Kapitel 6 - Mathe bringt nie etwas Gutes mit sich

Violettas Sicht

In der Nacht träumte ich ein Haufen an wirrem Zeug, an das ich mich kein bisschen mehr erinnern konnte, als ich langsam aufwachte.
Müde öffnete ich meine Augen einen Schlitzbreit und sah eine Gestalt auf dem Bett gegenüber von mir sitzen.
Etwas verwirrt öffnete ich die Augen nun ganz, richtete mich auf und sah auf die Gestalt mit dem Sari.
Viel zu langsam kam in meinem Gehirn die Information an, dass ich mich in einem fremden Land befand und ab jetzt hier lebte und die Person auf der anderen Seite des Zimmers Maya war.
Ihre heutige Erscheinung überraschte mich leicht, wenn ich ehrlich war.
Denn gestern hatte sie noch normale Jeans und T-Shirt angehabt.
Wobei ich zugeben musste, dass ihr solche traditionelle Kleidung sogar einen Tick besser stand, als die normalen Sachen.
Es unterstrich ihre Schönheit auf eine eigene, faszinierende Art.
Da konnte man schon beinahe neidisch werden.
Unbewusst legte sich ein Lächeln auf meine Lippen.

„Guten Morgen", nuschelte ich schließlich und gähnte herzhaft, den Blick noch immer auf Maya ruhend.
Meine Augen folgten ihr leicht verwirrt, als sie wortlos aufstand, die Handflächen in Brusthöhe aneinander legte und den Kopf leicht senkte.

„Namasté"

Vor Überraschung weiteten sich meine Augen etwas, dann musste ich aber breit lächeln.
Also so hatte mich bis jetzt noch keiner begrüßt.

„Wir haben fast sieben Uhr. Ich wusste nicht, wann du aufstehen wolltest", meinte sie, scheinbar um wieder etwas Normalität in diese ganze Situation zu bringen.

Mit den Lippen formte ich ein stummes „Oh", als mir in den Sinn kam, dass ich völlig vergessen hatte, einen Wecker zu stellen.
In den letzten acht Wochen hatte ich immerhin keinen gebraucht, da Ferien gewesen waren.
„Ich hab doch tatsächlich vergessen, einen Wecker für heute zu stellen", sagte ich und ärgerte mich über mich selbst.

„Das ist doch nicht schlimm. Du bist ja noch früh genug von alleine aufgewacht, sonst hätte ich dich einfach geweckt", meinte Maya und grinste leicht.
Seltsam … normalerweise war ich die geborene Langschläferin.
Musste wohl an der neuen Umgebung liegen.
„Aber jetzt solltest du dich wirklich beeilen, wenn du noch vor Beginn des Unterrichts, was essen willst", fügte sie noch hinzu.
„Ich geh jetzt schon, wenn es in Ordnung ist."
Sie sah mich leicht fragend an, sodass mein eigener Ärger schnell vergessen war und ich innerlich über ihre Worte schmunzeln musste.

„Natürlich, ich will dich nicht aufhalten", sagte ich und stand auf.
„Den Weg in den Speisesaal werde ich hoffentlich auch alleine finden."
Meinen Lippen entwich ein leises Lachen, wegen dem Bild, das sich langsam in meinem Kopf formte.

Hoffentlich fand ich wirklich den Weg.
Notfalls würde ich eines der anderen Mädchen fragen.
Dann verschwand ich mit einem „Wir sehen uns irgendwann später" ins Bad.
Kurz bevor ich in die Dusche stieg, hörte ich noch wie die Tür des Zimmers leise ins Schloss fiel.

Eine knappe halbe Stunde später stand ich wieder mit türkiser Röhrenjeans, Blümchenbluse und schwarzer Strickjacke bekleidet in meinem Zimmer.
Meine Haare hatte ich mir, wie meistens auch, zu einem seitlichen Zopf zusammengebunden.
Nachdem ich noch Block und Mäppchen in meine Tasche gepackt, meinen Stundenplan vom Tisch genommen und in die Hosentasche gesteckt hatte, verließ ich das Zimmer und blieb unschlüssig in dem langen Flur stehen.

„Morgen, Violetta!"
Ich drehte mich leicht erschrocken um und lächelte dann, als ich erkannte wer mich da gegrüßt hatte.

„Guten Morgen, Caro. Morgen, Sarah", grüßte ich zurück und ging mit den beiden Mädchen zum Speisesaal.

Dort angekommen, setzten wir uns, nachdem sich jede von uns etwas zu Essen geholt hatte, an einen der runden Tische, an dem bereits vier weitere Personen saßen.
Drei Jungen und ein Mädchen.
Schon gestern beim Abendessen hatten wir sieben zusammengesessen und ich war mir sicher, dass wir es auch in der nächsten Zeit tun würden.
Bevor ich anfing, mein Müsli in mich hinein zu löffeln, ließ ich meinen Blick kurz suchend durch den großen Saal schweifen.
Maya war nicht hier; vermutlich musste sie schon längst fertig mit Frühstücken sein.

„Was hast du als erstes?", fragte mich Caro, als wir uns auf dem Weg zu den Klassenräumen befanden.

„Mathe", antwortete ich, da ich meinen Stundenplan noch gut in Erinnerung hatte.
Keine Ahnung wer auf den bescheuerten Gedanken gekommen war, Mathe in den ersten zwei Stunden zu machen.
Und da das hier nicht Deutschland war, sondern die USA, musste ich mir diesen Schrecken fünf Mal die Woche antun.

„Und du?", fragte ich zurück.

„Englisch."

„Das hätte ich jetzt auch gerne", seufzte ich und holte meinen Stundenplan raus, da ich die Raumnummer vergessen hatte.

Zu meiner Überraschung war es genau das, an welchem wir beinahe vorbei gelaufenwären, hätte ich Caro nicht gesagt, dass ich hier rein musste.
Nach einer unerwarteten, kurzen Umarmung ihrerseits, betrat ich den doch recht großen Raum.
Alle Plätze außer einem Tisch waren schon besetzt.
Ich setzte mich an den freien Zweiertisch am Fenster in der Mitte und sah nach draußen durch das Fenster.
Der Ausblick war wirklich schön.
Alles hier war so grün.
Erst als es plötzlich ganz leise wurde, drehte ich mich um und bemerkte, dass der Lehrer eingetreten war.
Mein Platz blieb leer.

Naja … dann würde ich eben wenigsten in Mathe die Ruhe vor viel zu geschwätzigen Sitznachbarn haben.

Mr Whitelock stellte sich noch einmal vor, nachdem er seine Tasche auf dem Tisch abgestellt hatte. Dann waren wir mit dem Vorstellen dran.
Und ich war mir sicher, dass es nicht das einzige Mal heute sein würde.

Gerade als sich ein Junge namens Evin vorstellte, wurde die Tür geöffnet und ein Junge trat ein.
In seinem Gesicht war nicht die kleinste Spur zu erkennen, dass es ihm peinlich war, dass er einfach so reingeplatzt war und ihn jetzt alle regelrecht anstarrten.
Grund dafür war aber auch wohl, dass er wirklich gut aussah.
Dunkle rotbraune, kinnlange Haare, die mich an Bronze erinnerten, umrandeten das markante, leicht gebräunte Gesicht, das zugleich sanft und weich wirkte.
Von hier aus konnte ich seine Augen nicht genau erkennen, aber es musste vermutlich ein dunkles Braun sein.
Er war eindeutig größer als ich … bestimmt 1,90 m … und hatte einen Körper, der darauf schließen ließ, dass er oft Sport trieb.
Um es auf den Punkt zu bringen: Er sah wie einer dieser Kerle aus, dem ein Großteil aller Mädchen zu Füßen lagen oder in diesem Fall noch liegen würden.

„Sie sind zu spät, Mr Black", riss mich Mr Whitelocks Stimme aus meinen Gedanken.

Kurz musste ich mich versichern, dass ich richtig gehört hatte, denn er hatte tatsächlich Black gesagt.
So hieß doch einer der Lehrer auch.
Okay, Black war ein Allerweltsname.
Aber wenn ich den Kerl vorne an der Tür und diesen Mr Black verglich, musste ich zugeben, dass einige Ähnlichkeiten festzustellen waren.

Lange dachte ich darüber jedoch nicht nach, da Mr Whitelock ihn aufforderte, sich zu setzten.

Natürlich auf den freien Platz direkt neben mir, da kein anderer frei war.
Er würdigte mich keines Blickes, als er den Stuhl nach hinten schob und sich setzte.

„Lassen Sie uns forfahren", sagte der Lehrer und schon ging das Vorstellungstheater weiter.

Nachdem das endlich überstanden war, prüfte Mr Whitelook auf welchem Stand wir uns in Mathe befanden.
Sein Mittel: Ein Test!
Wirklich anspruchsvoll fand ich ihn jetzt nicht wirklich, aber wenigstens schlug er die Zeit tot.
Der Test wurde eingesammelt und Mr Whitelock fing an, die Matheücher zu verteilen.
Während er das tat, unterhielten sich die meisten – mit Ausnahme halt, der gerade vorne am Pult stand.

„Hey", sagte ich zu meinem Tischnachbar, da mir langweilig war und ein kleines Gespräch weder ihn noch mich umbringen würde.

Er saß leicht schräg zu mir, sodass ich nur ein Teil seines Profils sehen konnte, und drehte sich auch nicht um, als er dann ein murrendes „Hey" über die Lippen brachte.
Also wenn man mit jemanden sprach, konnte man einem doch wenigstens aus Höflichkeit ins Gesicht sehen.
(Und nein, ich dachte das nicht nur, weil er ein schönes Gesicht hatte und ich hätte es betrachten können, wenn er sich umgedreht hätte.)

„Mein Name ist Violetta, und deiner?", fragte ich und lehnte mich etwas im Stuhl zurück.

„Anthony", antwortete er schlicht und schwieg.

Irgendwann wurde es mir zu blöd und ich versuchte nicht noch einmal, ihn anzusprechen.

Rechtzeitig zum Gong hatte der letzte Schüler sein Mathebuch und wir hatten erst mal fünf Minuten Pause.
Da wir in diesem Raum auch die nächsten zwei Stunden hatten, blieb ich sitzen.
Anthony jedoch stand auf und ging an einen Tisch mit zwei Blondinen und redete mit ihnen.
Nein … er redete nicht nur mit ihnen; er flirtete!

Und nein, mein Ego war deswegen nicht verletzt.
Nur weil er mit diesen zwei Blondinen sprach und mit mir nicht.

Schlussendlich musste ich mir eingestehen, das mein Ego einen kleinen Kratzer davon getragen hatte.
Einen ganz ganz kleinen, wirklich ...