Chapter 6
„Seifer! Dass ich den Tag noch erleben darf an dem du eine Uniform trägst!" Quistis wartet bereits vor dem Aufzug auf mich. Der alte Cid hätte nie so einen Aufstand um eine Uniform gemacht. Leider besteht das neue Führungspersonal des Gardens auf die vorschriftsmäßige Kleidung bei Einsätzen. Lächerlich. Sie nennt mir die Namen der zwei Anwärter die unter meiner Führung am Einsatz teilnehmen. Großartig, ausgerechnet der Junge mit dem ich mich letztens beim Training angelegt hatte. Es ist ihr quasi ins Gesicht geschrieben dass das Absicht war. Ihre Art der Konfliktlösung. Aber heute nicht. Heute soll es meine letzte Prüfung werden und nicht einmal die Spielchen von Quistis könne das verhindern.
Auf dem Weg zum Hafen herrscht eisige Stimmung. Keiner wäre wohl begeistert mit mir in einem Team zu sein, mein Ruf wird mir wohl bis ans Lebensende vorauseilen. Das Schiff bringt uns von Balamb aus auf den anderen Kontinent. Der Einsatz, simpel wie gewöhnlich. Im Viennegebirge wurden Rebellen gesichtet, die die Regierung Esthars ablehnen und stürzen wollen. Bevor es überhaupt zu einem Versuch gekommen kann, wurden SEEDs beauftragt dem ganzen ein Ende zu setzen bevor sich die Truppen formieren und untereinander organisieren können. – Unkompliziert wie ich es gern habe. Sobald bewaffnete Truppen gesichtet werden lautet der Befehl Eleminieren.
An der Küste angekommen stehen wir vor unserem ersten Hindernis. Ausbilder Dincht weist bereits die ersten Truppen ein. Unser Trupp fungiert als Spürtrupp und hat den südlichsten Teil des Gebirges zu erkunden. Mir soll es recht sein, Hauptsache mir kommt niemand in die Quere. Zuerst müssen wir allerdings den Steilhang vor uns überwinden, welcher an der Küste entlang verläuft. Eine geschätzte zwanzig Meter Felswand liegt bevor uns. Es wäre wohl auch zu einfach gewesen gleich zum amüsanten Teil überzugehen. Ausrüstung überprüfen und Abmarsch heißt es. Warten war noch nie meine Stärke. Wie wir nach oben kommen bleibt uns überlassen. Einige machen sich auf den Weg weiter südlich einen einfacheren Weg zu finden, ich bevorzuge den direkten Weg. Der Fels fühlt sich stellenweise brüchiger an als mir lieb ist, zerklüftet durch Wind und Wetter, andererseits bietet das auch genügend Halt an anderen Stellen. Den Aufstieg wage ich allein, Hyperion und ein Seil auf meinem Rücken. Meine zwei ‚Mitläufer' wie ich sie bestenfalls bezeichnen kann warten unten. Es kostet mich nicht allzu viel Zeit nach oben zu kommen, allemal schneller als nach einem anderen Weg zu suchen. Warum auch Zeit vergeuden? Mit dem Seil sollten es auch die anderen zwei bis nach oben schaffen. Innerlich muss ich mich dennoch über mich selbst wundern. Es ist nicht allzu lange her, dass ich den Sendeturm in Dollet allein erstürmt habe, fest davon überzeugt, dass die anderen auch so ihren Weg finden würden. Immerhin hatten sie dich dabei Squall. Selbst einem geistigen Fußgänger wie Zell sollte es gelingen jemanden wie dir zu folgen, nicht wahr? Aber es empfiehlt sich einfach nicht noch unter den Augen der Ausbilder das hochgelobte Teamwork zu vergessen. Sobald wir außer Sicht sind können diese zwei Grünschnäbel zusehen wie sie zurechtkommen. Entweder sie schaffen es Schritt zu halten oder sie bleiben auf der Strecke. Niemand aus dieser Truppe ist versessen darauf mit dem anderen irgendetwas zu tun zu haben. Der Junge der sich grade an den Aufstieg wagt hasst mich wahrscheinlich immer noch dafür, dass ich ihn bei seinem kleinen ‚Trainingsunfall' lächerlich gemacht habe und der Nachzügler unten am Strand kann keinen von uns leiden. Wir sind schon ein großartiges Team, das gibt sicherlich jede Menge Bonuspunkte für enge Zusammenarbeit. Zur Hölle, ich kann mich nicht mal an ihre Namen erinnern. Es spielt auch keine Rolle.
Wortlos strecke ich dem vorlauten Grünschnabel die Hand entgegen. Natürlich weigert er sich. Von mir aus. Gerade wollte ich ihm einen passenden Kommentar dazu an den Kopf werfen, als sich das Gestein unter seiner Hand löst. Meine Finger schaffen es nur sein Handgelenk zu streifen, dann bleibt mir nur noch zu zusehen wie er abstürzt. Den Halt am Seil verlor er sofort, die Augen weit aufgerissen, das Gesicht verzerrt vor Entsetzen. Der erschrockene Aufschrei verstummt augenblicklich, als er am Boden aufschlägt, abgelöst von dem dumpfen Geräusch vom Aufprall auf die unnachgiebigen Felsen die ihn erwartet haben. Ich muss nicht hinunter steigen um zu sehen, dass er den Absturz nicht überlebt hat. Entsetzen macht sich am Strand breit. Die Phönixfeder ist seine einzige Chance. Während einer der Ausbilder den Jungen zurück ins Leben holt, trifft sich mein Blick mit dem von Zell. Der Blondschopf starrt voller Abscheu zu mir hinauf.
Mein Spürtrupp macht sich auf den Weg ins Gebirge. Dass wir nur noch zu zweit sind stört mich nicht im Geringsten. Nach seinem Ausflug ins Reich der Leblosen verlor mein dritter Mann das Bewusstsein und wurde abtransportiert. Mein verbleibender Begleiter ist in ein Schweigen verfallen, welches deinem mühelos Konkurrenz machen würde. Ich fange an den Jungen zu mögen. Er ist unkompliziert, folgt ohne Fragen zu stellen und macht seinen Job; was so viel heißen soll wie: er kommt mir nicht in die Quere. Würde er nicht seine GF seiner Schusswaffe vorziehen, könnte unser kleiner Ausflug fast schon angenehm sein.
Felsen, soweit das Auge reicht. Im Gegensatz zu uns Anwärtern tragen SEEDs hier draußen keine Uniform sondern Tarnkleidung. Allerdings geht man wohl davon aus, dass unsere Aufgabe kaum Feindkontakt mit sich bringt und da das Krisengebiet weit genug von uns entfernt ist, bleibt die Sorge darüber ein Wunderbares Ziel für Schützen bei diesem Farbkontrast zu sein nur ein dumpfes Unbehagen in meinem Hinterkopf. Weiter vor uns sehe ich einen weiteren Dreiertrupp. Großartig, die wenigen Feinde, die sich in diese gottlose Gegend verirrt haben könnten, müssen wir uns nun auch noch teilen.
„Warum hast du ihn nicht festgehalten?", durchbricht mein Mitläufer plötzlich doch noch die Stille. Mir wäre lieber gewesen, er hätte den Mund nie aufgemacht. Seufzend werfe ich einen kurzen Blick zurück. Ich muss dem Jungen nur ins Gesicht sehen um zu wissen, dass er mich verachtet.
„Willst du damit andeuten, es sei meine Schuld gewesen?", frage ich unbeeindruckt.
„Sage ich nicht. Ich hab gesehen, dass es ein Unfall war. Aber du hättest ihn festhalten können." So ein Klugscheißer.
„Hab's versucht", kommt meine mürrische, kurzangebundene Antwort darauf.
„Tze, dann lass uns beide hoffen, dass dein Versuch diesen Einsatz zu bestehen besser läuft als das, Almasy." Je mehr der Junge den Mund aufmacht, desto mehr habe ich den Wunsch es ihm zu stopfen. Ich antworte nichts darauf, marschiere weiter, ein wenig schneller als zuvor und stelle mit Befriedigung fest, dass er Mühe hat mir zu folgen. Idiot.
Absichtlich schlage ich eine andere Route ein, als auf unserer Karte verzeichnet. Wir werden am gleichen Ziel ankommen, aber ich ziehe einen schmalen Weg einen Hang hinauf der direkten Route vor. Zum einen bin ich der Meinung von dort oben einen guten Überblick zu haben, zum anderen, seien wir ehrlich, wenn ich mich hier verstecken müsste während der Fein einmarschiert, ich würde sicher nicht die offensichtliche Straße nehmen. Mir juckt es in den Fingern. Hyperion hat lange keinen anständigen Gegner mehr gehabt. Mein Mitläufer scheint nicht die geringste Ahnung zu haben. Er ist damit beschäftigt mir zu folgen und da ich die Karte habe, die er wie ich weiß kaum eines Blickes gewürdigt hat, wird ihm nicht einmal auffallen, dass wir diesen kleinen Abstecher machen. Der Weg ist ein wenig länger und durch den Zwischenfall am Strand sind wir im Rückstand, aber nichts was mich beunruhigen würde.
Oben angelangt stelle ich zufrieden fest, dass mein Gedanke richtig gewesen war. Von hier aus kann ich selbst unser Ziel sehen, eine Kreuzung unweit von einer der Hauptversorgungslinien. Jemand müsste schon sehr dämlich sein uns dort anzugreifen, weit hinter den feindlichen Linien. Ich habe es ehrlich gesagt nicht zu eilig dorthin zu kommen. Von dort an heißt es dann nur noch auf weitere Befehle warten, was erfahrungsgemäß irgendwann in einem Abzugsbefehl endet.
„Sind wir hier überhaupt richtig?", grummelt mein Mitläufer, wohl langsam ein wenig misstrauisch und stützt sich auf seinem Gewehr ab. Der Aufstieg scheint ihm nicht gefallen zu haben. Man überlasse es der Truppe von Dincht nach einem kleinen Umweg gleich außer Atem zu sein. Meine Lippen verziehen sich zu einem schiefen Grinsen, während meine Augen weiter das Gelände nach etwas Abwechslung in dieser langweiligen Mission suchen. Während mein Begleiter noch weiter vor sich hin redet, sehe ich etwas am Hang unter uns aufblitzen. Ich schaue genauer hin, aber ich habe mich nicht getäuscht. Feindliche Truppen, verschanzt am Hang. Genau das wonach ich gesucht habe.
„Hey, pass auf", zischt er hinter mir plötzlich. Ich hocke schon am Boden und ich bin sicher, dass sie mich von hier unmöglich sehen können, aber es wundert mich schon, dass der Blitzmerker tatsächlich etwas gemerkt hat. Als ich mich zu ihm umdrehe, muss ich allerdings feststellen, dass er nicht die Rebellen unter uns meint. Seinem Blick folgend erkenne ich zwei weitere Männer, bewaffnet, die unten dem schmalen Pfad folgen. „Den krieg ich dran", grinste er, legte sein Gewehr an.
„Zur Hölle?", zische ich nur, als der Trottel tatsächlich ohne zu zögern schießt. Zu seiner Verteidigung geht sein Ziel zu Boden, aber nun kann ich mir sicher sein, dass wir die Aufmerksamkeit der Rebellen am Hang haben. Der Zweite bewaffnete Mann unten geht in Deckung, sichtlich verunsichert darüber, von wo geschossen wurde. Ich packe meinen sogenannten Partner und zerre ihn zu Boden.
„Lass los, er entkommt uns noch!", protestiert dieser und schon zischt der erste Schuss über unseren Köpfen vorbei.
„Du Vollidiot, glaubst du das sind die einzigen Rebellen in der Gegend?", fahre ich ihn an. Schöne Scheiße. Überlasse es einem Anfänger aus sonnigen Aussichten ein komplettes Desaster zu machen. Das haben wir davon. Auf diesem scheiß Hügel im Visier von Rebellen, an einer Position, wo wir nichts verloren haben. Um ehrlich zu sein macht es mir weniger Sorgen hier unbeschadet wieder rauszukommen, aber das Risiko ist hoch, dass man herausfindet, dass wir nicht der Karte gefolgt sind. Meine Beförderung steht einmal mehr auf dem Spiel. Großartig.
Ich packe eine Handvoll seiner Uniform und ziehe ihn wenig zimperlich zu mir. „Hör zu, du kümmerst dich um den Typen dort unten. Und lass dir nicht den Schädel wegblasen, verstanden? Bleib unten." Damit lasse ich ihn los, krieche zur Seite und versuche einen möglichst schnellen Weg hinunter zu den anderen Rebellen am Hang zu finden.
„Wo willst du hin?", höre ich ihn hinter mir.
„Ich kümmer mich um den Rest." Damit lasse ich ihn zurück.
Es war nicht ganz leicht möglichst unbemerkt ans Ziel zu kommen. Zu meinem Glück veranstaltet der Anfänger über mir genug Zirkus um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Mich hat bisher niemand gesehen und solange er seine Position dort oben nicht ändert, habe ich gute Chancen. Wieder hallen zwei Schüsse durch die Luft. Ich bin sicher, dass man inzwischen auf die Sache aufmerksam geworden ist. Wir müssen zusehen das Weite zu suchen, um nicht von unseren eigenen Truppen hier gesichtet zu werden.
Vor mir blitzt das Zielfernrohr eines Gewehrs auf. Genau dort wo ich sie haben wollte. Zwei Rebellen, verschanzt am Hang hinter einem Felsen. Von hier aus hat man den perfekten Blick hinunter auf den Weg. Wir hatten Glück von oben gekommen zu sein. Das hätte ein hässliches Ende nehmen können. Ohne lange zu zögern fasse ich meinen Entschluss. Hyperion in meiner Hand ist alles was ich brauche. Der Sprung hinter den Felsen kommt unerwartet und noch während der erste die Waffe auf mich richtet, streckt meine Gunblade ihn nieder. Das ist etwas völlig anderes als das sinnlose Training in der Halle. Das hier ist echt und jeder, der den Garden einmal verlassen hat um echte Missionen anzunehmen, wird irgendwann einmal dahinter kommen. Das ist kein Spiel. Aber dennoch ist es genau das was ich unter Spaß verstehe. Der zweite Rebell versucht es mit einem Messer von hinten, aber mein Vorteil mit Hyperions Reichweite erledigt ihn, noch bevor er mir gefährlich werden kann.
Die Schüsse haben aufgehört und ein Blick hinunter verrät mir, dass auch der zweite Rebell inzwischen erschossen am Boden liegt. Zeit zu gehen. Mein Mitläufer hat mich entdeckt und ich gebe ihm einen Wink hinunter zu kommen. Viel Zeit bleibt nicht.
Wir kommen gerade rechtzeitig an unserem Ziel an, schlagen das Lager auf, beziehen Stellung und setzen die Markierung die als Zeichen dafür dient, dass wir unseren Anwärterauftrag erfüllt haben. Die drei Kanonenschüsse vom Strand dringen dumpf zu uns rüber und ein Blick in die Richtung zeigt schnell das Lichtsignal, dass das Ende unserer Mission bedeutet. Abmarsch.
Auf dem Weg zurück zum Strand halte ich mich an die Route. Uns laufen zu viele bekannte Gesichter über den Weg und es ist besser hier gesehen zu werden als sei nie etwas passiert. Die vier getöteten Rebellen sind keine Lorbeeren, die es zu verdienen gilt. Zugegeben, noch bei meiner letzten Prüfung hätte ich anders darüber Gedacht, nichts auf missachtete Befehle gegeben und mich mit vier getöteten Feinden gebrüstet, aber inzwischen bin ich klug genug die Klappe zu halten. Befehle missachten ist eine Sache und ja, ich tue es. Sich dabei erwischen zu lassen ist etwas völlig anderes. Schweigend versammeln wir uns am Strand, treten unseren Ausbildern gegenüber. Zell lässt auf sich warten, steht abseits und unterhält sich mit zwei SEEDs und wirft Blicke in unsere Richtung. Nein, in meine um genau zu sein und mir gefällt der Blick nicht.
Als er endlich zurückkommt, wird er von den beiden SEEDs flankiert und ein Nicken in meine Richtung reicht aus, damit sie zu mir kommen. „Die Hände über den Kopf, wo ich sie sehen kann", befehlt man mir. Zur Hölle? Ich schaue von einem zum anderen, dann zu Zell aber das ist kein Spaß auf meine Kosten. Die übrigen Anwärter sehen das ganze schweigend mit an. Hyperion wird mir abgenommen, zusammen mit meinen GFs und ein Gewehr in meinem Rücken gibt mir zu verstehen, dass mein Weg ein anderer sein wird als der der anderen Anwärter. Mir bleibt nichts anderes übrig als zu folgen.
