Als Moe, dem Wissenstand seines Bewusstseins zufolge, dass zweite Mal die Augen öffnete, sagte ihm das harte Holz, auf welchem er offensichtlich lag, dass er dieses Mal tatsächlich in der Wirklichkeit gelandet war und nicht auf seinem alten Schulhof.
Seltsam nur, dass er sich nicht sicher war, wo er nun lieber aufgewacht wäre.
Sicher war, dass die Kopfschmerzen diese Gedanken nur erschwerten, und er beschloss, sich aufzusetzen. Leicht rollte er sich nach links auf den Bauch, um sich mit den Händen abstützen zu können. Was er nicht erwartet hat, war die Leere, die sich da plötzlich unter seinen Armen befand.
Mit einem abgehackten Schrei knallte er, mit dem Kopf voran, mit dem viel zu harten Tavernenboden zusammen.
"Ach verdammt noch mal ... ", leise vor sich hin fluchend richtete er sich auf, sein Rücken fühlte sich an wie aufgerissen, und außerdem bemerkte er einen anderen Schmerz, in seinem Gesicht, der aber älter zu sein schien.
Älter, mit anderen Worten ... vielleicht von gestern oder letzter Woche ...
Nein, eher gestern.
Gestern. Gestern. Ebenso wie seine alte, klapprige Schrottlaube, wollte sein Hirn nicht anspringen und verweigerte entsprechende Erinnerungen. Was konnte nur gestern passiert sein ...?
"Hey, Moe, endlich wach?"
Lennys Stimme riss ihn aus seiner Trance, verstärkte jedoch seine Kopfschmerzen.
"Heey, Moooe!", puhlte Lenny nach, "Moe, hallo? Moe! Moooe!"
"WAS DENN?"
Lenny zuckte zusammen. "Geht's dir auch gut?"
"Wieso sollte es mir nicht gut gehen?", murrte Moe als Antwort, und begann sich mit dem Putzen dreckiger Biergläser abzulenken. Aber die Frage war ehrlich gemeint. Er wusste es immer noch nicht.
"Naja ... Carl und ich haben dich gestern im Südviertel gefunden und hierher gebracht, und da du erst jetzt, um-", er unterbrach sich, um auf seine Armbanduhr zu linsen, "-um 11 Uhr 34 aufgewacht bist - das ist schon Anlass zur Sorge"
"Im Südviertel ... ", wiederholte Moe gedankenlos. Langsam sickerte alles wieder zurück an seinen Platz. Er war mit Smithers zu ihm Hause gegangen und der Abend hatte geendet mit dem gezählten vier-und-dreißigsten Schlag auf den Kopf mit einem Holzbrett, in seinem Leben. Noch dazu schon wieder von einer Frau.
"Moe?"
"Ja, ich bin noch hier, Lenny!", knurrte Moe aufgebracht, "Ich- Ich hatte eine Prügelei dort"
Lenny nickte, "Ach so"
Eine Weile schwieg er, dann schließlich fügte er hinzu, "Kann ich ein Bier haben?"
Moe hätte angesichts dieser leichten Lüge breit grinsen können, wäre er nicht derart verwirrt gewesen. So wie die Dinge standen, hatte er also über Stunden lang in diesem Viertel gelegen, bis Lenny ihn dort gefunden hatte-
"Was hast du in diesem Viertel eigentlich zu suchen gehabt?", fragte Moe plötzlich.
"Keine Zeit, Moe, ich muss zur Arbeit!"
Und Lenny war verschwunden, und Moe entschied, dass es nichts bringen würde ihm hinterherzurufen, dass es Samstag war.
Endlich in Ruhe setzte er seine Überlegungen fort. Wenn nämlich er tatsächlich bis spät in die Nacht hinein dort gelegen hatte, war Smithers entweder beteiligt am Holzbrett-Angriff oder er war selbst Opfer geworden, und Moe hatte es nur nicht mehr mitbekommen können.
Ihm wurde klar, dass er die Sache klären musste.
"Schön, Sie wieder hier zu haben, Smithers!", Burns blühte förmlich auf, als sein erneut treuester Angestellter am nächsten Morgen so pünktlich wie eh und je auf seinem Anwesen erschienen war, um ihn zur Arbeit zu fahren.
Smithers jedoch, dem die letzte Nacht nicht so schnell aus dem Gedächtnis gehen wollte, blieb misstrauisch, und so gut es eben ging, ignorierte er die Hochrufe seines Herzens, die bereits im Höchsten der Gefühle feierten, aufgrund der positiven Aufmerksamkeit von Mister Burns, die er doch so selten bekam.
Doch hart bleiben, war die Devise, hart bleiben.
Er räusperte sich, und nahm all seinen Mut zusammen.
"Sir. Was ist mit dem, ähm, meinem Liebesbrief, ... den Sie gefunden haben?", er machte eine kleine Pause, "Ich dachte Sie wären unter diesen Umständen nicht mehr in der Lage mit mir zu arbeiten!"
Im Rückspiegel der Limousine erkannte Smithers wie sich Burns' Stirn in tiefe Bügelfalten legte und seine Zähne begannen zu mahlen.
"Ja. Das stimmt auch immer noch", erklärte Burns schließlich kurz angebunden, "Aber ich brauche nun mal einen Assistenten wie sonst keiner, und ich glaube, wir können uns einfach darauf einigen, dass ich Sie nicht 'mag' und dass Sie das ganz einfach ignorieren und so tun, als würde ich von nichts wissen"
"Oh"
Smithers war sich gar nicht bewusst, dass er leicht nickte. Und als es ihm klar wurde, nickte er nur noch fester. "Ja", sagte er, wenn auch etwas schwach. Es war die beste Lösung, und es war mehr, als er sich erhofft hatte.
Inzwischen hatte Burns freudig in die Hände geklatscht, und war anscheinend froh dies vom Tisch geräumt zu haben.
"Also, Waylon, wie war die Zeit bei Moe's?"
Smithers musste gegen seinen Willen kichern, "Sir, es waren vielleicht zwei bis drei Tage, die ich dort verbracht habe!"
"Immer noch genug um einen bleibenden Eindruck zu bekommen, nicht wahr?", entgegnete Burns.
"Stimmt. Sie haben ja auch einmal dort Ihr Geld verdient", murmelte Smithers, dem nicht gefiel in welche Richtung das Gespräch jetzt ging, "Aber eigentlich nicht derart schrecklich"
"Ach so-?", rief Burns aus, "Dann haben Sie wohl jedes Mal, wenn dieser unsägliche Moe seine hässliche Fratze gezeigt hat, in die andere Richtung gesehen? Ich weiß, dass ich das so gehalten habe, aber es hat trotzdem nichts genutzt - Dieses Gesicht jagt einem durch die schlimmsten Alpträume. Nicht wahr, Smithers?"
"Ja, Sir", wie automatisch flossen die Worte aus seinem Mund, "Natür-"
Dann brach es auf ihn herein.
Moe.
Er hatte Moe vergessen!
Nachdem die Taxifahrerin (auf Burns' Befehl logischerweise) den Barkeeper niedergeschlagen hatte, war Smithers viel zu überwältigt gewesen von der Tirade seines Bosses, als dass er an irgendetwas anderes hätte denken können. Smithers wusste nicht einmal genau wie er ins Taxi gestiegen war, er wusste nur, dass er plötzlich neben Burns in der zweiten Sitzreihe saß und dass die Welt für mehrere Sekunden komplett gewesen war.
Jetzt hatte er schon wieder an die hundert Probleme am Hals, und das Neueste und gleichzeitig Schrecklichste war die LKW-Ladung an Schuldgefühlen die sich gerade über ihn ergoss und wie ein kalter Schauer zusammenzucken ließ.
Er hatte kaum bemerkt, dass das Auto seit ein paar Sekunden nicht mehr fuhr, und dass Burns hinter ihm schon angefangen hatte, sich darüber zu beschweren.
"Tut mir leid, Sir", vorsichtig fuhr Smithers weiter und seine Gedanken schwirrten und glühten in ihm auf, wenn sie ineinander krachten, was in den nächsten Minuten viel zu oft passierte.
Oh, was war er nur für ein Mensch! Er hatte gestern Nacht, endlich zu Hause angekommen, sogar immer noch Moes Jacke angehabt! In der Früh hatte sie unscheinbar auf der Couchlehne seines Wohnzimmers gelegen, und er hatte kaum darüber nachgedacht.
"Smithers? Smithers!"
"Ja, Sir?", etwas sagte Smithers, dass Burns mer als zwei Mal nun nach ihm gefragt hatte.
Entsprechend verärgert und verzögert antwortete sein Chef: "Smithers, wieso haben Sie mitten in der Straße angehalten - machen das alle Autofahrer, die einen Führerschein haben? Weil ich mache das sicher nicht!"
"Aber nein ... Sir, es ist nur so ... dieser Moe. Warum haben Sie beordert ihn von der Taxifahrerin zusammenschlagen zu lassen?"
"Weil er meinen Plänen im Weg stand!", rief Burns, "Er war Ihr Boss geworden, und der Weg eines ehrlichen Geschäftsmannes, um seine Angestellten von anderen ehrlichen Geschäftsmännern zurückzuholen, kann nur durch ein gutes altes Holzbrett erreicht werden"
"Ich glaube nicht, dass Mister Szyslak diese Logik versteht", bemerkte Smithers.
Burns schnaubte, "Ich dachte mir schon, dass diese elendige Ratte nicht zu edlen Vorgesetzten wie unsereins gehört"
Ratte.
Bei diesem Wort biss Smithers die Zähne zusammen. Moe hatte das wirklich nicht verdient. Natürlich, der Barkeeper war kein Engel, er hatte seine Laster und er hatte (viele) schlecht Seiten an sich. Aber Moe hatte immer noch das Potenzial zum guten Menschen, und hatte dies auch mehr als einmal bewiesen. Einem vollkommen korrupten Menschen wäre es vollkommen egal gewesen, ob er bei einer Bürgermeisterwahl seine Wähler anlügt. Ein schrecklicher Mensch würde "Moe's" nicht jeden Mittwoch schließen, um Waisenkindern und Obdachlosen vorzulesen.
Smithers sollte so schnell es ging nach Moe sehen, vielleicht hatte ihn ja jemand gefunden und geholfen, er konnte nicht immer noch dort verwahrlost in der Pfütze liegen! Das konnte einfach nicht sein.
"Ha! Wahrscheinlich liegt er immer noch auf demselben Fleck in derselben Gasse!", Burns kicherte, "Niemand würde einem Hinterwäldler wie ihm helfen. Oder ihn auch nur anfassen- Ha! Stellen Sie sich das vor, Smithers, Sie würden- Ja was soll denn das? Geht es Ihnen nicht gut? Brauchen Sie diese Zwischenstopps?"
Tatsächlich war die Limousine erneut zum Stillstand gekommen, aber diesmal absichtlich.
"Mister Burns, es tut mir leid, aber ich möchte mir gern einen Tag freinehmen"
Keine Spur.
Niemand wusst etwas von einem Waylon Smithers im Südviertel und Moe wurde mit jedem Passanten, der ihm nicht antwortete und jedem Passanten, der ihm antwortete, aber nichts wusste, verzweifelter.
Nicht gerade dabei helfend war der Fakt, dass er sowieso nichts Besseres zu tun hatte, als zu suchen, da seine Bar heute leer sein würde.
In der Valentinswoche war sie beinah immer leer, und er wusste, Lenny und Carl hatten ihr jährliches Date mit der Schwester des jeweiligen anderen heute angesetzt; Homer war mal wieder zu einem Eheberatungskurs mit Midge verdonnert und Barney ... tja, Barney, der hatte sicher auch schon was Besseres vor.
Moe hielt inne. Langsam überlegte sich den letzten Satz noch einmal.
Nein. Barney würde sicher auf ihn warten. Barney war mindestens genauso einsam wie er, der würde nicht mal mit Geld ein Date bekommen, genauso wie er.
Vielleicht war es unter diesen Umständen wirklich besser, einfach in die Bar zurückzukehren.
Mit Barney konnte er wenigstens halbwegs darüber reden, und seine Sorgen irgendwo abkratzen, wo die raue Oberfläche neues Material nicht scheute.
Und Sorgen machte er sich, denn Smithers konnte überall sein.
