Ein Überfall, ein Pflegefall und ein Fall von Wahnsinn (2)

Der Traum war alles andere als realistisch. Besonders das Schweben – mein Schweben.

He, ich wiege 54 Kilo. Das ist bei meiner Körpergröße von einszweiundsechzig zwar nicht besonders viel, aber dennoch einiges mehr als ein Federkissen. Also war es völlig unmöglich, dass ein schlanker Junge, auch wenn er fast einsneunzig groß war, mich auf seinen Armen den ganzen Weg bis zum Parkplatz tragen konnte. Und noch viel abwegiger war es, dass er das so völlig mühelos zu Wege brachte. Er atmete nicht einmal schwer, im Gegenteil. Eigentlich hatte ich eher das Gefühl, dass er überhaupt nicht atmete. Und das war einfach nicht möglich.

Ganz im Ernst, ich hatte erst wenige Tage zuvor Charlie und Jake dabei geholfen, ihre Umzugskisten ins Haus zu tragen, ich weiß also, wovon ich rede. Schon nach den ersten Metern war mein Atem viel schneller und schwerer gegangen und noch bevor ich die Kisten auch nur in der Nähe ihres Bestimmungsortes abladen konnte, hatten meine Arme vor Anstrengung gezittert. Also gab es nur zwei Möglichkeiten. Nummer eins: Gabriel Phoenix war Gewichtheber mit Olympiapotenzial ... und nebenbei auch noch ein Weltklasseläufer angesichts des Tempos, mit dem er mich über die Wiese an der Rückseite des Schulgebäudes trug. Oder – und das war Möglichkeit Nummer zwei – meine übereifrigen Hormone bescherten mir einen Traum, aus dem ich hoffentlich niemals aufwachen würde. Welche Frau träumt schließlich nicht davon, dass der Typ, um den sich all ihre heimlichen Fantasien drehen, sie auf seinen starken Armen irgendwohin trägt ...

Ähem. Lassen wir das lieber.

Meine Träume sind meine Schwäche. Es ist ein wenig peinlich, aber es kommt immer mal wieder vor, dass ich mich dagegen wehre, aus einem besonders schönen Traum aufzuwachen. Manchmal presse ich die Augen starrsinnig noch eine ganze Weile zusammen und hoffe, noch ein paar der wunderbaren Bilder, die mein Unterbewusstsein mir im Schlaf gezeigt hatte, heraufbeschwören zu können, nachdem mein Wecker mich mal wieder an der absolut unpassendsten Stelle aus dem Schlummer gerissen hat. Und ich bedauere dann immer wieder, dass die schönen Traumbilder verfliegen, dass ich mich gleich darauf kaum noch an das Geträumte erinnern kann. Dass trotz aller Versuche, den Traum festzuhalten, lediglich ein Gefühl des Verlustes übrigbleibt, welches mich manchmal fast den ganzen Tag lang melancholisch stimmt.

Also ist es wohl kein Wunder, dass ich diesen Traum besonders hartnäckig festhalten wollte, trotz der Schmerzen in meinem Kopf, die diese Anstrengung mir bescherte. Was interessierte mich schon das Brummen in meinem Schädel, wenn ich einen solchen Traum träumen durfte? Wenn der Bienenschwarm hinter meiner Stirn der Preis für solche Bilder war, würde ich ihn liebend gern bezahlen. Wann würde ich sonst wohl jemals die Gelegenheit bekommen zu sehen, dass Gabriels vollkommenes Gesicht mir so nahe war, ohne dass er den Abstand sofort vergrößerte und sich abwandte? So nahe, dass ich ihn ohne Weiteres hätte berühren können, zumindest wenn ich meine Arme hätte finden und bewegen können? Wann sonst könnte ich sehen, dass Besorgnis – Besorgnis um mich – seine goldenen Augen so sehr verdunkelte, dass sie wieder einmal fast schwarz wirkten?

Die Antwort war einfach. Niemals.

Ich wollte das Traumbild festhalten. Wollte es unbedingt. Aber es war unmöglich. Etwas, das aus dem Schmerz in meinem Kopf geboren war, zog und zerrte an mir, verdunkelte wieder meinen Blick, versenkte mich erneut an einem Ort, an dem alles schwarz war. Und still.

Das nächste Gesicht, das ich zu sehen bekam, war eine Enttäuschung für mich. Obwohl es auf seine Weise genauso überirdisch schön war wie Gabriels Gesicht, konnte ich nicht einmal annähernd die gleiche Bewunderung dafür aufbringen. Und das lag nicht an der Mimik dieser bleichen, ebenmäßigen Züge, auch wenn ich mich unwillkürlich fragte, was ich wohl angestellt hatte, um diesen abwesenden, beunruhigten, ja beinahe ... zornigen Gesichtsausdruck verursacht zu haben, mit dem Dr. Cullen scheinbar blicklos vor sich hinstarrte.

Es machte mir Angst. Irgendetwas stimmte nicht. Und ich bezweifelte ernsthaft, dass die Sorge des Arztes in diesem Moment meinem Gesundheitszustand galt, obwohl ich unweit von ihm in einem Krankenbett lag. Eigentlich wirkte er eher so, als wären seine Gedanken meilenweit entfernt. Und als mache er sich schreckliche Sorgen.

Ja, ich war mir völlig sicher; irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.

„Was ist passiert?" Erst als der Kopf des Doktors hoch zuckte, wurde mir klar, dass ich die Frage laut ausgesprochen hatte – zumindest, wenn man mein raues Flüstern dafür durchgehen ließ.

Die Schnelligkeit, mit der sein Gesichtsausdruck sich änderte, verblüffte mich. Plötzlich sah er nur noch freundlich aus. Freundlich und besorgt. Professionell eben. Offenbar hatte er nicht die Absicht, meine Frage zu beantworten.

„Janice. Wie geht es dir? Hast du Schmerzen?"

Das war eine Frage, über die ich erst einmal nachdenken musste. Hatte ich Schmerzen? Die Bestandsaufnahme ergab, dass mein gebrochener Fuß unter der Bettdecke sich wie etwas anfühlte, das eigentlich lieber nicht zu mir gehören sollte. Das war allerdings kein Wunder nach der unsanften Behandlung, die er sich heute hatte gefallen lassen müssen. Allerdings schien er im Augenblick nicht mein einziges Problem zu sein. Das Atmen tat ebenfalls weh. Ich tippte auf eine geprellte Rippe; das war kein unbekanntes Gefühl für mich. Genauso hatte mein Brustkorb sich angefühlt, als ich mit 13 von Shadow, dem Quarter-Wallach meines Dads, abgeworfen worden war. Darüber hinaus schien ich noch diverse Abschürfungen und blaue Flecke zu haben, aber das war nicht weiter schlimm. Alles in Allem also kein großes Problem. Bis auf das Dröhnen in meinem Schädel. Es klang, als hätte mir jemand eine B52 implantiert. Mit Zusatztanks, damit sie auch ja nicht zu schnell landete. Unwillkürlich zuckte meine Hand an meine Stirn – und berührte einen dicken Verband. Oh, bitte nicht! Wahrscheinlich sah ich aus wie eine Mumie.

„Was ...?"

„Eine Platzwunde an der Stirn. Ich habe sie nähen müssen", erklärte Dr. Cullen leise.

Prima. Eine Narbe, zu allem Überfluss auch noch im Gesicht. Mein Tag wurde immer besser. „Wie schlimm sieht es aus?"

Um seine Mundwinkel zuckte es angesichts meiner typisch weiblichen Reaktion. Oder sollte ich besser sagen, angesichts meiner typischen Teenagerreaktion? „Die Wunde ist direkt unter dem Haaransatz."

„Oh. Gut." Wenigstens etwas. „Kommen die Kopfschmerzen daher?"

„Vermutlich." Er zückte eine kleine Stiftlampe aus der Brusttasche seines Kittels. „Sieh hier auf meinen Finger."

Das Licht tat meinen Augen weh. Und mir war übel. Wirklich übel.

„Tja, das sieht nach einer Gehirnerschütterung aus. Ich werde dich wohl über Nacht beobachten müssen."

„Hier?" Ich ließ den Blick durch das kleine Zimmer schweifen, das zu Dr. Delaneys aktiven Zeiten in Harlan einfach eine Abstellkammer gewesen war. Jetzt war es in einem freundlichen Gelbton gestrichen worden und eine weiße Spitzengardine hing vor dem Fenster, es stand ein Krankenbett darin, ein Stuhl, ein winziger Tisch und ein Schränkchen am Kopfteil des Bettes, auf dem eine Nierenschale stand. Sehr aufmerksam. Nach dem zu schnellen Rundblick durch den Raum hatte ich das ungute Gefühl, sie vielleicht gleich zu brauchen.

„Es sei denn, du möchtest lieber ins Krankenhaus nach Williamsburg", beantwortete Dr. Cullen meine Frage. Trotz seines freundlichen Blickes hatte ich für einen kurzen Moment den Eindruck, dass ihm diese Lösung nicht ungelegen käme.

Ich verzog das Gesicht, trotz der Schmerzen, die diese Grimasse in meinem Kopf auslöste. „Nur über meine Leiche." In diesem Krankenhaus war mein Dad gestorben. Nie wieder würde ich es freiwillig betreten.

„Dann also hier." Er lächelte schwach. Offenbar hatte ich mich doch getäuscht.

„Scheint, als brächte ich Ihre Praxis so richtig zum Florieren", bemerkte ich, während ich erschöpft die Augen schloss. He, Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

„Zumindest bist du meine bisher treueste Patientin", stimmte Dr. Cullen mir mit einem Lächeln in der Stimme zu. „Vielleicht sollte ich für meine Gebühren ein Rabattsystem ausarbeiten."

„Bin ich denn die Einzige, die in einem Krankenbett gelandet ist?" Mühsam zog ich ein Lid hoch. „Ich hatte eigentlich den Eindruck, dass Steve und Jason auch einiges einstecken mussten."

Er beugte sich über das Tischchen, um etwas zu notieren und wendete mir dabei den Rücken zu. „Die beiden haben lediglich ein paar blaue Flecke. Außerdem brauchen sie keine Krankenbetten, die Zellen im Sheriffbüro haben Pritschen."

„Charlie hat sie eingesperrt?" Das weckte meine Lebensgeister weit genug, um die Augen wieder vollständig zu öffnen. Wir haben schließlich alle unsere kleinen Wunschträume. Und mein Kopfkino zeigte im Augenblick äußerst befriedigende Bilder.

„Vorläufig. Er wird sie vermutlich gegen ein paar Auflagen nach Hause schicken müssen. Aber er hat sich gegen den Stadtrat durchgesetzt und es wurde formell Anzeige erstattet. Also wird es wohl zum Prozess kommen."

„Das wäre das erste Mal." Zumal Mr. Minor Mitglied in besagtem Stadtrat war.

„Es gibt immer ein erstes Mal."

Auf diese Premiere war ich mehr als neugierig. Aber nicht so neugierig, dass ich die naheliegenden Dinge aus den Augen verloren hätte. „Und wie geht es Gabriel? Ist er okay?"

Dr. Cullen beugte sich noch etwas tiefer über seine Notizen. „Es geht ihm gut. Er hat bei der Rauferei nicht viel abbekommen."

Also hatte ich mich nicht getäuscht. Gabriel hatte mich gerettet. Das Glücksgefühl, das mich angesichts dieser Information durchströmte, war weder rational noch besonders klug. Aber das war mir in diesem Augenblick völlig egal.

Nach kurzem Schweigen fügte Dr. Cullen nachdrücklich hinzu: „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich überhaupt daran erinnerst. Eine Gehirnerschütterung kann gelegentlich zu Wahrnehmungsstörungen führen. Und Erinnerungen total verzerren."

„Ich erinnere mich auch nicht an viel", gab ich zu und schloss die Augen wieder, weil meine Erschöpfung sich plötzlich erneut bemerkbar machte. „Ich habe mitbekommen, dass jemand Steve von mir weggestoßen hat, bevor er mir noch mal wehtun konnte. Und dass derjenige mit ihm und Jason gekämpft hat. Und dann hat Steve mich gegen etwas gestoßen, keine Ahnung, was es war. Danach habe ich wohl das Bewusstsein verloren ... Und dann habe ich Gabes Gesicht gesehen, er trug mich zum Parkplatz ... glaube ich ..."

„Ich gebe dir etwas gegen die Schmerzen. Und dann solltest du versuchen, etwas zu schlafen." Dr. Cullen steckte den Kugelschreiber zurück in seine Kitteltasche, bevor er mir ein Schmerzmittel injizierte. Ein leises Klopfen an der Tür veranlasste ihn dazu, sich umzudrehen. „Ja?"

Jake steckte den Kopf durch die Tür. „Ist sie wach?"

Ich hasse es, wenn man über mich redet, als wäre ich überhaupt nicht da. „Ja, bin ich", grummelte ich deshalb einigermaßen ungehalten. „Komm doch rein, Jake."

„Oh, Janice! Es tut mir so leid." Mit nur zwei Schritten hatte er den kleinen Raum durchquert und stand an meinem Bett. „Wenn ich geahnt hätte ..."

„... dass deine Hautfarbe bei ein paar Idioten Anstoß erregt? Hättest du dich dann umfärben lassen? Red' keinen Blödsinn." Ich ergriff seine Hand, die er unwillkürlich zur Faust geballt hatte. „Es ist alles in Ordnung, großer Bruder. Ich sammle hier nur ein paar Rabattpunkte für meine zukünftige medizinische Versorgung. Außerdem habe ich die Ehre, als erste Notfallpatientin von Harlan County dieses Krankenzimmer einzuweihen. Das ist doch mal was."

„Mal ganz abgesehen davon, dass du um den Geschichtstest morgen herum kommen wirst!" Der helle Sopran kam von der Tür her.

„Hallo Renesmee." Angesichts ihres strahlenden Lächeln konnte ich nur zurückgrinsen. „Ich hoffe, der alte Brummbär hier hat seine Grummellaune nicht an dir ausgelassen."

Der alte Grummelbär verzog grimmig das Gesicht.

Renesmee kicherte. „Hat er nicht. Stattdessen spielt er mit dem Gedanken, dem Footballteam beizutreten."

Diese Vorstellung ließ mich erneut grinsen; ich hatte Jake schon einmal mit einem Football gesehen, Coach Miller noch nicht. Sollte der jemals in den Genuss kommen, bekämen die Harlan Titans vermutlich einen neuen Quarterback. Mein Kopfkino sprang wieder an und spielte mehrere Varianten von Steves Reaktion darauf durch; einschließlich eines völlig missglückten Vollkontaktes und eines daran anschließenden Krankenhausaufenthaltes. Ich verbiss mir das Kichern; die Erschütterung hätte meinem Schädel bestimmt nicht gut getan. „Aha. Heißt das, du wirst dann Cheerleader?"

Sie lachte vergnügt auf. „Du bist okay, Janice."

„Danke", murmelte ich trocken.

Von der Tür her erklang ein leises Kichern; allmählich wurde es in meinem Krankenzimmer ziemlich eng. Edward ließ Bella den Vortritt und verzichtete darauf, die Tür wieder zu schließen. Vielleicht hatte er ja Platzangst. Oder er erwartete noch jemanden.

Vielleicht denjenigen, den ich auch unbedingt sehen wollte?

„Janice." Bella trat zu mir ans Bett. „Wie geht es dir?"

„Sie sammelt fleißig Rabattpunkte", grummelte Jake, bevor ich antworten konnte. Offenbar hatte seine Stimmung sich noch nicht wesentlich gebessert. „Wenn sie so weiter macht, kann sie Carlisle als Leibarzt beschäftigen."

„Du bist doch nur sauer, weil sie heute Abend nicht für dich kochen wird", neckte Edward ihn und duckte sich spielerisch zur Seite, um Jakes Rippenstoß auszuweichen.

„In der Tiefkühltruhe ist noch Lasagne." Ich hoffte, dass ich damit das Thema Essen abgehakt hatte; vor all meinen Besuchern nach der Nierenschale zu greifen, war kein allzu verlockender Gedanke. Eine Mumie in einem Krankenbett zu sein, war schon schlimm genug. Eine kotzende Mumie zu sein ... Nee, danke.

Edward kicherte wieder vergnügt und ich überlegte unwillkürlich, ob ich meine Gedanken mal wieder laut ausgesprochen hatte. Aber da von den anderen niemand lachte, hatte ich mir diese Blöße wohl nicht gegeben. Dem Himmel sei Dank.

Eine Bewegung im Türrahmen weckte meine Aufmerksamkeit. Und plötzlich schienen all die Neckereien meiner Besucher weit weg zu sein, ein gedämpftes Grummeln irgendwo weit im Hintergrund meiner Wahrnehmung. Denn da stand er; das wunderschöne Gesicht war ernst, die goldenen Augen umfingen mich mit einem so forschenden, intensiven Blick, dass ich mich weder bewegen, noch den Augenkontakt unterbrechen konnte. Da waren so viele Dinge, die ich ihm sagen wollte. So viele Dinge, die ich fragen wollte. Aber ich lag nur still da, unfähig mich zu rühren, unfähig zu sprechen, unfähig, den Blick von ihm zu wenden. Keine Ahnung, wie lange dieser Augenblick währte; Sekunden, Stunden, noch länger? Vor meinen Augen begann es zu flimmern ...

„Atmen, Janice." Edwards Stimme klang, als hätte er Übung was diesen Hinweis betraf. Und es lag noch etwas darin, eine Art Resignation, deren Ursache ich nicht begriff. Vielleicht musste er das ja jedem Mädchen sagen, dem beim Anblick seines Pflegebruders die Luft wegblieb ... Atmen? Oh, ja, genau. Zischend zog ich die Luft ein und mein Blick wurde wieder scharf. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Gabriel sich umdrehte und verschwand.

Mir blieb keine Zeit, das plötzliche Verlustgefühl zu verkraften.

Nein. Das kann er nicht tun! Das darf er einfach nicht!" Es klang fast wie ein Aufschrei.

„Was darf er nicht? Was ist los, Edward?" Meine Frage war drängend, fast panisch, und ich spürte, wie mir eine schreckliche Angst die Brust zusammenschnürte.

Er fuhr zu mir herum, während sämtliche Gespräche im Raum verstummten. Seine Augen waren ungläubig geweitet. Und seine Stimme klang gepresst. „Was meinst du?"

„Du hast gerade gesagt, dass er irgendetwas nicht tun kann, nicht tun darf. Was darf Gabriel nicht tun?"

Noch immer starrten alle mich an, fassungslos, schockiert. Und Edward wurde womöglich noch bleicher, als er bis eben gewesen war. „Ich habe gar nichts gesagt, Janice."

„Hast du nicht? Aber ich habe doch gehört ..."

Dr. Cullens Stimme klang ungewöhnlich rau, als er sagte: „Ich schlage vor, wir lassen Janice jetzt erst einmal etwas schlafen. Es ist alles ein wenig viel für sie."

Noch während er sprach, zog er ein winziges, silberfarbenes Handy aus seiner Kitteltasche und verschwand in Richtung Flur. Ich registrierte es nur am Rande, zu sehr war ich damit beschäftigt, diesen neuen Schock zu verarbeiten. Oh Gott, ich drehte durch. Ständig Gabriels Augen vor mir zu sehen, das war schon schlimm genug. Aber wenn ich jetzt auch noch begann, mir Stimmen einzubilden ... dann war meine Gehirnerschütterung womöglich doch schlimmer, als Dr. Cullen bisher angenommen hatte. Hoffentlich landete ich nicht doch noch im Krankenhaus von Williamsburg. Das wäre einfach zuviel ...

Ich bemerkte kaum, wie alle schweigend das Zimmer verließen. Mit geschlossenen Augen, damit niemand sah, dass ich gegen die Tränen ankämpfen musste, lag ich in meinem Bett; meine Gedanken jagten.

Ich hatte die Worte gehört, ganz ohne jeden Zweifel. Und ich war mir sicher, dass es Edwards Stimme gewesen war, mit der sie gesprochen worden waren. Hundertprozentig sicher. Wäre es Gabes Stimme gewesen, hätte ich an eine Halluzination geglaubt, einen Traum. Eine Fantasie. Aber es war nicht Gabes Stimme gewesen. Es war Edwards Stimme gewesen.

Ich öffnete die Augen wieder. Der Schlaf war mir trotz des Schmerzmittels nie ferner gewesen. Mit gerunzelter Stirn starrte ich auf die Tür, die sich gerade hinter Jake und Renesmee geschlossen hatte, und versuchte zu begreifen, was eben passiert war. Wurde ich vielleicht verrückt? Waren das die ersten Anzeichen von beginnendem Wahnsinn?

Ich wiederholte die bewussten Worte noch einmal in Gedanken, langsam, eines nach dem anderen.

Und dann hörte ich die erregte Stimme plötzlich wieder; so nah, als stünde Edward direkt neben mir. Neben meinem Bett. Und seine Worte ließen mir dieses Mal unwillkürlich den Atem stocken.

Um Himmels Willen! Sie liest meine Gedanken!"