Glaubst du wirklich, du kannst jemanden töten, ohne Konsequenzen für dich selbst?
Nächte ohne Schlaf.
Tage in Agonie.
Das wochenlange Ringen mit sich selbst, bis die Tat allmählich völlig und mit ganzer Härte in sein Bewusstsein gedrungen war.
Es war wie ein Schock gewesen.
Es hatte ihm gezeigt, wozu er fähig war.
Er hatte eine Zeitlang Angst vor sich selbst gehabt.
Ich habe eine Grenze überschritten, und ich habe Schwierigkeiten, auf die andere Seite zurückzufinden.
Das bist nicht du, hatte sie fassungslos gesagt.
Wer dann? House? Sie würde es vermutlich so gesehen haben.
Schließlich das Finale, die endgültige Trennung. Und irgendwie war er erleichtert gewesen.
Nicht, weil sie ihn verurteilte und ging.
Sondern weil er eine Konsequenz trug.
Weil sein Handeln etwas bewirkt hatte, dem er sich stellen musste. Es schien gerecht zu sein. Er würde damit fertig werden.
Es würde eine Weile weh tun, und er würde sich eine Zeitlang regelmäßig nach Feierabend betrinken, und er würde sich selbst leid tun und sich fragen, was zum Teufel er falsch gemacht hatte.
Aber es war ihn richtig so erschienen.
Als wäre es eine Art Buße, die er auf sich nahm.
Das Scheitern seiner Ehe hatte er mit unverbindlichen Verabredungen und Gelegenheitssex kompensiert.
Wie du mir, so ich dir. Es lag eine gewisse Ironie darin, dass er die Methoden seiner Exfrau anwendete.
Eine Zeitlang hatte es ihn davon abgehalten, über die Gründe nachzudenken.
Bis vorgestern.
Bis dieser Mann ihn daran erinnert hatte, dass er nicht einfach nur eine falsche Diagnose gestellt hatte.
Er blickte stundenlang an die Decke, den Kopf voll von Bildern und alptraumhaften Szenen.
Kurz danach war er nicht fähig gewesen, sich dem zu stellen. Jetzt ließ er sämtliche Details Revue passieren, analysierte sie, drehte und wendete sie hin und her. Zwang sich, das blutüberströmte Gesicht des Diktators zu sehen. Harmlos hatte er ausgesehen und hinfällig, angewiesen auf die Hilfe von Ärzten wie jeder andere Patient. Seine ganze Macht war unsichtbar, verschwunden, als er dort auf dem Tisch lag und das Leben aus ihm wich.
Leben, das ihm heilig sein sollte.
Anfangs war da sogar so etwas wie Sympathie gewesen. Er wunderte sich immer noch darüber, wenn er daran dachte, wie geschickt sich das Böse in einem Menschen verbergen konnte.
Die jovial klingende Stimme, der wache Blick, das unverhohlene Interesse an seiner Person.
Es klang seltsam, aber er fühlte sich zu Menschen hingezogen, die Autorität besaßen. Menschen, die Dominanz zeigten, ganz einfach deswegen, weil es für sie selbstverständlich war.
Es fesselte ihn, weil er selbst nicht so war.
Es erklärte sein Steckenbleiben bei House – zweimal war er kurz vor dem Absprung gewesen und hatte es dann doch nicht geschafft -, und es gab ihm eine gewisse Sicherheit, sich dieser Autorität anzuvertrauen.
Aber House war kein Tyrann. Kein Monster. Jeder, der das annahm, hatte noch nie in die grässliche Fratze eines Massenmörders geschaut.
Was hätte ich tun sollen? Was hätte ich denn tun sollen, wenn es nach Dir gegangen wäre?
Wie immer, gab Gott keine Antwort. Chase hätte ein Menetekel an der Wand begrüßt. So wie es bei König Belsazar passiert war.
Es lässt sich nicht ungeschehen machen.
Das waren House' Worte, nicht die von Gott.
Von Gott erwartete man Trost und verzeihende Gnade.
Oder ewige Verdammnis.
Er versuchte zu beten, doch es kam nichts. Keine Worte, die das ausdrückten, was er fühlte. Er wusste es selber nicht.
Schuldgefühle hatte House ihm diagnostiziert, doch er war sich dessen nicht sicher.
Vielleicht machte ihn das zu einem gewissenlosen Menschen.
Aber wie hätte er es mit sich vereinbaren sollen, wenn dieser Mann loszog und tausende von unschuldigen Menschen massakrierte?
Es passierte jeden Tag, überall auf der Welt.
Du hast einen Eid geschworen.
Pfeifen Sie auf den Eid, hörte er House' scharfe Stimme in seinem Kopf. Als ob Sie jemals Wert darauf gelegt hätten.
Wenn er nichts weiter in ihm hätte sehen können als einen Menschen. Am Ende war Dibala nicht einmal mehr das gewesen.
Eine Bestie mit geifernden Fängen wäre eine treffendere Beschreibung.
Du hast dich mit ihm auf eine Stufe gestellt.
Ja, aber Ihre Gründe waren besser als seine. Um knappe zwei Millionen Mal.
Ich habe ihn getötet, sagte er stumm. Es wäre die Aufgabe von anderen gewesen, ihn zu hindern. Und vielleicht hätten sie es getan. Wie kann ich sicher sein, dass er nicht zur Umkehr gekommen wäre?
Glauben Sie wirklich, Hitler hätte sich seinen Hass auf die Menschheit ausreden lassen? Mittels Psychoanalyse? Durch radikale Persönlichkeitsveränderung? Tyrannen bleiben Tyrannen, Chase.
Halten Sie den Mund, sagte er zu dem imaginären House in seinem Kopf. Sie sind keine Hilfe.
Und Sie sind ein armseliger Jammerlappen.
Chase bohrte die Handflächen in die Augenhöhlen, bis er Sterne sah. Das hier führte zu nichts.
Höchstens zu einer weiteren Panikattacke, die er allmählich in sich aufsteigen spürte.
Blind tastete er nach dem Rufgerät. Er würde die Nachtschwester um ein Schlafmittel bitten.
„Ist alles in Ordnung?"
Er fuhr hoch.
Wilson stand an der Tür und lugte herein, die Brauen fragend hochgezogen. „Ich dachte, ich hätte Sie rufen hören."
Hoffentlich hatte er nicht laut mit sich selbst geredet.
Chase schüttelte den Kopf und deutete auf seine Brust. „Nur Schmerzen."
Wilson kam herein und regulierte die Zufuhr der Infusion. „Was ganz normal ist nach dem, was Sie hinter sich haben."
Unschlüssig blieb er neben dem Bett stehen, die Hände in den Kitteltaschen. „Cuddy sagte mir, sie wollte einen Psychologen für Sie hinzuziehen. Ich habe es ihr ausgeredet. Vorerst. Ich denke, das war in Ihrem Interesse."
Danke", erwiderte er ein wenig verdutzt, nicht sicher, was er sonst sagen sollte.
„Ich weiß, dass Sie es nicht wollen", fuhr er zögernd fort, „aber Sie sollten mit jemandem reden. Was Ihnen passiert ist, kann zu einer hochgradigen psychischen Belastung werden. Immerzu Ängste und Gefühle zu vergraben und zu unterdrücken, ist auf Dauer keine gute Lösung. Sie haben bei House gesehen, wohin es führen kann."
Schlug er ihm vor, mit ihm zu reden? Worüber?
Einen kurzen Moment lang fürchtete er, House könnte ihm etwas erzählt haben.
Seine nächsten Worte bestätigten das Gegenteil.
„Sie haben eine schwere Zeit hinter sich. Eine Ehe zu lösen, hinterlässt immer das Gefühl des Versagens. Ganz egal, wie einvernehmlich man sich getrennt hat und sich verspricht, Freunde zu bleiben. Es zerstört eine kleine Illusion in uns. Sie haben es noch nicht überwunden. Jetzt dieser Angriff auf Sie. Es ist schwer genug, das zu verkraften, wenn man psychisch stabil ist. Sie werden Hilfe brauchen. Sie können das nicht allein bewältigen, Chase."
„Es geht mir gut."
„Sie hatten eine Panikattacke."
„Es geht mir gut", wiederholte er monoton.
Wilson setzte sich auf die Bettkante und faltete die Hände.
Chase fragte sich, ob das die Pose war, die er einnahm, wenn er einem seiner Patienten beibrachte, wie lange er noch zu leben hatte.
„Ich weiß nicht, ob Sie Freunde haben. Menschen, mit denen Sie reden können. Jemand, der sich um Sie kümmert, ob Sie das nun zulassen wollen oder nicht. Manchmal helfen Freunde, indem sie ihre Freunde zu etwas bringen müssen, was diese nicht einsehen wollen oder können. Das nennt sich Besorgnis. Mitgefühl. Stoßen Sie das nicht von sich, Chase. Es ist das Wertvollste, zu dem wir fähig sind."
„House muss Sie oft vor den Kopf gestoßen haben." Es war ihm herausgerutscht, ehe er darüber nachgedacht hatte. Betreten biss er sich auf die Lippen und sah zur Seite.
„Ja", gab Wilson mit einem kleinen Seufzer zu. „Deswegen ist er nie weniger mein Freund gewesen." Er strich seinen Kittel glatt und erhob sich. „Möchten Sie jemanden anrufen?"
„Nein."
„Ich kann ein paar Minuten bei Ihnen bleiben", schlug Wilson nach einem kurzen Zögern vor.
„Das ist nicht nötig." Er schluckte. „Danke für das Angebot."
Wilson drückte kurz seine Schulter. „Ich habe Nachtdienst. Wenn etwas ist, rufen Sie mich."
Als er gegangen war, spürte Chase heiße Tränen über seine Wangen laufen, doch er fühlte nichts dabei.
oOo
Nach Feierabend brachte Masters ihm einen Blumenstrauß. Er konnte nicht sagen, dass er sich in den wenigen Wochen ihrer Anwesenheit im Team mit ihr angefreundet hatte (mit wem hatte er das schon? Gott, er war wirklich wie House), doch er fand es nett, als sie eigenhändig eine Vase holte und die Blumen auf den Nachttisch abstellte.
„Taub und Foreman schauen später vorbei", sagte sie.
Nicht, dass er wild auf Besuch gewesen wäre.
Es lenkte ihn ab, aber der Gedanke, mit Foreman zu sprechen, hing wie eine Gewitterwolke über ihm.
Ein wenig linkisch setzte sie sich auf den Stuhl und klemmte die Hände zwischen ihre Knie. „Ich habe nie bemerkt, wie wichtig Sie für das Team sind. Ohne Sie fehlt etwas. House ist anders als sonst. Nicht bei der Sache. Und Foreman grübelt über irgendetwas, nur nicht über unseren derzeitigen Fall."
„Würden Sie mir die Unterlagen bringen?" Es würde ihm etwas zu tun geben.
Masters zog eine Akte aus ihrer Tasche. „Ich dachte mir, dass Sie danach fragen würden."
Verblüfft nahm er die Dokumente entgegen.
Sie zuckte kurz und verlegen die Achseln. „Sie sind alle wie House. Foreman, Taub, Sie. Es war nicht schwer, das zu erraten."
Er legte die Akte zur Seite und wusste nicht so recht, was er zu ihr sagen sollte. „Sie machen es gut."
„Ich habe die Kündigung eingereicht."
Ganz so verwundert, wie er vorgab, war er nicht.
In vielem glich sie Cameron, doch sie hatte einen entscheidenden Nachteil, was den Job anging: sie war nicht in House verliebt.
Sie betrachtete ihren Chef nicht als jemanden, den es vor sich selbst zu retten galt.
Trotzdem fragte er. „Sie haben ihn beeindruckt, sonst hätte er Sie gleich am ersten Tag gefeuert. Und das hier ist einer der renommiertesten Jobs, die Sie in Ihr Resümee eintragen können. Warum geben Sie auf?"
Sie lachte ihr kleines, ärgerliches Lachen, das so unsicher und verlegen und seltsam kindlich war. „Oh, er hätte mich drei Mal gefeuert, wenn Cuddy nicht gewesen wäre. Aber das ist nicht so wichtig. Ich möchte meinen Doktor machen. Ich möchte Menschen helfen. Nicht sie auseinander nehmen."
„Es hilft, wenn Sie in der Diagnostik arbeiten. Und in der Psychologie sowieso." Ihr Fachgebiet, wie er sich erinnerte.
„Ich schätze." Sie sah auf ihre Hände nieder. „House ist ein besserer Arzt, als ich es jemals sein werde. Und ein besserer Psychologe. Aber ich möchte nicht so werden wie er."
„Dann können Sie sich mit Foreman zusammentun."
Sie runzelte die Stirn. „Wieso?"
„Nur so ein Gedanke." Plötzlich bedauerte er, dass sie ging. Es war amüsant gewesen, wenn sie versuchte, sich gegen House zu behaupten.
Manchmal gelang ihr das sogar.
Er konnte nicht sagen, dass er in seinen ersten drei Jahren die Courage dazu aufgebracht hatte.
„Er verändert Menschen", fuhr sie fort. „Er bewirkt etwas in ihnen. Er holt etwas aus einem heraus, dessen man sich nicht für fähig gehalten hat."
Chase wunderte sich, weshalb sie plötzlich so offen zu ihm war.
Bisher hatten sie kaum mehr als drei Sätze miteinander gewechselt, und auch dann war es nur um Berufliches gegangen. „Es ist nicht nur negativ, oder?"
„Es macht mir Angst", gestand sie. „Vielleicht können Sie und Foreman und Taub besser damit umgehen, weil Sie Männer sind. Oder weil Sie andere Ideale haben und sich an einer Quote orientieren. Für mich ist ein Patient nicht nur ein Fall. Es ist ein Mensch mit Gefühlen und Ängsten, der sich mir anvertraut. Sie halten das wahrscheinlich für dumm und einfältig, aber ich möchte das nicht verlieren."
Ihre Worte trafen ihn, obwohl er es nicht wollte. „Sie sind nicht einfältig."
Masters lächelte schwach. „Es ist nett, dass Sie nett sind. Bisher wusste ich nicht, dass Sie es sein können."
Allmählich dämmerte es ihm. „Sie halten mich für eine Kopie von House."
„Sie sind ihm ähnlich", wich sie aus. „So wie alle, die für ihn arbeiten."
„Sie würden nicht werden wie er", sagte er mit so viel Überzeugung, wie er aufbringen konnte.
„Doch", erwiderte sie schlicht. „Entweder das, oder er wird so lange an mir arbeiten und mich erniedrigen, bis ich mir nicht mehr anders zu helfen weiß. Ich will mich nicht ständig mit Sarkasmus verteidigen müssen oder mir witzige Schlagfertigkeiten ausdenken müssen. Alles, was ich will, ist, zu arbeiten. Aber nicht nach seinen Regeln. Sie sind nichts für mich."
Chase fühlte sich merkwürdig durchschaut. Von einer Medizinstudentin. Es war ein sonderbares Gefühl. „Wann werden Sie gehen?"
„Zum Ende dieses Monats."
„Es tut mir leid", sagte er und meinte es auch so.
„Ich wünschte, das wäre nicht passiert", sagte sie nach einer Weile Schweigen und deutete vage seine derzeitige Situation an. „Wenn Sie darüber mit jemandem reden wollen-… Ich kann noch nicht mit einem Titel angeben, aber ich kann zuhören. Das konnte ich schon immer, schätze ich. Ich bin gut darin."
„Danke", sagte er verblüfft.
Sie kam ihm rührend vor in ihrer Naivität, aber zugleich bewunderte er sie um ihre Fähigkeit, Konsequenzen zu ziehen.
Vielleicht war es wirklich besser für sie, wenn sie ging.
House würde sie so lange schleifen, bis sie ihren Idealismus verlieren würde.
Und Idealismus war nicht immer schlecht.
Auch wenn House das anders sah.
Er fragte sich, ob ihr Idealismus ausreichen würde, um zu töten.
Vorstellen konnte er es sich nicht, doch er hatte es von sich selbst genau so wenig erwartet.
Beinahe war er enttäuscht, als sie aufstand und sich linkisch den Rock gerade strich, bevor sie sich verabschiedete.
Jede Gesellschaft war besser, als alleine zu sein.
Alles war besser, als an Dibala denken zu müssen.
