Minerva

„Setz dich, möchtest du einen Tee?"

„Nein, was gibt es, Minerva, du weißt, ich halte nicht viel von Plauderstündchen."

McGonagall war die Ruhe selbst. Jeder andere sah nach den letzten Wochen erschöpft und müde aus, sie aber schien zumindest ihre Fassade perfekt aufrecht erhalten zu können.

„Mein lieber Severus, abweisend wie immer. Mir scheint, Hermine und Poppy haben ganze Arbeit geleistet, du bist zu deiner alten Form zurückgekehrt."

„Komm zur Sache, Minerva, sonst siehst du mich schneller von hinten, als du auf drei zählen kannst."

„Warum bist du so gereizt, du hast doch jetzt mehr Zeit, als dir lieb sein müsste."

„Hör auf über meine Freizeit zu urteilen, darum kann ich mich sehr gut alleine kümmern."

„Wie du meinst."

McGonagall nahm ihre Brille ab und legte sie auf ihren Schreibtisch. Unbeeindruckt von Snapes Ansage lehnte sie sich entspannt in ihren Sessel zurück.

„Hogwarts wird in einer Woche wiedereröffnet. Harry, Ron und Hermine haben 4 Monate Unterricht verpasst. Ich möchte, dass du ihnen Privatunterricht in Zaubertränke und Verteidigung gegen die dunklen Künste gibst, bis sie wieder auf dem Laufenden sind."

Snape senkte leicht seinen Kopf und blickte McGonagall ungläubig mit weit geöffneten Augen und hochgezogenen Augenbrauen an. Dann entfuhr ihm ein kurzes zynisches Lachen.

„Du machst Witze, Minerva. Ich HASSE Potter und ich werde einen Teufel tun, ihn mir auch noch für private Unterrichtsstunden aufzubrummen. Von Weasley und unserer Besserwisserin ganz zu schweigen. Was Potter betrifft, habe ich meine Schuldigkeit getan, ich hoffe, dass er endlich auf sich selbst aufpassen kann. War das alles, kann ich gehen?"

McGonagall atmete tief ein, sie kannte Snape und wusste, dass es nicht leicht werden würde.

„Ich habe dich für Zaubertränke eingeteilt. Die geänderten Stundenpläne werde ich beim Lehrertreffen in ein paar Tagen ausgeben."

Snapes Augen verengten sich zu Schlitzen.

„Sehr liebenswürdig von dir, Minerva. Ich kann mich nicht erinnern, eine Anfrage erhalten zu haben, ob ich überhaupt unterrichten möchte."

„Severus, mach dich nicht lächerlich. Wo willst du sonst hin? Es ist mitten im Schuljahr, als Lehrer findest du frühestens zum nächsten Schuljahr eine Stelle. Hogwarts ist dein Zuhause, warum solltest du weg wollen?"

„Vielleicht, weil ich endlich eine Wahl habe. Nichts ist mehr so, wie es einmal war, Minerva. Mag sein, dass sich für dich nichts geändert hat, für mich jedenfalls ist NICHTS so wie es war, auch nicht in Hogwarts."

McGonagall nahm ihre Brille vom Tisch und bewegte die Bügel spielerisch hin und her.

„Es tut mir Leid, dass ich vorausgesetzt habe, dass du wieder unterrichten willst. Aber ich würde es dir dringend empfehlen. Hogwarts ist alles, was dir geblieben ist, ich würde es nicht so einfach aufs Spiel setzen."

Ihre Stimme klang selbstsicher, beinahe überheblich.

„Wie überaus schön, dass alle wissen, was gut für mich ist. Ich habe es satt, dass jeder dahergelaufene Hogwartsdirektor meint, über mich verfügen zu müssen. Der Krieg ist vorbei, ich schulde niemandem etwas außer mir selbst. Ich habe jahrelang für Voldemort und Dumbledore die Marionette gespielt, damit ist jetzt Schluss. Also suche dir verflucht noch einmal einen anderen Idioten, der deine kleinen Gryffindors wieder auf Vordermann bringt."

Hermine stand wie angewurzelt seit einigen Minuten vor McGonagalls Tür, die nur angelehnt war.

„Ich glaube, du gehst jetzt besser, Severus. Du weißt ja, wo du mich findest, falls du es dir anders überlegen solltest."

Die Tür flog auf und um ein Haar hätte Snape Hermine über den Haufen gerannt. Snape blieb abrupt stehen und sah Hermine mit finsterer Mine an.

„Gehört, was Sie wollten, Miss Granger? Gehen Sie aus dem Weg!", schnaubte er und Hermine spürte einen kühlen Luftzug, als Snape mit wehendem Umhang an ihr vorbeirauschte.

„Hermine? Kommen Sie rein."

Immer noch perplex wegen Snapes letzten Worten ging Hermine wie ferngesteuert in das Büro der Direktorin und setzte sich. McGonagall verhielt sich, als hätte es die Szene mit Snape gerade eben nicht gegeben. In gewohnt sachlicher Manier wandte sie sich nun mit freundlicher Stimme Hermine zu.

„Wie sieht es aus, Miss Granger, haben Sie sich Gedanken gemacht über das Vertiefungsfach, das sie für das letzte Jahr wählen möchten?"

Hermine brauchte einen Moment um zu antworten.

„Bis gerade eben war ich mir sehr sicher, dass ich Zaubertränke als Spezialisierungsrichtung wählen möchte."

McGonagall konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Keine Angst, der beruhigt sich schon wieder, der alte Sturkopf. Ron und Harry haben sich für Verteidigung gegen die dunklen Künste entschieden. Sie haben inzwischen wohl beide vor, Auror zu werden."

„Wer unterrichtet Zaubertränke, wenn Professor Snape nicht..."

„Ich kenne Severus seit seiner Einschulung", unterbrach McGonagall sie mit einem stoischen Lächeln, „er wird unterrichten, glauben Sie mir, - also, Zaubertränke?"

Hermine schien es die Sprache verschlagen zu haben. Es vergingen endlose Momente, in denen sie keine Worte fand.

„Hermine, - Zaubertränke?", hakte McGonagall noch einmal nach.

„Ja", war alles was Hermine herausbrachte.

„Weshalb ich Sie auch noch hierher gebeten habe, Hermine, wir möchten am kommenden Wochenende eine Wiedereröffnungsfeier organisieren. Die Schüler kommen am Freitag zurück, am Samstag sollten alle die Gelegenheit bekommen, den Ballast der letzten Wochen und Monate bei einem Fest abzuwerfen und neu zu starten. Ich zähle auf Sie, was die Planung angeht."

„Kein Problem", hörte sich Hermine sagen.

Dann fiel ihr auf, dass McGonagall tatsächlich über alle Leute verfügte, wie es ihr gerade passte. Wenig später verließ Hermine mit einem Stapel Organisationsaufgaben in Gedanken versunken McGonagalls Büro.

Das Mittagessen wollte Hermine nicht wirklich schmecken.

„Was ist los, Hermine, welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?", fragte Ron besorgt.

„Die Laus ist eine Fledermaus. Snape weigert sich, uns Nachhilfe zu geben", gab sie grummelnd von sich.

„Für mich ist das eher ein Grund zum Jubeln!", rief Ron aus. Seine Laune hatte sich schlagartig verbessert.

„Er ist und bleibt ein launischer alter Bastard. Soll er doch in seinen Kerkern verschmoren", keifte Ron.

„Ich dachte, er hätte etwas dazugelernt, aber er scheint sein altes Ich wiedergefunden zu haben", sagte Hermine und schob ihr Glas nervös hin und her.

„Er hasst mich, Hermine, daran wird sich nie etwas ändern. Alles was er für mich und uns alle getan hat, hat er nur für meine Mutter getan. Er kann nicht anders und er wird sich niemals ändern, Hermine. Hör auf, ihn rehabilitieren zu wollen, er war Todesser und das aus freien Stücken. Wäre meine Mutter nicht gewesen, hätte er bis zum Schluss Voldemort unterstützt, vergiss das nicht", sagte Harry und Hermine wusste nur zu gut, dass er Recht hatte.

Sie fühlte sich gerade all ihrer Illusionen beraubt, trotzdem wollte sie nicht aufgeben. Natürlich konnte man die vielen Jahre nicht in einer Woche rückgängig machen, aber sie gab die Hoffnung nicht auf. Immer wieder schielte sie zum Lehrertisch hinauf, wo McGonagall mit Slughorn und Snape das Dessert löffelte. Snape saß wie ein Fremdkörper am Tisch und sprach kein Wort. Als er sich erhob, um die Runde zu verlassen, verabschiedete sich Hermine von ihren Freunden und ging eiligen Schrittes zur Tür.

„Sie kann es nicht lassen", schüttelte Harry den Kopf.

„Ich sage nur BELFER. Sie liebt hoffnungslose Projekte", sagte Ron und sah Hermine besorgt hinterher.

„Professor Snape?", rief Hermine und schnitt Snape kurz vor dem Ausgang den Weg ab.

Snape blieb notgedrungen stehen.

„Darf ich heute Abend kurz bei Ihnen vorbeikommen, Sir?", fragte Hermine.

Im selben Moment hasste sie sich für ihren Kampfeswillen und ihren Gryffindor-Mut, der sie zu dieser idiotischen Frage veranlasst hatte. Der Zeitpunkt und auch der Tag an sich waren denkbar ungünstig, ihn überhaupt nach irgendetwas zu fragen, aber es musste heute sein, genau heute, es ging nicht anders.

„Vergessen Sie es und richten Sie McGonagall aus, dass sie nicht auch noch ihre Schüler für ihre Pläne ausnutzen soll!", giftete er sie an und forderte sie mit fuchtelnden Händen auf, ihm den Weg frei zu machen.

„Es ist privat und hat nichts mit McGonagall zu tun. Bitte...", wagte Hermine einen zweiten Versuch.

„Lassen Sie mich in Ruhe, Granger, und vor allem, lassen Sie mich endlich hier durch, ehe ich mich vergesse und Sie an die Wand hexe!", schrie er Hermine an, die immer noch den Türrahmen blockierte.

„Professor McGonagall hat Recht, Sie sind wirklich ein Sturkopf! Warum können Sie sich nicht einmal wie ein normaler Mensch benehmen?", fragte sie aufgebracht und spürte gleichzeitig, wie ihr Temperament ihrem Verstand einen letzten Schlag versetzte.

Snape ging machtdemonstrierend einen kleinen Schritt weiter auf Hermine zu, als wäre er bereit, sie gleich vor sich herzuschieben, bis er die Tür passieren konnte.

„Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, dass ich hier vor Ihnen stehe und Ihnen auf die Nerven falle, es war IHRE Wahl, also beschweren Sie sich nicht!", fauchte er und sah sie mit feurigen Augen an.

Hermines Blick flackerte und ihre Emotionen kochten über. Ein letztes Mal bäumte sie sich vor ihm auf.

„Wenn Sie das Leben im Allgemeinen und meine Anwesenheit im Speziellen so überaus anwidert, dann brauen Sie sich doch einen Trank, der all Ihre Leiden beendet. Als Meister der Zaubertränke dürfte das doch sicher kein Problem für Sie darstellen!", schrie sie mit tränengefüllten Augen und rannte mit roten Wangen den Gang entlang in Richtung Gryffindorturm.