Levy gähnte und rieb sich die Augen, der Geist immer noch von Müdigkeit umhüllt. Sie war gestern recht spät ins Bett gegangen, völlig vertieft im Buch über den Pol, den sie in der Bibliothek gefunden hatte und es war recht schwer gewesen, am nächsten Morgen aufzustehen. Miss Ayria hatte sie um neun Uhr aufgeweckt und hatte ihr beim Anziehen geholfen, amüsiert von Levys müder Ungeschicklichkeit. Die hübsche Blonde mit der Pfirsichhaut war eine liebevolle Person, weitaus mehr als die Blauhaarige auf dem ersten Blick geglaubt hatte. Ihr sanftes Lächeln war nicht gespielt wie das ihrer erlauchten Vorfahrerin und ihre grünen Augen waren voller Güte.
Wenn sie Ayria blindes Vertrauen schenken würde, war Levy ihren Zwillingsbruder eher misstrauisch gestellt. Lord Terence hatte den Ruf ein unverbesserlicher Aufreißer zu sein, außerdem schien er Yukino gefährlich nahe zu stehen. Doch eine Beziehung zwischen den beiden wäre unheilvoll. Erstens würde es die Ehre einer jungen Frau beschmutzen, die schon einem anderen versprochen wurde, und zweitens wäre es eine Beleidigung gegenüber der Citacielle und Alexandria würde darunter leiden.
Sie öffnete die Tür des Salons, ein Gähnen unterdrückend. Lisanna und Kinana redeten in einer Ecke des Raumes, einen Stickrahmen auf dem Schoß. Levy lächelte, als sie die unbeendete Arbeit der beiden sah. Lisanna war anscheinend keine gute Näherin und ihre beste Freundin noch weniger. Doch Levy konnte sie verstehen. Sie selber hatte Schwierigkeiten eine Nadel zu halten, ohne jemanden zu verletzen.
Sie setzte sich in einem Sessel und seufzte. Sie hatte das Frühstück verpasst und war hungrig. Zum Glück hatte Ayria versprochen, ihr vor dem Mittagessen ein Brötchen zu geben.
Die junge Frau hatte nicht nur Probleme mit dem Schlafmangel. Lucy redete nicht mehr mit ihr. Ayrias Worte von gestern, die jedoch gut gemeint waren, hatten sie anscheinend getrübt. Ihre beste Freundin hatte sich in ihrer Kabine eingeschlossen und wollte niemanden sehen.
Levy hatte kurz Yukino mit Magnus reden sehen, Terence und seine Zwillingsschwester genossen die Sonne im Speiseraum und Lord Cheney war ebenfalls nicht aus seinem Zimmer gekommen.
Levy fühlte sich etwas alleine.
Sie beschloss in ihr Zimmer zurückzugehen um ihr Buch zu holen und sich ein Beispiel an den Vermillion-Erben zu nehmen. Als sie den Schmöker endlich in ihrer Unordnung wiederfand – ihr Talent einen Raum ducheinander zu bringen war von Fiore mitgekommen – ging sie in den Speiseraum und war erstaunt zwei leere Sessel zu sehen. Wo waren sie hin? Nun fühlte sie sich wirklich alleine.
Sie warf einen Blick in den Salon und lächelte, als sie Miss Ayria sah, wie diese Lisanna und Kinana die Kunst der Stickerei beibrachte, was jede junge Ehefrau können sollte. Glücklich dieser Tortur zu entkommen, schlich sich die Blauhaarige fort. Sie setzte sich auf dem Stuhl, aufgewärmt von der hübschen Blonden, und legte ihr Buch auf ihrem Schoß.
Nun... sie hatte gerade das Kapitel über die Söldner gelesen, diese Kopfgeldjäger deren Unfehlbarkeit in den Missionen nur mit ihrer Grausamkeit verglichen werden konnte. Sie blätterte die Seite und las still der Titel des nächsten Kapitels.
DIE MACHT, DAS KÖNIGSTUM UND DIE DRACHEN
Endlich! Endlich würde sie mehr über diesen fremden Clan erfahren, zu den sie gezwungen wurde anzugehören. Vielleicht gab es Details über Mavis' Schuld...
Der König des Pols trägt den Namen Acnologia. Er ist, der Legende nach, dieser der seinen Clan zu seinem neuen Heim gebracht und die Citacielle mit seinen eigenen Händen erbaut hätte, diese mystische fliegende Stadt.
Doch einige streiten ihm diese Akten ab. In der Tat, während dem Krieg der Spalten, fünfzig Jahre nach dem Exodus, wurde die kriegerische Natur des Monats von allen bekannt, was sein Beinamen und der Namen seines Clans entschied: Seit diesem Tage sprachen seine Untertanen nur mit Furcht und Ehrbietung von ihm, dem Drachenkönig.
Eigentlich war der Clan der Drachen ein Matriarchat, da Acnologias Zwillingsschwester Ananéosi auf dem Thron steigen sollte. Doch die Königin starb kurz nach dem Exodus an einem Gehirnfieber, nur zwei männliche Erben hinter sich lassend. Der König war selber Vater von zwei Söhnen, die weibliche Nachfolge konnte nicht beglichen werden und der natürliche Gang wurde getrübt.
Acnologia wusste, dass seine Schwester schwanger war. Als sie starb, war die Schwangerschaft beinah zu Ende gewesen. Er bat den Chirurgen das noch lebendige Kind in ihrem Leib zu retten, so kam Grandine, der Engel, auf die Welt, einzige weibliche Erbin ihrer Generation.
Logischerweise hätte die Drächin einmal erwachsen ihren Onkel auf den Thron ablösen müssen. Doch Ananéosis Tochter wollte nicht regieren. Und ihre einzige Tat als Königin war die Regentschaft dem Drachenkönig zu geben, bis eine neue Erbin ihn ablösen würde, entweder aus ihrem Leib oder aus der ihrer Brüder.
Reden wir nun von diesen Nachfahren.
Die Ehegemahlen von Acnologia und Ananéosi waren beide von Fiore. Sie hatten keine verwandte Bindungen zu den Drachen und so galt es für alle Mitglieder des Clans, die eine Person außerhalb ihrer Familie und ihres Clans beehelichten.
Der Drachenclan ist sehr groß. Heute zählt er mehr als zweihundert eingeborene Mitglieder und genau so viele eingeheiratete. Im Zentrum gibt es eine Elite, die von den beiden Generationen der Erben von Acnologia und Ananéosi vertreten ist. Diese Elite bildet sozusagen die Königsfamilie, wie der Scarlettclan auf der Arche des Paradies oder das Haus Vermillion auf Fiore. Die Drachen, die strenggenommen es auch wirklich sind, sind im ganzen zwölf, ohne den Regent mitzuzählen.
Acnologia & ? = Skyadrum & Metallicana
Ananéosi & ? = Igneel, Weisslogia & Grandine
Skyadrum & ? = Rogue Cheney
Metallicana & ? = Gajeel Redfox
Igneel & ? = Erik & Natsu Dragneel
Weisslogia & ? = Laxus Dreyar & Sting Eucliffe
Grandine & ? = Wendy Marvell
Es ist zudem erstaunlich, dass alle Gemahlen dieser Drachen entweder bei der Geburt gestorben sind, für die Frauen, oder unter mysteriösen Umständen verschwunden sind, was ihre Absenz auf der Ahnenlinie erklärt. Erwartet allen, die einen Drachen heiraten, ein tragisches Schicksal? Männer und Frauen von Fiore, hütet Euch...
Levy erhob den Kopf, völlig erschüttert. Die letzten Linien des Kapitels waren irgendwie besorgniserregend.
Der Autor des Buches sprach sie fünf Mädchen direkt an, um sie zu warnen. Die kleine Blauhaarige hatte noch weniger Lust ans Ziel zu kommen.
Sie beobachtete das Medaillon-Portrait ihres Führers neben seinen blutrot geschriebenen Namen. Der Cheney des Bildes war der lebendigen Version wie aus dem Gesicht geschnitten. Das Buch musste erst vor kurzem veröffentlicht worden sein, damit eine solche Ähnlichkeit entstand. Levy drehte das Buch um und las das Datum auf dem Klappentext. Sie machte kugelrunde Augen und stotterte: „W-w-wie... ist das möglich?"
Die weissen Ziffern formten die Zahl x675.
Also fünfzig Jahre zuvor.
Levy feuilleta l'ouvrage avec empressement et s'arrêta à la page 246, qui listaient certaines particularités des Dragons :
Levy blätterte den Schmöker und hielt an der Seite 246 an, die eine Liste enthielt über einige Eigenarten der Arten enthielt.
Verschlimmerte Sinne – Fähigkeit, in der Nacht perfekt zu sehen, übergroße Geruch- und Hörsinne, verfeinerte Geschmacks- und Tastsinne – gegenseitige Abneigung gegenüber Tiere, übermächtige Talente, kein Bedürfnis sich regelmäßig zu ernähren, größere Lebenserwartung als einige Pflanzenarten der Alten Welt – etwa von 150 bis 700 Jahren, was den ältesten lebendigen Drachen angeht, der Drachenkönig Acnologia überlebte schliesslich der Grosse Chaos.
Mit klopfenden Herzen und einem trockenem Mund las Levy mehrmals die letzten Linien, ohne dies glauben zu können. Waren die Drachenprinzen also fast... unsterblich?
„Seid Ihr schockiert?"
Die Blauhaarige zuckte so fest zusammen, dass das Buch aus ihren Händen fiel und auf dem Boden landete. Sie drehte sich zu Lord Cheney um, der mitten im Speiseraum stand. Er hatte sie wirklich erschreckt, so aus dem Nichts aufzutauchen!
„Ich habe Sie lesen gehört und erkenne, was Ihr in Euren Händen... gerade hieltet", sagte der Fremde und zeigte mit dem Kinn auf das Buch. „Es tut mir Leid, wenn ich Sie erschreckt habe."
Er gesellte sich zu ihr, hob das Buch vom Boden auf und überreichte es ihr, bevor er sich gegenüber von ihr auf einem Sessel setzte. Sie beobachtete erstaunt sein neutrales Gesicht. Wie konnte dieser Mann über fünfzig Jahre alt sein. Er schien nicht älter als zwanzig.
„Ich nehme an, Ihr habt viele Fragen und das ist völlig normal. Jedoch dachte ich, dass Ihr diese... Eigenschaft von uns Drachen kennen würdet. Sie ist ziemlich berühmt."
„Nein... nein, ich wusste nichts davon. Und ja, es hat mich ziemlich geschockt. Wären Sie so höflich mir dies zu erklären?"
Lord Cheney schien zu lächeln, bevor er begann zu erklären: „Ich erblickte am 6. Oktober x654 das Licht der Welt. Wenn ich Eure Lebenserwartung hätte, wäre ich heute 71 Jahre alt. Aber wie sie sehen, Miss McGarden, unsere Lebenserwartung ist viel größer als die der Menschen. Nach Ihnen bin ich vielleicht 71 Jahre alt, doch mein Körper und meine Maturität sind hingegen beim 21. Lebensjahr stehen geblieben. Wir Drachen entwickeln uns langsamer und wenn wir zum 20. Lebensjahr gelangen – nach Drachenjahr gezählt – bleiben wir in diesem Zeitalter für unbestimmte Zeit, was zwischen dreißig und sechzig Menschenjahre variieren kann. Dies erklärt, warum wir jung aussehen, obwohl wir im letzten Jahrhundert geboren wurden. Alles in Ordnung, habe ich Sie nicht durcheinander gebracht?"
„Nein, gar nicht. Ich dachte einfach über diese Möglichkeit nach. Wie ist dies möglich?"
Cheney zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Ein Geschenk der Götter, ein Zufall... vielleicht sind wir eine Evolution der menschlichen Rasse, wer weiß? Eigentlich achten wir nicht darauf. Die meisten Personen um uns sind selber Drachen und die anderen sind uns zu wenig nahe oder wichtig, dass wir bemerken können, ob sie schneller altern als wir oder nicht."
„Und was ist mit uns? Ich meine, sind die Ehefrauen der Drachen dazu verdammt viel früher zu sterben als ihre Gemahlen?"
Der Lord des Nordes bedachte sie mit einem merkwürdigen Blick, bevor er aufstand und seine Knie entstaubte.
„Nein, natürlich nicht, aber das ist ein anderes Thema und ich bin nicht dazu verpflichtet Ihnen davon zu erzählen bevor wir zur Citacielle angekommen sind."
Mit diesen nickte er ihr zu und ging, eine völlig perplexe Levy hinter sich lassend.
Sie wendete sich wieder dem Buch zu auf ihrem Schoss und detaillierte die Gesichter der Drachen in den Portraits neben ihren Namen.
Es hatte die beiden Söhnen der Hellen Lilie, weizenblond und gut erkennbar an ihren Narben, die dem Jüngeren ein spitzbübisches Aussehen gab und dem Älteren ein kriegerisches: Sting Eucliffe und Laxus Dreyar. Und dann die beiden Erben Igneels, die sich überhaupt nicht ähnlich sahen. Ihre respektive pinke und rotbraunen Haaren waren eine ungefähre Mischung der flammenden Mähne ihres Vaters: Natsu und Erik Dragneel.
Um mit den Nachkommen der Königin Ananéosi aufzuhören – von der es nur eine schwarzweiße Photografie gab, sie starb vor den technologischen Fortschritt – gab es Grandine, stolze Frau deren Haarfarbe sich zwischen Creme und Blassrosa befand und ihre Tochter, zukünftige Königin des Clan der Drachen, die niedliche Wendy mit dem feenhaften Lächeln.
Levy blickte dann zur Genealogie des Königs – einen Mann mit einem blutigen Blick und dunklen Gesichtsausdruck – und beobachtete die strengen Gesichter seiner Kinder. Skyadrum der Dunkle, mit langen schwarzen Haaren und granatroten Augen ähnelte stark seinem Sohn. Neben war Metallicana der Blutige, der ein schiefes Grinsen aufgesetzt hatte und eine eisengraue Mähne besaß – genau wie sein Erbe, Lord Redfox, genauso furchteinflößend wie sein Vater.
Lord Gajeel hatte eine Mähne noch schwärzer als die Flügel eines Raben, lang und stachelig. Sein Gesicht war mit unzähligen Eisennägel geprägt – über den Augenbrauen, der Nase entlang und auf seinem Kinn. Die Blauhaarige erschauderte als sie seine roten Augen sah, genauso blutig wie diese seines Vaters und seines Großvaters. Er war zwar nur ein regloses Bild, doch sie hatte schon Angst vor ihm. Und dann würde sie ihn wahrscheinlich noch begegnen.
Sie schloss das Buch und liess sich noch mehr in ihrem Sessel fallen, die Zähne gepresst.
Xxx
Yukino hüpfte umher. Sie war heute Morgen früh aufgestanden, hatte ihr Frühstück verschlungen und war Magnus nachgerannt, als sie ihn durch den Gang marschieren sah. Er hatte ein Augenbraue gehoben bei ihrer Frage – ein Zeichnungsblock und ein Bleistift, das war eher komisch für eine junge Lady – doch er hatte gelächelt und ihr versprochen das Gewünschte zu finden. Eine halbe Stunde später war er vor ihrer Tür mit dem Zeichnungsmaterial, welches sie sofort dankend an ihre Brust gepresst hatte. Der Kapitän hatte ihr dann noch viel mehr Freude bereitet, als er ihr der kleine, eiserne Balkon gezeigt hatte, der hoch oben auf dem Zeppelin war.
Die Gondel unter dem Riesenballon hatte zwei Stockwerke. Das „Erdgeschoss" befand sich da, wo die sieben Gäste aus Fiore, der Kommandant und Lord Cheney waren. Im oberen Geschoss schlief die Mannschaft, damit sie einen direkten Zugang zum Ballon hatten. Magnus Hugues hatte sie in den Zeppelin genommen und sie den unglaublichen Motor entdeckt, der sich zwischen den Leinen versteckt hielt. Überall waren eiserne Querbalken und Treppen, auf denen sich die Mitglieder der Mannschaft tummelten, faszinierende Maschinen, die das Helium überall verteilten und eine kleine Treppe aus geschmiedeten Eisen, die zum kleinen Balkon hoch oben auf dem Ballon führte.
Yukino wäre am Liebsten nach oben gerannt, doch Magnus hatte sie zurückgehalten. Er hatte ihr vorgeschlagen später zu gehen, warm angezogen. Der Wind wehte fest dort oben.
Sie war sofort in ihre Kabine gerannt, um den Wollumhang zu nehmen, den Lady Strauss ihr vor der Abfahrt gegeben hatte. Die Temperaturen waren kalt am Pol und da die Garderobe der Weisshaarigen bescheiden klein war, hatte sich das Haus Strauss um ihr zusätzliche Kleider zu geben.
Nun stieg sie langsam die lange Treppe hoch, die eher als Leiter durchgehen sollte, so steil wie sie war. Im Gegensatz zu Levy, die bei diesem Anblick in Ohnmacht gefallen wäre, genoss Yukino so hoch zu fliegen und die wilden Bewegungen des Ballons, die fremden Düfte und das Geflüster von weit entfernten, unbekannten Archen.
Sie überflogen eine kleine Arche, die nur von Wälder bedeckt wurden. Die Weisshaarige griff zur Brüstung des Balkons, das Gesicht dem eiskalten Wind schenkend, die Arme über das wertvolle Zeichnungsbuch und den Stift gekreuzt, den sie in der linken Hand hielt.
Sie installierte sich auf einem Stuhl, den Magnus vorhin gebracht hatte und fing auf den weissen Seiten zu skizzieren. Unter dem Bleistift erschienen die Rundungen der Arche, über der sie gerade flogen, die Felsen auf deren Seiten, die hohen und stolzen Kiefer. Auf einem Ast zeichnete sie den Puma von gestern, den Kopf gedreht, die Ohren steif, bereit anzugreifen.
Die Seite wechselnd zeichnete sie nun die andemiennischen Bergen von Hercynion, die sie gestern gesehen hatte. In einer Ecke zeigte sie die Bergen des Bären von Anima, in einer anderen der Turm des Observatoriums vom Palast der Wissenschaft. Im Zentrum des Blattes, die Citacielle wie sie in den Bücher präsentiert wurde, massiv und delikat zugleich, ein Wunder der Architektur, Spitze aus Stein über einem friedlichen Tal, wo sich ein Bach durchschlängelte.
Vertieft in ihrer Zeichnung hörte sie nicht die Stufen unter den Schritten einer zweiten Person knarren. Sie bemerkte kaum wie eine dunkle Gestalt den Balkon betrat. Die Augen halb geschlossen zeichnete sie als hinge ihr Leben davon ab und als wäre ihr Stift ein Rettungsring. Vage hörte sie wie ein Stuhl neben ihr gezogen wurde und dass man sich setzte. Ihr Finger zitterten als sie sich wieder aufsetzte und atemlos ihr Werk begutachtete.
„Darf ich sehen?"
Wortlos übergab sie das Büchlein Lord Cheney. Sie war nicht überrascht ihn hier zu sehen, auch wenn er sie anscheinend nicht hier erwartet hatte.
Merkwürdigerweise hatte sie seine Präsenz sofort erahnt, sobald sie das Knarren der Treppe gehört hatte. Tief in ihr hatte sie sofort seine so einmalige Aura erkannt und das obwohl sie so stark in ihrer Zeichnung vertieft gewesen war.
Sie beobachtete Lord Cheney, wie er ihre Zeichnung beobachtete, die Haare vom Wind völlig durcheinander. Eine Strähne entfloh aus seinem Haarknoten und strich über Yukinos Wange, begleitet mit einem Geruch von Leder und Motorenöl.
- C'est vraiment bien fait. Où aviez-vous vu ma ville auparavant ?
„Es ist wundervoll gemacht. Wo habt Ihr meine Stadt mal gesehen?"
„In der Enzyklopädie der Künste. Die Citacielle ist wird als eine der Zwölf Weltwunder der Neuen Welt angesehen."
„In der Tat. Ich glaube, die Insel Tenroujima Euer Arche gehört ebenfalls dazu."
„Die Grabstätte der Vermillion auf dem See von Tenrou? Davon wusste ich nichts."
Lord Cheney streckte seine Hand zum Bleistift aus, eine wortlose Frage in seinen Augen. Yukino gab ihm den Stift, überrascht. Konnte er zeichnen?
Die Art wie er ihn nahm liess keinen Platz für weiteren Zweifel. Auch er konnte seine Träume auf Papier verewigen.
Er korrigierte leicht ihr Werk, verdünnte einen Turm, vergrößerte einen anderen, setzte einen Wehrgang rund um die fliegende Stadt hinzu. Yukino beobachtete seine gleitende Finger über dem Papier, die detailliert seine Stadt nachzeichneten.
Die Weisshaarige stellte fest, dass er das Bild seiner Stadt fast auswendig kannte. Er zeichnete nicht unbedingt besser als sie, doch sein visuelles Gedächtnis war unglaublich und er passte auf ihre Zeichnung nicht zu zerstören. Er gab ihr Büchlein und Stift zurück, bevor er seine Aufmerksamkeit den Wolken zuwandte, die sie um sie schwebten. Über ihnen sah man die Spitzen eines Gebirges aus dem wollenden Meer herausragen, ihr Anfang verschwand unter dem Zeppelin. Die junge Frau schloss ihr Zeichnungsbuch und machte es ihm gleich, völlig in Gedanken versunken. Plötzlich sah sie einen grünlichen Lord Cheney, der sich an der Balustrade stark festhielt.
„Mylord?"
„Hmm?", machte er, ohne richtig den Kopf zu drehen.
„Ohne indiskret zu sein, darf ich Ihnen eine Frage stellen?"
„Fragt nur."
„Habt ihr eine Transportkrankheit?"
Der Fremde sah sie nun wirklich an, verblüfft. Er seufzte und schloss die Augen, dann lachte er leise: „Bemerkt man dies sofort?"
„Oh nein, das kann ich Ihnen versichern. Der Kapitän hatte es sicher noch bemerkt und Lord Terence wahrscheinlich auch."
„Was Miss Ayria und ihr alle noch übrig lässt."
„Genau", lachte sie.
Er lächelte bei ihrem Lachen und fügte hinzu: „Dies ist eine weitere Eigenschaft der Drachen. Wir können keine Transportmittel aushalten. Ich dachte es wäre anders auf einem Flugmittel, doch die Hinfahrt hat mich vom Gegenteil überzeugt. Die zwei Wochen vom Pol bis nach Fiore habe ich vor allem in meiner Kabine verbracht, mit nur einem Blechbecken als Reisebegleiter."
Yukino lachte befreit. Die Vorstellung, der noble Lord Cheney so krank zu sehen war wirklich zum totlachen. Er schien ihr dies nicht übel zu nehmen. Gut, wenn sie Anstandsdame hätte, würde diese sie eine Moralpredigt halten, doch sie hatte keine. Und außerdem war sie überhaupt nicht gefährdet. Ihre Unschuld war ungefährdet neben einem vornehmen Lord Cheney. Wenn Lord Terence sie zu nahe umrundete, war sie sich schon weniger sicher.
„Beim Abflug schien es aber nicht so schlimm gewesen zu sein."
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich habe mich daran gewöhnt."
Die Stille kam wieder während sie das Panorama bewunderten. Die Höhe atemberaubend und nur eine zitternde Treppe hielt sie davon ab, in die Tiefe zu stürzen.
„Wie schön das ist...", murmelte die Weisshaarige. „Das müsste ich zeichnen..."
„Macht es doch."
Sie lächelte, doch öffnete ihr Büchlein nicht. Lieber wollte sie die Schönheit dieser luftigen Landschaft genießen, statt die Nase auf das Papier zu kleben.
„Die anderen werden Sachen sagen, oder? Wenn sie uns beide zusammen sehen würden", murmelte sie.
„Kümmert es Ihnen wirklich, was die anderen denken?"
Überrascht von der abrupten Art, mit der er diese Worte gesagt hatte, nickte sie langsam.
„Ausserdem gehört dieser Balkon allen."
„Eher denen, die wissen, dass er existiert", korrigierte die junge Frau.
Rogue stimmte zu, mit lachenden Augen.
Xxx
Der Fremde und die Weisshaarige waren wenig später wieder runter gekommen. Yukino war wirklich glücklich, dass Lord Cheney ihr nicht angeboten hatte, sie auf dem Weg nach unten zu helfen, wie es Terence getan hätte. Als ob sie sich nicht alleine durchschlagen konnte! Schliesslich war sie auch nur durch ihre eigene Hilfen die wackelnde Treppe gestiegen.
Der Schwarzhaarige schien sie als gleicheingestuft anzusehen, eine ganze Person. Und nicht nur wie eine Frau oder eine Lady-Fast-Dame, nur hier um das Haus zu führen und Kinder zu tragen. Dies war... aufmuntern und aufwertend. Vor allem nach ihrer schrecklichen Kindheit, als man sie nur als Gegenstand ansah, den man nach eigenem Willen führen konnte.
Sie trennten sich im Gang der Schlafzimmer. Die junge Frau bemerkte, dass die Kabine des Lords gleich gegenüber von ihrer war und errötete beim Gedanken, dass sie während zwei Wochen unter dem gleichen Dach leben würden. Sie verabschiedete sich schüchtern von ihm, dann schloss sie sich in ihrem Zimmer ein und legte sich auf das Bett. Beim Betrachten ihrer zwei Werke versprach sie sich, morgen wieder auf den Balkon zu gehen.
Yukino fand ihre Kusine und Kinana später im Speiseraum wieder. Die zwei jungen Mädchen redeten mit Miss Ayria und die lilahaarige Waise schien entspannter zu sein. Die Stimmung war feierlich als gestern und die Weisshaarige hoffte, dass es Miss Lucy bald besser gehen würde.
Levy las neben den riesigen Fenstern. Sie schien total in ihrer Lektüre versunken zu sein und reagierte nicht, als Magnus poltern eintrat und donnern eine riesige Pfanne auf dem Tisch stellte, was die anwesenden Frauen zusammenzucken liess.
„Heute Abend gibt es Ragout!", lachte er.
Miss Vermillion rümpfte kurz die Nase.
„Ich bitte Sie, Herr Hugues... Ragout? Wirklich?"
„Bei dieser Höhe und dieser Kälte, ist es das Beste, um sich zu erwärmen", lächelte der Kapitän. „Und ihr werdet sehen, es ist köstlich."
Als alle um den Tisch saßen – außer Lord Rogue, der sich wegen einer Erkältung in seine Kabine zurück gezogen hatte und Yukino vermutete, dass der Gedanke ans Essen für ihn unerträglich sein musste – servierte der Kommandant alle Gäste, bevor er sich setzte und mit Lord Vermillion redete.
Die Weisshaarige beobachtete ihre Gefährten, ein Lächeln auf den Lippen. Levy aß langsam, tief in ihrem Buch versunken. Lisanna und Kinana lachten leise miteinander und aßen ihre Portionen so schnell es ging. Der Blonde lachte bei Magnus' schlechten Witzen und Miss Ayria schien leicht verzweifelt zu sein, dass ihre Gefährten sich ziemlich unanständig am Tisch benahmen. Nur die Absenzen von Lucy und Lord Cheney trübten die Stimmung etwas, doch die junge Frau war sie sicher, dass beide sich noch vor Ankunft zeigen werden.
Diese Wahl hatte ihr nur Glück gebracht.
