahnung, wie man das Elixier des Lebens herstellt. Irgendwelche Versuche ohne Anleitung sind gefährlich. Es ist ein mächtiger Zaubertrank, und wenn bei mächtigen Tränken was schiefgeht, kann das unschön enden.«

»Er hat recht«, mischte sich nun auch Luna ein. »Es wäre sehr gefährlich.«

Simon wirkte enttäuscht über den mangelnden Enthusiasmus. »Das ist klar. Wir müssen eben vorsichtig sein. Aber wir haben schließlich genug Zeit. Ist ja nicht so, als würden wir den Trank ab morgen brauchen. Ein paar Jahre können wir ruhig noch älter werden, bevor wir damit anfangen.«

Anthony spielte geistesabwesend mit dem goldenen Rohr in seinen Händen, Luna lächelte nachdenklich, und Terry – Terry hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache. Unsterblichkeit hörte sich erst einmal nicht schlecht an. Natürlich konnte einen ein Unfall trotzdem jederzeit umbringen, doch damit musste man sowieso immer rechnen. Und wenn man lange genug gelebt hatte, konnte man jederzeit aufhören. Aber selbst wenn alles klappte … es konnte nicht so einfach sein. Als Idee war es faszinierend, aber die praktischen Probleme waren unüberschaubar. Vor allem, wenn man es geheim halten wollte – wenn das überhaupt ging. Es war ein kleines Wunder, dass sie bis jetzt noch nicht aufgeflogen waren. Immerhin wussten sechs Leute Bescheid. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen. Aber falls doch, konnten sie sich über den Rest in ein paar Jahren immer noch Sorgen machen, da hatte Simon recht. Bis dahin konnte alles ganz anders sein. Dieses Jahr war ohnehin keine Zeit mehr für irgendwelche aufwendigen Experimente. In zwei Wochen fing die Schule wieder an.

»Was ist eigentlich mit den neuen Schulbüchern?«, fragte er in die Runde. »Wir sollten langsam mal einkaufen gehen. Treffen wir uns wieder in der Winkelgasse?«

»Geht nicht«, meinte Luna. »Dad kauft die Sachen für mich und Harry. Er will mich nicht aus dem Turm lassen, solange Harry bei uns ist.«

Auch Anthony schüttelte den Kopf. »Hab' keine Zeit. Ich lass' mir die Bücher und das restliche Zeug schicken.«

Terry war ein bisschen enttäuscht. Auch Simon zögerte noch, sagte aber schließlich: »Ist mir egal. Wenn du willst, können wir morgen gehen. Ich hab' sowieso nichts Besseres vor.«

»Toll!«, erwiderte Terry ironisch, überwältigt von so viel Begeisterung. Kurz darauf brach Anthony auf, und Luna packte die leeren Butterbierflaschen wieder in ihren Korb und verabschiedete sich ebenfalls.

Er half Simon noch beim Aufräumen der leeren Gläser und Chipstüten, bevor sie sich schlafen legten. Er träumte in dieser Nacht von Gold; großen, glänzenden Barren, mit denen er wie mit Holzklötzchen einen Turm baute, der ein wenig Lunas Zuhause ähnelte. Es war ein wirrer, unheimlicher Traum, dessen Einzelheiten er bereits vergessen hatte, als er die Augen aufschlug. Seltsamerweise war er trotzdem viel besserer Laune, als er am nächsten Morgen aufstand. Er konnte es kaum erwarten, wieder in die Winkelgasse zu kommen.


Minerva hob müde den Zauberstab und löschte sämtliche Eintragungen auf dem großen Plan. Sie hätte große Lust gehabt, ihn in Flammen aufgehen zu lassen, aber noch war sie nicht bereit, ihre Selbstbeherrschung aufzugeben. Sie gähnte ausgiebig und nahm dann noch einen Schluck heißen Tees.

Sie war erschöpft, aber das war kein Wunder. Das gestrige Ritual hatte an ihren Kräften gezehrt. Zum Glück war es das letzte gewesen. Sie hatte danach zwölf Stunden durchgeschlafen und war dennoch wie gerädert aufgewacht. Wie mochte es erst Albus und Filius gehen? Selbst Septima hatte ihrer Erleichterung Ausdruck verliehen, dass es endlich vorbei war. Nur an Severus schienen die Anstrengungen der letzten zwei Wochen spurlos vorübergegangen zu sein. Sicher, er war der Jüngste von ihnen, aber Minerva vermutete, dass auch seine Faszination und Begabung für die Dunklen Künste etwas damit zu tun hatten. Er war während des Ritualzyklus geradezu aufgeblüht. Wenigstens hatte es sich gelohnt. Zumindest Albus und Filius schienen mit dem Ergebnis zufrieden gewesen zu sein. Ihr selbst fiel es schwer, etwas Gutes daran zu finden.

Sie schauderte. Horcrux. Es erklärte einiges. Die Irrationalität, die Sprunghaftigkeit, den Wahnsinn und die Grausamkeit – all die abstoßenden Absonderlichkeiten, die so kennzeichnend für ihn und seine Aktionen gewesen waren. Auch Du-weißt-schon-wer konnte trotz all seiner Macht nicht erwarten, so etwas zu tun, ohne dafür mit seiner geistigen Gesundheit zu bezahlen – sollte er denn jemals etwas besessen haben, das Namen »geistige Gesundheit« verdiente. Ein Horcrux … Allein der Gedanke war verrückt. Sogar wenn man die ethischen Implikationen für einen Moment außer Acht ließ: Die Warnungen waren überdeutlich. Alle derartigen Geschichten endeten früher oder später in Schizophrenie, Umnachtung und Tod. Ausnahmslos. Man riss keinen psychischen Imprint gewaltsam aus dem eigenen Geist und hinterließ ihn in einem toten Gegenstand. Nicht, solange man selbst noch am Leben war. Was hatte sich der junge Tom Riddle nur dabei gedacht? Offensichtlich war er bereits als Schüler sehr viel instabiler gewesen, als er sich damals hatte anmerken lassen.

Sie versuchte, die Schatten der Vergangenheit mit einer bewussten Willensanstrengung zu vertreiben. Sie hatte im Augenblick ein ganz anderes Problem. Wütend starrte sie auf ihren Schreibtisch. Nur noch zwei Wochen! Die anderen Lehrer wurden langsam ungeduldig, was sie auf der einen Seite verstehen konnte. Auf der anderen Seite war sie jederzeit bereit, die Aufstellung der Stundenpläne sofort und mit Freuden demjenigen zu überlassen, der sich freiwillig für diese undankbare, mühselige Plackerei meldete. Normalerweise reichte dieses Angebot, um die Nörgeleien verstummen zu lassen, doch dieses Jahr war sie tatsächlich noch später dran als üblich.

Die Katastrophe war absehbar gewesen. Mit einem Anstieg der Geburtenrate musste man nach dem Ende eines Krieges immer rechnen, aber einhunderteinundzwanzig Neuzugänge für die erste Klasse waren lächerlich! Doppelt so viele, wie in den letzten Jahrgängen. Rubeus würde mehr Boote brauchen oder die Tour über den See zweimal machen müssen. Einige Kinder, die eine Einladung nach Hogwarts erhalten hatten, würden natürlich nicht kommen, aber erfahrungsgemäß glichen unerwartete Neuanmeldungen das wieder aus. Eine amerikanische Familie mit zwei Kindern hatte wegen freier Plätze angefragt, weil sie Ende des Jahres nach Britannien übersiedeln wollte. Und eine Zauberersippe aus der ehemaligen Kronkolonie Mauritius würde gleich zu Beginn des Schuljahres fünf Kinder beisteuern, zwei davon Erstklässler. Die Abwanderung von Schülern nach Irland und Frankreich hielt sich in Grenzen, was angesichts der letzten beiden Schuljahre nicht selbstverständlich war. Es würde vermutlich ein Nullsummenspiel werden, wie so oft.

Und sie saß hier und konnte zusehen, wie sie für das kommende Schuljahr die Stundenpläne aufstellte. Eines war sicher: Sie würden die Erstklässler dieses Jahr nicht in gemischten Klassen unterrichten können, dazu waren es schlicht zu viele. Und das bedeutete die doppelte Zahl an Unterrichtsstunden in den Hauptfächern. Konsequenterweise würde es in zwei Jahren dann auch die Wahlfächer betreffen. An der Stundenzahl an sich ließ sich wenig drehen. Auch die Klassengrößen ließen sich kaum noch … andererseits …

Sie begann, hektisch in den Papieren auf ihrem Schreibtisch zu wühlen. Die betroffenen Kollegen würden sie verfluchen, aber zumindest würde es ihr etwas Raum zum Manövrieren verschaffen. Sie konsultierte die Tabellen und kritzelte die Summen auf einen Notizzettel. Es war vielleicht machbar. Zumindest in den Wahlfächern der Dritt- und Viertklässler sah die kombinierten Schülerzahlen gar nicht so dramatisch aus. Mit derartigen Klassenstärken würden sich die geschätzten Kollegen ohnehin abfinden müssen, wenn in zwei Jahren der erste geburtenstarke Jahrgang Wahlfächer belegen würde. Warum also nicht gleich? Auch wenn man alle vier Häuser zusammen in einen Kurs steckte, waren die Klassenstärken in den meisten Wahlfächern noch … tragbar. Septima und Bathseba würden Gift und Galle spucken, Sybill sich vollends dem Suff ergeben, nur Charity würde keine Probleme machen und sich, gewohnt einsichtig, der Notwendigkeit fügen, und Rubeus … Rubeus würde irgendwie zurechtkommen müssen. Es war sein erstes Jahr, aber sie konnte für ihn keine Ausnahme machen. Darüber hinaus waren Septima, Bathseba und Charity qualifiziert genug, um auch stundenweise den Unterricht der Erstklässler in den Pflichtfächern zu übernehmen – wenigstens abwechselnd die Übungsstunden zu beaufsichtigen. Sie würden alles andere als begeistert sein, aber so konnte es vielleicht gehen.

Aber auch ihr nächster Entwurf scheiterte kläglich. Sie hätte es beinahe geschafft, aber einige Überschneidungen waren unvermeidbar. Besonders in Zaubertränke. Severus hatte nur eine begrenzte Anzahl von Laborplätzen, und er brauchte die Doppelstunden für seine praktischen Übungen. Eigentlich hätten sie eine zusätzliche Lehrkraft für Zaubertränke gebraucht. Eigentlich hätten sie für jedes verdammte Fach eine zusätzliche Lehrkraft gebraucht. Minerva stöhnte leise auf. Es gab nur noch eine letzte Möglichkeit. Sie hatte es von Anfang an geahnt, aber entgegen aller Vernunft gehofft, dass sie es würde vermeiden können. Der Unmut des gesamten Lehrkörpers war ihr sicher, von den Schülern gar nicht zu reden; mit deren Hass hatte sie sich abgefunden, als sie die erste Doppelstunde Geschichte in die Stundenpläne eingetragen hatte – eine Grausamkeit, die sie ihnen in den vergangenen Jahren möglichst erspart hatte, die sich jedoch diesmal nicht mehr verhindern ließ. Verzweifelte Situationen erforderten verzweifelte Maßnahmen.

Ein letztes Mal löschte sie die Eintragungen in den Stundenplänen. Sie hatte aufgehört, mitzuzählen. Tabula rasa. Wieder alles auf Anfang. Sie nahm Lineal und Feder zur Hand. Noch einmal zögerte sie, nahm einen Schluck Tee, starrte mit leerem Blick auf die freien Kästchen der Stundenpläne – und fand sich mit ihrem Schicksal ab. Sie war nicht stellvertretende Direktorin geworden, um geliebt zu werden. Nicht, dass das in Kürze noch ein Problem sein würde. Die Schülerschaft würde sie verfluchen, im Kollegium würde man hinter vorgehaltener Hand, wahrscheinlich sogar offen, über die Vorzüge von Lynchjustiz nachdenken. Dass sie selbst von dieser Härte betroffen war, würde die Wogen kaum glätten. Sie würde die Stunden als »optional« kennzeichnen, aber davon würde sich niemand täuschen lassen. Der Lehrplan war eng genug, und der Stoff musste irgendwie durchgebracht werden. Mit viel Glück würden man vielleicht vereinzelt die Stunden ausfallen lassen können, aber damit konnte man nicht ernsthaft rechnen, nur wider besseres Wissen darauf hoffen.

Energisch setzte sie das Lineal an, verlängerte die Linien der sieben leeren Tabellen und fügte eine neue Spalte an. So weit war es also gekommen. Das Wort klang ebenso böse und widerwärtig wie die hässlichen Silben des Todesfluchs: Samstagsunterricht.