KAPITEL 7: Bleib

"Mick? Mick, bist du da?!" Beth stand bereits seit einigen Minuten vor der Haustür und wartete darauf, dass Mick sich endlich rühte. Er musste einfach da sein. Schließlich öffnete sich die Tür und Mick stand ihr gegenüber, das Haar noch voller Eiskristalle.

"Oh.", Beth war überrascht davon, dass er augenscheinlich noch geschlafen hatte. Es war bereits nach 23.00 Uhr und normalerweise war Mick um diese Zeit hellwach.

Besorgt betrachtete sie die Sorgenfalten auf seiner Stirn und folgte seiner Hand, die sich nun durch die Haare fuhr, kleine Eiskristalle mit sich riss. Erst jetzt bemerkte Beth, dass Mick außer einer Boxershorts nichts trug. Die Kristalle glitzerten auf seiner Haut, nahmen die kleinen Härrchen auf seiner Brust gefangen und es wirkte fast so, als würde er in der wärmeren Umgebung dampfen.

"Ich wollte dich nicht wecken."

"Schon gut, ich konnte sowieso nicht schlafen.", damit machte er den Weg frei und bat sie mit einer einladenden Bewegung in seine Wohnung. Beth folgte ihm in die Küche, wo er in den Kühlschrank griff und eine Blutkonserve herausfischte.

Beth bemerkte die Blutgruppe, die auf dem weißen Schild handschriftlich notiert war. Null negativ. "Guten Appetit."

Mick reagierte nicht auf ihre Bemerkung und schlang das Blut mehr herunter, als das er es trank.

"Was willst du Beth?!" Seine Stimme klang schroff.

Vorsichtig trat Beth einige Schritte zurück. Mick schien gereizt zu sein und sie wollte es nicht darauf anlegen, dass er sich verwandelte. Nicht jetzt - noch nicht.

"Mick, ich muss mit dir reden."

"Hör zu", unterbrach der Vampir sie "Es tut mir Leid, was ich dir angetan habe. Das hätte niemals passieren dürfen. Dafür gibt es keine Entschuldigung und ich kann nicht von dir erwarten, dass du mir verzeihst und ich will auch nicht, dass du es tust. Also bitte geh und mach es nicht schwerer als es ist."

Beth war von dem, was sie hörte wie gelähmt. Mick wollte, dass sie ging? Er bereute ihre gemeinsame Nacht? Sie sollte ihm nicht verzeihen?

"Ich..."

"Beth, bitte." Mick senkte die Augen. "Geh jetzt."

"Nein." Beth war wild entschlossen ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie würde mit Mick reden. Sie waren beide erwachsen und in der Lage sich vernünftig zu unterhalten, oder?

"Mick, ich werde nicht gehen." Sie überbrückte die Distanz, die sie ebenrückgewichen war mit einigen Schritten und stand nun direkt vor ihm.

Doch Mick drehte sich weg und verschränkte die Arme vor der Brust, um sich unter Kontrolle zu halten.

"Mick." die blonde Frau umrundete ihn und griff nach seinem Oberarm. "Wir müssen reden. Bitte schick mich nicht weg. Ich muss dir einiges erklären."

Der Vampir blickte auf. Beths Augen schauten ihm flehend entgegen, ihre Lippen waren gekräuselt. Er wurde ihm klar, dass sie nicht so einfach nachgeben würde und dass sein Plan, sie so schnell wie möglich aus seiner Wohnung zu bekommen, damit er Herr seiner Selbst blieb, nicht funktionieren würde.

Zögernd gab er nach: "In Ordnung."

Beth lächelte ihm dankbar zu und durchquerte dann den Raum um sich auf einer der Couches niederzulassen. Ihren Mantel legte sie neben sich ab, den Schal schlang sie noch einmal locker um ihren Hals. Sie fühlte sich unwohl dabei, mit entblöster Bisswunde vor Mick zu sitzen, während sie ihn davon überzeugen wollte, dass das Ganze kein Fehler gewesen war.

Mick folgte ihr schließlich in den Wohnraum und setze sich ihr in sicherem Abstand gegenüber. Doch dann schien ihm noch etwas einzufallen, er stand auf.

"Möchtest du etwas zu trinken?"

***

Beth fiel es schwer, Mick all das zu sagen, was noch vor ein paar Stunden in ihrem Kopf so gut geklungen hatte – so verständlich. Immer wieder stockte sie und musste ihren Satz noch einmal umformulieren, um Mick den richtigen Eindruck von dem zu liefern, was sie dachte und empfand. Sie wollte ihn nicht wegen dieser einen Nacht verlieren. Gerade wegen dieser einen Nacht nicht. Obwohl er ihr schon vorher viel mehr bedeutet hatte, als sie sich hatte eingestehen wollen, hatte diese Nacht ihr Verhältnis zueinander verändert. Es ging Beth hier nicht nur um das Körperliche - obwohl sie das mehr als nur gemocht hatte - sondern auch um die Bindung, die zwischen ihnen bestand.

"...Ich wollte mich noch einmal dafür bedanken, dass du mir damals mein Leben gerettet hast. Ich weiß, das hatten wir schon, aber ich wollte dir nur noch einmal sagen, wie froh ich bin all das erlebt zu haben, was ich in meinem Leben bisher erlebt habe. Sicherlich gab es da einige Sachen, die ich lieber nicht erlebt hätte, aber...", sie nahm all ihren Mut zusammen, "die letzte Nacht gehört nicht dazu."

Mick sah sie erstaunt an. Bisher hatte er angenommen, dass Beth ihn für das, was er mit ihr angestellt hatte, hassen müsste und nun sagte sie ihm, dass sie die letzte Nacht nicht bereute?

"Du bereust es also nicht, dich beißen gelassen zu haben?"

"Nein. Weder von dir, noch von Josef."

Mick war perplex und wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.

"Es war meine Entscheidung, keiner von euch beiden hat mich gezwungen. Und nun denk mal daran, was wir gemeinsam durchgemacht haben. Deine Fälle, meine Reportagen - immer wieder habe ich mit Vampiren zu tun. Wenn du mich nicht vor ihr gerettet hättest, dann hätte mich Josefs alte Freundin gebissen und wer weiß, vielleicht sogar verwandelt. Solange ich mit Vampiren zu tun habe, wird immer die Gefahr für mich bestehen, gebissen zu werden, Mick. Ich finde, da ist es doch von Vorteil zu wissen, wie es sich anfühlt, oder? So bin ich dann vielleicht weniger von diesen...ehm, verwirrenden Gefühlen geschockt und kann mich gegen sie wehren..."

Mick konnte ihrer etwas verquerten Logik durchaus etwas abgewinnen. Das war eben typisch Beth. In jeder noch so schlechten Situation erkannte sie etwas Gutes, konnte dem Ganzen etwas Positives abgewinnen - gab niemals auf.

"...und jetzt ist das eben passiert. Ich habe mich wissendlich von dir und Josef beißen lassen und das ist okay. Klar, nicht jeder kann von sich behaupten von zwei Vampiren gebissen worden zu sein und ich schätze, dass ich in einer Zwangsjacke landen werde, wenn ich jemandem davon erzähle, aber das war es wert. Ich bereue es nicht, Mick."

Wäre er kein Vampir, hätte Mick, der ihr immernoch gegenüber saß, erleichtert die Luft ausgestoßen. Doch so nickte er nur sachte und konzentrierte sich darauf seiner Freude darüber nicht die Überhand zu geben und den Vampir in ihm zum Vorschein kommen zu lassen.

Er wäre am liebsten aufgesprungen, hätte vor Freude darüber getanzt, dass Beth Turner ihm verziehen hatte, wollte sie umarmen, sie küssen und... Er konnte die Bilder vor seinem inneren Auge ablaufen sehen. Die weiche Haut, ihr entblöster Hals, das Rot ihrer Lippen, die langen Haare, die den Hals umspielten, der daraufhin von ihm mit zwei kleinen Einstichen versehen wurde. Das warme Blut, das Pochen in seinen Fängen, das laute Rauschen in seinen Ohren, der euphorische Rausch des Trinkens.

Erschrocken schloss der Vampir die Augen. Er wollte diese Bilder nicht sehen, wie sollte er sich Beth gegenüber normal verhalten, wenn er das Blut in den Adern an ihrem Hals pochen sah? Wenn er ihren Herzschlag spürte? Ihren Duft wahrnahm? Der Großteil seines Körpers nichts anderes wollte, als sich in ihr zu vergraben?

Ihm blieb nur eine Möglichkeit das Schlimmste zu verhindern: "Beth, ich denke es ist besser, wenn du jetzt gehst."

Was? Beth hatte nach ihrer 'Beichte' mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Sie hatte ihm gerade gesagt, dass sie nichts bereute und ihm fiel nichts Besseres ein, als sie wegzuschicken?

"Mick!"

"Es tut mir Leid, Beth. Ich bin dir unheimlich dankbar für das, was du gerade gesagt hast, aber,...", er schluckte die erneut in ihm aufkeimende Begierde tapfer herunter "du musst jetzt gehen." Seine Augen waren noch immer geschlossen.

"Wieso?"

"Weil,...", Mick stockte "weil ich kaum geschlafen habe, meine letzte ausgiebige Blutration Stunden zurückliegt und ich nicht weiß, wie lange ich mich noch zurückhalten kann."

Beths Augen wurden größer, sie begann zu verstehen. Mick schickte sie nicht absichtlich weg, er wollte sie nur beschützen.

"Ich muss mich ausruhen, essen und wieder zu Sinnen kommen, so wie es mir momentan geht, bin ich eine Gefahr für dich."

"Mick, hör zu. Bitte fang nicht wieder damit an, dass du eine Gefahr für mich bist. Das hatten wir alles schon.", in Beths Stimme klang ein trauriger Unterton mit, "Bitte. Letzte Nacht hattest du auch Hunger und trotzdem hast du mir nichts getan."

Sie sah, wie Mick den Mund zum Protest öffnete, doch kam ihm zuvor: "Nein. Du hast mich gebissen, ja. Mich geküsst, ja. Mit mir... mit mir geschlafen, ja. Aber du hast mich nicht ernsthaft verletzt." Sie sah ihm in die Augen, zwang ihn mit ihrem durchdringenden Blick sie anzusehen. "Es hat einmal geklappt, wieso sollte es das nicht noch einmal tun?"

Mick dachte nach. Noch immer spürte er die Begierde, den Hunger. Doch seine Angst, die diesen Hunger genährt hatte, schwand langsam dahin. Beth hatte Recht, es hatte funktioniert, aber da...

"Josef war dabei. Selbst wenn ich mich hätte gehen lassen, hätte er nicht zugelassen, dass ich dir etwas antue.", gab er zu bedenken.

"Ob Josef hier ist, oder nicht, das macht für mich keinen Unterschied. Ich vertraue dir, Mick."

Mick lächelte erfreut: "Danke."

"Willst du immernoch, dass ich gehe?", fragte Beth vorsichtig.

"Nein. Du darfst bleiben, wenn du möchtest. Allerdings würde ich gerne erst ein bisschen ausruhen. Der letzte Tag war nicht so erholsam wie er hätte sein sollen."

"Das ist okay, ich habe auch nicht viel geschlafen."

Wenn sie ehrlich war, hatte sie nur einige Stunden in ihrem Sessel kauernd verbracht, nachgedacht und war dabei für einige Minuten eingenickt. Danach hatte sie Josef besucht und den Rest des Tages damit verbracht, sie auf das Treffen mit Mick vorzubereiten. Stundenlang war sie am Abend in ihrer Wohnung auf- und abgetigert, in der Hoffnung endlich den Mut zu finden, Mick gegenüber zu treten.

Sie war froh darüber, es schließlich doch getan zu haben. "Wenn das für dich in Ordnung ist, lege ich mich einfach ein bisschen auf dein Sofa und du kannst in aller Ruhe deinen 'Tiefkühlschlaf' nehmen.", schlug sie schließlich vor.

"Gut. Du weißt ja, wo alles ist. Fühl dich ganz wie zu Hause. Bis nachher." Damit verschwand er auf der Treppe zu seinem Schlafzimmer.

Beth sah ihm erstaunt nach, entschloss sich dann jedoch ihn vorerst nicht weiter zu bedrängen. Auch wenn er im Gefrierschrank und sie auf dem Sofa schlief, viel entscheidender war doch die Tatsache, dass sie bei ihm bleiben durfte. Zufrieden streckte sie sich auf dem nicht allzu großen Sofa aus und wollte gerade ihre Augen schließen, als sie das Knarren der oberen Treppenstufen hörte.

Mick stand da und schaute auf sie herunter. Sein Blick wirkte ruhig, viel entspannter als noch vor wenigen Minuten doch beinhaltete ein Leuchten, das Beth nur als Begierde bezeichnen konnte. Für einen kurzen Moment schien es so, als würde er dem Vampir in ihm erneut Auslauf bieten wollen, doch dann waren seine Augen wieder klar und er lächelte matt.

"Gute Nacht, Beth."

Zufrieden lächelte sie zurück. "Gute Nacht."