BELLA

Nachdem ich das Telefongespräch mit Alice beendet hatte, legte ich mich erschöpft auf meine Matratze zurück. Das Geständis hatte mich einiges an Überwindung gekostet. Doch wenigstens war es jetzt raus. Ich hatte ihr von E.C. erzählt. Irgendwann hätte ich es ja tun müssen, also lieber früher als später.

Ihre Reaktion war...naja man könnte sie als 'leicht' skeptisch bezeichnen. Wenigstens gab es keine riesen Standpauke.

Aber sie hatte mich auch auf eine gute Idee gebracht. Ich frage mich warum ich auf die nicht eigentlich früher gekommen war. Sie meinte ich sollte doch mal in die neueren Tagebücher schauen. Vielleicht würde ich dort etwas mehr über ihn erfahren. Eigentlich eine ziemlich logische Überlegung. Aber das mache ich heut ganz bestimmt nicht mehr. Mir vielen schon fast die Augen zu. Ich kuschelte mich in mein Kissen und zog mir die Bettdecke bis zum Hals. Langsam schlummerte ich weg.

Ich schlug die Augen auf und fand mich in einem dunkelgrünen Raum wieder. Irgendwie sahen die Wände komsich aus. So als würden sie sich bewegen. Aber nicht als würden sie wackeln sonder eher als würden sie in sich wippen. Nein, moment, das waren keine Wände, es war ein dichter Wald. Die Bewegung war das wackeln der Bäume im Wind. Ein satter grüner Wald befand sich vor mir. So dicht das man kaum drei Meter weit sehen konnte. Um mich herum war es sehr dunkel, doch nicht beängstigend. Im gegenteil, ich fühlte mich sehr wohl. Der Nebel ließ alles sehr verträumt aussehen. Wie in einem Märchen. Ich hörte es hinter mir knacken. Wohl ein Ast der abgebrochen war. Ich dachte mir nichts weiter dabei. Aber da war es schon wieder. Jetzt hörte sich das knacken eher wie Schritte an. Langsam drehte ich mich in die Richtung aus der die Geräusche kamen. Zuerst sah ich ein paar schwarze Schuhe, mein Blick streifte über zwei Beine die in einer dunklen Jeans steckten und über ein graues Hemd. Ich wollte dem Unbekannten ins Gesicht sehen, doch das blieb leider verborgen im Schatten. Das einzige was ich noch sehen konnte war wirren bronzefarbene Haare.

Bronze...

Irgendetwas machte KLICK in meinem Kopf.

Bronze...

Endlich traf ich ihn. E.C.

Doch warum konnte ich sein Gesicht nicht sehen? Plötzlich stand er vor mir. Eigentlich müsste ich jetzt sein Gesicht sehen, doch da war nichts. Nur weiterhin ein Schatten. Aufeinmal spürte ich seine Hände auf meinem Gesicht. Sie liebkosten meine Wangen und streichelten dann über meinen Hals. Langsam für er über meine Schultern und verschränkte dann seine Arme hinter meinem Nacken, sodass ich an seine Brust gedrückt wurde. Diese war hart und wirkte durchtrainiert. Das hätte ich nicht gedacht, da seine Figur vorher eher schmächtig ja schon fast zu dünn auf mich gewirkt hatte. Doch jetzt fest an seine Brust gepresst, war dem gar nicht mehr so. Es fühlte sich toll an. Es fühlte sich richtig an. Sein Körper an meinen gepresst in einer innigen Umarmung. Für mich war es der intimste Moment seit langem. Er ließ seine Hände langsam über meinen Rücken gleiten und zeichnete mit seinen Daumen Kreise. Ich fühlte mich total entspannt. Sein heißer Atem streichelte über meinen Hals und mein Körper scheint in Flammen aufzugehen. Meine Brust hob und senkt sich in schnellen Stößen. Allein diese wenigen und zugegebenermaßen noch züchtigen Berührungen brachten mein Blut in wallung. So leicht war ich normalerweise nicht zu Erregen. Doch hier schien irgendetwas anders zu laufen. Als seine Hände sich auf meine Hüfte legten und meinen Unterleib gegen seinen zogen war ich kurz vorm durchdrehen. Gott was machte dieser Mann mit mir. Jetzt konnte ich ihm endlich nahe sein, war aber kurz vorm hyperventilieren.

Plötzlich spürte ich etwas hartes an meinem Rücken. Ich hatte gar nicht gemerkt wie er mich immer weiter nach hinten geschoben hatte, bis ich schließlich zwischen ihm und einem Baum eingekeilt war. Keine Möglichkeit zur Flucht. Wollte ich das überhaupt? Teufel nein! Dann spürte ich seine weichen Lippen auf meinem Hals. Ich schnappte nach Luft. Er raubte mir den Atem. Einfach unfassbar. Seine federleichten Küsse zogen sich in einer Linie bis zu meinem Dekolette und schließlich schob er mein Top ein Stück weiter nach unten und küsste den Ansatz meiner Brüste. Ich spürte wie ich hochrot anlief. Gott sei dank war es so dunkel das er es nicht sehen konnte, doch die Hitze die von meinem Körper ausging war bestimmt deutlich zu spüren. Langsam schob er die Träger meines Oberteils über meine Schultern, bis sie auf höhe meines Ellenbogens waren. Dann folgte der Rest bis meine Brüste frei lagen. Ich atmete immernoch in tiefen schnellen Zügen ein und aus, doch das schien ihn nicht zu stören, er liebkoste meine Brüste ungestört weiter. Ich spürte seine feuchte Zunge die über meine steifen Nippel strich. Ich erschauderte leicht. Sowohl unter seinen Berührungen, als auch unter dem kühlen Wind der jetzt über die Lichtung streicht. Langsam erwache auch ich aus meiner Starre und bringe meine Hände dazu sich seinem Körper zu nähern. Bisher hatte ich keine einzige Anstalt gemacht ihne meinerseits zu verwöhnen. Unendlich vorsichtig hob ich meine Hand um ihm durch seine faszinierenden Haare zu streichen. Ganz langsam näherte ich mich seinem Kopf. Die erste Haarsträhne strich über meine Hand...so weich, so einzigartig. Ich holte tief Luft und nahm allen Mut zusammen um ihm ins Gesicht zu sehen, doch wieder sah ich nur Schatten. Ich wollte genauer hinsehen, doch aufeinmal verschwamm sein Gesicht und ich sah nur noch Schwärze.

Die Dunkelheit die mich umfasste war nicht die eines nebligen Waldes, das war einfach nur die Nacht die sich in mein Zimmer geschlichen hatte.

Ich war daheim. In meiner Wohnung. Kein Wald. Kein Fremder. Kein aufregendes Abenteuer.

Wer könnte der Fremde gewesen sein?

Bella, stell dich nicht dümmer als du bist! Du weißt genau von wem du geträumt hast.

E.C.

Natürlich war mir klar das nur er es sein konnte. Meine ganzen Gedanken kreisten nur noch um ihn.

Ich sollte versuchen zu schlafen. Ohne aufreibende Träume.

Entschlossen drehte ich mich um und schloss die Augen. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, war ich auch schon weg!

Ich höre meinen Wecker. Mir ist klar, dass ich aufstehen muss. Zur Arbeit. Raus aus meinem kuscheligen Bett. Unvorstellbar!

Schnell drückte ich auf die Schlummertaste. 10 Minuten. Dann steh ich wirklich auf. Ich schaff das.

Auch diesmal höre ich meinen Wecker. Erneut ist mir klar das ich aufstehen muss. Zur Arbeit. Ich bin schon 10 Minuten zu spät dran! Dank der Schlummertaste. Langsam quäle ich mich aus meinem gemütlichen Bett. Meine nackten Zehen berühren den Boden und ich zucke sofort zusammen weil er so kalt ist. Ich sollte mir endlich einen Teppich vors Bett legen.

Ich schleife mich zum Bad und stelle schonmal das Wasser in der Dusche an. Ich warte bis es warm wird und betrachte mich derweil im Spiegel. Ich sehe aus als hätte ich diese Nacht so gut wie gar nicht geschlafen. Total verquollen und meine Haare sind ein einziges Vogelnest. Tja wenn man mal genauer hinschaut sehe ich total unbefriedigt aus, was wohl an dem nächtlichen Traum liegen mag den ich leider nicht vollenden konnte. Ein warmes Gefühl der Erregung breitet sich in der unteren Hälfte meines Körpers aus. Ja, ich hatte ES wirklich bitter nötig. Wie lang lag das letzte mal eigentlich zurück, wenn ich mich das schon fragen muss war es wohl zu lang. Ich könnte mir einen Callboy kaufen, der es mir dann mal so richtig besorgt. Von vorne und von hinten. Oh Gott...ich werd schon von meinen eigenen Gedanken rot. Ich schüttelte meinen Kopf um diesen Irrsinn loszuwerden. Statt weiter darüber nachzudenken stieg ich lieber in die Dusche. Sofort erwachten meine Lebensgeister. Ich fühlte mich schon besser als der erste Tropfen des klaren heißen Wassers meine Haut berührte. Vorsichtig hielt ich meinen Kopf unter den Strahl und schloß die Augen. Mit geschlossenen Augen tastete ich nach meinem geliebten Erdbeershampoo. Ich ließ es in meine Hand tropfen und massierte danach meine Haare damit. Der Duft half mir dabei mich noch mehr zu entspannen. Das tat unfassbar gut. Ich wäre gern noch Stunden lang in der Dusche gestanden während die Tropfen auf meinen Körper prasselten, doch ich musste los, schon jetzt war ich viel zu spät dran. Mit einem Seufzer drehte ich den Wasserhahn zu und stieg aus der Dusche. Ich wickelte mir ein Handtuch um und ging zu meinem Kleiderschrank. Da hing sie, meine 'wunderschöne' gelbe Uniform. Aus meiner Unterwäsche suchte ich irgendeinen langweiligen Slip und einen noch langweiligeren BH heraus und zog mich an. Als ich endlich halbwegs fertig war suchte ich hastig meinen Kram zusammen. Handtsche. Buch. Schlüssel. Handy. Das übliche. Ich stürmte aus der Wohnung und flog förmlich zu Arbeit.

Fünf Minuten nach sieben. Gerade noch einigermaßen im Rahmen. Die üblichen Verdächtigen waren auch schon da. Meine lieben Stammkunden.

James stand auch schon hinter dem Tresen und war dabei fleißig Kaffee zu kochen. Doch von Victoria war keine Spur.

„Hey Chef" rief ich mit einem Augenzwinkern, er hasste es wenn ich ihn so nannte.

Mürrsich verzog er das Gesicht.

„Wo ist deine Schönheit von Frau heute?"

„Vic ist bei den Kindern. Die beiden haben sich gegenseitig mit der Grippe angesteckt und bei ihr fängt es auch schon an. Also sollte sie lieber daheim bleiben bevor wir hier alle flachliegen" sagte er.

„Oh, die Armen. Sag ihnen Gute Besserung von mir, ja?"

„Werd ich machen, Swan. Sag mal, denk jetzt nicht das ich deine Gesellschaft nicht schätze und deine Arbeitsmoral ist auch wirklich lobenswert aber was tust du hier?"

Ich sah ihn etwas dümmlich an „Wie meinst du das?" fragte ich perplex.

„Naja, du bist doch heute gar nicht eingetragen. Erst nächste Woche wieder"

„Bitte?" kam es mir über die Lippen

„Wir haben das doch besprochen, vor ein paar Wochen. Du hattest noch ein paar Tage restlichen Urlaub und wolltest sie so schnell wie möglich einplanen. Und naja das war diese Woche" erklärte er.

Dann dämmerte es auch bei mir. Natürlich. Ich habe Urlaub! Ha. ICH HATTE URLAUB!

Massenhaft Zeit zur Verfügung. Ich konnte eine Woche lang machen was ich wollte ohne zu hetzen. Krass.

„Ok" sagte ich zu James „Dann bring mir mal einen Kaffee und zwar ein bisschen flott"

„Nicht frech werden, junge Dame" gab er mit einem Augenzwinkern zurück.

Tja, nun saß ich hier, ohne eine Aufgabe! Ich könnte shoppen gehen, mit Alice. Sie würde mir bestimmt gern helfen, schließlich hielt sie meine Garderobe für eine einzige Katastrophe!

Ich zog mein Handy aus meiner Handtasche und wählte ihre Nummer. Einmal bekam ich ein Freizeichen zu hören und dann schaltete sich auch schon die Mailbox an.

Mist.

Na klar, sie war arbeiten. Kann ja schließlich nicht jeder Urlaub haben!

Und jetzt?

ALICE

Ich gehe zur Arbeit. Gar kein Problem. Ich tue das jeden Tag. Seit meheren Jahren.

Ich sehe meine Kollegen. Ich sehe Bücher. Ich sehe Computer. Ich sehe meinen Chef. Ich sehe viele andere Dinge.

Ich sehe meinen Chef...

Meinen Chef.

Jasper Whitlock.

Das Arschloch.

Vielleicht kommt er ja heute gar nicht. Ich meine nachdem er so hektisch verschwunden ist.

Ja ganz sicher er wird nicht kommen.

Doch wenn er kommen würde, müssten wir wieder in den staubigen Keller und die Bücher weiter katalogisieren. Mit ihm alleine! Das könnte ja was werden. Ich werde auf alle Fälle stark bleiben. So eine Katastrophe wie das letzte mal konnte ich mir nicht nocheinmal leisten. In diesem Keller total unbefriedigt zurückgelassen zu werden ist wirklich das letzte. Ich glaube ich bin mir selten so blöd vorgekommen. Nicht einmal damals auf meinem Abschlußball, als ich dieses superenge rote Kleid tragen wollte, dass mir dann auf der Tanzfläche richtig schön am Arsch aufgeplatzt ist. An diesem Tag hab ich mir geschworen das ich nie wieder auch nur eine einzige Tafel Schokolade essen werde. Gehalten hat dieser Schwur zwar nicht lange aber wenigsten fühlte ich mich danach besser. Aber diesen Schwur, den ich jetzt ablegen werde, würde ich nicht so einfach brechen. Asslock war für mich Geschichte, ich würde nie wieder in seinen unglaublich blauen Augen versinken. Nie wieder würde ich zulassen das er seine Hüften an meine drängt. Nie wieder will ich seine Hände auf meinem Po spüren. Ich würde stark sein, nicht wie damals mit der Schokolade. Ich meine richtig stark, ich würde widerstehen. Ein für alle mal. Es ist jawohl auch ein Naturgesetz, dass man niemals, unter keinen Umständen, nicht mal wenn die Welt droht unterzugehen, etwas mit seinem Chef anfangen sollte. Selbst dann nicht wenn er dein Ritter in strahlender Rüstung sein könnte, der auf einem weißen Pferd angeritten käme um dich vor der bösen Hexe zu retten. Auch dann nicht!

Ich holte einmal tief Luft und machte mich auf den Weg in den Keller. Mit jeder Stufe die ich nahm wurde ich mir sicherer das dieser Plan funktionieren würde. Vorsichtig schob ich die Tür auf und linste ins Zimmer. Nichts zu sehen. Um sicher zu gehen, hielt ich den Atem an und lauschte nochmal kurz. Nichts zu hören. Dann bin ich wohl doch allein. Erleichtert drückte ich die Tür ganz auf und trat ein.

Oh Gott ich hatte wirklich noch ein ganzes Stück vor mir. Bis unter die Decke stapelten sich die Kartons. Wieso haben wir das auch so lange aufgeschoben? Es würde Wochen dauern das alles abzuarbeiten. Natürlich blieb es wie immer an mir hängen. Wunderbar. Und gestern hatten wir ja nicht wirklich viel geschafft. Ein Buch! Toller Erfolg! Dann muss ich mich heute wohl richtig reinhängen.

Ich schnappte mir das Klemmbrett und wendete mich einem bereits geöffneten Karton zu...plötzlich raschelte etwas hinter mir. Oh Gott, waren das Ratten? Wieder ertönte das gleiche Geräusch. Hilfe, wir haben Ratten. Ich sah mich um und entdeckte einen Stuhl auf den ich mich retten konnte. Da stand ich nun, meine Beine schlotterten unkontrolliert. Ich würde hier drinnen von Ratten aufgefressen werden und keiner würde mich retten. Hier kam nie jemand runter. Oder ich würde elendig auf diesem Stuhl verhungern und verdursten. Wie lang konnte man es ohne trinken aushalten? Drei Tage? Das war nicht sehr lang.

Wieder dieses Geräusch. Oh mann, vielleicht sollte ich schonmal anfangen zu beten. Wieder ein Geräsuch, diesmal hörte es sich etwas anders an. Es klang als würde eine der Ratten einen Karton beiseite schieben. Himmel, es waren riesen Ratten. Genmanipulierte Ratten. Mit Köpfen so groß wie Melonen. Mit einem Biss hätten sie mich verschlungen. So würde ich also sterben, nicht sehr glamorös. Aber aufjedenfall würde es Schlagzeilen machen. Positiv würden diese nicht sein. Und dann sah ich wie sich ein Büschel Haare hinter einem Karton bewegte. Was zum...wie konnte eine Ratte nur so viele und lange Haare haben und dazu noch blond. Langsam wurden die Haare mehr und etwas Haut zeigte sich, dan kamen noch blaue Augen dazu und ein makelloses Gesicht. Oh OH. Mein Chef. Doch keine Ratte. Obwohl, eigentlich doch. Zumindest war er meiner auffassung nach diesen Tieren gar nicht so unähnlich. Unangenehm und unerwünscht.

„Miss Brandon!" sagte er erschrocken. Dann sah er auf den Stuhl und dann auf mich und meine zitternden Knie.

„Warum stehen sie auf einem Stuhl?"

„Also...ich...ich dachte..." na toll, wieder fing ich an zu stottern.

„Da war so ein Geräusch, ein rascheln und ich dachte es wären vielleicht Ratten..." jetzt als ich es laut ausprach hörte es sich noch bescheuerter an.

„Ratten? Sie dachten ich wäre eine Ratte? Vestehe ich das richtig? Kein schönes Kompliment das muss ich sagen!" antwortete er.

„Ja also, ich hab jetzt ja auch nicht direkt sie damit gemeint. Sondern sie wissen schon, diese kleinen ekligen Tierchen, mit dem langen nackten Schwanz."

„Ich weiß was Ratten sind, Miss Brandon" sagte er genervt.

Er schüttelte den Kopf und dabei viel ihm eine Haarsträhne in die Stirn. Oh diese Strähne. Wie gern würde ich sie ihm aus dem Gesicht streichen, sie wieder dorthin zurückbringen wo sie hingehört und dabei durch seine Haare fahren.

Alice! Du wirst schwach, noch schneller als bei der Schokolade!

„Nun, wenn wir das hier heute noch zu Ende bringen wollen müssten sie vielleicht von dem Stuhl steigen! Ausser natürlich sie fühlen sich dort oben wohler. Schließlich hat man von dort einen ganz guten Überblick."

Achja stimmt, ich stand ja immernoch auf dem Stuhl. Langsam stieg ich runter und lächelte ihn dümmlich an. Einen Moment sah er mir noch in die Augen und wendete sich dann ab. Der hält mich doch so oder so für ne Irre, also besteht wohl die Gefahr einer erneuten Annäherung nicht. Ich sollte mich erleichter fühlen, tat ich aber nicht.

„Also, Miss Brandon, wo sind wir das letzte Mal stehen geblieben?" fragte er.

Erschrocken sah ich ihn an. Was meinte er denn jetzt damit?

„Hallo? Sind sie schon wieder bei ihrem Mittagsschlaf?"

„Neeeeeiiiiiiin, bin ich nicht! Wir haben nur ein Buch geschafft, Dracula, dann...ja dann... also..."

„Ja genau, dann musste ich weg" setzte er schnell ein „ Also machen wir doch gleich bei dem letzten Karton weiter. Die Liste haben sie ja schon in der Hand"

Ich setzte mich auf den Stuhl, auf dem ich gerade eben noch ängstlich gestanden hatte, während er in dem Karton wühlte.

„Was haben wir denn da...eine Ausgabe der Sturmhöhe...hmm...die sieht aber ziemlich zerlesen aus. Wieviele Exemplare haben wir im Moment davon auf Lager?"

„Sieben, Mr Whitlock" antwortete ich

„Zustand?" fragte er knapp.

„Tadellos" antwortete ich ebenso knapp.

„Gut, dann kann das hier weg, sieht es ziemlich zerlesen aus!"

Und schon hatte er das nächste Buch in der Hand.

„Austen, Emma. Wieviele haben wir davon?"

Himmel, das würde der langweiligste Tag in meinem ganzen Leben werden.

„Fünf" antwortete ich lustlos.

„Gut, jetzt haben wir sechs. Tragen sie es bitte in die Liste ein"

„Bin doch nicht von vorgestern" nuschelte ich vor mich hin.

„Wie bitte?" fragte er mich und zog dabei eine Augenbraue hoch.

„Och, ähm, nichts"

„Miss Brandon ich höre sie ständig irgendetwas hinter meinem Rücken nuschlen, wenn sie etwas zu sagen haben, dannn sagen sie es laut. Ich werde ihnen schon nicht den Kopf abreißen. Ausserdem hab ich schon genug um die Ohren, da kann ich es nicht brauchen wenn sie mir auch noch das Leben schwer machen"

Was bildet der sich eigentlich ein? Er hat schon genug um die Ohren? Was macht der denn schon den ganzen Tag, wühlt ein bisschen in den Kartons und verschwindet dann wieder weil er anscheinend wichtigere Dinge zu tun hat. Wahrscheinlich sitzt er den ganzen Tag in seinem Büro vor dem Computer und zieht sich Pornos rein. Ich kann mir nicht vorstellen das man dabei in Hektik gerät. Wieso krieg ich eigentlich immer seine schlechte Laune ab...Er hat doch eine Sekretärin, soll er die doch Nerven, aber nein er wartet bestimmt den ganzen Tag darauf bis ich ihm über den Weg laufe und dann lässt er alles raus.

Die dumme Miss Brandon ist ja schließlich ein leichtes Opfer, lässt sich ja auch alles gefallen. So nicht mein Freund, nicht mit mir.

„Mr Whitlock, darf ich sie davon in Kenntniss setzten, dass ich absolut nicht für ihre schlechte Laune kann. Also lassen sie sie doch bitte an der Person aus die es betrifft. Ich bin eine vorbildliche Angestellte, das scheint jeder hier bemerkt zu haben nur sie leider nicht. Und was soll das 'ich habe schon genug um die Ohren'. Was ist an ihrem Alltag bitte stressig, sie schneien hier morgens rein, übrigens meistens zu spät und verziehen sich dann gleich in ihr Büro. Wenn man sie dann mal wegen etwas sprechen möchte erhält man nur eine pampige Antwort. Kein Mensch kann was dafür wenn ihr privat Leben so ereignislos ist, schon gar nicht ihre Mitarbeiter. Also lassen sie uns und ganz besonders mich mit ihrem ständigen Gemecker in ruhe. Vielen Dank!"

OH SHIT! Das wird mich meinen Job kosten. Ich bin arbeitslos, na super. Ich muss Bella fragen ob sie mir ein Bewerbungsformular vom Diner mitbringen kann. Die suchen doch immer Leute. Ganz besonders für die Spätschicht.

„Miss Brandon, sicher denken sie gerade darüber nach was sie zu mir gesagt haben und in diesem Moment wird ihnen wohl klar, dass sie in den nächsten Sekunden von einer 'vorbildlichen Angestellten' zu einer Arbeitslosen werden können. Ich möchte sie beruhigen, ich werde diese Unverschämtheit jetzt einfach überhören. Denken sie aber nicht, das sie sich so einen Ausrutscher mehrmals leisten können. Und nun zu meiner 'schlechten Laune'. Haben sie schon mal überlegt das, dass vielleicht daher rührt das mein privat Leben leider nicht so ereignislos ist wie sie vielleicht denken? Ich wünschte es wäre so. Ich wünschte das einzig aufregende in meinem Leben wäre die Arbeit hier, doch so ist es leider nicht. Ich habe einen Bruder der sich seit Jahren nicht mehr von der Stelle gerührt hat und ich meine damit nicht das er faul ist oder etwas in der Art. Ich meine das er in einem Krankenhausbett liegt und dort von Schläuchen am Leben gehalten wird. Doch ich kann die Geräte nicht abschalten und ihm einen friedlichen Tod schenken WEIL und hier ist das zweite Problem, ich einen weiteren Bruder habe, der der Optimismus in Person ist, und immernoch daran glaubt das er eines Tages aus dem Koma aufwachen wird. Was wirklich sehr sehr sehr unwahrscheinlich ist. Doch ich darf ihm diese Hoffnung nicht nehmen, denn schließlich, auch wenn sie das vielleicht nicht so sehen mögen, bin ich ein guter Mensch und, was noch viel wichtiger ist, ein guter Bruder. So schwanke ich also zwischen einem normalen Leben und dem schlechten Gewissen meinem komatösen Bruder gegenüber, das ihm kein normales Leben möglich ist. Was soll ich also tun? Fröhlich sein und jeden Tag leben als wäre es mein letzter oder mich schlecht fühlen weil ich lebe und er das nicht mehr wirlich tut. Also, Miss Brandon, ich wäre wirklich dankbar wenn mein privat Leben stinklangweilig wäre..."

W-O-W

Was soll ich jetzt dazu sagen?

Ich bin völlig platt!

Mein Chef hat mir gerade seine größte Angst offen gelegt und schaue ihn nur dümmlich an!

Mir fällt nicht sein.

Ich sehe hilflos zu ihm hoch. Einen Moment sieht er mir noch in die Augen und dann wendet er sich ab und wühlt weiter in dem Karton.

„Also, als nächstes haben wir erneut einen Austen, Stolz und Vorurteil. Ich glaube auch ohne ihre Liste kann ich sagen, dass wir davon mehr als genug auf Lager haben. Liege ich mit dieser Vermutung richtig?"

Ich räusperte mich kurz um mich zu fangen und antwortete dann „Richtig"

„Gut, dann weg damit"

„Ähm, Mr. Withlock, wäre es möglich das ich diese Ausgabe bekommen könnte?" fragte ich vorsichtig

„Sie? Also, normal machen wir sowas ja nicht aber wenn sie unbedingt wollen nehmen sie sie mit." antwortete er höflich.

„Vielen Dank"

So ging es noch etwa zwei Stunden weiter. Obwohl wir durcharbeiteten waren wir noch lange nicht am Ende, doch es war Zeit für eine Pause.

„So, Miss Brandon, sie können ja dann nach ihrer Pause weitermachen, ich werde ihnen dabei leider keine gesellschaft leisten können, da ich noch einigen Papierkram zu erledigen habe. Bevor sie gehen sagen sie mir bitte noch bescheid wie weit sie gekommen sind." sagte er

„Natürlich "

„Und Miss Brandon. Ich hoffe dieses kleine Gespräch von vorhin bleibt unter uns, ich möchte nicht das alle darüber bescheid wissen."

„Natürlich Mr. Whitlock"

„Danke" er klang wirklich dankbar.

Bevor er ganz aus der Tür draussen war musste ich ihn noch etwas fragen.

„Mr. Whitlock?"

„Ja?"

„Wie heißt ihr Bruder?"

Er holte tief Luft „Edward. Er heißt Edward!"

Ohne ein weiteres Wort ließ er mich zurück.

SM gehört alles – thx for reading