DIES FÜR DAS
„Noch einen Schluck Wein?"
Snape beugte sich zu Hermine hinüber, die ihm nickend ihr beinahe leeres Glas hinhielt, und goß ihr von dem fast schwarzen Rotwein ein, den sie gemeinsam mit den anderen den ganzen Abend über getrunken hatten.
Sie waren von dem Ordenstreffen die letzten, die übriggeblieben waren, weil sie kurz vor Schluß noch über diverse Themen ins Reden gekommen waren. Alle anderen schliefen bereits und ein Blick durch das kleine Fenster zeigte dem Zauberer, daß es nicht mehr lange dauern würde, bis sich das erste, kaum wahrnehmbare Licht des neuen Tages sich in die Schwärze des überaus frühen Morgens mischen würde. Er dachte für einen kurzen Moment an die irritierende Angewohnheit der kleinen Singvögel, unmittelbar vor diesem ersten Lichthauch die ersten Lieder anzustimmen und verlor darüber die Aufmerksamkeit für das, was sein Gegenüber sagte. Als er ihren fragenden Blick bemerkte, entschuldigte er sich und lehnte sich im Sessel zurück, seine Aufmerksamkeit wieder auf Hermine gerichtet.
„Ein Penny für Ihre Gedanken, Professor.", lächelte Hermine ihn müde an.
Snape schüttelte abwehrend den Kopf.
„Nichts erwähnenswertes, Miss Granger."
„Und doch möchte ich es wissen", schmunzelte sie.
„Wir sollten ebenfalls schlafen gehen", lenkte er in eine andere Richtung, aber Hermine ging nicht darauf ein.
„Nein, das haben Sie nicht gedacht."
„Und woher wollen Sie das wissen?"
Hermine zögerte, dann lächelte sie, beinahe kokett.
„Weibliche Intuition."
Sein Mundwinkel verzog sich leicht und er trank einen weiteren Schluck Wein, um das sich andeutende Lächeln zu verbergen.
„Warum wollen Sie es unbedingt wissen, Miss Granger?", fragte er, als er das Weinglas wieder unbewusst, langsam in seinen Fingern drehte und wand, wie er es den ganzen Abend schon tat, so daß der Wein sanft und gemächlich im Glas hin und herging und sein ganzes, intensives Aroma freisetzte. Ebenfalls nicht zum ersten Mal hob er das Glas dann wieder, ohne zu trinken vor seinen Mund, nur um den Geruch der Köstlichkeit zu genießen.
Als müsse sie selbst über die Frage nachdenken, zögerte Hermine lange, bevor sie antwortete: „Die Antwort auf diese Frage würde ich wohl nur unter Veritaserum preisgeben, verehrter Professor."
Nun selbst neugierig, hob er die Augenbrauen und sah sie an, als versuche er, die Antwort mit einem Blick seiner dunklen Augen aus ihr herauszuholen.
„Jeder von uns hat wohl seine Wahrheiten, die er nicht preisgeben mag.", sagte er dann leise in einem philosophisch anmutenden Ton, als klar war, daß sie nicht weitersprechen würde.
„Das ist wohl so", stimmte Hermine ihm zu.
Dann schwiegen sie.
Das Feuer knisterte leise im Kamin und in der Etage über ihnen konnten sie hören, wie einer der anderen das Bad aufsuchte, um kurz danach wieder in seinem Schlafzimmer zu verschwinden.
Obwohl keiner von beiden sprach, machte auch keiner Andeutungen ebenfalls schlafen zu gehen. Einer unausgesprochenen Abmachung folgend, leisteten sie sich weiter Gesellschaft.
„Angenommen, ich hätte Veritaserum hier – würden Sie es trinken, Miss Granger?", fragte Snape nach einer ganzen Weile in die Stille hinein, die nur vom ersten leisen Zirpen der Vögel draußen und den leisen Geräuschen des herabbrennenden Kaminfeuers durchzogen war.
„Warum sollte ich das tun?"
Seine Frage war so seltsam, daß mehr dahinter stecken musste, als es oberflächlich den Anschein hatte.
Er spitzte die Lippen, als habe er ein Lockmittel parat.
„Weil ich mindestens genauso neugierig bin, wie Sie, Miss Granger und weil ich dann die Gewissheit hätte, daß Sie auf meine Fragen wahrheitsgemäß antworten würden."
„Das wäre aber sehr einseitig, Professor", stellte Hermine unnötigerweise fest.
Er nickte.
„Ja... das wäre es wohl..."
Für einen Moment glaubte Hermine, das Thema sei damit beendet, als er jedoch weitersprach.
„Und wenn ich eine Gegenleistung anböte?"
Nun waren es ihre Augenbrauen, die sich verwundert hoben.
„Eine Gegenleistung?"
Er nickte.
„Was für eine Gegenleistung?", fragte sie und sah dabei das winzige Blitzen von Triumph in Snapes Augen, der gerade die Bestätigung bekommen hatte, daß er sie neugierig gemacht hatte.
Er beugte sich vor und sah ihr direkt in die Augen.
„Wir legen, auf der Basis von Ehrenleuten, Spielregeln fest, und dann trinken wir es beide..."
Hermine stand der Mund leicht offen, als sie ihn wie betäubt anstarrte und erst als er sich mit einem breiten Grinsen zurücklehnte, fing sie sich wieder und schloß die Lippen.
Er hatte sie an der Angel.
Er wusste es und sie wusste es ebenso.
„Welche Spielregeln wären das?", fragte sie, frei heraus und überlegte intensiv, ob sie ihm sagen sollte, wieviel Wein er bereits getrunken hatte, und daß er in nüchternem Zustand solch einen Vorschlag sicher nie gemacht hätte. Aber sie entschied sich, zu sehen, wie weit er gehen würde und suchte gleichzeitig in ihrem Kopf nach der Antwort auf die Frage, ob sie bei diesem Spiel mitspielen würde...
Er legte den Kopf ein wenig schief und wandte den Blick überlegend zur Decke. Dann zählte er auf: „Wir fragen abwechselnd, es werden keine Fragen zu meiner Zeit als Todesser gestellt und das Thema Sexualität wird ebenfalls ausgeklammert."
Hermine nickte zustimmend, trank einen Schluck Wein und ergänzte dann: „Und es werden keine Fragen zu dritten Personen gestellt."
Er nickte ebenfalls und ergänzte dann seinerseits noch eine weitere Regel: „Und nichts von dem, was ans Licht kommt, verlässt diesen Raum."
Dann schwiegen sie und jeder für sich wog die Für und Wider dieses Spiels ab.
„Wären Sie fair, Professor?", fragte Hermine.
Er zuckte mit den Schultern.
„Was verstehen Sie unter fair, Miss Granger? Mir geht, wenn ich noch auf dem aktuellen Stand bin, ein gewisser Ruf voraus, nicht der freundlichste aller Ordensmitglieder zu sein. Aber fair...? Ich halte mich für fair. Doch das ist sicher eine Definitionssache. Wären Sie denn fair, Miss Granger?"
Sie war anständig genug, zu zögern, bevor sie „Ich denke schon." sagte.
Die Spannung im Raum wuchs, während man durch das Fenster zum Garten langsam die ersten Umrisse der Bäume erkennen konnte.
„Gut – tun wir es!", stieß Hermine plötzlich heraus und bereute es auf der Stelle. Aber ihre Neugier gewann die Oberhand und sie beließ es nervös bei der Zustimmung.
„Gut, abgemacht!" Snapes Miene veränderte sich auf eine unbestimmbare Weise, die Hermine noch flatteriger werden ließ. Als habe er den ganzen Abend nichts anderes im Sinn gehabt als dieses Spiel, zückte er aus einer Tasche seiner Kleidung eine kleine Phiole.
Mit großen Augen starrte Hermine auf das Glasgefäß und fühlte sich überrannt.
„Haben Sie, ganz zufälligerweise, immer Veritaserum in der Tasche, Professor?", fragte sie mit einem leicht giftigen Unterton.
Er ließ ihre Frage unbeantwortet, lachte nur still und goß die Hälfte der Phiole in sein Weinglas, beugte sich dann zu Hermine hinüber und ließ den Rest in ihr Weinglas fließen.
„Zum Wohle, Miss Granger Auf eine interessante Stunde nur für uns beide."
Er hielt ihr sein Glas zum Anstoßen hin.
Auch Hermine hatte im Laufe dieses Abends viel Wein getrunken. Und die Möglichkeiten die sie gleich haben würde, ließen die Gefahren für ihre Privatsphäre in den Hintergrund treten.
Mit einem angenehmen Klingen stießen die Gläser aneinander, bevor die sich Gegenübersitzenden jeder den Inhalt seines Glases in einigen tiefen Schlucken austrank.
Und im gleichen Moment in dem ihr der Wein die Kehle hinunterrann, wusste Hermine, was Snape getan hatte.
Ihr war klar, daß Snape wusste, daß sie es sofort wissen würde.
Sie hatte kein Veritaserum getrunken. Und ebenso wenig hatte er es getan. Was in ihrem Weinglas gewesen war, hatte leicht nach Lavendel geschmeckt. Vermutlich nur eine völlig unmagische Essenz die er aus irgendeinem Grund in der Tasche gehabt hatte.
Aber mit dem Trinken des Weines, hatten sie sich gegenseitig auf einer sehr viel innigeren Ebene, als das Trinken des Serums es gewesen wäre, das Versprechen gegeben, die Fragen, die nun kommen würden, wahrheitsgemäß zu beantworten. Aber Snape hatte ihnen beiden die Möglichkeit gelassen, sich bewusst und kontrolliert jederzeit aus dem Spiel herauszunehmen.
„Wer fängt an?", fragte er sie.
Noch immer von der aktuellen Erkenntnis beeindruckt, lehnte sie sich zurück um abzuwarten, was geschehen würde, während sie ihm mit einer Handbewegung den Vortritt ließ.
Er zögerte keinen Moment.
„Was ist Ihre liebste Jahreszeit?"
Sie hatte etwas völlig anderes erwartet und verschluckte sich beinahe. Aber dann antwortete sie wahrheitsgemäß: „Der Winter."
„Warum?"
Hermine schüttelte den Kopf.
„Nein, nein... jetzt bin ich dran. Wir fragen abwechselnd, erinnern Sie sich?"
Er lächelte und nickte. Wenn bis gerade noch nicht klar gewesen war, daß sie kein Veritaserum getrunken hatten, war es nun deutlich. Sie hätte seine Frage ohne zu zögern beantwortet, anstatt ihn an die Spielregeln zu erinnern.
„Gut, dann fragen Sie, Miss Granger."
„Ihre Frage war interessant. Deshalb möchte ich nun Ihre liebste Jahreszeit wissen."
„Der Herbst.", antwortete er und ergänzte sofort „Und warum mögen Sie den Winter am liebsten?"
„Niemand zerrt mich nach draußen. Alles ist so still. Sogar die Menschen werden still. Der Winter bringt mir die Ruhe, die das ganze Jahr über so vermisse. Und warum mögen Sie den Herbst?"
„Weil mir dann niemand nach draußen folgt. Also eigentlich aus dem gleichen Grund wie Sie. Dann habe ich meine Ruhe, wenn ich meinen Gedanken nachhängen möchte und niemand verlangt von mir, daß ich mal etwas ‚luftiger' bekleidet nach draußen gehe. Nirgendwo hat man so sehr seine Ruhe, wie in einem Wald während eines Herbststurmes."
„Aber das ist auch gefährlich, Professor."
Er verdrehte die Augen ein wenig.
„Wann werden Sie aufhören, in Muggelmaßstäben zu denken, Miss Granger?"
Hermine schlug sich innerlich vor den Kopf. Natürlich... Aber dann grinste sie.
„War das Ihre nächste Frage?"
Er verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.
„Nein..."
„Was ist dann Ihre nächste Frage, Professor?"
Er überlegte.
„Was ist ihr Lieblingsbuch?"
„Ich habe keins."
Er sah sie sehr zweifelnd an.
„Miss Granger hat kein Lieblingsbuch? Wie wahrscheinlich ist das?"
„Ich liebe so viele Bücher so sehr, daß ich es noch nie geschafft habe, ein einzelnes aus all diesen Kostbarkeiten herauszuheben und als mein Lieblingsbuch zu betiteln. Ich kann sagen, daß ich Fachbücher mehr mag als Belletristik, aber in beiden Kategorien gibt es großartige Bücher."
Sie konnte an seinem Nicken sehen, daß das, was sie sagte, auch für ihn Sinn ergab.
Nun suchte sie nach einer neuen Frage und wollte von den Belanglosigkeiten weg. Also fragte sie ihn nach einer kurzen Pause: „Wenn Sie irgendetwas für sich selbst auf der Stelle ändern könnten, was wäre das?"
Sein Gesicht zeigte, daß er sehr ernst über diese Frage nachdachte, bevor er ganz ruhig und mit dunkler Stimme antwortete: „Ich würde ändern, daß ich permanent friere."
Eine Gänsehaut durchlief Hermine angesichts dieser ganz und gar unerwarteten Antwort.
„Sie frieren immer? Auch jetzt? Sind sie deshalb immer so geschlossen gekleidet?", sie blickte mehrmals zwischen ihm und dem Kamin hin und her, an den er seinen Sessel – wie an jedem Abend – sehr dicht herangezogen hatte. „Sitzen Sie deshalb immer so dicht vor dem Kamin? Aber in ihrem Labor ist es immer so kalt! Warum machen Sie es dort nicht wärmer?"
Er hielt den Zeigefinger schüttelnd hoch um zu zeigen, daß er wieder dran war und stoppte damit die Flut ihrer Fragen. Hermine seufzte, verstummte aber vereinbarungsgemäß.
„Wenn Sie für einen Tag etwas tun könnten, das normalerweise nicht möglich ist, was würden Sie tun?"
Hermine bekam einen sehnsüchtigen Blick und antwortete beinahe sofort: „Essen! Ich würde alles essen, was in mich hineinpasst. Alles was in gesättigten Fettsäuren zubereitet wird und aus den komplexesten Kohlehydraten besteht, die nur denkbar sind. Ich würde es mit purem Zucker garnieren und den Rekord im höchsten, jemals gemessenen Blutzuckerspiegel aufstellen!"
Snape sah sie nun ähnlich erstaunt an, wie sie eben ihn, bevor er mit einem amüsierten Unterton bemerkte: „Das Wohl der Welt scheint uns beiden nicht besonders am Herzen zu liegen." Er verzichtete darauf, nach den Gründen für ihren seltsamen Wunsch zu fragen.
Stattdessen war nun Hermine wieder an der Reihe.
„Was war der schlimmste Moment Ihres Lebens."
Als hätte er Veritaserum getrunken, kam seine Antwort nun ebenso prompt wie ihre eben.
„Der Tod von Albus Dumbledore."
Er wurde etwas blass, als er das sagte und goß sich und Hermine neuen Wein in die leeren Gläser. Er trank einen tiefen Schluck, bevor er wieder sprach.
„Sind Sie getauft?"
„Was?" Hermine war von dieser Frage völlig verwirrt.
„Ob Sie getauft sind. Ihre Eltern sind Muggel, da ist das doch nicht so unwahrscheinlich, oder?"
„Nein... nein, natürlich nicht. Und – ja – ich bin getauft. Allerdings katholisch."
„Was meinen Sie mit ‚allerdings'"
Die Regeln für einen Moment außer acht lassend, antwortete Hermine auch auf diese Frage.
„Wir stammen eigentlich aus einer rein protestantischen Gegend. Daher war es etwas unüblich, katholisch getauft zu werden und ich hatte in den ersten Schuljahren viele Probleme damit. Warum haben Sie mir diese Frage gestellt, Professor?"
„Ist das Ihre nächste Frage?"
„Ja."
NOT to be continued
