Kapitel 7 (Die Rückkehr)
Ling war wieder im Hotel. Sie saß auf dem Bett und arbeitete an ihrem Laptop. Sie hatte ihren Schlafanzug an, der typisch chinesisch aussah, schwarz mit roten chinesischen Schriftzeichen, sowie einigen dunkelroten Drachen. Sie mochte den Schlafanzug und Cheng scherzte oft, es passe zu ihrer schwarzen Seele und dem dunkelroten Blut, dass sie vergoss.
Sie plante ihren Rachefeldzug an James Raven. Er hatte ihr schon genug angetan und jetzt war es Zeit, um sich zu revanchieren. Rache war ein Gericht, das am liebsten kalt serviert wurde. Ihr Handy klingelte. Sie schaute auf den Display und legte das Handy direkt wieder auf den Nachttisch. Sie hatte keine Lust mit Cui Chen zu reden. Sie war eine Freundin von Ling und ein hohes Tier im Handel mit gefälschten Waren. In Europa kamen 78% von gefälschten Waren aus China. Ling widmete sich wieder ihrem Laptop. Es zeigte einen Ausschnitt eines Londoner Stadtplans in verschiedenen Grautönen. Mit Farbe waren einige bestimmte Ort markiert worden, wie das Lagerhaus, Juans Wohnung, Aris Wohnung oder das Büro des MI5, welche sin London als Bank getarnt war. Dort war es unmöglich, an Raven heranzukommen. Auch wenn er zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause ging, war er bestens geschützt. Ling hatte mit dem Gedanken gespielt, sich als Scharfschützin im Gebäude gegenüber zu postieren, aber seit das jemandem bei einem MI6-Agenten beinahe gelungen war, schätzte Ling auf höhere Sicherheitsvorkehrungen. Sie hatte mit Google streetview eine 3D-Ansicht des Gebäudes und auch weitere Pläne vorliegen. Sie fragte sich, warum der MI5 Google erlaubte, Bilder von ihren Gebäuden zu machen, aber die waren wohl so gut getarnt, dass sie sich keine Gedanken darüber machen brauchten. Das dachten sie jedenfalls. Ling konnte Raven aber herauslocken, wenn sie eine Agentin tötete. Raven würde bestimmt auf Theresas Beerdigung wollen, sie war eine der jüngsten Agentinnen gewesen und hatte mittlerweile eine sehr gut Beziehung zu Raven. Er würde sich durchsetzten können und auf keinen Fall bei der Beerdigung fehlen. Die Sicherheit für ihn wurde hoch eingeschätzt, aber wenn Ling alles vorher sorgfältig plante, würde es ihr bestimmt gelingen.
Um halb eins schaltete Ling ihren Laptop aus und verließ das Hotel. Nach dem Mittagessen rief sie ihren Boss Meng Long Song an und berichtete ihm von ihrem Plan. Er stimmt ihr zu und freute sich auch, der British Intelligence zu zeigen, dass sie nicht so schlau waren, wie sie glaubten. Der MI5 hatte seiner Meinung nach eine große Selbstüberschätzung und Lings persönlicher Rachefeldzug kam ihm gerade Recht. Ling hatte nicht vor, Juan zu erzählen, was sie vorhatte. Es tat ihr auch nicht Leid, dass er seine ‚Freundin' nie wieder sehen würde. Sie spielte mit dem Gedanken, ihn umzubringen und die Waffenhandelsorganisation in ein Chaos zu stürzen, aber dies würde dem Mossad und anderen Geheimdiensten helfen. Andererseits würde er sich dann keine Gedanken um Theresa machen und wahrscheinlich würde er Ling ohnehin beschuldigen, etwas damit zu tun zu haben.
Theresa lag alleine im Bett. Juan war nicht da. Es war kurz nach drei Uhr morgens. Die Jalousie war heruntergelassen und es war stockduster im Schlafzimmer. Sie hatte nicht ihre Einsatzleiterin kontaktiert. Sie wusste, dass es ihre Pflicht war. Aber sie konnte nicht. Denn sie hatte Angst.
„Hey, so spät noch wach?", fragte Ed erstaunt, als Juan sein Büro betrat und sich ohne ein Wort in den Couch fallen ließ. „Was machst du denn so früh wieder hier?", Ed nahm seine Lesebrille ab. „Hast du irgendwas Hochprozentiges hier?", fragte Juan. Ed schaute ihn verblüfft an, er wollte gerade seine Brille auf den Tisch legen, hielt inne und legte sie dann ab. „Reichen 39%?", fragte Ed und öffnete die zweitoberste Schublade seines Schreibtisches. Er holte eine Flasche Wodka und zwei Gläser heraus und stellte diese auf den Tisch. Er nahm die Flasche und die Gläser und setzte sich neben Juan auf die Couch. Die Flasche war bereits zu ein Viertel leer. „Ich öffne die Flasche, wenn du mir erzählst, warum du nicht zu Hause bist und mit deiner hübschen Freundin schläfst", sagte er. Juan nahm die Flasche, öffnete sie und schenkte beide Gläser ein. Mit einem Schluck trank er sein ganzes Glas leer. Er nahm die Flasche und schüttete sein Glas erneut ein. Er nahm einen weiteren Schluck. Ed nahm die Flasche und stellte sie auf seine Seite neben den kleinen Glastisch.
„Als ich nach Hause kam", fing er an, „war Theresa nicht da. Sie kam zehn Minuten später." Er machte eine Pause. „Ich fragte, wo sie war. Sie hätte eigentlich schon da sein sollen." „Du solltest ihr ein wenig Freiraum lassen. Sie ist nicht dein Eigentum, sie hat auch ein Privatleben." „Aber sie hätte mir wenigstens sagen können, wo sie hinging. Vorher. Sie ist zwanzig Ed. Sie ist bildhübsch. Und sie will ihren Spaß haben. Wo meinst du denn, wo sie war?" Er schaute ihn zornig an und leerte sein Glas. Er griff hinüber, aber Ed stellte die Flasche noch weiter weg. „Hat sie dir geantwortet?" „Nein." „Juan, sie ist zwanzig und ein mehr oder weniger anständiges Mädchen. Sie ist verliebt in dich, ansonsten würde sie nicht alles für dich tun. Sie ist jung und du bist fünf Jahre älter, aber sie liebt dich. Sie würde dich nie betrügen." „Das glaube ich ihr nicht." „Was hast du dann getan?", fragte Ed besorgt. Er mochte Theresa wirklich. „Ich habe sie gefragt, wo sie war. Ich bin etwas lauter geworden. Sie wollte mir nicht antworten. Jedenfalls hat sie nicht die Wahrheit gesagt." „Was hat sie gesagt?" „Dass sie bei Freunden war. Ich glaubte ihr nicht. Sie sagt mir alles, auch wenn sie sich mit ihren Freunden trifft." „Vielleicht ein Auftrag?" „Glaub ich nicht." „Warum nicht?" „Das hätte sie mir gesagt." „Juan, du kannst sie nicht immer kontrollieren!" „Das tue ich ja nicht! Sie soll mir nur verdammt noch mal sagen, wo sie heute Nacht war. Sie würde es mir doch sagen, wenn es nicht irgendetwas war, wovon ich erfahren soll." „Was hast du dann getan?" „Ich wurde wütend." „Hast du sie geschlagen?", fragte Ed ruhig. „Ja. Vielleicht ein paar Mal. Ein paar Mal mehr." Ed schloss für einen kurzen Augenblick die Augen. Er mochte Theresa wirklich. Sie war freundlich und er hatte immer gedacht, Juan würde sie lieben. Er sah ihr an, dass sie ihn liebte. Sie war nicht schwach, sie war die stärkste Frau ihres Alters, die er je getroffen hatte. Sie verstanden sich gut und er fühlte Mitleid mit ihr. Er wusste, wie hart Juan zuschlagen konnte, besonders, wenn er Grenzen überschritt. „Hattest du dich noch im Griff? Wenigstens etwas?", fragte Ed. „Ich habe komplett die Beherrschung verloren. Ich hatte keine Kontrolle mehr. Ich war einfach nur so wütend auf sie", antwortete Juan und schaute auf sein leeres Glas. „Hat sie sich gewehrt?" „Am Anfang. Ich hab sie zur Wand gedrängt, sie festgehalten. Als ich das erste Mal zuschlug, beim zweiten Mal ist sie ausgewichen. Nach ein paar Mal nicht mehr." Ed schwieg. Gewalttätiges Verhalten passte zu Juan, aber er hatte nicht erwartet, dass er Theresa jemals schlagen würde. „Wann hast du aufgehört?", fragte er besorgt. „Als sie sich nicht mehr gerührt hat. Sie ist zusammen gesackt und lag am Boden. Ich habe noch ein paar Mal…", seine Stimmer verlor sich im Nichts. Er fuhr fort: „Sie hat geblutet, an mehreren Stellen ihres Körpers. Sie war blutüberströmt. Ich habe sie liegen gelassen. Ich habe ihren Puls gefühlt. Sie lebt noch." Er lachte kurz auf. „Es sah so aus, als würde sie schlafen. Sie ist so friedlich, wenn sie schläft." Juan stand auf. Ich schlafe heute hier. Drüben." Drüben bezeichnete einen kleinen Aufenthaltsraum, mit Couch, Sessel, Plasmafernseher und Kaffeemaschine. Ed blieb sitzen. Als Juan aus dem Raum war, stand Ed auf und ging zu seinem Auto. Er startete und fuhr so schnell er konnte zu Juans Haus. Er hoffte, dass er nicht schon zu spät war.
James Raven saß in seinem Büro in London. Es war früher Nachmittag. Sein Büro lag im sechsten Stockwerk des achtstöckigen Büros des MI5. Das Gebäude trug die Aufschrift der Bank of England und im Erdgeschoss standen auch mehrere Bankautomaten und Angestellte in grauen Anzügen. Doch niemand hier arbeitete für die Bank, sondern für den Geheimdienst. Alle Fenster bestanden aus Panzerglas und waren schusssicher. Das Gebäude selbst bestand aus hartem Gestein, um es kurz zu sagen: Es gab keine Möglichkeit, hereinzukommen, wenn man nicht hereinkommen sollte. Im Keller waren Labore und Forschungseinrichtungen. In den Stockwerken zwei bis vier befanden sich Konferenz-, Vorbereitungs- oder Videokonferenzräume, in den Etagen fünf bis sieben waren die Büros der Mitarbeiter untergebracht und das oberste Stockwerk konnte man nur mit einem Sicherheitsausweis der Stufe zwei betreten. Diesen Ausweis besaßen nur sehr wenige Leute. Die meisten Räume waren mit Irisscanner ausgestattet, es gab auch Fingerabdrucksscanner, die auch zusätzlich auf Körperwärme reagierten. Es gab Sicherheitspersonal und die Mitarbeiter wurden jeden Arbeitstag am Eingang ausführlich kontrolliert. Es war absolut sicher.
James Raven saß an seinem Schreibtisch, der unter den vielen unbearbeiteten Papieren kaum noch zu erkennen war. Er arbeitete am Computer und schickte gerade eine Mail an den Chef einer Unterabteilung des MI5. Er hatte gerade auf senden geklickt, als Sandra Cassidy hereinkam. „Was gibt es?", fragte er überrascht. Sandra leitete derzeit eine kleine Operation und sollte ihn eigentlich erst in drei Stunden über den Fortschritt des Einsatzes unterrichten. „Ein Problem", antwortete sie knapp und setzte sich auf den Stuhl gegenüber von James, getrennt durch den Schreibtisch. James Raven war Mitte vierzig und hatte schon vereinzelt graue Haarsträhnen, die er sich wieder naturschwarz färbte. Er war schlank und muskulös und schien früher ein sehr guter Sportler gewesen zu sein.
„Es geht um Theresas Mission", deutete Sandra das Thema an. „Es gibt keine Fortschritte?", fragte James. Er hatte sich eigentlich nicht viel davon erhofft, aber seine stellvertretende Leiterin hatte sich dafür ausgesprochen. Und sie konnte sehr überzeugend sein. „Theresa wurde heute Morgen um vier Uhr ins General Hospital eingeliefert", sagte Sandra mit neutralem, aber leicht verärgertem Unterton. Sie war verärgert darüber, dass James dieser Mission zugestimmt hatte. Theresa hatte vor kurzem bereits einen sehr schwierigen Einsatz gehabt und hätte sich erst wieder erholen sollen. Stattdessen wurde sie von einem hochriskanten Auftrag zum nächsten befördert. „Ist sie aufgeflogen?", fragte James. In seinem Gesicht hatte sich kein Muskel geregt, dennoch machte er sich sorgen. Er kannte Theresa, seit sie mit sechs nach England kam und als Agentin ausgebildet wurde. Er hatte sie wirklich gern gehabt, doch dann kam der FBI zurück und wollte sie plötzlich für sie arbeiten lassen. James war froh gewesen, als er gehört hatte, dass Theresa für eine Auszeit nach Großbritannien kommen sollte, leider hatte sich diese ‚Auszeit' etwas gewandelt. „Meines Wissens nach nicht", antwortete Sandra. „Nach den Aussagen eines Eddie Mackenzie, ich habe seine Identität hinterher prüfen lassen, Theresa hatte schon von ihm berichtet, wurde sie von ihrem ‚Freund' Juan geschlagen." „Wie schlimm ist es?", fragte er. Dass er besorgt war, ließ er sich nicht ansehen, aber Sandra wusste es. „Naja, Ed hatte sie ins Krankenhaus gebracht, nachdem Juan zu ihm ins Büro kam und ihm davon erzählt hatte. Er weiß nicht, dass Ed sie ins Krankenhaus gebracht hat, Theresa muss wirklich Freunde dort haben. Aufgrund der späten Behandlung-" „Sandra!" „Sie hat innere und äußere Blutungen, einige wollen nicht aufhören, zu bluten. Die Ärzte haben sie untersucht und auf der Intensivstation behalten. Sie hat mehrere Prellungen, offene und tiefe Wunden, Schnittwunden-" „Schnittwunden?", fragte James. Juan muss wirklich wütend gewesen sein. „Nach den Untersuchungen zufolge, sie ist hatte auf dem Weg ins Krankenhaus das Bewusstsein verloren und liegt noch im Koma, schien Juan mit einem Messer auf sie losgegangen sein. Er hat nicht zugestochen, ihr aber tiefe Schnitte zugefügt. Außerdem hat sie eine Rippe gebrochen. Sie bleibt im Krankenhaus und bekommt sobald sie aufwacht, was-", sie schaute auf ihre Uhr „vor zehn Minuten geschehen sollte, mehrere Schmerzmittel. Nach Diagnose der Ärzte wird sie vorerst einige Tage dort bleiben müssen. Ich schätze, dass Ed und ein paar andere ihrer ‚Freunde' sie besuchen wird. Aber was die Mission in Niblick auf Juan betrifft, da bin ich mir unsicher." „Wir sollten die Mission weiter laufen lassen und schauen, was passiert." Sandra war überrascht. „Sie haben sich doch am Anfang dagegen gewehrt! Und jetzt, wo unsere Agentin schwer verletzt im Krankenhaus liegt, sagen sie, die Mission solle weiter gehen?" „Vielleicht ist es eine Chance, mehr Vertrauen zu gewinnen. Theresa hat schon viele Grenzen überschritten, die normale Agenten nicht überschreiten. Sie da jetzt herauszuziehen und eine Aufdeckung zu riskieren ist viel zu gefährlich." „Gut", urteilte Sandra. „Da gibt es noch eine Sache, James. Theresa hat mir von einem weiteren Faktor erzählt, der ihre Mission gefährden könnte. Der Mossad hat ebenfalls einen Agenten geschickt." „Ich weiß", sagte James knapp. Sandra schaute verwirrt und ein wenig verärgert. „Der Direktor hat mich vor einer Stunde angerufen. Er ist besorgt, die beiden Agenten könnten sich…naja, die Köpfe einschlagen und nicht zusammen arbeiten. Ich habe ihm versichert, dass derartiges nicht geschehen wird. Ich hoffe, Theresa hält sich daran." „Darüber würde ich mir keine Sorgen machen." „Wie meinen sie das?", James hatte den leichten Unterton in Sandras Stimme erkannt. „Sandra, wie meinen sie das?", fragte er noch einmal. „Ich habe Theresa ein wenig beobachten lassen. Mein Agent wusste nicht, dass es sich um einen Mossadagenten handelte." „Ari Takar." „Genau. Gestern Abend ist Theresa zu Ari gefahren. Juan hat noch gearbeitet. Ich schätze, Juan ist vor Theresa zu Hause angekommen und weil sie ihm nicht sagen wollte, wo sie war, ist er wütend geworden." „Ich vermute, Theresa und Ari haben sich unterhalten und ihre Pläne ausgetauscht. Sie haben bereits miteinander gearbeitet, warum sollte es diesmal schief gehen?" Sandra neigte ihren Kopf leicht und schaute James an. Sie kannte tausende von Gründen, warum dies schief gehen sollte. „Ich weiß, was passiert war. Aber beide sind diplomatisch und logisch denkende, hochintelligente Personen. Sie werden ihre Probleme nicht mit Gewalt lösen, wie Juan es getan hat." „Ich glaube nicht, dass die beiden letzte Nacht Probleme hatten. Meinem Agenten zufolge haben die beiden sich mehr als gute verstanden. Leider konnte er nichts sehen, da die Jalousien heruntergelassen waren." „Wir schätzen nicht." „Aber Theresa kann ich gut einschätzen. Wie dem auch sei, mein Agent hat eine weitere beunruhigende Entdeckung gemacht. Theresa selbst hat es nicht gemerkt, aber ihr scheint gefolgt worden zu sein. Ein dunkelblaues Motorrad ist einfach zu oft aufgetaucht." Bevor James etwas sagen konnte, fügte Sandra hinzu: „Ich arbeite schon daran." James lächelte und Sandra legte die Missionsmappe auf den Papierstapel seines Schreibtisches und ging aus dem Büro. James lehnte sich zurück.
Die Sonne hatte bereits den Horizont erreicht und verschwand in der Ferne hinter den vielen Hochhäusern. Ed parkte seinen Wagen zweihundert Meter vom Lagerhaus entfernt. Die Straßenbeleuchtungen flackerten auf. Von den vielen Laternen an den Straßenseiten war die Hälfte kaputt oder flackerte und gab dem heruntergekommenen Gewerbegebiet ein gespenstisches Aussehen. Die meisten Touristen trauten sich nicht in diese Gegend und wenn sie es taten, bereuten sie es meist danach. Der Londoner Untergrund war hier stark vertreten, keine Gefahr für Ed, der dazu gehörte. Er hatte in seinem Leben bereits viel gesehen und viele Erfahrungen gesammelt. Ihn schreckte nichts mehr so schnell ab.
Als Ed eintrat, beschäftigte Juan sich bereits mit neuen Deals. Vor ihm lag ein großer Stadtplan von London, es waren mehrere Orte markiert, umrahmt oder mit Notizen versehen worden. Juan blickte nicht auf, als Ed sich gegenüber von ihm an den Tisch stellte und den Plan betrachtete. „Willst du nicht wissen, wie es Theresa geht?", fragte Ed. „Nein." „Verlässt du sie, Juan? Sie ist ein wirklich nettes und gute Mädchen und-" „Ich dachte, ich hätte sie geliebt." „Und warum bezweifelst du das jetzt?" „Sie hat mich angelogen, Ed! Ich denke, sie hat mich betrogen." „Mit wem?", fragte Ed überrascht. Ihm fiel niemand ein. „Keine Ahnung", seufzte Juan. Ed dachte nach. Theresa war nie an anderen Männern interessiert gewesen und als sie nach England gekommen war, war sie bereits mit Juan zusammen gewesen. „Ari", murmelte Ed leise. „Was?" „Sie hatte sich gut mit Ari verstanden, oder?" Juan stellte sich gerade hin. „Ich habe sie nicht darauf angesprochen, aber sie hatte den Jungen getötet. Wieso hat sie Ari diese Arbeit abgenommen? Es war Aris Aufgabe." „Sie mag ihn. Und sie war mit ihm zusammen gewesen." „Verdammt, ich habe gedacht es sei endgültig aus", fluchte Juan. Er wurde noch wütender auf Theresa, aber auch auf Ari. „Dass sie früher zusammen waren, heißt doch nichts", beruhigte ihn Ed. „Sie hat mir erzählt, dass es vorbei ist zwischen ihnen. Sie liebt dich. Sie hätte dich nicht mit ihm betrogen, dass glaube ich ihr. Aber wenn du es nicht weißt, weiß ich nicht, ob du ihre Liebe wirklich verdient hast. Nachdem was passiert ist, kann sie wieder Sympathie für Ari empfinden. Juan, ein Mädchen ist etwas, für das man kämpfen muss. Es gibt viele andere Männer auf dieser Welt und Theresa ist ein besonders hübsches Mädchen." „Ich bereue nicht, was ich getan habe", stellte Juan klar. Ed seufzte, Theresa tat ihm leid. Juan behandelte sie schlecht und sie war zu gut für ihn. „Ein Rat von Mann zu Mann. Kümmer dich um sie, Juan. Sie ist das erste Mädchen, dass dir je etwas bedeutet hat, habe ich Recht?" Juan nickte leicht. „Wie geht es ihr?"
Theresa lag noch immer auf der Intensivstation und niemand durfte sie besuchen. Sie fühlte sich einsam und hoffte, dass der MI5 schon längst erfahren hatte, was passiert war. Als Ed sie gefunden hatte, war sie noch bei Bewusstsein gewesen, aber sie erinnerte nicht mehr vollständig an die Fahrt ins Krankenhaus, sie war auf dem Weg bewusstlos geworden. Sie hatte im Koma gelegen und wurde heute Nachmittag geweckt worden. Sie hatte von ihren Verletzungen erfahren und sie bekam Schmerzmittel, über Infusion und sie musste mehrere Tabletten einnehmen. Trotzdem hatte sie noch Schmerzen und ihr Körper war mit Verband übersät. Die Krankenschwester hatte gesagt, sie konnte froh sein, noch zu leben. Ed hatte mehr oder weniger gesagt, was passiert war, keine Namen erwähnt. Im Krankenhaus lag sie unter ihrem richtigen Namen, Julie-Theresa Jones. Ed hatte ihr ein paar ihrer persönlichen Sachen nachgebracht, durfte sie aber nicht sehen. Es war Nacht und sie konnte nicht schlafen. Sie hatte schon genug geschlafen, als sie im Koma gelegen hatte. Sie fühlte sich leer und ausgelaugt. Sie hatte Angst. Juan hatte sie krankenhausreif geprügelt, sie hatte sich eine Rippe gebrochen, unzählige Verletzungen. Sie hatte Angst, sein Zorn würde ihn nicht stoppen und sie umbringen. Kurz bevor Theresa das Bewusstsein verloren hatte, hatte ihr Ed eingeflüstert, er werde sie beschützen.
Juan schlief diese Nacht wieder zu Hause. Er wusste noch nicht, ob er Theresa besuchen werde, aber da sie noch auf der Intensivstation lag, hatte sich das sowieso erledigt. Ed hatte auf ihn eingeredet, er war gut mit ihm befreundet und hörte fast immer auf seinen Rat. Er mochte Recht gehabt haben, dass Theresa wirklich gut war, er war immer Juans ruhigere Hälfte gewesen und sah die Sachen von der diplomatischen Seite. Er schaute gerne zu, wenn andere litten, er fügte lieber psychischen als physischen Schmerz zu. Juan starrte auf die leere Seite neben ihm im Bett. Er war vor Theresa auch oft alleine gewesen, hatte aber auch mit vielen verschiedenen Frauen geschlafen. Er hatte nie eine richtige Beziehung vermisst, aber Theresa war perfekt. Eigentlich zu perfekt. Juan verwarf den Gedanken, dass sie eine Agentin sein konnte.
Ari lag im Bett und dachte auch nach. Er hatte von Theresa gehört und sich vorgenommen, sie zu besuchen, wenn sie die Intensivstation verließ. Doch er musste vorsichtig sein, er hoffte, dass Juan nichts von ihrer Beziehung ahnte. Vermutlich macht sich Juan andere Gedanken, die nichts mit Theresa zu tun haben, dachte er. Er wusste, wie überzeugend sie sein konnte, wie sie vortäuschen konnte. Dass sie die perfekte Agentin war, auch wenn sie zu viele Feinde hatte. Eine dieser Feinde hatte in Aris Wohnung eine Wanze angebracht, aber diese Feindin kümmerte sich gerade nicht darum. Denn Ling schlief gerade in irgendeinem fremden Bett mit einer Person, die sie danach nie wieder sehen würde. Manchmal wollte auch sie nur ihren Spaß haben.
Theresa kam endlich von der Intensivstation herunter, musste aber noch für ein paar Tage im Krankenhaus bleiben. Ari war der erste, der sie besuchte. Er konnte nicht lange bleiben, jede Sekunde war riskant und wenn Ed oder irgendwer anders ihn hier sah, war es klar, wo Theresa gewesen war. Am Nachmittag kam Ed vorbei und erzählte ihr, dass Juan mehr oder weniger darüber nachdachte, was er getan hatte. Theresa log ihn an und sagte, sie könne ihm verzeihen. In Gedanken hatte sie sich schon mehrere Methoden zum Töten Juans ausgedacht. Theresa blieb sachlich. Juan würde seine Strafe schon bekommen, vermutlich lebenslang Gefängnis. Das war er ihr schuldig. Theresa verbrachte den Tag damit, Bücher zu lesen, sie las ganze zwei Bücher an einem Tag aus, und Musik zu hören. Oder sie hörte den ewig langen Geschichten einer alten Dame, die mit einem Beinbruch auch bei ihr im Zimmer lag. Sie blieben zu zweit und sie, Sylvia McShane, musste Theresa unbedingt alle Lebensweisheiten auf den Weg mitgeben, die sie besaß. Theresa blieb freundlich und lächelte. Sie wird nie so alt werden, stellte sie fest. Sie musste ihr hier und jetzt genießen. Und ihre Mission so schnell wie möglich beenden.
Es waren bereits zwei Tage vergangen, seit Theresa ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sie war nun außer Lebensgefahr, bekam aber noch Schmerzmittel in Tablettenform. Ihre Verletzungen fingen an, zu verheilen und ihr Rippenbruch sah auch schon besser aus. James Raven war zufrieden mit dem Arztbericht und heftete ihn im Missionsordner ab. Er hatte ein weiteres Vorgehen genehmigt, wollte aber Theresas Mission bald beenden. Sie hatte viele Informationen gesammelt und weitergegeben und dies war sehr nützlich für einen Schlag gegen den organisierten Waffenhandel. Mit der Unterstützung des Mossads wollte der MI5 bald eine Massenverhaftung durchführen. Er stand auf und verließ sein Büro. Im Videokonferenzraum hatte er nun eine Vorgehensbesprechung mit dem Direktor des Mossads, Eli David. Er betrat den Konferenzraum und stellte sich vor den großen Bildschirm. „Tel Aviv ist da", sagte eine Computertechnikerin, sie absolvierte gerade ihr Praktikum. „Auf den Schirm", dabei fühlte sich James ein wenig wie Jim Kirk. Er wurde von einigen Mitarbeitern bereits Jim genannt. Auf dem Bildschirm erschien ein Bild aus Israel, die Flagge war im Hintergrund. Davor stand der Direktor des Geheimdienstes. „Guten Tag, Mister Raven", begrüßte er James auf Englisch, sein Akzent war nicht überhörbar.
„Ich würde gerne noch ein wenig warten", sagte James. „Um sicher zu gehen." „Es besteht bereits ein Risiko, dass unsere Agenten entlarvt werden könnten. Ari hat entgegen meinen Befehlen Theresa heute im Krankenhaus besucht. Wenn er gesehen worden wäre-" „Die beiden sollen vortäuschen, sie seien Freunde! Juan denkt, sie hätten sich geliebt. Es ist nur natürlich, wenn er sie sehen möchte. Außerdem war Juan selbst noch nicht im Krankenhaus", erklärte James. Er war froh, wenn die Konferenz vorbei war. „Boss, wir erhalten gerade einen Anruf von Chris", sagte die Computerspezialistin. Eli David schaute verwirrt und James erklärte: „Wir haben einen Agenten in das Krankenhaus eingeschleust, um zu sehen, wer Theresa besuchen kommt. Es ist komplett sicher!", fügte er auf Elis verärgerten Blick hinzu. „Stellen sie ihn durch", sagte James. „Chris, du bist zum Videokonferenzraum durchgestellt in einer Konferenz mit Eli David, Direktor des Mossad. Ich hoffe, es ist dringend", sagte James. „Das ist es. Theresa wurde entführt." Es herrschte Stille. James und Eli sahen sich an. „Was?", fragte James ungläubig. „Die haben sie. Ich habe keine Ahnung, wer die sind, aber es sind nur drei Leute. Eine Frau und zwei Männer. Ich habe gesehen, wie sie Theresa herausgetragen haben." „Chris, wo bist du?", fragte James. Chris klang gestresst. „Ich laufe gerade die Treppen zum Dach hoch." Im Hintergrund hörte man Schüsse. Dann hörte man eine andere Stimme sagen: „Ihr Agent ist tot. Und das wird Theresa auch bald sein." Das andere Ende hatte aufgelegt. „Sofort Agenten zum General Hospital", rief James zur Computertechnikerin, die sofort ihre Befehle weitergab. „Wie konnten drei Leute unbemerkt eine ihrer Agentinnen in einem der meistbelegtesten Krankenhäuser entführen?", fragte Eli beunruhigt. „Sagen sie mir nicht, in Tel Aviv hätte das nicht passieren können", rief James genervt. „In Tel Aviv hätte das nicht passieren können", antwortete Eli ebenfalls gereizt, aber lächelnd. Als die Agenten im Krankenhaus ankamen, hatte keiner die Leiche im Notfalltreppenhaus entdeckt. Die Tür war so geöffnet worden, dass kein Alarm losgegangen war. Chris war bereits tot, als man ihn aufgefunden hatte. Theresas Bett war leer. Man fand eine Spritze mit Rückständen eines Betäubungsmittels. Im Treppenhaus, weiter oben, fand man eine zweite Leiche. Dieser Mann hatte die Pistole in der Hand, mit dem Chris erschossen worden war. Auf dem Parkplatz fand man die Leiche des Mannes, der den Mörder von Chris erschossen hatte. Die Kugeln, mit denen die Mörder erschossen worden waren, kam aus derselben Waffe und diese wurde auf dem Parkplatz gefunden. Von der Frau fehlte jegliche Spur. Es gab keine Fingerabdrücke und keine DNA. Die Überwachungsvideos hatten alle nicht funktioniert. James wollte eigentlich auch zum Tatort fahren, hatte sich aber dagegen entschieden. Sandra saß bei ihm im Büro. „Chris hätte uns wenigstens die Frau noch beschreiben können", fluchte James. „Reicht es nicht schon, dass er deswegen sterben musste?", fragte Sandra. Der Verlust jedes Agenten war hart, aber Sandra hatte mit Chris für kurze Zeit mal zusammengearbeitet und ihn gut gekannt. „Hat Juan etwas damit zu tun?", fragte sie. „Der Mossad meinte, Ed und Juan wären genauso sprachlos, wie wir. Ari ist jetzt der einzige Agent dort." „Sie vertrauen ihm nicht." Bevor James etwas sagen konnte, fügte sie hinzu: „Ich weiß, ich habe den Bericht auch gelesen. Wer hätte denn die Möglichkeit gehabt, so etwas durchzuziehen?", fragte sie. „Die erste Frage ist nicht wer, sondern warum! Julie-Theresa ist noch nicht lange genug hier, um bedrohliche Feinde zu haben. Außerdem hatte sie hier so gut wie nur mit Männern zu tun." „Sie könnte eine Handlangerin sein", erwähnte Sandra. „Das glaube ich nicht. Dafür war sie zu gut. Ich glaube, sie hat alles selbst organisiert und die Männer umgebracht, damit sie nichts verraten. Sie ist ein Profi. Aber was will sie von Theresa?", fragte James. „Das ist eine gute Frage", Sandra lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Eine alte Mission?" „Niemand weiß, dass sie hier ist. Sie hat einen anderen Namen und ein anderes Alter. Bei Ari hatte sie meistens blonde Haare." „Hat Ari sie verraten?" „Das bezweifel ich", sagte James. Sandra zog ihre linke Augenbraue hoch. „Ich dachte, sie trauen ihm nicht?" „Das ist nicht seine Art. Er hat nichts damit zu tun." „Woher wissen sie das?" „Das sagt mir mein Instinkt!" Sandra wollte gerade was erwidern, aber James schnitt ihr das Wort ab: „Ich habe die gleiche Trefferquote wir Gibson!" Sie beide kannten den FBI-Agent Gibson, der wenn er nach seinem Instinkt handelte, auch meistens Recht hatte. Das war gut und auch wieder schlecht.
Valentina war wieder in Amerika. Sie arbeitete sich durch mehrere Zentimeter Papierkram, sie schrieb einen Bericht über das Training in Deutschland und stellte eine Liste fertig, mit allen Personen, die Theresa etwas antun wollten. Leider war die Liste sehr lang. George Burton kam herein und schaute sich ohne ein weiteres Wort die Liste an. „Sind das alle?", fragte er. Valentina nickte und er murmelte: „Gut." „Gut?", Valentina blickte auf. „Das sind einhundert siebenundvierzig Personen." „Einige von ihnen arbeiten zusammen. Das reduziert die Suche. Wer von ihnen wusste, dass Theresa eine Agentin war?" „Soweit ich weiß, sind das 53. Die sind mit einem Sternchen markiert." Sie zeigte mit ihrem Bleistift auf die Liste. „Und welche sind es, die die Möglichkeit hätten, sie zu entführen, ohne Spuren zu hinterlassen?" „Die mit dem Kreuz", antwortete Valentina. „Ich dachte, dass wären die, die im Gefängnis sitzen?" Valentina starrte auf die Liste und riss sie Burton aus der Hand. „Was ist?", fragte er. „Ich könnte Ari anrufen." Burton schaute noch verwirrter. „Theresa hat ihm von allen Mission erzählt." „Irgendwie ist Theresa auch selbst daran schuld, wenn sie einem Auftragskiller ihre ganze Lebensgeschichte erzählt." Valentina ignorierte seine Bemerkung: „Er kennt vielleicht einige von ihnen oder hat mit ihnen geredet. Er kann auch irgendwen gesehen haben." „Oder er kann es selbst getan haben, als Racheakt. Er ist ein Killer, Valentina. Er hätte deine Schwester fast umgebracht, als er erfahren hat, dass sie für den FBI arbeitet." Valentina ging nicht darauf ein. Sie kannte Theresas Gefühle für Ari und seine für sie. Burton hatte keine Ahnung. „Er arbeitet für den Mossad", sagte sie. „Niemand ändert sich!" „Ich weiß", murmelte Valentina und suchte die Handynummer von Ari heraus. Burton seufzte und ging wieder. Valentina wählte die Nummer. Sie wusste, dass Ari sich nicht ändern würde. Er war derselbe verlogene Bastard wie vorher. Er hat niemals die Seite gewechselt, liebte aber nicht durchschaubare Rollen. „Hey Valentina, was kann ich für dich tun?", fragte Ari, als er den Hörer abnahm. „Hast du von Theresa gehört?", fragte sie zunächst vorsichtig. Sie konnte keinem Auftragsmörder trauen, egal wie nett er war und wie oft er mit ihrer Schwester geschlafen hatte. „Ja, habt ihr schon etwas herausgefunden?" „Der MI5 arbeitet noch daran. Beim FBI kann ich nicht viel tun. Die wollen sich da heraus halten." „Jetzt weißt du, warum ich den amerikanischen Geheimdienst so hasse", meinte er sarkastisch. „Weißt du vielleicht etwas, was uns helfen könnte? Da du jetzt auch für den Geheimdienst arbeitest und auf der rechtlichen Seite bist…", der letzte Satz hatte einen leicht ironischen Unterton. Ari lachte kurz. „Nein, tut mir Leid Valentina. Wenn ich etwas weiß, hätte ich es gesagt. Glaub mir, ich hoffe auch, dass ihr sie findet." „Hast du irgendeine Ahnung? Hat sie irgendwen getroffen, kurz vorher? Irgendwelche alten Feinde oder jemanden, den ihr zusammen erledigt habt?" Ari dachte einen Augenblick nach. „Da war dieses Motorrad", sagte er. „Ich hab es ein paar Mal gesehen. Es war auch in der Nacht da, wo Theresa bei mir-" Er brach ab. „Keine Sorge, Ari. Ich verrate es niemandem. Weißt du, wer der Fahrer des Motorrads war?" „Nein. Das Motorrad war dunkelblau und hatte ein Leihnummernschild. Es ist nur für einen kurzen Zeitraum in Großbritannien zugelassen." Er nannte ihr das Nummernschild und sie suchte in ihrem Computer danach. Was sie dort fand, erschrak sie. „Verdammt", fluchte sie. „Was ist?", fragte Ari überrascht. „Ich ruf dich später noch mal zurück", sagte Valentina und klappte das Handy zu, bevor er widersprechen konnte. Auf dem Bildschirm war der Ausweis der neunzehnjährigen Auftragskillerin Ling Yang.
„Theresa hat letztes Jahr ihre Schwester Xi umgebracht, als sie mit Ari in Shanghai war", erzählte Valentina George Burton, als sie in seinem Büro stand. „Xi hätte sie vor Ari als Agentin enttarnt und sie musste sie eliminieren, damit während der Ausführung ihres Auftrags keine Gefahr bestand. Xi arbeitete für den Mossad und war Aris Vorgesetzte. Sie war viel jünger, hatte sich aber nach einer Ausbildung beim britischen Geheimdienst schnell hochgearbeitet. Aufgrund ihres Loyalitätsgefühles wollte sie Ari warnen, auch wenn er nicht mehr dem israelischen Geheimdienst diente." „Sie hat ihr Land an einen Terroristen verraten", urteilte Burton. Valentina seufzte. Burton wusste genau, dass es nicht so einfach war. „Und was jetzt?" „Ich vermute, dass Ling ihre eineiige Zwillingsschwester rächen möchte. Sie muss irgendwie erfahren haben, dass Theresa sich in England aufhielt." „Was ist mit Ari?" „Ich werde ihm gleich Bescheid geben, dass wir eine Vermutung haben. Vielleicht gibt er uns weitere Informationen über sie, er kennt Ling und er hat mit Xi zusammengearbeitet." „Und was ist, wenn er mit ihr zusammen arbeitet. Er war gut mit ihrer Schwester befreundet." „Das Risiko muss ich dann wohl eingehen", antwortete Valentina schroff. „Warum glaubst du, er hat sie geliebt?", fragte Burton und lehnte sich zurück. Valentina sah ihn verärgert an. Er hielt immer an seiner Meinung fest und für ihn waren alle anderen Idioten. Valentina überlegte. Eigentlich war Ari ein richtiger Arsch. Aber irgendetwas machte ihn nett. „Seine Augen. Theresa hat in seine Augen gesehen und sie waren…freundlich." „Waren sie auch freundlich, als er Agentin Amy erschossen hat?", fragte er hart. Sie antwortete nicht. „Entgegen der landläufigen Meinung, meine liebe Valentina", sagte er und beugte sich wieder nach vorne. „Können Augen lügen. Denk daran, wenn du ihn das nächste Mal kontaktierst!" „Das werde ich", sagte sie. „Das werde ich", wiederholte sie lauter und verließ sein Büro.
„Warum?", fragte Ari. Valentina hatte ihm gerade größtenteils erzählt, was sie in Erfahrung gebracht hatte. „Theresa war…in den Tod ihrer Schwester verwickelt", Valentina wusste, dass sie zu viel erzählte. „Was?" „Xi wollte Theresas Tarnung auffliegen lassen, sie hat das verhindert. Damals, in Shanghai. Du warst noch nicht zurück, aber Xi kam in das Hotel, um Theresa zu töten. Als Agentin im Undercovereinsatz hatte sie keine andere Wahl." „Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich dem FBI viel wert bin. Natürlich nur, wenn ich tot bin." „Ari, es war ihre Pflicht. Selbst wenn Xi festgenommen worden wäre, es hätte immer das Risiko gegeben, dass sie sie an dich verraten hätte. Und bei der Polizei hätte sie ihren Ausweis gezeigt und wäre irgendwie schnell wieder frei gekommen. Du kennst doch diese Tricks. Dann hätte sie dich gewarnt. Es tut mir Leid, Ari, aber Theresa ist eine Agentin des Secret Services und du warst nur eines ihrer Ziele." Valentina legte auf. Sie konnte nicht unterscheiden, ob Ari ein Agent war oder immer noch der Auftragsmörder von vorher. Es war auch egal, sie konnte ihm nicht vertrauen.
Ari warf sein Handy auf den Beifahrersitz. Er fuhr vom Parkplatz und wieder in Richtung Vororte. Es war noch dunkel, aber es war bereits drei Uhr morgens. Die Sonne würde bald aufgehen. Es war leer auf den Straßen und Ari fühlte sich ein wenig einsam. Er parkte sein Auto dreihundert Meter vom Lagerhaus entfernt und ging den Rest des Weges zu Fuß. Irgendetwas fühlte sich falsch an, er hatte ein ungutes Gefühl. Theresa war diejenige gewesen, die Juan überredet hatte, Ari zu vertrauen. Theresa war spurlos verschwunden und ein MI6-Agent war bereits entlarvt worden. Es war nur noch eine Frage der Zeit, dann würde der Mossad ihn auch herausholen. Auch wenn sie ihre Agenten immer bis zum Schluss arbeiten ließen. Aber Ari liebte das Risiko. Er stand jetzt vor der Nebeneingangstür des riesigen Lagers. Er trat ein und erschrak. Auf dem Boden vor seinem Schreibtisch lag Eddie Mackenzie. Er war aufgeschlitzt worden, ein langer Schnitt von der Mitte zwischen seinen Augen bis zu seinem Unterleib. Das Blut floss noch immer, es konnte nicht lange her sein. Ari fühlte den Puls und seine Körpertemperatur. Er war tot, sein Körper war noch warm. Langsam und lautlos ging Ari weiter und öffnete leise die Tür zum großen Lagerraum. Er blickte hinein und sah die leblosen Körper weiterer Mitarbeiter der Organisation. Er ging durch den Raum, überall stapelten sich Kisten und die Regale waren überfüllt. Er stoppte und schaute auf die Leiche vor sich. Der Körper lag mit dem Gesicht nach unten. Ari drehte ihn um. Er war von vorne erstochen worden, das Blut tropfte auch noch und er war noch warm. Vor Schreck ging Ari ein paar Schritte zurück. Jemand hatte Juan aus nächster Nähe erstochen. Er kam wieder näher und betrachtete die Wunde. Sie war circa zehn Zentimeter tief, das Messer wurde komplett hineingestoßen, dem Verlauf des Blutes nach zu urteilen, geschah dies langsam und mit Vorsicht. Jemand hatte es genossen ihn umzubringen. Das Messer war anscheinend in seinem Körper noch gedreht worden, der Mörder muss sehr nahe bei ihm gestanden haben. Ari schreckte auf. Er hatte etwas gehört. Er drehte sich um und sah zuerst das Messer in der Hand der Person ihm gegenüber. „Ling", brachte er hervor. Zu mehr war er nicht fähig. Es war eher ein Flüstern. Vor ihm stand Ling, das Blut tropfte noch von ihrem Messer. Sie trug ihre dunkelblaue Motorradkleidung, dunkelblaue Stiefel, dunkelblaue Lederhose, dunkelblaue Lederjacke. Sie starrte auf Juan. Sie ging vor und strich das Messer an Juans Kleidung ab, die sich sofort rot färbte. Sie fasste das Messer wieder fest am Griff und drehte sich zu Ari um. „Schön dich wiederzusehen, Ari Takar", sagte sie und trat auf ihn zu. Sie blickte zu ihm auf, sie war kleiner, aber gefährlicher.
Ende des ersten Teils 3.1...und es folgt 3.2
