Die Spiegeloberfläche durchbrechen" - Kapitel 7

Septima ließ die vielen missglückten Briefe mit einem Schwung ihres Zauberstabs verschwinden. Dann verdreifachte sie den Brief, der jetzt noch vor ihr lag und und der das Ergebnis ihrer stundenlangen Schreibbemühungen war, steckte jeweils ein Exemplar in einen Umschlag und versiegelte ihn. Septima seufzte tief.

Sie hatte beschlossen, dass die drei Frauen erfahren mussten, dass Sie nicht die einzigen für Septima waren. Rolanda, Enigma und Iana. Und eigentlich war da ja auch noch Minerva, die immer einen Platz fand, um in Septimas Kopf herum zu spuken.

In einem Anflug von Selbstironie lächelte sie. Zehn Jahre lang war ihr ihr Liebesleben zu langweilig gewesen und nun war es ihr auf einen Schlag plötzlich viel zu viel! Sie hatte nicht vier Frauen gewollt, sondern eine!

Rolanda hoffte Septima halbherzig mit dieser Eröffnung zu verschrecken, denn Septima hatte Angst davor, ihr die volle Wahrheit zu sagen - dass sie eben nicht nur mehrere Eisen im Feuer hatte, sondern eigentlich nicht vor hatte, die Affäre mit Rolanda weiter zu führen.

Und, obwohl sie es nicht beabsichtigte, war sich Septima fast sicher, dass sie Iana mit dem Brief auch vertreiben würde. Treue, hatte Iana geschrieben, war ihr wichtig. Schnell schluckte Septima das Brennen, das sich in ihrem Hals breit gemacht hatte, hinunter.

Einzig Enigma würde diese Information wahrscheinlich ohne großen Richtungswechsel aufnehmen, so jedenfalls dachte Septima.

Schnell würden aus drei Frauen eine werden. Aber vielleicht täuschte sich ja Septima auch bei all diesen Vermutungen, denn eigentlich kannte sie die drei Frauen ja gar nicht wirklich.

An Septimas Zimmertür klopfte es. Sie holte tief Atmen und stand auf. Bestimmt war das wieder einer der Fünftklässler, der kurz vor dem Durchdrehen war, da er in zwei Tagen seine ZAG-Prüfung in ihrem und anderen Fächern hatte.

„Ja?", rief sie seufzend.

Tatsächlich öffnete ein Schüler mit hellbraunen Haaren vorsichtig die Tür.

„Entschuldigen Sie die Störung, Professor Vector, aber ich habe eine Frage zu Ihrer Anmerkung in meinem Aufsatz. Was meinen Sie damit, dass ich die Quantoren nicht umsichtig genug aufgelöst hätte? Mein Ergebnis ist doch richtig! Jedenfalls kommen Sie ihn ihrem Buch auf das gleiche Ergebnis."

Septima warf noch einen kurzen Blick auf die drei Briefe auf ihrem Schreibtisch – sie würde sie wohl später abschicken müssen – und wandte sich dann an den Schüler.

„Lassen Sie uns kurz ins Klassenzimmer gehen. Ich habe dort eine hervorragende Tabelle um Ihnen das Problem zu erklären. Es ist nur eine Kleinigkeit, bei der die meisten Prüfer aber sehr pingelig sind."

Erleichtert lächelte er sie durch seine dunklen Augenringe an.

'Wenn ich schon so fertig bin, wie fühlen sich dann die Schüler und Schülerinnen?', fragte sich Septima, nachdem auch die letzte der Klassen, die sie prüfen musste, ihre Stifte niedergelegt hatte. Endlich war sie durch. Sie hatte dieses Jahr nur fünf ZAG-Absolventen gehabt und es deshalb geschafft, alle mündlichen Prüfungen vor die schriftlichen zu legen. 'Und damit bin ich nun fertig', sagte Septima sich.

Da die ZAG-Prüfungen von der Prüfungskommission abgenommen wurden, blieb ihr nur die Korrektur der Prüfungen der Dritt- und Viertklässler und -klässlerinnen. Doch sie hatte bereits mit Minerva vereinbart, dass sie dies während ihres Urlaubs an der Riviera machen würde und deswegen bereits früher abreiste.

Dass Alan darauf bestand, sie schon früher zu sehen, hatte sie Minerva natürlich nicht gesagt. So sehr sie Alan als Menschen auch liebte, manchmal war sie kurz davor ihn zu verfluchen, weil er ihrer Frauenliebe im Wege stand. Septima würde Hogwarts also früher verlassen und dafür auch früher wieder zurückkehren.

Es war ihr letzter Abend in Hogwarts und bislang hatte sie noch keine Antworten auf ihre Briefe erhalten.

Dass auch Enigma sich die ganze letzte Woche nicht gemeldet hatte, wunderte sie, obwohl dies natürlich für die Theorie sprach, dass auch sie eine Lehrerin war. Wenn das der Fall war, hatte sie diese Woche wahrscheinlich alles mögliche andere im Kopf gehabt.

Rolanda dagegen war Septima die ganze Woche tunlichst aus dem Weg gegangen. Sie schämte sich. Es war ihr peinlich, dass sie der Lust auf Sex und Abenteuer so schnell nachgegeben hatte, und das auf Kosten von Roladas Gefühlen und wahrscheinlich auch einer Freundschaft. Nun stand das letzte Abendessen bevor und Septima war bereit auf Rolanda zu treffen. Aber diese war nicht da.

Am Ende des Abendessens wünschte Septima den Kollegen und Kolleginnen eine schöne Ferienzeit. Professor Cygnus Black, der letztes Jahr die Stelle des Alte-Runen-Lehrers übernommen hatte, beauftragte sie Grüße an Alan auszurichten. Die Beiden kannten sich aus dem Ministerium, wo Black eine Weile gearbeitet hatte.

Die Lehrerinnen Leanne Seale, Muggelkunde, und Aurora Sinistra gaben sich gleichermaßen herzlich. Sie umarmten Septima und überrascht stellte diese fest, wie ihr Bauch bei den Berührungen zu flattern begann. Leannes dunkle Wangen fühlten sich herrlich warm an und Aurora roch tatsächlich schon wieder nach Sommer, Land und warmen Nächten. Wie konnte sie so riechen, wenn sie doch fast ihre gesamte Zeit im Schloss verbrachte? Viel zu schnell ließen sie sie wieder los. Minerva McGonagall lächelte ihr von weitem zu und winkte. Sehnsüchtig dachte Septima kurz daran, auf sie zuzugehen, um auch sie zu umarmen, ließ es aber lieber doch sein.

Als Septima in ihr Zimmer zurückkehrte, fand sie endlich den ersehnten Brief von Enigma:

„Liebste Trija, schöne Septima", stand dort in Enigmas typischer unordentlicher, ausschweifender Schrift, „der Gedanke, dass ich dich ab heute für ganze zwei Monate nicht sehen darf, macht mich traurig. Fast genauso sehr wie das Wissen, dass ich dich auch noch mit anderen Frauen teilen muss.

Aber natürlich ist das in Ordnung, denn auch ich muss gestehen, dass meine Gedanken nicht dir allein gehören. Und ich will noch einen Schritt weiter gehen und endlich voll und ganz ehrlich sein: Septima, ich bin in einer festen Beziehung. Aber bitte lass mich erklären!

Liebste, ich habe nicht geplant mich in dich zu verlieben, aber jetzt ist es geschehen. Und da du dich verhältst wie ich mich, also anscheinend nicht darauf bestehst, nur eine Frau zu lieben, bitte ich dich um Verständnis. Ich bin in euch beide verliebt.

Wenn du mich noch willst, bin ich im nächsten Jahr bereit mich dir zu zeigen. Denn wenn ich schon nicht deine Erste sein darf, dann will ich wenigstens eine derjenigen sein, die das Privileg haben, dich - und zwar wirklich dich - kennen lernen zu dürfen." -Septima stockte kurz im Lesen. Es waren ein paar Wörter durchgestrichen worden nach dem 'das Privileg haben'. Neugierig beugte sie sich tiefer über das Pergament und als sie es noch immer nicht entziffern konnte, versuchte sie es damit, es gegen das Licht zu halten. Septima entzifferte Buchstabe um Buchstabe und als die Bedeutung der Worte ihren Kopf erreichte, lief sie knallrot an. Dort stand: '...will ich wenigstens eine derjenigen sein, die das Privileg haben, deinen köstlichen Saft probieren zu dürfen.' Unwillkürlich musste Septima über solch eine Dreistigkeit grinsen. Amüsiert las sie weiter:

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie das Begehren mich in den letzten Wochen von innen verbrannt hat. Ich will dich lieben.

Ich wünsche dir die besten Ferien. Wenn du mir verrätst, wo ich dich erreichen kann, werde ich dir mit Freude auch in dieser Zeit ab und an eine Nachricht schicken.

Deine dir zutiefst verfallene Enigma."

Septima ließ den Brief sinken und schaute nachdenklich aus ihrem Fenster. Ein klein wenig bewunderte sie Engima für ihren Mut. So ehrlich zu sein...

Andererseits machte es sie auch traurig, dass Enigma ihr so lange verschwiegen hatte, dass sie in einer festen Beziehung war.

'Aber stopp', ermahnte sie sich in ihrer Verurteilung innezuhalten, 'du selbst bist es doch auch! Oder hast du Alan etwa davon erzählt? Bist du frei?' Traurig legte Septima den Brief in ihr Nachtkästchen, das mittlerweile vor Briefen überquoll. 'Nein', gab sie sich selbst die Antwort. 'Nein, ich bin nicht frei.'

Zögernd sah sie sich in ihrem Zimmer um. Sie sah zu dem kleinen Holzschreibtisch vor dem Fenster, dessen Tischplatte schon lange nicht mehr neu aussah, sah zu dem Bücherregal daneben. Auf dem Boden lag ein großer roter Teppich, den Septima einmal von einer Reise mitgebracht hatte. Ursprünglich hatte sie ihn als fliegenden Teppich gekauft, aber im Laufe der Zeit hatte sich herausgestellt, dass es nur ein normaler Teppich war, auf den eine Zeit lang ein Zauber gewirkt hatte. Und dann sah Septima zu dem großen offenen Schrankkoffer, der vor ihrem Kleiderschrank lag. Sie hatte noch immer nicht gepackt.

Bewusst legte Septima ihren Zauberstab ab und begann mit der Hand zu packen. Sie zog ihren großen Koffer heran und öffnete ihre Schranktür. Bei jedem Kleidungsstück, das sie in den Koffer legte, dachte sie 'weg'. Sie ging mal wieder weg von hier. Weg von dem Platz, an dem sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hatte. Weg von Rolanda, der Frau, mit der sie ihr erstes Mal gehabt hatte, weg von Enigma. Weg von der Frau, der trotz vieler Ablenkungen, vieler kleinen Lieben, Erfahrungen, Fluchtversuche und toller Momente noch immer ihr Herz gehörte, von Minerva.

Obwohl sie keine Magie anwendete, war ihr Koffer schnell gepackt.

Frustriert warf Septima sich auf ihr Bett und starrte an die Decke. Sollte sie zu Rolanda gehen? Damit sie wenigstens in dieser Hinsicht das Gefühl hatte, die Sache abgehakt zu haben?

Noch bevor Septima sich dazu entschließen konnte, klopfte es an ihre Tür.

Neugierig öffnete sie. Minerva McGonagall stand dort, in einer Hand zwei bauchige Gläser, in der anderen eine Flasche dunklen Wein. Unsicher lächelte sie Septima an.