Chapter Seven:

Ihr Magen rumorte bereits enorm und sie hatte noch dazu von der harten Pritsche und der Kälte, die ihre dünne Decke nicht vertreiben konnte, steife Glieder. Stöhnend richtete sie sich auf und musterte jeden Winkel ihrer kleinen Zelle ganz genau. Ihr erster Eindruck war richtig gewesen. Hier gab es wirklich nichts. Nichts was ihr zu ihrer Flucht verhelfen konnte. Sie seufzte und rieb sich ihren knurrenden Bauch. Ihre Augen hatten sich mittlerweile an die hier herrschende Dunkelheit gewöhnt und doch war das meiste ihrem forschendem Blick verschlossen. Sie versuchte noch ein paar mal die herrschenden Schatten mit ihren Blicken zu durchdringen, doch sie gab es schnell auf.

Lara stützte die Hände auf den Kopf und überlegte. Es musste so um die Mittagszeit sein, denn auf einmal durchbrach ein knarrender Laut die Stille. Sie richtete sich auf und sah in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

Fackellicht erhellte einen Teil des Verlieses und kam auf sie zu. Ein junger Diener in grobem Arbeitsgewand balancierte ein Tablett mit einem Krug und einer Käseglocke darauf. Hinter ihm konnte sie noch eine Person ausmachen.

Bradek trat vor den Diener und öffnete die Tür zu ihrer Zelle. Als sie aufschwang beeilte sich der Junge das Tablett auf den Zellenboden zu stellen und fluchtartig das Verlies zu verlassen.

„Guten Tag, Miss Croft", sagte Bradek und schloss die Tür zu ihrer Zelle hinter sich. Er kam näher zu ihr und zwang sie damit zu ihm aufzuschauen. Lässig stützte er sich mit einer seiner riesigen Pranken gegen die Kerkerwand. „Ich hoffe sie haben gut geschlafen."

Lara legte den Kopf in den Nacken und antwortete: „Warum sind sie hier? Macht es ihnen einfach nur Spaß mir dummen Fragen zu stellen und die harmonische Ruhe hier unten zu stören, oder haben sie noch einen triftigeren Grund hier unten zu erscheinen?"

Bradek strich über sein Maschinengewehr und meinte: „Ich dachte mir nur, dass sie Hunger hätten. Aber wenn das nicht der Fall ist..." Er machte mit dem Fuß eine Bewegung das Tablett wegzuschieben, wurde aber von Laras Stimme aufgehalten.

„Nein. Ich..."

„Nun wie ich sehe, haben sie Hunger." Er bückte sich und lüftete die Käseglocke. Unter ihr kam eine Suppenschüssel zum Vorschein in der irgend ein klobiger Brei schwamm der nach in Kleister eingeweichte Pappe aussah.

Angeekelt verzog sie das Gesicht. „Ich denke, sie haben den Raum verwechselt. Ihr Hundefutter wurde mir gebracht."

„Ach nein, wie amüsant. Wenn sie damit nicht zufrieden sind, müssen sie eben hungern." Er hob das Tablett auf, ging aus der Tür und sperrte hinter sich das Gittertor zu. „Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag. Morgen komme ich wieder, bis dahin können sie sich überlegen was ihnen lieber ist. Zu hungern, oder ihre Feinspitzigkeit zu überwinden." Er nahm die einzige lichtspendende Fackel vom Halter und verließ den Kerker. Sie versank wieder in völliger Dunkelheit, legte sich niedergeschlagen auf die Pritsche und versuchte etwas zu schlafen, um ihren knurrenden Magen zu vergessen.

Lara wurde aus ihrem Schlaf gerissen, als sie eine Eisentür zuschlagen hörte. Der Fackelschein näherte sich ihr. Entschlossen sprang sie auf die Füße und wartete auf den hereinkommenden Diener. Der Sklave von gestern trug wieder das Tablett und betrat die Zelle. Als er das Tablett niederstellte, schnellte Lara vorwärts, gab ihm einen Stoß der ihn umwarf und stürmte an ihm vorbei aus der Zelle. Die Gitterstäbe klirrten, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Da ihre
Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten konnte sie ohne größere Schwierigkeiten die Eisentür erreichen. Mit einem triumphierendem Grinsen schlug sie die schwere Tür auf und rannte weiter.

Mit voller Wucht prallte Lara gegen ein riesiges Etwas. „Miss Croft, wohin denn so eilig?", fragte Bradek und zerrte sie an den Haaren zurück in ihre Zelle. Er gab dem Knecht einen Fußtritt worauf dieser aus der Zelle stürzte und knallte die Gittertür hinter ihm zu. Der Commander schleuderte Lara gegen die Wand, sodass sie an dieser hinunterrutschte und auf die Pritsche sank. „Sie haben mich schwer enttäuscht, Miss Croft." Er hob das Tablett vom Boden auf und wandte ihr den Rücken zu. Er hantierte an diesem herum und stellte es dann wieder auf seinen Platz.

„Sie lassen mir keine Wahl. Ich muss wohl oder übel härtere Geschütze auffahren. Wenn ihnen diese zwei Tage schon unendlich lang vorgekommen sind, dann sollten sie sich auf eine Ewigkeit vorbereiten."

Lara wischte sich das Blut von ihrem Mund weg. „Sie können sich sicher sein, dass sie das alles zurückbekommen."

Er stieß einen hohen Lacher aus. „Das ich nicht lache, Miss Croft. Sie überschätzen sich wohl immer noch. In den nächsten Tagen werden sie keine einzige menschliche Seele mehr zu Gesicht bekommen. Ihr einmaliges Mahl wird die einzige Abwechslung für sie sein. Schon nach ein paar Tagen wird ihr Wille gebrochen sein und sie dem Nervenzusammenbruch nahe. In den Schatten scheint immer jemand zu Lauern, dass treibt einen in den Wahnsinn", prophezeite er ihr. Sie warf sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Sie scheinen aus Erfahrung zu sprechen und solange ich ihre Gegenwart nicht ertragen muss, ist alles in Ordnung."

„Sie werden schon sehen, was sie von ihrem Hochmut haben."

Bradek verließ den Kerker und sie war wieder allein. Ihre Lippe hatte aufgehört zu bluten, als sie das Tablett näher inspizierte. In einer Suppenschüssel war derselbe zähflüssige Brei wie gestern und in dem Tonkrug befand sich nichts weiter als Wasser. Misstrauisch roch sie an dem Wasser. Es roch irgendwie seltsam. Ihr Magen knurrte so laut, dass das Knurren an den Wänden als Echo widerhallte. Sie zuckte die Schultern und schob den seltsamen Geruch darauf, dass das Wasser abgestanden war. Hungrig stürzte sie sich auf das karge Mahl und verschlang es in Rekordzeit. Sie schob das Tablett zwischen den Gitterstäben hindurch und ging auf ihre Pritsche zu. Plötzlich fing sie an zu schwanken, ihr Blick verschwamm und ihr wurde blitzartig bewusst, dass...

Noch bevor sie die Pritsche erreichte, brach sie am kalten Steinboden zusammen.

Als Lara die Augen öffnete, gab es ein böses Erwachen. Sie erbrach das gestrige Essen in die Nachbarzelle und hatte nun einen bitteren Geschmack in ihrem Mund. Ihr gesamter Kopf dröhnte und schmerzte ungeheuerlich. Sie war einige Momente bewegungsunfähig und ihr Blick verschwamm. Stöhnend schloss sie wieder die Augen und wartete, bis das Dröhnen in ihrem Kopf nachließ. Was war das bloß für eine höllische Mixtur in ihrem Essen? Sofort begann ihr Kopf wieder zu schmerzen und sie stellte sofort jeden komplizierten Gedanken ein. Endlich wagte sie ihre Augen zu öffnen und erhob sich.

Alles drehte sich um sie und sie musste sich an den Gitterstäben festhalten um nicht zu stürzen. Als sich ihre Sinne wieder einigermaßen beruhigt hatten, ging sie schwankend auf ihre Pritsche zu. Mit schmerzendem Kopf und brennender Kehle ließ sie sich auf dieser nieder und lehnte sich gegen eine der Ketten, die die Pritsche an der Wand hielten. Sie schloss die Augen und atmete vorsichtig ein um nicht durch irgend eine unbedachte Bewegung erneut zu erbrechen.

Nach einer Weile, die ihr wie Stunden vorkam, konnte sie wieder halbwegs klar denken. Bradek hatte ihr in das gestrige Essen ziemlich harte Drogen gemischt und sie dadurch außer Gefecht gesetzt. Das erklärte auch, warum sie ein solches Brechgefühl und Kopfschmerzen hatte, denn sie hatte es noch nie mit so starken Drogen zu tun gehabt.

Ja, früher in ihren dunkleren Zeiten hatte sie schon manches Mal einen Joint geraucht, aber das war nun schon Ewigkeiten her und nie so starken Stoff. Doch zu schärferen Gedanken war sie nicht mehr fähig, denn die Drogen bereiteten ihr nicht nur Kopfschmerzen, sondern benebelten auch noch ihr Gehirn. Wie lange sie so dagehangen hatte konnte sie nicht sagen, als der Diener wieder mit einem Tablett und einer Fackel in der Hand vor ihrer Zellentür erschien. Bradek musste ihm bereits gesagt haben, dass Lara unter Drogen gesetzt war, denn er sah diesmal nicht mehr so ängstlich drein wie beim letzten Mal.

Er war von magerer Statur und trug grobe Arbeitskleidung. Der Bursche war ungefähr siebzehn oder achtzehn Jahre alt. Schüchtern stellte er das Tablett am Boden ab und hob das gestrige auf. Als er sich jedoch abwenden und das Verlies verlassen wollte, überwand sich Lara ihn mit schwacher Stimme anzusprechen: „Hey, du. Wie heißt du?"

Der Junge verharrte wie vom Donner gerührt mitten in der Bewegung und schwieg. „Hallooo? Duuu... Wie heißt du?"

Der Junge flüsterte leise: „T...T...Tommy" Ihr Kopf schmerzte immer heftiger, doch sie zwang sich weiter zu fragen. „Und wie alt bist du?"

Der Bursche zuckte und schüttelte den Kopf, als würde sie ihm ungeheuerliche Schmerzen zufügen. „Was ist los? Was ist denn?"

Es schüttelte ihn und er schüttelte noch einmal den Kopf, klammerte das Tablett fest an sich und rannte davon.

„Hey, Tommy, was ist los?", rief sie ihm nach, erhielt aber keine Antwort, bis auf die zuschlagende Tür. Sofort bereute sie es gerufen zu haben, denn ihr Kopf fühlte sich an, als würde er explodieren. Was war bloß mit diesem Jungen? Sie hörte auf über den seltsamen Jungen nachzudenken, denn ihr wurde vor Schmerz bereits schwindlig. Sie klammerte sich an die Kette und unterdrückte mit aller Kraft den aufsteigenden Brechreiz.

Lara fühlte sich völlig ausgelaugt, als sie sich auf den kalten Boden sinken ließ um das Tablett zu inspizieren. Sie hatte zwar keine Lust etwas zu essen, wusste aber, dass es notwendig war. Sie hatte seit zirka zwei Tagen keine Nahrung mehr zu sich genommen, denn das gestrige Mahl hatte sie bereits erbrochen. Als sie die Käseglocke lüftete, musste sie ein erneutes Brechgefühl unterdrücken. In einer Suppenschüssel schwamm der selbe Brei wie die letzten beiden Male. Auch ein Krug mit Wasser stand wieder bereit. Als sie an dem Wasser roch, vernahm sie den gleichen Geruch wie in dem abgestandenem Wasser, das sie gestern zu sich genommen hatte. Sie rümpfte die Nase und schob das Tablett von sich in Richtung Gitter. Sie würde diese höllische Mischung nicht noch einmal zu sich nehmen. Lara legte sich wieder auf ihre Pritsche und schloss die Augen. Alles drehte sich wieder um sie und sie glitt in einen unruhigen Schlaf.

Lara erwachte durch ihren knurrenden Magen. Sie hatte keine Ahnung wie spät es war oder wie lange sie geschlafen hatte, sie konnte sich an nichts orientieren. Sie hatte das Gefühl, dass es ihren Magen vor Schmerz bald zerfetzen würde, wenn sie nicht bald etwas zwischen die Zähne bekam. Wie auf ein Stichwort hörte sie die schwere Eisentüre aufgehen und sah den Fackelschein näherkommen. Der magere, junge Diener erschien wieder vor ihrer Zellentüre. Erstaunt betrachtete er das unberührte Essen und blickte sie fragend an.

„Hallo Tommy. Wie geht es dir?" Der Junge zuckte zusammen, als sie seinen Namen nannte und blickte starr auf den Boden.

„Sag mal, könntest du mir nicht etwas anderes zu essen geben, außer diesem höllischen Zeugs? Willst du denn gar nicht mit mir reden?"

Heftig schüttelte er den Kopf. „Nein, das geht nicht es tut mir leid."

„Aber warum denn nicht? Du brauchst es doch niemandem zu sagen." Er umschlang verzweifelt seinen schmalen Körper und schüttelte heftiger den Kopf. „Nein!" Bestürzt sah Lara, wie dem Jungen eine Träne über die Wange lief, als er das unangerührte Essen und das Tablett an sich klammerte und davonlief.

„Wart-" Doch der magere Diener war schon hinter der Mauer verschwunden. Nachdenklich stützte sie ihren Kopf auf die Hände und starrte in die eintönige Dunkelheit hinein.

Der Hunger schien Lara aufzufressen. Sie war nun schon eine Weile im Hungerstreik. Immer wieder musste sie gegen sich selbst kämpfen, da sie unter allen Umständen einen klaren Kopf bewahren wollte. Doch ihr Magen und ihr restlicher Körper sprachen eine ganz andere Sprache. Nämlich, dass sie ihren Verstand ausschalten und dieses Essen hinunterwürgen sollte. So lag sie regungslos auf ihrer Pritsche um möglichst viele Energien zu sparen. Ihr Mund war völlig ausgetrocknet und sie fühlte sich, als ob sie nun schon tagelang durch eine Wüste irrte. Die einzige Abwechslung war der junge, furchtsame Sklave, der ihr in regelmäßigen Abständen wortlos das Essen vor die Zelle stellte und dieses beim nächsten Mal wieder unangerührt mitnahm.

Lara hatte ihn gebeten nichts seinem Befehlshaber von ihrem Hungerstreik zu erzählen. Wenn Bradek erfuhr, dass sie keine der Drogen zu sich nahm, würde er sie ihr mit Gewalt verabreichen und sie war zur Zeit nicht im Stande sich zu wehren. Sie wäre der Elite noch hilf- und schutzloser ausgeliefert als zuvor.

Tommy schien Wort gehalten zu haben, denn bis jetzt hatte noch keiner der Krieger sie hier aufgesucht. Tommy hatte zwar nur mit einem scheuen Nicken auf ihre Bitte reagiert, doch sie war sich sicher, dass er auch weiterhin dicht halten würde. Dennoch schien der junge Sklave unglaublich unglücklich zu sein und jedes Mal noch unglücklicher zu werden, an dem er ihr das Essen brachte. Immer wieder flehte er sie mit seinen Blicken an, doch etwas zu essen und verließ dann jedes Mal noch verstörter wieder den Kerker.

Gerade eben öffnete er wieder die Kerkertür und flehte sie mit ihren Blicken an, doch noch etwas zu essen. Nachdenklich blickte sie den mageren Jungen an und meinte nach einer Weile mit kaum noch zu hörender Stimme: „Sag mal, könnte es sein, dass du ziemlich einsam bist?" Tommy zuckte zusammen, als ob sie ihn mitten ins Gesicht geschlagen hätte, und blieb am Kerkerboden hocken. Er sah sie mit großen, traurigen Augen an, schwieg aber. „Das dachte ich mir. Du bist ein echt guter Kerl. Ich finde das wirklich stark von dir, mein Geheimnis für dich zu behalten."

„Ja, aber ich bin doch so wie sie." Erstaunt blickte Lara ihn an. Er hatte bis jetzt nicht sehr viel geredet. „Wen meinst du? Die Elitekrieger?" Tommy nickte.

„Ach was, du bist überhaupt nicht so wie sie. Du bist nicht grausam, niederträchtig, oder korrupt. Du bist einfühlsam und kannst ein Geheimnis für dich behalten." Plötzlich beutelte Lara eine Hustattacke. Besorgt starrte Tommy auf die vom Hunger schwache Frau. Mit einer Handbewegung deutete Lara ihm sich nicht aufzuregen. „Ist schon okay. Du kannst gar nicht so wie sie sein, denn du scheinst dich um jemanden zu sorgen." Tommy verfiel wieder in sein eisernes Schweigen und ließ Lara wieder in dem düsteren Kerker allein zurück.


Wie findet ihr eigentlich Tommy? Sagt bescheid über das Reviewknöpfchen.