„Hi", Conrad Jones steckte vorsichtig den Kopf durch die schwere Eichentüre, „bin ich hier richtig?"
„Nur wenn Sie in das Büro der Schulleiterin wollen", antwortete ein sehr alter Direktor, dessen Bild direkt neben der Türe hing, mit knatternder Stimme.
„Sie können sich bewegen und reden?", staunte Mister Jones und starrte das Portrait verwundert an.
„Natürlich", antwortete der Schulleiter, „sonst wäre es doch stinkend langweilig hier!", dann kratzte er sich jedoch nachdenklich an seinem kahlen Schädel und fügte einschränkend an, „Obwohl das mit dem Bewegen auch schon mal besser ging! Arthritis, wenn Sie verstehen was ich meine, junger Mann! Ich hätte eben nicht so lange damit warten sollen, das Bild in Auftrag zu geben."
„Genau wie mit anderen Dingen, Ernest, genau wie mit vielen anderen Dingen", ergänzte eine Schulleiterin in einem Bild genau auf der anderen Seite der Türe schnippisch, „zum Beispiel mit Deinem Heiratsantrag oder mit dem Unterhalt für Deine drei Kinder!"
„Das Du mir das immer und immer wieder vorhalten musst, Berta, ich habe mich doch schließlich entschuldigt!", beschwerte sich Ernest und schaute beleidigt aus der Wäsche.
„Damit ist es nicht immer getan!", entgegnete die Dame unversöhnlich.
„Dann kann ich Dir leider nicht helfen!", zuckte Ernest mit den Schultern und erkundigte sich mitleidig bei einem sehr verwunderten Mister Jones, „Haben Sie auch eine Freundin?"
„Äh, nein", schüttelte Conrad den Kopf.
„Seien Sie froh, junger Mann, die machen nur Ärger!", eine Aussage, die natürlich sogleich willkommener Anlass für wilde Diskussionen unter den anderen Portraits bot.
Conrad Jones stand mit offenem Mund inmitten der streitenden ehemaligen Schulleiterinnen und Schulleiter und zuckte leicht zusammen, als ihn ein junger, blasser Zauberer leise ansprach, den er bisher noch gar nicht wahrgenommen hatte, „Wundern Sie sich nicht, das machen die schon die ganze Zeit. Professor Granger kommt gleich, wir sollen hier auf sie warten und uns schon mal bedienen."
„Danke!", nickte der und nahm immer noch staunend auf einem der Sessel in der kleinen Sitzecke platz, wo bereits dampfender Tee und Gebäck bereitstand.
„Sind Sie auch ein Bewerber für die Assistenzstelle?", fragte der blasse, junge Mann hoffnungsvoll.
„Assistenz? Nein, ich bin Conrad Jones und soll Geschichten erzählen", schüttelte dieser den Kopf.
„Ach, wie schade", seufzte der junge Mann, „ich hatte gehofft, Professor Granger hätte doch noch jemand anderen gefunden. Ich…" er wurde von einem erneuten Klopfen unterbrochen.
„Hallo die Damen und Herren!", grüßte ein Zauberer Mitte, Ende Dreißig mit blondem Haar und freundlichem runden Gesicht und nickte den Portraits lächelnd zu.
„Oh, Mister Longbottom", riefen nicht wenige der ehemaligen Schulleiterinnen und Schulleiter erfreut und vergaßen für eine kleine Weile ihre Dispute, „schön, Sie mal wieder zu sehen! Wie geht es Ihnen?"
„Danke, ich freue mich auch mal wieder hier zu sein, es ist schon so lange her. Aber mir und meiner Familie geht es sehr gut", er winkte einem Schulleiter direkt hinter dem großen Schreibtisch zu, „Hallo, Professor Dumbledore!"
„Hallo, Neville, mein Junge! Es freut mich sehr, dass Hermine an Dich gedacht hat, als es um das Personalkonzept der Schule ging."
„Ja, mich auch, es gibt nichts Größeres", stimmte Neville begeistert zu, „Meine Großmutter hat sogar vor lauter Freude geweint!"
„Ich habe ihr immer gesagt, dass Sie auf Dich mehr als stolz sein kann", nickte Professor Dumbledore zufrieden und wies auf die Sitzgruppe und auf die beiden anderen wartenden Herren, „Hermine kommt gleich, Sera ist vor zwei Stunden bei einem kleinen Wettkampf mit Mister James Potter von einem Baum gefallen und hat sich wohl einen Arm angebrochen. Madam Pomfrey flickt sie gerade wieder zusammen."
„Dieses Kind ist echt der Hit", schüttelte Neville belustigt den Kopf, „Hat sie nicht erst letzte Woche das Physiklabor ihrer Schule abgefackelt und dabei ihre Haare versengt?"
„Ja, sie ist etwas übermütig!", grinste Professor Dumbledore und schritt dann durch mehrere Portraits, bis er nah genug bei der kleinen Sitzgruppe stand, „Darf ich vorstellen, Neville. Das ist Mister Wilbur Honeytree, er wird Hermine in der Administration der Schule behilflich sein und Mister Conrad Jones, ein junger Mann mit erstaunlichem Erzähltalent, wird Professor Binns fundiertes Wissen endlich zur nötigen Aufmerksamkeit verhelfen."
„Oh! Das wäre mal ein echter Gewinn!", lachte Neville und schüttelte die Hände der beiden.
„Allerdings!", seufzte Professor Dumbledore, „Meine Herren, das ist Mister Neville Longbottom, Professor für Kräuterkunde und der neue Hauslehrer Gryffindors."
„Ich habe von Ihnen gelesen, Sir", bemerkte Mister Honeytree ehrfürchtig, als Neville sich neben ihn auf die Couch setzte und sich einen Tee einschenkte, „Sie waren maßgeblich am Schülerwiderstand während der zweiten Herrschaft des Dunklen Lords beteiligt."
„Ja, mit vielen anderen zusammen", winkte Neville ab und griff nach den kleinen Gebäckstückchen, „Aber bitte nennen Sie mich Neville."
„Ich weiß nicht, ob das angemessen ist, Sir", antwortete Wilbur Honeytree erschrocken und wurde ein wenig rot.
„Ich hielte alles andere für völlig unangemessen", lachte Neville und sah dann den jungen Mann aufmerksam an, „Sie sind immerhin der Wichtigste von uns allen, Mister Honeytree!"
„Ich? Warum?", stammelte Wilbur erschrocken.
„Nun", zuckte Neville mit den Schultern, „weil Hermine Granger sich voll und ganz auf Sie verlässt!"
„Das sollte sie aber nicht, ich werde sie sicherlich enttäuschen", wehrte Wilbur traurig ab.
„Nein, das denke ich nicht", schüttelte Neville entschieden den Kopf, „Hermine Granger irrt sich nur selten und ganz bestimmt nicht in solch einem entscheidenden Punkt."
„Und wenn doch?"
„Ganz einfach: dann wird sie Professor Snape in ihre Einzelteile zerlegen!"
„Oh, je", schluckte Wilbur entsetzt.
„Absolut richtig!", grinste Neville, „Aber ich würde an Ihrer Stelle viel eher meinen Blick auf die Frage werfen, was wird, wenn sich Hermine nicht geirrt hat, Mister Honeytree."
„Wie meinen Sie das?", verstand Wilbur nicht.
„Nun, haben Sie sich schon mal gefragt, was geschehen wird, wenn Hermine Granger recht behält und Sie genau die richtige Wahl sind?"
„Äh, außer dass Professor Snape mich dann vielleicht nicht auseinander nimmt? Ehrlich gesagt, nein…"
„Tja", lachte Neville, „sollten Sie sich aber! Denn ich bin mir sicher, dann können wir uns auf eine exzellente Amtszeit einer großen Schulleiterin freuen. Denn Hermine ist ganz ohne Zweifel genau die Richtige und ich persönlich werde alles daran setzen sie nach Kräften dabei zu unterstützen." Er sah Wilbur auffordernd an, „Wie sieht es aus? Sind Sie dabei, Mister Honeytree? Für Hermine Granger und Hogwarts? Oder haben Sie wenigstens genug Angst vor dem finsteren Tränkemeister?"
„Äh, ich werde mein Möglichstes tun", versicherte Wilbur mit wenig Hoffnung in der Stimme.
„Sehr gut, genau das ist es, was sie und Hogwarts braucht!", freute sich Neville trotzdem und schaute nun auch Mister Jones an, „Und wie ist es mit Ihnen, Mister Jones? Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Hermine mir erzählt hat, dann würde ich mich sehr freuen, wenn wir auch auf Sie setzen können!"
„Also, ich lege mich zwar absolut nicht fest, hier länger als eine Saison zu bleiben", schränkte der junge Amerikaner vorsorglich ein, „aber an mir soll es nicht liegen!"
„Ausgezeichnet! Dann kann doch nichts mehr schief gehen! Oder wie sehen Sie das Professor Dumbledore?"
„Du hast völlig recht, Neville, auch ich…", stimmte auch Albus mit blitzenden Augen zu. Doch dann horchte er einige Augenblicke mit zusammengezogenen Augenbrauen und nickte zufrieden, „Ah, da ist sie ja!"
Gleich darauf öffnete sich die Türe erneut und herein kam Hermine Granger, Hogwarts jüngste Schulleiterin seit zweihundertundsiebzig Jahren.
„Entschuldigen Sie meine Herren! Es tut mir Leid, wirklich! Aber dieses Kind ist schon eine echte Herausforderung, noch mehr von ihrer Sorte und mein Mann und ich müssten uns augenblicklich auf die Geschlossene des St. Mungos einweisen lassen", rief sie und hängte schnell ihren Umhang an den Haken hinter der Türe. „Aber gottlob, jetzt kümmert sich ihr Vater um sie und ich kann mich ganz Ihnen und den Belangen der Schule widmen. Ich hoffe, Sie haben sich wenigstens schon einen Tee und Gebäck gegönnt."
Die drei Männer hatten sich bereits bei Hermines Eintritt höflich erhoben und nickten nun einvernehmlich. Hermine strahlte alle froh an und breitete einladend die Arme aus „Herzlich willkommen, schön dass Sie da sind!", dann umarmte sie als erstes Neville, der sich sogleich erkundigte, „Und hat Poppy unsere kreative Serafina wieder hin bekommen?"
„Natürlich, obwohl sie ihr angedroht hat, sie ab sofort anzuketten!", seufzte Hermine.
„Das nützt eh nichts, Sera findet bestimmt einen Weg Madam Pomfrey auszutricksen", war sich Neville sicher.
„Ja, Intelligenz ist nicht immer von Vorteil!", murmelte Hermine und schüttelte nun auch den beiden anderen freudig die Hände, „Mister Huckleberry, schön, dass Sie da sind! Wie war die Reise?", erkundigte sie sich.
„Super, Professor Granger, es gab so viel zu sehen!"
„Na, das habe ich Ihnen doch versprochen, Huck!", lachte Hermine und Mister Jones wurde ein klein wenig rot. Ihm schien die Schulleiterin immer noch so gut zu gefallen wie bei ihren ersten Begegnungen in Amerika.
„Wilbur, mein Bester, Ihnen ein ganz besonderes ‚Willkommen', ich weiß, dass es Ihnen nicht leicht gefallen ist, an sich selbst zu glauben und es wenigstens zu versuchen!"
„Danke, Professor Granger!", murmelte Wilbur mit einem schnellen Blick auf Neville, „ich will mich bemühen."
„Ausgezeichnet! Aber sagen Sie, geht es Ihnen gut?", erkundigte sie sich leicht besorgt, „Sie sehen etwas blass um die Nase aus?"
„Nun, es geht so. Mein Magen", erklärte Wilbur, „Vielleicht habe ich die Fahrt hierher nicht so gut vertragen."
„Oh, normalerweise achtet Hagrid darauf, dass es nicht so sehr schaukelt."
„Es war nicht Hagrid, der mich abgeholt hat", flüsterte Wilbur unbehaglich.
„Nein?", horchte Hermine auf, „Wer denn sonst?"
„Professor Snape."
„Was? Professor Snape hat Sie vom Bahnhof abgeholt?", wiederholte Hermine erstaunt. Darum war er wohl auch nicht zur Stelle, wenn seine Tochter mal wieder Dummheiten ausheckte!
„Mich auch", ergänzte Mister Jones aufgeregt, „er hatte Thestrale vor seiner Kutsche!"
„Interessant! Sehr interessant!", Hermine warf Albus Dumbledore einen bezeichnenden Blick zu, der diesen mit einem Grinsen quittierte, „Er hat sich aber doch wohl benommen?"
„Natürlich, Madam", nickte Wilbur, bevor er deprimiert nuschelte, „aber er schätzt meine Fähigkeiten deutlich realistischer ein, wenn ich das mal sagen darf."
„Unsinn", winkte Hermine ab, „er sieht nur nicht tief genug in Sie hinein, Wilbur!"
„Nein, Professor Granger, ich glaube, er hasst mich."
„Na, Mister Honeytree, mich hasst er sicherlich noch mehr", stimmte Neville seufzend zu.
„Also wirklich! Das ist mehr als albern, meine Herren!", entgegnete Hermine kategorisch, „Professor Snape hasst zwar vieles, so zum Beispiel Verwüstungen seines Klassenzimmers, zerstörte Kessel, Leute die sich nicht genug anstrengen oder generell unfähig sind und so weiter und so weiter. Und natürlich er ist sehr kritisch, was meine Personalentscheidungen angeht, denn ihm liegt eben enorm viel an dieser Schule und hoffentlich auch an seiner Schulleiterin! Außerdem", grinste sie verschmitzt, „vergessen wir nicht, dass Professor Snape mich früher auch absolut nicht mochte!"
„Jetzt aber schon", wusste Conrad, „er hält sie zumeist für nett."
„Oh, wirklich?", lachte Hermine erfreut, „wie beruhigend."
„Er mag es nur nicht, wenn andere Sie nett finden, Professor", fügte Conrad leise an.
„Nein, mein Lieber", nickte Hermine seufzend, „das kann er gar nicht leiden, denn er ist leider völlig unsinnigerweise ein wenig eifersüchtig."
„Dabei fand ich ihn sonst eigentlich ganz o.K.", ergänzte Mister Jones, „Er ist mit mir durch dieses Dorf gefahren und hat mir einiges über Thestrale erzählt."
„Oh! Das können Sie sich aber wirklich hoch anrechnen", staunte Hermine und Wilbur nickte heftig.
„Sie sehen, man muss sich bei Professor Snape nur anstrengen und ganz genau hinsehen, denn sonst erkennt man die feine Linie zwischen sorgender Liebe und Eifersucht oder zwischen wundervollem Humor und beißendem Sarkasmus nicht", riet Hermine, „Außerdem kann ich Sie beruhigen, sollte Professor Snape in seiner Sorge um die Schule vielleicht ein wenig über das Ziel hinausschießen, dann spreche ich eben mal mit seiner Frau, die hat deutlich mehr Möglichkeiten ihn an seine vielen guten Seiten zu erinnern, als die Schulleiterin von Hogwarts."
„Na, das glaube ich unbesehen!", lachte Neville und selbst Wilbur grinste. Nur Conrad Jones schaute verständnislos von einem zum anderen, daher beugte sich Neville zu ihm hin und wisperte ihm zu, „Sie ist Professor Snapes Frau."
„Oh, heiliges Kanonenrohr!", nuschelte Mister Jones entsetzt und ihm fielen alle Sünden ein, „Jetzt wird mir so einiges klar…."
„Es wundert mich nicht, dass er Ihnen diesen Tatbestand vorenthalten hat, Huck", lachte Hermine, „er tut in der Öffentlichkeit immer so, als wenn ich ihm nur sehr entfernt bekannt wäre."
„Aber warum?", verstand auch Wilbur Honeytree nicht.
„Das müssen Sie ihn selbst fragen", antwortete Hermine mit ergebenem Schulterzucken, „vielleicht verstehen Sie es ja dann, mir ist es in all den Jahren noch nicht gelungen, das zu begreifen…"
„Aha…", machte Mister Jones und man sah ihm an, dass er sich noch keine plausible Erklärung für ein solches Verhalten denken konnte, aber garantiert den Tränkemeister auch nicht fragen würde.
„Aber jetzt zum eigentlichen Anliegen unseres Treffens, meine Herren", wechselte Hermine das Thema und eilte zu ihrem Schreibtisch, „Ich habe hier einige Pläne ausgearbeitet, die ich gerne mit Ihnen drei heute und mit dem gesamten Lehrerkollegium morgen beraten möchte, damit wir nächste Woche gut in unsere wohlverdienten Ferien gehen können und danach gelassen starten können."
Damit teilte sie dicke Mappen aus, in deren Inhalt sich die vier zusammen mit Professor Dumbledore und einigen anderen ehemaligen Schulleiterinnen und Schulleitern in den nächsten Stunden eingehend vertieften. Es wurde viel diskutiert, beraten und gelacht im ehrwürdigen Büro der Schulleitung von Hogwarts, dabei einige Liter Tee und Kaffee getrunken und viele Gebäckstücke und Sandwiches verputzt. Wilbur bekam sogar Farbe und Neville legte seine Robe ab und krempelte die Ärmel hoch. Conrad machte sich Unmengen an Notizen und alle waren mit Eifer und Spaß bei der Sache.
Etwas später am Tag gesellte sich auch Professor McGonagall hinzu und brachte ihre Erfahrungen ebenfalls mit ein. Und als sich alle gegen halb acht verabschiedeten, weil Hermine ihren Kindern noch ‚Gute Nacht' sagen wollte, waren sich alle einig, dass es nicht an ihnen liegen sollte, dass die Amtszeit der neuen Schulleitung kein Erfolg würde.
Das war doch schon mal was! Allemal genug, dass Neville seine neuen Kollegen spontan in den ‚Tropfenden Kessel' einlud, damit man diesen Tag mit einem oder zwei Butterbier würdig ausklingen lassen könne. Vielleicht taute Wilbur Honeytree ja noch weiter auf, so fern von seiner Mutter. Oder vielleicht hatte Mister Jones ja Lust eine kleine Geschichte über diesen ersten Tag auf Hogwarts zu erzählen.
Es gäbe sicherlich genug zu berichten und vielleicht genug, die sie hören wollten.
Unbedingt!
