Kapitel 7

1

Lord Richard Kendrice war verärgert.

Er kam von der nächtlichen Übungsstunde nach Hause, wo Captain Pierce ihn wieder einmal im Kampf mit zwei Schwertern besiegt hatte. Nach einem kurzen Schlagabtausch hatte Pierce ihn entwaffnet und der Kampf war vorbei gewesen.

"Wie macht Ihr das?", hatte Kendrice ihn gefragt. "Meisterin Impa macht das auch, aber ich konnte nie erkennen, wie. Es geht so schnell, dass man der Bewegung mit den Augen nicht folgen kann. Ich verstehe das nicht."

"Mein Lord", hatte Pierce gesagt, "diesen Trick kann man nicht lernen. Man findet ihn einfach und kann ihn sofort. Ich kann ihn Euch leider nicht zeigen, da er ein Geheimnis ist."

"So werdet Ihr mich immer besiegen", hatte Kendrice frustriert gebrummt, "und sie auch."

"So sieht es aus, mein Freund", hatte Pierce gesagt. "Aber keine Sorge, Ihr habt Euch ja entschuldigt. Dadurch habt Ihr noch eine Chance gewonnen."

"Oh, das glaube ich nicht", hatte Kendrice seine Befürchtung ausgesprochen. "Sie wird mich auseinander nehmen, das nächste Mal, wenn wir uns begegnen. Ich traue mich ihr nicht mehr unter die Augen."

"Übung macht den Meister", hatte Pierce zum Abschluss gesagt. "Bis morgen, Minister. Bringt die Rubine mit, die Ihr heute verloren habt."

"Ihr bringt mich noch an den Bettelstab, Captain", hatte Kendrice kopfschüttelnd entgegnet. Und Captain Pierce war laut lachend nach Hause gegangen.

Nun stand Kendrice in seinen Gemächern vor dem Spiegel und schaute in sein eigenes, frustriertes Gesicht.

"Verlierer!", knurrte er sein Spiegelbild an.

So wird das niemals etwas. Ich trete auf der Stelle und komme nicht weiter.

Er ging in sein Schlafgemach und zog seine Kleider aus. Nachdem er sich gewaschen hatte, legte er sich ins Bett und löschte die Kerzen. Düster starrte er in die Dunkelheit.

Diesen Trick kann man nicht lernen. Man findet ihn einfach und kann ihn sofort.

Die Worte des Captains klangen in seinem Geist, immer wieder. Aber wo konnte man ihn finden?

Im Licht der Sterne fiel sein Blick auf den Stapel Bücher auf dem kleinen Tisch am Fenster. Er hatte alle Bücher über den Schwertkampf gelesen, die er in der Bibliothek des Schlosses gefunden hatte. Alle, außer einem. Es fiel ihm schwer, es zu lesen, weil er das Sheikah noch nicht gut genug beherrschte. Meisterin Impa hatte es geschrieben, soviel stand fest.

Was, wenn sie den Trick gefunden hat?

Kendrice stand auf und zündete mit einem Streichholz wieder die Kerzen an. Er suchte das Buch aus dem Stapel und setzte sich auf den Stuhl vor dem Tisch. Hastig suchte er die Stelle, wo er beim letzten Mal aufgehört hatte, und begann gierig, zu lesen. Er kam nur langsam vorwärts, aber er zwang sich mit grimmiger Entschlossenheit weiter.

Ich kriege diesen Bastard noch!

2

Der rote Schein in der Nacht weckte ihn wieder, und verwundert stand er auf. Er sah sich auf dem Stuhl bei dem Tisch am Fenster sitzen und lesen. Aber nein... Er las nicht mehr. Seine Augen waren ihm zugefallen und sein Kopf war auf die Brust gesunken. Er hatte das Buch fallen gelassen und es lag offen auf dem Boden.

Doch Kendrice kümmerte sich nicht darum. Draußen rief ihn die Fackel zu sich, und er musste gehen. Schnell...

Er eilte durch die Nacht, vorbei an Büschen und Bäumen, an Bänken und Brunnen. Diesmal war die Fackel weiter entfernt, meinte er, oder sie war nicht so hell. Er folgte dem Licht und fürchtete, dass er sie nicht rechtzeitig erreichen würde. Etwas geschah dort, was er verhindern musste. Etwas würde verloren gehen...

"Komm..." raunte die Fackel in seinem Kopf. "Komm... zum Feuer."

Plötzlich war er da. Voller Panik schaute er sich um und suchte...

Da war der Falter. Er schwirrte in wilden Kreisen um die Flamme und murmelte in einem immer wieder an- und abschwellenden Ton: "Ins Feuer, ins Feuer, ich werde verbrennen!"

Kendrice überlegte fieberhaft. Er wollte ihn unbedingt retten, er musste! Er trat näher zur Fackel und versuchte, die Bahnen des Falters voraus zu ahnen, um ihn einzufangen.

Jetzt, jetzt!

In hohem Bogen kam der Falter geflogen und Kendrice streckte die Hand aus. Der Falter war so schnell, dass Kendrice ihn mit der Hand verfolgen musste, und dann verbrannte er.

Mit einem Schrei wurde er wach. Sein Kopf fuhr hoch und er sprang vom Stuhl auf. Mit klopfendem Herzen zog er seine Hand vor sein Gesicht und sah heißes Wachs, das von der Kerze darauf getropft war. Panisch schüttelte er die Hand und der Schmerz verging. Er merkte, dass seine nackten Füße auf einer Unebenheit standen und schaute nach unten. Unter seinen Füßen lag das Buch auf dem Boden, und Kendrice riss es empor und drückte es an sich. Fast hätte er es zerstört.

Er ging ins Badezimmer und wusch sein Gesicht, um den Schrecken zu vertreiben.

Warum verfolgt mich dieser Traum?

Er wusste, dass der Traum noch weiter gegangen wäre, wenn er nicht von dem heißen Wachs geweckt worden wäre.

Er löschte die Kerzen, legte sich wieder ins Bett und starrte an die Decke.

Irgend etwas stimmt hier nicht.

Er musste zu jemandem gehen, der ihm helfen konnte, das Rätsel zu lösen. Zu einem Telepathen. Oder zu einer Telepathin. Aber nicht zu Meisterin Impa. Er schüttelte den Kopf. Zu Zelda. Er würde zu Zelda gehen.

3

Kendrice konnte das Ende der Ratssitzung kaum erwarten. Er musste allein mit Lady Zelda sprechen, aber sie musste nach der Sitzung zum Hof...

Er hatte schlecht geschlafen, weil er fürchtete, wieder in diesen Traum zu fallen.

"...entlassen."

Kendrices Gesicht schnappte hoch. Er schaute sich verwirrt um. Die anderen Minister erhoben sich und verließen den Ratssaal, nachdem sie dem Königspaar die Hand geschüttelt hatten.

"Gibt es noch etwas, Lord Kendrice?", fragte Link ihn respektvoll.

"Ja, ich...", stammelte er. "Nun... wenn ich ehrlich bin..."

Link lächelte ihn aufmunternd an.

"Ihr habt Euch doch nicht wieder mit Meisterin Impa geschlagen, oder?" fragte er belustigt.

"Nein... nein...", schüttelte Kendrice den Kopf. "Aber ich habe noch eine persönliche Frage, die ich gerne mit Lady Zelda besprechen möchte. Wärt Ihr einverstanden, Eure Majestät?"

Er schaute sie abwechselnd beide an, und beide nickten.

"Natürlich, Lord Kendrice", sagte Zelda. "Link wird ohne mich zum Hof gehen, ich komme dann später nach."

"Danke, Eure Majestät", sagte Kendrice erleichtert.

Link nickte ihm zu, küsste seine Frau und verließ den Saal. Als er gegangen war, schaute Zelda Kendrice erwartungsvoll an.

"Lady Zelda, ich benötige Eure Hilfe in einer persönlichen Sache. Unter normalen Umständen würde ich mit so etwas zu Meister Maynard gehen, aber ich fürchte, in dieser Angelegenheit kann er mir nicht helfen."

"Geht es Euch nicht gut?", fragte Zelda besorgt.

"Doch... körperlich fühle ich mich gut, sehr gut sogar. Aber in letzter Zeit werde ich von einem bestimmten Traum verfolgt, den ich nicht verstehe. Er tritt immer wieder auf, in leicht abgewandelten Formen, aber das Ende ist immer gleich."

"Wollt Ihr ihn mir erzählen?"

Kendrice atmete tief ein.

"Ich wache auf und sehe draußen in den Gärten ein rotes Licht. Wenn ich näher gehe, merke ich, dass es eine Fackel ist. Ich gehe zu der Fackel und finde einen Nachtfalter, der die Flammen umschwirrt. Während ich ihn beobachte, fliegt er ins Feuer und verbrennt. Meistens wache ich dann auf. Manchmal kommt noch ein geflügeltes Wesen mit roten Augen zu mir, und ich frage es, warum ich dort bin."

Zelda schaute nachdenklich in die Ferne. Dann wandten sich ihre Augen wieder Kendrice zu.

"Habt Ihr solch eine Situation schon einmal in der Wirklichkeit erlebt?"

"Ich weiß nicht. Wenn ich diesen Traum habe, weiß ich immer, was dort sein wird, und was passieren wird. Und ich versuche, es zu verhindern."

"Hattet Ihr schon einmal telepathischen Kontakt mit jemandem?" fragte Zelda.

Kendrice schüttelte den Kopf. "Nicht, dass ich wüsste."

Zelda schwieg.

Mit bangem Herzen hoffte Kendrice, dass sie eine Antwort für ihn hätte.

"Es könnte alles sein", sagte Zelda schließlich. "Irgendein Kindheitserlebnis vielleicht."

"Aber ich hatte diese Träume vorher nicht. Sie kommen erst seit einigen Monaten."

Lady Zelda merkte auf. "Seit einigen Monaten, sagt Ihr?"

Kendrice nickte. "Habt Ihr eine Idee?"

"Es muss eine traumatische Erfahrung gewesen sein. Eine, die Ihr unbewusst vergessen möchtet, oder..."

Mit weiten Augen und offenem Mund sah sie ihn an.

"Ja...?" forschte Kendrice weiter.

"...oder jemand möchte, dass Ihr sie vergesst."

"Ich verstehe nicht", sagte Kendrice verwirrt. "Müsste er dann nicht in meinen Geist eindringen?"

Zelda nickte langsam. "In der Tat."

"Aber ich kann mich nicht erinnern...", sagte Kendrice, und ein gequälter Ausdruck trat in sein Gesicht.

"Natürlich nicht", sagte Zelda. Wenn jemand in Eurem Geist war, hat er wahrscheinlich eine Barriere errichtet. Sie scheint jedoch nicht vollständig zu sein, denn es dringen noch Bruchstücke nach außen. Ihr nehmt diese Bruchstücke nicht bewusst als Erinnerung wahr, aber in Eurem Unterbewusstsein könnt Ihr sie wahrnehmen. In Euren Träumen."

"Kann man die Erinnerung wieder hervorbringen?", fragte Kendrice mit klopfendem Herzen.

"Wenn die Barriere absichtlich offen gelassen wurde, ja", sagte Zelda. Wenn ein Telepath so etwas tut, hinterlässt er dem... nun ja... Opfer, könnte man sagen... einen Schlüssel."

Kendrice legte seine Hände auf sein Gesicht und schluckte. Er nahm einen tiefen Atemzug und fragte:

"Wie könnte so ein Schlüssel aussehen?"

Zelda hob ihre Hände. "Es könnte alles sein. Ein Wort, ein Geräusch, ein Gegenstand... alles."

Wieder musste Kendrice schlucken. "Sagt mir, Lady Zelda, könntet Ihr den Schlüssel für mich finden?"

Aber Zelda lächelte nur traurig und schüttelte den Kopf. "Leider nicht, mein Lord. Das könnt nur Ihr allein."

"Aber... Ihr könntet feststellen, ob es überhaupt eine Barriere in meinem Geist gibt, oder?"

Zelda nickte. "Ich müsste mich dafür in Euren Geist begeben und danach suchen. Möchtet Ihr, dass ich das tue?"

Kendrice nickte langsam.

"Bitte. Was muss ich dafür tun?"

Zelda lächelte. "Gar nichts. Ich kann meinen Geist am einfachsten mit Eurem verbinden, wenn ich Euch hier berühre." Sie zeigte mit den Händen zu ihren Schläfen. "Seid Ihr damit einverstanden?"

Wieder nickte Kendrice.

Zelda rief ihre Magie und sandte eine Barriere zu den Türen des Saals. "Es ist wichtig, dass wir nicht gestört werden", erklärte sie. Dann kam sie zu ihm, setzte sich auf einen Stuhl vor ihm und wandte sich ihm zu.

"Entspannt Euch und schließt die Augen. Sobald ich meine Hände an Eure Schläfen lege, werde ich Euren Geist betreten. Ihr werdet nichts davon merken, denn es geschieht alles auf der Ebene Eures Unterbewusstseins."

4

Zelda legte die Hände an Lord Kendrices Schläfen und er schloss die Augen. Sanft drang sie durch die äußeren Schichten seines Geistes, die sie bereitwillig hindurch ließen. Sie war von seiner Kraft und seiner Intelligenz fasziniert, aber da sie ihn kannte, war sie nicht überrascht. Es musste so sein. Aber kaum war sie in die innerste Kammer seines Unterbewusstseins eingetreten, sah sie die hell leuchtende Kuppel. Sie strahlte durch seinen ganzen Geist und leuchtete heller als alle anderen Erinnerungen. Sie war von einer Schönheit und einer Reinheit, die Zelda noch nie vorher gesehen hatte. Das Licht zog sie wie magisch an und sie flog näher und näher. Aber als sie davor stand, merkte sie, dass sie nicht weiter kam. Sie trat auf der Stelle und konnte nicht mehr näher gehen. Die Barriere war so fein gearbeitet, dass sie Kendrice fast darum beneidete. Sie umrundete die Kuppel, um die Öffnung zu finden.

Dort...

Ein schmaler Spalt war offen geblieben, und dadurch drangen feine Strahlen der Erinnerung nach draußen. Es war eine Kunst, solch eine schmale Öffnung zu erstellen, und Zelda wusste, dass nur eine einzige Person dazu in der Lage war.

Die Erkenntnis kam nicht unerwartet. Sie traf Zelda wie die Bestätigung einer Ahnung, und wenn man alles bedachte, was bisher geschehen war... machte es durchaus Sinn.

Plötzlich fühlte sie sich wie ein Eindringling. Diese Erinnerung kam aus dem Innersten Kern von Lord Kendrice, und niemand - niemand - sollte dazu Zugang haben, als er allein. Sie zog sich zurück durch alle Schichten, bis sie aus seinem Geist austrat und die Augen öffnete.

Er öffnete ebenfalls schlagartig die Augen, als er fühlte, wie sie sich regte. Langsam ließ sie ihre Hände sinken und strich dabei zärtlich über seine Wangen.

"Oh, mein Lord", sagte sie mit einem sanften Lächeln. "Ihr habt eine wunderschöne Erinnerung dort drin, aber sie ist mit einer Barriere umgeben."

Lord Kendrice sah sie mit einem schmerzvollen Ausdruck an und presste die Lippen aufeinander.

"So wie ich es sehe", fuhr Zelda fort, "wurde die Barriere absichtlich unvollständig errichtet. Das bedeutet, dass die Person, welche sie errichtet hat, Euch irgendwo einen Schlüssel hinterlassen hat. Wenn Ihr ihn findet, wird er die Erinnerung für Euch öffnen. Ich wünsche Euch sehr, dass Ihr ihn findet."

"Aber wie...", stammelte Lord Kendrice. "Wie soll ich ihn finden? Wie merke ich überhaupt, dass ich ihn gefunden habe?"

"Wenn der Schlüssel gefunden wird, dann wirkt er sofort. Es mag vielleicht überwältigend für Euch sein, wenn es soweit ist, aber Ihr werdet es sofort wissen. Ohne jeglichen Zweifel."

Lord Kendrice schüttelte den Kopf. Sein Blick kam wieder zu Zelda.

"Danke, Eure Majestät", sagte er leise. Dann stand er langsam auf und ging zur Tür, während Zelda die magische Barriere auflöste. Als er gegangen war, blieb sie noch eine Weile in Gedanken verloren sitzen.

Oh, Impa...

Sie durfte es ihr nicht sagen. Impa würde im Boden versinken vor Scham. Aber Zelda lächelte. Sie freute sich sehr für Impa, denn Lord Kendrice war wahrhaftig der richtige Mann für sie. Leise lächelnd nickte sie zu sich selbst und ging hinaus. Als sie in den Thronsaal kam, fand sie Link in ein Gespräch mit einigen Ratsmitgliedern vertieft. Kendrice war nicht darunter. Sie stellte sich neben ihn und nahm sanft seine Hand. Link strich mit seinen Daumen über ihre Finger und entschuldigte sich. Dann trat er mit ihr beiseite und küsste sie.

"Du glühst ja förmlich", sagte er lächelnd. "Was war denn los?"

Zelda umarmte ihn und flüsterte ihm leise ins Ohr.

"Ich glaube, wir haben unseren Schuldigen gefunden."