Ich sollte endlich aufhören, ihre perfekt geschwungenen, sinnlichen Lippen anzustarren. Das weckte das Bedürfnis in mir, sie zu berühren und mein Gesicht dem Ihrem zu nähern...
Aber Bella geriet schon in Panik, wenn man sich ihr auf mehr als drei Meter näherte.
Ich hatte mein eigenes Grab geschaufelt. Es war nicht nur so, dass mich die Schuldgefühle fast um den Verstand brachten und der unterdrückte Drang, sie zu berühren mir den Atem raubte, nein, ich hatte auch die verstörende Gewissheit, dass Bella nie wieder dazu fähig sein würde, mich zu lieben. Und falls doch, durfte ich mir nicht erlauben, dasselbe für sie zu empfinden.
Ich vergrub das Gesicht in meinen Händen. Ich wollte nicht, dass die anderen den Schmerz sahen, der sich ohne Zweifel deutlich auf meinem Gesicht abzeichnete.
Ich sah nicht auf, doch ich hörte, dass Bella stehen geblieben war. Bevor ich meine Familie wieder ansah, musste ich meine Emotionen wieder unter Kontrolle haben. Es reichte schon, dass Jasper genau wusste, wie es mir gerade ging.
„Setzt du dich zu uns, Bella?", fragte Carlisle freundlich. Ich hob den Kopf, und blickte in Bellas wachsames Gesicht. Sie wirkte... nervös.
„Warum?" Ihre Stimme klang angespannt. Wie wenig sie uns doch vertraute, anscheinend dachte sie, wir könnten sie jeden Augenblick von der Seite anfallen.
„Nun, ich dachte, wir könnten darüber sprechen, wie wir in nächster Zeit vorgehen werden. Es gibt natürlich ein paar Regeln, die du einhalten musst." Carlisle sprach langsam und bedacht und fixierte Bellas Gesicht beim Sprechen, um einen möglichen Wutausbruch sofort zu erkennen. Im Bezug auf Bella mussten wir uns auf Japsers Gabe, die Gefühle anderer zu spüren, verlassen, meine Gabe hatte bei Bella noch nie funktioniert und Alices tat es seit neustem auch nicht mehr. Doch im Moment sah Bella nicht wütend aus, ihre Augen flackerten nicht vor Zorn, sondern vor Unsicherheit.
„Regeln?" Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe.
Sie bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle sondern beäugte uns nur misstrauisch. Carlisle hatte die Sitzordnung so bestimmt, dass wir nicht frontal vor ihr saßen, sondern schräg gegenüber. So konnte sie uns beim Sprechen im Auge behalten, ohne sich uns alle als geschlossene Gruppe gegenüber zu haben. Er hatte außerdem angeordnet, dass Emmett in gebührenden Abstand auf ihrer Seite sitzen sollte, dann musste sie sich nicht bedroht fühlen.
Zögernd und mit wachsamem Blick schlich Bella langsam zu uns herüber uns setzte sich grazil auf die äußerste Kante des Sofas, so weit von Emmett entfernt, wie es möglich war. Jede Faser ihres Körpers stand unter Spannung.
Carlisle lächelte ihr ermutigend zu, wir anderen schwiegen.
„Es sind keine sonderlich originellen Regeln und somit auch nicht allzu schwer einzuhalten. Die erste ist sehr simpel: Wenn du jagen gehen möchtest, auf Tiere wohlgemerkt, werden die Jungs dich immer begleiten."
„Jungs?", empörte sich Emmett.
„Männer", korrigierte sich Carlisle schmunzelnd. „Die zweite Regel dient zu unser aller Schutz: Kein Kontakt zu Menschen, bis du deinen Durst vollkommen kontrollieren kannst. Die dritte Regel ist eigentlich eine Bitte. Du bist vorübergehend sehr stark, dass hat damit zu tun, dass noch Reste von deinem Blut in deinen Adern vorhanden sind. Innerhalb des nächsten Jahres wird sich das normalisieren. Allerdings bist du sehr...impulsiv und deine unkontrollierten Wutausbrüche sind sehr gefährlich für uns alle. Deshalb bitte ich dich, dass solltest du merken, dass dich die Wut zu übermannen droht, du dich eine Weile zurückziehst, bis du dich wieder beruhigt hast."
Emmett schnaubte abfällig. „Ich bitte dich, Carlisle! Du glaubst doch wohl nicht, dass Bella stärker ist als ich."
Nach dem Carlisle schnell Bellas Reaktion auf Ems Worte geprüft hatte, und diese als ungefährlich eingestuft hatte, erschien ein amüsiertes Lächeln auf seinem Gesicht.
„Darauf würde ich nicht wetten." Bella hatte sich Carlisles Vortrag schweigend angehört. Ihr Blick war ständig zwischen uns herumgeschnellt. Ich konnte deutlich sehen, wie unwohl sie sich fühlte. „Ich... werde versuchen alle Regeln einzuhalten. Mit der letzteren könnte ich allerdings Schwierigkeiten haben. Die Wut kommt so plötzlich... Ich werde nicht dagegen ankämpfen können. Doch ich werde es zumindest versuchen."
Esme strahlte. „Das ist toll, Bella." Rose sah dagegen nicht überzeugt aus. Zweifelnd beobachtete sie Bella dabei, wie diese unruhig hin und her rutschte.
Sie kann sich nicht beherrschen. Em und Jasper werden rund um die Uhr in ihrer Nähe sein müssen... Ich glaube nicht, dass Edward das aushält. Für ihn scheint es nicht leicht zu sein, dass Bella jetzt eine von uns ist... aber er wird sich damit abfinden müssen, sie ist nicht mehr das schwache, niedliche Mädchen von früher. Ich hoffe so für ihn, dass er irgendwann auch diese neue Bella lieben kann...
Schnell zog ich mich aus Roses Gedanken zurück, dass war definitiv zu gefährliches Terrain. Da sah ich mich lieber in Alices Kopf um.
Wenn ich doch nur ihre Zukunft sehen könnte! So sind wir ihren Launen schutzlos ausgeliefert. Ich hätte uns wenigstens ein paar Sekunden vor einem Wutausbruch warnen können, dass hätte uns ungemein geholfen...Ich hoffe, dass ich mich irgendwann an die Vampir-Bella gewöhnen kann... Ich vermisse meine Schwester so sehr! Aber es wird nie wieder so sein wie früher...
Em überlegte wie er beweisen konnte, dass er stärker war als Bella, und Jasper dachte darüber nach, wie er Alice am besten von Bella fern halten konnte. Esme... war hoffnungsvoll und Carlisle bezweifelte, dass Bella überhaupt irgendwann ein mal in der Lage sein könnte ihre Gefühle kontrollieren zu können.
Es war zum verrückt werden. Hier saß das Mädchen, das meinen gesamten Lebensinhalt ausgemacht hatte, meine ganze Welt hatte sich nur um sie gedreht und jetzt erkannte ich sie kaum wieder. Sie war mir so fremd.
„Vielleicht wäre es jetzt auch an der Zeit, uns zu erzählen, wie es dazu gekommen ist", sagte Alice und machte eine Handbewegung, die Bellas ganze verwirrende neue Person umschloss.
Einen Moment schwieg Bella, doch dann schien sie sich einen Ruck zu geben und begann zu erzählen. „An dem Tag bin ich im Wald spazieren gegangen... Ich hatte mich verlaufen und war gerade dabei, den Pfad zu suchen, auf dem ich hergekommen war. Da stand sie plötzlich vor mir..." Bellas Blick starrte ins Leere. Sie war mit den Gedanken in weiter Ferne.
„Wer stand vor dir?", fragte ich ungeduldig.
„Victoria", hauchte Bella. Ich sog scharf die Luft ein. Alle Gesichter im Raum erstarrten.
„Sie... also ich kann mich nicht mehr so recht daran erinnern, jedenfalls hatte ich Schmerzen und alles wurde schwarz um mich herum. Ich glaube sie hat mir eine gewischt... Jedenfalls blutete mein Kopf, als ich wieder zu mir kam. Es hat einen Moment gedauert, bis mir wieder einfiel, was passiert war. Und dann..."
Ich war fassungslos. Umso weiter sie mit der Geschichte ihrer Verwandlung herausrückte, desto entsetzter wurde ich. Nach und nach entstand ein verstörendes Bild in meinem Kopf. Victoria die sich über die vor Schmerzen gekrümmte, noch menschliche Bella beugte, wie sie sie verletzte, wie sie sie verwandelte...
Victoria hatte Bella auf die schlimmste Art und Weise schaden wollen, wie es ihr nur möglich war. Und sie hatte es geschafft. Jetzt, nach dem sich die Bilder von einer sich verwandelnden, nach dem Tod flehenden Bella in meinem Gehirn eingenistet hatten, wurde ich sie nicht mehr los. Es würde meine neue Lebensaufgabe werden, Victoria aufzuspüren und auf die qualvollste Art zu töten, die mir einfiel. Ich würde mein ganzes Leben darauf verwenden, mir möglichste viele Foltermethoden für dieses grausame Wesen zu überlegen, dass mir meine Bella genommen hatte.
Alice
Ich registrierte die unbändige Wut in Edwards Blick erst, als ein bedrohliches Knurren in seiner Brust aufstieg. Bellas Augen weiteten sich einen Moment, doch sie schien sich davon nicht bedroht zu fühlen, sondern beendete ihren Bericht genauso ruhig und emotionslos, wie sie ihn begonnen hatte. Von ihren Stimmungsschwankungen bekam ich förmlich ein Schleudertrauma. Reichte es denn nicht aus, dass ich von den erfolglosen Versuchen, Bellas Zukunft zu sehen, stechende Kopfschmerzen bekam? Die Visionen über sie schienen irgendwo unerreichbar für mich in diesem Zimmer herum zu schwirren. Langsam wurde mir bewusst, wie es Edward damit ging, ihre Gedanken nicht lesen zu können. Es war alles extrem frustrierend und verunsichernd.
Ich sah Jasper an, dass er sich vollkommen auf Bellas Gefühle konzentrierte. Ich wusste, dass er mich vor ihr beschützen wollte, was in Betracht auf unsere erste Begegnung sehr sinnvoll schien. Und dennoch, ich wollte nicht, dass er mich vor meiner Schwester beschützen musste. Doch es würde nie wieder so sein wie vor Bellas Verwandlung. Ich vermisste meine Schwester, ich wollte den Vampir, der mir gegenüber saß gegen sie eintauschen. Ich würde versuchen müssen, diese neue Bella zu akzeptieren, ihren von Grund auf veränderten Charakter.
Daran führte kein Weg vorbei. Doch in meinem Unterbewusstsein war mir bereits klar, dass ich Bella nie auf diese Art würde lieben können, wie früher.
Ihre Augen waren aufmerksam auf uns gerichtet. Bella wartete auf eine Reaktion.
„Victoria war hier, dass ist doch eine Ironie des Schicksaals..." In Edwards Stimme spiegelte sich das ganze Ausmaß seiner Verzweiflung. Für ihn war die ganze Situation noch schwieriger als für mich. Wie gerne ich ihm doch helfen würde, doch das konnte ich nicht. Niemand konnte ihm helfen.
Em raufte sich die Haare. „Gibt es eigentlich irgendwas das in letzter Zeit nicht schief gegangen ist?" Seine Frage war berechtigt, es schien, als hätten sich höhere Mächte gegen uns verschworen, um uns das Leben so schwer wie nur möglich zu machen. Oh mein Gott, geht es eigentlich noch dramatischer, Alice? Ich unterhielt mich schon mit einer Stimme in meinem Kopf über dunkle Verschwörungen. Langsam aber sicher sollte ich mir Gedanken über meinen Geisteszustand machen. Jasper, mein Fels in der Brandung, spürte meine innere Verzweiflung und tat genau das, was ich jetzt brauchte.
Er stand auf. „Sollen wir auf die Jagd gehen, Alice?", fragte er. Sofort schoss ich in die Höhe. Der Rest der Familie machte uns zum Glück nicht darauf aufmerksam, dass wir vor nicht all zu langer Zeit bereits unseren Durst gestillt hatten. Sie wussten, dass wir einfach mal unsere Gedanken sortieren mussten, ohne Bella, die uns zuhörte. Mit wenigen großen Sätzen waren wir aus der Tür, übersprangen den Sol Duc River und rannten in den Wald hinein. Es tat unbeschreiblich gut, alles hinter mir zu lassen, auch wenn es nur für eine kleine Weile war. Erst als wir uns sicher waren, dass man uns im Haus nicht mehr hören konnte, blieben wir stehen.
Jasper sah mich besorgt an. „Ich dacht, es würde dir gut tun, mal da raus zu kommen", sagte er, seine Hand streichelte über mein Haar. Ein warmer Schauer lief über meinen Körper. Wir waren schon so lange zusammen, doch die Reaktionen auf seine Berührung blieben immer dieselben. „Danke, das ist genau das richtige." Jasper kannte jede meiner Gefühlslage, wir verstanden uns auch ohne viele Worte, doch jetzt mussten wir unbedingt Ordnung in unsere aufgewühlten Gedanken bringen.
„Es fühlt sich für mich so... falsch an, dass von der Bella, die wir geliebt haben, nur das übrig geblieben ist. Es ist so ungerecht. Das ist nicht mehr Bella, sie ist mir so fremd geworden."
Stumme Schluchzer schüttelten meinen Körper. Wären meine Augen in der Lage gewesen, Tränen zu produzieren, hätte ich jetzt geweint. Jasper schlang die Arme um mich und drückte mich an sich. Wie konnte bloß alles so außer Kontrolle geraten? Jaspers Hände streichelten meinen Rücken hinauf und hinab.
„Niemand hätte dieses Schicksal weniger verdient, als Bella... Edward dreht vollkommen durch. Er wird vor Schuldgefühlen fast wahnsinnig. Diese ganzen schlechten Gefühle, die im Haus auf mich einstürmen, bereiten mir Migräne", sagte Jasper seufzend.
Seine Umarmung tat so gut, am liebsten wäre ich für immer so verharrt, in den Armen meines Liebsten, fern von allen Problemen und dem ganzen Leid. Jasper ging es genauso, hier im Wald konnte er mal tief durchatmen, er musste nur noch meine Gefühle abgesehen von seinen eigenen ertragen. Natürlich war das mit dem Durchatmen nur symbolisch gemeint, wir mussten nicht atmen, taten es nur, weil es unangenehm war, nichts zu riechen. Irgendwann löste ich mich dann doch von Jasper. „Wie geht es jetzt weiter?", fragte ich, erschöpft von den ganzen Emotionen die in letzter Zeit durch meinen Körper geflossen waren.
Jasper sah mir fest in die Augen. „Ich will nicht, dass du mit Bella allein bist! Tu mir das bitte nicht an, ja?" Ich nickte. „Es wird immer einer von euch zwischen uns sein", versprach ich.
Jetzt war er beruhigter. „Wir müssen einfach durchhalten. Irgendwann wird es besser werden. Es muss besser werden", sagte Jasper verzweifelt.
Ich seufzte, mit dem Wissen, dass unsere kleine Auszeit jetzt vorbei war.
