Ruhig und friedlich lag die Stadt in der Morgensonne da. Nach dem Regen in der Nacht war der Himmel nun blau und die Morgensonne kündigte einen heißen Frühlingstag an.
Langsam kam Leben in die Stadt. Am Brunnen trafen sich die Menschen, um Wasser zu schöpfen. Die Wege füllten sich mit Menschen, die zu Fuß den Markt erkunden wollten; andere wiederum führten mit ihren Ochsenkarren ihre Ware zum Verkauf.
Der Wochenmarkt war der wichtigste Treffpunkt für die Menschen aus der Stadt und Umgebung. Bauern waren oft tagelang hierher unterwegs um ihr Obst, Getreide oder Vieh zu verkauften.
Hier boten Händler ihre Ware feil, verkauften die Fischer ihren letzten Fang und warben die Gaukler und Musikanten um Publikum. Die Menschen aus der Stadt versorgten sich mit Vorräten für die nächsten Tage und Wochen, feilschten um den günstigsten Preis für die Ware und erzählten sich lautstark oder hinter vorgehaltener Hand die neusten Geschehnisse.
Unter der Herrschaft des Barons war die Stadt erblüht und viele zu plötzlichem Wohlstand gekommen, auch wenn bei einigen gemunkelt wurde, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein könnte.
An die einstigen römischen Besetzer erinnerte nur noch ein verlassenes Kastell, das als Gefängnis für den Abschaum der Gesellschaft verwendet wurde, und die Mauer, welche die Stadt umgab.
Viele Häuser um den Marktplatz waren in den letzten Jahren von ihren wohlhabenden Besitzern ausgebaut und verschönert worden. Stattliche Villen waren entstanden, die sich von weitem von den strohgedeckten Häusern unterschieden, in denen das gemeine Volk in den Außenbezirken lebte. Selbst eine Kirche war entstanden, um dem Volk die neue Religion, die mit den Römern ins Land gekommen war, nahe zu bringen.
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Dieser Freitagmorgen unterschied sich nicht von den anderen Markttagen, wenn man von der kleinen Gruppe absah, die ihren Weg von dem römischen Kastell an der Kirche vorbei und auf den Marktplatz beschritt.
Es waren Soldaten des Barons und ein Vertreter des Kardinals, welche drei Gefangenen in die Stadt brachten, um unter den Augen der schaulustigen Öffentlichkeit ihre verdiente Strafe durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen zu vollziehen.
Rasch umringten die Menschen die kleine Gruppe und starrten auf die drei Gefangenen, die in schweren Ketten auf den Platz gezerrt wurden.
Der erste von ihnen war ein Dieb und stadtbekannter Taugenichts, den viele schon kannten. Seine Haare und Lumpen waren dreckig und verwahrlost und seine Augen blitzten zornig und bösartig, so dass kleine Kinder zu weinen begannen und viele Zuschauer eine Gänsehaut bekamen.
Die zweite Gefangene war eine Frau, offensichtlich eine Hexe. Ihre Kleidung und ihr Äußeres passten zu der Vorstellung, die viele von einer Hexe hatten, und im Gegensatz zu dem Gefangenen vor ihr, war sie ruhig und gelassen, als würde sie die bevorstehende Prozedur nicht so richtig ernst nehmen.
"Es ist die Kräuterhexe Helga Hufflepuff", flüsterten sich die Menschen zu und rasch verbreiteten sich die verschiedensten Geschichten, die über sie erzählt wurden, im ganzen Ort.
Bei der dritten Gefangenen handelte es sich schließlich um ein junges Mädchen, das viel jünger als ihre elf Jahre aussah. Sie war barfuss und ärmlich gekleidet. Trotz ihres erbärmlichen Aussehens war sie hübsch und mit ihren verweinten Augen hatte sie viele Sympathien auf ihrer Seite.
"Sie steckt mit dem Teufel im Bunde", erzählten die einen.
"Sie hat einen Jungen vom sicheren Tod gerettet", wussten andere und viele Geschichten, die über Kaitlin an jenem Morgen erzählten, waren ebenso aufregend, wie sie falsch waren.
Der Zug endete auf einem freien Platz des Marktes. Hier waren bereits drei Pfähle in den Boden berammt worden. Am Fuß der Pfähle war Holz zu Scheiterhaufen aufgeschichtet, das nur noch darauf wartete, entzündet zu werden.
Jeder der drei Gefangenen wurde nun an einen der Pfähle gebunden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Der Dieb wehrte sich mit Händen und Füßen gegen das Anbinden und fluchte ganz fürchterlich. Das kleine Mädchen allerdings fing ganz leise an zu weinen und man hörte wie die Frau leise auf sie einredete.
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In gebührendem Abstand versammelte sich nun das Volk, das nun voller Sensationsgier darauf wartete, Zeuge einer spektakulären Bestrafung zu werden.
Die Soldaten stellten sich schützend um die Scheiterhaufen. Wie oft war es schon passiert, dass Aufständische eine Hinrichtung unterbrochen hatten. Doch heute sah nichts nach einer meuternden Menge aus; die Rädelsführer solcher Aufstände waren größtenteils selber dem strafenden Feuer zum Opfer gefallen.
Ein Herold des Barons trat vor und richtete das Wort an die Menge, die sogleich neugierig verstummte.
"Als Bevollmächtigter des Barons Vincent von Gwynedd verkündige ich hiermit, dass diese drei gegen Gott und die Obrigkeit für schuldig befunden worden sind, und nun durch die heilige Flamme der Inquisition geläutert werden sollen."
Unter den Zuhörern begann ein Gemurmel, dass der Redner ungeduldig zu beenden versuchte. Ein alter Mann trat plötzlich vor die Menge und schrie: "Sie verdienen ein ordentliches Gericht! Niemand darf ohne eindeutige Beweise verurteilt werden! Ich protestiere gegen diese Ungerechtigkeit!"
Der Beauftragte des Barons winkte ein paar Soldaten heran, dann befahl er: "Ergreift ihn und stellt ihn für vierundzwanzig Stunden an den Pranger!"
Die Soldaten gehorchten dem Befehl, während das Volk johlte und pfiff, doch sie ließen sich nicht davon abhalten, ihren Befehl auszuführen. Grob packten sie den Alten und zerrten ihn davon.
Nun trat ein Geistlicher vor das Volk. Er trug eine brennende Fackel in der Hand. Die Menschenmenge verstummte und hielt gespannt den Atem an.
"Und so frage ich Euch noch ein letztes Mal, wollt ihr euch von euren Sünden frei waschen? So wiederruft die ketzerischen Handlungen, die ihr begangen habt und bekennt euch zum christlichen Glauben."
Ihm schrie unendliches Schweigen entgegen und so begann er seine Litanei, "In nomini patri et filii et spiritu sanctu, somit übergeben wir nun dieses Fleisch dem läuternden Feuer, um unserer unschuldigen Seelen willen. So werde Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub."
Mit einem angewiderten Blick sah er auf die Gefangenen, dann gab er den Soldaten ein Zeichen. Drei von ihnen kamen zu ihm herüber, entzündeten ihre Fackeln an seiner und warteten neben den drei Scheiterhaufen auf den Befehl des Herolds, das Feuer zu entzünden.
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Keiner hatte das Mädchen gesehen, das sich aus der Menge gelöst hatte und zu dem Herold des Barons und dem Geistlichen getreten war, denn ein Schutzzauber verhinderte, dass jemand ihr Beachtung schenkte. Gerade noch rechtzeitig verwandelte sie sich unerwartet von dem jungen Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz und den freundlichen Augen in einen beleibten Mann Mitte fünfzig mit strengem Blick, schwarzen streng gescheitelten Haaren und einem kostbaren Mantel mit pelzbesetztem Kragen verwandelte.
Mit einem Wink des Zauberstabs löste Rowena den Tarnzauber und die Menge erstarrte vor dem plötzlichen Auftauchen des Barons Vincent von Gwynedd mitten auf dem Hinrichtungsplatz.
Obwohl ihr Herz vor Aufregung wie wild schlug, setzte Moira, die in der Gestalt des Barons vor der Menge aufgetaucht war, das finsterste Gesicht auf, das sie zustande brachte, und begann im nächsten Moment an, vor Wut zu schnauben und zu toben.
"Ihr Narren", schrie er den Herold und den Geistlichen an, "wer hat euch die Anweisung gegeben, diese fleißigen und redlichen Leute aus meinem Volk öffentlich zu diffamieren und sie hinter meinem Rücken zu ermorden?! Mir liegt keine Klage gegen diese Menschen vor."
Sie zögerte einen Moment, während sie nach Worten suchte, und der Geistliche begann, sich zu verteidigen.
"Aber Baron, ihr selbst hab gestern angeordnet, diese Hexen dem läuternden Feuer...", begann er.
"Schweig er!", unterbrach ihn Moira abrupt und der Geistliche verbeugte sich devot, als hätte er einen riesigen Fehler begangen. Moira warf ihm noch einen bitterbösen Blick zu, dann versicherte sie sich, dass der Herold des Barons ebenfalls keine Anstalten mehr machte, ihm zu widersprechen, und wandte sich an die Soldaten.
"Bindet sie los!", befahl er ihnen, "und lasst ihnen die Kutsche dort. Bringt sie, wohin sie wollen, aber beeilt euch!"
Die Soldaten beeilten sich, den Befehl auszuführen. Der Herold des Barons winkte die Kutsche herbei, die für ihn selbst bereit stand, und gab dem Kutscher Anweisungen. Verduzt und mit zitternden Knien stiegen Helga, Kaitlin und der dritte Gefangene in die Kutsche und erst als Helga in der Nähe der Kutsche Rowena erblickte, die ihr zuzwinkerte, verstand sie, was gerade passiert war.
Mit knallender Peitsche fuhr die Kutsche an und war rasch verschwunden, wie auch der Baron ganz plötzlich den Blicken der Menge entzogen war und irgendwo in der Menschenmenge ein blondes Mädchen mit einem Pferdeschwanz auftauchte, das sich vor Lachen die Hand vor den Mund halten musste, um nicht die Aufmerksamkeit der Umherstehenden zu erregen.
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Helga und Kaitlin rasten inzwischen mit der Kutsche durch die engen Gassen. Neben ihnen saß der dritte Gefangene, ein gewöhnlicher Dieb, der die beiden Frauen argwöhnisch musterte.
"Wohin?", fragte der Kutscher seine Fahrgäste. Helga gab ihm Anweisung, sie vor das Stadttor zu bringen und dort abzusetzen. Ihrem Mitgefangenen war es egal, und so lenkte der Kutscher seine Pferde nach Süden, eine lange Straße entlang, bis sie schließlich das Stadttor erreichten.
Die Kutsche hielt und die beiden stiegen aus. Kaitlin bemerkte, dass ihre Knie zitterten, als sie wieder auf der Straße stand.
"Lass uns verschwinden", meinte Helga, "du kannst sowieso nicht mehr nach Hause. Und ich schon gar nicht."
Sie waren keine zehn Minuten gegangen, als hinter ihnen Rowena und Moira auftauchten. Helga erkannte Rowena und wartete am Wegrand auf die beiden.
"Hallo Rowena", begrüßte sie die Hexe, "ihr seid gerade noch im richtigen Moment aufgetaucht."
"Grüß dich, Helga", beantwortete Rowena den Gruß, "schon damals in Lundenevic hattest du das Talent, dich in Schwierigkeiten zu bringen." Beide Freundinnen begrüßten sich herzlich mit einer Umarmung.
"Und du warst mehr als einmal meine Retterin", lächelte Helga. Sie wendet sich Moira zu und sagt: "Doch ich glaube, dieses Mal habe ich mein Leben vor allem dir zu verdanken, kleiner Baron."
Moira errötete und sah zu Boden.
"Meine Schülerin Moira", stellte Rowena sie vor.
"Und das ist meine Schülerin Kaitlin", erklärte Helga und berichtete Rowena und Moira rasch, was geschehen war.
"Ich glaube, wir sollten hier verschwinden", meinte Rowena schließlich und bot Helga und Kaitlin an, die Nacht im Schloss der Gräfin zu verbringen.
