Es ertrinken lassen

Die Welt verschwimmt. Snape keucht auf, seine Hände suchen Halt, sich irgendwo festhalten, aufrecht halten, bevor die Knie nachgeben, der Körper zu taumeln beginnt.

Die metallene Türklinke ist kalt und seltsam beruhigend, als seine Hand sie endlich findet und umklammert. Er lässt sich gegen die schwere Tür sinken. Einfach atmen, ein, aus, ein... den Schmerz vorübergehen lassen... einfach warten und atmen...

Seine Kniescheiben scheinen geschmolzen zu sein und der Schmerz beisst sich in ihm fest, schwimmt mit dem Blut durch sämtliche Adern und in jede Faser seines Körpers. Er braucht den Trank, verdammt.

Mit rauer Stimme murmelt er das Passwort zu seinen Räumen, der Zauberstab zittert in seiner Hand, als er einige verschlungene Linien über das Holz der Tür malt. Das Zeichen beginnt silbern zu glühen. Die Tür knirscht unwillig und springt auf.

Snape schleppt sich ins düstere Wohnzimmer, stösst die Tür zum Schlafzimmer auf, sinkt vor der schwarzen Kommode auf die Knie und kramt in der untersten Schublade. Einige Phiolen und Fläschchen stossen klingelnd aneinander. Er packt eines aus grünem Glas und schraubt den Verschluss auf.

Erleichterung kriecht über seine Haut, durch die schmerzenden Glieder, als er die Flasche an die trockenen Lippen setzt. Der Trank rinnt kalt die Kehle hinunter und räumt mit den Schmerzen auf. Erlöst atmet Snape durch, steht auf und zieht endlich den schweren Umhang aus. Er pfeffert ihn aufs Bett, zückt seinen Zauberstab und füllt ein grosses Glas mit Feuerwhisky. Immer noch etwas schwach auf den Beinen, stakst er ins Wohnzimmer. Mit einem Schlenker seines Zauberstabs zündet er das Feuer im Kamin an, lässt sich in einen schwarzen Sessel fallen. Das abgeschabte Leder hat schon bessere Tage gesehen.

Der Alkohol schimmert dunkel wie Gold im Glas. Snape schüttet das ganze Glas in sich hinein, endlich ist der bittere Geschmack auf der Zunge verschwunden. So hilfreich der Trank auch ist, er schmeckt scheusslich.

Langsam lässt Severus das Treffen Revue passieren, auch wenn er es lieber gleich vergessen hätte. Der Dunkle Lord war schrecklich wütend gewesen, warum genau, wusste keiner seiner Anhänger.

Severus sieht die rot flackernden Augenschlitze vor seinem inneren Auge, hört wieder die Beschimpfungen, die keinen verschont hatten an diesem Abend...

Das leise Zischen seiner Stimme viel schlimmer, als wenn er geschrieen hätte. Er war unzufrieden mit den wenigen Informationen, die ihm sein Spion liefern konnte und seine Stimme war kalt: „Crucio!"

Er war schon unzählige Male unter dem Folterfluch gewesen und er hatte gelernt, nicht zu schreien (Schreien bedeutete nur schlimmere und längere Folter). Aber so lange hatte ihn Voldemort schon lange nicht mehr unter dem Fluch gelassen...

Severus packt seinen Zauberstab, zieht einen silbernen Gedankenfaden hervor und lässt ihn ins Denkarium auf dem Tisch schweben. Er kann die Erinnerung an das Treffen hervorholen, bevor er Dumbledore Bericht erstatten muss. Da der Schulleiter offenbar immer noch mit Potter unterwegs ist, kann er sich das für heute abend ersparen. Wenigstens etwas. Wenn er etwas jetzt nicht ertragen könnte, wären es Dumbledore und seine ruhige Stimme und sein verdammtes Mitgefühl...

Er sieht der Erinnerung zu, wie sie silbern davonschwimmt und untergeht. Wenn es doch so einfach wäre, alles Üble einfach ertränken... ersäufen... vergessen...

Der Zaubertränkemeister leert weitere Gläser Feuerwhisky, bis sich Wärme in seinem geschundenen Körper ausbreitet und die Gedanken endlich langsamer werden. Dann erst geht er ins Schlafzimmer, schält sich aus den Kleidern, wirft die Stiefel in eine Ecke und kriecht zwischen die zerknitterten Laken.

Wieder einmal flieht der Schlaf vor ihm.

*

Jemand lacht. Es ist ein hohes Lachen, bar jeder Freude und es schmerzt in den Ohren. Schwarze Gestalten scharen sich in einen Kreis, der sich zusammenzieht und immer enger wird. Es ist kalt, Atem gefriert, steigt neblig in die Nacht.

Am Boden windet sich jemand, weiss zeichnet sich der Körper gegen den nachtdunklen Grund ab. Das Bild wird klarer. Helles Haar tanzt im Takt der verzweifelten Bewegungen, Schmutzflecken auf weissem Stoff und auch ein wenig Blut, die Glieder zucken, es sieht aus, als hätte dieser zappelnde Mensch mehr als zwei Arme und Beine...

Die Fesseln aber bleiben unsichtbar.

Immer noch dieses Lachen, höhnisch, kalt, die schwarzen Schemen rücken näher um die Gefangene am Boden, ihr Mund ist offen, die Lippen rot, vor Blut oder ist es Lippenstift? Die Frau schreit, aber kein Ton kommt über ihre Lippen.

Langsam geht er näher und blickt auf die Frau hinunter. Die Umhänge der anderen hinter ihm rascheln. Das Lachen hat aufgehört. Der Mond tut unbeteiligt und versteckt sich hinter einer Wolke.

Weit aufgerissen schauen ihre Augen zu ihm hoch. Er kann ihre Lippen zittern sehen. Eine Schlange kriecht über den Boden, ganz nahe an der Frau vorbei, sie zuckt vor dem Tier zurück, dieses aber tut ihr nichts, sondern gleitet lautlos davon.

Jemand ist neben ihn getreten. Er dreht sich um. Rot flackert der Blick des zweiten Mannes über die Frau hinweg – obwohl, viel von einem Mann hat er nicht... Sein Gesicht ist fahl wie der Mond, der jetzt vorsichtig hinter der Wolke hervorlinst. Die Nasenlöcher des Wesens, schmal, geschlitzt, blähen sich und er fühlt eine Hand an seinem Rücken.

«Sie gehört dir» zischt eine Stimme, der dunkle Lord steht still da und sieht zu, wie er sich neben der Frau niederlässt. Ihre Augen sind Eis, weiss, durchsichtig, aber ihr Blick setzt ihn in Flammen.

«Worauf wartest du noch?» Wieder diese Stimme, sie kriecht über seine Haut wie die Schlange, drückt sich durch jede Pore in ihn hinein und widerhallt dumpf in seinem Innern. Worauf wartet er noch...?

Seine Hände schiessen vorwärts, finden die Schultern der Frau, die Fesseln sind jetzt verschwunden, dafür nageln seine Hände, sein Körper sie am Boden fest. Seltsam glücklich sieht er, wie das Eis schmilzt und als Tränen aus den farblosen Augen tropft, silberne Spuren über die Wangen zieht. Morgane O'Hara weint, Schluchzer schütteln den schmalen Körper unter ihm, aber noch immer ist nichts zu hören...

«Sie gehört dir» zischt die Stimme über ihm. Sie gehört ihm. Der weisse Stoff reisst mit Leichtigkeit, eine Naht kreischt empört. Ihre Haut ist kalt.

*

Severus schnappt nach Luft, findet sich in seinem Bett wieder, das Laken klebt an seiner schweissnassen Haut, sein Mund trocken vor Erregung.