Ich hab nicht viel zu sagen außer: Viel Spaß!

Kapitel 7

Als ich zur verabredeten Zeit auf dem Wachturm ankam, wo wir heute zu Abend aßen, sah mich Hilja prüfend an.

„Du siehst so nachdenklich aus. Ist alles ok?"

Ich nickte. „Erzähl ich dir später, nicht hier vor den anderen."

Sie gab sich mit dieser Antwort zufrieden.

Als Grobian ankam, wurde das Lagerfeuer entfacht und unser Lehrer erzählte uns aus seinem Leben. Ich hörte zuerst nicht richtig zu, bis er etwas sagte, das mich hellhörig werden ließ:

„Und urplötzlich schnappte er nach meiner Hand und schlang sie im Ganzen runter. Ich sah in seine Augen und wusste: Ich schmecke köstlich! Er muss es überall 'rumerzählt haben. Knapp einen Monat danach schnappte sich einer mein Bein."

Fischbein war total aufgeregt. „Hey! Stellt euch vor, eure Hand wäre in 'nem Drachen drin und euer Kopf hätte immer noch Kontrolle darüber. Da könnte man den Drachen doch von innen töten, indem man sein Herz zerquetscht oder so ..."

Rotzbakke schien ganz anders zu denken: „Ey, das mach mich sowasvon sauer! Ich werd' mich voll rächen für deine feine Hand und dein feines Bein. Dafür mache ich jedem Drachen, den ich treffe, die Beine weg! Mit meinem Gesicht!"

Grobian schüttelte daraufhin den Kopf. „Eh eh eh … Nein. Was ihr wollt, sind die Flügel und der Schwanz. Was nicht fliegen kann, kann euch nicht entwischen. Ein am Boden liegender Drache ist ein toter Drache!"

Ich horchte auf, als Grobian das sagte. Er stand auf und streckte sich. Dann wandte er sich zum gehen.

„So, ich hau mich jetzt auf's Ohr. Und genau das macht ihr auch. Morgen sind die Großen dran und dann arbeiten wir uns ganz langsam zum Riesenhaften Alptraum vor. Bin gespannt, wer ihn töten darf."

Nach diesen Worten verließ Grobian die Runde. Als ich mich unbeobachtet fühlte, huschte auch ich die Treppe hinunter. Das letzte, was ich noch hörte war Taffnuss' „Selbstverständlich ich! Das ist ..."

Den Rest konnte ich nicht mehr hören.

Von Grobians Worten inspiriert, ging ich auf schnellstem Weg zur Schmiede.

„Was nicht fliegen kann, kann euch nicht entwischen. Ein am Boden liegender Drache ist ein toter Drache."

Diese Worte hallten in meinem Kopf nach, während ich bis tief in die Nacht eine neue Schwanzflosse für den verletzten Nachtschatten baute.

Am nächsten Morgen ging ich noch vor Beginn des Unterrichts zur Bucht, um meine Erfindung auszuprobieren. Die Schwanzflosse klemmte unter meinem Arm und auf dem Rücken hatte ich einen Korb voller Fische.

„Hallo Ohnezahn! Ich hab dir Frühstück mitgebracht! Ich hoffe, du hast Hunger."

Ich stieß den Korb um und der Drache kam neugierig zu mir. Ich stellte ihm die Auswahl vor.

„Wir hätten heute Lachs zu bieten, wunderschönen isländischen Dorsch und einen ganzen Aal, frisch geräuchert ..."

Ich hob den Aal hoch, was den Drachen völlig ausrasten ließ. Er fauchte und wich ängstlich zurück, während ich versuchte, ihn wieder zu beruhigen.

„Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein. Alles okay!" Ich warf den Aal beiseite und Ohnezahn beruhigte sich wieder.

„Genau, ich bin auch nicht so'n großer Fan von Aal."

Vorsichtig schlich ich mich zu seinem Schwanz, während Ohnezahn zu fressen begann.

„Okay. So ist fein. So ist fein. Nur die guten Sachen essen … Und mich musst du gar nicht beachten! Ich, äh, bin nur mal kurz hier hinten und kümmer mich um … meinen Kram."

Ich versuchte, die neue Schwanzflosse anzubringen, aber Ohnezahn zog immer wieder den Schwanz weg.

„… ist alles gut! Hm … Okay … Und so … Alles klar … Ah … Uah … Okay …", versuchte ich, den Drachen zu beschwichtigen.

Endlich saß die Schwanzflosse so, wie sie sollte.

„Sieht nicht übel aus … Funktioniert! Mal seh'n ob ..."

Weiter kam ich nicht, denn Ohnezahn hoch plötzlich ab, während ich immer noch auf seinem Schwanz saß. Um nicht abzustürzen, klammerte ich mich fest so gut es ging.

Aus dem anfänglichen Steigflug wurde ganz schnell ein Sturzflug, weil die so wichtige künstliche Schwanzflosse nur nutzlos im Wind flatterte. Gerade noch rechtzeitig zog ich die Konstruktion auseinander und konnte so einen Absturz verhindern.

Ich begann zu jubeln: „Es funktioniert! Ja, ja! Ich hab's geschafft!"

Plötzlich wurde ich durch die Luft geschleudert und landete mit einem Platschen im See. Als ich wieder auftauchte, sah ich grad noch, wie auch Ohnezahn abstürzte.

Als ich Zuhause ankam, triefte ich immer noch.

„Was ist denn mit dir passiert?", begrüßte Hilja mich lachend.

Sie saß am Frühstückstisch und sah neugierig auf, als ich hereinkam.

„Ohnezahn hat mich in den See geworfen", murmelte ich.

„Wer ist Ohnezahn? Und welcher See?" Sie schien verwirrt. Kein Wunder. Ich war bisher noch nicht dazu gekommen, ihr von gestern Abend zu erzählen, weil wir uns seit gestern vor dem Abendessen nicht mehr gesprochen hatten.

Ich versuchte, ihr die Situation zu erklären: „Ohnezahn ist der Nachtschatten. Wir haben gestern Freundschaft geschlossen. Das war auch der Grund, warum ich so in Gedanken war. Und der See befindet sich in der Senke im Wald, in der Ohnezahn zur Zeit wohnt. Ich hab ihm letzte Nacht eine neue Schwanzflosse gebaut und die haben wir dann heute Morgen ausprobiert. Als er bemerkt hat, dass ich mich an seinem Schwanz festklammerte, hat er mich abgeworfen."

Hilja fing an zu lachen. „Ist dir bewusst, wie absurd das alles ist? Unser ganzes Leben wurde uns eingetrichtert, Drachen, die uns zu nah kommen, umzubringen. Und hier stehst du triefnass in unserem Haus und erzählst mir, du hättest dich mit einem angefreundet. Und dann auch noch mit dem gefährlichsten, der uns bekannt ist."

Ich hob hilflos die Hände und zuckte die Schultern.

Als wir in der Arena ankamen, teilte Grobian uns in Gruppen ein. Die drei Mädchen waren in einer, Rotzbakke mit Taffnuss und ich mit Fischbein.

Grobian gab jedem von uns einen Eimer mit Wasser, während sich die Arena mit einem grünlichen Gas füllte, in dem sich etwas verbarg.

„Unser Thema heute: Teamwork. Ist der Kopf vom Drachen nass, kann er keine Flamme zünden. Der Wahnsinnige Zippe allerdings ist besonders schlau. Der eine Kopf atmet Gas aus, der andere entzündet es. Ihr müsst jetzt herausfinden, welcher was macht."

Der Nebel breitete sich aus und schnitt die einzelnen Gruppen voneinander ab. Fischbein war eindeutig angespannt.

„Rasiermesserscharfe Sägezähne, die zur Vorverdauung Gift injizieren. Greift bevorzugt aus dem Hinterhalt an und zerquetscht einen ..."

„Könntest du damit bitte aufhören?!", unterbrach ich ihn, mittlerweile ebenfalls ziemlich nervös.

Von dem Drachen war nichts zu sehen. Dann ertönte ein Schrei aus dem Dunst und Taffnuss rannte heraus.

„Ich bin verletzt, ich bin tierisch verletzt!"

„Die Überlebenschancen schwinden in den einstelligen Bereich … Ooohohooooo ..."

Super Fischbein. So genau wollt ich's gar nicht wissen!

Ein Kopf des Zippers schlängelte sich aus dem Nebel hervor. Fischbein schüttete ihm das Wasser ins Gesicht und der Drache spie entrüstet sein Gas aus.

„Ups … Falscher Kopf ..."

Der Drachenkopf atmete nun eine ganze Wolke Gas aus und Fischbein rannte schreiend davon. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit mir zu, während auch der andere Kopf funkensprühend dazu kam.

„Jetzt, Hicks!", rief mir Grobian ermutigend zu.

Ich nahm alle Kraft zusammen und stieß den Eimer nach oben in die Richtung des Drachen. Leider reichte der Schwung nicht aus.

Der Zipper machte einen Satz und beide Köpfe fauchten mich an. Grobian hinter mir wirkte besorgt.

„Hiiiicks!"

Ich hob die Arme und deutete an, den Drachen vor mir her zu treiben. Der Zipper wich ängstlich zurück.

„Zurück! Zurück! Zurück! Und äh … Ich will das nicht zweimal sagen! Zurück in deinen Käfig! Und jetzt denk mal schön über dein Verhalten nach!"

In seinem Stall machte der Drache anstalten, die Wände hochzuklettern. Ich sah mich um, ob auch keiner sehen konnte, was ich genau tat und warf dann den Aal, den ich unter meiner Weste verborgen hatte, vor dem Drachen auf den Boden.

Als ich die Tür geschlossen hatte, starten mich alle geschockt an. Ich tat so, als wäre nichts geschehen.

„Okay … öööh … war's das? Ich hätte da nämlich noch 'n paar Sachen zu … öhm … tja … öh … dann … dann bis morgen!"

Als ich davon rannte, lief mir Hilja hinterher.

„Hicks! Warte! Wie hast du das gemacht?", fragte sie, nach Atem ringend.

„Aale", antwortete ich knapp und rannte weiter. Ich wollte schleunigst mein Projekt fortsetzen.

„Kannst du mir das bitte genauer erklären? Du hast mir was versprochen!"

„Ich weiß! Komm einfach mit und ich versuche, dir alles zu erklären."

In der Schmiede fing ich an, mir die benötigten Sachen zusammenzusuchen. Wenn ich Ohnezahns Schwanzflosse schon steuern musste, brauchte ich auch eine Sitzgelegenheit, also einen Sattel.

Als ich alles beisammen hatte, begann ich zu arbeiten und erklärte nebenher meiner Schwester die Ereignisse von gestern abend und heute morgen.

„… und deswegen hab ich den Aal mit in den Unterricht genommen. Und der Zipper hatte tatsächlich Angst vor dem Fisch!", schloss ich meinen Bericht.

Hilja wirkte völlig erschlagen. Ihr war schon vor einiger Zeit die Kinnlade runtergeklappt und sie hatte sie bisher noch nicht wieder zuklappen können. Liebevoll schob ich ihr Kinn wieder nach oben.

„Jetzt reitest du also einen Drachen ...", brachte sie schließlich mühsam hervor.

„Naja, reiten noch nicht. Aber da dran arbeite ich ja grade."

„Und wann nimmst du mich mal mit?"

„Wenn mir der Moment passend erscheint. Aber ich werde dieses Versprechen auf jeden Fall halten."

Hilja lächelte. Dann gab sie mir einen liebevollen Knuff.

„Weißt du eigentlich, wie verrückt du bist?"

„Ich bin dem langsam auf der Spur", gab ich lachend zurück.

Der Sattel war mittlerweile fertig.

„Ich geh den mal ausprobieren. Und versuche, Ohnezahn darauf vorzubereiten, dass du mal mitkommst."

Als ich sie ansah, strahlte Hilja. So lachen gesehen hatte ich sie schon viel zu lange nicht mehr.