„Guten Morgen.", sprach er Mira enthusiastisch an, als diese die Augen aufschlug und ihn verwirrt ob seines Überschwanges anblinzelte. Sie lag zusammengerollt in dem Sessel, nachdem sie gestern – geduscht, mit offenen, nassen Haaren und sauberer Kleidung – wieder in den Kontrollraum gekommen war und meinte, sie könne jetzt ohnehin nicht schlafen. Sie hatten sich daraufhin noch eine ganze Weile über parallele Universen, Astrophysik und Hyperphysik unterhalten. Sie hatte erstaunlich solides Wissen in diesen Bereichen, dafür dass sie ein Mensch – und vom Militär - war. Die Wissenschaft in ihrem Universum war für das 42. Jahrhundert überhaupt relativ weit fortgeschritten, auch wenn er bezweifelte, dass das immer mit rechten Dingen zugegangen war. Sie gab schließlich selbst zu, dass die Menschheit mehr als einmal außerirdische Technologie „adaptiert" hatte.
Kurz nachdem sie ihm die Funktionsweise des Linearantriebs näher erläutert hatte, war sie dann doch eingeschlafen. Obwohl die Technik nicht ursprünglich von den Menschen stammte, hatten sie erstaunliche Weiterentwicklungen erzielt. Nicht dass sie es wirklich verstanden hätten, dazu hätten sie in der Lage sein müssen, fünfdimensional zu denken, und das waren sie nicht, aber sie hatten Gleichungen aufgestellt, die hinreichend genaue Näherungen und Vorhersagen erlaubten.
Darüber hinaus wurde er immer noch nicht wirklich schlau aus ihr, und das kam nicht allzu oft vor. Als sie schlief hatte er noch einmal mit den internen Sensoren der TARDIS versucht das eigenartige Gerät zu scannen, dass sie um den Hals trug. Einen Teil der Strahlung die es aussandte, konnte er analysieren, aber der andere – vermutlich weitaus interessantere - Teil verschloss sich jeder weiteren Analyse. Es war nichts, was ihm jemals zuvor untergekommen war.
Als sie jetzt verschlafen in das grünliche Licht des Kontrollraums blinzelte und seinen Mantel zurückschob, mit dem er sie zugedeckt hatte, wirkte sie erschreckend normal und für einen Moment keinen Tag älter als dreißig. Vielleicht rührte ihr untypisches Verhalten auch einfach von dem Schock her, plötzlich in einem anderen Universum gefangen zu sein. Und das war sie, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte. Es war schon ein unglaublicher Zufall gewesen, dass sie es hier her geschafft hatte. Ein Unfall, bedauerlich und tragisch, und dass er sich ein zweites Mal in die Gegenrichtung wiederholte, war absolut ausgeschlossen. Und die Zeiten, in denen sein Volk in andere Universen reisen konnte, waren lange vorbei.
„Morgen. Auf deinem Schiff gibt es nicht zufällig Kaffee?", wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Mira war zwischenzeitlich aufgestanden, hatte seinen Mantel ordentlich über die Lehne gehängt und streckte sich gerade ausgiebig. Ihre Haare waren inzwischen getrocknet und fielen ihr leicht verstrubbelt bis über die Hüften. Gekleidet war sie in ein einfaches schwarzes Shirt und eine schwarze Hose, die die TARDIS in ihrem Quartier deponiert hatte.
„Kaffee? Nah. Wer will schon Kaffee." Er sah sie an, als würde er kurz überlegen. „Wie wärs mit einem Ausflug nach Kupsalforatia? Grüner Ozean, blaues Gras – nur leider kein Apfelgras, lila Himmel und mit die pazifistischsten Bewohner des bekannten Universums. Ach ja, und die besten Pfannkuchen noch dazu. Bestes Frühstück überhaupt. Na?"
Mira starrte ihn fassungslos an, während er die Koordinaten in die Konsole eingab. „5369? Nein, besser 5371. Da feiern sie eine Art Schöpfungsfest. Muss man gesehen haben.", murmelte er, als er sich an ihr vorbei schob, um die letzten Einstellungen an der gegenüberliegenden Konsolenseite vorzunehmen.
„Fertig?", fragte er schließlich und sah sie schelmisch an, bevor er den Hebel umlegte, um den Antrieb der TARDIS in Gang zu setzen.
Er wollte ihr noch zurufen, sich festzuhalten, aber da wurde die TARDIS schon von den ersten Turbulenzen geschüttelt und sie griff instinktiv nach der ihr nächsten Strebe.
Der Flug durch den Vortex dauerte nicht lange, und schon nach wenigen Momenten schaltete sich der Antrieb aus, als die TARDIS materialisiert war. Mira klammerte sich noch immer an die Strebe, war erschreckend bleich im Gesicht gemischt mit einem leichten grünen Schimmer um die Nase. Mit ein paar schnellen Schritten war er bei ihr, nahm sie an den Oberarmen und fragte: „Alles in Ordnung? Reisekrank?", während er ihr aufmerksam in die Augen sah. Was er dort fand, beunruhigte ihn allerdings mehr, als ihre Gesichtsfarbe. Es war – neben einer dämmernden Erkenntnis – auch der Anflug von Furcht. Nur wovor?
„Nicht Reisekrank.", murmelte sie schließlich, löste sich aus seinem Griff und trat einen Schritt zurück. „Das hier...", setzte sie an, unterstrichen durch eine Geste, die die gesamte TARDIS umfasste, „Nein, das kann nicht sein.", stammelte sie, und das erste Mal seit sie sich an Bord befand, sah er sie wirklich fassungslos.
„Mira...", sagte er leise und trat vorsichtig wieder einen Schritt auf sie zu, aber sie wich zurück bis sie eine der Säulen im Rücken hatte. „Was kann nicht sein?", versuchte er es noch einmal, blieb dabei aber an Ort und Stelle stehen.
„Dass das hier eine... Wir sind nicht gerade durch die Zeit geflogen, oder?"
„Doch. Hab ich das nicht erwähnt?", fragte er mit verwirrtem Gesicht und kratzte sich im Nacken.
„Nein!"
„Hm. Außerdem dachte ich, du wärst das gewohnt, bei den Mengen an Artron-Energie, die du absorbiert hast."
„Was?"
„Artron-Energie. Völlig unschädlich und sammelt sich an wenn man dem Zeitvortex ausgesetzt ist. Das heißt dass du früher schon in der Zeit gereist bist. Wie hast du das überhaupt gemerkt?"
Er sah sie kritisch an, doch bevor sie die Chance hatte, eine Antwort zu formulieren, platzte er heraus. „Brilliant. Sensibel auf Änderungen im Zeitablauf. Die meisten Menschen merken davon überhaupt nichts."
„Brilliant?", fragte sie, sichtlich geschockt. „Hallo? Zeitreisen? Bist du dir darüber klar was das bedeutet?"
„Mira, es ist nichts passiert."
„Noch nicht! Aber gut. Es ist ja nicht mein Universum, nicht meine Vergangenheit, und hoffentlich auch nicht meine Zukunft."
„Ganz schön frech für jemanden, der selber Zeitreisen unternommen hat."
Damit hatte er ihr sichtlich und wie beabsichtigt den Wind aus den Segeln genommen.
„Und teuer dafür bezahlt hat.", brachte sie schließlich leise und mit brüchiger Stimme hervor, als sie sich für einen Moment schweigend angestarrt hatten.
„Ihr habt versucht eure eigene Geschichte zu ändern?", fragte er leise und mit einem sanften Ton in der Stimme.
Sie lachte trocken. „Ja...Aber... Das war nicht das Problem. Egal.", antwortete sie, ohne ihn anzusehen, und verschränkte die Arme vor der Brust. „Vermutlich hatten wir mehr Glück als Verstand. Man sollte die Finger von Dingen lassen, die man nicht versteht. Nur meine Meinung. Aber auf mich hört ja nie jemand." Bei den letzten Worten hatte sie ihm wieder das Gesicht zugewandt.
„Gut.", antwortete er zufrieden und lächelte. „Denn kann ich dir versichern, dass ich verstehe was ich tue."
