Kapitel 6

Kapitel 6

31. August, 1995 – Hogwarts

„Mann, bin ich voll!" Ächzend hielt Ron sich den Bauch. Hermine verdrehte genervt die Augen. „Kein Wunder! Ich dachte schon, du würdest nie aufhören, zu essen! Kannst du dich bitte beeilen? Wir kommen noch zu spät, so wie du rumtrödelst", fuhr sie ihn an und hastete weiter nach oben. Sie befanden sich auf einer der zahlreichen Treppen Hogwarts, auf dem Weg in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum. Harry fand die ganze Rennerei ziemlich nervig. „Könnte mir jemand mal erklären, warum wir uns eigentlich so beeilen?" murrte er. Hermine drehte sich um. „Sag mal, hast du eben nicht aufgepasst? Haustreffen? Im Gemeinschaftsraum? Mit McGonnagall? Jetzt gleich? Sagt dir das was?" Harry zuckte mit den Schultern, woraufhin Hermine die Arme zur Decke zur Himmel empor hob. „BIN ICH DENN HIER DIE EINZIGE, DIE JEMALS ZUHÖRT?" brüllte sie die Decke an, was diese jedoch nicht weiter kratzte. Nur ein wenig Putz rieselte von oben herunter.

Ron warf Harry einen bedeutungsvollen Blick zu und ließ ein Husten verlauten, dass verdächtig nach „PMS" klang. Das jedoch hätte er nicht tun dürfen. Abrupt drehte Hermine sich um und fixierte ihn mit zu wütenden Schlitzen verengten Augen. „Duu..." zischte sie. Langsam kam sie auf Ron zu, während dieser verzweifelt nach einem Ausweg suchte, jedoch keinen fand. „Ich...war nicht so...gemeint..." stammelte er, doch Hermine ließ sich nicht abwimmeln, und holte zu einer weitläufigen Schimpftirade aus, in deren Verlauf Ron immer kleiner zu werden schien.

Währenddessen stand Harry abwartend neben den beiden und wartete ungeduldig darauf, dass sie endlich weitergehen konnten. Als jedoch kein Ende abzusehen war, beschloss er, alleine zum Gemeinschaftsraum zu gehen und schlich sich unbemerkt davon.

Das Schloss schien beinahe menschenleer. So ungern Harry es zugab, Hermine hatte Recht. Sie waren spät dran. Verärgert versenkte Harry seine Hände in den Hosentaschen, als er an Ron und Hermine dachte. In letzter Zeit hatten sie sich wirklich sehr verändert, sie schienen nur noch miteinander herumzustreiten, von Verständnis für ihn und seine Probleme war keine Spur! Die beiden hatten doch keine Ahnung, was es bedeutete, die Verantwortung für die gesamte Zaubererwelt auf den Schultern zu tragen...noch kein Mal an diesem Abend hatte er die Gelegenheit gehabt, mit ihnen über sein Narbenproblem zu sprechen, nein, die beiden waren nur mit sich selbst beschäftigt.

Ganz in seine trüben Gedanken versunken, war Harry immer weiter gelaufen, ohne darauf zu achten, wo er überhaupt hinging. Umso überraschter war er, als er sich plötzlich in einem ganz anderen Teil des Schlosses wieder fand. Er befand sich am Fuß der Treppe, die hinunter zu den Kerkern führte. Komplett verlassen und dunkel lag sie da, ein kühler Luftzug schien von unten heraufzuziehen. Harry spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten, und seine Hände feucht wurden. Das war doch verrückt. Seit wann hatte er Angst vor den Kerkern? Er, Harry Potter, der schon so viele Abenteuer durchlebt hatte? Das war doch lächerlich.

Er lächelte ungläubig und schüttelte den Kopf, um das beklemmende Gefühl abzuschütteln, welches von ihm Besitz ergriffen hatte. Dann atmete er tief durch und wartete darauf, dass sich sein Magen beruhigte.

Das Gefühl ließ nach. Na also. Er musste es sich bloß eingebildet haben. Schließlich war er doch Harry Potter, mutig und unerschrocken in allen Situationen! Harry lachte erleichtert.

Da hörte er das Geräusch hinter sich.


Mortebella seufzte laut auf, als sie nun schon zum vierten Mal an diesem Tage den selben, dämlichen Gang hinunterlief. Das konnte doch nicht wahr sein! Schon seit fast einer halben Stunde irrte sie orientierungslos durch das Schloss, und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

Sie blieb stehen, um sich noch einmal den Zettel anzusehen, der nach dem Abendessen plötzlich auf ihrem Teller gelegen hatte.

Nach Beendigung der Festlichkeiten Besprechung in meinem Büro.

Gez. Prof. Snape, Hauslehrer Slytherin

Wütend knüllte Mortebella den Zettel wieder zusammen und ließ ihn in ihrer Tasche verschwinden. Hätte dieser Snape nicht dazuschreiben können, wo sich sein verdammtes Büro befand? Sie hatte nicht übel Lust, ihm einen schönen Flederwichtfluch auf den Hals zu jagen. Aber dazu musste sie ihn erst einmal finden. Erneut seufzte sie laut und machte sich wieder auf den Weg.

Plötzlich jedoch hellte sich ihr Blick auf. Weiter hinten im Gang, mit dem Gesicht zur Wand, stand eine Person. Endlich jemand, den sie nach dem Weg fragen konnte! Schnell hastete sie auf die Gestalt zu, welche sie nicht bemerkt zu haben schien. Als Mortebella jedoch näher kam, fuhr die Person erschrocken zusammen und drehte sich um.

Als Mortebella erkannte, wer da vor ihr stand, lächelte sie verzückt. „Hallo...Harry", gurrte sie. Doch dieser starrte sie nur entsetzt an. Mortebella guckte verwirrt. Was war denn mit ihm los? Na, egal. „Du kommst gerade richtig...weißt du, wie ich zu Professor Snapes Büro komme?"

Harry war inzwischen immer weiter zurückgewichen und stand nun mit dem Rücken zur Wand, bemüht, Mortebella nicht in die Augen zu sehen. „Gnihnrntlink", nuschelte er. „Was hast du gesagt, Harry? Ich hab dich nicht ganz verstanden."

Er holte tief Luft. „Trepperunterdanngleichlinks", brachte er schließlich heraus, drückte sich an Mortebella vorbei und wetzte dann in Windeseile den Gang hinunter. „Mussweg! Tschüss!" rief er noch und war verschwunden. Beinahe konnte Mortebella die cartoonartige Staubwolke sehen, die hinter ihm herwirbelte.

Überrumpelt schaute sie ihm hinterher und überlegte. Warum war er bloß so komisch gewesen? Heute Nachmittag, im Zug hatte er sich noch ganz anders verhalten. Schließlich zuckte sie mit den Schultern, und wandte sich um, um die Treppe zu den Kerkern hinabzugehen. Es wurde Zeit, endlich zum Büro von diesem Snape zu kommen. Über Harry konnte sie sich immer noch später Gedanken machen.


Als Harry im Gemeinschaftsraum eintraf, war dieser schon fast vollständig besetzt. Trauben von Schülern lümmelten sich auf den knautschigen Sofas und den gemütlichen Armsesseln und diejenigen, die keinen Platz mehr fanden, hockten sich einfach auf den Boden.

Harry sah sich nach Ron und Hermine um und fand sie schließlich in einer Ecke sitzend, wo sie immer noch stritten. Dafür hatte Harry nun wirklich keinen Nerv, weshalb er sich demonstrativ in die gegenüberliegende Ecke setzte. Trotzdem versetzte es ihm einen kleinen Stich, als er sah, dass Ron und Hermine ihn noch nicht einmal bemerkt hatten.

Mit Schaudern dachte er an seine Begegnung vor dem Eingang zu den Kerkern. Er hatte sich sehr erschreckt, fast ein wenig überreagiert, das stimmte schon. Allerdings, immerhin war diese Mortebella eine Slytherin! Und die führten doch immer was im Schilde! Und dieses Mädchen schien es wirklich auf ihn abgesehen zu haben. Schon im Zug war sie ihm seltsam vorgekommen, und getäuscht hatte er sich in solchen Dingen noch nie.

Schlagartig wurde es leiser im Raum, denn Professor McGonnagall war erschienen. Streng blickte sie über den Rand ihrer Brille in die Runde, bis auch die letzten verstummt waren. Dann räusperte sie sich.

„Sie fragen sich sicher, warum ich sie gebeten habe, um diese Zeit hier zu erscheinen", begann sie. „Allerdings!", rief ein Scherzkeks, wurde durch die bösen Blicke der anderen zum Schweigen gebracht. Professor McGonnagall fuhr fort. „Nun, es ist eine unerfreuliche Nachricht, die der Auslöser für diese Versammlung ist. Einer ihrer Mitschüler ist nicht in der Schule eingetroffen, und es besteht die Chance, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte." Angespannte Stille beherrschte den Raum, bis sich einer der Schüler ein Herz fasste. „Wer ist es denn?" Professor McGonnagall räusperte sich erneut. „Ähm...es handelt sich um Colin Creevy."

Erleichtertes Gelächter brach aus, Stimmen riefen „Das nennen sie unerfreulich?", es wurde geklatscht und gepfiffen. Inmitten des Tumultes sprang Harry auf und rief: „Soll ich ihn vielleicht retten gehen?" doch er wurde niedergebuht. Dennis Creevy, noch mit nassen Haaren, sprang auf und hüpfte aufgeregt im Raum herum. „Das ist mein Bruder! Habt ihr das gehört, Leute? Mein Bruder!" Professor McGonnagall setzte der Heiterkeit ein Ende.

„Es tut mir ja leid, ihre Ausgelassenheit unterbrechen zu müssen, aber ich muss nachforschen, was mit Mr. Creevy geschehen sein könnte. Es handelt sich um eine reine Versicherungssache. Also, wer hat ihn zuletzt gesehen?"

Die Schüler warfen sich neugierige Blicke zu, doch es meldete sich niemand. Plötzlich allerdings stand ein Mädchen auf. Es hatte ein eher nichtssagendes Gesicht und große, teilnahmslose graue Augen. „Ich weiß, wo Colin ist", sagte sie mit unbeteiligter Stimme. Professor McGonnagall nahm erstaunt ihre Brille ab, putzte sie am Ärmel ihres Umhangs und setzte sie dann wieder auf. „Und...äh...wo, wenn ich fragen darf?"

Das Mädchen sah sie an. „Na in Australien", erwiderte sie ungerührt. „Austauschjahr."