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On my own
Kapitel 7
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Kate Lippen bewegten sich abermals vorsichtig, ebenfalls ihre Hände und es schien, als würden ihre Augenlider zittern. Es schien, als würde sie aufwachen, bald wieder unter den Lebenden weilen. Wie spät es war, wusste Castle nicht, da er schon vor langer Zeit aufgegeben hatte, auf die Uhr oder aus dem Fenster zu sehen, seinen Blick hatte er hingegen die ganze Zeit auf dieses makellose Gesicht konzentriert. Die kleine Narbe nahe des Kinns. Das kleine Muttermal dunkle unter dem Auge. Ein anderes Muttermal auf der Seite des Gesichts. Einfach Perfektionismus.
„Kate", sagte er sanft, flüsterte es beinahe in ihr Ohr. Vorsichtig hob er ihre noch halbschlafende Form an, presste sie teils enger an seinen Körper und brachte sie somit in eine aufrechtere Form, saß sie nun zwischen seinen Beinen. Und abermals fiel ihm auf, wie unglaublich leicht sie war – so einfach konnte man sie von einer liegenden in eine sitzende Position bringen.
„Kate", wiederholte er.
Lanie gab ihm aus lediglich ein Zeichen, dass sie nun wirklich fahren, bevor abermals ein starker Regenschauer sich über den Landstrich hermachen würde. Zuvor hatte Lanie ihm noch einmal erklärt, mit welchen Symptomen er zu rechnen habe, wenn sie aufwacht. Übelkeit. Schwindel. Zittern. Kälteempfinden. Schweißausbrüche. Aggressivität. All das könne eintreten, sagte Lanie, müsse aber nicht. Doch Rick war es egal. Es war unwichtig, was passieren könnte, er würde nicht von ihrer Seite weichen und wenn er sich ihr aufdrängen müsste.
„Kate"
In einem Augenblick wie diesem, konnte er einfach nicht mehr von ihrer Seite weichen, musste jede einzelne Sekunde über sie wachen.
Es dauerte einige Minuten, vielleicht noch eine ganze Stunde, Rick hatte jegliches Zeitgefühl verloren, bis Kate das erste Mal ihre Augen komplett öffnete und ihn ansah. Ihn mit diesen unglaublichen Augen – die je nach Verfassung mehr braun oder grün waren – anfunkelte.
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Als Sie aufwachte, erkannte Rick, dass es ihr nicht gut ging. Da Lanie alle Infusionszugänge entfernt hatte, war es kein Problem Kate einfach zu transportieren.
Noch bevor sie ein Wort sagen konnte, reckte es sie. Rick kannte diese unfreiwillige Bewegung des Körpers von sich selbst, allerdings auch von seiner Tochter. Ihr das erste Mal beim Erbrechen zusehen zu müssen, war eine Qual für den jungen Vater gewesen – seinen kleinen Engel so leiden zu sehen. Doch im Laufe der Jahre hatte er erkennen müssen, dass das Eltern-Dasein viele schöne Seiten hatte, allerdings auch diese unschönen.
Natürlich hätte Richard gerne mit ihr gesprochen, doch sollte sie sich im Endeffekt nicht schlechter fühlen als notwendig. So trug er sie rasch ins angrenzende Badezimmer.
Während der nächsten halben Stunde entleerte sie ihren Magen mehrmals, bis wahrhaftig nichts mehr vorhanden war. Währenddessen hatte Rick ihr die Haare gehalten, sie schließlich zusammengebunden, einen Waschlappen in kaltes Wasser getränkt und ausgewunden, diesen an ihre Stirn und in ihr Genick gepresst. Das Letzte, was er nun brauchte, war ein Kreislaufzusammenbruch.
„Rick", ertönte es, als Kate gerade zusammengesackt auf dem Boden, an die Badewanne gelehnt. Da er nicht antwortete, erschien Gina irgendwann in der Türe, in einem Nachthemd, welches eigentlich verboten gehört würde –so wenig wie es bedeckte.
„Wieso hast du sie nicht mit Dr. Parish mit nach New York geschickt? Schau dir doch den Mist an … ich meine, hast du es notwendig, eine Frau zu pflegen, die sich die Eingeweide rauskotzt."
Vorsichtig stand Rick auf, schob Lanie mit seinen starken Armen ins Schlafzimmer. Einen letzten Blick warf er auf Kate, bevor er die Türe leise schloss.
„Wer glaubst du eigentlich, dass du bist?", fauchte Rick sie an, erhob die Hände.
„Es wäre interessant zu wissen, wer ich bin. Bis Vorgestern dachte ich es noch zu wissen", erklärte die Blondine und versuchte stimmlich verführerisch zu wirken, doch hatte dies auf den Mann im Raum keinerlei Wirkung.
„Du bist meine Exfrau, meine Verlegerin", schrie er sie an.
„Und?"
„Und nichts, Gina."
„Und wieso bin ich dann hier?"
„Weil es sich angeboten hat?", warf er ihr entgegen. „Weil Kate abgelehnt hat!"
Gina sah ihn verwundert an und er konnte beobachten, wie die Wut ihn ihr aufzusteigen begann. Sie war kurz davor überzukochen.
„Was meinst du damit?"
„Ich hatte sie gefragt, aber sie hat damals abgelehnt."
„Beckett wolltest du mitnehmen?"
Er nickte nur. Gina erhob abermals ihre Stimme, wurde laut. Sie presste die Worte hervor, als gäbe es kein Morgen mehr. „Wie kannst du es wagen, dies jetzt zu erfinden?"
„Gott Gina, ich erfinde nichts. Kate war die erste Wahl gewesen, aber … wieso auch immer … sie hat abgelehnt und dann … egal. Sie ist jetzt hier und bleibt hier, bis es ihr wieder gut geht."
„Nein", schrie sie ihn an.
„Doch", konterte er.
„Das kannst du nicht machen!"
„Doch Gina, das kann ich. Vielleicht wird es Zeit, dass du deine Sachen packst und zurück nach New York fährst, zu deinem italienischen Liebhaber, deinem homosexuellen Friseur und deinem schwedischen Masseur."
Sie sah ihn nur wütend und doch fragend an.
„Dass das", er zeigte auf sie und ihn, „nichts Dauerhaftes hätte werden können, war doch von Anfang an klar. Dass es nur ein Zeitvertreib war, ebenso. Ich bin einer von vielen, vielleicht der einzige mit einem Strandhaus in den Hamptons."
Ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er zurück ins Badezimmer, wo sich Kate abermals übergab, sich wahrscheinlich mühsam aus der sitzenden Position in Richtung Toilette bewegt hatte.
Und genau so ging es weiter, einen halben Tag.
Doch mitsammen gesprochen hatten Castle und Beckett bisher kein Wort. Nicht einmal einen Blick hatten sie ausgetauscht. Rick wusste nicht recht, was er sagen sollte und Kate, Kate schien andere Probleme zu haben, die wichtiger waren, als eine Unterhaltung zuführen.
Irgendwann schaffte er es, bevor es abermals dunkel wurde, etwas klare, milde Suppe und Zwieback in sie zu bekommen. Beides schien ihren Magen etwas zu beruhigen. Doch traute er sich immer noch nicht, sie wirklich unbeobachtet zu lassen.
Etwa zur selben Zeit, die Sonne war bereits nur noch ein roter Fleck am Himmel, hörte er, wie eine Türe laut zuflog. Kurz zuvor war ein Auto die Einfahrt hochgefahren, diese hatte er gehört, wahrscheinlich ein Limousinen-Service, für dessen Nutzung er früher oder später die Rechnung bekommen würde. Doch das war es wert. Er war Gina endlich los.
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Als Rick in der Früh auf der Couch, die im Schlafzimmer stand, aufwachte, war das Bett leer. Nervös, verwundert und verschlafen taumelte er in Richtung Badezimmer, vielleicht war ihr abermals schlecht. Hoffentlich hatte sie sich nicht verletzt, irgendwo den Kopf angeschlagen.
Irgendwann hatte er Schlaf gefunden, einen unruhigen Schlaf. Doch so erschöpft, wie er zu diesem Zeitpunkt war, hatte es keine Ewigkeiten gedauert.
Nachdem er sich selbst erleichtert hatte, begann er die Suche nach der jungen, dunkelhaarigen Polizistin, die sich irgendwo in der Umgebung aufhalten musste.
In der Küche sah er ein Glas, welches halb voll war.
Der Kühlschrank schien unberührt. Doch wahrscheinlich hatte sie keinen Hunger. Vielleicht war sie verwirrt. Wie viel Vorsprung konnte sie haben?
Rasch hatte er sich ein Sweatshirt, welches im Wohnraum über der Rückenlehne der Couch gelegen hatte, übergezogen, und machte sich auf den Weg in Richtung Strand, da die Türe zur Terrasse offenstand.
Wollte sie abermals die selbe Blödheit machen? Einfach ins Wasser gehen? Nun war sie nüchtern. Die Frage war allerdings, an wie viel sie sich erinnern konnte. Zu gut konnte sich Rick an manch einen seiner eigenen Blackouts erinnern, noch bevor Alexis in sein Leben gekommen war. Und meistens war der ganze Abend zuvor eine Dunstwolke, die sich nicht lüften wollte. An manch eine dieser Nächte hatte er keinerlei Erinnerung, nicht einmal eine einzige. Doch dann hatte er Meredith geschwängert, sie geheiratet und war quasi über Nacht zum Vollzeitvater geworden. Wahrscheinlich war dies der einzige Job, der ihn jemals wirklich hundertprozentig Spaß gemacht hat.
Von der Terrasse oben hatte er einen guten Überblick über den Strand. Unter ihm fühlte er das noch feuchte Gras, als er vom Teak hinabstieg. Und irgendwann erkannte er eine Form, die am Strand saß. Die Beine angezogen, den Kopf gesenkt und darauf gelegt. Immer noch trug sie den Bademantel – wahrscheinlich all das, was er ihr angezogen hatte.
Sollte Rick ihr die Möglichkeit geben, von selbst zu kommen? Oder zu ihr gehen?
Warten gehörte nicht zu Castles Stärken, so schritt er vorsichtig in seinen Jeans, barfuß die Stiegen zum Strand hinab und setzte sich wortlos neben sie. Obwohl ihm selten die Worte fehlten, war er nun an einem Punkt angekommen, an dem er nicht wusste, was er sagen sollte, um ja keinen Fehler zu machen.
Sein erster Gedanke war, dass sie die Flucht ergreifen, sobald sie ihn neben sich wahrnehmen würde., doch war dies nicht der Fall. Anfänglich schien sie ihn zu ignorieren, schenkte ihm offenbar keine Beachtung. Doch Castle blieb einfach neben ihr sitzen, studierte ihr Verhalten. Irgendwann ließ er seinen Blick in Richtung Meer wandern, beobachtete die Wellen, wie sie gegen den Strand preschten.
Wann es geschah, wusste er nicht, aber ohne noch ein Wort gesprochen zu haben, lehnte sie ihren Körper an den seinen. Anfänglich genoss er es, doch schließlich bemerkte er, dass sie eingeschlafen war.
Wie bereits die Tage zuvor, hob er sie hoch, trug sie in seinen Armen den Strand entlang, nur dieses Mal regnete es nicht in Strömen und er brachte sie nicht in sein Auto – nein, dieses Mal legte er sie im Wohnzimmer auf die Couch, deckte sie zu und hoffte, dass es ihr körperlich allmählich besser ging.
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Ende Kapitel 7
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