ZWEITER TEIL: ... VATER SEIN DAGEGEN SEHR

Eileens Wunsch

Er war an die Brüstung getreten und sah hinunter auf das Treiben im Hof der alten Burg.

Sein Gesicht drückte keines seiner Gefühle aus.

Freude, Stolz, Liebe – sie waren verborgen hinter einer bleichen Maske unter schwarzem, fettigem Haar.

Zwischen den Schülern tollte ein kleines Mädchen umher, warf mit Schneebällen und juchzte.

Seine Tochter.

Er dachte an die Schwangerschaft, die Gier nach Eiscreme und die Hilfe, die ihm zuteil geworden war.

An die schwierige Geburt und an das Glück, sie in den Armen zu halten.

Seine Tochter.

Das Wunder, an das er schon nicht mehr geglaubt hatte.

„Ich denke, sie hat keine magischen Fähigkeiten."

„Aber Severus, das können sie doch noch gar nicht wissen. Nicht bei jeder Hexe zeigen sich diese Fähigkeiten schon im Kleinkindalter. Manchmal ..."

„Aber was, wenn sie wirklich eine Squib ist?"

„Würde das für Sie irgend etwas ändern?"

Er war davon überzeugt, dass seine Tochter keine Hexe war, aber Madam Pomfrey hatte völlig recht: es würde nichts ändern.

Sie war sein Kind.

Er liebte sie, so wie sie war.

„Man lernt die eigenen Erzeuger und ihre Leistungen eigentlich erst wirklich schätzen, wenn man selbst in deren Rolle ist."

Wie recht Madam Pomfrey mit diesem Satz doch hatte.

Nie zuvor hatte er seine Mutter so vermisst.

Nie zuvor hatte er so sehr das Bedürfnis gehabt, sich bei ihr zu entschuldigen für all den Kummer, den er ihr bereitet hatte, für alle ihre Tränen – geweinte und unterdrückte.

Er hatte seine Tochter nach seiner Mutter „Eileen" genannt. Er hoffte, dass sie ihre Stärke und ihren Mut hätte.

Hagrid schleppte Tannenbäume durch den Schnee in die große Halle.

Einige Schüler warfen Schneebälle nach ihm, ließen aber von ihrem Treiben ab als sie das strafende Gesicht des gefürchteten Professors Snape sahen.

Eileen rannte hinter Hagrid her.

Der hünenhafte Mann liebte die Kleine abgöttisch und hatte immer Süßigkeiten für sie, obwohl sie sich inmitten seiner vielen Tiere nie recht wohl fühlte.

Severus war in die Eingangshalle gegangen, hatte sich gebückt und die Arme ausgebreitet, seine lachende Tochter aufgefangen und sie herumgeschleudert.

Es war so einfach, glücklich zu sein.

Abends hatte er Eileen die Geschichte von Babbitty Rabbitty vorgelesen, ihr einen Kuss gegeben und sie gefragt, was sie von einem Ausflug halten würde.

Sie war begeistert, so wie es nur Kinder sein können.

„Sev, wer ist das?"

Er hatte sie gefragt, warum sie ihn nie „Papa", „Papi" oder „Daddy" nannte. Sie hatte nur mit den Schultern gezuckt.

Vielleicht hat sie doch magische Fähigkeiten.

Vielleicht ahnte sie, was er getan hatte.

Er fragte sie nie wieder.

Sie zog an seiner Hand.

„Wer ist das? Warum heißt sie so wie ich?"

„Sie war meine Mutter und somit deine Großmutter. Sie ist vor langer Zeit gestorben."

Severus blickte auf den Grabstein und las die Inschrift.

„Eileen Snape, geliebte Ehefrau und Mutter ..."

Er dachte an seinen Vater.

In seiner Erinnerung war dieser ständig betrunken und verprügelte abwechselnd seine Frau, die Hexe, und seinen Sohn, den Freak.

Irgendwann hatte seine Mutter ihren Sohn und ein paar Habseligkeiten gepackt und war weggegangen.

Sie starb, lange bevor sie geschieden werden konnte – nur deshalb lag sie hier unter einem Grabstein voller Lügen.

Er spürte wie Tränen über sein Gesicht rannen – nach so vielen Jahren konnte er endlich um seine Mutter weinen.

„Habe ich auch eine Mutter?"

In ihrer kindlichen Naivität hatte Eileen ihm die Frage gestellt, die er mehr fürchtete als alle anderen.

„Natürlich hast du eine Mutter", sagte er. „Jeder Mensch hat eine Mutter."

„Wo ist sie?"

„Ich weiß es nicht," antwortete er leise und zögernd.

„Das mit deiner Mutter war ein Fehler, aber du bist mein größtes Glück, mein schönstes Wunder."

Eileen lachte, ließ sich von Severus auf den Arm nehmen und verwuschelte sein Haar.

Er hatte seiner Tochter zwar nicht die Wahrheit gesagt, aber er hatte sie auch nicht angelogen.

Sie saß auf einem der Karussellpferde, winkte ihm zu und juchzte. Er winkte zurück und rief: „Halte dich gut fest!"

Harkness Heights veränderte sich – wieder einmal.

Vom wirtschaftlichen Mittelpunkt der Tuchindustrie ins Vergessen, das war der Teil, den er nur zu schmerzhaft zu spüren bekommen hatte.

Die Arbeitslosigkeit des Vaters, der Alkohol, die Gewalt.

Noch immer gab es das trostlose, verlassene Industriegebiet, in dem sein Elternhaus stand.

In dem er die letzten Monate seiner Schwangerschaft verbracht hatte.

In dem Eileen zur Welt gekommen war.

Aber es gab auch neue Häuser, Geschäfte und einen kleinen Weihnachtsmarkt.

Ein Karussell; einen Nikolaus, auf dessen Schoß die Kinder sitzen und ihm ihre Wünsche ins Ohr flüstern konnten; ein paar Buden mit Kerzen, Bratäpfeln und Zuckerwatte.

„Willst du dem Nikolaus sagen, was du dir zu Weihnachten wünscht?" hatte er Eileen gefragt.

Sie hatte ihn ernst angesehen und „Ich will lieber auf dem Karussell fahren" geantwortet.

Er ließ sie solange fahren bis sie müde war.

„Willst du wissen, was ich mir zu Weihnachten wünsche?" fragte sie als sie wieder auf seinem Arm saß und an einem Bratapfel knabberte.

„Solltest du das nicht besser dem Nikolaus erzählen?"

„Ich will es DIR sagen!" antwortete sie und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Was hatte sich Severus an all den vergangenen Weihnachten gewünscht?

Dass seine Eltern nicht ständig streiten würden.

Dass Lily mit ihm ausgeht und nicht mit diesem Idioten, James Potter.

Dass der dunkle Lord ihn zu seinem Vertrauten und Stellvertreter macht.

Dass Lily verschont würde.

Wünsche, die nicht wahr wurden.

Was wünschte er sich an diesem Weihnachten?

Dass seine Tochter glücklich ist.

Dass Eileen all die Grausamkeiten, die Schlechtigkeiten erspart bleiben würden, die er sich hatte ansehen müssen.

An denen er sich beteiligt hatte.

Er beobachtete seine Tochter, die – noch in ihrem Lieblingsschlafanzug mit den roten Drachen – Geschenke auspackte.

Süßigkeiten von Hagrid, ein Schal und Strümpfe von Madam Pomfrey, ein Buch mit deutschen Märchen von Sieglinda, ein Miniaturdrache, der fauchte und Funken sprühte von Albus.

„Wo ist das Geschenk von dir?" fragte sie ihn und wühlte in den Paketen und Verpackungen, die sich vor ihrem Bett auftürmten.

„Das bekommst du, wenn du dich gewaschen und angezogen hast", antwortete er leise und strich über ihr erhitztes Gesicht.

Sie krabbelte unter ihr Bett. Als sie wieder zum Vorschein kam, hielt sie ein großes und leicht eingestaubtes Paket in der Hand.

„Für dich, Sev. Du musst auch etwas auspacken."

Er war gerührt – es war so lange her, dass ihm jemand etwas zu Weihnachten geschenkt hatte. Damals war es Lily gewesen – die schöne, sanfte Lily, die all das hatte, was er so sehr vermisste: eine Familie, Freunde, Menschen, die sie liebte und die ihre Gefühle erwiderten.

Nur mühsam hielt er die Tränen zurück als er vorsichtig das bunte Papier aufriss.

„Was ...?" stammelte er und hielt das bunte, gestrickte Was-auch-immer-das-sein-sollte hoch.

„Das ist eine Mütze", erklärte Eileen mit dem Ernst einer Fünfjährigen. „Sieglinda hat mir beim Stricken geholfen."

Wahrscheinlich hatte Sieglinda dieses kunstvolle Gebilde selbst gestrickt und Eileen hatte zugesehen. Severus war gerührt – auch wenn er dieses Ding wohl nur anziehen würde, wenn er sich sicher sein konnte, dass niemand ihn sah.

Jemand hatte an ihn gedacht.

Der wichtigste Mensch in seinem Leben liebte ihn.

Tränen liefen über sein Gesicht.

Eileen war warm eingepackt und Severus trug seine neue, kunterbunte Mütze.

Die beiden tollten im Innenhof der Burg umher, und Severus erfüllte den Weihnachtswunsch seiner Tochter.

Er formte den ersten Schneeball seines Lebens und warf ihm nach dem lachenden Kind.