1.6.
Bei Kerima hatte es während der Weihnachtspause ordentlich gerappelt im Karton wie Lisa zu sagen pflegte: Agnes hatte sich spontan entschieden bei Boris im Schwarzwald zu bleiben. „Ohne sich zu verabschieden", monierte Inka, „Das darf's doch echt nicht geben." – „Du bist doch nur neidisch, weil die olle Gulaschkanone eher nen Typen abbekommen hat wie du." Sabrina grinste hämisch. Nur Lisa war still, ihre mütterliche Freundin Agnes einfach so am anderen Ende des Landes, wenigstens anrufen oder schreiben hätte sie können. Aber wenn das Herz ruft… Hoffentlich wird sie glücklich im Schwarzwald. Hugo und Britta hatten ihren Urlaub verlängert und niemand wusste, warum. Hannah war genervt, weil sie jetzt die doppelte Arbeit hatte und sie sich ihre Stullen auch noch selbst schmieren musste. Lisa ging es nicht besser: Davids und Mariellas Trennung war endgültig und David hatte sich auf Sylt eingeigelt und es war noch nicht abzusehen, wann er sich aus seiner Lethargie reißen würde. Er hatte Lisa bei der Seidelschen Sylvesterparty darüber in Kenntnis gesetzt und Lisa gruselte es bei dem Gedanken, dass sie sich jetzt alle Arbeit mit Richard teilen musste. Aber der war auch noch nicht da. Langsam erhob sich Lisa, es stand eine Steuererklärung an und obwohl sie die locker hätte delegieren können, liebte sie diese Arbeit über alles: Nur sie und die Zahlen…
Gegen Mittag fasste sich Rokko ein Herz, er hatte Lisa seit Weihnachten nicht gesehen und ein frohes neues Jahr hatte er ihr auch noch nicht gewünscht. Er machte sich auf zu ihrem Büro – von seinem neuen Arbeitsplatz war es auch nicht ganz so weit zu ihr. Ohne zu klopfen kam er zur Tür hinein: „Ein gesundes neues… Jahr." Rokko hatte begonnen langsamer zu sprechen, denn das Bild, was sich ihm bot, war zu irritierend. „Bleiben Sie genau da stehen, machen Sie keinen Wind, bringen Sie nichts durcheinander und schließen Sie vorsichtig die Tür." Der Boden in Lisas Büro war über und über mit Papierstapeln übersäht. Lediglich ein kleines Viereck an der Tür war ausgespart, damit die Tür aufgeht und Besucher dort einen Stehplatz hatten. Lisa selbst stand auf ihrem Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür, in ihrem Haar hatte sich ein Bleistift verheddert, von dort oben sondierte sie die Papiere am Boden. So ein Bild war er eigentlich nur von seiner eigenen Arbeitsweise gewohnt. Zwischenzeitlich hatte sich Lisa zu ihm umgedreht: „Wenn Sie das nächste Mal den Drang verspüren zu klopfen, sollten Sie dem nachgeben." – „Ähm ja. Eigentlich wollte ich fragen, ob Sie vielleicht Lust hätten, mit mir essen zu gehen." Rokko half Lisa von ihrem Schreibtisch herunter und sah sie hoffnungsvoll an: „Lust schon, aber ich kann nicht. Sie sehen ja, was hier los ist." Rokko hatte ihr den Bleistift aus den Haaren gezogen und ihr überreicht. Er war enttäuscht und Lisa konnte das in seinen Augen sehen. „Was ist das hier?" – „Die Steuererklärung." – „Und die machen Sie selbst?" – „Ja. Vielleicht habe ich später Zeit für einen Kaffee." – „Bitte?" – „Kaffee. Wenn ich Ihnen jetzt schon einen Korb für ein Mittagessen gebe, dann würde ich Ihnen das als Kompromiss anbieten." – „Okay, dann bis später."
Rokko tigerte in seinem Büro auf und ab. Es gab nicht viel zu tun für ihn und die Zeit für Kaffee und Kuchen rückte nur sehr langsam heran. Wer kein Mittagessen hatte, sollte zumindest früher Kaffeetrinken, überzeugte er sich selbst und machte sich auf in Lisas Büro. Er späte durch die Tür und ging dann rein - zu Lisas Missfallen wieder ohne zu klopfen. Lisa konnte einen immer wieder verblüffen, diesmal saß sie auf ihrem Stuhl, die Arme vor der Brust verschränkt, die Beine neben dem Bildschirm und hatte die Augen geschlossen. Rokko grinste in sich hinein, ja sie war besonders – in jeglicher Hinsicht. „Frau Plenske, was tun Sie da?" Lisa öffnete kurz ein Auge und schloss es dann wieder „Ich versuche die Steuererklärung mittels Telepathie zu machen." – „Und?" – „Was und?" – „Sind Sie erfolgreich?" – „Sagen Sie es mir." Rokko griff nach den Formularen. „Nein, alle leer." – „Dann habe ich versagt." Lisa setzte sich ordentlich hin und sah ihn an: „Was führt Sie zu mir?" – „Ihr Kompromissangebot. Ich glaube, jetzt ist ein guter Zeitpunkt für einen Kaffee."
Bei Kaffee und Kuchen erzählte Lisa Rokko von der Seidelschen Sylvesterfeier. David hatte ihn zwar auch eingeladen, aber er hatte abgelehnt. Heilig Abend bei den Plenskes hatte einen nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen. Er war zu Sylvester doch zu seiner Familie nach Pinneberg gefahren, weil er gehofft hatte, es könne mit ihnen auch so sein. Sein Vater hatte ihn recht bald auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Ja, er war immer noch unverheiratet und eine Freundin hatte er auch, was seinen Vater dazu veranlasste über eine mögliche Homosexualität zu spekulieren. Ja, er hatte immer noch diesen unmöglichen Job und jetzt auch noch eine Festanstellung in einem Modeunternehmen. Und schon hatte sein Vater keinen Grund mehr, mit ihm zu sprechen. Seine Mutter hatte ihn kurz zur Seite genommen, um zu erfahren, ob er irgendwelche Probleme hatte, denn sonst kam er ja auch nie überraschend zu ihnen. Nein, es war alles in Ordnung. Er mochte Berlin und Kerima und überhaupt war alles gut, er wollte nur mal seine Familie wieder sehen. In Gedanken hatte er angefügt: Weil ich es gerade erst mit der Familie zu tun hatte, die ich mir als Kind immer gewünscht habe. „Dann hatte Ihre Familie wenigstens an Neujahr etwas von Ihnen." Lisa war halt ein Familienmensch und bei ihrem Umfeld war das auch leicht. Rokko hatte darauf verzichtet, ihr zu erzählen, dass es nicht schön war. Das hätte sie traurig gemacht und das wollte er nicht. Hannah hatte sich zu ihnen gesellt. „Ouf", machte sie „Hugo hat ein riesiges Chaos hinterlassen, aber wenigstens auf Brittas Vorarbeit kann man sich verlassen." – „Sag mal Hannah, könntest du nachher einen B-Style-Termin für mich wahrnehmen? Durch Davids und Richards Abwesenheit schaff ich es nicht. Es ist auch keine große Sache, du musst bloß zu dieser Adresse…" Lisa schob ihr einen Zettel zu „…und nett lächeln während die deine Entwürfe offiziell als Teil ihres Angebots vorstellen." Hannah las die Adresse und konnte sie nicht so richtig einordnen, aber wie immer, wenn sie etwas für B-Style tun konnte, war sie mit Stolz erfüllt. Sie wollte Lisa nicht enttäuschen. „Natürlich mach ich das. Gibt es irgendetwas zu beachten? Soll ich jemanden mitnehmen?" – „Am besten jemanden, dem du schon immer mal so etwas sagen wolltest wie ‚ätsch'". Rokko und Hannah sahen sich verdutzt an. „Okay. Meinst du, es ist okay, wenn ich Mark frage, ob er mitkommt?" – „Wenn du dich beeilst. Der Termin ist schon in einer Stunde. A propos Termin, ich muss auch los." Lisa erhob sich hektisch „Wir sehen uns." Und weg war sie. Rokko rutschte zu Hannah rüber „Ich weiß, dass ist nicht so gut für die Beziehungspflege zwischen Ihnen und Mark, aber ich würde auch gerne mitkommen."
Mark, Rokko und Hannah gingen schweigend zurück zu Kerima. Hannah fand als erstes die Sprache wieder: „Keine große Sache! Keine große Sache! Sie platziert meine Entwürfe bei H&M und nennt es keine große Sache." Hannah schüttelte entrüstet den Kopf, bescheiden zu sein, war ja nichts Schlechtes, auch wenn es außer Lisa niemand in der Branche war, aber diesmal hatte sie den Vogel abgeschossen. Unter dem Arm trug sie die Verträge für den europaweiten Verkauf der B-Style-Linie durch H&M und Lisa nannte das keine große Sache. Die drei saßen am Catering und hielten ein Schwätzchen, als Lisa gerade aus dem Fahrstuhl stieg. Mark war aufgesprungen „Mensch, Flitzpiepe, das war aber ein megagroßes Ätsch für Hannah." Und eh sich Lisa versah, hatte er sie umarmt und auch Hannah war ihr um den Hals gefallen. Anschließend gab sie ihr die Mappe mit den Verträgen und übermittelte die Grüße, die ihr der Manager von H&M aufgetragen hatte. Rokko beobachtete die Szene mit etwas Abstand und konnte sehen, dass Lisa angesichts der vielen Aufmerksamkeit ganz rot wurde. Innerlich schüttelte er den Kopf. So ging das nicht, sie verdiente einfach Anerkennung für das, was sie tat.
