Tear me apart - Fortsetzung
Kapitel 7
Entschuldigungen
Hermine saß mit angezogenen Beinen auf dem Sofa und umklammerte mit beiden Armen Snapes Kopfkissen. Immer wieder drückte sie ihr Gesicht hinein, um seinen vertrauten Duft in sich aufzunehmen. Es schien alles zu sein, was sie von ihm hatte, denn seit drei Tagen schon war er fort, ohne dass es auch nur ein Lebenszeichen von ihm gab. Das Tattoo auf ihrer Haut war nach wie vor zu schwach, um etwas erkennen zu können, was ihr einen weiteren Grund zur Sorge gab. Irgendwann, sie hatte die Zeit ganz vergessen, klopfte es an der Tür. Mit einem tiefen Seufzer legte sie behutsam das Kissen beiseite, stand auf und öffnete.
„Harry!"
„Hi, Mione."
Sie starrte ihn völlig entgeistert an. Es war das erste Mal, dass er sich außerhalb der Schulzeit in die Kerker gewagt hatte, seit sie mit Snape verheiratet war.
„Was … Was tust du hier?"
Er lächelte verlegen. „Ich dachte, es wäre an der Zeit, endlich über meinen Schatten zu springen und dir einen Besuch in deinem neuen Zuhause abzustatten."
Sie musste unweigerlich lachen. „Na, wenn das so ist, herzlichen Glückwunsch! Du hast mich gefunden."
Er zog die Brauen hoch. „Lässt du mich rein? Oder ist das … unangebracht?"
Hermine warf ihre wilde Mähne zurück und trat zur Seite. „Nein, keineswegs. Du bist mein Freund, Harry. Und du bist jederzeit willkommen. Also komm rein und mach es dir bequem."
Er nickte und schlenderte mit den Händen in den Hosentaschen an ihr vorbei. So ganz wohl fühlte er sich nicht in seiner Haut, wie sie an dem vorsichtigen Blick erkennen konnte, den er durch den Raum schweifen ließ.
„Donnerwetter! Das sind ja wirklich jede Menge Bücher. Gehören die alle Snape?"
Hermine beobachtete ihn interessiert dabei, wie er die Bücherregale inspizierte. „Ja, so ziemlich. Einige aber auch Hogwarts."
„Was er wohl dazu sagen würde, wenn er wüsste, dass ich in seinem Zimmer herumschnüffle …"
Hermine drückte lachend die Tür zu und führte ihn zum Sofa. Ihre Laune hatte sich deutlich gebessert, seit er hier aufgetaucht war.
„Keine Sorge, ich werde schon aufpassen, dass er dich nicht in deine Einzelteile zerlegt. Schließlich bist du der Auserwählte, für den er seinen Kopf hinhält."
Harry warf ihr einen unsicheren Blick zu. „Du scheinst ihn ja gut im Griff zu haben."
Sie winkte ab. „Das täuscht. Er ist immer noch Snape, vergiss das nicht. Er kann ziemlich launisch sein. Doch wir machen deutliche Fortschritte, was unsere Kommunikation angeht. Am Anfang war es wirklich schlimm. Ich dachte, ich würde elend hier drinnen zugrunde gehen. Aber jetzt … es hat sich einiges getan."
Er nickte nachdenklich. „Hermine … Ich - ich bin gekommen, um mich bei dir zu entschuldigen."
Ihr rutschte das Herz in die Hose, als sie seinen treuen Hundeblick sah. „Harry, das ist nicht nötig. Wirklich! Wir haben beide Fehler gemacht, was ja auch kein Wunder ist, bei allem, was um uns herum passiert."
Er schüttelte energisch den Kopf. „Nein, haben wir nicht. Du hast mich gebraucht und ich war nicht für dich da. Freunde tun so etwas nicht und ich schäme mich dafür. Wenn Ron und Ginny in dieser Zeit nicht für dich da gewesen wären, dann … dann hättest du niemanden gehabt."
Sie lächelte sanft. „Wirklich, es ist in Ordnung. Ich weiß, dass du selbst viele Probleme hattest. Dumbledore und seine endlosen Rätsel, die Suche nach den Horkruxen … und natürlich Voldemort."
Seine leuchtenden Augen sahen sie eindringlich an. „Danke, Hermine."
Sie konnte fühlen, dass er einiges auf dem Herzen hatte und kuschelte sich in das Sofa hinein, Snapes Kissen fest in ihrem Griff, um ihm zuzuhören.
„Es ist schon eigenartig, wie alles gekommen ist, findest du nicht? Wenn alles glatt geht, werden wir bald unseren Abschluss machen. Dabei waren wir doch eben noch Kinder … Und jetzt bist du verheiratet. Das macht mir Angst. Und dann ist es auch noch Snape! Irgendwie ist das alles zu viel für mich. Ich meine, Dumbledore hat mir nie wirklich die Wahrheit über ihn erzählt. Aber es hat mich mitgenommen. Ich wusste zwar, dass es eine Verbindung zwischen ihm und meiner Mutter gab, seit ich seine Erinnerungen im Denkarium gesehen hatte, doch ich hatte keine Ahnung, dass er sie geliebt hat. Und ich glaube, das hat er wirklich." Er schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht, wie das alles geschehen konnte - er und meine Mutter ... Es klingt so absurd. Für mich gab es nie die Vorstellung, dass ein anderer Mann als mein Vater in ihrem Leben hätte sein können. Jetzt stell dir mal vor, es wäre was aus den beiden geworden, dann wäre Snape jetzt mein Vater …" Hermine schluckte, was Harry nicht entging. „Oh, tut mir leid", fügte er schnell an. „Das war jetzt wirklich voll daneben. Es ist nur … alles ist so verdammt kompliziert."
„Harry – so war es auch nicht", stammelte Hermine bewegt. „Eigentlich waren sie nur Freunde. Doch Severus hat sie geliebt. Ja, davon bin ich überzeugt, auf seine ganz eigene Art. Aber es hätte nie mehr daraus werden können, weil sie sich in James verliebt hat. Niemand hätte das ändern können. Schon gar nicht Severus, weißt du? Er war viel zu verschlossen. Schon immer hat er sehr zurückgezogen gelebt, was ja auch kein Wunder ist …"
„Wahrscheinlich. Es hat mich trotzdem ganz schön schockiert."
Sie biss sich auf die Lippe. „Ich glaube, ich kann dich verstehen. Wenn man Eltern hat und das Gefühl hat, dass sie füreinander bestimmt sind, ist es unmöglich, sich etwas anderes vorzustellen. Aber tu mir bitte den Gefallen und erwähne nie wieder Severus als deinen Vater. Das wäre eine absolute Katastrophe!"
Harry senkte den Blick. „Es tut mir leid, Hermine. Ich bin durcheinander. Es ist viel zu verarbeiten, das mit euch meine ich. Ich bereue, dass ich nicht mehr für dich da war, als du in diese Situation gezwungen wurdest. Ich hätte dir zuhören sollen und wünschte, ich hätte über meinen Stolz hinwegsehen können. Ehrlich."
Sie legte den Arm um ihn. „Danke, Harry. Ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist. Ich fühle mich so unendlich einsam ohne ihn. Nicht einmal meine Bücher helfen mir dabei, mich abzulenken! Kannst du dir das vorstellen?"
Er schüttelte den Kopf. „Es ist immer noch seltsam, findest du nicht?"
„Ja, du hast recht. Es ist seltsam", gestand sie mit einem sanften Lächeln. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich jemals so für ihn fühlen würde. Ich meine … sieh mich an! Keiner von uns konnte ihn in den vergangenen Jahren leiden. Doch jetzt drehe ich durch, wenn ich nicht weiß, ob er zu mir zurückkommen wird. Ich vermisse ihn so unendlich und habe solche Angst um ihn."
Harry fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Und du bist schwanger."
Sie nickte. „Richtig. Ich bin schwanger."
„Komm her!", forderte er und drückte sie an sich.
Hermine kuschelte sich an seine Schulter. „Ich habe dich vermisst, Harry", gestand sie offen.
„Ich dich auch. Glaubst du, es besteht die Chance, dass wir - sofern wir alle diesen Krieg überleben und Ginny und ich zusammenbleiben - dass wir dann Paten werden?"
Sie lachte auf. „Ich glaube, da lässt sich was machen."
„Vielleicht kannst du Snape ja überzeugen …"
„Verlass dich drauf!"
Sie hielten sich in den Armen und es verging eine Weile, ehe sie in die Realität zurückfanden. Keiner von beiden konnte ahnen, was ihnen noch bevorstehen würde. Doch irgendwo - tief verborgen in ihrem Inneren - war beiden bewusst, dass es vielleicht morgen schon vorbei sein könnte, dass alles was sie lieb gewonnen hatten, zu Staub zerfallen und der Vergangenheit angehören könnte.
Harry seufzte. „Du hattest recht, Mione. Mit allem."
„Womit?" Sie setzte sich gerade auf und sah in seine leuchtenden Augen.
„Niemand von uns wusste etwas über ihn, niemand kannte ihn. Wir alle haben uns was über ihn zusammengereimt. Du weißt schon, die Sache mit der Fledermaus, dem Vampir und auch die anderen Dinge, die so über ihn im Umlauf sind."
Hermine nickte. „Heute verletzt es mich, wenn ich darüber nachdenke. Auf einmal erscheint mir alles so logisch. Es war reiner Selbstschutz von ihm, dass er niemanden an sich heran gelassen hat. Und ich fürchte, selbst dann, wenn er es versucht hat, konnte es einfach nicht funktionieren, so wie damals mit Lily. Er hätte sie niemals so glücklich machen können, wie James es konnte. Ich glaube, er hat sie einfach geliebt, ohne es ihr je zu gestehen und sich damit abgefunden, dass er sie nicht haben konnte."
„Aber selbst nach ihrem Tod konnte er sie nicht vergessen. Das ist irgendwie … traurig."
„Ja. Das ist es. Als Dumbledore dann von ihm verlangt hat, für ihn zu spionieren, wurde alles noch viel komplizierter. Wir dachten immer, dass er dich hasst. Doch es steckt so viel mehr dahinter, sonst hätte er dich wohl kaum beschützt."
„Ja. Er hat es für meine Mutter getan."
Hermine sah die Sorgenfalten, die sich über Harrys Gesicht legten und wusste, dass er zutiefst bewegt war. Sie war froh darüber, dass er sich Mühe gab, alles zu verstehen, obwohl er eindeutige Schwierigkeiten mit Snape hatte.
„Sein ganzes Leben lang hatte er nur sich selbst, auf den er sich verlassen konnte. Aber es ist noch viel schlimmer, Harry. Er kannte keine Umarmungen und konnte nicht mit Gefühlen umgehen, weil er sie stets verdrängt hat. Er konnte sich keine Schwäche erlauben. Und das unterscheidet ihn von uns. Wir hingegen lassen uns gehen, wir offenbaren uns gegenseitig was uns bewegt, weil wir wissen, dass wir einander brauchen und uns aufeinander verlassen können."
Harry blinzelte sie an. „Und was ist mit dir, Mione?", fragte er vorsichtig.
„Mit mir?"
Er nickte. „Bist du glücklich?"
„Ja. Das bin ich. Abgesehen von der Tatsache, dass ich mich ohne ihn total verloren fühle."
„Ich glaube, das ist ganz normal, wenn man jemanden liebt. Manchmal, wenn Dumbledore so viel von mir verlangt, vermisse ich Ginny unheimlich. Aber irgendwie muss es doch weitergehen, oder? Wir kämpfen schließlich für das Gute. Dafür, dass wir vielleicht irgendwann alle zusammen glücklich und ohne Sorgen leben können."
Hermine fröstelte. Das Wort „irgendwann" beinhaltete eine unendliche Zeitspanne.
„Natürlich tun wir das. Aber ich habe solche Angst um ihn. Ich weiß einfach nicht weiter. Er wirkt so verletzlich, seit ich weiß, was er durchmacht und genau das wollte er immer vermeiden. Er will kein Mitleid. Doch ich kann nicht anders."
„Schon klar, dass du besorgt bist. Die Vorstellung, dass er sich absichtlich in Voldemorts Nähe begibt, um für Dumbledore und den Orden zu spionieren, ist schon recht merkwürdig."
Hermine zog die Nase hoch, schon wieder hatte sie Tränen in den Augen.
Harry sah sie schuldbewusst an. „Ich wollte dir keine Angst einjagen. Ich wollte nur sagen, dass es mir leid tut. Alles."
„Das hast du bereits. Und dafür möchte ich dir danken."
Hermine sah mit einem Mal sehr nachdenklich aus und kaute auf ihrer Lippe herum. Dann wurde es still zwischen ihnen und Harry zerwuschelte sich verlegen mit der Hand das Haar. „Ich glaube, ich sollte langsam gehen. Dumbledore hat vorhin nach mir geschickt. Und wer weiß schon, was er diesmal vorhat …"
„Gut Harry. Aber pass auf dich auf, hörst du?"
„Klar. Und du auf dich."
Hermine umarmte ihn noch einmal und er klopfte ihr zuversichtlich auf die Schulter.
„Wenn du willst, kannst du uns ja beim Quidditch-Training zusehen, vielleicht bringt dich das auf andere Gedanken. Du hast einiges verpasst in letzter Zeit und Ron und Ginny würden sich sicher freuen."
Hermine lächelte verlegen. „Mal sehen, Harry."
Es war nicht leicht für sie, ihn gehen zu lassen, nachdem sie ihn endlich wieder gewonnen hatte. Trotzdem wusste sie, dass es nicht anders ging. Traurig saß sie auf dem Sofa und umklammerte das Kissen ihres Professors, drückte die Nase hinein und nahm seinen Duft in sich auf. Sie fühlte sich einsam. Und sie hatte Angst.
