Ich entschuldige mich, dass das Update so lange gedauert hat.
Ich bin mit dem Kapitel nicht ganz zufrieden, weil Ihr Leser hier (ausnahmsweise) schon deutlich mehr wisst als Hermine, was so ein bisschen mit dem bisherigen Stil bricht ... aber ich hoffe, ihr mögt es trotzdem.

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Etwas hat sie geweckt. Schlaftrunken versucht Hermine, sich zu orientieren.

Es dauert einen Moment, bis sie sich erinnert, wie sie in das fremde Bett gekommen ist, und als es ihr einfällt, würde sie sich am liebsten ganz unter die Decke verkriechen.

Rons Gästezimmer. Rons Wohnung.

Sie hat seine Einladung so schnell angenommen, dass es peinlich ist. Und sie hat bloß ihren Koffer halb ausgepackt und sich schlafen gelegt – über Geld und Dauer und ob es Lee recht ist und über die Folgen dieser Entscheidung haben sie nicht gesprochen, und …

Ein energisches Klingeln an der Wohnungstür reißt sie aus ihren Gedanken.

„Komme doch schon!" hört sie Lees Stimme. Er klingt noch etwas verschlafen und ungehalten, und Hermine glaubt jetzt zu wissen, warum sie wach ist: es muss schon das zweite Klingeln sein.

„Ach, du bist das! Hi!" grüßt Lee Stimme, wesentlich freundlicher jetzt. Sie klingt gedämpft durch die Tür des Gästezimmers, aber Hermine kann ihn noch deutlich verstehen. Offenbar ist die Wohnung recht hellhörig, wenn man nicht magisch vorsorgt.

„Guten Morgen!" antwortet eine andere, weibliche Stimme. Widerlich munter, findet Hermine. Aber sie wäre nicht in Gryffindor gelandet, wenn Neugierde nicht einer ihrer wesentlichen Charakterzüge wäre: den Kopf unters Kissen zu stecken und weiterzuschlafen ist keine Option.

„Ich muss dich enttäuschen", erklärt Lee gerade, vermutlich noch an der Wohnungstür. „Ron musste vor ein paar Stunden raus. Bereitschaftseinsatz, irgendwelche Muggel-Jugendlichen sind an Zauberfeuerwerk gekommen."

„Oha, da müssen sie natürlich auf Ron zurückgreifen", antwortet die weibliche Stimme lachend. „Familienbedingter Experte für Zauberhafte Zauberscherze."

Lee lacht mit.

„Dann hab ich wohl Pech gehabt", sagt die Frau dann bedauernd, aber heiter. „Komme gerade von der Nachtschicht und dachte, ich guck einfach mal auf gut' Glück vorbei."

„Also wenn es nicht Sex sein muss - Frühstück gibt's auch bei mir", sagt Lee launig.

Die Fremde lacht: „Na, das ist doch ein Angebot! Gern!"

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Hermine auf ihrem Lauscherposten hat sich fast verschluckt. Wenn es nicht Sex sein muss?!

Ron hat nie eine Freundin erwähnt in den letzten zwei Wochen.

Naive Kuh, schimpft sie sich dann selber. Vermutlich wollte er sie nur schonen. Immerhin hat sie gesehen, wie er mit all den Frauen in der Aurorenzentrale geschäkert hat. Dämlich zu glauben, ein Mann wie Ron wäre solo.

Ein Mann wie Ron. Hermine realisiert, dass sie von Ron noch nie als Mann gedacht hat. Er war immer der jugendliche Kumpel, selbst als sie damals zusammen waren.

Andererseits, überlegt sie, hat sie von sich selber auch kaum je als Frau gedacht, und bei Freunden sind Kategorien wie „Mann" und „Frau" einfach nicht wichtig.

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Jenseits der Tür ertönt jetzt gedämpftes Lachen, und Hermine verflucht ihr stärker werdendes Bedürfnis nach einer Toilette. Wenn diese Frau tatsächlich zum Frühstück bleibt, kann Hermine unmöglich in ihrem Raum bleiben, bis wer-auch-immer wieder verschwunden ist.

Seufzend wühlt sie in ihrem Koffer nach ihrem Bademantel und wickelt sich fest darin ein, bevor sie ihr Dusch-Zeugs und ihren Gryffindor-Mut zusammensammelt und die Tür zum Wohnraum aufmacht.

„Ah, guten Morgen Hermine!" ruft Lee, als sie die zwei Meter bis zum Bad huscht.

„Morgen", nuschelt sie und verschwindet. Die Person, die gerade hinter Lee aus der Küche aufgetaucht ist, hat sie nur aus den Augenwinkeln gesehen. Aber bevor sie sich nicht einigermaßen frisch gemacht hat, fühlt sie sich nicht bereit, irgendjemandem zu begegnen, der für Sex mit Ron mal auf gut' Glück vorbeischaut.

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Hermine will sich nicht komplett lächerlich machen, so dass sie bei weitem nicht so lange unter der Dusche bleibt, wie sie es am liebsten getan hätte. Frisch geduscht, die feuchten Haare zu einem losen Zopf gebunden und in Jeans und T-Shirt fühlt sie sich aber zumindest in der Lage, beim Verlassen des Bades nicht mehr wie eine verängstigte Maus durch die Wohnung zu trippeln.

Lee und die Fremde sitzen bereits am gedeckten Frühstückstisch in der Essecke des Wohnzimmers. Hermine hebt kurz grüßend die Hand und bringt ihren Bademantel und den Kulturbeutel zurück ins Gästezimmer, bevor sie sich den gesellschaftlichen Konventionen fügt: immerhin ist Lee vorläufig ihr neuer Mitbewohner, und sie kann sich nicht den ganzen Tag im Zimmer verkriechen.

„Frühstück ist schon fertig", verkündet Lee fröhlich, als sie auf die beiden zutritt. „Ich hoffe, Du hast gut geschlafen?"

Hermine nickt und zögert.

„Setz Dich ruhig dazu", lädt die Fremde mit einem Lächeln ein. „Ich beiße nicht."

Sie ist groß und blond und einige Jahre älter als Hermine, die freche Kurzhaarfrisur unterstreicht ihr hübsches Gesicht, und ihr Händedruck zur Begrüßung ist warm und fest. Sie erinnert Hermine stark an Gwen aus der Aurorenzentrale, und in ihr steigt ein seltsames Gefühl auf, das sie nicht einordnen kann.

Lee stellt vor: „Hermine, das ist Alice, eine alte Freundin von Ron. Alice, das ist Hermine", er feixt, „auch eine alte Freundin von Ron."

Das Lächeln von Alice wird zu einem breiten Grinsen, und um ihre Augen entstehen zahlreiche kleine Fältchen. „Aha", meint sie vielsagend und hebt eine Augenbraue. „Das klingt interessant – aber nicht vor dem Frühstück."

Lee lacht und schiebt Hermine einen Stuhl hin. Es ist bereits für sie mitgedeckt, Lee füllt schon ihre Tasse mit Kaffee, und Alice reicht ihr einen Korb mit Brötchen und Croissants.

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Hermine muss sich widerwillig eingestehen, dass sie Alice nett findet, und wundert sich gleichzeitig darüber, warum sie diesen Widerwillen überhaupt empfindet. Rons „alte Freundin" ist offen und unkompliziert. Sie stört sich nicht an Hermines Schweigsamkeit, und sie scheint in keiner Weise neugierig zu sein, was Hermine hier in der WG macht, sondern witzelt mit Lee über magisches Feuerwerk und andere Zauberscherze und die Einsätze, die Ron deswegen schon hatte.

Vermutlich hat Lee sie schon informiert, wer die neue Mitbewohnerin ist, denkt Hermine. Trotzdem kann sie überhaupt nicht einordnen, in welchem Verhältnis Alice zu Ron steht.

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Schließlich schiebt Alice mit einem zufriedenen Seufzer ihren Teller weg und mustert Hermines noch halb vollen Teller, dann Hermines Arme und ihr Gesicht.

„Du solltest ein bisschen mehr essen, Süße", sagt sie.

Hermine wird rot. Ihre alte Schlagfertigkeit ist schon vor Monaten verschwunden, und sie sucht verzweifelt nach einer Antwort, die nicht nach „meine Psyche schlägt mir auf den Magen" klingt.

„Aber Ron wird glücklich sein, dass sogar für seine Verhältnisse noch genug Frühstück übrig ist", erlöst Alice sie nach einem peinlichen Moment und zwinkert ihr zu.

Auch wenn Rons ausgeprägter Appetit schon fast legendär ist - es klingt, als würde sie Ron richtig gut kennen. Und mögen.

„Wie hast du ihn kennengelernt?" platzt es aus Hermine heraus.

Alice sieht sie jetzt doch neugierig an, dann lehnt sie sich schmunzelnd zurück. „Ach, das war vor fünf, sechs Jahren. Er war noch so ein richtig unschuldiges Jüngelchen."

Hermine starrt sie an. Unschuldiges Jüngelchen?

Alice sieht ihren ungläubigen Blick und grinst. „Er hatte gerade seine Ausbildung begonnen. Musste als Anfänger ziemlich untendurch, so ohne Hogwarts-Abschluss."

Hermine erinnert sich an die wenigen Briefe. Ron hat nie viel geschrieben, und nur ganz selten von seiner Ausbildung.

„Ich war da grade als Praktikantin", fährt Alice fort. „Ich wollte mal raus aus der üblichen Medimagie bei St. Mungos und dachte mir, so ein Feldeinsatz bei den Auroren könnte spannend sein."

Ein anzügliches Grinsen spielt jetzt um ihre Mundwinkel. „Ron war … niedlich. Ich dachte, dem könnte man mal ein bisschen was vom Leben zeigen. Und er hatte wirklich ein wenig Aufmunterung nötig. Dann kam halt eins zum anderen." Sie zuckt die Schultern. „War richtig nett."