6. Dezember

Feucht-fröhliche Versöhnungen unter Männern haben etwas für sich – Hermine allerdings hat sich im folgenden OS (wie immer eigentlich) eine bedeutend schwierigere Aufgabe ausgesucht. Unsere Polarwölfin hat eine wirklich aussergewöhnliche Begegnung sehr treffend und in character gezeichnet.

Rentnergang, Wasser und Katzenjammer waren ihre Stichwörter.

A/N: Ein großes Dankeschön an Mungo, die meinen Beitrag beta gelesen hat.

Katzenjammer

Es herrschte ein reges Treiben auf dem kleinen, aber beschaulichen und altehrwürdigen Weihnachtsmarkt in Hogsmeade. Es schien, als wären alle Dorfbewohner und die in Hogwarts Verbliebenen auf den Beinen, um noch in allerletzter Minute die letzten Besorgungen und Geschenke zu ergattern. Hie und da rempelten sich Leute an. Allerdings herrschte trotz der Hektik bei fast allen Personen eine ausgelassene und festliche Stimmung.

Bei fast allen. Bei allen außer der braunhaarigen jungen Frau, die etwas abseits an einer Hauswand lehnte und mürrisch dreinblickte. In der Hand hielt sie einen wärmenden Krug Butterbier, an dem sie ab und an mal nippte. Dazu schaute sie immer mal wieder ungeduldig auf die Uhr. Es schien als hätte sie jemand versetzt.

In ihrer unmittelbaren Nähe hatte sich ein Weihnachtschor aufgestellt, der sich scheinbar vorgenommen hatte von A wie „Alle Jahre wieder" bis zu Z wie „Zu Bethlehem geboren" alle Lieder durchzusingen. Allerdings taten sie das mehr schlecht als recht wie die Frau schon ziemlich bald festgestellt hatte. „Die Interpretation ähnelte mehr einen Katzenjammer", dachte sie bei sich. Aber auch das schien außer ihr keinem aufzufallen. Die Leute blieben nämlich immer mal wieder stehen, hörten sich das ein oder andere Lied an und klatschten Beifall.

Den meisten Leuten fiel sie nicht auf, wie sie alleine da stand. Sie verschmolz quasi mit der dunklen Hausfassade und war somit so gut wie unsichtbar. Wenn jemand sie doch bemerkte, starrte die Person sie nur kurz verwundert an und eilte weiter, mit den Gedanken wahrscheinlich schon bei den nahenden Feierlichkeiten.

Die Verwunderung der Leute überraschte sie keineswegs. Es war lange her, dass sie sich in der Öffentlichkeit der magischen Welt gezeigt hatte. Nach dem Ende des Krieges hatte sie sich ziemlich schnell zurückgezogen. Sie war in die Muggelwelt geflohen, weil sie es schrecklich fand, was für ein Aufriss um die sogenannten Kriegshelden gemacht und was von diesen erwartet worden war.

Wäre sie nicht geflüchtet, wäre sie unter diesen hohen Erwartungen an ihre Person zusammengebrochen. Zumal sie selber noch mit der Überlebensschuld und ihren eigenen traumatischen Erfahrungen zu kämpfen hatte. Wie eigentlich alle, die im Krieg mitgekämpft hatten. Aber bei den Kriegshelden wurde damals erwartet, dass sie diese Überlebensschuld und ihre traumatischen Erfahrungen unterdrückten. Sie mussten für die anderen stark sein. Sollten positiv in die Zukunft blicken und an erster Front beim Wiederaufbau der Zaubererwelt stehen. Gute Miene zum bösen Spiel machen.

Harry und Ron hatten sie anfangs nicht verstanden. Die beiden waren voller Tatendrang gewesen und es war für die beiden selbstverständlich gewesen, an erster Front zu stehen, um mitzuhelfen. Aber nachdem die ersten Maßnahmen beendet worden waren, zogen auch sie sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit und dem Wiederaufbau zurück. Sie waren an ihre psychische Grenze gekommen. Mussten wie sie auch einen gebührenden Abstand zu allem bekommen. Die manchmal sehr verstörenden Erlebnisse aufarbeiten. Zeit für sich haben. Für das Leben.

Sie musste neidlos anerkennen, dass den beiden die Aufarbeitung besser und schneller gelungen war. Während sich die beiden mittlerweile mit den Geistern der Vergangenheit ausgesöhnt hatten und ein normales, zufriedenes Leben führten, peinigten sie nach acht Jahren immer noch Alpträume.

Zwar hatte sie auch die Überlebensschuld mittlerweile überwunden, aber die Erinnerungen an die Folter im Anwesen der Malfoys überfiel sie auch heute noch. Wie hilflos und ausgeliefert sie sich da gefühlt hatte. Sie hatte damals gedacht, diese qualvolle Folter nicht überleben zu können. Sie hatte das gedacht, bis urplötzlich dieses Ohnmachtsgefühl eingesetzt hatte, das alles abgedämpft hatte. Die Schmerzen, ihre Empfindungen und ihre Gefühle. Es war wohltuend gewesen. Aber es dauerte auch nach der Folter an, den Rest des Krieges, über den Krieg hinaus. Bis zum jetzigen Tag und beraubte sie all ihrer Gefühle. Sie funktionierte, handelte nur noch mechanisch, fühlte nur noch abgestumpft.

Ihr Muggeltherapeut hatte etwas von posttraumatischer Belastungsstörung gefaselt und ihr dringend empfohlen, sich mit ihren Dämonen aus der Vergangenheit auseinanderzusetzen und, wenn möglich, sich mit den betreffenden Personen auszusprechen. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass sie sich psychisch stabil genug für dieses Vorhaben fühlte.

Durch dieses klärende Gespräch sollte es ihr möglich sein, dieses düstere Kapitel in ihrem Leben hinter sich zu lassen. Das meinte zumindest ihr Therapeut. „Gut", hatte sie zynisch gedacht, „Mit der Lestrange kann ich ja nicht mehr reden. Die hat ja zum Glück schon das Zeitliche gesegnet. Um Greyback und sein felliges Problem werde ich lieber einen großen Bogen machen. Bleiben noch die Malfoys. Einen Versuch ist es wohl wert. Harry hat ja auch schon so ein Gespräch mit Draco Malfoy geführt und er kam unbeschadet dabei wieder heraus und es schien ihm sogar danach besser zu gehen."

So kam es also, dass sie eine Eule mit der Bitte um ein Treffen nach den Malfoys geschickt hatte und jetzt auf den Weihnachtsmarkt in Hogsmeade stand und auf die Reinblüter wartete. Sie ließ ihren Blick suchend über die Menschenmenge wandern und wurde sogar relativ schnell fündig und zwar genau dort, wo sich die Menschenmenge wie von Geisterhand urplötzlich teilte. Die Malfoys hatten eben doch noch ein imposantes Auftreten.

Sie stellte nach einen zweiten Blick fest, dass es sich nur um einen Malfoy handelte. Malfoy Senior um genau sein. Er stützte sich schwer auf den für ihn typischen Spazierstock mit dem Schlangenkopf. Sein Gang hatte etwas von einem Rentnergang. Es wunderte sie ein bisschen, ihn nur alleine zu erblicken. Eigentlich hatte sie ihn samt Ehefrau und Sohn erwartet.

Nach einer gefühlten Ewigkeit stand er vor ihr. Seine graublauen Augen starrten sie durchdringend an. Er nickte nur kaum merklich den Kopf zur Begrüßung. Sie tat es ihm gleich. Sie musterte ihn ungeniert. Sein Erscheinungsbild hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem, was er im Malfoy Manor bei ihrer Folterung gehabt hatte.

Damals hatte er ausgezehrt gewirkt, hatte einen Dreitagebart und deutlich erkennbare Augenringe gehabt und seine blonde Haarmähne war glanzlos, strähnig und stumpf gewesen. Heute war er genau das Gegenteil. Sie bemerkte, wie auch er sie musterte.

Sein Blick blieb an ihrem fast leeren Krug hängen. „Ich entschuldige mich hiermit förmlichst bei Ihnen für mein Zuspätkommen. Ich hoffe, Sie haben nicht allzu lange auf mich warten brauchen."

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte eigentlich erwartet, dass Sie mit Anhang hier erscheinen. Wo sind Ihre Ehefrau und Draco?", fragte sie.

„Mein Sohn lässt sich entschuldigen. Seine Frau liegt in den Wehen. Über den Verbleib meiner Ehefrau…", er räusperte sich, „meiner Ex kann ich Ihnen keine Auskunft geben. Aber vermutlich genießt sie ihr neues Leben in Frankreich."

„Draco wird Vater?", fragte sie überrascht, „Und Sie sind nicht mehr mit ihrer Frau zusammen?"

Er nickte bedächtig. „Die Zeit dreht sich weiter. Trotz allem. Sie halten sich nach wie vor größtenteils von der magischen Welt fern, nehme ich an?"

„Da haben Sie Recht, aber ich versuche mich der magischen Welt gerade wieder anzunähern."

„Dann darf ich mich also glücklich schätzen, mich derzeit hier in Ihrer reizenden Gesellschaft zu befinden,…" –aus einem ihr unempfindlichen Grund schoss ihr bei den Worten das Blut in die Wangen-„..aber ich nehme an, unser Zusammentreffen hat einen weniger glücklichen Hintergrund?"

Sie nickte zustimmend. „Ich bat um das Gespräch, weil ich ein düsteres Kapitel in meinem Leben endlich endgültig abschließen und hinter mir lassen will."

„Sie wollen also Ihre Erlebnisse aus dem Krieg aufarbeiten.", stellte er fest.

„Ja, so ist es. Aber es ist im Prinzip nur ein Erlebnis, welches ich mir erhoffe, mit Ihnen aufarbeiten zu können." Sie schaute ihn offen an und bemerkte eine Regung in seinem Gesicht, die sie nicht deuten konnte.

Er wich ihren Blickkontakt aus und sah in die Ferne. „Ich denke, ich weiß auf welches Erlebnis Sie anspielen und ich bin durchaus bereit mit Ihnen darüber zu sprechen. Aber ich denke das ist kein Thema, das man inmitten einer Menschenmenge besprechen sollte. Haben Sie was dagegen, wenn wir ein paar Schritte Richtung Heulende Hütte gehen? Da lässt es sich ungestörter reden."

„Gerne."

Zusammen bahnten sie sich einen Weg durch die Menschenmasse, die sich ohne weiteres vor ihnen teilte. Sie war sich nicht ganz sicher, ob es diesmal nur an Malfoy Senior lag oder vielmehr an der Tatsache, dass gerade sie mit ihm unterwegs war. Das Erstaunen der Leute war hörbar. Sie hörte immer mal wieder Ausrufe wie „Das gibt's ja nicht!" oder „Ist das wirklich…?" Sie war auf jeden Fall erleichtert, als sie die Massen hinter sich gelassen hatten.

„Mit einem anderen Treffpunkt hätten sie weniger Aufmerksamkeit auf das Treffen gezogen. Aber das dürfte Ihnen auch schon vorher klar gewesen sein", bemerkte er mit einem Seitenblick auf sie, „Darf ich fragen, wieso Sie dennoch den Weihnachtsmarkt in Hogsmeade als Treffpunkt genannt haben?"

„Ich habe an den Weihnachtsmarkt in Hogsmeade ausschließlich starke, positive Erinnerungen. Ich dachte, dass könnte mir helfen, bei dem Gespräch relativ stabil zu bleiben…"

Er fuhr dazwischen. „Sie geben mir gegenüber zu, mitunter etwas labil sein?" Die Überraschung war in seiner Stimme deutlich hörbar.

Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Das ist kein großes Geheimnis. Die Klatschblätter, insbesondere die Kimmkorn, haben sich ja genug darüber ausgelassen. Und Sie kennen den Grund für meine Labilität. Womit wir wieder bei dem Thema des Treffens sind. Die Folterung im Ihrem Haus."

„Wie kann ich Ihnen bei der Verarbeitung helfen?" Ehrliches Interesse sprach aus ihm.

„In dem Sie mir erzählen, wie Ihre Empfindungen und Gefühle damals waren. Einfach wie Sie die Situation erlebt haben. Vielleicht müssen Sie mir auch ab einen gewissen Zeitpunkt zuhören. Je nachdem wie sich unser Gespräch entwickelt." Sie klang etwas unsicher.

Er nickte und nach einem weiteren Moment fing er zögerlich an: „Wie Sie sicherlich wissen, gehörten Folterungen zu dem Alltagsgeschäft der Todesser. Gerade zu den beiden Kriegszeiten. Deswegen sollte ich Sie vorher vielleicht warnen, dass meine Ansichten zu Folterungen, besonders zu Ihrer, kalt und distanziert sind. Sie werden kaum irgendwelche Empfindungen in meiner Erzählung finden. Zumindest nicht zu Ihrer Person. Sie waren einfach eine von vielen."

Er unterbrach sich kurz und warf ihr einen prüfenden Blick zu. Sie bedeutete ihm, mit einem Nicken weiterzureden. „ Als die Greifer damals mit ihrem Fang im Manor auftauchten, war es wie Weihnachten und Ostern zugleich. Ich war mir relativ schnell sicher, Sie als Potters Freundin erkannt zu haben. Es war für mich obligatorisch gewesen, dass auch Potter höchst selbst sich selbst bei Ihnen befand. Man wusste ja, dass sie zusammen unterwegs waren. Weswegen ich Draco befohlen habe, sich alle, aber besonders den mit dem angeschwollenen Gesicht, genau anzugucken. Nachdem meine Familie nach der Ministeriumangelegenheit und Dracos Untätigkeit bei Dumbedores Tod in die Ungnade des dunklen Lords gefallen ist, durfte uns unter alle Umständen kein Fehler mehr unterlaufen. Bei der Willkür, die der dunkle Lord an seinen letzten Tagen an den Tag legte, wäre das unser sicheres Todesurteil gewesen…"

„Deswegen reagierte Lestrange also so heftig, als sie das Schwert entdeckte, das wir ja vermeintlich aus ihrem Verlies gestohlen hatten.", fuhr sie dazwischen.

Er nickte zustimmend. „Aber nicht nur das. Bella liebte den dunklen Lord abgöttisch. Und dass er sie dafür auserkoren hatte, wichtige Dinge für ihn zu bewahren, deutete sie als einen Zuneigungsbeweis seinerseits an sie. Und ihn dahingehend zu enttäuschen, löste bei ihr regelrecht einen Wahn aus."

„Für mich war sie ja immer wahnsinnig."

„Vermutlich haben Sie Recht. Sie lebte immer in einem Wahn." Nach einem Moment des Schweigens fuhr er fort: „ Als sie Sie folterte, unterstützte ich sie zwar nicht…"

„Wieso eigentlich nicht?", wollte sie wissen.

„Zu diesem Zeitpunkt meiner Todesserkarriere war ich an einem Punkt angelangt, an dem ich schon längst keine Genugtuung bei der Ausübung von Gewalt empfand. Mir ging es nur noch um die Sicherheit meiner Familie und um die meine. Ich folterte nur noch, wenn der dunkle Lord mir es höchst persönlich aufgetragen hatte…"

„...um Ihre Familie zu schützen.", beendete sie seinen Satz und sah ihn schräg von der Seite an. „Sie waren also auch nur eine Spielfigur in einem perfiden Spiel. So wie wir alles es waren. ", stellte sie bitter fest.

Er nickte grimmig. „In dieser Hinsicht unterschieden sich der dunkle Lord und Dumbledore nicht viel. Sie wussten immer, wie sie Menschen manipulieren konnten….", er hielt kurz inne: „ Aber zurück zu Ihrer Folterung. Ich griff nicht ein. Mir war es gleichgültig, was mit Ihnen passierte. Sollte Bella sich an Ihnen austoben. Sie waren, wie schon gesagt, nur eine von vielen Folterungen, die ich miterlebt habe. Und ich muss sagen, Ihre Folterung war definitiv nicht die Schlimmste. In meinen Glanzzeiten als Todesser hätten Sie mehr zu leiden gehabt."

Ihr Gesicht wurde finster und sie fragte zynisch. „Ach ja? Bei Ihnen hätte ich mehr gelitten? Falls es Ihnen entgangen sein sollte, ich bin ein psychisches Wrack. Leide seit Jahren unter chronischem Schlafmangel, weil ich Angst habe, nachts die Augen zu schließen. Ich könnte mich ja wieder in meiner persönlichen Hölle befinden. All die Schmerzen, die ich damals erlebt habe, erlebe ich in diesen Alpträumen genauso intensiv wie in der Realität. Ich höre das erregte Gackern dieser wahnsinnigen Frau. Sehe, wie sie sich über meinen Arm und beugt und mir diese unsägliche Narbe einbrennt. Sehe ihre Fratze über meinem Gesicht. Höre mein eigenes schrillen Schreien. Und bei Ihnen hätte ich tatsächlich mehr gelitten? Wie das denn bitte schön? Hätten Sie mich bis zum Wahnsinn gefoltert, wie die Lestrange es mit den Longbottoms gemacht hat?" Provokant sah sie ihn an.

Er holte tief Luft. Er hatte längst bemerkt, dass seine Äußerung unbedacht gewesen war. „Ich entschuldige mich für meine Äußerung. Das sind natürlich rein subjektive Empfindungen. Aber Sie wollten meine Betrachtungsweise der Dinge hören. Und nur zu Ihrer Information: Ich habe nie jemanden zum Wahnsinn gefoltert."

Sie senkte beschämt den Blick. „Es tut mir Leid. Das wollte ich Ihnen damit auch nicht unterstellen. Nur, Sie haben mit Ihrer Äußerung einen wunden Punkt bei mir getroffen. Objektiv betrachtet mögen Sie Recht haben, dass es noch schlimmere Erfahrungen als meine gibt. Nur subjektiv betrachtet…"

Er unterbrach sie. „Einigen wir uns darauf, dass es mehrere Wahrheiten für ein und denselben Sachverhalt gibt."

Sie nickte zustimmend. Es herrschte ein unangenehmes Schweigen. Sie rieb sich gedankenverloren den Unterarm mit der Narbe.

Sein Blick folgte ihrer Handbewegung unbewusst. Er starrte einen Moment darauf. „Sagen Sie, schmerzt die Narbe?"

Sie war für einen Moment irritiert. Dann antwortete sie zögernd, „ Ja. Das tut sie. Mal mehr und mal weniger."

„Gänzlich schmerzfrei ist sie aber nie?", wollte er verwundert wissen und zog fragend die Augenbraue hoch.

Sie schüttelte den Kopf.

„Darf ich mir die Narbe mal ansehen?

Wortlos zog sie den Ärmel ihres Winterumhangs und des Pullovers hoch. Sie drehte den Arm so, dass das Wort „Schlammblut" gut für ihn zu sehen war.

Er beugte sich etwas über die Narbe. Seine langen Haare berührten ihre Haut. „Darf ich?", fragte er, hob seine Hand und wollte ihre Narbe offensichtlich mit seiner Hand berühren.

„Nur zu. Schlimmer können Sie es ja nicht mehr machen!"

Seine Berührung war sanft und vorsichtig und löste merkwürdigerweise ein warmes Gefühl in ihrem Inneren aus. So sanft war sie lange nicht mehr berührt worden.

Er zog zischend die Luft ein. „Haben sie die Narbe mal einem Spezialisten gezeigt?", wollte er plötzlich angespannt wissen.

„Ja. Die verschiedensten Medimagier des Mungos haben einen Blick darauf geworfen und haben auch versucht, sie zu entfernen. Egal, was sie machten, es ging nicht. Und irgendwann haben sie nur gemeint, dass mir die Narbe auch nicht schaden könnte, wenn sie dableiben würde. Wieso?"

„Ah, die Medimagier des Mungos. Nichtwissende Weißmagier. Einem Magier, der schwarze Magie praktiziert, haben Sie die Narbe nie gezeigt, oder?"

Sie verneinte und sah ihn fragend an.

„Dann habe ich jetzt eine äußerst positive Nachricht für Sie. Die Narbe dürfte der Grund für ihre psychische Labilität sein. Das Problem dürfte behebbar sein. "

„Wie bitte?", fragte sie ungläubig.

„Bellatrix scheint den schwarzmagischen Zauber etwas modifiziert zuhaben, wenn ich das auf den ersten Blick richtig erkannt habe. Die Narbe verstärkt Ihre negativen Erfahrungen und lässt positive in den Hintergrund rücken. Kein Wunder also, dass Sie sich nach acht Jahren immer noch mit Alpträumen rumschlagen."

„Und wie ist mein Problem behebbar?" Zweifel lagen in ihren Augen. „Die Medimagier haben alles versucht, haben sie mir gesagt…"

Er sah sie spöttisch an. „Denken Sie wirklich, dass die Medimagier es auch mit schwarzer Magie versucht haben? Sie wissen schon, dass es den Medimagiern verboten ist, mit schwarzer Magie zu heilen?"

„Ja, natürlich weiß ich das.", antwortete sie leise. „Also, kann man mir mit schwarzer Magie helfen?"

„Ja, ich denken schon.", erwiderte er ruhig.

Trotzdem ließ sie verzweifelt ihren Kopf hängen. „Und wer bitten schön wäre bereit, mir mit schwarzer Magie zu helfen?"

„Ich natürlich."

„Sie?" Sie riss ihre Augen auf.

„Ja. Ich bin sehr bewandert in den dunklen Künsten, falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten. Außerdem sehe ich es als Pflicht an, Ihnen bei einem von meiner Familie verursachten Leid zu helfen! Sehen Sie es als ein Versöhnungsangebot zu Weihnachten an", meinte er leise.

„Und nehmen Sie das Angebot an?" Er hielt ihr die Hand hin.

Sie ließ sich einen langen Moment Zeit zu überlegen und bemerkte, dass er, je länger sie die Antwort herauszögerte, angespannter wurde. Seine Lippen pressten sich immer fester zusammen.

Plötzlich fielen kleine Schneeflocken vom Himmel. Sie verfolgte sie fasziniert mit ihrem Blick. „Gefrorenes Wasser.", dachte sie erstaunt. Ja, ihr Leben war lange wie erstarrt gewesen. Es wurde definitiv Zeit, dass es wieder zum Fließen kam.

Nach dieser Erkenntnis schlug sie in seine Hand ein. „Ja, ich nehme Ihr Angebot an."

In seinem Blick lag bei diesen Worten wieder etwas Undefinierbares. Aber sie war sich sicher, dass ihr Leben sich durch ihn in naher Zukunft bald zum Besseren wenden würde.

Ende