Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht.
- Oscar Wilde
- Kapitel sieben -
Zerreißprobe
Die Prozedur, die sie über sich hatte ergehen lassen müssen, war erniedrigend. Sicher hatte sie nichts dagegen einzuwenden, wenn sie geschminkt wurde. Nur wünschte Bulma sich eine andere Situation, wie etwa, wenn sie zu Chichi ging oder sich mit Yamchu hätte treffen können. War es naiv, dass sie an ein Treffen mit einem Saiyajin dachte, den sie noch nie zuvor gesehen hatte? Verrannte sie sich vielleicht sogar in etwas?
Aber nein, wie könnte sie sich in etwas verrennen? Sie stand hier, auf einem blöden Podest, umzingelt von sechs Dienerinnen, die ihr abwechselnd irgendetwas in ihr Gesicht schmierten oder wegwischten, damit sie - den Verhältnissen entsprechend - unter die Augen des Herrschers dieses Tyrannen-Planeten treten konnte. Ihre Haare wurden geflochten und mit kleinen weißen Perlen verziert und mit jeder weiteren Perle, die den Weg in ihr Haar fand, dachte Bulma, einen weiteren Nagel, der in ihren Sarg geschlagen wurde, zu hören. Das Kleid, das ihr grob über den Kopf gezogen wurde, war blau, was Bulma augenrollend zur Kenntnis nahm.Wie originell. Der Stoff hingegen, der sich wie flüssige Seide um ihren Körper schmiegte, war schön und kleine silberne Fäden waren eingearbeitet worden.
Nachdem sie als angemessen angesehen wurde, betrachtete sie sich in einem Spiegel und war überrascht. Dafür, dass sie gar nicht aufhörten, mit Pinseln in ihrem Gesicht zu hantieren, war kaum etwas von Make-Up oder sonstigem zu erkennen. Ihre Hände wollten ihr Gesicht berühren, aber auch das wurde ihr untersagt. Durfte man in diesem Haus überhaupt etwas? Irgendetwas? Das, was sie durfte, war, alleine zum Speisesaal zu gehen und gerade auf dem Weg dorthin, hätte sie gerne die Gesellschaft einer der Dienerinnen ertragen.
Die große Tür erschien bedenklich schnell in ihrem Blickfeld, vor der sie stehen blieb und daran empor sah. Beflissen rieb sich Bulma über ihre nackten Arme, da sie glaubte, von einer eisigen Kälte umgeben zu sein. Sie wollte nicht in diesen Raum. All ihre Sinne warnten sie, an etwas derartiges wie eine Flucht zu denken, denn finden würde man sie sowieso oder spätestens am Torbogen aufhalten. Langsam hob sie ihre Faust, schloss ihre Augen und klopfte schnell gegen das Holz. Jetzt konnte sie nicht mehr gehen, ebenso wenig, wie man ihr aber auch nicht mehr vorwerfen konnte, dass sie nicht gekommen wäre.
Die Sekunden die verstrichen, waren endlos und niemand bat sie herein. Hieß das, dass sie einfach eintreten durfte? Bulma klopfte vorsichtshalber noch einmal, aber auch dieses Mal erfolgte keine Reaktion, was sie dazu veranlasste, einfach die Tür zu öffnen und ihren Kopf hindurchzustrecken.
„Hallo?", rief sie leise hinein, als sie den Raum leer vorfand. Der Raum war groß und hell erleuchtet. Die bodenlangen Fenster waren geöffnet worden, die Vorhänge gaben unter der Luftzufuhr nach und erzeugten einen kalten und unheimlichen Eindruck, der einen heftigen Kontrast zur Helligkeit darstellte. Ihre Hände schoben die schwere Holztür weiter auf, sodass sie eintreten konnte. „Wenn er in zwei Minuten nicht da ist, gehe ich. Mir kann niemand vorwerfen", sprach sie flüsternd zu sich selbst, „dass ich nicht hier gewesen war. Ich war hier und wenn er sauer ist, dann... wirft er mich vielleicht raus? Ja, die Idee ist nicht schlecht, Bulma. Nicht durchdacht, aber effektiv." Sie ging vorbehaltlos auf den Tisch zu und sprach weiter mit sich selbst. „Er mag keine Provokationen, das sollte ich nutzen."
Vegeta erschien hinter der aufgeschobenen Tür und flog mehre Zentimeter über dem Boden hinter ihr her. Er war ihr so nahe, dass er die Hand ausstreckte, zwei Finger spreizte und kurz davor war, ihr Kleid zu berühren. Allerdings zog er sich im letzten Augenblick, unter größter Anstrengung, zurück und ließ sich geräuschlos zu Boden. Das lange Kleid entblößte den Rücken bis zu ihrem Steißbein, ließ ihn Einblicke gewähren, die er sonst niemals bekommen hätte.
Sich davon zu lösen, war gar nicht so einfach. Nie zuvor hatte er diese Probleme und plötzlich waren sie da. Nervig, aber... ja, andererseits wieder fesselnd und furios.
„Du bist zu spät!"
Ihre Hand, deren Fingerspitzen gerade über die Tischplatte streifen wollten, erstarrte inmitten ihrer Bewegung. Ruhig bleiben, Bulma! Ganz ruhig. Alles ist okay. Du bist hier, er wird mit dir essen und danach wirst du zurück in dein Zimmer gehen und schlafen. Sie drehte sich nicht zu ihm um, bewahrte Haltung und faltete folglich ihre Hände ineinander. „Ich dachte, Euer Angebot war nicht ernst gemeint und Ihr wolltet nur das letzte Wort haben." Sie befürchtete nichts, wieso auch? Er hätte sie schon zehnmal umbringen können und tat es nicht. Trotz ihrer Alarmglocken, die ihr sagten, dass das nur eine Frage der Zeit wäre, um sie davor noch zu quälen, verdrängte sie all das in die letzte Ecke. Vergessen waren ihre Worte, dass sie ihn provozieren wollte.
„Dann lass dir jetzt gesagt sein, dass ich alles, was ich sage, ernst meine. Ich bin weder dein Unterhalter, noch einer deiner jämmerlichen Freunde, kapiert?" Aufbrausend umrundete er sie, setzte sich auf seinen Platz und schaufelte sich mehrere Speisen auf den Teller. Bevor er jedoch zu Essen anfing, sah er zu ihr auf. „Setz dich hin. Ich hab Hunger und würde gern essen. Lange genug hast du mich ja schon warten lassen", gab er ihr grummelnd zu verstehen.
Prompt kam sie seiner Aufforderung nach und besah sich das Essen. Es sah zumindest besser aus, als das in der Küche. Ehe sie zu essen anfing, beobachtete sie Vegeta, der alles, was er zu fassen bekam, gierig in seinen Mund stopfte. Überrascht sah sie ihm mit geweiteten Augen zu und musste feststellen, dass er genauso verfressen wie Kakarott und Radditz war. Auch sie schlangen alles hinunter, als gäbe es keinen Morgen oder sie noch nie etwas gegessen hätten.
Wieder eine nette Analogie, die ihr zeigte, wie gleich sich viele - vor allem männliche - Saiyajins waren; egal, aus welchen Kreisen man kam.
Als ihm aufgefallen war, wie sie stumm auf ihrem Platz verweilte und nichts aß, sah er murrend zu ihr auf. „Was ist?", fuhr er sie zähneknirschend an.
„Nichts", log sie deprimiert und betrachtete ihre Hände, die momentan viel interessanter waren. Seinem Blick ausgesetzt zu sein, war beängstigend, weil man nicht abschätzen konnte, was als nächstes passierte. Er war so... so unberechenbar. Wie ein Buch, das man mit siebzig Siegeln verschloss. Aber das musste wohl so sein. Er war der König, der ein Volk aus Barbaren zu führen hatte. Natürlich musste man anhand dieser Gegebenheiten - wenn das auch durch nichts zu rechtfertigen war - die Oberhand behalten.
„Dann iss endlich", knurrte Vegeta ungehemmt und nahm widerwillig das Besteck in die Hand, woraufhin er ihren diffusen Blick bemerkte. Sein Hunger war kaum zu bändigen und dennoch nahm er das Besteck, um asketischer und gesitteter zu essen. Ja, er hatte es tatsächlich vergessen. Weibliche Saiyajins waren davor verschont geblieben und konnten kultivierter essen, als männliche Saiyajins. Es musste schrecklich degoutant für sie aussehen, wie alles hier. Er spürte ihre Abscheu ihm und seinem Palast gegenüber nur zu deutlich.
Statt sich auf ihr Essen zu konzentrieren, war sie völlig von Vegetas Wandel eingenommen. Aß er gerade mit Besteck und normal? Warum? Sicher nicht ihretwegen? „Ich hätte da noch eine Frage, Hoheit. Darf man hier atmen?" Die Frage kam zügig über ihre Lippen, worüber sie dankbar war. Andernfalls wäre ihr Mut, danach zu fragen, abhanden gekommen.
Vegeta unterbrach sich, legte gereizt das Essen zurück auf den Teller und sah mit zusammengekniffenen Augen zu ihr hinüber. Einer seiner Ellenbogen landete krachend auf dem Tisch, was sie, wie er erfreut feststelle, erschreckte. „Willst du mich zum Narren halten?" Würde er seine Faust noch etwas fester zusammendrücken, würde die Gabel in seiner Hand zerbersten, ganz sicher. „Was soll die Frage?" Sein Körper bebte, allerdings nicht aus Angst, sondern vor Zorn. Sie schaffte es tatsächlich, ihn aus der Fassung zu bringen.
„Ich bin nur neugierig. Schließlich muss man ja zwei Mal darüber nachdenken, was man von sich gibt."
So sehr er auch anfing, sie zu begehren, sie brachte sein Gleichgewicht, dazu seine Beherrschung ins Schwanken, wodurch er schwer mit seiner Contenance zu kämpfen hatte. Klirrend landete die Gabel auf dem Teller, Vegeta faltete seine Hände ineinander und sah zu ihr hinüber. „Höre ich da Angst?"
Er sollte schleunigst die Oberhand über dieses Gespräch gewinnen und zusehen, dass er nicht zum Mittelpunkt dieses Gesprächs wurde.
„Du weißt anscheinend noch gar nicht, was Angst ist", eröffnete er die nächste Runde ihres Machtkampfes. Er hatte ihre Worte, bezüglich der Provokationen und der daraus resultierenden Verweisung des Palastes, die sie sich erhoffte, nur zu gut gehört.
„Ich weiß sehr wohl, was es heißt, in Angst zu leben, Hoheit!", revoltierte Bulma, die ihr Besteck ebenfalls zur Seite legte und ihren Teller von sich schob, ohne etwas gegessen zu haben. Seine Worte klangen, als würde nur er die Angst kennen, was völlig abwegig war. Immerhin war er der König, der bewacht wurde und keinerlei Unterdrückung ausgesetzt war, im Gegensatz zu seinem Volk – das, wie sie wusste, teilweise unter ihm litt. „Aber Eure Doppelmoral ist erschreckend, sowie anmaßend. Dass Ihr Euch wagt -"
„Ich soll mich etwa nicht wagen?" Er war so schnell auf die Beine gekommen, wie es ihm möglich war. Sie erlaubte sich so einiges und Vegetas Zorn wuchs immer weiter, während sie sich in Sicherheit wog. Dieses Weib musste bemerkt haben, dass er ihr gegenüber zu human war, zu nett, zu freundlich und gelassen.
„Dass Ihr Euch wagt", fuhr sie unbeeindruckt fort, „über Angst zu urteilen, wo Ihr es doch seid, der im Universum und unter Eurem Volk genau dafür sorgt. Wisst Ihr, es ist bedauerlich, dass Ihr Euch darüber echauffiert, dass man es in Erwägung ziehen könnte, Euer Königreich – oder Euer Sklavenvolk – anzugreifen. Diese vorgetäuschte Angst ist kein Freifahrschein, andere Planeten anzugreifen, auszubeuten, gar auszulöschen oder die Saiyajins zu verurteilen, die Kritik gegenüber Eurer Heuchelei äußern." Ihr Herz raste, ihre Pulsfrequenz schlug Alarm, sowie gigantische Wellen, und wäre sie an ein Elektrokardiogramm angeschlossen, würden ihre Herzschläge das Gerät zerstören. „Wenn doch, dann bedenkt, Eure königliche Hoheit, dass diejenigen, die durch Eure Anschläge getötet werden, ebenso einer Eurer Freunde sein könnte."
„Ich habe", seine Hand lag ruhig auf der Tischplatte, „vor niemandem Angst!" Ruckartig hatte er sie gehoben und auf den Tisch krachen lassen. „Ist das klar?" Mit beiden Händen packte er unter den Tisch, den er mit einer Bewegung umwarf. All die Speisen, die darauf lagen, wurden durch das Zimmer geschleudert. Noch immer saß sie, weder erschrocken noch verängstigt, auf ihrem Stuhl, ohne sich zu erheben oder den Versuch zu wagen, zu flüchten. Vegetas weiße Stiefel traten über das Obst, ließen es unheilvoll auseinandersprengen, als er sich ihr näherte und mit einem Ausdruck, der nichts gutes hieß, vor ihr ankam.
Unliebsam beugte er seinen Oberkörper nach vorne, stützte seine Hände auf ihren Armlehnen ab und sah sie intensiv an. Dieses Weib, das von nichts eine Ahnung hatte, wagte es, ihm solch eine Antwort zu geben? Sie wagte sich, seine Führung anzuzweifeln und ihm Vorschriften zu machen? Was wollte sie? Ihn instrumentalisieren, ihm irgendeinen Stuss über Verantwortung durch Indoktrination einflößen?
„Wenn du schon so dogmatisch und philiströs bist", erläuterte er mit gesenkter Stimme, hob seine Hand und griff sanft nach einer Strähne ihres Haares, ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden, „dann denk du daran, dass, sollte man uns demnach angreifen, wenn ich nicht handle, es ebenso Kakarott und Radditz sein könnten, die zu den Opfern zählen."
Mit zusammengezogenen Augenbrauen und einem ebenso wütenden Blick, schlug sie die Hand des Königs aus ihrem Gesicht.
Feixend zog er sich zurück, jedoch nicht, um seinen Standort zu verlassen, sondern sie mit seinem kalten Ausdruck zu strafen, der wenigstens noch etwas zu bewirken schien. Darüber amüsiert, stemmte er die Hände in seine Hüften und legte seinen Kopf in den Nacken, um dem Lachen, das sich aus seiner Kehle zwang, freien Lauf zu lassen. „Was ist? Bist du sprachlos? Leidest du an Katalepsie? Vergiss niemals, dass eine Medaille immer, anstandslos immer, zwei Seiten hat."
„Ach ja? Ich denke eher, dass Ihr den Vorteil nutzt, dass man mit Angst die Masse am effektivsten lenken kann und getroffene Hunde am lautesten bellen."
Frech und vorlaut. Zwei wunderbare Attribute, die völlig fehl am Platz waren, da es Vegetas Eigenschaften waren. Von ihr erwartete Vegeta Demut und Devotion. Noch vor kurzem dachte er darüber nach, mit einundzwanzig nicht infantil zu sein und heute? Keine Woche später, war er das Paradebeispiel, weil dieses Weib ihm alles erschwerte.
„Oder wieso wurde der Planet von Freezer angegriffen?" Ihre Hände hatten sich in dem Stoff der Armlehnen, nachdem Vegeta sich von ihnen abstieß, festgekrallt, um ihre Nervosität dorthin zu projizieren.
„Nun, sag du es mir? Du scheinst ja über alles bestens informiert zu sein." Unverändert verharrte er vor ihr, aus seinem Mund zischten Laute, die ihr deutlich symbolisieren sollten, dass er kurz vor einem Ausbruch stand. Sie stellte gerade die Führung seines Vaters in Frage, zog gleichzeitig Vegeta mit in ihr Fadenkreuz und lehnte sich recht weit aus dem Fenster, mit ihrem vorlauten Mundwerk. „Ich warte, oder war das alles, was du beitragen kannst? Eine große Klappe und nichts dahinter?"
Bulma hatte noch gar nicht richtig angefangen. Der König würde seine Ohren anlegen, wenn sie ihm erst einmal ihre Ansichten verdeutlicht hätte, was eine lange Zeit im Kerker nach sich ziehen würde, das war sicher. „Wisst Ihr, Ihr solltet das Bärenfell nicht verkaufen, bevor Ihr den Bären noch gar nicht geschossen habt. Noch wiegt Ihr Euch in Sicherheit. Ihr denkt, Ihr seid unnahbar, aber Hochmut kommt immer vor dem Fall."
Oh, sie war ja niedlich. „Ich habe auch einen weisen Ratschlag für dich: Spiele nicht mit Kräften, die dein Geist nicht erfassen kann." Sie wollte seinen Stolz angreifen, was zur Folge hatte, dass sich kleine Blitze um sein Handgelenk bildeten, die daraufhin wie wild darum tanzten und darauf warteten, endlich abgeschossen zu werden.
„Ich glaube, man griff Euer Volk an, weil Freezer erkannte, wie missgünstig manche Saiyajins sind."
„Nein!" Von der Wut gesteuert, wurden die Blitze größer, sodass sie größere Ausmaße annahmen und sich um seinen gesamten Körper ausbreiteten. „Er fürchtete uns Saiyajins. Die Angst hatte ihn gepackt, was alleine der Grund für seine feige Tat war." Das war eindeutig das falsche Thema für Vegeta. Dieses Weib wusste nicht, was sie sagte, ließ unkontrolliert ihren Mund plappern, ohne die wirklichen Hintergründe zu kennen.
„Ich sehe das anders, denn -"
„Es ist mir egal, wie du das siehst." Seine geballten Fäuste waren nach unten gesenkt, sein Blick abgrundtief böse und eine Energiewelle erfasste ihn, die den Tisch und das Essen, das den Weg unsanft zu Boden gefunden hatte, wenige Zentimeter vom Boden hoben. Die Wände begannen zu vibrieren, der Boden, sowie sein Körper bebten und ließen ihn an die dunkelste Zeit in seinem Leben zurückdenken.
Mit vierzehn wurde er zum König gekrönt, musste sich Aufgaben stellen, die er gar nicht bewältigen wollte und dann kam eine dahergelaufene Saiyajin, die ihn zurechtweisen wollte, ohne jemals in Angst gelebt zu haben? Wo war sie denn, als Freezer seinen perfiden Plane in die Tat umsetzte und den Planeten angriff? Sicher nicht in der Situation, in der sich Vegeta befunden hatte. Er musste mit ansehen, wie sein Vater mit einem Schlag niedergestreckt wurde, bis die Soldaten eingriffen und mit größter Anstrengung diesen Bastard besiegen konnten.
Sie hatte nicht das Recht, zu urteilen. Nicht über ihn, nicht über seine Führung und schon gar nicht über seinen Vater.
Der Wind blies durch ihre und seine Haare, Vegeta entfesselte seine Macht und ließ sie durch einen der Windzüge zu Boden werfen. Sie war dort, wo er sie haben wollte – am Boden, mit angsterfülltem Blick und einem verschlossenen Mund. „Nimm dich ja in Acht, Kleines. Noch lebst du nur, weil du mir gehörst. Wenn du vogelfrei bist, wird dich nicht einmal Radditz retten können, das versichere ich dir."
Angstschweiß bildete sich auf ihrer Stirn, der sich langsam in Bewegung setzte, sich über ihren Nasenrücken einen Weg hinab zu ihrem Kinn bahnte. Mit ihren Armen und Füßen robbte sie über den Boden und versuchte sich von diesem böswilligen Monster zu entfernen, das – wie sie nüchtern feststellte – an Ort und Stelle stehen blieb. Seine Drohungen waren so unheilvoll, so... so lebensgefährlich und sie glaubte jedes einzelne Wort.
„Ja, geh nur", schnaufte er vergnügt. „Ich finde dich trotzdem." Trotz dessen, dass sie ihn vorher noch so amüsierte, hatte sie ihre Grenze überschritten – wie bereits alle in dieser Familie – und das musste er unterbinden, bevor sie noch aufmüpfiger wurde. Dieses Gespräch hatte sich in Sekundenbruchteilen so sehr verändert, dass es selbst Vegeta unangenehm wurde, sie weiter in seiner Nähe zu haben, weil er zu gut wusste, wie schnell er aus der Haut fahren und seinen niederträchtigen Trieben nachgehen würde.
Mühsam raffte sie sich auf, nahm ihre Beine in die Hand und rannte aus dem Saal, ohne zurückzublicken. Zu groß war die Angst, dass, wenn sie sich umdrehte, Vegeta plötzlich hinter ihr stand und sie kam erst zum Stillstand, als sie gegen einen anderen Körper prallte, dessen Hand, ehe sie mit ihrem Hintern wiederholt auf dem Boden landete, nach ihrem Oberarm griff und vor dem Fall bewahrte.
„Immer langsam, junge Dame."
War der Saiyajin vor ihr wieder eine Wache, die Bulma angreifen würde? Trauen würde sie hier niemandem mehr, egal wie freundlich ihr Gegenüber sich auch darstellte. Eine gesunde Portion Misstrauen würde ihr nicht schaden. Bulma entging auch, noch immer in ihrer Panik gefangen, dass der Saiyajin sie weiterhin an ihrem Oberarm festhielt, da sie zu gebannt und abwartend in sein Gesicht sah.
„Ist alles in Ordnung mit dir?"
„Ja", hauchte sie, ehe sie sich besann und sich schlussendlich dazu entschied, sich zu räuspern. Vorsichtig, aber grazil genug, entzog sie ihren Arm aus seinem Griff und strich sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Ja, es ist alles in Ordnung", bestätigte sie sicherer. „Danke, ich war etwas in Eile." Unverbindlich sah sie an dem großgewachsenen Saiyajin vorbei, um sicherzustellen, dass sie weit genug von ihrem Albtraum entfernt war. Erst danach ließ sie erleichtert ihre Schultern nach unten sacken und ihren Körper entspannen, was unüberlegt war, aber ihre Kraft war verbraucht. Sie konnte nicht mehr!
„Das hat man gesehen", quittierte der Unbekannte mit einem Lächeln. „Wohin musst du?"
Das wusste Bulma gar nicht, weswegen sie sich entschloss, zurück zum Gravitationsraum zu gehen, und ihre Arbeit fertigzustellen. Umso schneller käme sie wieder nach Hause und sie würde nach Hause gehen... Ja, sie... sie würde. Ob er wollte oder nicht, aber er sagte, dass sie danach gehen könnte, Punkt. „Ich gehe zum Gravitationsraum."
„Du bist die neue Technikerin?", fragte er verblüfft und sah an Bulma hinab. „Meinst du nicht, dass das etwas gewagt ist?", wollte er freundlich wissen, als er auf ihre Erscheinung und vor allem auf ihr Kleid deutete.
„Ich..." Auch Bulma sah an sich hinab und unverzüglich wanderten ihre Arme um ihren Körper, in der Hoffnung, die Erinnerungen – weshalb sie in dieses Kleid gezwängt wurde – zu vergessen, obwohl sie wusste, wie sinnlos ihr Handeln gerade war. „Nein, ich muss mich noch umziehen. Danach werde ich in den Raum gehen und du? Bist du ein Wachposten?", entfuhr es ihr gepresst.
Belustigt über ihre Schüchternheit, verschränkte er seine Arme. Wie passend es doch war, da er selbst zurückhaltend war, was das weibliche Geschlecht anging. Doch sie fiel ihm quasi in die Arme, sie kannte ihn nicht, was es ihm erleichterte, selbstbewusster und selbstsicherer aufzutreten. „Nein, ich bin auch einer der Techniker. Mein Name ist Yamchu und, wie es der Zufall so will, war ich auch gerade auf dem Weg zum Gravitationsraum."
Yamchu? Dieser Yamchu, von dem Chichi erzählte?
„Und dein Name ist?"
Ihr Mund öffnete sich leicht, als sie in das Gesicht ihres Gegenübers sah... Diese Augen und die dazugehörigen Haare, die über seine Schultern fielen, waren so... so anziehend. Sie war wirklich naiv, bestätigte ihr Verstand. „Mein Name? Ich... Ich heiße Bulma", stotterte sie nervös und konnte die Wärme spüren, die sich über ihre geröteten Wangen legte. Chichi hatte nicht übertrieben, als sie ihr erzählte, wie gut er aussah.
Oh, das klang arg oberflächlich, oder? Aber, versuchte sich Bulma gedanklich vor ihrem Ich zu rechtfertigen, wenn man jemanden erst kennenlernte, blieb einem nichts, außer das Aussehen, oder? Den Charakter kannte man noch nicht, womit man nur das Äußere beurteilen konnte, bis man den Charakter kennenlernte.
Yamchu war sogar bereitwillig mit ihr zu ihrem Zimmer spaziert. Er wartete vor der Tür, wonach sie gemeinsam zu Vegetas Gravitationsraum gingen. Bulma befand, dass Yamchu ein angenehmer Geselle war, der höflich genug war, sie aussprechen zu lassen und zuvorkommend war, was das Zuhören anging. Nicht, wie ein anderer Saiyajin, der sich das Recht nahm, sich über jeden zu stellen und zu urteilen.
Der Umstand, dass sie Yamchu ausgerechnet hier kennenlernte, war unschön, aber erfreulich genug, um darüber hinwegsehen zu können. Vielleicht könnten sie gemeinsam den Raum verbessern, wodurch Bulma schneller hier weg wäre und sich außerhalb des Palastes mit Yamchu treffen konnte?
„Wie kommt es, dass ich dich noch nie zuvor in der Stadt gesehen habe?" Er gab den Zugangscode blind ein und trat als erster in den Raum, gefolgt von Bulma, die über ihre Antwort nachdachte.
„Na ja, ich bin selten in der Stadtmitte." Dass sie selten dort war, war eine maßlose Übertreibung. Schließlich achtete Radditz immer peinlichst darauf, sie nie in die Stadt zu lassen und wenn, dann nur in seiner oder Kakarotts Begleitung – was, wie ihr mittlerweile aufging, mehr als unpassend war. Immerhin war sie achtzehn Jahre und alt genug, was sie – sobald sie zuhause wäre – Radditz sagen würde.
Und wie sehr sie Vegeta auch verabscheute – eines hatte sie hier gelernt; sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. „Weißt du, wo die Kerker sind, Yamchu?", fiel sie ihm ins Wort, als er ihr gerade sein weiteres Vorhaben erklären wollte.
„Ähm, nun ja. Schon, aber wieso fragst du?" Yamchu begutachtete gerade Bulmas Luke, als er sich die Leiter schnappen und selbst hinaufsteigen wollte, um die Festigkeit der Schrauben nochmals zu kontrollieren. Er war recht angetan von ihrem Talent und hätte nicht damit gerechnet, eine Frau mit solcher Begabung kennenzulernen.
„Das kann ich dir nicht sagen." Nein, Bulma konnte es nicht verantworten, dass ihretwegen noch andere in Mitleidenschaft gezogen wurden. Vielleicht hielt man Radditz, Kakarott und Chichi dort gefangen und... und sie mussten die schlimmsten Hiebe – ohne sich wehren zu dürfen – ertragen. Auf diesem Planeten war schlichtweg alles möglich, wodurch sich in Bulmas Gedanken die schrecklichsten Szenarien abspielten. „Es ist besser, wenn du nichts weißt." In ihren Gedanken fügte sie noch hinzu, dass sie ihn nicht kannte und ihm noch nicht vertrauen konnte.
„Was willst du damit sagen?" Ungeahnt, was sie wirklich vorhatte, blieb er vor der Leiter stehen und sah zu der jungen Saiyajin herüber. „Du musst mir nicht sagen, was du genau vorhast, doch ich sage dir: Lass es lieber direkt bleiben. Dem König bleibt hier drinnen nichts verborgen."
Verzweifelt kaute Bulma auf ihrer Unterlippe. Ja, das durfte sie bereits am eigenen Körper spüren. Dennoch war es nicht richtig, tatenlos hier zu sitzen und doch, so schrie ihr Verstand, wäre es bedeutend besser, hier zu bleiben und ihrer Arbeit nachzugehen. Ihr Verstand war clever genug, ihr davon abzuraten, aber ihr blutendes Herz war anderer Meinung.
„Außerdem sind die Kerker sehr gut bewacht. Vielleicht kann dich das abschrecken."
Sie war schon abgeschreckt genug, keine Frage und vermutlich – nein, höchstwahrscheinlich – behielt Yamchu, bezüglich seiner Aussage, dass sie es gleich lassen sollte, recht. Sie würde alles, mit ihrem unkontrollierten Verhalten, nur noch mehr verschlimmern. Wobei sie schon genug Unruhe gestiftet haben musste, wenn sie darüber nachdachte, was in den wenigen Tagen alles passiert war. Bulma sollte sich lieber auf ihre Arbeit konzentrieren, statt irgendwelchen Hirngespinsten, die sowieso zum Scheitern verurteilt waren, nachzujagen.
Spätestens, wenn sie zuhause ankam, würde sie erfahren, was mit ihren Brüdern und Chichi passiert wäre. Bis dahin musste sie ihre Füße still halten.
XxX
Eine gute Sache hatte es, dass sie ihn so zur Weißglut trieb und er daraufhin den Tisch umwarf. So konnte er sich wenigstens dem Handelsabkommen der Namekianer wieder widmen. Sein Königreich war auf viele der Rohstoffe der Nameskianer angewiesen, was er nicht nachvollziehen konnte. Ihr Planet war, was Gemüse und Obst anging, fruchtbarer als seiner und dabei ernährten sich diese Grünlinge von Wasser... Um das Überleben der Rasse zu sichern, nahmen sie nichts weiter als Wasser zu sich. Was ein Paradoxon.
Im Gegenzug gewährte Vegeta ihnen, ihren Planeten, sowie ihr Volk, nicht anzugreifen, was an Lächerlichkeiten fast nicht zu überbieten war, aber sein Volk war auf die Nahrung dieser abstoßenden Wesen angewiesen.
Es war widerlich, wenn man von anderen abhängig war. Wahrlich zum Kotzen. Den Planeten angreifen, passte nicht in seinen Plan, da er keinen seiner Krieger dorthin schicken konnte, um Landwirtschaft zu betreiben, was der einzige Grund für Vegeta war, diesen jämmerlichen Planeten in Frieden zu lassen.
Als er sich vor zwei Stunden verdrossen aus seinem Speisesaal zurückzog, um die Pergamente durchzusehen, sowie die weiteren Handlungsverläufe der Angriffe, wurde er jäh unterbrochen. Ruhig atmend und mit geschlossenen Augen hatte er das abrupte Eintreten geduldet, doch sein darauffolgender Blick sagte schon alles.
„Was ist?"
„Majestät", erwiderte der Krieger inmitten seiner Verbeugung. „Turles ist soeben angekommen – unversehrt."
Turles? Seit einem Jahr reiste er durch die Galaxie, auf der Suche nach neuen Planeten und Vegeta befürchtete schon, er wäre bei einem seiner Alleingänge ums Leben gekommen, da der Saiyajin, ähnlich wie Radditz, autark und skrupellos handelte. Taktisches Denken fiel diesen Narren schon immer schwer. „Bring ihn nach unten zum Beraterzimmer."
Ob Turles, bezüglich eines neuen Planeten, fündig wurde? Vielleicht konnte Vegeta die Schlacht anführen, um endlich diesem Zwang, ihr nachzusteigen, zu entkommen? Er traute sich und seinen abnormen Gedanken nicht mehr. Das Verlangen nach ihr, steigerte sich – seiner Meinung nach – fast minutiös. Immerhin konnte er sich nun mit Turles' Nachrichten befassen, die hoffentlich besser ausfielen, als die bisherigen.
Mit verschränkten Armen stolzierte er durch die Flure, hinab zu seinem Beraterzimmer, vor dem der Ankömmling bereits ehrfürchtig wartete und sich tief verneigte, als Vegeta in sein Blickfeld trat. „Königliche Hoheit."
Ohne ihn anzusehen, öffnete er die Tür und kehrte zu seinem Platz, wo er noch vor fünf Tagen mit Radditz und Kakarott saß, zurück. Turles war ihm unauffällig gefolgt, ließ sich auf einen der freien Plätze fallen und begann sofort davon zu erzählen, was er im letzten Jahr entdeckt und gesehen hatte. Er erzählte von drei Planeten, dessen Bewohner unscheinbar und schwach waren. Bei zwei, der drei genannten Planeten, stellte die Entfernung kein Problem dar.
„Wie heißen die Planeten?", unterbrach Vegeta den Krieger harsch.
„Die Erde ist unserem Planet am nächsten. Schwache Bewohner, aber absolut sehenswert. Ihr werdet eine beträchtliche Summe erhalten. Vom Aussehen sind uns die Erdlinge gleich. Ebenso vermute ich, dass man sie wunderbar als Sklaven, dank ihrer Naivität, halten kann."
Oh, wenn Turles wüsste, wie sehr sich manche Saiyajins voneinander unterschieden, würde er diesen Vergleich mit den Erdlingen sicher nochmals überdenken. „Und der andere?"
„Yadrat. Dessen Bewohner genauso schwach sind, aber diese verfügen über unheimliches Wissen. Sie sind in der Lage, Zeit und Raum zu manipulieren." Aufgeregt zog er sich mehrere Papiere aus dem Brustpanzer, die er Vegeta vor die Nase legte und mit seinem Finger über die verschiedenen Protokolle wanderte. „Sie sehen eigentümlich aus, zweifelsohne, aber was Technik angeht, können Eure Techniker sicher noch etwas lernen, Hoheit." Er zog die Skizze hervor, auf welcher Turles das Aussehen der Yadrats skizziert hatte.
„Wie sieht es mit der Schwerkraft aus?", wollte Vegeta interessiert wissen, als er sich nach vorne beugte, um eine bequemere Position einzunehmen.
„Deutlich schwächer, als hier. Die Gravitation wird uns keine Probleme bereiten", antwortete er gehässig, siegessicher... fast krankhaft. Er freute sich darauf, endlich wieder zu kämpfen. Das Jahr in seiner Kapsel war langweilig, da er sich keiner Herausforderung stellen konnte.
„Sehr gut", entgegnete Vegeta ruhig. Das waren positive Nachrichten. Dann bräuchte er sie nicht mehr. Hätte er früher gewusst, was ihm blühte, wenn er sie zu sich nahm, hätte er auf so manche Begegnungen verzichten können. Währenddessen stützte seine Hand den Kopf, als er die Blätter überflog und sich die Zeichnungen, sowie die Notizen genauer besah.
Die Frage war nur, welchen Planeten sie zuerst angreifen sollten?
Die Erde oder Yadrat? Wollte er Geld verdienen oder seine Kampfkraft steigern? Tja, Vegeta musste nicht lange überlegen, als er sich nach zwei Minuten grinsend in seinen Stuhl zurücklehnte und mit dem Finger auf das Pergament deutete, das ihm am nächsten lag.
„Yadrat? Ich verstehe, Majestät."
„Ich werde Kakarott und Radditz noch zwei Tage schmoren lassen. Danach wirst du mit ihnen nach Yadrat fliegen, um den Planeten auszukundschaften. Dafür gebe ich euch zwei Tage Zeit, damit der Angriff schnell vonstatten gehen kann." Ja, Turles war zuverlässig. Immerhin ein Saiyajin, der ihm was gutes mitteilen konnte.
„Die Beiden?"
„Hast du was gesagt, Turles?" Missmutig stand er auf und stellte sich direkt vor seinen Kämpfer, der ihn um zwei Köpfe überragte. „Gibt es an meiner Entscheidung etwas auszusetzen?" Neben Nappa, Kakarott und Radditz, hatte auch Turles mit ihnen das Training durchlaufen und Vegeta würde behaupten, dass er zu Turles – und bis vor kurzem auch zu Radditz – ein relativ beschiedenes und unkompliziertes Verhältnis hatte. Aber in letzter Zeit hatten Radditz und Kakarott die Grenze überschritten und es wäre eine gerechte Strafe, die beiden in den Kampf zu schicken.
Mit Sicherheit würde er Bulma damit genauso provozieren können, denn Vegeta war sich sicher: Sie würde davon erfahren.
„Nein. Werdet Ihr uns begleiten?"
„Ja!" Mit finsterem Blick wandte er sich ab und verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Er hätte somit noch vier Tage Zeit, um sich auf den Angriff auf Yadrat vorzubereiten. Da er wusste, dass bis dahin sein Gravitationsrtaum nicht fertig wäre, müsste er mit Nappa zurück in die Berge, um zu trainieren.
