Der Mc Donald's Mann

7. Kapitel

Als Ginny am nächsten Morgen erwachte, verspürte sie ein unangenehmes Hämmern. Sie hielt ihre Augen geschlossen und ihre Hände wanderten träge zu ihrem Gesicht, um dort ihre Schläfen zu massieren. Als nach drei Minuten Massage die Kopfschmerzen jedoch nicht besser wurden, entschloss sich Ginny schweren Herzens doch dazu, ihre Augen zu öffnen.

Mit einem Stöhnen quittierte sie den hell erleuchteten Raum. Sie musste blinzeln, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen.

Moment …

Erschrocken sprang Ginny auf und der stechende Schmerz, den sie dabei in ihrem Schädel empfand, war auf einmal nebensächlich geworden. Das hier war nicht ihr Zimmer und vor allem nicht ihr Bett im Fuchsbau, und es war auch nicht Colins Bett, es war ein komplett fremdes, unbekanntes Bett.

Panisch blickte sich Ginny um. Was auch immer sie in der letzten Nacht getan hatte – sie konnte sich an nichts mehr erinnern – es musste ziemlich hart hergegangen sein.

„Auch schon wach?"

Die wohlbekannte Stimme lies sie herumwirbeln. Caspar stand in der Tür. Mit einem Badetuch um die Hüfte geschlungen, ansonsten nackt. Das Haar war wirr und Wassertropfen perlten von ihm ab und fielen auf seinen Oberkörper.

Hätte sich Ginny nicht in dieser Situation – Erwachen am Morgen danach in einer fremden Umgebung – befunden, so hätten Caspars Bauchmuskeln deutlich mehr Interesse bei ihr geweckt. Doch da sie sich genau in dieser Situation befand, war sein Erscheinungsbild (vorerst) sekundärrangig.

„Was tust du hier?", wollte sie wissen und konnte dabei den beunruhigten Unterton in ihrer Stimme nicht vermeiden.

Caspar lachte. „Die Frage sollte wohl eher ‚Was tust du hier?' lauten. Denn du warst diejenige, die den halben Tag in meinem Bett verschlafen hat."

„In deinem Bett?", wiederholte Ginny erschrocken. War das gut oder schlecht? Sie hätte bei einem wildfremden Mann landen können, sie war bei Caspar gelandet. Wildfremder Mann – Mc Donald's Mann.

„Ja, das ist mein Bett … und du trägst auch meine Boxershorts", fügte Caspar belustigt hinzu.

Ginny blickte an sich herunter und stellte erst da fest, dass sie nicht mehr ihren Rock trug, nur noch ihr Top und karierte Baumwollshorts.

„Oh", war das einzige, was Ginny darauf erwidern konnte. Sie lugte unter den Bund von Caspars Boxershorts und stellte fest, dass sie das einzige waren, was sie trug. Keine Unterwäsche. Keine guten, alten Baumwollschlüpfer.

Caspar schien sich an ihrer Fassungslosigkeit sichtlich zu erfreuen.

Ginny dagegen war es gar nicht nach Lachen zu Mute. Sie ließ sich aufs Bett fallen und stützte den Kopf in die Hände.

„Ich habe also bei dir übernachtet?", fragte sie, obwohl sie die Antwort gar nicht wissen wollte.

Caspars Augen blitzten. „Ja, das hast du, unbestreitbar."

„Oh je", seufzte Ginny.

„Hey, jetzt sag nicht, dass es dir nicht gefallen hat. Ich habe mir echt Mühe gegeben", beschwerte sich Caspar, was dazu führte, dass Ginny ihn mit großen Augen anstarrte.

„Du … ich … wir?", stotterte sie entgeistert, „Wir haben … ?"

„Was heißt da ‚wir haben'! Du hast mir die Klamotten praktisch vom Leib gerissen, sobald wir in meiner Wohnung waren, Süße. Ich hatte echt schon Mühe, dich in der Kneipe ruhig zu halten", Caspar grinste sie breit an.

„Wisch dir dein verdammtes Grinsen aus der Visage", knurrte Ginny verzweifelt. Ihr Kopf brummte. Nicht nur wegen ihrem Kater, sondern weil ein anderer, schmerzender Gedanke, sich wie ein Mantra darin wiederholte. Sie hatte Colin betrogen. Sie hatte Colin betrogen. Sie hatte Colin betrogen.

Caspar kam leichtfüßig zu ihr rüber und ließ sich neben ihr nieder. Freundschaftlich knuffte er sie in die Seite. „Jetzt mach dir nicht in den Umhang, zwischen uns ist nichts passiert", teilte er ihr mit.

Ginny schaute ihn vorsichtig schräg von der Seite an. „Wirklich?", vergewisserte sie sich.

„Wirklich", bestätigte Caspar und grinste unverschämt. „Wie denn auch, du kamst hier her und warst so voll, dass du sofort losgeschnarcht hast."

Die Welle der Wut, die Ginny anfangs überrollt hatte, als sie feststellen musste, dass Caspar sie ganz böse verarscht hatte, verblasste. Stattdessen war ihr das, was Caspar erzählte eher peinlich. Er war immer so cool, so lässig, und sie jetzt … War sie wirklich so voll gewesen? Hatte sie wirklich geschnarcht? Vielleicht wäre es dann doch besser gewesen, mit ihm zu schlafen?

„Wieso habe ich dann deine Boxershorts an?", wollte Ginny argwöhnisch wissen.

Caspar zuckte darauf hin die Schultern. „Was weiß ich, Männer-Unterhosen-Fetisch vielleicht?", mutmaßte er grinsend.

„Halt die Klappe", schnappte Ginny.

„Ach", fuhr Caspar beiläufig fort und hob etwas vom Boden auf, „Falls du dein Höschen suchst, das hab ich hier." Er hielt besagtes Wäschestück Ginny vor die Nase. „Echt scharf, das Teil."

Mit hochrotem Kopf schnappte sich Ginny den weißen Schlüpfer mit den roten Quaffels drauf. Wieso hatte sie ausgerechnet den anhaben müssen und nicht irgendwas anderes? Jedes Dessous war besser als die Quidditch-Unterhose!

„Ich geh jetzt nach Hause", murmelte sie und stand auf. Sie spürte Caspars Blick in ihrem Rücken bei jeder ihrer Bewegungen. Sie fand ihren Rock zwischen seinen Klamotten, die in einem unordentlichen Haufen neben dem Bett lag. Ginny streifte ihn sich über die Boxers, zog dann die Shorts aus und ihr Höschen an.

Sie fuhr sich einmal mit der Hand durch ihre rote Mähne und wiederholte: „Ich gehe jetzt … ich denke, es ist besser, wenn wir uns nicht mehr sehen."

Caspar stand auf und streckte sich genüsslich, wobei er seinen Oberkörper ziemlich gut in Szene setzte. Ginny musste schlucken.

„Das ist ganz allein deine Entscheidung, Kleine", sagte Caspar gelangweilt, „Du musst mir einfach nicht mehr hinterherlaufen."

„Ich habe dich nicht darum gebeten, mich mit nach Hause zu nehmen", zischte Ginny wütend. Wie konnte er es nur wagen, über sie so abfällig zu reden?

Sie zog ihre Schuhe an, warf Caspar einen kühlen Blick zu und verschwand dann aus seiner Wohnung.

Als sie die Tür des schmuddeligen Gebäudes, in dem sich Caspars Wohnung befand, hinter sich schloss, atmete Ginny auf. Zum einen, da es im Treppenhaus ekelhaft nach Exkrementen gestunken hatte, zum anderen, um ihren Puls auf eine normale Geschwindigkeit zu drosseln und sich zu beruhigen.

Doch es gelang ihr nicht und mit einem wütenden Schrei kickte Ginny eine Coladose, die vor ihr auf dem Gehweg lag, weg. Zwei zerzauste und magere Tauben, die in der Nähe auf der Strase herumgepickt hatten, flatterten erschrocken auf.

Ginny schnaufte. Dieser eingebildete Schnösel! Zuerst füllt er sie ab und dann zieht er diese Show ab! Als ob sie ihm hinterherlaufen würde, pah! Ginny ignorierte ihre Erinnerungen an die Zeit, die sie mit Caspar verbracht hatte, und das aufregende Kribbeln, das sie jedes Mal verspürt hatte, wenn sie in seine Augen geblickt hatte.

Sie würde ihm zeigen, wie sehr sie ihm hinterherlief. Nämlich gar nicht! Sie würde ihn ignorieren. Eiskalt. Sie würde ihn so behandeln, wie derjenige, der er war. Irgendein Angestellter von irgendwelchen Muggeln, die sie gar nicht interessierten. Das setzte natürlich voraus, dass sie ihm irgendwann noch mal begegnete. Doch das würde sie ganz bestimmt nicht tun. Ignorieren war nur ihr Plan, falls sie ihn wirklich zufälligerweise irgendwo treffen würde.

Erst nachdem Ginny diese Entschlüsse für ihre weitere Vorgehensweise gefasst hatte, blickte sie sich genauer um, und stellte fest, dass sie sich nicht mehr im Herzen Londons befand sondern eher am Stadtrand. Es war keine schöne Gegend, die Häuser waren grau und trostlos. Die sommerliche Hitze wirkte lähmend auf diese Gegend. Erbärmlich vertrocknete Blumen auf den Balkons der Bewohner, die Geruch von Motoröl und heißem Asphalt.

„Und hier wohnt der großartige Caspar Black", dachte Ginny höhnisch, „Aufgeblasener Idiot!"

Das Fahrrad, mit dem er zur Arbeit radelte, stand gegen die Hauswand gelehnt da. Es war eine Rostlaube und passte in die verwahrloste Umgebung. Wenn sich Ginny hier nicht in einer Muggelgegend befunden hätte, hätte sie ihren Zauberstab genommen und mit dem Messerzauber die Reifen des Drahtesels aufgeschlitzt.

Damit Caspar mit seinem Rad stürzen würde, sich sein verboten attraktives Gesicht aufschlagen würde und so für immer entstellt sein würde.

Doch obwohl die Straßen menschenleer waren, ließ Ginny ihren Zauberstab dort, wo er war – er klemmte zwischen ihrem Rockbund, da sie sonst keine andere Möglichkeit zum Verstauen des Holzstabes gefunden hatte.

Auf der Suche nach einer noch verlasseneren Straße, als es diese ohnehin schon war, um von dort aus nach Hause zu apparieren, setzte Ginny sich in Bewegung. Es war Mittag, die Sonne stand senkrecht über ihr und sengte auf sie hinab.

Die Straße schien endlos zu sein. Ginny ging mit gesenktem Kopf, setzte mechanisch ein Fuß vor den anderen und verbot sich, nachzudenken.

Sie musste nicht über Caspar nachdenken. Nein, an ihn hatte sie schon genug Gedanken verschwendet.

Sie musste über Colin nachdenken …

Trotz ihrer Beherrschung schlichen sich Gefühle der Reue in Ginnys Kopf. Zwischen ihr und Caspar war nichts geschehen, sie hatten lediglich zusammen einen getrunken … Dennoch wurde Ginny von den stechenden Schuldgefühlen nicht verlassen. In ihrem Unterbewusstsein regte sich eine dunkle, verblasste Erinnerung an etwas, das besser nicht geschehen hätte sollen, doch Ginny vermochte nicht, sich genau daran zu erinnern.

Sie wanderte weiter in der drückenden Hitze, zu der noch die Nachwirkungen des Alkohols hinzukamen.

Vielleicht hätte sie gestern einfach nicht so ausflippen sollen? Vielleicht hätte sie Colin einfach alles erklären sollen?

Ginny schüttelte den Kopf. Nein, Colin kannte sie und er wusste genauso gut wie sie selbst, dass Ginny nie auf die dunkle Seite gewechselt hätte. Niemals. Sie hatte genau wie er drei Jahre lang gekämpft, und das aus Überzeugung.

Den einzigen Anlass, den Colin hatte, um Ginny zu unterstellen, sie hätte sich den ehemaligen Todessern angeschlossen, war Caspars verblüffende Ähnlichkeit mit Draco Malfoy. Und sein Hang dazu, immer das Schlimmste zu erwarten.

Das war doch aberwitzig.

Ihre Haut brannte und Ginny befürchtete, einen Sonnenbrand von diesem kleinen Fußmarsch davongetragen zu haben. Endlich erschien zu ihrer Linken eine Abbiegung in eine dunkle, von hohen Hausmauern umgebene Sackgasse, in der einige Mülltonnen standen.

Es roch nicht gerade appetitlich, dennoch schlug Ginny diesen Weg ein.

Sie hatte richtig gehandelt. Colin war im Unrecht, nicht sie. Dennoch erwiderte ihr Kopf, dass das, was sie mit Caspar getan hatte, nicht richtig gegenüber Colin gewesen war. Ginny seufzte. Hoffentlich ließ Colin mit sich reden.

Hinter einem großen Müllcontainer disapparierte sie.

„Schätzchen, wie siehst du denn aus?", begrüßte Molly ihre jüngste Tochter, als diese die Tür zur Küche des Fuchsbaus aufstieß. „Danke für das Kompliment", murrte Ginny und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl am großen Esstisch fallen.

„Hat Colin dich wieder zu einer seiner Propheten-Partys mitgenommen?", wollte Mrs. Weasley wissen und fuhr Ginny durchs Haar. Ginnys Mutter stellte sich an die Anrichte, wo sie eine Tasse Tee für ihre Tochter zubereitete. „Ich mag diese Partys nicht", sagte sie währenddessen, „Viel zu viel Alkohol und Reporter wie Aasgeier, die nur auf irgendein Kinkerlitzchen warten, das sie zur Sensation aufspielen können." Sie stellte die Tasse mit dem dampfenden Getränk vor Ginny auf den Tisch.

„Nein, ich … wir waren nicht auf so 'ner Party", sagte Ginny müde und umfasste die Tasse mit zwei Händen, als ob sie sich auf der Suche nach Erholung daran festhalten wollte. „Wir waren nur so unterwegs", erzählte Ginny weiter. Das war nicht gelogen. Ihre Mutter wusste ja nicht, dass das ‚wir' Ginny und Caspar und nicht ihr und Colin galt.

„Übertreib es nicht", besorgt blickte Molly ihre Jüngste an. „Ich bin nicht mehr elf, Mum!", beschwerte sich Ginny. Sie erhob sich und nahm ihre Teetasse mit nach oben. „Ich bin trotzdem deine Mutter", rief Molly Ginny, die die Treppe hochstieg, hinterher.

Ginny warf einen schnellen Blick auf die alte Bahnhofsuhr (Errungenschaft ihres Vaters), die im Flur des ersten Stocks hing und stellte fest, dass in einer guten halben Stunde ihre Schicht beginnen würde. Sie seufzte und fühlte sich noch mieser bei dem Gedanken, noch arbeiten zu müssen.

Im Badezimmer stellte sie ihre noch dampfende Teetasse auf der Ablage über dem Waschbecken, wo selbstbürstende Zahnbürsten und Nie-mehr-Knoten-Kämme herumlagen. In einem kleinen Schränkchen, wo Molly die Arzneien der Familie aufbewahrte, stöberte Ginny nach einer braunen Glasflasche und als sie sie gefunden hatte, nahm sie einen kräftigen Schluck daraus.

Es schmeckte fast so grässlich wie Whisky, glücklicherweise war die Wirkung des Gebräus jedoch eine andere: Ginnys Kopfschmerzen verschwanden kurz darauf, so dass sie auch unter die Dusche steigen konnte, ohne befürchten zu müssen, während dem Duschen vor Schmerzen ohnmächtig zu werden.

Nach der erfischenden Brause trank Ginny schnell den inzwischen kalt gewordenen Tee und zog sich frische Sachen an. In schwarzen Shorts und einem alten Trikot der Chudley Channons von Ron apparierte Ginny schließlich in die Winkelgasse.

An einem Samstagmorgen herrschte vor Weasley's Zauberhafte Zauberscherze natürlich Höllenbetrieb, wenn die genervten Hexenmütter ihre quengelnden Kleinkinder zum Einkaufen in die Winkelgasse mitnahmen, in der Hoffnung irgendwelche kinderliebe Verkäufer würden sie für Stunden in ihren Scherzartikel- oder Quidditchgeschäften festhalten und sie anschließend adoptieren oder der Mutter sogar abkaufen wollen.

Ginny war nicht in der richtigen Laune für Höflichkeiten.

Caspar war ein Arsch, weil er sich wie ein Arsch verhalten hat.

Colin war ein Arsch, weil er wegen nichts ausgeflippt ist.

Sie selbst war ein Arsch, weil sie sich gerade so fühlte (obwohl das Kopfweh vergangen war).

… und natürlich war sie das auch, weil sie die Nacht bei Caspar (Arsch) verbracht hatte, und somit in gewisser Weise Colin (Arsch) hintergangen hatte, falls sie mit ihm noch zusammen war (was in Anbetracht von Colins Anfall nicht mehr so sicher war).

Mit spitzen Ellenbogen bahnte sich Ginny den Weg durch die Masse kleiner Zaubererkinder zum Eingang des Ladens ihrer Brüder. Grob schubste sie die Zwerge zur Seite und hoffte innerlich, dadurch auch all ihre wirren Gedanken, ihre Schuldgefühle und ihre Probleme einfach zur Seite schubsen zu können.

Eklig gut gelaunt drehte Fred gerade einer jungen Frau ein fliegendes Furzkissen an und versicherte ihr, dass ihr Chef niemals darauf kommen würde, dass es von ihr stammen würde. Die Kundin schien sich dafür zu interessieren und betrachtete das Objekt genauer. Fred kam auf Ginny zu.

„Schwesterchen", begrüßte er sie und grinste ihr entgegen. „Du siehst …", er hielt inne, „…nun, wie soll ich es ausdrücken?" Prüfend legte er den Kopf schief, ehe er dann zuckersüß seinen Satz beendete: „…scheiße aus. Ja, das trifft es am besten. Richtig scheiße siehst du aus."

„Vielen Dank", grummelte Ginny und drückte sich an dem frech grinsenden Weasley vorbei in den Laden, um hinter der Kasse Stellung zu nehmen. Ihr werter Herr Bruder war kein Deut besser als ihre Mutter. Was war das für eine Familie?

Fred war ihr flink auf den Fersen. Sobald Ginny sich auf dem Hocker hinter der Theke niedergelassen hatte, lehnte sich Fred zu ihr vor, stützte seine Arme auf der Theke ab und raunte Ginny mit verschwörerischer Miene zu: „Das sieht aber nicht nur nach durchzechter Nacht aus, Gin." Sein Blick wurde etwas weicher und seine Stimme hörte sich beinah gefühlvoll an, jedoch kannte Ginny ihren Bruder gut genug, um zu wissen, dass seine Augen sie nicht mitfühlend anblickten, sondern in ihnen nur der Schalk blitzte.

Das rothaarige Mädchen stand von ihrem Hocker wieder auf und stupste Fred zur Seite, so dass die junge Dame von vorhin bezahlen konnte. Mit einem künstlichen Lächeln kassierte Ginny und wünschte noch einen schönen Tag, an Fred gewandt meinte sie nur: „Hatte eben ein paar Feuerwhisky zu viel, mehr nicht, okay?" Die Endgültigkeit in ihrer Stimme duldete keine Widerrede.

Fred hob skeptisch eine Augenbraue, sagte jedoch nichts. Stattdessen wandte er sich einem Regal zu, um kurz darauf – feixend – Ginny eine Schachtel in schleimigem Grün zu präsentieren. „Ich habe genau das, was Sie für ihre nächste Tour durch die Szeneclubs der Winkelgasse brauchen, junge Lady!", sagte Fred enthusiastisch und hielt ihr die Packung unter die Nase. „Die Keine-Kotze-Klappe für alkoholhaltige Getränke. Trinken sie ihre Freunde unter den Tisch ohne das geringste Anzeichen von Übelkeit."

Ginny verdrehte die Augen und entriss Fred das Paket, um es wieder ins Regal zu stellen. Dieser verschränkte die Arme vor der Brust und spielte beleidigt. „Gut", sagte er schnippisch, „Dann bleibst du halt auf immer und ewig 4B-Ginny."

Ginny funkelte ihn wütend an. „Irgendwann wirst du dafür bezahlen, Weasley", knurrte sie wütend, „Und auch derjenige, der dir die Geschichte erzählt hat … ich wette es war Colin."

Fred derweil hatte begonnen, fröhlich singend durch den Raum zu tänzeln und hatte dadurch gar nicht mitbekommen, wie Ginnys verärgerte Miene wie von ihrem Gesicht weggewischt war und stattdessen Traurigkeit deren Platz eingenommen hat.

„Wir brauchen keinen Feuerwhisky und keinen giftigen Gin, denn nach vier Butterbieren ist die kleine Ginny hin", trällerte Fred und kam mit beschwingten Schritten einer Gruppe kichernder Achtjähriger entgegen.

Ginny ließ sich auf den Hocker zurücksinken und starrte vor sich hin. Colin.

Colin. Colin. Colin. Colin.

Sie musste mit ihm reden, ihm alles erklären. Man konnte gut mit ihm reden, vor allem Ginny. Wenn sie ihm alles erklären würde, gäbe es überhaupt kein Problem mehr. Und alles würde wieder so sein wie früher.

Erschrocken bemerkte Ginny, dass sich Tränen in ihren Augen gesammelt hatten, während sie an Colin gedacht hatte. Hastig wischte sie sich mit dem Handrücken über ihre Augen. Sie würde mit Colin reden. Später.

Jetzt würde sie zuerst einmal dieses kleine Mädchen aus der hieb- und stichfesten Riesenseifenblase befreien.

Ginny hatte gehofft, dass die einzige Strafe, die sie von ihrem kleinen betrunkenen Abenteuer mit Caspar davontragen würde, der Sonnenbrand war, den sie sich auf ihrem Nachhauseweg zugezogen hatte. Ihre sonnenempfindliche Haut schälte sich unästhetisch an den Stellen, an denen sie sich verbrannt hatte

Doch Ginnys Vorsatz mit Colin zu reden erwies sich als schwerer, als sie geglaubt hatte. Colin tat nämlich das, was er immer tat, wenn er verletzt war: er schaltete auf stur. Und das hieß bezüglich Ginny, er behandelte sie wie Luft.

Die unbeantworteten Briefe, die eulenwendend von ihm zurückkamen, waren erst Stufe eins.

Wenn sie nachmittags per Flohpulver über Kamin mit ihm reden wollte, warf er einfach eine neue Prise des Pulvers dazu und schickte sie in den Tropfenden Kessel (was nicht weiter schlimm war), in das Wohnzimmer von Tonks und Remus (was unnötige Ausreden brauchte) oder in einen Erotikshop am Ende der Winkelgasse (was Ginny zwar nicht peinlich, jedoch unangenehm war, da sie von den Verkäufern den Mund mit Vibrationskondomen voll gestopft bekam).

Wenn Ginny vor seiner Wohnungstür wartete, machte Colin entweder auf dem Absatz kehrt, sobald er sie erblickt hatte, und verschwand wieder, oder aber er ging an ihr vorbei, ohne sie zu beachten und ohne ihre Worte hören zu wollen, um ihr dann die Tür vor der Nase zuzuknallen. Ginny hatte davon zwar schon eine blutige Nase und eine geprellte Hand davongetragen, doch das schreckte sie nicht ab.

Während der Tage, an denen Ginny sich so um Colins Aufmerksamkeit bemühte, vergaß sie Caspar fast vollständig. Naja, sie verdrängte ihn eher gesagt ziemlich geschickt. Jedes Mal, wenn sie das Mc Donald's passierte, kamen in ihr die Erinnerungen an die vergnüglich blitzenden grauen Augen auf, die lustige Shoppingtour auf dem Camden Market, die Gespräche und die Plänkeleien.

Doch indem Ginny sich immer und immer wieder den Morgen ins Gedächtnis zurückrief, an dem Caspar den Macho schlechthin gemimt hatte, machte sie sich irgendwie glaubhaft, dass Caspar es nicht wert sei, an ihn zu denken. Sie stellte ihn sich einfach als eingebildeten Weiberheld vor, dann war es nicht mehr so schwer, die schönen Momente zu verdrängen.

Und dann war es auch nicht so schwer, zu vergessen, wie sehr Caspar ihr Freund gewesen war. Ein Freund, den sie sehr gemocht hatte. Und den sie jetzt vermisste.


Zuerst einmal Entschuldigung, dass ich so lange hab auf mich warten lassen. Aber das Wetter ist so herrlich draußen, da komme ich eigentlich nur nachts um 2 zum Schreiben )

Ich hoffe doch, ihr habt alle meine Korrektur in Kapitel 6 bemerkt (Wink mit dem Zaunpfahl).

Ich möchte euch herzlich für eure Reviews danken (feuchte, virtuelleKüsse für alleeee!) und danke an die kleine Eli und DVGM1 für eure Theorien, tut mir wirklich leid, dass diese nur auf einer Verpeiltheit meinerseits basieren (als Entschuldigung Kapitel 7 anbiet). Jedoch hat keiner von euch in Kapitel 6 das angesprochen, was ich eigentlich gemeint hab ... tz tz tz. Ich verrats euch: Ginny ist felsenfest davon überzeugt, dass Caspar Caspar ist - sonst niemand. Wieso nennt sie ihn dann (kurz vor dem Kuss) Draco?