Auf nach Osten!

Sylvannah hatte das Gemetzel aus der Ferne mit angesehen und Tränen der Wut und Trauer liefen über ihr wohlgestaltetes Gesicht. Der Halbling hielt sie noch immer in seiner Gewalt. Als einige der mit Blut und Geifer bedeckten Orks näherkamen und das Menschenweib taxierten, befahl er ihnen im Namen Tarzûpols, zu verschwinden. Widerwillig gehorchten die Geschöpfe und machten sich wie ihre Artgenossen über die Kadaver der Pferde und Leichen der Männer her. Sie plünderten alles, was ihnen nützlich schien, Schwert und Helm, Schild und Harnisch. Den Rest zerstörten sie und warfen es auf einen großen Haufen.

Wie konnten nur von einem Herzschlag zum Anderen so viel Leid, Tod und Verderben über einen hereinbrechen? Als Tochter des Hauses Hurin wusste sie um viele blutige Niederlagen und vergebliche Schlachten. Doch sein Ende so zu finden, von zersprengten Dienern des Bösen hinterrücks gemeuchelt, das hatte ihr Vater nicht verdient! Sylvannah verspürte den Drang, ihm in den Tod zu folgen, denn was mochte ihr in den Händen dieses Gesindels noch bevorstehen? Schon wollte sie sich gegen die scharfe Klinge des Halblings werfen und so selbst ihre Kehle zerschneiden, als vor dem Pferdegespann der Anführer der Horde auftauchte. In seiner Rechten hielt er den angegrauten Schopf Emenors, der Schädel baumelte an den Haaren hin und her und verteilte das aus dem Hals sickernde Blut in alle Richtungen. Das Gesicht des Herolds war in den grausamen Zuckungen des Todes erstarrt, seine einstige Strenge hatte sich in eine einzige Grimasse der Pein verwandelt. Ohne einen Laut von sich zu geben, fiel die holde Maid Sylvannah, Verlobte des Prinzen von Lamedon und Erbin großer Traditionen, in eine tiefe Ohnmacht.

Tarzûpol befahl seinen Kämpfern, die Überreste der Schlacht zu beseitigen und die Toten in die Tiefen des Waldes zu schleppen. Ganz ließen sich die Spuren zwar nicht verwischen, doch wollte der schwarze Dunedain verhindern, innerhalb kürzester Zeit eine Strafexpedition der Elben auf den Fersen zu haben. Bruchtal lag zu nahe, um sich Nachlässigkeiten erlauben zu können. Den Schädel des Königsboten spießte er auf einen Orkspeer, dann sprang er geschickt auf den Wagen.

Guldram hatte nicht zu viel versprochen! Die Schönheit des Mädchens blendete ihn regelrecht, seit undenklichen Zeiten hatte er nicht mehr solche Anmut erblickt. Sie war ohne Bewusstsein, doch ihre Atemzüge gingen ruhig. Er streichelte ihre Wange und ein fast schon milde zu nennender Zug erschien für Sekunden auf seinem Gesicht. „Gute Arbeit, mein Späher!" lobte er den Halbling. „Löse das Zugpferd aus dem Geschirr und lass dir dann von Farukaz und Nimroz helfen, dieses Kleinod hier darauf festzubinden! Seid vorsichtig mit ihr!" Der Hobbit verbeugte sich ergeben, dann verschwand er in der Menge der brandschatzenden Orks.

Ohne sich viel Zeit zu nehmen, ging der Ringträger die Güter durch, die sich auf dem Wagen stapelten. Der größte Teil bestand aus Lebensmitteln und Werkzeugen für den Schmied. Sowohl für das Beschlagen der Pferde als auch für die Reparatur von Waffen und Rüstungen waren Gerätschaften vorhanden. Tarzûpol war zufrieden, denn diese Ausrüstung konnte er gut gebrauchen. „Drog!" schrie er zu den immer noch wild ihren Sieg feiernden Orks hinüber. Der große Bilwiss löste sich vom Hals eines verendeten Schimmels, aus dessen Adern er grade noch schlabbernd dampfendes Blut getrunken hatte. Er rannte mit großen Schritten zu seinem Gebieter und ließ es ich nicht nehmen, dabei mit seiner grässlichen Stimme „Lang lebe Tarzûpol!" zu skandieren.

„Lass all diese Werkzeuge hier vom Wagen laden!" befahl ihm der schwarze Waldläufer. „Das Brot und die andere Nahrung nehmt ebenfalls mit, dann brecht das Gefährt auseinander und werft die Reste in den Wald!" „Jawohl, mächtiger Faluck Harzan." bestätigte die Bestie. „Und beeilt euch gefälligst!" schrie ihm Tarzûpol hinterher. Er wollte nicht zu lange auf der Straße bleiben und ein weithin sichtbares Ziel abgeben. Nach diesem Kampf konnte die Horde nicht in den -rollhöhen bleiben, das war ihm klar. Der Ritter von Angmar beschloss, das zu tun was er schon seit einigen Tagen bedacht hatte. Sie würden sich nach Südosten wenden, den Fluss Lautwasser an einer Furt weit ab von Bruchtal überqueren, um sich dann an den Fuß des Nebelgebirges zu begeben. Dort würde die Horde hoffentlich auf weitere sich versteckende Orkkrieger treffen, die ihre Reihen verstärkten.

Ungeduldig sah er zu, wie die Dunländer und Guldram das Mädchen fesselten und auf den Rücken des Zugpferdes banden. Ihre Schönheit erregte ihn sehr und er freute sich auf den Abend. Er würde viel Vergnügen mit ihre haben, da war er sicher.

Nachdem seine Kreaturen unter großem Geheule ihre eigenen Erschlagenen zerlegt, eingesalzen und begraben hatten, wie es unter ihnen üblich war, befahl Tarzûpol den Aufbruch. Für sich selbst und die drei Männer aus Dunland hatte er vier nur leicht verletzte Rosse einfangen lassen. Zunächst waren die Tiere aufsässig, doch nachdem sie genug von der Gerte gekostet hatten, gehorchten sie widerwillig.

Sie zogen zunächst nach Osten, bogen jedoch, als sie die Golem- Enge hinter sich ließen, nach Süden ab. Tarzûpol wollte so viele Meilen wie möglich zwischen den Ort des Überfalls und seine Horde legen, deshalb liefen sie bis zum Anbruch der Dunkelheit mit grösstmöglicher Geschwindigkeit. Dann verlangsamten sie etwas und der Ringträger hielt nach einem geeigneten Lagerplatz Ausschau. Nach längerer Suche entdeckte er einen verfallenen Gutshof, in dessen Mauern sie sich niederließen.

Vier Wachen wurden aufgestellt, dann erlaubte Tarzûpol seinen Orks, Feuer zu machen und ihren Sieg zu feiern. Bald duftete es im ganzen Lager nach Pferdebraten und einige Feinschmecker rösteten zusätzlich menschliche Schenkelstücke über den Flammen. Auch ein Fass Bier war unter der Beute gewesen und die Uruks ließen sich volllaufen. Bald schon kam es zu ersten Schlägereien, wie sie ständig unter diesem üblen Volke stattfinden- der schwarze Dunedain zog sich mit Guldram und den Dunländern in eine stille Ecke zurück. Das Weib hatten sie vom Pferd gebunden und auf einer Decke neben sich zu Boden gelegt. Sie war immer noch nicht aus ihrer Ohnmacht erwacht, aber Tarzûpol wartete geduldig. Die Nacht war noch lang. Grade schilderte Guldram seinem Herren stolz, wie er zum Wagen gelangt war und dem Wächter die Gurgel durchschnitt, als leises Stöhnen sie auf ihre Gefangene aufmerksam machte.

Die drei schmutzigen, schlecht riechenden und narbigen Dunländer blickten gierig zu dem Mädchen hin, sie hatten lange bei keiner Frau mehr gelegen. Der Ritter von Angmar aber sah ihr Verlangen und packte Farukaz am Kragen: „Diese Maid ist mein, Knecht!" fuhr er ihn an. „Niemand berührt sie ausser mir selbst!" Der niedere Mensch winselte eine Entschuldigung, dann wurde er losgelassen.

„Ihr werdet schon bald mehr Weiber haben, als ihr euch vorstellen könnt!" versprach Tarzûpol werbend. „Und ihr werdet sie allein euren Besitz nennen, das verspreche ich!" Die Minen der drei Männer hellten sich auf. Ihr Herr war immer großzügig zu ihnen, sie vertrauten seinen Worten. Und schließlich war er der Meister und hatte das Anrecht auf die erste Frau, die sie entführten, das sahen sie ein. Nacheinander verließen sie das Feuer und gingen zu den grölenden Orks hinüber. Auch Guldram machte sich schnell davon und ließ Tarzûpol mit Sylvannah allein.

Der schwarze Dunedain trat an das Lager des gefesselten Mädchens. Sie hatte die Augen geöffnet und schielte voller Schrecken und Abscheu zu den feiernden Orks. Als sie die sich nährenden Schritte hörte, dreht sie den Kopf und sah ihn an. Seine mächtige Statur, sein grimmiges Gesicht mit der Stirnnarbe und den drohenden Augen schüchterten sie ein. Dieser Mann hatte ihren Vater ermordet! In ihr rangen Entsetzen und Hass miteinander. Was wollte er von ihr, warum sagte er kein Wort?

Schwärzeste Verzweiflung überkam sie und ohne es zu wollen brach sie in Tränen aus.

Abschätzend musterte Tarzûpol die Tochter des königlichen Herolds, nahm nochmals ihre Unbeflecktheit in sich auf. Ihr Weinen rührte ihn nicht, doch wollte er mehr über sie erfahren, bevor er den Schleier ihrer Reinheit für immer zerriss. „Sagt mir euren Namen, Täubchen aus dem Süden!" verlangte er roh. Sein verächtlicher Ton sprach den Hass in Sylvannahs Innerem an und statt zu antworten, spuckte sie ihrem Peiniger vor die Füße. „Ein stolzes Vögelchen habe ich mir da gefangen!" Der riesige Kämpfer stieß widerwärtige, abgehackte Töne aus, die Sylvannah erst nach Sekunden als Lachen erkannte. Dann ließ er sich neben ihr auf die Erde gleiten und griff mit seinen Pranken nach ihrem Busen. Noch nie hatte ein Mann sie dort berührt, angewidert versuchte sie sich wegzurollen, doch er hielt sie fest. Sein Griff verstärkte sich und er begann, ihre linke Brust schmerzhaft zu kneten. „Wollt ihr mir nicht lieber antworten, meine Kleine?" fragte er drohend. „Denn nichts anderes vermag mein Verlangen nach euch noch im Zaume zu halten!" Solcher Art bedrängt und in höchster Not verließ sie der Mut und ihre Zunge löste sich. „Ich bin Sylvannah aus dem Hause Hurin." erklärte sie mit belegter Stimme. „Lasst mich bitte nach Imladris zurückkehren!" Der Gedanke an das glückliche Elbenheim gab ihr neue Zuversicht und sie versuchte, dem Ritter von Angmar Angst einzujagen: „Mein Verlobter ist Prinz Cilian von Lamedon. Er wird euch dreckigen Mörder über jedes Gebirge der Welt jagen, um mich zu befreien!"

Tatsächlich ließ Tarzûpol ihre Brust los, doch nicht etwa, weil er eingeschüchtert war. Vielmehr musste er sich die Seiten halten vor Lachen, denn die junge Frau schien ihm so hochfahrend zu sein, wie alle Dunedain des Westens. Ihren Willen zu brechen war eine größere Herausforderung, als er erwartet hatte. Er beschloss, sie nicht mit Gewalt zu nehmen, sondern mit Hilfe des Ringes und seiner Macht zu verführen. Welch eine Erniedrigung für Gondor, wenn sich ihm dieses herrliche Weib freiwillig hingeben würde! Und welch vielfacher Genuss für ihn!

„Euer Prinzchen wird nie wieder von euch hören und schnell eine andere zur Frau nehmen." sagte er und seine Stimme bekam einen weicheren, eindringlichen Klang. „Durch nichts wird sich Prinz Cilian verpflichtet fühlen, weil euch euer schwach- sinniger Vater mutwillig auf diesen gefährlichen Ritt schleppte." Das Gift in seinen Worten fand rasch einen Weg zu ihrem Herzen, denn die ungerechte Wut auf ihren Vater gärte noch immer in ihr und schwächte ihre Standhaftigkeit. „Cilian liebt mich! Er wird kommen und euch und eure Horde von Ungeheuern vernichten!" drohte sie Tarzûpol, aber schon war die erste Unsicherheit in ihren Worten zu vernehmen. Ihre Tränen waren versiegt und Sylvannah schaute ihm nun unverwandt in die Augen.

„Wollt ihr nicht einmal wissen, wem ihr mit dem Tode droht?" fragte er scheinbar verblüfft. „Was sollt ihr schon anderes sein, Mörder meines Vaters, als ein Wegelagerer und Räuberhauptmann?" antwortete sie, doch erkannte der Ritter von Angmar sogleich, das er ihre Neugier geweckt hatte. Wie von der Sehne geschnellt sprang er auf und zückte sein mächtiges Schwert. Das Feuer der Orks verwandelte ihn in einen gewaltigen, flackernden Schatten und der Ring an seinem Finger glühte auf wie ein drittes Auge, das nicht auf die Stofflichkeit, sondern in das Innere der Seele sah.

„Unterschätzt mich nicht, Tochter von Westernis!" rief er mit gebieterischer Stimme. „Denn vom gleichen Blute wie ihr und euer Haus stamme ich ab! Einst dienten meine Vorfahren dem großen König von Angmar und noch heute nenne ich mich einen Ritter dieses längst verlassenen Landes!" Ein Schauer überlief da Sylvannah und sie erkannte in dem schwarzen Recken alle Zeichen eines Fürsten der Menschen. „Wie schimpft ihr euch also, Diener des Bösen?" fragte sie. Und auch wenn sie es nicht wusste, lag doch mehr Bewunderung als Ablehnung in ihren Worten.

„Tarzûpol von Faluck Harzan werde ich geheißen!" verkündete er. „Noch keines Mannes Arm rang mich nieder, noch keines Weibes Glanz fing mich ein. Wenn kein Wunder geschieht, so wird die lange Linie meines Geschlechtes mit mir sterben, denn der Westen ist mir verleidet und mit keiner Frau von geringem Stamm will ich mich einlassen!" So sprach der Ringträger und wie beabsichtigt verfehlten seine magisch umgarnenden Worte ihre Wirkung nicht. Die Abneigung Sylvannahs gegen den schwarzen Dunedain schwand, sie sah erstmals im Schein der Flammen, wie anziehend seine markanten Züge waren. Sicher war er der Mörder ihres Vaters, doch hatte er es wohl nur getan, weil er auf der falschen Seite stand.

Erstmals lächelte sie ihn an und er kniete wieder neben ihr nieder. „Zerschneidet meine Fesseln, Tarzûpol!" bat sie. „Ich gebe euch mein Wort, keinen Fluchtversuch zu unternehmen." Nach einem prüfenden Blick zog er seinen Dolch und befreite sie. „So kommt und teilt mein Mahl mit mir!" bot er Sylvannah an. Mühsam erhob sie sich, schüttelte die tauben Glieder, dann schritt sie zu der niedergebrannten Glut und setzte sich dem schwarzen Dunedain gegenüber nieder. Er reichte ihr von dem Brot und Dörrfleisch, welches am Morgen noch ihrem Vater gehört hatte und sie verzehrte es schweigend.

„Was wollt ihr nun tun, da ihr bald alle Elben Bruchtals auf den Fersen und jeden Streiter Gondors gegen euch haben werdet?" erkundigte sich Sylvannah nach dem Essen. Tarzûpol machte eine wegwerfende Geste. „Es wird Tage dauern, bis die Nachricht von unserem siegreichen Angriff bis Bruchtal gelangt, denn auf der Oststraße sind nur wenige Reisende unterwegs." Die Hoffnung des Mädchens auf Rettung schwand bei diesen Worten weiter. Doch noch gab sie sich nicht auf: „Alle Lande um uns her sind nun wieder Teil des Königreiches. Wo wollt ihr euch mit euren Orks und dunklen Menschen verstecken?" „Wer sagt, das ich in diesem Landstreich bleiben will?" höhnte Tarzûpol. „Glaubt ihr, ich wollte warten bis all die hochfahrenden Widerlinge aus Minas Tirith hier eintreffen und Männer wie ich nur wegen unsere Aussehens vernichtet werden?" „Aber wohin wollt ihr mich dann verschleppen" wagte die Tochter des königlichen Herolds eine letzte Frage. Die Augen des schwarzen Dunedains starrten angsteinflössend. „Das, mein Täubchen, werdet ihr sehen!" war seine einzige Erwiderung.

Als Tarzûpol noch vor Sonnenaufgang den Weitermarsch befahl, war Sylvannah sehr müde. Aus Angst um ihr Schicksal hatte sie kaum schlafen können und war froh, sich auf dem Rücken des ehemaligen Zugpferdes etwas ausruhen zu können. Das Gezeter der Orks und Geheul der Warge sandte dem Mädchen immer noch Schauer über den Rücken, aber sie begann sich an ihre neue Lage zu gewöhnen. Stundenlang zog die Horde nach Süden und die Zeit verging ereignislos. Tarzûpol hatte erneut Guldram abgestellt, um Sylvannah zu bewachen. Auf seinem Warg reitend behielt er sie genau im Auge, sowohl um ihre Flucht, als auch um Übergriffe der wilden Kreaturen zu verhindern.

Als sie die gröbste Schläfrigkeit überwunden hatte, versuchte sie, ein Gespräch mit dem Hobbit zu beginnen. Doch sein Gesicht blieb verschlossen und er antwortete nicht auf ihre Fragen. Schon stand die Sonne im Zenit, als die Horde den Fluss Lautwasser erreichte. Die Billwisse zischten ihren Hass heraus, die Warge jaulten und die Dunländer stießen schreckliche Verwünschungen aus. Selbst Tarzûpol musste sich angesichts des elbischen Gewässers beherrschen, um nicht zu fluchen und somit Schwäche zu offenbaren. Er wusste, das sich hier irgendwo eine Furt befand, doch fand er sie zunächst nicht. Es blieb nichts übrig, als entlang des Ufers weiterzuziehen, doch behagte der Anblick des Stromes keinem außer Sylvannah. Die weißen, klaren Gischtkronen des Wassers schienen ihnen ein zu deutliches Symbol für die Macht Bruchtals und seiner Bewohner zu sein.

Erst bei Einbruch der Dämmerung fand der schwarze Dunedain den Übergang. Mutig schritt er seinen Knechten voran in die Fluten und stimmte einen alten Kriegsgesang seiner Familie an:

Die Schwerter gezückt/ die Schilde gehoben

Kein Elb ist zu schnell/ kein Mann uns zu stark

Wir kämpfen für Angmar/ wo Unwetter toben

Wir zerschmettern die Feinde/ und trinken ihr Mark!

Jeden Berg wir erklimmen/ jeden Fluss wir durchschwimmen

Wenn unser Herr/ der mächtge' König es will

Wir erstürmen die Zinnen/ um Ruhm zu gewinnen

Bei unserm Anblick/ steht des Feindes Herz still!

Nicht Zauber, noch Arglist/ wird unsre Klingen brechen

Der Mut des Dunkels/ fließt in den Adern/ der Faluck Harzan

Wir gaben einst Angmar/ unser heilges' Versprechen

Und halten es tapfer/ wie jeder Urahn/ es immer getan!

(Anm. d. Verf. Zur besseren Verständlichkeit aus der schwarzen Sprache übersetzt)

Bei den mitreißenden Klängen des Kampfliedes fühlten die dunklen Geschöpfe der Horde, wie die Kraft ihres Herren sie durchflutete. Sie vergaßen ihre Angst vor dem elbischen Wassern und folgten ihm hinein. Die Furt war weder tief noch sonderlich breit und so schafften es alle bis auf die andere Seite. Ohne Pause trieb Tarzûpol sie weiter voran, denn wenn er sich richtig an die alten Geschichten seines Vaters erinnerte, stand der Fluss unter der Macht des Meisters Elrond von Imladris. Der Führer der Elben würde den Durchgang einer Orkschar sicher spüren und vielleicht seine Kämpfer entsenden, um mit den Geschöpfen Saurons aufzuräumen. Sie mussten so schnell wie möglich in den Schutz des Nebelgebirges gelangen!

Erst als die Hälfte der Nacht verstrichen war, ließ er im Schatten einiger großer Felsen Rast machen. Auf sein Geheiß wurde kein Feuer entfacht und die doppelte Anzahl Wachen patrouillierte um das Lager. Er selbst setzte sich zu Sylvannah und unterhielt sich flüsternd mit der Maid aus Gondor. „Sagt mit, warum hat euer Vater euch mitgenommen?" bohrte er weiter in den seelischen Wunden des Mädchens. „Hatte er nicht genug Vertrauen in euch, das ihr dem Werben des Prinzen bis zur Hochzeit widerstehen würdet?" Sie lächelte versonnen. „Ich weiß es nicht genau. Er sagte, es sei gegen die Tradition, dass ich Cilian zu häufig sähe, doch glaubte ich dies nicht." Tarzûpol schwieg, damit sich die Zweifel in ihr mehrten. Er wähnte sich auf gutem Wege zum Ziel. Stolz erfüllte sein finsteres Herz, er würde eine Frau aus dem Hause der Truchsessen für sich nehmen! Schon sah er, wie sie ihm Söhne und Töchter gebar und er die ausgedünnte Blutlinie der Ritter von Angmar mit neuem Leben erfüllte.

Die Vision verging, als er an die Probleme der Gegenwart dachte. Noch immer wusste er nicht, wohin er mit seinen Anhängern ziehen sollte. Das Nebelgebirge war zwar ein gutes und bewährtes Versteck, doch gab es dort nichts zu holen außer gelegentlich vorbeiziehenden Händlern und allzu gierigen Zwergen. Der schwarze Dunedain zermarterte sich das Hirn, um eine passende Bleibe für sich und die Horde zu finden. Nuk- Drashnal, die Veste seiner Vorfahren, war zwar stark und dem Westen unbekannt, doch wenn er dort mit 40 Orks, 7 Wargen und einem Hobbit unterschlüpfte, würden ihre Raubzüge dem Feind früher oder später den Weg in die Ettenöden weisen. Er überlegte hin und her, erwog in die Minen von Moria zu gehen, verwarf den Gedanken aber schnell wieder, denn dort würden sicher die Zwerge ihr altes Reich erneuern und jeden ungebetenen Gast mit ihren Äxten vertreiben. Schon wollte er für diese Nacht aufgeben und sich schlafen legen, als er sich an die Bilderschau beim Anlegen des Ringes erinnerte. War da nicht eine riesige dunkle Festung am Rande eines Gebirges und in Sichtweite eines schwarzen Meeres gewesen? Das Wort Rhun tauchte aus der Leere in seinem Kopf auf, als sei es kein eigener Gedanke, sondern eine Eingebung.

Natürlich! Sie würden die Berge übersteigen, an Dol Guldur entlangziehen, Wilderland durchqueren und sich an den Gestaden von Rhun niederlassen...

Er war noch nie dort gewesen, aber in den Schatzkammern von Nuk- Drashnal hatte es alte Karten und Aufzeichnungen über alle bekannten Länder gegeben. Soweit er sich erinnerte, lebten in Rhun viele Ostlinge in weit verstreuten Völkerschaften. Auch Orks und andere Kreaturen Saurons sollten sich dort versteckt halten. „Ein ideales Gebiet, um sich als neuer Fürst zu etablieren!" schoss ihm zum zweiten Mal an diesem Abend ein Einfall durch den Sinn, der nicht von ihm zu stammen schien. Aber auch wenn es eine magische Einflüsterung des Ringes sein sollte, lag viel Wahrheit darin. Das Machtvakuum nach Saurons Ende würde jedem klugen und beherzten Mann eine Chance geben, zumal viele Häuptlinge und Könige der Ostmenschen wohl auf den Schlachtfeldern des Westens gefallen waren. Und wenn es die gewaltige schwarze Burg aus seiner Eingebung tatsächlich gab, wäre sie heute wahrscheinlich verlassen und stünde jedem neuen Herren offen. Warum also nicht Rhun? Die größtechwierigkeit würde der Weg dddorthin sein, denn auf ihm würden sie an dem Pestgeschwulst von Lorien vorbei ziehen und außerdem den Anduin überwinden müssen. Doch seine Entscheidung war gefallen- Rhun schien ihm verheißungsvoller, als alle Lande des Westens es sein konnten.