„Nicht alle Episoden müssen schlecht sein", bemerkte Chase auf dem Nachhauseweg, als wäre nichts vorgefallen. „Vielleicht war es die mit Cameron. Aber an die Zeit mit Ihnen würde ich mich sehr gern erinnern. An die mit meinen Eltern. Wie und wo ich aufgewachsen bin. Was ich gern gehabt habe oder was nicht. Ob ich Freunde hatte. Ich möchte fähig sein, es wieder fühlen zu können, verstehen Sie? Nicht nur hören und das glauben, was das Leben eines Fremden sein könnte."

Durchdringende Augen musterten ihn kurz und abwägend, als House unterwegs an einem Supermarkt anhielt und die Gurte löste. Doch er hielt seinen Arm umfasst, als er sich anschickte, auszusteigen, wenn er auch nicht wusste, weshalb.

„Unsere gemeinsame Zeit war nicht immer eitel Sonnenschein. Bis dahin, wo wir jetzt stehen, sind wir einen harten Weg gegangen, von dem man guten Gewissens einige Stolpersteine übersehen kann. Über Ihre Eltern kann ich Ihnen nicht mehr sagen bis auf das, was Sie mir erzählt haben. Und das war nicht viel und außerdem ziemlich trostlos. Hat mich zum Weinen gebracht."

„Ich habe es vergessen. Ich vergesse so viel."

House wuschelte sein Haar und ziepte leicht daran, um dann die Finger sanft um seinen Hinterkopf zu legen. Die Geste wiederholte sich oft, so als ob er sich davon überzeugen müsste, dass er wirklich bei ihm war und sich nicht in Luft auflöste. Manchmal fürchtete und hoffte er es selbst.

„Mein kleiner zerstreuter Professor von Oz."

Den Einkaufswagen ließ er ihn alleine füllen, und er begriff. Das war eine Aufgabe. Eine, in der er ihn auf seine Vorlieben testete, die eventuell in seinem Unterbewusstsein noch abrufbar waren. Zögernd langte er nach einer Flasche Bardolino, einem Rotwein. House hatte behauptet, dass er Wein mochte und Pasta. Weiter kam er nicht. Es wäre einfach gewesen, alles, was ihm in den Sinn kam, aus den Regalen zu zerren, aber er wusste, dass er House nicht hinters Licht führen konnte. Hilfe heischend begegnete er seinem Blick, als sie vor dem breit gefächerten Sortiment an Cerealien standen und House offensichtlich den richtigen Griff von ihm erwartete.

„Was gibt es zum Frühstück?"

„Wir haben genug daheim, oder?"

„Legen Sie trotzdem los. Irgendwann ist der Vorrat aufgebraucht."

Sein Blick schweifte über die verschiedenen Packungen. Die Auswahl überforderte ihn. Endlich griff er nach der hellblauen und freute sich über das lobende Nicken.

„Ich finde, ein bisschen Abwechslung könnte nicht schaden", sagte er, um einem eventuellen Schnitzer vorzubeugen. Schließlich durfte man auch als geistig gesunder Mensch Neues ausprobieren.

„Kaufen Sie nur das ein, von dem Sie wissen, dass es Ihnen schmeckt. Ich habe genug weggeworfen, solange Sie nicht auf der Höhe waren. Verschwendung jeglicher Art ist mir zuwider. Besonders die von Baumwollpapier, das mit Benjamin Franklins Konterfei bedruckt ist."

Es war keine Aufgabe, es war eine Prüfung. Schwieriger als angenommen. House passte auf, er kannte seinen Geschmack besser als er und schaute zu, wie er sich mit Früchten und Gemüse, Reis und thailändischen Soßen und Gewürzen eindeckte und das Süßwarenregal links liegen ließ. Beim Eis konnte er allerdings nicht widerstehen. Double Chocolate Chips war seine Lieblingssorte. Das Erinnerungsvermögen kehrte allmählich zurück, was seine kulinarischen Faibles anging, und er fühlte einen Adrenalinstoß durch sich ziehen, der fast vergleichbar war mit dem vor wenigen Stunden, als sie sich geliebt hatten. Er war überwiegend mit der asiatischen Küche aufgewachsen, die er besser vertrug als die kalorienreiche amerikanische, über die er teilweise gestaunt und an die er sich hatte gewöhnen müssen, und House schien einverstanden zu sein mit seiner zwar mageren, aber stimmigen Ausbeute, zu der er noch eine Tüte Paprikachips und ein Sixpack Foster's legte.

„Ich mag kein Rührei mehr", gestand er ein wenig widerstrebend, da er House damit kränken würde. „Aber die gebackenen Bohnen waren in Ordnung. Und ich glaube, Sie mögen Chips und Bourbon beim Fernsehen. Ich habe eine Flasche und eine leere Tüte neben der Couch gefunden. Aber ich... hatte ein bisschen Angst. Die Flasche war fast leer. Sie trinken nicht regelmäßig, oder?"

„Popcorn und Sodapop bin ich ebenfalls nicht abgeneigt", sagte er mit einem Blick auf den Wagen. Es waren die einzigen landestypischen Nahrungsmittel, die er ausgesucht hatte. „Ich wollte es Ihnen nicht auf die Nase binden, aber meine Leber sagt Danke für eine Pause. Sie haben es gut gemacht."

Als er in House' zufriedenes Gesicht sah, fühlte er sich beinahe, als hätte er ein gutes Zeugnis mit nach Hause gebracht. Er hatte keine Ahnung, ob seine Eltern ihn je dafür belohnt hatten, und wenn sie es nie getan hatten, war ihm das Lächeln seines Liebhabers umso mehr wert.

oOo

Am Abend baute House übertrieben ächzend drei Stapel Bücher vor dem Fußende des Bettes auf. Verwundert schaute Chase seinem Treiben zu, war jedoch zu erschöpft, um zu helfen. Der Tag war ebenso schön wie anstrengend gewesen, und er sehnte sich nur noch danach, die Bettdecke über sich zu ziehen und einzuschlafen, sich an seinen Liebhaber zu lehnen und mit seinem ruhigen, tiefen Atem am Ohr einzuschlafen, sich damit einzulullen. Als er den Fernsehapparat und den Recorder anschleppte, siegte die Wissbegier dennoch über die Müdigkeit, und er richtete sich auf. House winkte mit einer Videohülle.

Ghost. Mit den Righteous Brothers und dem Schmalzlockentyp. Heute ist das nicht mehr gefragt, aber sehen Sie einfach großzügig darüber weg. Es hat doch Vorteile, wenn man sentimentale, vergessliche Freunde wie Wilson hat."

Mit einer Schüssel Popcorn auf House' Schoß, in die er hin und wieder griff, sahen sie sich den Film an. Entgegen seiner Erwartung weckte er keine Erinnerung, und die Müdigkeit senkte sich erneut bleiern auf ihn, doch House' Schulter, an die er sich schmiegte, war fest und stark, und er atmete den würzigen Duft ein, in den er sich fallen ließ, der sein Zuhause symbolisierte, während seine Finger mechanisch über die feinen Brusthaare strichen und kraulten. Es war merkwürdig und schön, dass er es angenehm fand, ihn zu berühren, keine Scheu fühlte und dass auch House nichts dagegen einzuwenden hatte, ihn sogar dazu ermutigte. Als ob sie es lange Zeit vermisst hätten. Obwohl er mit ziemlicher Sicherheit sagen konnte, dass ihm intimer Umgang mit Männern nicht gelegen, er wahrscheinlich nicht einmal diesbezügliche Erfahrung gehabt hatte, gab ihm seine Nähe Halt. Es war anders mit House, weil er es als selbstverständlich erachtete, dass sie sich zueinander hingezogen fühlten, voneinander profitierten.

Über ihre Beziehung machte er keinen Wirbel, aber er war immer da, immer bereit, zuzuhören oder ihn schweigen zu lassen. Und er schätzte die unprätentiöse und zugleich sanfte, schonende Art seiner Berührungen, wie er ihn ohne Eile oder Rohheit erregte.

Das heutige Erlebnis am Strand würde sich in positiver Weise in sein Gedächtnis einbrennen. Es war ein guter Gedanke, Erinnerungen wieder zu sammeln anstatt sie unfreiwillig auszublenden. Ein Anfang. Durch das halboffene Fenster wehte ein Luftzug und blähte sacht die Gardinen, woraufhin er sich dichter an ihn lehnte und den Kopf auf seine Brust sinken ließ. Verrückt. Er lag mit einem Mann, seinem Liebhaber, in einem Bett und schaute sich einen Schmachtfetzen an. Auf einmal stellte er fest, dass es nicht ausschließlich House' Anwesenheit war, die ein wohliges Gefühl der Geborgenheit erzeugte.

„House", murmelte er, plötzlich wacher, während die Handlung des Films immer mehr ins Banale abdriftete und eine aufgedrehte, nervige schwarze Wahrsagerin hektisch mit den fledermausartigen Ärmeln schlug. „Da ist etwas-..."

„Was?" Er ließ die Hand von seiner Schulter sinken, die bisher über ihr gelegen und selbstvergessen abwechselnd durch sein Haar rann oder sein Schlüsselbein massierte, und umschloss eindringlich seinen Oberarm, um seinen Blick auf sich zu zwingen. Mit der anderen tastete er nach der Fernbedienung, drehte die Lautstärke herunter.

Vor Aufregung musste Chase ein paar Mal ansetzen, ehe die Worte verständlich aus ihm hervorsprudelten. „Ich weiß nicht genau ... Fernsehen ... Filme im Bett. Ich hatte das früher. Als Kind. Ich habe ... da war jemand mit mir, eine blonde Frau und sie hat mit meinem Haar gespielt, so wie Sie jetzt. Und sie hat gesungen."

„Was ist noch da?" Sein Ton, nüchtern, aber nichtsdestoweniger interessiert, half ihm, einen klaren Kopf zu behalten. „Schließen Sie die Augen und schildern Sie mir, was Sie sehen."

Er tat es, doch hinter seinen Lidern gähnte niederschmetternde Leere. House hielt ihn, als sein Oberkörper zu schwanken begann, und er hörte ihn ein so tiefes Atmen ausstoßen, dass es beinahe ein Seufzen war.

„Chase?"

„Nichts mehr", erwiderte er frustriert, die Hände im Haar vergraben.

„Sie haben Ihre Mutter gesehen. Kleine Schritte. Aber ein großer für Sie. Hoffentlich nicht zu groß."

„Was meinen Sie?"

Er zog ihn wieder an sich, und er spürte das tröstliche Spiel seiner Muskeln an der Wange. „Erzwingen Sie es nicht. Noch nicht. Sie werden enttäuscht sein."

Der Rest des Filmes rauschte an ihm vorbei. House flüsterte etwas von einer Töpferscheibe in sein Ohr und ob er Spaß daran finden würde, gemeinsam kreativ zu sein (was immer er damit meinte – es klang anzüglich, und er lachte wider Willen), aber er war in Gedanken nur bei ihr und nahm sich fest vor, Tante Amy zu kontaktieren. Bestimmt gab es irgendwo etwas, das seinem Gedächtnis auf die Sprünge half.

Trotz der anfänglichen Müdigkeit schlief er nicht ein und durchwühlte rastlos die Laken, um eine angenehme Schlafposition zu finden. Doch nach spätestens fünf Minuten kribbelte es in seinen Gliedern, und er warf sich stöhnend auf die andere Seite und wünschte sich, an das Valium heranzukommen, das in House' Nachtschrankschublade lag. Er würde ihn aufwecken, wenn er es versuchte.

Plötzlich spürte er seine Hände um seine Mitte, seine durch die Bartstoppeln kratzende Lippen an seinem Ohr.

„Lassen Sie mich Sie müde machen."

House liebte ihn noch einmal in dieser Nacht, liebte ihn mit einer Nachdrücklichkeit und einem Einfallsreichtum, der sich über Stunden nicht zu erschöpfen schien. Das Bett wurde zu einer Spielwiese, sein Körper ein Instrument, auf dem er meisterhaft zu spielen verstand, mit allen Sinnen, mit allen Finessen. Er hatte noch nie so etwas Erstaunliches erfahren, und doch fühlte er eine Melancholie in sich, die ebenso gut Schuldgefühle sein konnten, weil er sich nur an ihn als Bezugsperson wirklich erinnern konnte.

Sie sprachen wenig, doch House schien intuitiv zu wissen, wann er derber mit ihm sein konnte und wann er Vorsicht walten lassen musste; es hätte die beste Nacht sein können, wenn er den Kopf frei gehabt hätte.

oOo

Auch am nächsten Tag nahm House Chase auf dessen Bitte nicht mit in die Klinik; ein Umstand, der nicht ohne besorgte Reaktionen blieb. Wilson fing ihn im in der Eingangshalle ab und flatterte nervös um ihn herum, um seiner Paraderolle als personifiziertes Gewissen gerecht zu werden.

„Wieder ohne Chase unterwegs in edler Mission? Du kannst ihn nicht ständig alleine lassen. Wer kann wissen, was er alles anstellt, ob ihm nicht etwas passiert? Epileptische Anfälle sind kein seltenes Symptom bei Schädel-Hirn-Traumata. Du spielst mit seinem Leben, indem du ihn keiner Aufsicht unterstellst."

„Er fühlt sich sicher zuhause. In einer vertrauten Umgebung geht es ihm gut, und er ruft mich an, sobald irgendetwas sein sollte. Was ihn hier erwartet, ist kein großer Anreiz für ihn. Du mit eingeschlossen. Er hat Angst davor, auf Kollegen zu treffen, die mehr über ihn wissen als er selbst. Und davor, deren Erwartungen nicht gerecht zu werden. Seine Argumentation hat mir eingeleuchtet, darum hab ich seinen Wunsch akzeptiert. Ganz so dumm ist er doch nicht."

Wilson seufzte und steckte sein Stethoskop in die Kitteltasche, spähte den Korridor hinunter, um eine Patientin mit einem ermutigenden Kopfnicken zu grüßen, ehe er die Konfrontation mit einer Lösung fortsetzte, die im Prinzip House' Zustimmung gefunden hätte.

„Hol ihn her, lass ihn Laborarbeit machen, dann ist er ein bisschen abgelenkt und fühlt sich zu etwas nütze. Das medizinische Wissen ist noch da, Foreman hat es doch überprüft. Er muss ja nicht gleich wieder für dich arbeiten. Im Labor hätte er Ruhe. Und irgendwann sollte er wieder anfangen, unter Menschen zu gehen. Manchmal sind neue Wege Angst einflößend. Damit muss auch Chase zurechtkommen. Ich hatte immer den Eindruck, er scheut sich nicht, sie zu gehen. Im Gegensatz zu dir."

„Dein Vorschlag ehrt dich, entbehrt aber leider jeglicher Logik. Er vergisst Dinge und kann sich nicht lange konzentrieren. Was glaubst du, was hier los ist, wenn er versehentlich Proben vertauscht und einer Leberzirrose einen Epstein-Barr-Virus anhängt? Cuddy würde mich feuern. Außerdem hat er sich verändert. Er ist nicht mehr derselbe seit dem Unfall. Ich würde gerne dich in seiner Situation sehen. Wäre interessant, zu erfahren, ob du aufhören würdest, deine Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken."

„House!"

Empört heftete er sich auf seine Fersen, stemmte die Tür des Fahrstuhls auf und zwängte sich durch den verbliebenen Spalt, der sich mit einem pneumatischen Surren hinter ihm schloss. Beide Männer starrten nach oben auf einen Fleck an der Wand, Wilson wippte auf den Fußballen. Gekränkt war er nicht. Mittlerweile hatte er sich in Sachen House ein dickes Fell zugelegt. Dessen spitze Bemerkungen musste man an sich abprallen lassen, wenn einem seine Freundschaft etwas bedeutete, und sie bedeutete ihm mehr, als er mitunter vor sich selbst eingestand. Vielleicht waren Chase und er auf sonderbare Art Masochisten. Oder zu einsam, um neue Bekanntschaften zu schließen.

„Ich werde nach ihm sehen."

„Er kommt zurecht."

„Ich gehe trotzdem. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache."

„Bring' einen Blumenstrauß mit. Rote Rosen mag er am liebsten. Und lass nicht zu sehr das Kindermädchen raus."

Ohne ihn eines weiteren Wortes oder Blickes zu würdigen, verließ er den Fahrstuhl, während Wilson achselzuckend den Knopf nach unten betätigte.

oOo

Überbleibsel eines heruntergerissenen Blatt Papiers klebten mit Tesastreifen befestigt an der Haustür. Ein Willkommensplakat in bunten Farben für Chase, wie auf einer Geburtstagsparty. Mit jäh einsetzender Rührung entzifferte Wilson House' Handschrift darauf. Es war ein außerordentlich romantischer Zug an dem sonst so rationalen und kühlen Freund, sich die Mühe zu geben, ihn mit dieser auf den ersten Blick geringfügigen Kleinigkeit zu erfreuen, ihm zu zeigen, wie sehr er ihn brauchte. Der junge Australier hatte ihn verwandelt, eine fast jungfräuliche und daher ohne Filter fließende Emotionalität hinter der unnahbaren Fassade aufgespürt, von der nicht einmal Wilson geahnt hatte, dass sie existierte. Als sei man auf eine Wasserquelle mitten in der Wüste gestoßen.

Überrascht bemerkte er, dass die Tür verriegelt war; er musste den Schlüssel zwei Mal im Schloss drehen, bevor sie sich öffnete.

Ein Geruch nach House wehte ihm entgegen, herb und männlich, ein bisschen ungewaschen, wie seine erste Frau es despektierlich formuliert hätte. Noch nie hatte er ihn in seiner Wohnung derart durchdringend wahrgenommen, obwohl er nicht einmal da war. Chase' klinischen Weichspülerduft erschnupperte er dagegen nicht, nicht einmal einen Hauch davon. Als hätte er Hemmungen, sich völlig auszubreiten oder versteckte sich unter House' gebieterischer Gegenwart, die seine fragile Seele überschattete.

Im Eingangsbereich standen von getrocknetem Meeressand fleckige Segeltuchschuhe und Sneakers halb übereinander, wie in Hast ausgezogen. Es war ein Anblick, der ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Intim. Er sollte nicht hier sein. Ihre Zweisamkeit stören. Seit Chase' Zusammenleben mit House war Wilson das fünfte Rad am Wagen und hatte sich schweren Herzens damit abgefunden, dass ihre Bowlingabende und Kartenspiele der Vergangenheit angehörten. Wann es zu einem Bruch gekommen war, ließ sich nicht einmal sagen. Schleichend war er gekommen, ohne sein Wollen, ihn herbeizuführen.

Am Schreibtisch rauschte der Laptop, den House vermutlich gestern Abend vergessen hatte, abzuschalten. Er trat näher, klappte ihn zu und grübelte, seit wann House einen Laptop für den Heimgebrauch besaß, den überdies eine Aufnahme des im Sonnengang rot leuchtenden Ayers Rock in Australien als Bildschirmschoner zierte. Es musste Chase' sein. Der Verlockung widerstehend, sich gründlicher damit zu befassen, schlug er den Weg zum Schlafzimmer ein.

Er schlief, und Wilson war froh, dass er nicht geklingelt und ihn damit geweckt hätte, so malerisch lag er da. Quer über dem großen Bett, ein Bein angewinkelt, die Arme um House' Kissen wie um einen Teddybären geschlungen, in dem er die rechte Hälfte seines Gesicht versteckte, reichte ihm die Zudecke gerade bis zur Taille. Seine erstaunlich feine, zart gebräunte Haut schimmerte kontrastreich in der weißen Satinbettwäsche, in die er wie in Wolken oder Blütenblätter gebettet war. Nur die Flügel fehlten, um einen Engel oder zierlichen Elf aus ihm zu machen. Der Geruch hier drinnen war anders, nussartig, von geheimen und dennoch vertrauten Aromen geschwängert und streng. Beinahe drückend hing er in der Luft und machte ihn benommen, denn er bestätigte die beklemmende Vermutung, die ihn beim Eintritt erfasst hatte.

Chase regte sich und hob schlaftrunken den Kopf, um sich dann mit Finger und Daumen die Augen zu reiben. Fest geschlafen hatte er nicht mehr.

„Guten Morgen", sagte Wilson. „Ich bin Dr. Wilson. Ihr Freund."

Er lächelte, während er sich aufsetzte und den letzten Rest Schlaf aus dem Blick vertrieb. Es war ein etwas schüchternes und zugleich aufschlussreiches Lächeln, das ihm durch und durch ging. „Guten Morgen. Ich erinnere mich. James?"

„Sie sind gut", lobte er und hoffte, dass es nicht anbiedernd klang. „An meinen Vornamen erinnert sich so gut wie niemand." Nicht einmal House nannte ihn James. Höchstens Jimmy, und das meist in einem recht mokanten Tonfall. Keinesfalls aufgrund des Umstandes, dass er bereits über zehn Jahre seine Launen ertrug.

Chase runzelte selbstkritisch die Stirn und verbesserte sich. „Dr. Wilson dann."

Es hätte ihm gefallen, Robert zu ihm zu sagen.

Die Decke glitt von ihm, als er die Beine aus dem Bett schwang, und Wilson spürte flammende Röte in die Wangen schießen. Er trug kein Stück Stoff am Leib, nicht einmal Shorts, und schien überhaupt nichts dabei zu finden.

Er räusperte sich, zwang sich, die Augen auf Chase' zu fokussieren statt den Blick bewundernd über ihn wandern zu lassen, was ihm schwer fiel in Anbetracht der burschikosen, ungewöhnlichen und natürlichen Schönheit, die ihre Wirkung selbst auf ihn nicht verfehlte. Chase hatte wundervolle Beine, stark und muskulös und einen Körperbau, der ihn zu einem von Teenies umschwärmten Filmstar oder Dressman prädestinierte. Weder stämmig noch gedrungen, eher schmal gebaut, strahlte er eine Verwundbarkeit aus, die Beschützerinstinkte weckte, wenn man kein Herz aus Stein hatte. Die Straffheit seiner Haut und die wohl proportionierten, muskulösen Rundungen der Glieder kompensierten die Tatsache, dass er ein wenig abgenommen hatte in den letzten Wochen.

„Ich wollte sehen, ob alles in Ordnung ist. Ob ich etwas für Sie tun kann."

Ungeniert räkelte er sich, und Wilson starrte angestrengt zu Boden, während er seinen plötzlich glühenden Nacken massierte.

„Das ist nett. Ich wollte ... ich war schon auf", rechtfertigte er sich, und er musste die Ohren spitzen, da sein australischer Akzent den leicht amerikanisierten zurückgeschoben hatte. „Einen Brief schreiben. E-Mail. Aber ich weiß nicht, wie. Der verdammte Computer mag mich nicht. Vielleicht könnten Sie mir helfen?"

„Gern." Ohne Scheu, die er aufgrund seiner Blöße hätte zeigen müssen, tappte er ins Wohnzimmer. Augenscheinlich war er es gewohnt, nackt in der Wohnung herumzulaufen. Es sah House ähnlich, dass er sich nicht daran störte. Vermutlich hätte er es auch nicht getan, wenn er im selben Verhältnis mit ihm leben würde wie sein alter Freund.

„Ahm ... Chase. Sie sollten vielleicht ... hm ... etwas überziehen. Der Sommer ist vorbei. Sie könnten sich erkälten."

Er kehrte zurück, hinterließ einen Duft nach Bett und Sex, der an Wilson vorbeischwebte und suchte den Kleiderschrank ab. In der Absicht, ihm gegebenenfalls zu helfen, trat der Onkologe hinter ihn, um nicht mehr auf seine Rückseite zu stieren wie ein armseliger Freak.

Er sah blutjung aus, so verloren, selbst von hinten, als er jetzt die Schultern anspannte und verzweifelt nach etwas Passendem Ausschau hielt, während er Geschäftigkeit vortäuschte, indem er mit den Kleiderbügeln klapperte.

Endlich zog er sich ein T-Shirt von House über, schlüpfte in eine seiner verschlissenen Jogginghosen, die über die Knöchel auf dem Boden schleiften und über die schmalen Hüften rutschten, ihm aber die Mühe ersparten, die Knöpfe zu schließen. Kurzerhand wählte Wilson eine Hose aus, nahm ein gestreiftes Hemd und eine Krawatte vom Bügel. Chase beobachtete ihn mit einigem Misstrauen und blies die immer noch viel zu langen Ponysträhnen aus den Augen, die seine feminine Physiognomie unterstrichen. Dessen ungeachtet war nichts Unmännliches an ihm. Widerstrebend gestand Wilson sich ein, dass ihn die Adoleszenz des Jungen reizte.

„Wenn es Ihnen recht ist, helfe ich Ihnen beim Anziehen. Ich möchte Sie in die Stadt einladen. Sie schotten sich ab, indem Sie hier Ihre Wunden lecken und keinen an sich heranlassen. Das dürfen Sie nicht. Sonst enden Sie eines Tages wie House."

Wobei das anscheinend nicht das Schlimmste ist, dachte er und schämte sich sofort seiner unzüchtigen Gedanken, die ihm beim Anblick des nackten Australiers unwillkürlich durch den Kopf gegangen waren. Glücklicherweise entsann sich Chase des Übergriffs in seiner Wohnung nicht mehr; die Hauptursache des Misstrauens lag in der Furcht, von ihm gekidnappt und in ein Heim für Pflegebedürftige verfrachtet zu werden. Sicher hatte House ihm davon berichtet, was ihn jetzt wie den bösen, schwarzen Mann dastehen ließ. Sie hatten keine Geheimnisse mehr voreinander. Sonderbarerweise fühlte er einen Stich der Missgunst in seiner Brust und wusste nicht recht, wen er mehr beneidete. Beide, wahrscheinlich. In seinen Ehen hatte er sich die erdenklichste Mühe gegeben, war galant und zuvorkommend gewesen, und jede Beziehung war gescheitert, während ein ehemals griesgrämiger Einzelgänger wie House mit dem sonnigen Australier unübersehbar das große Los gezogen hatte.

„Keine Angst. Wir sehen uns zusammen etwas an, gehen ins Kino, wenn Sie Lust haben. Ich weiß, dass Sie hier im Prinzip gut aufgehoben sind. Außerdem kann ich Sie nicht gegen Ihren Willen in ein Sanatorium überweisen, und wenn ich es täte, hätte House Sie spätestens heute Abend wieder raus gehauen. Kommen Sie mit, Chase. Es wird Ihnen gut tun. Tun Sie mir den Gefallen. Sie haben mehr Freunde als nur einen."

Eine lange Minute dachte er darüber nach, aber er war noch neugierig in einer Hinsicht, die House bedauerlicherweise verlernt hatte.

„Wohin?"

„Eine neue Wohnung besichtigen. House sagt, Sie seien ein guter Berater. Daher dachte ich, ich nehme Sie mit und hole Ihre Meinung dazu ein."