Laute Musik erfüllte den Raum. Die Tanzfläche war überfüllt mit Paaren, die sich rhythmisch zur Musik bewegten. Die meisten waren Hispanier, nur wenige Weiße tummelten sich unter den oft knapp bekleideten Männern und Frauen.
Eine von ihnen saß an der Bar und nippte an ihrem Cocktail. Bones trug zwar nicht das Kleid, das sie bei ihrem Undercovereinsatz getragen hatte, doch ihr heutiges Outfit versteckte keinen Zentimeter mehr ihrer Haut. Nachdem Angela sie auf die Idee gebracht hatte, bereits ohne Linton mit dem Training zu beginnen, hatte sie Booth eine Stunde früher in den Club bestellt. Angela hatte es sich nicht nehmen lassen mit Bones nach Hause zu fahren und ihren Kleiderschrank nach passenden Outfits zu durchstöbern. Allerdings war sie bei den Kleidern der renommierten Wissenschaftlerin schnell an ihre Grenzen gestoßen, was ihre Vorstellungen eines heißen Outfits anging.
Bones konnte widersprechen wie sie wollte, bevor sie sich versah, stand sie mit ihrer besten Freundin in einer Boutique und fand sich in einer Umkleidekabine wieder. Angela hatte innerhalb einer halben Stunde etwas zusammengestellt, was Bones nie im Leben so kombiniert hätte. Sie trug kein Kleid, sondern einen schwarzen Rock, der für ihren Geschmack ein wenig zu kurz war, aber laut Angela ihre Beine perfekt betonte. Dazu die schwarzen Stilettos, die gerade so hoch waren, dass sie noch tanzen konnte. Bones hatte um eine dunkelrote Bluse gekämpft, die Angela weiter aufgeknöpft hatte, als es Bones Absicht gewesen war. Darunter trug sie ein knappes Oberteil im gleichen Rotton, das mehr ihres Dekolletés enthüllte, als ihr lieb war.
Sie setzte immer wieder dazu an, die Bluse weiter zuzuknöpfen, doch als ihr Blick auf die noch knapper angezogenen Tanzpaare fiel, ließ sie ihre Hand wieder sinken. Erneut sah sie auf ihre Uhr. Booth müsste in wenigen Minuten hier sein, Linton allerdings erst in einer Stunde.
Bones beobachtete die Menschen um sie herum. An Orten wie diesen fühlte sie sich einerseits ein wenig unwohl, weil sie spürte, dass sie nicht wirklich dem Standardtyp Frau entsprach, andererseits wollte sie sich auch gar nicht an die anderen anpassen. Das käme einem Identitätsverlust gleich, dachte sie und sah zugleich an sich herunter. Wieder spielte ihre Hand mit dem oberen Knopf der Bluse, als sich die Tür öffnete und Booth eintrat.
Schnell musterte Bones ihn. Er trug fast das gleiche wie den ganzen Tag über. Nur die Anzughose hatte er gegen eine lockere Hose getauscht und das Jackett zu Hause gelassen. Die obersten Knöpfe seines Hemdes waren geöffnet und Bones erwischte sich bei dem Gedanken, dass er sich offensichtlich die Brust enthaaren musste.
Sie zuckte ein wenig zusammen, als er sie entdeckte und kurz die Hand hob. Sie grüßte zurück und sah ihm zu, wie er sich einen Weg durch die Menge bahnte.
„Wartest du schon lange?" er setzte sich neben sie und deutete auf den Drink vor ihr.
Bones schüttelte den Kopf. „Ein paar Minuten, nicht lange."
„Und dann sitzt du noch allein hier? Was hast du mit den Verehrern gemacht?" Booth zog neckisch die Augenbrauen nach oben.
Bones setzte zu einer Antwort an, als der Barkeeper zu ihnen kam.
„Scotch.", bestellte er knapp und wandte sich wieder Bones zu.
„Wann kommt Linton?"
Bones zuckte gespielt ahnungslos mit den Schultern. „Keine Ahnung, sie wollte eigentlich schon hier sein."
„Mhm." Der Barkeeper stellte das Glas vor ihm ab. Booth nahm einen Schluck und stellte das Glas mit einem „Klack" zurück. „Also, was machen wir, während wir warten?"
Beide begannen gleichzeitig zu grinsen.
Es war wieder wie beim ersten Mal. Sie hörten die Musik kaum noch, nahmen sie nicht bewusst wahr und doch bewegten sie sich in perfektem Einklang. Von den anderen Gästen des Clubs nahm wohl niemand an, dass die beiden laut eigener Aussage nur Kollegen und Freunde waren. Gute Freunde zwar, jedoch nicht so gut.
Booths Hände glitten ihren Rücken hinunter. Eng presste Bones sich an ihn, die Arme schlang sie um seinen Hals. Sie hatte beinahe vergessen, dass es ihr Partner war, von dem sie sich über die Tanzfläche wirbeln ließ. Wenn es nach ihr ginge, konnte Linton so spät kommen wie sie wollte. Vermissen würde sie hier niemand.
Ein wenig widerwillig gestand sie sich ein, dass Angela Recht gehabt hat. Die Idee Booth früher in den Club zu bestellen, hätte nicht besser sein können und auch wenn sie mit der Kleiderwahl ihrer Freundin erst nicht glücklich gewesen war, sprach Booths Verhalten Bände.
Sie wusste nicht, ob es wirklich daran lag, wie sie sich kleidete oder in welchem Zusammenhang sie sich trafen. Der Anlass ihres Treffens war zwar beruflich, aber so distanziert wie tagsüber im Labor oder an Tatorten gab Booth sich kein bisschen.
Während der Sänger der Band ein neues Lied anstimmte, ließ Booth seinen Blick kurz durch die Bar schweifen. Beinahe erleichtert stellte er fest, dass Agent Linton immer noch auf sich warten ließ. Er wandte sich wieder Bones zu, erwiderte das Lächeln auf ihrem Gesicht und verstärkte den Griff um ihre Taille. Auch er spürte wieder das geheimnisvolle Knistern.
Booth konnte sich nicht erklären, warum sich diese Stimmung sonst nie so richtig aufbaute. Selbst wenn er mit Bones allein im Diner war oder sie wieder bei ihr in der Wohnung saßen und chinesisches Essen aßen, fühlte er sich zwar mit ihr verbunden, aber dieses Gefühl war nie so stark gewesen wie in den letzten Tagen. Und auch dann nur wenn sie beide tanzten.
Sweets hätte sicher eine Theorie dazu. Er verdrängte den Gedanken an Sweets. Booth wollte an alles denken, aber nicht an Sweets. Zumindest nicht jetzt.
Das nächste Lied war wieder langsamer. Bones lehnte sich an ihn und ließ den Kopf gegen seine Schulter sinken. Booth umarmte sie fester und ohne darüber nachzudenken, gab er ihr einen Kuss auf die Wange. Bones erstarrte kurz. Dann drehte sie ihm das Gesicht zu.
Anspannung stieg in ihm auf, als ihm brennend heiß klar wurde, was er eben getan hatte. Erleichtert lächelte er, als er das freudige Glitzern in Bones' Augen sah.
„Wofür war das denn?" fragte sie mit einem Grinsen.
Er zuckte mit den Schultern.
„Muss alles einen Grund haben?"
Bones runzelte die Stirn. „Eigentlich…"
Booth ließ sie nicht ausreden, sondern unterbrach sie, indem er sich zu ihr nach vorn beugte und seine Lippen auf die ihren legte. Diesmal erstarrte sie nicht, sondern erwiderte den Kuss. Erst als sie von anderen Tänzern angerempelt wurden, merkten sie, dass die Musik wieder schneller geworden war.
Langsam lösten sie sich voneinander, unschlüssig was sie nun sagen oder tun sollten. Booth räusperte sich.
„Gut, dass wir das geklärt haben…" er lockerte die Umarmung ein wenig.
Bones nickte, presste die Lippen aufeinander, ließ allerdings ihre Hände genau da wo sie waren.
Booth sah ihr in die Augen, suchte nach einer Reaktion oder gar einer möglichen Ablehnung. Erst als sie fast vor ihnen stand, entdeckte er Agent Linton, die in einem Kleid, das nicht einmal ansatzweise an Bones Aussehen heranreichte, auf sie beide zu kam.
Bones wandte den Kopf, als sie seinen Blick bemerkte. Missbilligend schluckte sie und nahm die Arme herunter.
*~*
Angela beobachtete amüsiert, wie Linton regelrecht rot anlief. Wenn Brennan davon ausgegangen war, dass Angela zurzeit zu Hause war und ihr morgen über diesen Abend Löcher in den Bauch fragen würde, lag sie falsch. Kaum war Brennan zu dem Club aufgebrochen, hatte sich auch Ange auf den Weg gemacht und war nur wenige Minuten später angekommen. Seitdem stand sie auf der anderen Seite und beobachtete jede Bewegung, jede Geste der beiden.
Als Bones und Booth angefangen hatten zu tanzen, hatte es der sonst so redelustigen Angela die Sprache verschlagen. Sie hatte sich das ganze schon aus Brennans Erzählung als mehr als heiß ausgemalt, aber es live zu sehen übertraf ihre kühnsten Vorstellungen. Die Leute um sie herum warfen ihr einen irritierten Blick zu, als sie beim Anblick des Kusses der beiden kurz aufquietschte wie ein Teenie. Sie verfluchte Linton, als diese zur Tür hereinkam, sich kurz umsah und inne hielt, als sie ihre „Beobachtungspersonen" eng umschlungen auf der Tanzfläche vorfand. Ein gehässiges Grinsen huschte über Angelas Gesicht.
Belustigt sah sie der Szene zu, die sich nun abspielte. Linton deutete auf ihre Armbanduhr und sagte etwas, Bones sah ein wenig betreten zu Boden, als wäre sie von ihren Eltern beim Knutschen mit einem Jungen erwischt worden, während Booth seine Hände auf ihrer Hüfte ließ und keinerlei Anstalten machte etwas daran zu ändern. Ein wenig genervt von Lintons Auftritt antwortete er ihr etwas und deutete auf die Bar. Linton drehte sich daraufhin auf dem Absatz um und marschierte auf die Theke zu. Booth und Bones folgten ihr langsam, nachdem Booth sie noch einmal kurz zur Seite gezogen und ihr einen flüchtigen Kuss gegeben hatte.
Angelas Grinsen wurde immer breiter. Ein Lateinamerikaner, auf den Angela sonst bestimmt ein Auge geworfen hätte, sprach sie an und lenkte sie ab.
„Sorry, aber du bist leider keine Frau.", wimmelte sie ihn ab. Manchmal war es wirklich praktisch bisexuell zu sein… Für einen Moment entglitten dem Mann die Gesichtszüge, dann hob er entschuldigend die Hand, lächelte und ging davon.
Als Angela ihren Blick endlich wieder der Bar zuwenden konnte, fluchte sie, denn sie konnte weder Bones noch Booth sehen. Sie suchte den Club ab, ein wenig panisch drehte sie sich um und überprüfte, ob sie sich nicht einen Tisch hinter ihr gesucht hatten. Würde Bones sie hier sehen, wäre der Teufel los. Sie hatten zwar nicht direkt abgesprochen, dass Angela nicht kommen würde, aber Angela kannte ihre Freundin gut genug, um zu wissen, dass sie es nicht gutheißen würde, wenn sie ihr nachstahl.
Als sich die Beleuchtung des Clubs ein wenig änderte, entdeckte sie Bones und Booth auf der Empore. Booth stand ihr gegenüber, sie lehnte mit dem Rücken gegen das Geländer. Aber wo war Linton?
Angela ließ beinahe ihr Glas fallen, als ihr jemand von hinten auf die Schulter tippte. Als sie sich umdrehte, sah sie in die steinharten Augen von Agent Linton.
„Darf ich fragen weshalb Sie mich beobachten?"
„Ähm…", Angela stellte langsam das Glas auf dem Tisch neben sich ab, überlegte fieberhaft nach einer guten Ausrede. „Sie? Wieso denken Sie, dass ich Sie beobachte?"
Linton trat von einem Fuß auf den anderen, stemmte den linken Arm in die Hüfte und nahm die typische Haltung eines Polizisten ein, der genau wusste, wann er angelogen wurde.
„Hören Sie auf, mich auf den Arm nehmen zu wollen. Ich bin vom FBI, ich weiß sehr wohl wann ich beobachtet werde."
Angela hob abwehrend die Hände und versuchte so unschuldig wie möglich auszusehen.
„Hören Sie, ich habe nicht Ihnen zugesehen, sondern einer Freundin, die mit jemandem getanzt hat. Es tut mir Leid, wenn Sie da etwas falsch aufgefasst haben"
Linton schürzte die Lippen.
„Handelt es ich bei ihrer FREUNDIN", sie spuckte das Wort förmlich aus, „zufällig um Dr. Temperance Brennan?"
Angela schluckte. Das war Antwort genug für Linton.
„Mhm… so langsam wird mir klar, was das hier soll. Passen Sie auf, wo Sie sich einmischen.", drohte sie ihr, dann ließ Linton Angela einfach stehen.
Angela hatte schon früh gelernt, sich nicht von allem einschüchtern zu lassen und sich durchzusetzen, aber Linton machte wahrlich nicht den Eindruck, dass mit ihr zu spaßen war. Jeder, der ein wenig von Körpersprache verstand, konnte erkennen wie Linton wütend die Treppe zur Empore hochging und sich oben gleich nach Bones und Booth umsah, als hätten die beiden in der Zeit verschwinden können. Bones stand immer noch mit dem Rücken an dem Geländer und schien Angela nicht gesehen zu haben.
Das Risiko, doch noch von ihr entdeckt zu werden, wenn Linton ihr nicht schon von ihrer Anwesenheit berichtete, war Angela zu groß. Sie trank den letzten Schluck ihres Drinks und ging schnellen Schrittes zum Ausgang, ohne noch einmal nach oben zu sehen.
