Hermione schlief tief und traumlos, allerdings nur kurz. Sie versuchte zwar wieder einzuschlafen, aber es ging nicht und so wälzte sie sich nur hin und her. Zu viele Dinge hatte sie in ihrem Kopf. Vor allem Schreckenszenarien, die passieren würden, wenn Voldemort den Krieg gewinnen sollte. Aber sie dachte auch immer wieder daran, was in dieser Welt hier geschehen war. Jetzt war ihr klar, dass die Begegnung mit den Fingermännern mindestens genauso gefährlich war, wie eine Begegnung mit Todessern.

Sie stand auf und rückte ihre Kleidung zurecht. So langsam fing sie auch an sich unwohl zu fühlen – seit fast zwei Tagen die gleichen Klamotten zu tragen war trotz „magischer Auffrischung" ein wenig eklig. Außerdem wuchs in ihr das Bedürfnis, sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht zu schütten, also stand sie auf und ging in das kleine Badezimmer. Dieser schlauchartige Raum hatte den Namen eigentlich nicht verdient, aber man muss nehmen was man kriegt, dachte sie bitter. Es gab lediglich eine Toilette und ein kleines Waschbecken. Weder eine Dusche, noch eine Badewanne – die Schattengalerie war wahrlich kein Ort der Eitelkeiten.

Nach dieser kleinen Erfrischung war sie erstrecht zu wach um sich wieder hinzulegen. Also durchstöberte sie die Schattengalerie ohne Ziel und dachte wieder daran, einfach einen Apparierversuch zu wagen. Was hätte sie schon großartig zu verlieren? Hier an diesem Ort lebte sie zwar, aber es war nicht ihre Vorstellung von Leben. Sie war auch nicht ganz allein, aber ihr kauziger Gastwirt war kein Ersatz für ihre Freunde, die sie mehr denn je vermisste.

Nachdem sie das dritte Mal am Flügel vorbeikam, registrierte sie einen Schatten und vernahm Vs volle Stimme.
„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/ so müd geworden, dass er nichts mehr hält./
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, / der sich im allerkleinsten Kreise dreht,/ ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,/ in der betäubt ein großer Wille steht."

Überrascht drehte sich Hermione zu ihm hin. Er hatte das Gedicht mit Bedacht gewählt und so gut vorgetragen, dass es Hermione unverhofft berührte. Kurz blickte sie zu Boden, um sich ihre Verlegenheit zu verbergen.

„Bravo! Das war wirklich gut. Warst du auch Schauspieler?", fragte sie begeistert. Ihre Schwermütigkeit war verflogen – zumindest für den Moment.

V machte eine tiefe Verbeugung und kam aus der Ecke, in der er vorher auf einem antiken Stuhl gesessen und gelesen hatte.
„Nein – ich war und bin kein Schauspieler, wenn auch die Welt eine Bühne ist, auf der gerade eine schreckliche Tragödie aufgeführt wird". Nun stand er vor Hermione und musterte sie.

Hermione wurde es mulmig unter diesem Blick. Die Maske lächelte wie immer, aber lächelte das Gesicht darunter auch? Wahrscheinlich nicht. V verlagerte sein Gewicht und neigte den Kopf. Sie wusste genau, dass er etwas abwägte. Schließlich sprach er sehr gedehnt. Unsicherheit schwang mit.
„Ich möchte dir helfen einen Rückweg zu finden."

Hermione blickte ungläubig aber unbeirrt sprach er weiter: „Dafür muss ich vorher aber etwas unbedingt wissen. Dreh dich bitte um."
Hermiones Augen wurden zuerst groß vor Erstaunen und dann ganz schnell schmal wie Schießscharten. ‚Wozu?', sprach ihr ganzer Körper so laut, dass sie die Frage gar nicht mehr stellen brauchte.

„Ich muss wissen, ob du mir vertraust, sonst funktioniert es nicht. Dreh dich bitte um.", antwortete ihr V in ruhigem Ton.
Hermione überlegte. Vor ihrem geistigen Auge sah sie die Messer, aber sie sah auch ihre Freunde und Dumbledore, der ihr zuzwinkerte. Sie sah Valerie Page und ihre Eltern. Sie sah dieses unterirdische Versteck hier und sie sah Hogwarts. Und sie drehte sich langsam um.

„Und nun lass dich fallen."
Hermione wurde nervös; ihre Hände schwitzten. Sollte sie wirklich? Noch einmal ließ sie die letzten 36 Stunden im Kopf passieren und dann fielen ihr Worte ein, mit denen sie in dieser Situation gar nicht gerechnet hatte: Vi veri veniversum vivus vici.

Langsam verlagerte sie ihr Körpergewicht auf die Fersen und noch weiter nach hinten. Sie schloss die Augen und fühlte wie sie kippte.

Keinen Sekundenbruchteil später fühlte sie eine Hand zwischen ihren Schulterblättern, die ihren Fall auffing und sie schlug die Augen wieder auf. Sie war wirklich nur knapp nach hinten gefallen, so wenig, dass sie durch eine weitere Gewichtsverlagerung wieder ganz gerade stand. Erleichterung durchströmte ihren Körper. Fast hätte sie aufgelacht. Sie drehte sich V zu. Was hatte er nun vor, nach dieser bestandenen Prüfung?

„Geh schon mal zur Couch und mach es dir bequem.", sagte er und machte gleichzeitig eine einladende Geste in die entsprechende Richtung.

Hermione rutschte unruhig auf der Couch hin und her. V war schon seit etwa 5 Minuten verschwunden. Für was brauchte er so lange und was war die "Hilfe", von der er gesprochen hatte? Ein klackendes Geräusch an der Wurlitzer verriet seine Rückkehr. Es klackerte mehrere Male, bis Musik erklang. Als er zu ihr herüber kam, sah sie, dass er einen kleinen Kolben, zwei Reagenzgläser und noch etwas Kleineres in der Linken trug. Mit Verwunderung blieben Hermiones Augen an den Gegenständen hängen. Im Kolben schwappte bei jedem Schritt eine klare Flüssigkeit und das kleinere Ding war eine Pipette, wie sie so erkennen konnte.

Stirnrunzelnd sah sie ihm ins Gesicht, beziehungsweise, die Maske an.
"Wird das ein chemisches Experiment?", platze es aus ihr heraus und am liebsten hätte sie die Frage zurückgenommen, denn sie hatte eine Vermutung, was die Flüssigkeit sein könnte.

Sie kannte das Lied, welches die Jukebox spielte vom Hören. Ihr Onkel Rupert hatte es gerne mal auf Parties aufgelegt. Parties, nach denen es am Morgen in der Wohnung komisch gerochen hatte und ihre Mama immer furchtbar mit ihrem Vater geschimpft hatte und, dass Onkel Rupert für die nächsten Jahre unerwünscht sei. Damals war sie zu klein gewesen um zu begreifen, was da passiert war. Aber jetzt...
Empört sah sie V an, der immer noch nicht geantwortet hatte, sondern stattdessen etwas von der Flüssigkeit in die Reagenzgläser abgefüllt hatte. In das eine mehr, in das andere weniger.

"Das ist eine Droge, stimmt's?", fragte sie nervös.
In welche Lage war sie da geraten? Sie hatte sich geschworen niemals Drogen zu nehmen, seitdem sie den Streit ihrer Eltern über Onkel Rupert begriffen hatte.

V lehnte sich entspannt zurück und ließ die Flüssigkeit in den Reagenzgläsern gemächlich kreisen. "Nenn' du es wie du willst - ich hab es 'trink mich' genannt. Du bist in einer außergewöhnlichen Lage und außergewöhnliche Lagen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen."

Hermione schluckte. Es war sein voller Ernst. Unglaublich! sie war einfach nur entsetzt und wollte gerade von der Couch aufspringen, als V in einem beruhigenden Tonfall fortfuhr: „Du hast mir eben vertraut, du solltest mir jetzt auch vertrauen. Dass du deinen Weg zurück nach Hause findest, liegt auch ganz in meinem Interesse. Das mag zwar jetzt schroff klingen, aber ich sag es dir ganz unverblümt: ich komme mit meinem strikten Arbeitsplan durcheinander, wenn du länger bleibst." Er kicherte nervös.

Hermione fühlte sich vor den Kopf gestoßen. V blickte nach unten und schlug die Beine übereinander. Er wirkte jetzt doch etwas betreten.
„Ich glaube du hast mich gerade falsch verstanden. Ich bin den Umgang mit anderen Menschen, vor allem die permanente Anwesenheit eines Menschen, nicht gewohnt."

Hermione musste genau zuhören, als V den letzten Satz fast flüsterte: "Ich bin hier seit Jahren allein."
Er blickte weiterhin nach unten; die Schultern hingen ein wenig. Hermione war bestürzt. Er wollte sie nicht vergiften (dazu hätte er schon zahlreiche Gelegenheiten gehabt) er wollte ihr wirklich helfen, wenn auch auf sehr merkwürdige Art und Weise und, ja, sie vertraute ihm wirklich. Nicht aus dieser Zwangslage, in der sie steckte, sondern aus vollem Herzen.

"'trink mich' wie bei Alice im Wunderland?", fragte sie zögerlich. V drehte wieder den Kopf zu ihr und nickte.
Sie streckte die Hand aus und V gab ihr das für sie bestimmte Reagenzglas.

"Cheers!" Mit einem Schluck stürzte sie die Flüssigkeit herunter. Es schmeckte komisch, aber nicht schlecht.
"Cheers!", prostete V ihr zu und drehte sich weit von ihr weg, sodass sie nur noch seinen Rücken im Blick hatte. Dann schob er die Maske hoch und nahm seine Dosis. Danach rückte er die Maske an Ort und Stelle und drehte er sich wieder zu ihr um. Er nahm eine entspannte Position auf der Couch ein. Hermione fragte sich was nun passieren würde.

-
Es war ein furchtbarer Tag gewesen. Keine Neuigkeiten über den Verbleib von Hermione. Kein Fortkommen im Labor des Zaubereiministeriums, obwohl mit Hochdruck an der Analyse der verhexten Bodenfliese gearbeitet wurde.

Harry lag nun im Bett, aber an Schlafen konnte er nicht denken. Er starrte die Decke an und lauschte dem lautstarken Streit, der in der Küche tobte. Arthur und Moody schrien sich an. Molly weinte. Snape war kurz dagewesen und hatte verkündet, dass der Dunkle Lord seinen Triumph voll auskostete, was die Situation nicht besser gemacht hatte.

Ron war ebenfalls noch wach und ihm drehte es den Magen um, seine Eltern in so einem Zustand zu erleben. Hermione war so etwas wie ein Familienmitglied geworden und wenn er ehrlich zu sich selbst war, vermisste er ihre neunmalklugen Seitenhiebe.
Plötzlich überkam ihn ein sehr seltsames Gefühl. Nicht das Gefühl, wenn man Angst um jemanden hatte. Auch nicht das Gefühl, wenn man jemanden vermisste. Es war das Gefühl, dass man bekam, wenn sich etwas unweigerlich veränderte.

„Harry. Bist du noch wach?", sprach er gerade so laut aus, dass er den Streit von unten übertönte.
Harry antwortete tonlos. „Ja, Ron. Was ist?"
„Was ist, wenn Hermione nicht mehr so ist wie vorher. Also ich meine wenn sie zurückkommt. Sie wird doch zurückkommen, oder?", versuchte er seine Gedanken in Worte zu fassen.

Harry nahm das falsch auf. „Du meinst doch nicht etwa, dass sie mit einem Rattenschwanz und sechs Augen zurück kommt?"
Ron wurde wütend. „Harry du bist ein Idiot! Ich bin kein dämliches Landei! Ich mache mir ernsthaft Gedanken um Hermione und starre nicht Löcher in die Decke oder versinke in Selbstmitleid."
„Das tue ich überhaupt nicht. Ich mache mir mindestens genauso viele Gedanken um sie wie du!", blaffte Harry zurück.

Ron zügelte sein Temperament. Was ihn bewegte musste er Harry mitteilen und das durfte kein Streit kaputt machen.
„Nein, was ich meine ist…. Hermione war immer so was wie… Ach, sie hat zwar gegen x Schulregeln mit uns verstoßen, aber nur, wenn es richtig war. Sie tat immer nur das Richtige und ich frage mich, ob sie es immer noch tut oder tun wird, wenn sie zurück ist."

Harry seufzte. Nun verstand er seinen Freund.
„Du hast Angst, dass wir keine Moralpredigten mehr bekommen? Das hoffe ich doch wohl!"
Harry prustete los. Er konnte sich das selbst nicht erklären, aber vielleicht war das eine Art mit dieser Situation umzugehen. Wenn es zum Weinen nicht reichte, kann man auch darüber lachen. Hatte er irgendwo mal gehört.
Sein Lachanfall wurde prompt mit einem Kopfkissen gestoppt, dass ihn hart ins Gesicht traf.
„Harry du bist echt ein Idiot!", fluchte Ron.

-

Es passierte gar nichts. Ein weiteres Lied verklang im Raum, ohne das Hermione eine nennenswerte Veränderung festgestellt hatte. Vielleicht war es ein Bluff, ein kleines Psychospiel, überlegte sie und blickte zu ihm herüber. Da saß er in zehn Metern Entfernung, am anderen Ende der Couch.
Zehn Meter? Moment, dachte Hermione, die Couch war doch gar nicht so groß. Und sie war auch nicht mehr in der Schattengalerie, sondern im Zaubertränkeunterricht. Alle aus ihrer Jahrgangsstufe aus Slytherin und Gryffindor starrten sie an. Warum starrten sie sie an? Hektisch sah sie sich um - da hinten an der Wand stand die Couch; V lag dort mehr, als dass er saß, den Kopf weit nach hinten gestreckt.

"Miss Granger!", fuhr sie jemand an.
Hermione drehte sich zu der Stimme. Snape stand vorne an seinem Pult und griff in ein Glas mit Froschaugen. Eines dieser glibberigen Dinger warf er in ihre Richtung.
"Miss Granger! Was habe ich Ihnen beigebracht?"
Schwupp, flog das nächste. Und noch eins flog über ihren Kopf hinweg, direkt an ein Fenster.

Dahinter standen Ron und Harry und winkten ihr aus Leibeskräften zu. Hermione rannte zu diesem Fenster, sie musste es öffnen, um die beiden hereinzulassen. Sie zerrte an dem Riegel, als sie von einem weiteren Froschauge im Nacken getroffen wurde. Kalt rutschte es ihr in den Kragen.
"Miss Granger! Lassen Sie den Quatsch!"

Erneut flogen Froschaugen und Hermione ergriff die Flucht, rannte an der Wand entlang, wich immer wieder Froschaugen aus, aber fand keinen Ausgang aus dem Raum. Plötzlich fingen ihre Mitschüler an, wie im Chor zu singen: „Vier von dir und vier von hier - vier von mir und vier von dort, bringen mich fort von jedem Ort!"

Noch einmal sah sie zu Snape, dessen Kopf sich in einen blauen Kessel verwandelt hatte, der sich langsam gelb färbte und dann überschäumte. Der Schaum stieg höher und höher, vor dem Fenster waren immer noch Harry und Ron, aber bald konnte sie die beiden nicht mehr sehen; sie verschwanden in diesem gelben Schaum und sie selbst drohte auch darin zu ertrinken, wenn Dumbledore nicht ihre Hand ergriffen und sie fortgezogen hätte.

Dumbledore brachte sie in einen weiteren Raum. An der Wand hing ein Schrank mit diversen Chemikalien und Dumbledore stellte einige davon auf dem Boden.
Dann sagte er: "Schau, nimm von jedem einen Teil, denn kleine Geschenke erhalten die Freundschaft." Und Hermione kniete sich auf den Boden um die Chemikalien genau anzuschauen... dann brach plötzlich ein Feuer, ein Inferno aus. Sie schrie, hielt die Hände schützend vor ihr Gesicht, aber die Flammen griffen sie nicht an. Sie war eine Zuschauerin, mitten in den Flammen bewegte sich etwas. Ein Mensch.

In dem Moment ließ die Wirkung nach. Hermione lag auf dem Fußboden und merkte wie sich ihr Körper wieder wirklicher anfühlte. Erschöpft fühlte sie sich, als ob sie stundenlang gelaufen wär. Ihr Mund war trocken und ihr wurde kalt. Langsam richtete sie sich auf und sah sich um.

Die Wurlitzer spielte immer noch, alles war so wie vorher. V war auch noch auf der Couch, aber er schien völlig weggetreten zu sein. In die Polster gesunken, die Arme schlaff von sich gestreckt und den Kopf nach hinten überstreckt. Das rasche Heben und Senken des Brustkorbs waren sein einziges Lebenszeichen. Hermione konnte unter dem Rand der Maske seine Kehle sehen. Und was sie sah, gefiel ihr nicht, aber sie verstand jetzt den Zweck der Maske.

Schnell stand sie auf. Hoffentlich hatte er ihren verstohlenen Blick nicht bemerkt - nein, keine Reaktion von ihm. Sie machte sich auf den Weg in die Küche, trank dort über eine halben Liter Wasser und machte sich dann auf den Weg in „ihr" Zimmer.