Quest for Happiness by Fu-Dragon
Kapitel 18Freitagmorgen. Kermit seufzte laut, während er seine Tasche in den Kofferraum seiner Corvair schmiss. Er ahnte, wem er es verdankte, dass er heute schon frei bekommen hatte.
In knapp drei Stunden würde er bei Angel sein. Er wusste nicht, ob er sich freuen sollte oder nicht. So viel war in der letzten Zeit passiert, dass er die Frau, mit der er eine unsagbar schöne Nacht verbracht hatte, nicht mehr einschätzen konnte. Wie würde sie auf ihn reagieren? Würde sie ihn mit offenen Armen empfangen, oder würde sie in Furcht vor ihm zurück weichen, wie sie es vor wenigen Tagen auf dem Revier tat?
Selbstzweifel machten sich in ihm breit. Vielleicht hatte er doch übereilt gehandelt, als er mit Angel ins Bett gestiegen war. Sie hätten vorher über alles reden sollen und nicht hinterher. Okay, er hatte gespürt, dass sie ihn genauso sehr wollte wie er sie. Dass sie noch Jungfrau gewesen war, sprach eindeutig für sie. Oder doch nicht? Vielleicht hatte sie nur beschlossen, dieses lästige Häutchen ein für allemal los zu werden und er war gerade greifbar. Vielleicht hatte sie ihn ausgenutzt und nicht anders herum. Für ihn persönlich stand zu der Zeit schon fest, dass dies kein One Night Stand war, aber war sie derselben Meinung?
Das würde er spätestens dann wissen, wenn er an der Hütte ankam und sie zur Rede stelle. Dabei hoffte er, dass sie sich in den paar Tagen erholt hatte, bzw. mit den Dingen zurecht kam. Aus Pauls Worten war deutlich heraus zu hören gewesen, dass sie die letzten Wochen sehr viel durchgemacht hatte.
Kermit straffte sich sichtlich, innerlich fühlte er sich auf jede Eventualität vorbereitet. Egal wie, er würde schon damit zurecht kommen, immerhin war er ein hoch trainierter Söldner, den so leicht nichts aus der Bahn werfen konnte.
oooooooooo
Einige Stunden später öffnete der ehemalige Söldner mit Hilfe von Pauls Ersatzschlüssel, die Eingangstüre der komfortablen Hütte, da niemand auf sein Klopfen reagierte. Ein tiefer Atemzug hob seinen Brustkorb. Die ganze Inneneinrichtung der Hütte kannte er nur allzu gut und er spürte ein wenig von dem Frieden, der ihn hier, wie so oft, überkam. Hier fühlte er sich immer sicher. Hierher zog er sich immer zurück, wenn er mit seinen eigenen Dämonen kämpfen musste. Irgendwie fühlte es sich, trotz der Situation, gut an, wieder hier zu sein.
Eine nicht gespülte Tasse in der Küchenspüle teilte ihm mit, dass Angel hier irgendwo sein musste, wenn auch gerade nicht in der Hütte. Er inspizierte kurz die Räume, um sicher zu gehen.
Ein Schlafzimmer war eindeutig in Beschlag genommen, ansonsten stand alles so ziemlich an seinem Platz, und im Kamin konnte er noch die kalte Asche sehen. Nachdem er seine Tasche in das Gästezimmer direkt neben dem ihren gebracht hatte, machte er sich auf die Suche nach Angel.
Kermit brauchte nicht lange zu suchen, bis er eine eindeutig weibliche Figur am Ufer des Sees liegen sah. Die Augen hielt sie geschlossen, ihr Brustkorb hob und senkte sich in regelmäßigen Zügen. Sie schlief wohl. Der Atem stockte ihm bei ihrem Anblick. Angel, die wohl der festen Meinung war, alleine zu sein, trug nur einen mehr als knappen Bikini, der beim bloßen Anblick schon auseinander zu fallen drohte. So kam es Kermit jedenfalls vor.
Das Unterteil bestand aus einem sehr knappen String, der durch zwei dünne Bänder gehalten wurde und das Oberteil, da kam es ins Schwitzen, bestand aus nichts anderem als zwei kleine Dreiecke, die ihre großen Brüste nur unzureichend bedeckten. Wenn er es recht bedachte, bedeckten sie gerade mal ein wenig mehr als ihre Brustwarzen. Ihre Rippen stachen ziemlich weit hervor und auch ihre Beckenknochen konnte er deutlich erkennen. Sie musste in den letzten Wochen noch einmal ziemlich an Gewicht abgenommen haben. Kermit nahm sich fest vor, sie wieder aufzupäppeln, so war sie eindeutig zu dünn. Hier konnte er ja fast mit einer Hand ihre Taille umfassen.
Vorsichtig trat der Ex-Söldner näher heran, nicht sicher, ob er sie aufwecken sollte oder nicht. Etwas geräuschvoller als nötig setzte er sich neben sie ins Gras und wunderte sich, dass sie nicht aufwachte. Ihre gut entwickelten Sinne müssten ihr doch sicherlich schon mitgeteilt haben, dass sie nicht mehr alleine war. Es gab für ihn nur eine Antwort warum sie noch schlief: Er stellte für sie keine Bedrohung dar und deshalb erwachte sie nicht.
Einige Minuten später, als eine leichte Brise, ziemlich kalt für diese Jahreszeit, über sie hinweg wehte, bewegte sie sich leicht und öffnete die Augen. Als sie ihn erkannte setzte sie sich mit einem erschrockenen Laut auf.
"Kermit, wie kommst du denn hierher?", rief sie aus.
Einen Moment nahm er deutlich den Schmerz und die Pein in ihren Augen wahr, bevor diese wieder ausdruckslos wurden und sie ihre übliche Maske aufsetzte, die sie auch auf dem Revier zur Schau gestellt hatte.
"Mit dem Auto", entgegnete er sanft.
Sie griff nach dem neben ihr liegenden Pullover und zog ihn sich schnell über den Kopf. Die Knie zog sie beschützend an ihren Körper.
"Ich habe nicht mit Gesellschaft gerechnet", meinte sie entschuldigend.
Kermit zuckte die Schultern. "Kein Problem."
"Wusstest du, dass ich hier bin?"
"Wäre ich sonst hier?"
Angel verdrehte die Augen. Mal wieder typisch Kermit, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. Sie benahmen sich wie Fremde, nicht wie Menschen, die einmal sehr viel mehr miteinander teilten.
"Wie lange bist du schon hier?"
"Nur ein paar Minuten."
"Und? Gute Fahrt gehabt?"
"Ja, es gab kaum Verkehr auf der Straße."
Angel erhob sich graziös auf die Beine. "Dann kannst du jetzt sicher einen Kaffee gebrauchen nach der langen Fahrt."
Kermit zog scharf die Luft ein, als er die verblassenden blauen Flecken entdeckte, die ihre Rückseite und Schenkel zierten.
"Mein Gott, wer hat dir das angetan?", fragte er und streckte die Hand nach ihr aus.
Sie wich ihm mit einer geschickten Drehung aus und trat einen Schritt zur Seite.
"Das ist nicht wichtig. Kommst du jetzt, oder willst du lieber weiterhin die Aussicht genießen?"
Kermit beschloss, ihre unmissverständlich ausweichende Antwort vorerst zu akzeptieren. Ihm war klar, dass sie Zeit brauchte, sich an Gesellschaft zu gewöhnen nachdem sie fast eine Woche alleine hier gewesen war. Er erhob sich und ging ihr hinterher während sie, ohne sich nach ihm umzublicken, auf die Hütte zueilte.
Kurz nach ihr betrat er die Küche, wo sie geschäftig die Kaffeemaschine in Gang setzte. Bald duftete es nach frisch gebrühtem Kaffee und Kermit verspürte plötzlich ziemlichen Durst. Dennoch verabschiedete er sich für eine kurze Weile unter dem Vorwand, das Bad aufsuchen zu müssen. Als er zurückkehrte hatte sie sich eine Hose angezogen, so dass man ihre Verletzung nicht mehr sehen konnte. Zwei dampfende Becher standen auf dem Tisch bereit.
Kermit setzte sich und beobachtete sie unauffällig aus dem Augenwinkel. Sie wirkte ziemlich müde und erschöpft. Selbst das geschwächte Licht hier konnte nicht die Linien unterdrücken, die sich in ihr hübsches Gesicht eingegraben hatten. Die Hose hing locker um ihre Hüften, fast so als würde sie jeden Moment herunter rutschen und der Pullover war ihr auch viel zu weit.
Er erinnerte sich an das Kleidungsstück. Sie hatte den Sweater an jenem Tag getragen, als sie sich in seinem Büro gestritten hatten und da hatte er ihr bestens gepasst. Sehnsucht stieg in ihm auf, Sehnsucht nach dieser Frau, die ihn mehr berührte als alles andere. Wie würde es wohl weiter gehen? Er war fest entschlossen für ihre 'Beziehung' zu kämpfen, doch zuerst mussten sie erst wieder in der Lage sein, sich wie zwei normale Menschen zu unterhalten. Die Fröhlichkeit und Offenheit, die sie immer ausgestrahlt hatte, war nämlich gänzlich verschwunden.
Kermit konnte die Stille nicht weiter ertragen und sagte das Erste was ihm in den Sinn kam: "Angel, wie geht es dir so?"
"Das siehst du doch, du sitzt vor mir."
"Das meine ich nicht und das weißt du."
Angel seufzte leise und ließ resigniert den Kopf hängen. "Es ist soviel passiert und ich kann es nicht mehr ungeschehen machen", gestand sie leise.
"Nichts davon war deine Schuld. Paul hat uns berichtet wie alles zustande gekommen ist. Was hast du denn für eine andere Wahl gehabt?"
"Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich es nicht mehr ungeschehen machen kann."
"Angel, es nimmt dir niemand übel was da passiert ist."
Sie lachte rau und zupfte einen unsichtbaren Fussel von Stoff ihrer Hose, dann rückte sie die leicht schief stehende Vase auf dem Tisch zurecht und rührte anschließend in ihrem Kaffee herum. Kurzum tat sie gerade alles, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen.
"Erzähle mir nichts, Kermit. Ich habe den Ausdruck in deinen als auch in Peters Augen gesehen. Ich weiß wovon ich rede."
"Ach, wirklich? Und du denkst du kannst das nicht mehr rückgängig machen? Du redest Unsinn!"
Angel sprang auf die Füße, Kermit war genauso schnell.
"Von was willst du mich eigentlich überzeugen? Willst du mir sagen, speziell Peter als auch du habt alles vergeben und vergessen und wir können genau da weiter machen, wo wir geendet haben?"
Kermit trat einen Schritt auf sie zu. Sie fiel sofort in eine Verteidigungsposition. Vorsichtig hob er die Hände und ging wieder mehr auf Abstand. Für ihn wurde immer deutlicher, welch emotionale und wohl auch körperliche Berg- Und Talfahrt sie in Strakers Lager durchgemacht haben musste und das musste sie unbedingt bewältigen.
"Ich tue dir nichts, Angel.", sagte er beschwichtigend und räusperte sich leicht. "Nein, ich will nicht sagen dass wir einfach da weiter machen können als wäre nichts geschehen, aber wir können reden. Gemeinsam schaffen wir alles aufzuarbeiten. Meinst du denn ich wäre hier, wenn du mir vollkommen egal wärst? Oder wenn ich einen Hass auf dich schieben würde?"
Ihr Kopf sank weiter nach unten. Sie setzte sich wieder und strich sich fahrig durch die langen Haare.
"Du hast ja Recht Kermit, es ist nur so viel geschehen. Du weißt, ich habe euch alle mit voller Absicht belogen. Gerade die Menschen, die mir am meisten bedeuten auf dieser Welt. Gut, ja, es war notwendig, um Straker schnappen zu können, aber ich weiß einfach nicht, wie ich damit zurecht kommen soll. Wie könnt ihr mir je wieder vertrauen nach all dem, was ich vom Stapel gelassen habe? Als ich Peters Gesichtsausdruck sah, diese gebrochenen, trostlosen Augen, da hätte ich mich am liebsten selbst umgebracht. Ich weiß wie tief er für mich empfindet, ich bin für ihn die Schwester, die er nie gehabt hat und dann tue ich ihm so etwas an. Das werde ich mir nie verzeihen können", brach es aus ihr heraus.
Kermit holte tief Luft. Nur schwer widerstand er der Versuchung, sie in die Arme nehmen und zu trösten. Vorsichtshalber schob er seine Hände in die Hosentaschen, nur um sie gleich wieder heraus zu ziehen und sich fahrig die Brille auf seiner Nase gerade zu rücken.
"Hör mal, Angel, ich will dir nichts vormachen. Peter geht es im Moment nicht sehr gut, er hat große Probleme alles zu verarbeiten, weil er genau wie du dazu neigt, die gesamte Schuld auf sich zu nehmen. Er macht sich schreckliche Vorwürfe, dass er nicht früher etwas davon gemerkt hat, und dass er dich nicht beschützen konnte. Er ist voller Ärger darüber und benimmt sich dementsprechend."
"Das ist doch Irrsinn! Peter kann überhaupt nichts dafür. Er hat nichts getan. Im Gegenteil, er hat sich immer äußerst liebevoll um mich gekümmert! Er soll diese verdammte Schuld endlich loslassen!", rief sie konsterniert aus.
Kermit verschränkte die Arme vor der Brust. "So und jetzt denke mal über die Worte nach, die du gerade vom Stapel gelassen hast. Kommt dir da nichts bekannt vor?"
Angel erbleichte. Es durchfuhr sie wie ein Blitz. Sie erkannte, dass sie sich genau wie Peter verhielt. Eine einzelne Träne lief ihr über die Wange, die sie ärgerlich abwischte. Schließlich meinte sie: "Bei mir liegt der Fall aber etwas anders, da ich diejenige bin, die all die Lügen verbreitet hat und nicht Peter, oder du, oder Caine, oder wer auch immer."
"Sicherlich, aber wie ich schon sagte, was hättest du anderes machen können? Für dich gab es nur diesen einen Weg, um die Menschen, die du liebst, zu beschützen. Und ich sage dir noch etwas, liebe Angel. Das ist nicht das Einzige was an dir zehrt." Kermit machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor er fort fuhr.
"Du hast eine harte Zeit hinter dir in Strakers Camp, das erkenne ich an deinen Augen und an deinem gesamten Benehmen, aber du hast dies alles mit Bravour durch gestanden. Jetzt nun hast du das Ziel erreicht, auf das du schon seit Jahren hingearbeitet hast, wenn auch vielleicht unbewusst: Du hast den Mistkerl aus dem Verkehr gezogen, der dich zusehen ließ, wie er deine Eltern gewissenlos umgebracht hat und dich folterte. Und nun fühlst du dich vollkommen leer und ausgebrannt und meinst, kein anderes Ziel mehr vor Augen zu haben. Dabei aber gibt es doch noch so vieles mehr."
Noch einmal hielt er inne und schaute die junge Frau eindringlich an. "Angel, du hast jetzt wieder eine Familie, die dich liebt und für die es sich zu kämpfen lohnt. Wirf nicht das weg, was du gefunden hast und was dir freiwillig und von ganzem Herzen angeboten wird. Und..." seine Stimme wurde leiser "…außerdem gibt es noch uns. Ich bin nicht bereit, dich so einfach aufzugeben, Dollface! Gemeinsam können wir alles bewältigen, ich kann dir helfen mit den Erinnerungen an Straker. Alles andere wird von selbst wieder ins Lot kommen, sofern du es nur willst. Vertrau mir!"
Mit dieser langen Rede hatte Kermit sie gründlich auseinander genommen. Er war nicht sicher, ob er den richtigen Weg gewählt hatte. Seine Rede war ziemlich riskant, doch wenn nur noch ein kleiner Teil der liebenswerten Angel in ihr steckte, die er zu mögen gelernt hatte, dann würde sie darauf reagieren.
Angel starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Langsam, um sie nicht zu erschrecken, nahm Kermit seine Sonnenbrille ab und erwiderte ihren Blick offen und frei, erlaubte ihr, in seinen Augen die Wahrheit zu lesen.
Die Stille hielt an. Er vermochte nicht zu sagen, wie lange sie sich einfach nur in die Augen sahen. Er konnte deutlich erkennen, wie sehr es in Angel arbeitete. Die widersprüchlichsten Emotionen spiegelten sich in ihren Augen. Er wünschte sich, mehr für sie tun zu können, aber im Moment waren ihm schlichtweg die Hände gebunden. Den nächsten Schritt musste eindeutig sie machen.
Angel unterbrach den Blickkontakt. Wie eine alte Frau erhob sie sich von ihrem Stuhl und ging Richtung Außentüre. Kermit machte keine Anstalten, ihr zu folgen, ganz automatisch schob er sich seine Brille wieder auf die Nase. Mit Entsetzen wurde ihm klar, dass er sie für immer verlieren würde, wenn sie jetzt das Haus verließ, aber er durfte sie auch nicht zurück halten.
Ihre Hand zögerte, verharrte über dem Türknopf. Mit dem Rücken ihm zugewandt sagte sie plötzlich so leise, dass er es fast überhörte: "Würde es dir etwas ausmachen, mich einfach nur in den Arm zu nehmen?"
Einen Herzschlag später befand er sich an ihrer Seite und zog sie beschützend in seine Arme. Sie stand nur reglos da. Sie schob ihn nicht weg, aber sie umarmte ihn auch nicht. Erst nach mehreren Minuten ging ein leichtes Zittern durch ihren Körper und sie hob die Hände und schlang sie um seinen Nacken. Gleichzeitig brach ein Sturm über ihn herein, auf den er schon in den ersten Minuten seiner Ankunft gehofft hatte. Er wurde höchste Zeit, dass Angel ihrem Kummer freien Lauf ließ.
Heftige Schluchzer schüttelten ihren Körper. Kermit merkte, wie die Beine aufgrund der Heftigkeit ihres Weinkrampfes unter ihr nachgaben. Seine Arme schlangen sich fester um ihren Körper. Ohne lange zu überlegen, hob er sie hoch und trug sie zum Sofa zurück, wo er sich mit ihr auf dem Schoß und fest umfangen hinsetzte.
Er spürte ebenfalls, wie seine Augen feucht wurden. Angel wirkte im Moment auch mehr als Erbarmungswürdig wie sie hier voller Schmerz an seiner Brust lag. Er meinte, ihre Qual beinahe körperlich zu spüren. Doch alles, was er im Moment tun konnte, war sie einfach weiter fest zu halten und zu warten, bis sie sich wieder erholte bzw. ihr Weinen ein wenig nachließ.
Der Detective musste lange warten, bis das Schluchzen weniger wurde und nach weiteren Minuten schließlich ganz nachließ. Um ihr noch ein wenig mehr Zeit zu lassen wartete er noch ein paar Minuten, bevor er die Hand unter ihr Kinn legte und es sanft anhob. Forschend schaute er ihr in die Augen.
"Ein wenig besser jetzt?", hakte er nach.
Angel zuckte mit den Schultern, seinem Blick konnte sie nicht ausweichen.
"Ich bin mir nicht sicher. So schnell kann nicht alles vorbei sein", erwiderte sie.
Unwillkürlich verstärkte er den Griff um ihre Taille und seufzte leise.
"Ich weiß, Dollface, ich weiß. Aber nun hast du jemanden hier, mit dem du über alles reden kannst."
Angel schaute ihn nach wie vor unverwandt an. Ihre rechte Hand legte sich an seine Sonnenbrille und zog sie ihm von der Nase, was er sich, ganz entgegen seiner Art, gefallen ließ.
"Und? Immer noch nicht überzeugt?", erkundigte er sich nach fast einer Minute intensivem Blickkontakts.
Ihm war klar, dass sie sich in diesen Sekunden einiges entschied, wenn nicht sogar alles. Angel brauchte einfach die Bestätigung in seinen Augen ob er das, was er sagte auch tatsächlich ernst meinte.
Ein leichtes Lächeln umspielte plötzlich ihre Lippen. "Oh doch, das bin ich. Ja..." Sie zögerte einen Moment als sei sie wirklich davon überrascht, dass es stimmte. "Das bin ich wirklich."
Einen kurzen Augenblick lang berührten ihre Lippen die seinem in einem hauchzarten Kuss.
"Danke Kermit."
Der Cop spürte wie sich alles in ihm zusammen zog. Mit einem Mal stand die Nacht, die sie miteinander verbracht haben, ihm wieder glasklar in Erinnerung. Dieser leichte Kontakt hatte gereicht, um alle Gefühle wieder an die Oberfläche zu bringen, die sich wohl auch deutlich in seinen ungeschützten Augen widerspiegelten. Gleichzeitig merkte er aber auch, wie sich Angel von ihm zurückzog.
Er lockerte seinen beschützenden Griff um ihre Taille, damit sie aufstehen konnte. Ihm wurde bewusst, dass er gerade auf dem besten Weg war, sie zu überfordern. Mit einer schnellen Bewegung griff er nach seiner Brille und setzte sie sich wieder auf die Nase.
Im Gegensatz zu Angel, die anfing wie ein gefangener Tiger hin und her zu laufen, blieb er sitzen und beschränkte sich aufs Beobachten. Dieser plötzliche Bewegungsdrang war typisch, das kannte er zur Genüge von Peter. Allerdings hatte er hier schon Schwierigkeiten, nicht aufzustehen und sich ihr in den Weg zu stellen.
"Willst du Kaffee?", erkundigte sie sich überraschend.
Kermit lächelte leicht. "Da brauchst du bei mir nicht zu fragen. Du weißt, ich brauche Kaffee zum täglichen Leben, wie die Luft zum Atmen."
Sein Scherz kam nicht an. Angel verzog keine Miene, sondern ging einfach nur in die Küche.
"Soll ich dir helfen?", rief Kermit ihr hinterher, wohl wissend, wie die Antwort ausfallen würde.
"Nein, Danke", kam auch die prompte Erwiderung.
Wenige Minuten später kehrte Angel mit dem dunklen Gebräu zurück und setzte sich neben ihn. Schweigend tranken sie das schwarze Gemisch und Angel wurde zunehmend ruhiger. Kermit fasste sich ein Herz und wagte vorsichtig einen weiteren Vorstoß.
"Bereit zu reden?"
Angel zuckte die Schultern. "Kommt darauf an über was", erwiderte sie zurückhaltend.
"Über alles wozu du Lust hast."
Schweigen.
Kermit zog die Luft ein. "Gut, wie wäre es, wenn ich dir Fragen stelle und du sie beantwortest. Natürlich nur sofern du willst?"
"Wenn du meinst", antwortete sie in einem Ton, der auch exakt das Gegenteil bedeuten konnte.
"Wie fühlst du dich wirklich?", fing er an.
"Besser als vorhin."
Innerlich verdrehte Kermit die Augen, sie hatte wohl in der letzten Zeit gelernt, ihre Auskünfte so vage wie möglich zu halten. Egal wie er es anstellte, sie gab nur einsilbige Antworten von sich, bis er mit seiner Geduld so ziemlich am Ende war. Mit einem lauten Klirren stellte er seine, inzwischen leere, Tasse auf den Tisch zurück.
"So geht das nicht, Angel. Wenn du nicht reden willst, gut. Aber spiele nicht diese Spielchen mit mir, die hatte ich schon zur Genüge und muss das nicht erneut durchexerzieren. Ich werde nun einen langen Spaziergang machen und mich ein wenig umsehen. Überlege dir, was du eigentlich willst."
Mit diesen Worten stand der Detective auf, überprüfte kurz seinen Desert Eagle auf Funktionsfähigkeit und verließ die Hütte. Die Türe klickte hinter ihm ins Schloss.
Der Laut war leise, aber er ließ Angel dennoch zusammen zucken. Erneut stiegen Tränen in ihren Augen auf. Kermit hatte ja so Recht, sie wusste einfach nicht, was sie wollte. Zu viele Gefühle, gute und schlechte, tobten in ihrem Inneren, so dass sie sich vollkommen zerrissen fühlte. Und im Moment konnte sie nicht sagen, welche Emotionen letztendlich die Oberhand behalten würde.
oooooooooo
Es dauerte fast drei Stunden bis Kermit wieder in der Hütte auftauchte. In der Zwischenzeit war die Dämmerung herein gebrochen und der Himmel leuchtete in allen nur erdenklichen Rottönen, während die Sonne langsam hinter den Bergen und Bäumen verschwand.
Der ehemalige Söldner entdeckte Angel hinter dem Haus. Sie saß in einem der Gartenstühle und beobachtete den Sonnenuntergang. Ohne ein Geräusch zu verursachen, trat er hinter sie, schnappte sich einen der Stühle und setzte sich daneben. Angel wandte nicht einmal den Kopf in seine Richtung.
"Die Sonne geht unter und am nächsten Morgen geht sie wieder auf. Seitdem ich hier bin, sitze ich jeden Abend und Morgen hier draußen und beobachte dieses Schauspiel. Das ist eine der wenigen Konstanten, auf die man sich fest verlassen kann. Es ist herrlich", meinte sie völlig übergangslos.
"Ja, gegen dieses Schauspiel kommt man sich selbst sehr klein vor", erwiderte Kermit.
Angel seufzte leise. "Ich wünsche mir oft, eine Wolke zu sein. Ich würde am Himmel schweben, auf die Erde hernieder schauen und irgendwann einfach vergehen, so als hätte ich niemals existiert. Keine Sorgen zu haben, keine Angst zu haben, sich nicht um das Morgen Gedanken machen müssen. Das wäre einfach nur schön", sagte sie sehnsuchtsvoll.
"Du vergisst nur die anderen Dinge des Lebens, Angel. Die Menschen, die sich um dich sorgen, die Menschen, die für dich da sind, wenn du sie brauchst. Die Menschen für die du da bist, wenn sie dich brauchen. Das alles würdest du dann nicht haben. Du wärst Einsam und auf dich alleine gestellt."
"Das bin ich doch eh schon", flüsterte sie voller Trauer.
Kermit setzte sich vor, so dass er Angel aus nächster Nähe betrachten konnte. "Nein, das bist du nicht. Du irrst dich."
Angel lachte hart auf. "Ach, ich irre mich? Kermit ich habe den Blick gesehen den du und Peter mir zugeworfen habt. Ich habe gespürt wie sehr ihr mich hasst. Selbst Caine hat sich im ersten Moment von mir abgewandt. Nein, ich habe niemanden mehr."
Für Kermit war das nun endgültig zuviel. Wann würde sie endlich aufhören, sich über das Gedanken zu machen, was auf dem Revier geschah? Die Argumentation mit den Blicken hatten sie vorhin schon hinter sich gebracht und er hatte gedacht, sie hätte es kapiert, dass ihr keiner Vorwürfe machte. Anscheinend nicht. Seine eh schon kaum noch vorhandene Geduld erschöpfte sich rapide. Wenn man nicht mit reden weiter kam, dann mussten eben Taten herhalten. "Verdammt!", rief er aus und sprang auf die Beine.
In einer fließenden Bewegung packte er die völlig überrumpelte, junge Frau an den Schultern, zog sie aus dem Stuhl und schüttelte sie einen Tick zu heftig.
"Komm endlich wieder zu dir um Himmels willen! Du strickst dir hier etwas vollkommen haltloses zusammen. Ja, ich gebe zu, ich war wütend, sehr wütend an jenem Tag. Aber nachdem sich alles so entwickelte, wie es sich entwickelt hat, ist das ganz anders. Kapiere doch endlich, dass dir niemand etwas nachträgt. Gut, Peter hat noch Probleme, aber nur, weil er sich selbst Vorwürfe macht. Komm endlich wieder heraus aus deinem Kokon von Selbstmitleid und Selbstzerfleischung. Damit schadest du nicht nur dir, sondern auch allen anderen, die dir nahe stehen. Siehst du das denn nicht?"
"Ich... ich kann einfach nicht mehr zurück, bitte versteh das Kermit", flüsterte sie.
Sie machte nicht einmal den Versuch, sich aus seinem Griff zu befreien. Für ihn eindeutig ein schlechtes Zeichen. Wo war die Frau geblieben, die sich den Widrigkeiten des Lebens entgegen stellte und kämpfte?
"Den Teufel kannst du. Jeder wartet auf deine Heimkehr. Willst du uns alle wirklich hängen lassen? Das kann ich nicht glauben. Fang endlich wieder an zu kämpfen. Oh Mann, du ahnst gar nicht wozu ich im Moment Lust hätte. Am Liebsten würde ich dich übers Knie legen und wenn es sein muss, dir Verstand mit meiner Hand auf deinem Hosenboden einbläuen!"
Täuschte er sich, oder blitzte tatsächlich der erste Funken Widerstand in ihren Augen auf?
"Das wagst du nicht", flüsterte sie.
"Glaube lieber daran", entgegnete er.
Instinktiv versuchte Angel nun doch einen Schritt von ihm los zu kommen, doch Kermit hielt sie unerbittlich fest. Ja, er zog sie sogar noch ein wenig näher an sich heran und machte Anstalten, seinen rechten Fuß auf die Stuhllehne zu stellen.
"Nun komm schon, wehre dich dagegen", stachelte er sie an.
Angel tat nichts dergleichen. Er spürte zwar einen leichten, schwachen Widerstand, doch er hatte keine Probleme diesen zu überwinden. Wenige Sekunden später positionierte er sein Bein auf dem Stuhl und beugte Angel über sein Knie. Eine Hand drückte in ihren Rücken, hielt sie so gebeugt und seine andere Hand lag ruhig knapp über ihrem Po.
"So und nun sage noch einmal, ich würde es nicht wagen", forderte er sie heraus.
Angels Körper spannte sich an. Sie hätte sich mit einer einzigen winzigen Drehung problemlos befreien können, aber sie tat es nicht.
"Na los, dann tu es doch. Komm, mach schon. Du kannst mir nichts antun, was mir nicht schon angetan wurde. Das macht mir auch nichts mehr aus", flüsterte sie.
Kermit seufzte unhörbar. Diesmal hatte er Angel eindeutig überschätzt. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie sich wehren würde, aber das war nicht eingetreten. Wusste sie, dass er sie niemals schlagen würde? Selbst wenn er es wirklich gewollt hätte, er hätte es nicht gekonnt.
Mit einem lauten Fluch ließ er sie los und trat einen Schritt zurück. Angel, die damit nicht gerechnet hatte, fiel zu Boden, wo sie einfach wie ein Häufchen Elend mit tief gebeugtem Kopf liegen blieb.
Kermit fuhr sich durch die Haare. Das durfte doch echt nicht wahr sein. Er hatte keinen blassen Schimmer wie er das nun wieder ins Lot bekommen sollte. Sie musste ja direkt Angst vor ihm bekommen, wenn er sie so behandelte. Zu spät erinnerte er sich daran, was sie in Strakers Camp durchgemacht haben musste. Die blauen Flecken an ihren Schenkeln deuteten für ihn jedenfalls darauf hin.
"Angel, es tut mir leid", wisperte er, nicht sicher ob er tatsächlich gesprochen hatte, oder es nur dachte.
"Es ist nicht deine Schuld, ist nichts passiert", erwiderte Angel.
Kermit konnte es nicht fassen. Er hatte sie eindeutig bedroht und schon wieder wollte sie die Schuld auf sich nehmen.
"Oh Mann, wie tief willst du eigentlich noch sinken? Komm doch endlich zu dir! Du bist nur noch ein Schatten deiner selbst. Wie kannst du dich nur so erniedrigen?", rief er erregt aus.
Plötzlich fing Angel an, unkontrolliert zu lachen, so dass Kermit sie nur verblüfft anstarren konnte. Was war nun wieder los?
"W...weißt du, dass ich genau in dieser Position das erste Mal in Strakers Camp gelandet bin?", brachte sie zwischen Lachsalven hervor.
Kermit fand das gar nicht lustig. Er konnte nur erahnen, was gleich darauf folgen sollte und er hatte Recht. Innerhalb der nächsten Sekunde hatte er nur noch ein zitterndes Nervenbündel vor sich, der die Worte wie ein Wasserfall heraus strömten.
Angel erzählte ihm alles. Angefangen von diesem grausamen Mord in ihrer Kindheit, über die Zeit danach, bis hin zu den Erlebnissen in Strakers Camp, in dem sie einige Zeit hatte verbringen müssen, um ihre Identität zu wahren, damit man sie für den 'Job' auf dem Revier 'buchte'. Sie ließ nichts aus, beschrieb ihre Gefühle, ihre Leiden, einfach alles. Kermit war Gottfroh, dass sie sich ihm endlich ganz öffnete. Längst hatte er den Standort gewechselt und sich mit ihr auf die Couch im Wohnzimmer verzogen. Angel hatte das nicht einmal gemerkt.
Das alles kam ihm vor wie ein Dejá Vu, doch nun weinte sie sich endlich richtig aus. Er hatte gedacht, der vor wenigen Stunden erlebte Tränenausbruch wäre schlimm gewesen, so wurde er jetzt eines besseren Belehrt. Selten hatte er einen Menschen erlebt, der seelisch durch Selbstkasteiung und das andere Erlebte so dermaßen litt, wie Angel. Es wurde endlich Zeit, dass sich alles dem besseren zuwenden würde und er würde auch dafür sorgen, komme was da wolle.
Nachdem Angel sich ausgeweint hatte, war sie so erschöpft, dass sie an seiner Schulter einschlief. Er brachte sie ins Bett und zog sich dann wieder ins Wohnzimmer zurück. Kermit ging einfach so viel im Kopf herum, dass er an Schlaf gar nicht zu denken wagte. Fast bis in die frühen Morgenstunden tigerte er unruhig durchs Haus, bis er auf der Couch letztendlich doch noch in einen unruhigen Schlaf fiel.
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Der nächste Tag verlief in einer Art gemächlichen Wiederkennenlernens. Kermit als auch Angel gingen äußerst vorsichtig miteinander um. Der Detective stellte bald fest, dass ein Teil der 'alten' Angel langsam wieder ans Tageslicht trat und er war unendlich dankbar dafür.
Kermit hatte darauf bestanden noch einmal alles mit ihr durchzugehen. Es waren schwere Stunden gewesen, aber sie hatten doch Erfolg gezeigt. Immerhin hatte sich Angel breit erklärt, mit ihm am nächsten Tag nach Sloanville zurück zu kehren. Ihren Wagen hatte sie eh gemietet, von dem her war auch das Fahren kein Problem. Nur ein Thema wurde noch immer vermieden und das war ihre persönliche Beziehung.
Gegen Abend saßen sie einträchtig zusammen und sahen sich in dem kleinen TV einen Film an. Eigentlich war es eine absolut doofe, unlustige Komödie, aber Angel kam nicht mehr aus dem Lachen heraus. Es tat so gut, endlich wieder lachen zu können, sie fühlte sich jedenfalls mehr und mehr befreit. Kermit konnte aufgrund ihres Benehmens nur schmunzeln, eine Bemerkung hielt er wohlweißlich zurück.
Nachdem der Film zu Ende war, schaltete Kermit den Fernseher aus und streckte sich. Innerlich war er richtig stolz darauf, dass er es geschafft hatte, sich den gesamten Abend zurück zu halten und sie nicht anzufassen, auch wenn es ihn ständig in den Fingern juckte.
"Wenn wir morgen früh gleich losfahren wollen, sollten wir uns langsam Richtung Bett bewegen", meinte er und erhob sich vom Sofa.
Angel schluckte hart. Kermits Bemerkung erweckte in ihr ein paar Erinnerungen, die ihr glatt die Röte in die Wangen trieb.
"I...ich bin noch nicht müde", stotterte sie. *Oh, oh, wie kann ich mich nur so verraten*, dachte sie gleichzeitig.
Kermit warf ihr einen Seitenblick zu. Ihm entging weder ihr Erröten noch ihr Stottern. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Anscheinend dachte sie an dasselbe wie er. Vielleicht ein guter Anfang, um über das zu Reden, was noch nicht angeschnitten worden war.
Kermit ließ sich auf die Couch zurück fallen. "Okay, dann reden wir noch ein wenig."
"I...Ich würde lieber noch fernsehen", entgegnete Angel und griff nach der Fernbedienung.
Kermit war schneller. Seine warme Hand legte sich auf die Ihre und mit der anderen zog er die Fernbedienung unter ihren Fingern weg.
"Es läuft nichts gescheites mehr. Eine gepflegte Unterhaltung finde ich besser."
Er drückte Angels Hand kurz, bevor er sie wieder los ließ und sich in die Couch zurück sinken ließ.
Irgendwie beschlich Angel das Gefühl, dass sie keine Chance hatte, diesem Gespräch zu entkommen, so fügte sie sich einfach ihrem Schicksal, denn wenn Kermit sich etwas in den Kopf setzte, kam man nicht dagegen an. Das war so ziemlich das Erste gewesen, was sie lernte, als sie ihn kennen gelernt hatte.
Ein ergebener Seufzer folgte auf die Worte: "Also, über was willst du reden?"
"Über uns", erwiderte Kermit sanft.
Angel schloss kurz die Augen. *Ich ahnte es.*, schoss es durch ihre Gedanken. Laut meinte sie: "Fang an."
"Wir hatten keine Möglichkeit uns zu unterhalten, du weißt was dazwischen kam. Aber vielleicht sollten wir das jetzt tun", begann Kermit.
Die junge Frau zuckte unsicher die Achseln. "Wenn du meinst."
"Du hast mich in dieser Nacht ziemlich überrascht, Dollface. Wenn ich gewusst hätte, dass du noch niemals mit einem Mann zusammen warst, wäre ich anders mit dir umgegangen."
"Anders wie in: Ich hätte dich nicht angefasst, oder wie?", erwiderte Angel leicht schnippisch in Erwartung eben jener Antwort.
Kermit verzog das Gesicht. "Das wohl weniger, aber jede Frau hat etwas besonderes verdient, bei ihrem ersten Mal", erwiderte er. "Ich denke da an ein erstklassiges Dinner, Kerzenlicht und sanfte Verführung."
Langsam dämmerte Angel, dass Kermit ihr doch keine 'Absage' erteilte.
"Ich habe mich jedenfalls nicht beschwert", meinte sie. "Oder hattest du das Gefühl, ich fand es nicht schön?"
Kermit schüttelte den Kopf. "Nein, das hatte ich natürlich nicht. Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir noch nicht darüber geredet haben, was da zwischen uns passierte. Du sollst wissen, dass es für mich kein One Night Stand gewesen ist."
"Na ich treibe mich auch nicht gerade in jedem Bett herum", erwiderte sie pikiert.
Kermit seufzte laut. "Angel, du machst es mir nicht gerade leicht."
"Ja, ja schon gut", gab sie zurück. "Ich..." sie zögerte einen Moment. "Ich bin einfach nicht gut, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll", gab sie zu.
"Wie wäre es, wenn wir einfach sehen wohin es uns führt? Ich für meinen Teil möchte es versuchen. Klar, ich kann dir keine Versprechungen für die Zukunft machen. Wer weiß schon, was uns noch erwartet, aber ich will diese Nacht auch nicht einfach als niemals geschehen ad Akta legen."
"Das will ich ja auch nicht. Du weißt, dass ich dich mag, Kermit." Erneut ein Zögern. "Mehr als das, doch das ist einfach noch so neu für mich."
"Du hast alle Zeit der Welt. Ich habe nicht vor, dich zu bedrängen, oder dich zu irgendetwas zu überreden, was du nicht willst. Ich kann auch verstehen, wenn du es langsam angehen lassen willst."
Auf Angels Lippen zauberte sich ein Lächeln, das Kermit fast den Atem raubte. Endlich war es wieder da, dieses zauberhafte Kräuseln ihrer süßen Lippen, tief aus ihrem Inneren kommend, das er so schmerzlich schon seit Wochen vermisste.
"Einverstanden", meinte sie. "Lass uns schauen wie weit es uns bringt. Dir wird so klar sein wie mir, dass ein paar Menschen nicht besonders glücklich darüber sein werden, wenn wir unsere, ich sage mal, 'Beziehung' weiter führen. Ich kann mich gut daran erinnern wie Peter reagiert hat, als er es herausgefunden hat."
"Er dachte ja auch, ich hätte dich nur benutzt. Ich bin sicher, wenn er erkennt, dass es mir ernst ist, dann wird er es auch gutheißen."
Angel schaute auf. Ihre Blicke trafen sich, hielten sich einander fest.
"Ist es dir denn ernst?", fragte sie.
Kermit grinste sie an. "Natürlich, das solltest du mittlerweile auch schon wissen."
Angel erwiderte sein Lächeln. "Ja, schon, aber ich wollte es einfach noch einmal hören."
Kermit konnte ein Lachen nicht mehr unterdrücken. "Du bist mir vielleicht ein Früchtchen."
Angel lachte mit ihm mit, wurde aber auch gleich wieder ernst.
"Wenn nur alles so einfach wäre wie hier", meinte sie. Ein trauriger Ausdruck legte sich erneut in ihre Augen.
Kermit rückte näher an Angel heran und zog sie in die Arme. Sanft strich er ihr über die Haare und über den Rücken, wo er die Hand ruhig an ihrer Taille liegen ließ.
"Das wirst du auch noch schaffen. WIR werden es schaffen. Du wirst sehen, es ist alles nur halb so schlimm wie du denkst. Alle freuen sich darauf, dich wieder zu sehen, vertrau mir."
Angel schmiegte sich mit einem leisen Seufzen an seine Schulter und entspannte sich sichtlich. Träge strichen ihre Finger über seine breite, wohl definierte Brust.
"Na wenn du es sagst, dann muss es wohl stimmen."
"Sicher", flüsterte Kermit und verstärkte die Umarmung. Es tat so gut, sie wieder in den Armen zu halten.
Langsam wandelte sich die gelöste Stimmung. Eine leichte Anspannung machte sich breit. Stück für Stück wichen die Gedanken einem ganz anderen Gefühl. Erregung. Die Körperwärme breitete sich aus. An den Stellen, an denen sie sich berührten, fing die Haut langsam an zu brennen. So kam es Angel jedenfalls vor.
Kermit spürte den Schauer, der durch ihren Körper lief. Er entschloss sich, dass es an der Zeit war, die traute Zweisamkeit zu unterbrechen, bevor sie wieder an einer Stelle endete, an der sich Angel womöglich ausgenutzt vorkommen konnte. Immerhin war er derjenige, der Erfahrung auf diesem Gebiet hatte und nicht sie.
Sanft löste er sich aus der gemütlichen Umarmung und hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. Dann erhob er sich.
"Ich denke, es wird nun wirklich allerhöchste Zeit, dass wir Schlaf bekommen. Ich will nicht auf der Heimfahrt hinter dem Steuer einschlafen."
Angel kam ebenfalls auf die Beine. "Es hat ja niemand gesagt, dass wir um sechs Uhr losfahren müssen. Wenn es später wird, ist es auch kein Problem."
Dem hatte Kermit nicht viel entgegen zu setzen. "Dennoch, wir sollten nun wirklich schlafen gehen. Ich nehme..."
Angel unterbrach ihn mitten im Satz. "Kermit, das soll nun keine Anmache sein, aber ich will heute Nacht einfach nicht alleine sein, kannst du das verstehen?"
Bittende Augen schauten zu ihm hoch. Augen, denen Kermit nicht widerstehen konnte. Anstelle einer Antwort ergriff er ihre Hand und führte sie ins Schlafzimmer. Das glückliche Lächeln von Angel bekam er nur am Rande mit.
In stiller Übereinkunft benutzte Angel als Erste das Badezimmer. Kermit machte in der Zwischenzeit einen Rundgang durch die Hütte, um sicher zu stellen, dass es keine unliebsamen Überraschungen gab und die Türen als auch Fenster fest verschlossen waren. Alte Gewohnheiten starben eben nicht aus und es handelte sich um eine Gewohnheit, die ihm schon das eine oder andere Mal das Leben gerettet hatte.
Er kam gerade rechtzeitig, als Angel aus dem Bad kam. Sie trug ein dunkelblaues Schlafshorty - kurze Hosen und ein knappes T-Shirt, das ihn nach Luft schnappen ließ. Sie konnte wirklich tragen was sie wollte, sie sah einfach in allem atemberaubend aus. Um nicht in Versuchung zu geraten, stürmte er regelrecht ins Bad, dabei fragte er sich ernsthaft ob er nicht zu früh zugestimmt hatte, mit ihr ganz unschuldig die Nacht zu verbringen.
Nachdem er sich geduscht und die für die Nacht zurecht gemacht hatte, betrat er erneut das Schlafzimmer. Angel schien schon zu schlafen, was er erleichtert registrierte. Ohne ein Geräusch zu verursachen, oder die Matratze zu sehr zu bewegen, schlüpfte er unter die Bettdecke auf seine Seite des Bettes.
Kermit lag noch eine ganze Weile wach, der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Um sich abzulenken, beschränkte er sich darauf, die zarte Gestalt neben sich zu betrachten. Nach wie vor erschien ihm Angels Äußeres als das Auferstehen eines Engels. Die blonden Haare lagen wie ein Fächer ausgebreitet um ihren Kopf, die vollen Lippen leuchteten sanft im Schein des Mondes, der durch die Fensters schien und die langen Wimpern warfen bizarre Schatten auf ihre Wangen. Alles in allem offenbarte sich ihm ein einziges Bild des Friedens, wenn nicht die dunklen Ringe unter ihren Augen und die Sorgenfalte auf ihrer Stirn, die auch im Schlaf nicht weichen wollte, gewesen wären.
Der ehemalige Söldner spürte einen überwältigenden Drang, sie zu beschützen. Fast schmerzhaft biss er die Zähne aufeinander, um nicht dem Verlangen nachzugeben, sie einfach in seine Arme zu ziehen und sie zu halten. Seine Gedanken drifteten zurück an jenen schicksalhaften Abend, an dem er genau das getan hatte. Und exakt jener Gedanke führte ihn dann auch über zum Schlaf – einem ziemlich unruhigen Schlaf.
oooooooooo
Der nächste Morgen begann mit einer Überraschung für Kermit. Er erwachte zuerst und stellte erstaunt fest, dass die Frau seiner Träume eng an ihn geschmiegt und direkt in seinen Armen lag.
*Wann ist das denn passiert?*, fragte er sich erstaunt.
Normalerweise wachte er bei dem kleinsten Geräusch auf, gar nicht zu reden davon, was passierte wenn jemand ihn anfasste, und nun lag sie hier fast direkt auf ihm und er hatte es nicht mitbekommen.
*Logisch. Du fühlst dich in ihrer Nähe einfach so wohl, dass du nicht kampfbereit reagierst*, beantwortete er sich die Frage.
Angel bewegte sich ein wenig. Kermit konnte nicht widerstehen und strich ihr sanft über den Rücken. Von dieser leichten Bewegung erwachte sie. Zuerst blickten ihre Augen trübe und verschlafen, doch dann klärte sich ihr Blick und dieser bestimmte Glanz trat in ihre Augen, der ihn immer ganz schwach machte. Sie lächelte zu ihm hoch, ohne anstalten zu machen, sich von ihm zu lösen.
"Guten Morgen", begrüßte sie ihn leise.
"Guten Morgen", gab er zurück.
Er hob die Hand und legte sie um ihr Gesicht. Die Wärme ihrer Wange übertrug sich auf seine Handfläche. Instinktiv rückte sie ein wenig höher. Ihre Blicke versanken ineinander.
Niemand konnte sagen, wer von ihnen den ersten Schritt gemacht hatte. Jedenfalls küssten sie sich im nächsten Moment als gäbe es kein Morgen mehr. Kermit war es, der den leidenschaftlichen und dennoch sanften Kuss unterbrach.
"Wir sollten besser aufhören, wenn wir nicht wollen, dass uns jeder ansehen kann, was wir getrieben haben", meinte er leise.
Angel errötete leicht und zog sich schamhaft ein wenig zurück. "Du hast Recht. Also lass uns Frühstücken und dann geht's Richtung Heimat", erwiderte sie.
Kermit grinste sie an und erhob sich vom Bett. Angel tat es ihm gleich. An der Türe drehte er sich noch einmal zu ihr herum.
"Dollface?"
"Ja?"
"Du siehst richtig süß aus, wenn du rot wirst."
Dann verließ er schnell das Zimmer, um dem Kissen auszuweichen, das prompt in seine Richtung geflogen kam.
oooooooooo
Knapp eine Stunde später befanden sie sich nach einem längeren Telefongespräch von Kermit mit den Blaisdells auf der Heimfahrt. Angel war ziemlich nervös. Trotz seinen Versicherungen, dass man sie mit Freuden erwartete, konnte sie das nicht ganz überzeugen. Zuviel war geschehen in zu kurzer Zeit.
Die Rückreise kam der jungen Frau viel zu kurz vor. Als sie vor dem Haus der Blaisdells hielten, zuckte sie regelrecht zusammen. Auch als Kermit aus dem Wagen stieg, blieb sie sitzen.
Kermit trat um den Wagen herum, öffnete ihre Türe und reichte ihr die Hand. "Nun komm schon, sie warten auf dich."
Angel schaute ihn mit großen Augen an. "Ich habe einfach Angst und ich schäme mich furchtbar", bekannte sie.
Kermit beugte sich vor und küsste sie sanft auf den Mund. "Keine Angst, Dollface. Erstens bin ich bei dir und zweitens will dir wirklich niemand etwas böses. Wie lange willst du noch hier herum sitzen? Du kannst es nicht ewig aufschieben. Du weißt, wenn du nicht zu ihnen kommst, kommen sie zu dir."
Die Worte brachten die junge Frau zurück aus ihrem Staat der Benommenheit. Kermit sprach ein wahres Wort gelassen aus. Sie konnte es weder aufschieben, noch konnte sie einfach zurück treten. Es gab nur einen Weg, den Weg nach vorne und sich den Menschen stellen, die schon längst in ihrem Herzen verweilten.
Schließlich ergriff sie vertrauensvoll Kermits Hand und ließ sich von ihm aus dem Wagen helfen. Auf den Weg zur Haustür, ließ sie seine Hand nicht los. Er drückte die Ihre Beruhigend, gab ihr noch einen Moment Zeit zum Luft holen und betätigte dann die Türklingel.
Nicht einmal eine Sekunde später wurde die Haustüre aufgerissen. Es war mehr als deutlich, dass man schon auf die gewartet hatte. Mitten im Türrahmen stand Peter und sah sie nur an.
Angel wagte kaum den Kopf zu heben, sie schämte sich unendlich. Obwohl Kermit ihr auf der Heimfahrt immer wieder versichert hatte, dass Peter ihr nichts mehr nachtrug, hatte sie Probleme, dies zu glauben. Einzig der warme, aufordernde Druck von Kermits Hand hielt sie davon ab, in wilder Panik zu fliehen.
"Hallo Angel", meinte Peter schließlich, ebenfalls ziemlich unschlüssig, was er tun sollte.
"Hallo", gab sie leise zurück.
Peter spürte, dass er den ersten Schritt machen musste. "Willst du deinen Bruder nicht angemessen begrüßen?", fragte er.
Angel stand da wie festgefroren. Es war ihr unmöglich den Kopf zu heben und ihm in die Augen zu schauen, zu groß war ihre Furcht Ablehnung in den braunen Augen zu finden, die sie so liebgewonnen hatte.
Warme Finger schoben sich unter ihr Kinn. Mit sanftem Nachdruck wurde sie von Peter wortlos aufgefordert, den Kopf zu heben. Nun konnte sie nicht anders und kam der zärtlichen Aufforderung nach.
Augen mit nicht einer Spur von Abweisung musterten sie. Augen, die von Zuneigung und Verständnis sprachen und nicht von irgendwelchen Anschuldigungen. Augen, die offen erkennen ließen: Ich hab dich lieb, kleine Schwester. Angel nahm all diese Eindrücke mit leicht geöffnetem Mund in sich auf.
"Na, willst du mich immer noch nicht begrüßen?", erkundigte sich Peter lächelnd.
Im nächsten Moment warf sie die junge Frau gegen seine Brust. Kaum spürte sie die warmen Arme ihres Bruders um ihren Körper, kamen ihr, wieso oft in der letzten Zeit, die Tränen.
"Es tut mir so leid, so unendlich leid", schluchzte sie. "Ich wollte dir niemals etwas Böses. Niemals! Das musst du mir einfach glauben."
Der junge Shaolin-Cop hielt sie sanft umfangen und strich ihr beruhigend über den Rücken.
"Pscht, schon gut, Kleines. Das weiß ich doch. Es ist alles vergeben und vergessen", flüsterte er ihr mit nicht ganz fester Stimme ins Ohr.
Die liebevollen Worte legten sich wie Balsam auf ihre geschundene Seele. Sie bekam gar nicht mit, wie Kermit sich an ihnen vorbei schob und sich leise ins Wohnzimmer zurückzog, wo die anderen auf sie warteten.
Angel weinte sich all ihren Kummer von Seele, einfühlsam getröstet von ihrem großen Bruder, der sie wie in einem beschützenden Kokon einfach nur festhielt. Seine Nähe und Wärme tat ihr so unbeschreiblich gut.
Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie sich wieder soweit beruhigt hatte, dass sie sprechen konnte. Schließlich löste sie sich von ihm, damit sie ihm in die Augen schauen konnte.
"Na, alles besser jetzt?", erkundigte er sich.
Angel nickte überrascht. Ja, es war tatsächlich so. Sie fühlte sich um einiges besser, als wäre ihr eine große Last von der Seele genommen worden. Sie schaute sich nach Kermit um.
"Kermit ist schon zu den andren gegangen, wollen wir auch, Schwesterchen?"
Angel lächelte zum ersten Mal seit ihrer Ankunft und schmiegte sich vertrauensvoll an ihren Bruder.
"Okay Brüderchen, wir reden später über alles, okay?"
"Okay. Nun komm."
oooooooooo
Mehrere Stunden später befand sich Angel alleine in ihrem Appartement und dachte über das Erlebte nach.
Der Rest des Abends war ihr wie ein Traum vorgekommen. Alle waren sie hier gewesen, Annie, Paul, Caine, Peter und Kermit und nicht ein Einziger befand sich unter ihnen, der ihr einen Vorwurf gemacht hätte. Im Gegenteil, sie war mit offenen Armen und viel Herzenswärme empfangen worden, ganz so wie Kermit es ihr prophezeit hatte.
Nachdem sie ihr anfängliches schlechtes Gewissen überwunden und noch einige weitere Tränen vergossen hatte, war es ein richtig schöner, angenehmer Abend geworden. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit hatte sie sich richtig entspannen können, musste nicht mehr auf der Hut sein und sich nicht jedes Wort zwei Mal überlegen. Endlich war das eingetreten, was sie sich schon seit vielen Jahren im Stillen wünschte. Sie hatte endgültig ihren Platz auf dieser Welt gefunden, inklusive einer Familie, die sie bedingungslos liebte und ohne Wenn und Aber zu ihr stand.
Familie. Ja, das Wort besaß nun einen ganz speziellen Klang für sie. Es klang nach Wärme, Geborgenheit, Zufriedenheit, Akzeptanz, gegenseitigem Respekt und festem Zusammenhalt. Und nach diesem Abend war ihr klar, dass sie das nun endgültig gefunden hatte und nie wieder Angst haben musste, jemals wieder alleine dazustehen.
Dieses Wissen tat ihr mehr als gut. Sie spürte deutlich, wie sich auch der letzte Rest des dunklen, peinigenden Schleiers von ihrem Sein lüftete und ihre Heilung begann. Auch wenn sie wusste, dass sie bis zur gänzlichen Genesung noch einen langen, weiten und harten Weg vor sich hatte, sah sie diesem nun mit frohem Mut entgegen, denn sie beschritt ihn nicht alleine. Da gab es jede Menge Menschen, die ihr dabei helfen würden, allen voran Peter, Kermit und Caine.
Das Läuten des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Sie nahm den Hörer ab und meldete sich. Kermit befand sich am anderen Ende der Leitung.
"Hi Dollface. Ich wollte mich nur erkundigen, ob es dir gut geht", drang seine tiefe, wohlklingende Stimme an ihr Ohr.
"Sicher geht es mir gut. Du hast mich doch erst vor einer halben Stunde hier abgeliefert. Was soll sich daran denn schon groß in der kurzen Zeit geändert haben?", erwiderte sie mit einem spöttischen Unterton, der ihre wahren Gefühle überdeckte.
"Trotzdem. Ich wollte nur sicher gehen."
"Das Geld fürs Telefon hättest du dir eigentlich sparen können, findest du nicht? Du hättest doch nur eine Türe weiter wandern müssen."
"Ich war mir nicht sicher, ob dir der Sinn nach Gesellschaft steht, immerhin war der gesamte Tag nicht gerade einfach für dich."
"Was hast du einmal so schön in deinem Büro zu mir gesagt? Du darfst mich immer stören. Die Worte gebe ich nun einfach an dich zurück."
Kermit lachte leise. "Touché meine Liebe. Gut, dann bin ich in 5 Minuten bei dir. Soll ich irgendetwas mitbringen?"
"Nur dich. Ich denke, ich habe noch genug im Haus, um uns morgen früh ein schönes Frühstück zubereiten zu können."
Sie hörte wie Kermit scharf die Luft einzog bei dieser offensichtlichen Einladung, die Nacht bei ihr zu verbringen.
"Ich glaube, ich schaffe es auch in zwei Minuten. Bis gleich", meinte er und beendete in Windeseile das Gespräch.
Angel legte den Hörer auf die Gabel zurück und lehnte sich mit einem glücklichen Lächeln in die Sofakissen zurück. Urplötzlich sah sie vor ihrem inneren Auge ein Bild, das sie, Kermit und zwei kleine Kinder zeigte. Das Mädchen hatte die blauen Augen seiner Mutter und der Junge die weiße Haarsträhne in ansonsten tiefschwarzem Haar seines Vaters geerbt. Gleich darauf war das Bild wieder verschwunden.
Angel schüttelte ein wenig verwundert den Kopf. War das reines Wunschdenken, oder hatte sie tatsächlich einen kleinen Blick in die Zukunft erhascht? Vielleicht wurde es ja tatsächlich Zeit, eine eigene Familie zu gründen? Den richtigen Mann dazu hatte sie jedenfalls schon gefunden, dessen war sie sich sicher.
War das Leben nicht schön?
ENDE
Sequel "Sense of Guilt" ist in Vorbereitung.
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