Kapitel 6
Getrennte Pfade
Schon als ich aufwachte, wusste ich, dass es kein guter Tag werden würde. Die Vampire würden morgen wegziehen. Bella würde wegziehen und meine Nessie mit ihr.
Nessie…
Seltsam, ich wunderte mich nun schon seit Tagen, dass ich an sie denken konnte, ohne den Drang zu unterdrücken müssen, gleich zu ihr rennen zu wollen, um nachzusehen, dass alles mit ihr in Ordnung war.Ich fühlte etwas anderes, etwas, dass ich nicht beschreiben konnte, aber ich war mir sicher, es existierte außerhalb der Prägung, die mir seit Wochen so sehr in meinen Gedanken zusetzte, ohne, dass ich es eigentlich wollte.
Nein, gegen die Prägung konnte man sich nicht wehren, es hatte bisher noch kein Werwolf damit Erfolg gehabt, ja ich glaube noch nicht einmal einer richtig versucht.
Ich wusste von den anderen, von Sam oder von Quil, dass sie glücklich mit dem waren, was sie hatten. Mir ging es nicht so, ich war schon lange nicht mehr vollends glücklich gewesen, selbst, wenn Nessie bei mir war. Ich machte mir viel zu viele Sorgen um meinen Vater, dem es von Tag zu Tag immer schlechter ging.
Dieser Gedanke stimmte mich traurig, ich wollte, ja ich konnte mir gar kein Leben ohne ihn vorstellen, war er doch immer bei mir gewesen. War er doch mein Mutterersatz gewesen, und als meine beiden größeren Schwestern ausgezogen waren, hatte er auch die Leere, die sie hinterließen, ausgefüllt.
Wenn nun mein Vater nicht mehr hier wäre… Dann wäre ich ganz alleine. Ich hätte nur noch mein Rudel, welches ich bestimmt verrückt machen würde, weil der Schmerz über meinen Verlust zu viel wäre, um ihn zu ertragen.
Nein, ich wollte nicht daran denken. Es musste doch auch etwas positives in meinem Leben geben?
Genau, ich würde Nessie heute sehen. Na ja, ich würde sie ein letztes Mal sehen, bevor sie wegzog.
Verdammt, gab es wirklich nichts, was mich auch nur für einen Moment, und sei er noch so kurz, glücklich machen konnte? Irgendetwas? Irgendwer?
Ich wusste die Antwort und ich musste fast augenblicklich daran denken, wann ich mich das letzte Mal so gefühlt hatte, wie jetzt.
Nur mit Mühe verdrängte ich die Gedanken an ein Zelt und einen Kampf mit wild gewordenen Jungvampiren und ihre Stimme in meinem Kopf …„verlobt"….
Ich wollte nicht daran denken und tatsächlich hatte ich es auch schon lange nicht mehr getan. Den Schmerz, den ich anfangs lange Zeit unterdrückt hatte, wenn ich in Bellas Nähe war, hatte ich tatsächlich eine Weile lang nicht mehr gespürt, doch nun, gerade so, als sollte ich nur in einer Welt voller Schmerz leben, der mich langsam aber sicher zugrunde richten sollte, merkte ich sie wieder: Die alte Wunde, die Bella vor mehr als fünf Jahren, unsichtbar in meinem Herzen hinterlassen hatten. Und sie tat noch genauso weh, wie damals.
Als ich mich auf den Weg zu Quil befand, grübelte ich nach, was nur mit mir los war. Es sollte mich nicht mehr plagen, dass ich Bella geliebt hatte, ich war auf Nessie geprägt, ihr Wohl sollte mich mehr kümmern, als alles andere.
Dies war auch der Fall gewesen, seit ihrer Geburt hatte ich immer nur ihr Glück im Sinn. Und doch gab es in letzter Zeit Momente, und so selten sie auch waren, sie waren da, in denen es mich kaum interessierte, ob ihre Welt perfekt war, oder nicht.
Es war so, als würde alles Unglück des Universums sich in meiner Person zentrieren. Wenn ich nicht glücklich war, konnte ich dann nicht wenigstens eine andere Person glücklich machen? So wie es aussah, nicht.
Schließlich stand ich vor Quils Haus, ich konnte ihn auch schon hören, scheinbar in einer Diskussion mit Claire vertieft.
Es war gutes Wetter und ich wollte nicht ein wenig ablenken, deshalb klopfte ich an und fragte ihn, ob er vielleicht Lust hätte mit mir schwimmen zu gehen.
In der letzten Woche war es, für La Push und Forks Verhältnisse, ungewöhnlich warm gewesen. Natürlich machte uns Wölfen das kalte Wasser nie etwas aus, wir froren nur sehr selten, aber in warmen Wasser, mit der Sonne über uns, machte es einfach mehr Spaß, schwimmen zu gehen.
Es dauerte nicht lange, da hatte sich Quil entschieden mitzugehen. Er nahm Claire mit.
Mir machte das nichts aus, ich war glücklich über jede Gesellschaft, die mich ablenken konnte.
Worüber sie diskutiert hatten, würde mir wohl immer ein Rätsel bleiben, jedenfalls schmollte Claire anfangs ein wenig, aber als sie das Meer sah, das in einen goldenen Ton durch die Sonne getaucht wurde, leuchteten ihre Augen auf und die miese Laune war vergessen.
Es tat gut für eine Weile einfach wieder abschallten zu könnten.
Die Sorge um meinem Vater konnte ich einfach nur selten etwas verdängen, meist war es so schlimm, dass ich selbst nachts neben seinem Bett sitzen blieb und auf ihn aufpasste.
Nun dachte ich an nichts, außer an die Sonne, die sich warm auf meiner Haut anfühlte, als ich mich nach dem Schwimmen in den Sand legte.
Ich wusste nicht, wann ich mich das letzte Mal so fallen gelassen hatte. Es musste eine Weile her gewesen sein.
Ich merkte gar nicht wie ich einschlief. Die Erschöpfung holte mich einfach ein und die warme Sonne, die auf meinen Bauch schien, tat ihr übriges.
Es mussten Stunden vergangen sein, als ich wach wurde, jedenfalls bemerkte ich, dass die Sonne hoch am Himmel stand, als ich die Augen aufschlug. Doch etwas ganz anderes fesselte meine Aufmerksamkeit, als ich noch einmal hinsah.
Nessie stand gebeugt über mir, sie schien mich nicht absichtlich geweckt zu haben, jedenfalls lächelte sie mich an.
„Guten Tag, du Schlafmütze"
Ich grummelte etwas nicht Verständliches als Antwort.
Schlafmütze. Guter Witz, ich schlief sogar noch weniger als sie, ich wusste es beinahe sicher, und das, obwohl sie selbst so wenig schlief.
Es dauerte etwas, bis ich mich wieder soweit zusammengenommen hatte, dass ich aufstehen konnte. Da schlief ich einmal seit den letzten Wochen wirklich gut und wurde so geweckt.
Na ja, es hätte auch schlimmer kommen können.
Wenigstens war Nessie bei mir.
Ich sah sie an und musterte sie genauer. Ihr Lächeln erreichte nicht ihre Augen, sie sah sehr müde aus, irgendwie auch leblos.
Es war kein Wunder, wenn man bedachte, was sie alles zu tun hatte, in den letzten Tagen.
Schließlich konnte ich mich aber doch noch dazu durchringen sie zu begrüßen.
"Hey Nessie.."
Ich freute mich sie zu sehen, obwohl die Gewissheit so wehtat, dass es das letzte Mal sein würde.
Das letzte Mal für vielleicht Jahre.
Vielleicht für immer.
Ich sah sie eine Weile an und bemerkte wieder, dass ich nicht mehr den Drang verspürte, sie unendlich glücklich zumachen, ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Es war etwas anderes, etwas, was ich nicht definieren konnte.
Vielleicht hatte mein Gehirn es auch aufgegeben mir zu sagen, dass ich sie glücklich machen sollte, weil ich es nicht mehr konnte.
„Wie spät ist es eigentlich?", fragte ich sie, als wir uns gemeinsam auf dem Weg zu unserem Lagerfeuerplatz machten. Embry war bereits vorgegangen, als ich geschlafen hatte. Wir wollten heute grillen, zum Abschied von Nessie. Ich hatte es mir gewünscht.
„Es ist halb acht"
Halb acht... Schon so spät! Sie hatte doch recht mit dem Wort Schlafmütze… Wie konnte ich den Tag verschlafen, der der letzte mit Nessie sein würde? Und jetzt blieben uns nur noch so wenige Stunden. Ich war auch solch ein Trottel.
Na ja. Letztendlich wäre sie ja eh nicht früher gekommen, ob ich geschlafen hätte, oder nicht. Es tröstete mich etwas.
„Wie lange bleibst du? Ich mein... Es ist...Wir sehen uns vielleicht lange nicht mehr."
Ich brachte es nicht über mich ihr zu sagen, dass es wahrscheinlich das letzte Mal sein würde. Wie könnte ich mein Rudel verlassen? Meine Pflicht war es mein Dorf zu beschützen. Da konnte ich nicht einfach mal so weggehen...
Noch dazu, wo mein Vater gerade krank und auf meine Hilfe angewiesen war.
Er brauchte mich, mehr als ich Nessie brauchte... und sie hatte mich bis vor zwei Wochen auch noch nicht gebraucht.
Also war es nur verständlich, dass ich nicht mitkam.
Hoffte ich.
„Ich weiß nicht genau. Ich möchte eigentlich lang bleiben, meine Eltern wissen auch Bescheid. Sie halten es sowieso nicht mehr mit mir unter einem Dach aus." Sie zuckte die Schultern. Sie würde mich mehr vermissen, als es gut für sie war. Genau wie ich.
„Was hast du mit ihnen gemacht? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie dich quasi loswerden wollten?"
„Nun ja...Sagen wir: Ich war nicht damit einverstanden, dass wir wegziehen. Ich bin es immer noch nicht. Aber ich weiß ja leider auch nur zu gut, dass wir weg müssen."
Wie Recht sie damit hatte. Ich war froh, dass sie es endlich aussprach. Ich hatte zwar gemerkt, dass sie an Forks hing, doch hatte sie noch nie zugegeben nicht weg zu wollen. Manchmal war nicht mir nicht einmal sicher gewesen, ob es sie letzt endlich überhaupt stören würde, mich nicht mehr zu sehen. Jetzt hatte ich Hoffnung, dass es anders sein konnte.
Ich versuchte den Gedanken auch so schnell wieder zu verscheuchen, wie er gekommen war. Wenn sie an mir hing, dann würde ihr der Abschied schwer fallen. Es wäre falsch für sie, dann würde es ihr nicht gut gehen. Lieber nicht hoffen, dass sie sosehr an mir hing. Es wäre für uns alle besser.
Und leichter für mich.
Um vieles leichter für sie.
Wir erreichten die kleine Feuerstelle. Das Feuer war noch schwach aber ich wusste aus Erfahrung, dass sie bald größer werden würde.
Die Jungs trugen noch immer neue Äste herbei, um das Lagerfeuer zu stabilisieren.
Neben dem noch kleinen Feuer sah ich einen Berg aufgetürmt, einen Berg aus Würstchen, Marshmallows, Steaks,...
Ich war mir sicher es würde knapp werden mit der Verpflegung, jetzt, da wir auch noch Nessie bei uns hatten, war der kniehohe Berg bestimmt nicht mehr genug.
Wir waren immerhin siebzehn Wölfe. Hoffentlich würden die anderen noch etwas mitbringen. Sonst gäbe es nachher noch Kabbeleien, die leicht ausarten konnten... Das Leben war einfach nicht geschaffen für so viele Wölfe auf einem Haufen. Wir waren viel zu viele. Wir nervten uns schon gegenseitig.
Vor allem mit unserem Futterneid.
Vielleicht sollten wir mal probieren die Würstchen gerecht aufzuteilen und Namen hineinzuritzen?
Nein, nachher würde noch jemand behaupten, er könne nicht lesen. Auch keine Lösung.
„Ist das alles für uns?" Ich hörte Nessies entsetzte Stimme. Die anderen fingen an zu lachen.
„Nessie, glaub mir, das reicht noch lange nicht... Wenn das so wenig bleibt, dann wird hier nachher noch um Essen gekämpft."
Sie schien mir nicht zu glauben und gab mir als Antwort nur einen ungläubigen Blick.
„Ganz ehrlich."
„Hm.." ihr Blick wandte sich von mir ab und musterte nun die anderen, wie sie Holz sammelten.
„Ich glaube dir. Du bist schließlich auch anders..." sie schaute mich noch immer nicht an. „So wie ich."
Sie lachte nun, vielleicht vor Verlegenheit.
„Ich kann schließlich auch Bluttrinken, wieso solltest du dann nicht das doppelte oder dreifache wie normale Personen essen können?"
„Richtig." Ich betrachtete sie genauer, nun im Schein des immer größer gewordenen Feuers. Ich glaubte, Nessie hatte sich nie so wirklich damit abgefunden, etwas besonderes zu sein.
„Wo sind die anderen?" Die Frage überraschte mich. Ich dachte Nessie wäre viel zu sehr in ihren Gedanken vertieft, als dass sie das Verschwinden der anderen bemerkt haben könnte.
„Seth kommt gerade von deinem Vater, er wollte ihm noch Tschüss sagen. Quil wollte Claire mitbringen, ihre Eltern sind aber meistens nicht allzu locker, wenn sie so lange wach bleiben soll. Embry, Leah, Sam und die anderen kommen bestimmt gleich." Ich schaute auf. „Schau, da sind auch schon ein paar."
„Was ist mit Billy?"
„Carlisle und Charlie sind bei ihm. Charlie bleibt heute Nacht- er hält es für verantwortungslos, dass ich Billy alleine Zuhause lasse... Dabei hat er ganz vergessen, dass ich ihn extra gefragt habe, auf ihn aufzupassen..."
"Hm.. nimm es ihm nicht übel, er macht sich nur Sorgen, Billy ist sein bester Freund."
Ich wusste, dass es für Charlie fast genauso schwer war, wie für mich, Billy so zu sehen. Förmlich ans Bett gekettet, er konnte nicht einmal richtig von alleine sitzen.
Für Charlie war die ganze Situation genauso schwer.
„Ich weiß Nessie."
Ich setzte mich auf den Boden, während Nessie sich neben mir auf einen Baumstamm setzte.
Zu uns gesellten sich Jared, Leah und Seth, der anscheinend schneller zurück war, als gedacht. Ich sah ihm an, dass ihm der Abschied von den Cullens und vor allem Edward sehr schwer gefallen war- er stand völlig neben sich.
Er setzte sich neben mich und ich legte meinen Arm um seine Schulter- nicht zu aufdringlich, aber ich hoffte doch so, dass es ihm Trost spendete. Er gehörte zu meinem Rudel und ich musste mich um ihn kümmern.
Vielleicht jetzt mehr als um jeden anderen in meinem Rudel.
Und ich verstand ihn wahrscheinlich auch besser als sie.
Er verlor genau das Gleiche wie ich.
"Seth, ist alles ok?"
Ich meinte eher: Kommst du mit allem klar?
Er verstand mich und nickte.
Er brauchte nicht fragen wie es mir ging.
„Jake? Wollt ihr DAS alles wirklich ESSEN?" Ich hörte leichte Panik in der Stimme von Nessie mitschwingen.
Ich fragte mich, ob sie vergessen hatte, dass sie dies bereits gefragt hatte, da sah ich, dass Quil mit Claire und noch mal einem großen Haufen Würstchen in unsere Runde kamem.
„Hey Chef, wie geht's?", begrüßte er mich. Ich verzog das Gesicht.
„Wie oft soll ich dich noch beten, mich nicht so zu nennen?"
Natürlich tat er es genau deswegen. Und zwar immer. Vor allem, wenn er wusste, dass ich sowieso nicht gelassen war- so wie heute.
Es machte ihm irgendwie Spaß, mich zu ärgern. Ich war nur bisweilen nicht dahinter gekommen, warum er dies tat.
Na ja, eigentlich war es mir auch egal, wenn es ihm Spaß machte... bitte.
„So lange, bis du es mir verbietest."
Er wusste genau, ich würde es nie machen.
Ich seufzte, schüttelte nur den Kopf.
Nach und nach trudelten auch alle anderen ein, es war schon spät, die Sonne schien längst nicht mehr, doch natürlich konnten wir gut sehen, das Feuer spendete genug Licht.
Es begann wortwörtlich der Kampf um das Essen.
Natürlich hatten wir viel zu wenig. Siebzehn Werwölfe konnten eine Menge verschlingen, satt bekam man uns eigentlich nie. Da hätte man schon eine Kuhfarm schlachten müssen.
Nessie hatte sich mit einem Steak zufrieden gegeben, ich hatte beim zehnten aufgehört zu zählen.
Ich sah gerade zu wie sich Sam mit Jared um das letzte Stück Fleisch stritt, da spürte ich, wie sich Nessie zu mir herunter auf den Boden setzte und ihren Kopf auf meine Schulter legte. Erst vorsichtig, dann bestimmt.
Sie schloss die Augen, ich tat es ihr gleich und lehnte schließlich meinen Kopf an ihren und umarmte sie.
Während sie neben mir saß, in meinen Armen, war es so unwirklich, dass es ab morgen nicht mehr genauso sein könnte.
Ich genoss diesen Moment so sehr, wie wir beide zusammen saßen, schweigend. Ihr Geruch brannte sich fest in meine Nase ein. Ich würde ihn nicht vergessen können. Nein, ich würde sie nicht vergessen. Niemals.
Es schien in diesem Moment unmöglich.
Die anderen waren in ein reges Gespräch vertieft, ich wusste nicht genau, worüber sie sich unterhielten, ich hörte nur etwas wie 'Wald' und 'Vampirangriff letzten Sommer', was mir genug Grund gab, um wegzuhören.
Ich wusste nicht genau wie viel Zeit vergangen war... Ich war mir sicher es waren auf jeden Fall ein paar Stunden, da erhob sich Nessie, langsam, damit ich meinen Kopf wegziehen konnte.
Ich stand ebenfalls auf, mechanisch, ich wusste was nun kommen würde. Das Unvermeidbare.
Abschied.
Sie blickte in die Runde, alle verstummten in ihren Gesprächen und sahen sie an.
„Nun, ich denke es ist Zeit... Zeit euch auf Wiedersehen zu sagen. Ich hoffe sehr, dass ich euch alle einmal wieder sehen werde. Jeden einzelnen."
Seth war als erster bei ihr und schloss sie in seine Arme.
Nicht alle rangen sich zu einer Umarmung durch, murmelten dann aber ein 'Tschüss' oder 'Bis bald'.
Schließlich blieb noch ich übrig.
Ich würde sie nicht hier gehen lassen, nicht so.
Wir gingen gemeinsam den Strand entlang, schließlich hoch zur Straße und blieben vor dem Wald stehen.
„Nessie, ich... Ich weiß nicht, was ich-" Doch sie war schon auf mich zugestürmt und schloss mich ihn ihre Arme. Ich sah noch, wie ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen, bis sie ihr Gesicht an meiner Schulter vergrub.
Ich spürte ihre Tränen auf meiner Haut.
Es dauerte einen Moment, ehe ich meine Arme um sie schloss, sie näher an mich zog.
Ich genoss ihre Nähe, ihre Wärme, ihre Berührungen auf meiner Haut, selbst die Nässe ihrer Tränen wie jemals etwas zuvor in meinem Leben.
Es war das letzte Mal für eine unbestimmte Zeit, dass sie so nah bei mir sein würde.
Eine Weile standen wir fest ineinander geschlungen beieinander. Es wurde merklich dunkler und ich spürte, dass Nessie nicht fort von mir wollte. Doch es musste sein. Ein Abschied war unumgänglich.
„Nessie, es wird Zeit..."
Noch ehe ich nachdenken konnte, ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, spürte ich ihre Lippen auf meinen.
Ich merkte, dass es mehr als ein Abschiedkuss war, er war voll Gefühl. Voller Liebe.
Es schmerzte nur noch mehr, endlich Gewissheit zu haben. Dennoch fühlte es sich gut an. Es fühlte sich seit Wochen etwas wieder richtig an.
Und dann war es vorbei und sie drehte mir den Rücken zu, bevor ich etwas sagen konnte.
Sie flüsterte mir etwas zu, so leise, dass es ein Mensch bestimmt nicht gehört hätte. Es zerbrach mir das Herz und gleichzeitig war es das Richtige.
„Lebe Wohl, Jacob. Ich hoffe, wir sehen uns jemals wieder."
Ich sah ihr nach, wie sie langsam immer mehr mit der Dunkelheit verschmolz, bis ich sie schließlich nicht mehr sehen konnte.
