Albus Dumbeldore
Der nächste Morgen. Sonntag. Als Severus die große Halle betrat, bemerkte er sofort, dass sie fehlte. Besorgt trat er an Dumbledore heran. „Albus", flüsterte er. „Laetitia ist nicht hier!" Dumbledore runzelte fragend die Stirn. „Warum sagst du mir das?"
„Nun, ich habe ihr gestern die Wahrheit gesagt." Dumbledore fuhr hoch. „Und dann hast du sie einfach alleine gelassen?" rief er. Severus schnaubte. „Ich glaube nicht, dass meine Gegenwart sie in irgendeiner Form getröstet hätte", meinte er sarkastisch. Dumbledore schien das einzusehen. „Nun, da hast du wohl Recht." Er machte eine kleine Pause. „Gut, ich werde sie sofort suchen gehen." Severus biss sich auf die Unterlippe. „Danke, Albus."
Dumbledore war besorgt. Ein Kind in diesem Alter konnte man nie einschätzen. Vor allem nicht dieses Kind. Hoffentlich hatte sie sich nichts getan.
Wo sollte er sie suchen? Der Astronomieturm war eine beliebte Anlaufstelle, ebenso der Ort, wo sich die Schuleulen befanden. Aber einer bestimmten Ahnung folgend ging er hinab zum See.
„Laetitia." Die Angesprochene drehte sich um und sprang angesichts von Dumbledore auf die Füße. „Wie lange bist du schon hier?" Laetitia zuckte mit den Schultern. „Dir muss kalt sein. Komm rein", meinte Dumbledore. Laetitia schwieg einen Augenblick. „Warum kommt er nicht selbst?" fragte sie dann. Dumbledore hob die Augenbrauen. „Hättest du ihn denn sehen wollen?" fragte er. Laetitia runzelte die Stirn. Dann schüttelte sie bedächtig den Kopf. Dumbledore seufzte. „Warum suchen sich Schüler immer die ungemütlichsten Orte aus?" Er setzte sich und machte Laetitia ein Zeichen, es ihm gleich zu tun. „Laetitia, ich möchte dir gerne eine Geschichte erzählen. Als Voldemort noch an der Macht war, waren viele meiner Freunde seine Feinde. Eines Tages brachte man mir die Nachricht, dass sich mehrere von ihnen in Vanvilley mit einer Truppe von Todessern einen erbitterten Kampf lieferten. Unbestimmte Geschäfte in Hogwarts hielten mich einen Tag auf, dann holte ich mir Moody und seine Leute zur Seite und brach sofort auf. Doch als wir ankamen, war es bereits zu spät. Das Dorf lag in Trümmern, meine Freunde waren tot. Alle." Dumbledore machte eine kurze Pause, bevor er weiter sprach. „Ich fragte einen Überlebenden, wann der Kampf denn beendet gewesen sei. ‚Gestern', meinte er. ‚Sie hatten einfach nicht mehr genug Leute.' Was meinst du, wie ich mich fühlte? Wäre ich einen Tag früher da gewesen, hätte ich doch die Geschäfte Geschäfte sein lassen, selbst wenn sie wichtig gewesen waren, hätte ich meinen Freunden rechtzeitig Hilfe leisten können. Nun hatte ich leichtfertig ihren Tod verschuldet." Dumbledore blickte Laetitia ernst an. „An diesem Tag klagte ich meinem Bruder mein Leid. Doch er ließ mich gar nicht zum Ende kommen. ‚Wie viele Todesser waren es?' fragte er. Ich meinte: ‚15.' – ‚Und wie viele Leute hatten deine Freunde zusammen?' – ‚Das Doppelte.'
‚Und, wie viele von ihnen haben überlebt?' – ‚Keiner.'
‚Siehst du, Albus, du solltest dich selbst nicht immer so wichtig nehmen. Glaubst du tatsächlich, dass du und deine jämmerliche Truppe etwas hätten ausrichten können? Wenn du rechtzeitig da gewesen wärst, dann wäret ihr blindlings in den Tod gerannt. Welchen Sinn hätte diese Hilfe gehabt?'" Dumbledore hielt einen Augenblick inne. „Ich bin alt, Laetitia und vielleicht auch ein wenig weise. Es mag abartig für dich klingen, aber heute bin ich sogar froh darum, dass mich die Geschäfte in Hogwarts hielten." Laetitia starrte auf den Boden. Man sah ihr an, dass sie die Geschichte berührt hatte und dass es in ihr rumorte. Aber sie schwieg beharrlich. „Nun frage ich dich: Was hätte Severus Hilfe für einen Sinn gehabt? Du hegst einen Groll gegen ihn, weil er den Tod deiner Eltern nicht verhindert hat, oder es zumindest nicht versucht hat. Ich sage dir, dass er gut daran getan hat, denn sonst wäre auch er getötet worden. Und wenn er getötet worden wäre, dann säßest auch du jetzt nicht hier neben mir." Laetitia blickte auf, als ihr der Sinn dieser Worte aufging. Dumbledore lächelte sie an. „Severus hat sich durch das Erlebte um 180 Grad gewendet. Inzwischen ist er mein wichtigster Mittelmann; er setzt sich für mich den größten Gefahren aus, doch ihm macht es nichts aus, weil er weiß, dass es von großem Nutzen ist. Ich bin sehr stolz auf ihn. Sei du es auch." Laetita zuckte merklich zusammen. Dumbledore tat, als hätte er es nicht gemerkt, sondern er stand mit knackenden Gelenken auf und verschwand wortlos in der Nacht.
Dieser Mann war einfach ein Phänomen.
