Ärger

‚Es muss etwas Schreckliches passiert sein', dachte Harry, als er die Treppe zum Schlafsaal hinunterhastete. Zwar lag ihm nicht wirklich etwas an Malfoys Wohl, aber der Gedanke allein in dieser Zeit festzusitzen war noch viel beängstigender, als das, was ihn möglicherweise im Schlafsaal erwartete. Er konnte nur hoffen, dass Malfoy noch nichts wirklich Schlimmes passiert war.

Mit erhobenem Zauberstab stürmte er in den Raum.

Malfoy saß völlig erstarrt auf dem Boden und starrte gebannt auf Riddles Koffer.

Verwirrt ließ Harry den Zauberstab sinken. Er konnte nichts Gefährliches entdecken.

„Was ist los? Warum hast du geschrieen?"

„Da... in... dem... Koffer...", quetschte Malfoy zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Vorsichtig näherte sich Harry Malfoy und dem Koffer.

Plötzlich nahm er in dem Koffer eine Bewegung war.

Er hob den Zauberstab wieder und machte sich bereit, einen Lähmfluch auszusprechen. Bei Riddles Koffer musste er wohl mit Allem gefasst sein.

Und dann bewegte sich wieder etwas im Koffer und einen Moment später schob sich ein schwarzer, dreieckiger Kopf über den Kofferrand. Eine gespaltene Zunge bewegte sich leise zischelnd und zwei lidlose, rote Augen starrten ihnen entgegen.

Erleichtert ließ Harry den Zauberstab sinken. Er hätte es wissen müssen. Es wäre ihm auch eigenartig vorgekommen, wenn Riddle ein anderes Haustier besessen hätte.

„Nur eine Schlange", sagte er zu Malfoy. „Kein Grund gleich durchzudrehen."

„Nur eine Schlange?", schrie Malfoy fast hysterisch. „Schaff sie weg, halt sie mir vom Leib! Du sprichst doch Parsel!"

Harry betrachtete die Schlange, die die Szene ganz gelassen zu betrachten schien. Er hatte erst einmal in seinem Leben eine richtige Unterhaltung mit einer Schlange geführt, denn der Zwischenfall im Duellierklub zählte wohl nicht wirklich.

Aber Riddle würde sie wohl kaum frei herumkriechen lassen, wenn sie für irgendwen eine Gefahr bedeutet hätte; so dumm war er nicht. Und alles, was er tun musste, war eigentlich nur, sie zu bitten, den Koffer zu verlassen, damit Malfoy sein Buch bekam.

Er ließ sich vorsichtig neben Malfoy in die Hocke sinken.

„Nun mach schon!", stöhnte dieser.

„Ähh... Entschuldige?", sprach, oder besser zischte, er die Schlange an.

Erstaunt hob sie den Kopf und richtete ihre Augen auf ihn.

„Ähh... Mein Freund muss kurz an diesen Koffer. Würde es dir etwas ausmachen, kurz woandershin zu gleiten?"(Anmerkung der Autorin: Schlangensprache ist viel komplexer, als die menschliche Sprache und Schlangen kennen kein eigentliches Wort für ‚gehen', weil sie sich anders fortbewegen. Sie empfinden es aber als entwürdigend, wenn dies als ‚kriechen' bezeichnet wird. Für ihre Art der Fortbewegung haben sie ca. 10 verschiedene Worte, wo wie Menschen zwischen ‚gehen', ‚rennen', ‚laufen' unterscheiden. Um es einfacher zu machen, habe ich es hier mit ‚gleiten' übersetzt.)

Die Schlange starrte ihn ausdruckslos an.

„Schon gut, ich verstehe, wenn du nicht willst. Lass mich wenigstens das Buch aus dem Koffer nehmen, das mein Freund braucht. Danach lassen wir dich in Ruhe."

Harry sah die Schlange erwartungsvoll an. Hatte sie ihn überhaupt verstanden?

Doch dann antwortete die Schlange plötzlich: „Ihr sseid neu hier!"

„Ja, das stimmt."

„Bissher gab es hier nur einen, Der-mit-Sschlangen-sspricht."(Anmerkung der Autorin: Schlangen haben ein eigenes Wort für Parselmünder. Dieses Wort ist allerdings für normale Menschen praktisch nicht aussprechbar. Übersetzt bedeutet dieses Wort aber so viel wie ‚Der-mit-Schlangen-spricht'.)

„Ist das dein Herr?"

„Er isst nicht daass, wass du alss Herrn bezeichhnen würdest. Ichh ziehe die Bezeichhnung ‚Meisster' vor."

„Ahh. Bewachst du sein Gepäck?"

„Normalerweisse nicht. Ichh gleite meine eigenen Wege."

„Nun, hast du etwas dagegen, wenn ich kurz das Buch aus dem Koffer hole?"

„Nein. Ichh wollte ssowiesso gerade auf Jagd gehen."

„Viel Erfolg dabei!"

„Danke."

Die schwarze Schlange begann aus dem Koffer zu gleiten. Auf halber Strecke hielt sie plötzlich inne.

„Wie heißt du eigentlichh, Der-mit-Sschlangen-ssprichht?"

„Ich heiße Harry. Und du?"

„Du kannsst michh Nagini nennen. Diessen Namen hat mir der Meisster gegeben."

Diesen Namen kannte Harry. War es möglich, dass Schlangen so lange lebten?

„Es war mir ein Vergnügen, dich kennen zu lernen, Nagini."

„Mir auchh, Harry. Ichh hoffe, wir ssprechen unss nochh mal wieder."

Dann glitt sie ganz aus dem Koffer, vorbei an Harry und dem völlig entgeisterten Malfoy und schließlich zur offenen Tür hinaus.

Erst jetzt löste sich Malfoy aus seiner Erstarrung. Er brauchte ein paar Minuten, um sich wieder zu fangen. Dann schimpfte er über Riddle.

„Was denkt der sich eigentlich dabei, eine Schlange in unserem Schlafsaal zu halten? Was, wenn das Vieh mal Hunger hat?"

„Ich denke, er ist wahrscheinlich ein Parselmund und kann sie kontrollieren. Und ihr Futter jagt sie sich selbst."

„Kontrolle??? Sie hätte mich umbringen können!!! Außerdem stellt sich die Frage, was für Futter sie jagt!"

Harry empfand die vorhergegangene Situation als Genugtuung. Immerhin war es in gewisser Weise Malfoys Schuld, dass sie überhaupt hier waren. Ihr Bündnis war nur notgedrungen geschlossen worden und Harry gönnte Malfoy die ausgestandene Angst.

„Du hast Angst vor Schlangen und willst ein Slytherin sein?", fragte er spöttisch.

„Wer sagt, dass ich Angst habe? Ich finde es nur nicht in Ordnung, sie frei herumkriechen zu lassen."

„Oh ja, natürlich..."

„Du glaubst mir wohl nicht? Ich geb zu, dass sie mich erschreckt hat, aber das ist angesichts der Größe ihrer Zähne ja auch kein Wunder."

„Ich hab schon größere Zähne und auch größere Schlangen gesehen."

„Du bist ja auch selbst eine."

„Das musst gerade du sagen."

Die Beiden starrten sich einen Moment lang gereizt an. Dann beugte sich Malfoy über den Koffer.

„Ach mach doch, was du willst, Potter..."

„Black!"

„ ...ich werde jetzt auf jeden Fall meinen Aufsatz schreiben."

Er wollte in den Koffer greifen.

„Pass auf! Vielleicht sind noch mehr Schlangen drin!"

Erschrocken zog Malfoy die Hand wieder zurück.

Harry grinste hämisch.

„Haha", fauchte Malfoy. Er nahm das Buch (ziemlich schnell) und marschierte dann die Treppe hinauf zum Gemeinschaftsraum.

Harry folgte ihm und ließ sich wieder auf einen Lehnstuhl sinken. Gelangweilt sah er zu, wie Malfoy an seinem Aufsatz schrieb.

Schließlich öffnete sich die Tür zum Gemeinschaftsraum und Avery stürzte hinein. Er schien sehr aufgebracht zu sein und warf ihnen im Vorbeilaufen einen finsteren Blick zu. Dann verschwand er in Richtung Schlafsaal.

Kurz darauf öffnete sich die Tür erneut und Riddle kam herein. Er wirkte immer noch ein wenig verärgert.

„Gibt es Ärger?", fragte Harry.

Riddle schüttelte den Kopf.

„Nicht für uns, jedenfalls. Es ist allgemein bekannt, dass Daring genauso viel von unserem Vertrag hält, wie Avery, nämlich gar nichts. Aber was, wenn Avery sich nächstes Mal mit jemand anderem anlegt? So ein Verhalten kann ich nicht dulden!"

„Was willst du denn jetzt mit ihm machen?", fragte Malfoy interessiert.

„Oh, er wird seine Strafe bekommen.", sagte Riddle und lächelte auf eine sehr unangenehme Art und Weise.

Harry wollte lieber nicht wissen, wie diese Strafe aussah.

„War bei euch hier alles in Ordnung?", fragte Riddle.

Schon wollte Harry „Ja"sagen, aber Malfoy kam ihm zuvor.

„Oh nein! Ganz und gar nicht!"

Riddle sah Harry fragend an.

„Es... ähh... gab eine kleine Begegnung mit deiner Schlange. Nichts Ernstes, aber Malfoy macht ein Drama draus."

„Blödsinn! Ich finde nur, du hättest mich warnen können!", sagte er an Riddle gewandt. „Es ist keine angenehme Erfahrung, den Koffer aufzumachen und eine giftige Schlange darin zu finden."

Riddle grinste. „Tut mir leid. Ich habe Nagini völlig vergessen. Normalerweise gleitet sie ihre eigenen Wege und kommt nur ab und zu in mein Bett. Sie hat nur die Reise hierher in meinem Koffer verbracht und ich habe bisher vergessen, sie rauszulassen."

Malfoy starrte Riddle an.

„Sie kommt in dein Bett???"

„Ja, sicher. Sie ist ein wechselwarmes Tier und wärmt sich manchmal bei mir auf."

„Ich hoffe, sie weiß, welches dein Bett ist..."

„Mach dir darüber keine Sorgen. Ich habe ihr gesagt, dass sie die Leute in Ruhe lassen soll. Sie hat noch nie jemanden gebissen."

„Was nicht ist kann ja noch werden.", murmelte Malfoy. „Warum hört sie überhaupt auf dich? Bist du ein Parselmund?"

„Ja. Ich hoffe ihr habt damit keine Probleme?"

Harry schüttelte nur den Kopf. Riddles Tonfall machte deutlich, dass es keine gute Idee wäre, etwas dagegen zu sagen. Solange Riddle nicht auf die Idee kam, ihm wieder einen Basilisken auf den Hals zu hetzten...

Es wurde ihm unbehaglich zumute, als er daran dachte, dass dieses Biest zu dieser Zeit noch irgendwo unter der Schule lebte.

„Solange du deine Schlange unter Kontrolle hast ist es mir egal, was du bist.", sagte Malfoy. „Außer, du bist ein Schlammblut, aber dann wärst du wohl nicht in Slytherin."

Damit wandte er sich wieder seinem Aufsatz zu und bemerkte deshalb nicht den düsteren Schatten, der sich kurzzeitig über Riddles Gesicht legte.

Harry sah es wohl und ahnte, was er zu bedeuten hatte. Riddle litt noch immer unter der Tatsache, dass er nur ein halbblütiger Zauberer war.

„Es gibt bald Mittagessen", meinte er rasch. „Wir sollten langsam gehen."

- - -

Nach dem Mittagessen hatte Harry wieder eine freie Stunde, aber Malfoy und Riddle mussten zu Arithmantik.

Harry beschloss, in dieser Zeit mit seinen Hausaufgaben für Verwandlung zu beginnen und lieh sich zu diesem Zweck von Riddle Schreibzeug. Doch obwohl er schon einmal so einen Aufsatz geschrieben hatte, konnte er sich nicht richtig konzentrieren. Zu vieles ging ihm durch den Kopf, insbesondere die Frage, wie sie wieder zurückkehren sollten. Schließlich legte er die Hausaufgaben zur Seite und beschloss in die Bibliothek zu gehen. Früher oder später mussten sie sowieso anfangen, dort nach einer Lösung zu suchen.

Der Bibliothekar war ein dürrer, rothaariger Mann. Er hatte einen Ziegenbart und trug eine Brille. Als Harry in der Bibliothek eintraf war er gerade dabei, Bücher in Regale einzusortieren.

„Was kann ich für dich tun?", fragte er, als er Harry bemerkte.

„Ähh... ich suche ein Buch über Zeitreisen."

Der Bibliothekar sah ihn erstaunt an. „Eigenartig. Tom Riddle hat sich vorhin nach dem gleichen Thema erkundigt. Nehmt ihr das gerade im Unterricht durch?"

„Nicht direkt. Wir... ähh... haben es eher mal nebenbei angesprochen."

„Nun, ich habe Riddle schon gesagt, dass ich da erst mal nachschauen muss. Es ist kein Thema, nach dem sehr oft gefragt wird. Ich weiß nicht einmal, ob wir ein solches Buch besitzen. Zeitreisen unterliegen, soweit ich weiß, strengen Gesetzen des Ministeriums... aber ich werde das, wie gesagt, demnächst überprüfen. Wenn ich etwas finde, werde ich dir und Riddle Bescheid sagen. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?"

Harry verbarg seine Enttäuschung. Es hätte ihm eigentlich klar sein müssen, dass er so schnell nichts finden würde. Dann fiel ihm etwas ein.

„Ja", sagte er rasch. „Wissen sie, in welchem Buch ich die Anweisungen und den Gebrauch des Rehoraabeotranks finde? Es steht vermutlich in der Verbotenen Abteilung."

„Hast du eine Genehmigung für die Verbotene Abteilung?"

„Ja, ich habe Verteidigung gegen die dunklen Künste als UTZ-Fach gewählt."

„Na gut, ich werde es für dich heraussuchen. Wofür brauchst du die Anweisungen für den Trank denn? Du hast doch nicht vor, ihn unerlaubterweise zu brauen, oder?"

Harry beeilte sich, den Kopf zu schütteln.

„Nein, ich möchte mit den Anweisungen nur schon mal vertraut sein. Ich habe gehört, dass dieser Trank in diesem Jahr von uns verlangt wird und Zaubertränke ist mein schwächstes Fach."

Das war nicht mal gelogen.

Der Bibliothekar nickte. „Warte hier einen Moment."

Er verschwand hinter der Absperrung und kam kurz darauf mit einem alten, in Leder gebundenen Buch wieder zurück. Der Titel lautete: ‚Afrikanische Zaubertränke und ihre Wirkungen'.

Harry bedankte sich und verbarg das Buch dann unter seinem Umhang. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es langsam Zeit wurde, sich auf den Weg zu Zauberkunst zu machen.

Er hatte gerade die Bibliothek verlassen, als aus einem Seitengang drei Schüler auftauchten, die aus Harrys Jahrgang zu sein schienen. Sie stutzten, als sie Harry sahen. Zwei von ihnen hatte Harry bereits am Vormittag in Verwandlung gesehen. Er glaubte, sie als Gryffindors in Erinnerung zu haben. Den Dritten, einen ziemlich großen, braunhaarigen Jungen, kannte er nicht. Dieser Junge sprach jetzt leise mit den anderen Beiden und gestikulierte dabei in seine Richtung.

Harry versuchte sie zu ignorieren und setzte seinen Weg fort. Er kam jedoch nicht weit, weil sie sich vor ihm aufbauten. Die Blicke, die sie ihm zuwarfen, sagten ihm eindeutig: Jetzt gab es Ärger.

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Es war diesmal ein etwas längerer Abschnitt, aber ich konnte einfach nicht aufhören. Momentan sind Ferien und ich komme endlich mal zum Schreiben. Ich glaube nicht, dass ihr mir deswegen böse seid. Jetzt zu euren Reviews:

kirilein: Woher wusstest du das? War das so leicht zu durchschauen?

Kissimouse: Riddle hat sich um die Häuserverständigung bemüht, schon um jeden Verdacht von sich abzulenken. Es hat aber auch andere Vorteile. Ja, die Zukunft... Ich sag dazu jetzt noch nichts.

TheSnitch: Danke. Einen Grundplan hab ich zwar, aber der ist wirklich sehr grob. Meistens lass ich mich von meiner Fantasie leiten.

LuvLee: Klingt spannend... Was schreibst du denn?